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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 28
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
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Vierundzwanzigste Erzählung

Auf welch artigen Einfall ein Edelmann kam, um einer Königin seine Liebe zu erweisen, und was daraus entstand.

»Am Hofe eines Königspaares von Kastilien, dessen Name nicht genannt sein soll, lebte ein Edelmann von unvergleichlicher Anmut und Tugend. Mehr aber noch denn seine Vorzüge bestaunte man seine Eigentümlichkeiten: niemals bemerkte man, daß er eine Dame liebte oder auch nur einer den Hof machte. Obgleich es so manche gab, die sehr wohl das Eis in Glut versetzen konnte, so gelang es doch keiner, diesen Edelmann, Elisor mit Namen, zu umgarnen. Auch die Königin, die zwar höchst tugendsam, doch keineswegs vor jener Flamme gefeit war, die um so wilder loht, je weniger man sie kennt, verwunderte sich ob dieses zurückhaltenden Edelmannes, und eines Tages fragte sie ihn geradezu, ob er wirklich so jeder Liebe fremd wäre, wie er sich stelle. Er entgegnete, sie würde diese Frage nicht an ihn stellen, wenn sie sein Herz so wohl kännte als sein Gesicht, und als sie ihn voll Neubegier zu einer Erklärung drängte, gestand er, daß er eine Frau liebe, die er für das tugendsamste Weib der Christenheit halte. Sie suchte durch Bitten und Befehle zu erfahren, wer das sei; doch war alles vergeblich, und so stellte sie sich ergrimmt und schwor, nie wieder mit ihm zu sprechen, wenn er es nicht sagen würde. Und da er inne ward, daß er ihre Gunst dauernd verlieren würde, wenn er fürder eine Wahrheit verhehlte, die ob ihrer Ehrenhaftigkeit von niemandem übel aufgenommen werden konnte, so sprach er voller Bangen:

›Hohe Frau, mir gebricht es an Kraft und Mut, Euch das zu sagen. Sobald Ihr aber wieder zur Jagd gehen werdet, will ich sie Euch zeigen, und Ihr möget dann selbst urteilen, ob sie nicht die schönste und vollkommenste Frau der Welt ist.‹ Ob dieser Antwort ging die Königin viel früher zur Jagd, als sie es sonst getan hätte. Elisor ward benachrichtigt und rüstete sich, wie gewöhnlich dort bei ihr seinen Dienst zu versehen. Doch hatte er einen spiegelblanken Stahlküraß vor die Brust geschnallt, den er sorglich mit einem schwarzen, goldbestickten Mantel bedeckte. Er ritt auf einem pechschwarzen Roß, das herrlich gesattelt und aufgezäumt war; das Geschirr war vergoldet und nach maurischer Art schwarz eingelegt; gleichermaßen schwarz war sein seidener Hut, der reichgestickt eine Inschrift trug von Amor, dem man gewaltsam die Augen verbunden hatte; und endlich Degen und Dolch waren gleichermaßen wundervoll geschmückt und mit ebenso sinnigen Inschriften geziert. Kurz und gut, er sah gar trefflich aus, und zumal zu Roß, das er überaus kunstvoll zu lenken verstand, also daß alle, die ihn erblickten, seinen Sprüngen und Kunststücken zuschauten. Nachdem er dieserart die Königin zu dem Ort geleitet hatte, wo die Netze aufgestellt waren, stieg er vom Pferd und trat zur Königin, um ihr beim Absteigen behilflich zu sein. Als sie nun dieserthalben den Arm reckte, öffnete er seinen Mantel, wies auf den Spiegelpanzer und sprach: ›Geruhet hierher zu blicken.‹ Und dann ließ er sie sachte zur Erde niedergleiten.

Als die Jagd beendet war, kehrte die Königin zum Schloß zurück, ohne mit Elisor ein Wort zu sprechen. Doch nach dem Abendessen rief sie ihn zu sich und warf ihm vor, daß er der größte Lügner sei, den sie je erblickt habe. Denn er habe ihr doch versprochen, ihr auf der Jagd jene zu weisen, die er über alles liebe, und das habe er nicht getan. Darum sei sie entschlossen, sich nicht mehr um ihn zu kümmern. Elisor fürchtete, die Königin habe vielleicht nicht verstanden, was er ihr damals gesagt hatte. So fragte er: ›Was habe ich Euch denn gezeigt, als Ihr vom Roß stieget?‹ Die Königin spielte die Unwissende und entgegnete: ›Nichts. Nur einen Spiegelpanzer.‹ – ›Und was sahet Ihr in diesem Spiegel?‹ – ›Nichts weiter als mein Bild.‹ Darauf sprach Elisor: ›So habe ich auch mein Versprechen gehalten, denn nie trug ich ein anderes Bild in meinem Herzen, als jenes, das Ihr in jenem Spiegel erblicktet. Und wenn Ihr nun nicht geruhen möget, mir größere Gunst zu schenken als bisher, so nehmet mir doch nicht das Leben, indem Ihr mir verbietet, Euch fürder zu sehen. Denn dann würdet Ihr den ergebensten und treuesten Diener verlieren, den Ihr je besitzen könntet.‹

Mochte sich nun die Königin nur anders stellen wollen, als sie wirklich war, oder wollte sie seine Liebe prüfen, oder um seinetwillen einen andern nicht verlieren, oder endlich ihn sich für den Augenblick aufsparen, wo ihr augenblicklicher Günstling sich in Ungnade brachte – kurz, sie sagte mit weder zornigem noch zufriedenem Gesicht: ›Ich will Euch nicht fragen, welche Tollheit Euch auf den wagehalsigen Gedanken brachte, mich zu lieben. Denn ich weiß, der Mensch hat sein Herz nicht so in der Gewalt, daß er nach Belieben hassen und lieben kann. Doch nun Ihr mir Euer Inneres enthüllt habt, sagt mir auch, seit wann Euch diese Leidenschaft ergriffen hat.‹

Elisor blickte auf ihr schönes Antlitz und vermeinte, sie wolle ihm vielleicht einen Balsam für das Leiden gewähren, danach sie so sorglich fragte. Doch da er sie derart ernst erschaute, fühlte er sich wie vor einem gestrengen Richter und verschwor sich alsbald: schon in seiner frühesten Jugend habe diese Liebe in ihm Wurzel geschlagen, doch habe er erst seit sieben Jahren ernstlich darunter gelitten, wenngleich er auch so viele Freuden davon verspürt habe, daß eine Heilung sein Tod sei.

›Wenn Ihr,‹ entgegnete nun die Königin, ›solche Festigkeit bewiesen habt, so darf ich nicht minder geduldig sein, um mich von der Wahrheit zu überzeugen. Daher will ich Euch eine Prüfung auferlegen, nach der ich nicht mehr zweifeln kann. Dann will ich Euch so einschätzen, wie Ihr Euch erweist, und Ihr werdet mich so finden, wie Ihr es begehrt.‹

Elisor bat sie, ihm jede Prüfung aufzuerlegen, die sie nur wolle, denn keine Aufgabe dünke ihm zu schwer, um sie nicht auf der Stelle auszuführen und so seine Liebe zu beweisen. Sie aber antwortete: ›Wenn Ihr mich wahrhaft so sehr liebt, wird Euch gewißlich nichts zu schwer fallen. Darum heiße ich Euch, morgen von hier fort an einen Ort zu reisen, wo Ihr weder von mir Nachricht erhaltet noch ich von Euch, bis sieben Jahre verflossen sind. Da Ihr mich schon sieben Jahre liebt, so seid Ihr ja Eurer Liebe gewiß. Habe ich das aber durch solche siebenjährige Prüfung bestätigt, so kann ich wohl das glauben, wofür Euer Wort allein kein Beweis ist.‹

Als Elisor diesen grausamen Befehl vernahm, war er einerseits im Zweifel, ob sie ihn nicht einfach aus ihrer Nähe verbannen wollte; andererseits aber hoffte er durch diese Prüfung mehr zu erreichen als durch Worte und stimmte folgendermaßen zu: ›Was ich sieben Jahre hoffnungslos trug, vermag ich voller Hoffnung weitere sieben Jahre nur um so geduldiger zu ertragen. Doch welche Hoffnung gebt Ihr mir, den Ihr all seines bisherigen Glückes beraubt, zum Unterpfande, daß Ihr mich nach verstrichener Frist auch wirklich als getreuen und gradherzigen Diener anerkennen werdet?‹

Alsbald zog die Königin einen Ring vom Finger: ›Nehmt diesen Ring und brecht ihn in zwei Hälften; die eine Hälfte nehme ich, die andere Ihr; denn sollte in der langen Zeit Euer Gesicht aus meinem Gedächtnis entschwinden, so vermag ich Euch doch alsdann an der Ringhälfte zu erkennen, die der meinen gleicht.‹

Also tat Elisor und gab der Königin die eine Hälfte, während er die andere behielt. Dann nahm er Abschied von ihr und ging mehr tot denn eine Leiche von dannen in seine Wohnung, wo er alle Vorbereitungen für seine Reise traf. Und zwar sandte er all seine Dienerschaft heim und ging, von einem einzigen Knecht begleitet, an einen so verborgenen Ort, daß während der sieben Jahre keiner seiner Verwandten oder Freunde etwas von ihm vernahm. Was für ein Leben er damals führte, weiß niemand, und seine Leiden werden wohl nur die ermessen können, so selbst in Liebesqualen geschmachtet haben.

Just sieben Jahre später trat ein Klausner mit einem langen Bart an die Königin heran, als sie zur Messe ging. Indem er ihre Hand küßte, überreichte er ihr eine Bittschrift, die sie, ohne hineinzublicken, entgegennahm, gleichwie sie auch bei den Ärmsten zu tun pflegte. Während der Messe jedoch entfaltete sie das Schriftstück und fand darin die Hälfte jenes Ringes, so sie Elisor einstmalen gegeben hatte. Darob ward sie voll staunender Freude. Doch kaum hatte sie den Inhalt des Briefes gelesen, so hieß sie ihren Almosenier, jenen Klausner herbeizuschaffen. Der suchte ihn vergeblich allenthalben und erfuhr nur, daß jemand ihn hatte zu Pferd steigen sehen. Wohin er aber geritten war, wußte niemand. Indessen las die Königin den Brief zu Ende, der ein so wohlgelungenes Gedicht enthielt, daß es schier gewagt scheint, es zu übersetzen. Doch möget ihr, meine Damen, eben bedenken, daß die kastilianische Sprache jeglicher anderen überlegen ist in der Kunst, die Leidenschaft der Liebe zu schildern. Das Gedicht lautete etwa so:

Einst, da ich stolz und stark zum Mann erblühte,
Fand ich den Weg zu Amors heil'gen Hallen.
Dann bohrten der Entbehrung grimme Krallen
Sich in mein Herz, das sich voll Sehnens mühte,
So daß, was bergend Liebe sonst umwob,
Nun nackt vor meinem Auge sich erhobt.

Dieselbe Zeit, die meine Gluten weckte,
Schuf meiner Neigung auch erwünschtes Wissen,
Und mußt' ich jahrelang es auch vermissen,
Ich hab' es nun und weiß, was sich versteckte:
Jetzt kenn' ich den verborgnen Untergrund,
Auf dem so stolz und fest mein Lieben stund.

Ach! Eurer Schönheit sinnverwirrend Blenden
Ließ Eure Grausamkeit mich nicht gewahren!
Nun seh' ich bang den Abgrund voll Gefahren –
Ihr selbst befreitet mich aus Euren Händen
Und Eure Grausamkeit hat Eurer Schönheit Trug
Verscheucht, der einstmals meine Augen schlug.

Daß ich mich damals Eurem Wunsche fügte,
Drob kann ich mich nunmehr von Herzen freuen.
Ihr nanntet eine Frist, zu prüfen den Getreuen,
Und diese Frist, die Ihr mir gabt, genügte:
Sie bannte allen Wahn von schalem Glück,
Und nimmermehr kehr' ich zu Euch zurück.

Ein einz'ges Mal nur noch will ich Euch nahen,
Um so mein letztes Lebewohl zu sagen
Und Euch zu künden, wie in bangen Tagen,
So Herz und Seele neue Hoffnung sahen –
Was in den sieben schlimmen Jahren ich erkannt
In trüber Einsamkeit, dahin Ihr mich gebannt.

Da ward mir denn in tränenvollem Schweigen
Die wahre Liebe kund, die sonder Quälen
Zum Himmel drängt, mit Gott sich zu vermählen!
Zu ihr tät ich mich voller Inbrunst neigen,
Und Leib und Seele hab ich ihr geweiht –
Nicht Euch mehr, die Ihr also grausam seid.

Als Euer Knecht bin ich Euch nichts gewesen,
Und dieses ›Nichts‹ selbst könnte mich entzücken.
Zum Lohne wolltet Ihr mich mit dem Tod beglücken:
Da ward zum wahren Leben ich erlesen!
Die sel'ge Liebe ist's, die mich umfängt.
Daran mein Herz in festen Banden hängt.

So nehm ich Abschied denn von grausen Leiden,
Von Höllenqual, Verachtung, Wut und Hassen,
Die Eure Schönheit mich vergessen lassen:
Lebt wohl, o Herrin, ich will von Euch scheiden!
Gebt alle Hoffnung auf und zügelt Eu'r Begehr –
Ihr seht mich fürder nun und nimmermehr!‹

Diesen Brief las die Königin unter Verwunderung und Tränen; ihre Betrübnis war unbeschreiblich, denn der Verlust eines Dieners voll solch erhabener Liebe bedünkte ihr so unersetzlich, daß sie sich trotz ihres Reichtums, ihrer königlichen Macht ärmer vorkam als das ärmste Weib dieser Erde. Und als sie nach der Messe in ihr Gemach zurückgekehrt war, gab sie sich einer Trauer hin, wie ihre Grausamkeit sie gar wohl verdiente. Wald, Berge und Felsenklüfte ließ sie durchstreifen, um den Klausner zu entdecken; aber Der, so ihn ihren Händen entrissen hatte, behütete ihn wohl, also daß er nicht wieder darein zurückfiel. Und so war der Klausner eher ins Paradies eingegangen, als die Königin Nachrichten über ihn erhielt.

So sehet ihr, daß kein liebevoller Diener Geständnisse machen soll, die ihm nur schaden und nichts nützen können. Noch weniger aber, meine Damen, sollt ihr so schwere Prüfungen verlangen, daß ihr darob eure Diener verlieret.«

»Wahrlich,« rief Guebron, »mein Lebelang hatte ich jene Dame für die tugendhafteste der Welt gehalten. Nun aber scheint mir, daß sie die törichtste und grausamste aller Zeiten war.« – »Maßen alle Männer so arg lügen,« meinte Parlamente, »scheint mir diese Prüfung nicht unangebracht.« – »Die Damen sind immer überklug,« erklärte Hircan, »denn sie könnten in sieben Tagen feststellen, was jene in sieben Jahren erfahren wollte.«

– »Hier gibt es, glaube ich, Damen unter uns, die mehr als sieben Jahre geliebt wurden, ohne ihre Freundschaft zum Lohne gegeben zu haben,« rief Longarine. – »Bei Gott,« versicherte Simontault, »doch die sind vom alten Schlag, heute gibt es nicht mehr dergleichen.« – »Übrigens erging es jenem Edelmann nicht gar so schlimm,« warf Oisille ein, »da er doch durch jene Dame in Gottes Schoß zurückkehrte.« – »Er hatte wahrlich Glück, Gott auf seinem Wege zu finden,« neckte Saffredant, »denn ich hätte mich nicht erstaunt, wenn er sich in dieser Not dem Teufel überantwortet hätte.«

Nun fragte Emarsuitte: »Habt Ihr Euch denn allen Teufeln ergeben, als Eure Dame Euch so quälte?« – »Gewiß,« versetzte jener. »Da aber der Teufel inne ward, daß alle seine Höllenqualen denen nicht das Wasser reichten, die ich durch sie erdulden mußte, ließ er wieder von mir ab. Doch sagt mir,« wandte er sich zu Oisille, »wollt Ihr wirklich jene Frau ob ihrer Strenge loben?« – »Freilich,« entgegnete diese, »denn sie wollte, glaube ich, weder geliebt sein, noch lieben.« – »Warum denn aber,« fragte Simontault, »gab sie ihm jene Hoffnung?« – »Ganz recht!« rief Longarine. »Denn wer abbrechen will, gibt keine Handhaben.« – »Vielleicht opferte sie ihn für einen schlechteren,« meinte Nomerfide. – »Keineswegs,« versicherte Saffredant, »sie hob ihn vielmehr auf für den Fall, da sie jenes anderen überdrüssig würde.«

»Ich fürchte,« unterbrach hier Oisille, »je mehr wir darüber reden, desto Schlimmeres kramen die Herren über uns aus, die nicht schlecht behandelt sein wollen. Drum gebet nun Eure Stimme weiter, Dagoucin.« – »Ich gebe sie Longarine, denn sicher wird sie etwas Neues erzählen und weder Mann noch Weib auf Kosten der Wahrheit schonen.«

»Da ihr mich für so wahrheitsliebend haltet,« hub diese an, »so will ich euch keck und kühn einen Fall erzählen, der einem erhabenen Fürsten begegnet ist. Wisset, daß man sich der Lüge und Heuchelei nur im äußersten Notfalle bedienen darf, da das häßliche Laster sind, die zumal Prinzen und hohe Herren beschmutzen. Doch wie auch alle Menschen sind auch diese der Liebe untertan, und in deren Dienste können sie jene Mittel nicht umgehen. Und deshalb kann ich euch wohl die Listen eines Prinzen berichten, durch die es ihm gelang, Menschen zu hintergehen, die sonst selbst alle Welt hinters Licht führen.«

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