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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 20
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
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Siebzehnte Erzählung

Der König Franz beweist dem Grafen Wilhelm seine Großmut, als dieser ihm nach dem Leben trachtet.

»In Dijon im Herzogtum Burgund trat ein deutscher Graf, Wilhelm, ein Sproß des sächsischen Fürstenhauses in den Dienst des Königs Franz des Ersten. Seine Familie stand dem Hause Savoyen außerordentlich nahe, und da der Graf ob seines Anstandes und seiner Kühnheit daheim schier seinesgleichen nicht hatte, so fand er beim König die gnädigste Aufnahme, also daß er sogar dem Dienst um die Person des Königs selbst beigeordnet wurde. Ein alter Ritter und ergebener Diener seines Herrn jedoch, der Statthalter von Burgund de la Trimouille, pflegte voll Angst und Sorge um das Wohl seines Königs dauernd Späher in der Nähe des Feindes zu haben, um zu wissen, was vorfiel, also daß er über alles genau unterrichtet war.

Diesem wurde nun eines Tages unter anderem gemeldet, daß der Graf Wilhelm eine Summe Geldes in Empfang genommen und noch mehr in Aussicht gestellt bekommen habe, damit er den König irgendwie zu Tode brächte. Der Herr de la Trimouille teilte dies alsbald dem König mit und nicht minder dessen Mutter Luise von Savoyen, die ohne Rücksicht auf ihre verwandtschaftlichen Beziehungen zu dem Grafen ihren Sohn allsogleich bat, jenen schleunigst davonzujagen. Der König entgegnete jedoch, sie möge sich die Worte sparen; es sei ausgeschlossen, daß ein so ehrenwerter edler Krieger solche Gemeinheit begehen könne.

Einige Zeit darauf kam eine weitere Nachricht, die jene erste bestätigte. Sogleich bat der Statthalter in seiner treuen Anhänglichkeit um die Erlaubnis, den Deutschen fortzuschicken. Wiederum jedoch ersuchte ihn der König dringend, nichts dergleichen zu tun, und bedachte übrigens, wie er auf andere Weise die Wahrheit ergründen könne.

Als er nun einmal zur Jagd ging, versammelte er um sich die wackersten Degen seines Heeres und hieß den Grafen Wilhelm, ihm dicht zur Seite zu bleiben. Nachdem sie eine gute Weile dem Hirsch nachgejagt waren und der König inne ward, daß alle Leute zurückblieben und allein der Graf ihm folgte, verließ er den Weg, bis er mit jenem allein im tiefsten Walde anlangte. Hier zog er seinen Degen und sprach: ›Scheint Euch dieser Degen gut und schön?‹ Der Graf besah ihn sich und entgegnete alsdann, daß er keinen trefflicheren je gesehen habe. ›Ihr habt recht,‹ sagte alsbald der König, ›und sollte ein Edelmann beschlossen haben mich zu töten, und die Kraft meines Armes, meinen Mut und die Güte dieses Degens erkennen, so dürfte er sich, meine ich, die Sache zweimal überlegen. Doch hielte ich ihn für einen elenden Bösewicht, wenn er seinen Plan nicht auszuführen wagte, wenn er ohne Zeugen Auge in Auge mit mir stände.‹ Der Graf machte ein verwundertes Gesicht und antwortete: ›Majestät, die Schändlichkeit solchen Tuns wäre an sich schon groß, die Narrheit eines derartigen Wagnisses aber fürwahr noch größer.‹ Der König steckte lachend den Degen in die Scheide, hörte dann die Jagd nahe kommen und vereinigte sich alsbald wieder mit ihr. Doch sprach er mit niemandem über die Sache und war überzeugt, daß der Graf keinesfalls der Mann war, der für solches Unternehmen den nötigen Mut besaß, mochte er auch sonst ein noch so wackerer und kühner Haudegen sein.

Der Graf hinwiederum mochte befürchten, daß man ihn nunmehr beargwöhnen oder gar entlassen könne. So begab er sich tags darauf zu Robertet, dem Finanzsekretär des Königs, und erklärte ihm: er könne leider mit dem Gehalt und den Zulagen, die ihm der König zugebilligt habe, kaum ein halbes Jahr auskommen; wenn ihm der König also nicht das Doppelte geben könne, so sei er gezwungen, den Dienst aufzugeben. Zudem bat er Robertet, ihn des Königs Antwort baldmöglichst wissen zu lassen. Der versprach ihm, auf der Stelle anzufragen, und war um so lieber dazu bereit, da er die Warnungen des Statthalters gelesen hatte. Kaum also war der König erwacht, so trug er ihm die Sache vor. Anwesend waren Herr de la Trimouille und der Admiral Bonnivet, die von des Königs kühnem Streiche nichts wußten. Dieser aber sprach: ›Ihr wolltet den Grafen Wilhelm fortschicken. Nun schickt er sich selbst fort, wie ihr seht. Saget ihm also: Wenn er mit den Bedingungen nicht zufrieden ist, die er bei seinem Dienstantritte angenommen hatte und mit denen gar manche Edelleute trefflichster Abkunft recht wohl auskommen, so möge er anderwärts sein Glück versuchen; ich werde ihm darin nicht im Wege sein und mich sogar freuen, wenn er Bedingungen findet, wo er leben kann wie er es verdient.‹

Robertet eilte sich nicht minder, dem Grafen diese Antwort zu überbringen. Der entgegnete sofort, unter diesen Umständen sei er entschlossen, fortzugehen. Und gleich als ob ihn die Angst jagte, blieb er nicht einmal mehr vierundzwanzig Stunden: schon als der König sich zur Tafel setzte, bat er diesen, sich verabschieden zu dürfen, und heuchelte dabei das tiefste Bedauern, aus seiner Umgebung scheiden zu müssen. Sodann nahm er auch von der Königin-Mutter Abschied, darob sie sich schier mehr freute denn ob seiner Ankunft seinerzeit als Freund und Verwandter des Hauses. Und so kehrte er in sein Land zurück.

Da nun der König seine Mutter und seine Umgebung über diese plötzliche Abreise baß erstaunt sah, erzählte er ihnen, was er dem Grafen für einen Schrecken eingejagt hatte und fügte hinzu: selbst wenn jener in bezug auf jene Verdächtigungen schuldlos gewesen sei, so habe er doch durch diese Angst erwiesen, daß er in der Umgebung eines Herrn, dessen Mut er so wenig gewachsen sei, nichts zu suchen habe.

Ich meinesteils kann keinen andern Beweggrund dafür finden, daß der König sich so kühn jenem gefürchteten Kämpen entgegenstellte, als daß er sich fern von seiner Begleitung auf eine Stufe mit seinem vermeintlichen Gegner stellen und so seinen eigenen Mut erproben wollte.«

»Offenbar hatte er recht,« erklärte Parlamente, »denn alles Lob der Welt ersetzt nicht die erprobte Zuversicht zu den von Gott verliehenen Gaben.« – »Schon längst«, bestätigte Guebron, »versicherten uns die Dichter, daß der Weg zum Tempel des Ruhmes durch den der Tüchtigkeit führt. Ich kenne beide Helden jener Erzählung und weiß gar wohl, daß der König einer der kühnsten Männer seines Reiches ist.« – »Wahrlich,« rief Hircan, »damals, als der Graf Wilhelm nach Frankreich kam, hätte ich des Königs Degen mehr gefürchtet denn den der heldenhaftesten italienischen Edelleute des Hofes.«

»Ihr wißt recht wohl,« brach Emarsuitte das Gespräch ab, »daß unser Lob sein Verdienst doch nicht genugsam rühmen würde und wir damit den ganzen Tag verbringen könnten. Drum, edle Frau, gebt Euer Wort einem Herrn, der uns noch mehr von Mannesmut erzählen kann.« Alsbald sprach Oisille zu Hircan: »Ihr habt die Frauen so schlecht gemacht, daß Ihr sicherlich etwas zum Lobe der Männer zu sagen wißt. So gebe ich Euch das Wort.«

»Das wird mir ein Leichtes sein,« entgegnete Hircan. »Denn vor kurzem noch rühmte man mir eines Edelmannes Liebe, Festigkeit und Geduld so sehr, daß ich seine Geschichte nicht vergessen konnte.«

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