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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 23
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
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Zwangzigste Erzählung

Ein Edelmann wird unversehens von seiner Liebe zu einer Dame, die ihn allezeit abwies, geheilt, als er sie in den Armen ihres Stallknechtes findet.

»In der Dauphine lebte einst ein Abkömmling des Königshauses, der Herr von Ryant. Der war ein Edelmann von seltenem Anstande und hervorragender Ehrenhaftigkeit. Lange Zeit bereits hatte er sich um eine Wittib beworben und seine Liebe zu ihr war so groß, daß er niemals in sie drang, ihn mit ihrer Gunst zu belohnen, maßen er fürchtete, sie dann ganz zu verlieren. Und da er sich selbst für durchaus liebenswert hielt, glaubte er fest ihrer Versicherung, daß sie ihm über alles in der Welt zugetan sei und – wenn je irgend wem – dann ihm allein zu Willen sein würde. Doch vermochte sie ihn, seine Wünsche auf eine ehrenhafte Freundschaft zu beschränken, indem sie ihm drohte, anderenfalles ganz mit ihm abzuschneiden.

Damit gab sich der Ärmste in der Tat zufrieden und schätzte sich gar noch glücklich, ein so tugendsames Herz erobert zu haben. Es wäre zu umständlich, von all ihren Freundschaftsversicherungen und den langwährenden Besuchen bei ihr zu erzählen, noch gar von den Reisen, die er unternahm, einzig um sie zu sehen. Kurz, der arme Dulder trachtete nur danach, die Glut, die ihn verzehrte, noch zu schüren, und suchte so nach immer neuen Möglichkeiten, sein Martyrium zu erhöhen.

So hatte er eines Tages den Einfall, mit Eilpost zu der Frau zu gelangen, die er mehr liebte als sich selbst und die er über alle Frauen der Welt stellte. Kaum war er angelangt, so eilte er in ihr Haus und fragte nach ihr. Man erwiderte ihm, sie sei eben vom Vespergottesdienst gekommen und weile nun im Garten, um ihre Andacht zu beenden. Er stieg vom Roß, drang kurzerhand in den Garten und traf dort ihre Begleiterinnen, die ihm mitteilten, dass sie einsam auf einem Parkwege in jenem Gehege lustwandle. Mehr denn je hoffte er nunmehr seinem Glücke nahe zu sein und sachte, ohne jedes Geräusch, schlich er ihr nach, um sie womöglich allein zu treffen. Als er nun zu einer Laube aus zusammengebogenen Bäumen gelangte, einer Stätte, die gar unbeschreiblich schön anzuschauen war, schritt er unversehens hinein, gleich einem Menschen, den es drängt, die Geliebte endlich zu erblicken. Doch bei seinem Eintritt fand er sie, auf dem Rasen hingelagert, in den Armen eines ihrer Stallknechte, einem Kerle, der gleichermaßen hässlich, schmutzig und gemein war, wie der Edelmann schön, ehrenhaft und liebenswürdig.

Ich will nicht versuchen, die Verachtung auszumalen, die er empfand. Jedenfalls war sie groß genug, in einem Augenblicke all die Glut zu löschen, die so lange in ihm geschwelt hatte. Nur noch von diesem einen Gefühl beseelt, sprach er alsbald: ›Wohl bekomm' es Euch, Gnädigste. Da ich nunmehr Eure Niedrigkeit kenne, bin ich glücklich geheilt und all der Schmerzen ledig, die Eure vermeintliche Ehrenhaftigkeit mir schuf.‹ Und ohne ein Wort des Abschiedes ging er noch rascher von dannen, als er gekommen war.

Das elende Weib fand keine Antwort: Sie bedeckte ihr Gesicht mit der Hand, denn sintemalen sie ihre Schande nicht verhüllen konnte, wollte sie wenigstens ihre Augen verhüllen, um den Mann nicht zu sehen, der sie trotz ihrer langen Verstellung nun durch und durch erkannt hatte.

Somit bitte ich euch, meine Damen, führet einen Mann nicht an der Nase herum, noch quält ihn euch zur Lust, wenn ihr ehrliche Liebe wünscht. Denn die Heuchler werden mit gleicher Münze heimbezahlt und Gott schützt nur die, welche frei heraus lieben.«

»Wahrhaftig«, seufzte Oisille, »Ihr habt uns etwas Nettes für den Schluß des zweiten Tages aufgespart. Hätten wir nicht geschworen, die reine Wahrheit zu erzählen, so würde ich Euch nie geglaubt haben, daß eine Frau achtbaren Standes so gemein sein kann, einen so ehrenwerten Edelmann für solch einen schmutzigen Knecht fahren zu lassen.« – »Ach, edle Frau,« rief Hircan, »wenn Ihr genau den Unterschied kenntet zwischen einem Edelmann, der sein Lebelang im Harnisch herumlief und dem Kriege oblag, einerseits und einem wohlgenährten Knechte, der sich kaum zu rühren braucht – Ihr würdet diese arme Wittib entschuldigen.« – »Kaum«, entgegnete jene, »möget Ihr sagen, was Ihr wollt, für sie gibt es keine Entschuldigung.« – »Ich habe gar wohl von Frauen gehört,« versicherte Simontault, »die sich ob ihrer sittsamen Zurückhaltung allerwärts preisen lassen und im geheimen Menschen erkiesen, die den Mut auszuplaudern nicht besitzen und zudem ob ihres schmutzigen Berufes auch keinen Glauben fänden.« – »Das behaupten wohl bisweilen eifersüchtige und argwöhnische Männer. Doch mag es auch einmal solch bedauernswertes Weib geben, so ist das noch kein Grund, darob andere zu beargwöhnen.« – »Wenn wir noch weiter so reden,« meinte Parlamente, »so werden die Herren nicht aufhören, auf uns herumzuhacken. Drum laßt uns lieber zum Vespergottesdienst gehen, damit man nicht wie gestern auf uns warten muß.« Dem stimmten alle bei. Man brach auf und unterwegs sagte Oisille: »Eigentlich sollte Saffredant um Verzeihung bitten, da er so schlimme Dinge über die Frauen erzählt hat.« – »Bei meinem Eide,« rief Saffredant, »ich erzählte nur die Wahrheit, wie sie mir berichtet wurde. Wollte ich gar eigne Erfahrungen berichten, so kämet ihr aus dem Kreuzeschlagen nicht mehr heraus.« – »So solltet Ihr Frauengesellschaft fliehen,« erwiderte Parlamente. Er aber sprach: »Euern Rat hat keiner mehr befolgt, denn ich. Doch könnte ich noch Schlimmeres sagen, dann möchte ich gern die andern aufpeitschen, mich an der zu rächen, die mir so schlimmes Leid antat.«

Dabei betraten sie die Kirche, doch war keiner der Mönche anwesend. Diese hatten nämlich vernommen, daß man sich auf der Wiese vergnügliche Dinge erzählte, und sich daher hinter einer Hecke in einen Graben gelegt und insgeheim den schönen Berichten gelauscht, also daß sie die Glocke überhört hatten. Das kam nun heraus, denn bald kamen sie atemlos angelaufen, und als man sie nach dem Gottesdienst nach der Ursache ihres Ausbleibens befragte, mußten sie die Wahrheit gestehen Daraufhin erhielten sie die Erlaubnis, täglich hinter der Hecke zuzuhören.

Das Abendessen verlief unter fröhlichem Geplauder über alles, das draußen unbesprochen geblieben war. Dann bat Oisille, zur Ruhe zu gehen, um am nächsten Morgen frisch zu sein. Und nach längeren Betrachtungen darüber, daß eine Stunde vor Mitternacht drei Stunden danach wohl aufwöge, zogen sich alle zurück. Und so endete der zweite Tag jener Wechselberichte und Erzählungen.

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