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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 27
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
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Dreiundzwanzigste Erzählung

Wie durch die Bosheit eines Franziskaners in der gleichen Familie der Hausvater, sein Weib und sein Kind eines gewaltsamen Todes starben.

»In Périgord lebte ein Edelmann, dessen Verehrung des Heiligen Franziskus so weit ging, daß er jedweden Mönch dieses Ordens für heilig hielt. Ihnen zu Ehren hatte er daher in seinem Hause eine Stube und Kleiderkammer eingerichtet, um sie darin gastlich aufnehmen zu können; von ihnen ließ er sich in allem, selbst den kleinsten Einzelheiten seines Hausstandes beraten, sintemalen er vermeinte, solchermaßen allezeit am besten zu fahren.

Nun war eines Tages sein schönes, kluges und tugendsames Weib mit einem Knaben niedergekommen. Des Edelmannes Liebe zu ihr trieb darob schier neue Blüten, und um sie zu feiern, lud er einen Schwager zu sich ein. Da aber des Festmahles Stunde nahte, kam ein Franziskaner an, dessen Name ich aus Achtung vor der Kirche verschweigen will. Als der Edelmann seinen Seelsorger, vor dem er kein Geheimnis hatte, eintreten sah, war er voller Freuden. Nachdem alle zusammen eine Weile geplaudert hatten, setzten sie sich zu Tisch. Und während sie also die Abendmahlzeit verzehrten, blickte der Edelmann auf sein Weib, das ob seiner Schönheit und Anmut gar wohl begehrenswert war, und richtete ganz laut an den biederen Pater die Frage: ›Ist es wahr, daß ein Ehemann eine Todsünde begeht, so er sein Weib in der Zeit des Wochenbettes heimsucht?‹

Der Pater war ein hinterhältiger und heuchlerischer Mann; daher antwortete er: ›Das halte ich ohne Frage für eine der größten Sünden, die einem Hausstande widerfahren können. Selbst die heilige Jungfrau Maria ist dafür ein Beispiel, maßen sie vor der gesetzlichen Reinigungsfrist den Tempel nicht betreten mochte, obgleich sie dessen doch nicht bedurfte. So solltet auch Ihr unbedingt auf eine kleine Lust verzichten, zumal obendrein die Ärzte sagen, daß daraus für die Nachkommenschaft großer Schaden erwachsen kann.‹

Als der Edelmann diese Worte vernahm, ward er unwillig; denn er hatte gehofft, der Pater würde ihm die Erlaubnis erteilen. Doch sprach er nicht weiter davon. Indessen hatte der Pater bereits einiges über den Durst getrunken und als er jene Frau beschaute, da sagte er sich, wenn er der Ehemann wäre, hätte er niemand um die Erlaubnis gefragt, sein Weib heimsuchen zu dürfen. Und wie ein kleiner Brand bisweilen allmählich ein ganzes Haus ergreift, so entflammte bald der Pater in brünstigem Verlangen, also daß er plötzlich begehrte, seine Lust an ihr zu stillen, wie er es schon seit dreien Jahren in seinem Herzen verborgen trug. Nachdem daher die Tafel aufgehoben war, nahm er den Edelmann bei der Hand, führte ihn zum Bett seiner Frau und sprach:

›Ich kenne gar wohl die innige Zuneigung, die zwischen Euch und Euerm Weibe herrscht, und weiß, wie sie Euch ob Eurer Jugend quälen mag. Und da ich Mitgefühl habe, will ich Euch ein Geheimnis unserer heiligen Lehre enthüllen: Wenn das Gesetz auch streng ist gegen den Mißbrauch zügelloser Ehemänner, so sollen gewissenhafte Menschen wie Ihr jenes Glückes doch nicht völlig beraubt werden. So mußte ich Euch vor anderen die Strenge des Gesetzes verkünden. Nun aber mag ich Euch auch seine Milde nicht vorenthalten: so wisset, mein Sohn, nicht alle Männer, nicht alle Frauen sind einander gleich. Zuerst aber muß ich von Euerm Weibe wissen, ob nunmehro, da drei Wochen seit ihrer Niederkunft verflossen sind, auch alle Blutungen ein Ende genommen haben.‹

Als die Frau erwiderte, sie sei gänzlich rein, fuhr der Pater fort: ›So möget Ihr sie ohne Bedenken heimsuchen. Doch sollt Ihr mir zweierlei versprechen.‹ Das tat der Edelmann, und nunmehro erklärte der Franziskaner: ›Zum ersten dürft Ihr mit niemandem darüber reden und nur im geheimen kommen; zum andern kommet keinesfalls vor zwei Uhr nachts, auf daß die Verdauung Eures Weibes ob Eurer Torheit nicht leide.‹

Der Edelmann verschwor sich also hoch und teuer, daß der Mönch seiner sicher wurde, maßen er ihn zwar für dumm, aber auch für wahrhaftig hielt. Darauf plauderten sie noch eine Weile, bis sich der Mönch zurückzog und ihnen unter Segenssprüchen eine gute Nacht wünschte. Aber im Fortgehen nahm er den Edelmann bei der Hand und sprach: ›Kommet mit fort und haltet nicht weiter die arme Frau wach.‹ Darum küßte der Edelmann sein Weib und sagte: ›Meine Liebe, laß deine Stube offen.‹ Das vernahm der biedere Pater gar wohl. Alsdann ging jeder in sein Zimmer. Nachdem sich aber der Mönch allein sah, dachte er weder an Schlaf noch Ruhe; und als er um die Zeit der Frühmesse kein Geräusch mehr im Hause vernahm, schlich er sachte in die Stube, in der des Hauses Herr erwartet wurde. Die Tür war offen, das Licht blies er schlauerweise aus, und dann schlüpfte er unverweilt zu der Frau ins Bett, ohne ein Wörtlein zu reden.

Die vermeinte, es sei ihr Mann, und sprach: ›Wahrlich, Ihr haltet das Versprechen gar schlecht, das Ihr gestern abend unserm Beichtiger gabet; denn Ihr solltet doch erst um zwei Uhr zu mir kommen!‹ Dem Mönche aber lag mehr an tätigen Erfolgen denn an beschaulichen Betrachtungen. Und da er fürchtete erkannt zu werden, so gab es keinerlei Antwort, die jene Frau etwa aufgeklärt hätte, sondern beeilte sich nur, sein schlimmes Begehr zu stillen, das seit langem sein Leben vergiftete. Und als dann die Zeit nahte, wo der Ehemann kommen sollte, erhob er sich flugs vom Lager und kehrte in sein Zimmer zurück. Doch hatte ihm vorher die Lüsternheit allen Schlaf geraubt, so ließ ihn nun die Angst, so jeder niedrigen Tat folgt, keine Ruhe finden. Alsbald ging er zum Türhüter und sprach: ›Der Herr hieß mich unverweilt im Kloster einige Fürbitten abhalten; darum gebt mir schnell mein Pferd und öffnet das Tor, ohne daß man uns hört, denn die Sache ist wichtig und geheim.‹ Und der Pförtner, der sehr wohl wußte, daß es seinem Herrn erwünscht war, wenn man sich dem Franziskaner zu Diensten zeigte, öffnete sachte das Tor und ließ ihn hinaus.

Just um diese Zeit erwachte der Edelmann, und da er die erlaubte Stunde nahen sah, erhob er sich im Nachtgewande und legte sich bei seinem Weibe nieder, maßen ja nicht Menschenwort, sondern Gottes Geheiß ihm das gestattet hatte. Als nun sein Weib ihn neben sich sprechen hörte, ward es baß erstaunt und sagte zu ihm, der doch nichts von alle dem Vergangenen wußte: ›Heißt das etwa Euer Versprechen halten und meine und Eure Gesundheit schonen, daß Ihr nicht nur vorzeitig hierherkommt, sondern gar noch einmal wiederkehret? Bedenket doch, bitte, was Ihr tut!‹ Der Edelmann war ob dieser Worte schier verwirrt und sprach ergrimmt: Was redest du für Zeug? Seit drei Wochen habe ich dich nicht in den Armen gehabt und nun wirfst du mir vor, ich käme zu oft! Wenn du weiter so sprichst, muß ich annehmen, daß meine Gesellschaft dich stört, und mich also gegen meinen Willen zwingen, anderweitig die Freuden zu suchen, die ich nach Gottes Gebot bei dir finden sollte.‹ Sein Weib aber vermeinte, er spotte ihrer, und entgegnete: ›Ihr glaubet mich zu täuschen, aber Ihr täuschet Euch selbst. Denn wenn Ihr gleich vorhin auch nichts gesprochen habt, so habe ich Euch doch gar wohl erkannt.‹

Alsbald ward der Edelmann inne, daß jemand sie beide hintergangen hatte, und verschwor sich hoch und teuer, daß er zuvor nicht bei ihr gewesen wäre. Darob ergriff sie solches Weh, daß sie ihn unter heißen Tränen anflehte, eilends festzustellen, wer das gewesen sein mochte, maßen doch nur ihr Bruder und der Franziskaner im Hause schliefen. Unverweilt trieb ein jäher Argwohn den Edelmann in des Mönches Zimmer. Das fand er leer. Und um sich weiter zu versichern, daß jener sich geflüchtet habe, rief er den Torhüter herbei und fragte ihn, was aus dem Mönche geworden sei. Und der erzählte ihm die Geschichte. Nun war der Edelmann seiner Bosheit gewiß, kehrte ohne Säumen in die Stube seines Weibes zurück und rief: ›Ohn' jeden Zweifel war es der biedere Beichtvater, der dich umfangen und solch arge Dinge angerichtet hat.‹

Sein Weib hatte jederzeit ihre Ehre über alles hochgehalten. Darum verfiel sie nun in grenzenlose Verzweiflung, vergaß alle Menschlichkeit und Milde, wie sie einer Frauennatur zugehört, und beschwor ihn auf den Knien, diese Schande blutig zu rächen. Und alsbald schwang sich der Edelmann auf ein Roß und jagte dem Mönch nach, derweile sein Weib einsam, ohne Rat noch Trost, mit ihrem neugeborenen Kind im Bett zurückblieb. Unter diesen Umständen erschien ihr dies Erlebnis so gräßlich und schauderhaft, daß sie gar nicht bedachte, in ihrem Nichtwissen eine Entschuldigung zu finden. Vielmehr übermannte sie die Verzweiflung über diese ungeheuerliche Sünde, so die Liebe ihres Gatten und die Vaterschaft des nächsten Kindes in Frage stellen konnte, und der Tod dünkte ihr besser denn ein weiteres Leben. Sie fand keinen Trost mehr in der Hoffnung auf Gott, ward schier von Sinnen, ergriff in tobendem Grimm einen Strick und erwürgte sich mit eigner Hand. Aber es ward noch schlimmer: in ihrem grauenhaften Todeskampf bäumte sich ihr Leib, also daß ihr Fuß auf den Kopf des jungen Kindes niederschlug, und ungeachtet seiner Unschuld mußte dies dergestalt seiner beklagenswerten, jammerbedeckten Mutter in den Tod nachfolgen. Doch schrie es im Tode so gewaltig, daß eine Magd, die in einer nahen Stube schlief, eilig aufsprang und mit einem Licht herbeikam. Kaum ward die ihrer erhängten Herrin und des erstickten Kindes ansichtig, da lief sie angsterfüllt zu jenem Schwager und wies ihm den herzzerreißenden Anblick.

Der ward von wildem Schmerze ergriffen, denn er liebte seine Schwester über die Maßen. So fragte er die Magd, wer dies Verbrechen begangen habe, und die erwiderte, kein andrer denn ihr Herr habe die Stube betreten, doch sei er alsbald davongeeilt. Nun begab sich der Schwager in des Edelmannes Stube, und da er ihn nicht fand, ward er seiner Schuld gewiß, warf sich ohne weitere Fragen auf ein Roß und folgte ihm nach. Doch unterwegs sah er ihn zurückkehren und hielt daher an, um ihn zu stellen. Der Edelmann war voller Harm, denn es war ihm nicht gelungen, den Mönch einzuholen. Da schrie ihm sein Schwager entgegen: ›Feiger Hund, setz dich zur Wehr. Heut noch soll mein Degen mich, so Gott will, an dir rächen!‹ Der Edelmann wollte ihm Erklärung geben; doch schon blitzte seines Schwagers Degen so dicht vor seinen Augen, daß er mehr an Verteidigung, denn an Auseinandersetzungen denken konnte. Und alsbald stachen sie so wild aufeinander los, daß beide ob ihrer Wunden und des Blutverlustes schwach wurden und sich zur Erde niedersetzen mußten.

Als der Edelmann etwas zu Atem gekommen war, fragte er: ›Welcher Grund trieb Euch zu diesem Kampfe, da wir doch allezeit in so herzlicher Freundschaft lebten?‹ Der Schwager entgegnete: ›Und was trieb Euch, meine Schwester, dies beste Weib der Erde, zu Tode zu bringen, und noch dazu so schändlich, daß Ihr sie unter dem Vorgeben, bei ihr zu ruhen, an ihrem Bettpfosten erwürgtet?‹ Als der Edelmann das vernahm, stöhnte er mehr tot denn lebendig: ›Habt Ihr wirklich Eure Schwester also vorgefunden?‹ Und da jener es ihm bestätigte, fuhr er fort: ›So vernehmet, warum ich das Haus verlassen hatte.‹ Und alsbald erzählte er von der Arglist des boshaften Franziskaners. Darob fiel der Schwager aus allen Wolken, und zumal erschütterte ihn, daß er so ohne Vernunft den andern niedergestochen hatte. So bat er ihn um Verzeihung und sprach: ›Vergebt mir, ich habe Euch schweres Unrecht getan.‹ Der Edelmann aber erwiderte: ›Wenn ich Euch ein Unrecht angetan habe, so ist es gebüßt; denn ich bin so schwer verletzt, daß ich nicht lebendig davonkommen werde.‹

Der Schwager hob ihn, so gut es ging, aufs Roß und geleitete ihn nach Haus. Doch verschied er schon am nächsten Tage, nachdem er allen Verwandten und Freunden erklärt hatte, daß er selbst seinen Tod verschuldet habe.

Um nun aber Gerechtigkeit walten zu lassen, riet man dem Schwager, die Gnade des Königs Franz des Ersten anzurufen. Daher begab er sich nach ehrenvoller Beisetzung des Edelmannes, seines Weibes und Kindes am Karfreitag zu Hofe und wandte sich an François Olivier, der in der Tat seine Begnadigung erwirkte. Das war der gleiche Olivier, der damals Kanzler von Alençon war und später ob seiner großen Verdienste vom Könige zum Kanzler von Frankreich ernannt wurde.

Ich glaube, nach dieser nur allzuwahren Geschichte wird es sich wohl jeder von Euch zweimal überlegen, ehe er solche Gäste in sein Haus aufnimmt. Wisset denn, es gibt kein gefährlicheres Gift, als solches, das lange Zeit verborgen blieb.«

»Gott, was war dieser Mann für ein Dummkopf,« rief Hircan, »daß er solchen Eheschleicher vor seinem schönen Weibe bewirtete.« – »Ich kannte eine Zeit,« erklärte Guebron, »wo in jeglichem Hause ein Zimmer für die biederen Pater bereitstand. Jetzt allerdings hat man die Gesellschaft durchschaut und fürchtet sie mehr denn die schlimmsten Abenteurer.« – »Eine Frau sollte einen Pater nur in ihr Zimmer lassen, derweile sie im Bette liegt,« – meinte Parlamente, »sofern sie der letzten Ölung begehrt. Wenn ich also je einen zu mir rufen ließe, so wisset, daß es mit mir zu Ende geht.« – »Wenn alle so dächten,« warf Emarsuitte ein, »dann ging es den Patern schlimmer denn ausgestoßenen Sündern, maßen sie dann kein Weib mehr zu Gesicht bekämen.« – »Seid unbesorgt,« lachte Saffredant, »die wissen schon auf ihre Kosten zu kommen.« – »Es ist doch unerhört!« erklärte Simontault, »erst binden sie uns durch die Ehe an die Frauen und dann suchen sie durch ihre Bosheit dies selbe Band und Gelöbnis zu sprengen.« – »Das ist ja gerade der Jammer,« klagte Oisille, »daß sie mit den Sakramenten spielen wie mit Bällen. Alle sollte man sie lebendig verbrennen.« – »Nun, gerade Ihr solltet sie eher preisen denn schmähen,« entgegnete Saffredant. »Doch nun sagt, wem Ihr das Wort erteilt.« – »Ich gebe es Dagoucin, denn er ist in tiefe Betrachtung versunken, gleich als ob er etwas Schönes in Vorbereitung hätte.« Dagoucin aber hub an: »Das, woran ich eben dachte, kann und wage ich nicht auszusprechen. Doch will ich von jemandem berichten, dem seine Grausamkeit Schaden statt Nutzen schuf. Mancher dringt zu sehr darauf, hinter Amors Maske zu blicken, und sieht sich dann betrogen gleich jenem kastilianischen Edelmann, dessen Geschichte ihr nunmehr hören sollt.«

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