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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
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Fünfzehnte Erzählung

Eine Dame am königlichen Hofe sieht sich von ihrem Manne zugunsten anderer vernachlässigt, weshalb sie gleiches mit gleichem vergilt.

»Zum Hofe Franz' des Ersten gehörte ein Edelmann, dessen Name ich wohl kenne, doch nicht nennen will. Der war arm, maßen er kaum fünfhundert Pfund als Rente hatte, doch stand er beim König derart in Gunst, daß dieser ihn mit einem Mägdelein vermählte, dessen Reichtum manchen Granden wohl befriedigt hätte. Da sie nun noch recht jung war, bot eine der vornehmsten Hofdamen ihr an, ihr vorderhand Gesellschaft leisten zu wollen. Damit war jene gern einverstanden. Nun war aber der Edelmann ob seiner Ehrenhaftigkeit und seiner Anmut von allen Damen des Hofes umschwärmt, und zumal von einer, die sich der Gunst des Königs vornehmlich erfreute, dem Weibe des Edelmannes jedoch weder an Jugendfrische noch an Schönheit glich. Der aber vernachlässigte ob seiner Liebe zu jener Frau seine Gattin, also daß er kaum einmal im Jahre ihr Lager teilte, ja, daß er nie mit ihr sprach, noch irgendeine Aufmerksamkeit erwies. Und derweile er von ihrem Gelde in Mengen ausgab, ließ er ihr nicht das geringste zukommen, also daß sie weder ihrem Stande gemäß noch gar ihren Wünschen entsprechend gekleidet war. Darob machte die Hofdame ihm oft Vorhaltungen und sprach: ›Euer Weib ist schön, reich und edelgeboren. Ihr aber beachtet gar nicht, was sie bis jetzt durchmacht. Ich fürchte, wenn sie zu voller Blüte erwachsen sein wird und im Spiegel oder durch Schmeichler ersieht, welche Schönheit Ihr verachtet, dann wird sie aus Ärger etwas tun, das ihr andernfalles nie in den Kopf kommen würde.‹

Des Edelmannes Sinn aber war anderswo, darum lachte er sie aus und änderte sein Leben nicht.

Drei bis vier Jahre später nun erblühte jene wirklich zu einer der größten Schönheiten Frankreichs. Und je mehr sie sich liebenswert fühlte, desto mehr schmerzte sie die Nichtachtung ihres Mannes, bis sie in tiefe Traurigkeit verfiel. Nachdem sie ihn nun in jeder Weise vergeblich umworben hatte, vermutete sie in ihrer Liebe, daß ein anderes Band ihn fessele. Und da sie suchte, entdeckte sie bald die Wahrheit. Darob ward sie derart trübsinnig, daß sie nur noch schwarze Kleider trug und keinerlei frohe Gesellschaft mehr aufsuchen wollte. Vergeblich suchte die Hofdame sie umzustimmen; und als ihr Mann davon erfuhr, lachte er nur und änderte nichts.

Langweile verdirbt alle Freuden, wird aber durch Abwechslung zerstreut. So hier. Eines Tages geschah es, daß ein hochgestellter Mann, ein naher Verwandter der Hofdame, der diese häufig besuchte, auf dies seltsame Leben der jungen Frau aufmerksam ward und voll Mitleid beschloß, sie zu trösten. Und da er ihrer tugendhaften Schönheit inne ward, trieb es ihn bald mehr, ihre Gunst zu erringen denn von ihrem Manne zu plaudern, außer etwa um ihr zu zeigen, wie wenig er ihrer Liebe wert sei. Die Dame hinwiederum, die sich von ihrem Manne so zurückgesetzt fühlte, fand an dem Umgange des Fürsten immer mehr Gefallen, als sie ihn so liebevoll werben sah. Obgleich sie allezeit auf ihre Ehre bedacht war, behagte es ihr doch über die Maßen, mit ihm zu plaudern und sich geliebt zu fühlen.

Das dauerte so lange, bis der König es merkte und unwillig wurde, da er seinen Günstling nicht entehrt wissen wollte. So ersuchte er den Fürsten, seinen Verkehr dort einzustellen, widrigenfalls er in Ungnade fallen würde. Das sagte ihm der Fürst zu, da ihm an des Königs Gunst mehr lag denn an allen Frauen dieser Welt, und er versprach, ihm zuliebe dem Hause fernbleiben zu wollen und sogleich an diesem Abend Abschied zu nehmen. Das tat er auch, sowie er die Dame nach Hause zurückgekehrt wußte. Ihr Mann bewohnte das Zimmer über ihr, und da er am Fenster stand sah er den Prinzen bei seiner Frau eintreten. Indem nun jener den Befehl des Königs übermittelte, sagte er ihr unter Tränen und Klagen Lebewohl. Das dauerte bis Mitternacht, und schließlich sprach die Dame, in deren Herzen die Liebe zu erblühen begann:

›Ich preise Gott, der Euch von dieser Neigung fortriß. Denn wie klein und schwach muß sie gewesen sein, da Ihr sie für eines Menschen Wort dahingebet. Ich meinesteils habe niemand deshalb befragt, denn meine Neigung wuchs an Eurer Schönheit und Ehrenhaftigkeit und ward so stark in mir, daß ich keinen Gott oder König neben Euch kannte. Da Eure Liebe aber in Eurem Herzen noch Furcht neben sich duldet, so konntet Ihr kein vollkommener Freund sein, und einen unvollkommenen mag ich nicht. Ich liebe aus ganzem Herzen, und so muß ich Euch Lebewohl sagen, da Euer Bangen nicht meine ungehemmte Freundschaft verdient.‹

Weinend ging der Prinz davon, und da er sich umschaute, gewahrte er wiederum den Ehemann am Fenster, so wie dieser bei seinem Kommen hinuntergeschaut hatte. Darum suchte er ihn tags darauf auf und erzählte ihm, weshalb er seine Frau besucht und was ihm der König befohlen hatte. Darob war der Edelmann voller Freuden und legte alsbald dem König seinen Dank zu Füßen.

Da er nun aber inne ward, daß sein Weib von Tag zu Tag schöner wurde, er hingegen immer mehr alterte, so begann er sein Benehmen zu ändern und übernahm die Rolle, die sein Weib bisher gespielt hatte. Das heißt, er umschmeichelte sie und ward für sie eifrigst besorgt; sie hingegen floh ihn um so mehr, je mehr er ihr nachstellte, und bemühte sich, ihm all ihre Leiden zurückzuzahlen. Und da sie nun gekostet hatte, wie es wohl tut, geliebt zu sein, so wandte sie sich einem wunderschönen Edelmann zu, der ob seiner Anmut und Unterhaltungsgabe bei allen Damen des Hofes in Gunst stand. Dem klagte sie vor, wie es ihr ergangen war, und weckte sein Mitgefühl, bis er schließlich nichts unterließ, um ihr Trost zu spenden. Sie aber entflammte, um sich auch für den Verlust des Prinzen zu entschädigen, in so heftiger Liebe zu dem Edelmann, daß sie all ihren Kummer vergaß und nur noch darauf bedacht war, dieser Neigung alle Hindernisse fernzuhalten. Das gelang ihr so gut, daß auch ihre Freundin nichts davon merkte. Denn vor dieser sprach sie kein Wort mit ihm. Allemal vielmehr, wenn sie ihm etwas sagen wollte, besuchte sie hierzu einige Damen am Hofe, unter denen eine war, der sich ihr Mann sehr zugetan zeigte.

Eines Abends nun, nach dem Essen, begab sich die Ehefrau, als es schon dunkel war, ohne Begleitung zu jenen Damen und traf dort ihren Geliebten. Sie setzte sich in seine Nähe, stützte sich auf den Tisch und plauderte mit ihm, dieweil sie tat, als ob sie in einem Buch läse. Doch hatte ein Aufpasser ihres Mannes diesen davon in Kenntnis gesetzt, also daß er in kluger Berechnung flugs auch dorthin ging. Als er das Zimmer betrat, sah er sie lesend am Tisch sitzen, tat aber, als ob er sie nicht bemerke, und schritt geradeswegs nach einer andern Ecke zu den Damen hin. Seine arme Frau aber begriff, daß er sie abgefaßt hatte; darob verlor sie schier den Verstand, entschlüpfte möglichst unbemerkt und floh davon, als wäre ihr Gemahl mit dem gezückten Degen hinter ihr her. So kam sie zu ihrer alten Freundin, die sich schon zurückgezogen hatte, blieb bei ihr, bis sie ausgekleidet war, und begab sich alsdann in ihr Gemach. Dort teilte ihr eine Zofe mit, daß ihr Mann sie zu sich bitten ließe. Sie erwiderte ohne Umschweife, sie würde nicht kommen, da ihr Gatte so seltsam und hart geworden sei, daß sie einen üblen Streich von ihm befürchte. Am Ende aber bekam sie Angst, es könne ihr, wenn sie sich weigere, noch schlimmer ergehen. Darum ging sie doch, und ihr Mann sagte kein Wort, bis sie zu Bett lagen. Da vermochte sie sich nicht mehr zu beherrschen und begann sachte zu weinen. Und als er sie fragte, warum, erwiderte sie, daß sie seinen Zorn fürchte, maßen er sie mit einem Edelmann zusammen lesend gefunden habe.

Alsbald erklärte er ihr: nie habe er etwas dagegen gehabt, daß sie mit andern Männern plaudere, und daher auch nichts Schlimmes darin gefunden, daß sie mit jenem sprach. Maßen sie nun aber davongeflohen sei, als ob sie auf schlimmen Wegen von ihm ertappt worden wäre, so habe er daraus entnommen, daß sie jenen Edelmann liebe. Also verbot er ihr nunmehr, mit irgendeinem Mann in Gesellschaft oder daheim zu sprechen, und drohte, sie gleich das erstemal, wo er sie wieder abfassen sollte, ohne jede Barmherzigkeit zu töten. Damit war sie gern einverstanden, indem sie bedachte, sie würde nicht ein zweites Mal so dumm sein.

Sintemalen nun aber die verbotenen Früchte zumeist verlocken, so vergaß die Dame jene Drohung so rasch, daß sie noch am gleichen Abend, kaum daß sie in ihr Gemach zurückgekehrt war, jenen Edelmann zu sich rufen ließ. Ihr Gatte jedoch ward von Eifersucht also gepeinigt, daß er nicht zu schlafen vermochte, vielmehr ein Manteltuch umtat und mit einem Diener zu ihrem Gemach ging, als ihm zu Ohren gekommen war, daß der andere nächtlicherweile dorthin kommen sollte. Er pochte an die Tür, und sie, die alles, nur ihn nicht erwartete, erhob sich, zog Strümpfe an, nahm einen Mantel um; und als sie ihre Kammerfrauen schlafen sah, schlüpfte sie schnell hinaus und schritt geradeswegs zu der Tür, wo es geklopft hatte. Auf ihre Frage: ›Wer dort?‹ nannte er ihr den Namen des Geliebten. Doch war sie nicht recht sicher, öffnete nur die Klappe und sprach: ›Seid Ihr, der Ihr sagt, so reicht mir Eure Hand, auf daß ich sie erkenne.‹ Doch alsbald erkannte sie die Hand ihres Mannes, warf flugs wieder die Klappe zu und schrie: ›Wehe, das ist Eure Hand.‹ Und ihr Mann sagte zornbewegt: ›Fürwahr, dies ist die Hand eines Menschen, der sein Versprechen zu halten weiß! Darum versäumt nicht zu kommen, wenn ich Euch rufen lasse.‹

Damit ging er in sein Zimmer zurück. Auch sie kam wieder in ihr Gemach, aber sie war mehr tot denn lebendig und sagte laut zu ihren Frauen: ›Steht auf, Ihr habt allzuviel mir zuliebe geschlafen. Euch glaubte ich zu täuschen, und nun habe ich mich selbst betrogen.‹ Und sie sank ohnmächtig inmitten des Zimmers nieder. Die Kammerfrauen sprangen bei ihrem Rufe auf, erschraken nicht minder über ihre Ohnmacht denn über jene Worte und liefen nach Heiltränken, um sie wieder zu sich zu bringen. Als sie nun endlich reden konnte, rief sie aus: ›Seht mich an, ich bin die unglücklichste Frau auf Gottes Erdboden.‹ Und alsdann erzählte sie die Geschichte und bat sie um ihre Hilfe, maßen sie fest überzeugt war, daß es ihr heute noch ans Leben ginge. Just, da jene sie trösteten, kam ein Kammerdiener von ihrem Gemahl und überbrachte ihr dessen Geheiß, unverzüglich hinaufzukommen. Weinend und schreiend fiel sie zweien Frauen um den Hals, klammerte sich an sie und flehte sie an, sie vor dem Tode zu retten. Der Kammerdiener versicherte ihr jedoch auf seinen Kopf, daß ihr kein Leid geschehen würde. Da sie nun inne ward, daß aller Widerstand vergeblich war, ließ sie sich in die Arme jenes Dieners sinken und sprach: ›Wenn es denn sein muß, so trage diesen todgeweihten Leib zur Schlachtbank.‹ Der trug sie also, halb bewußtlos vor Jammer, zu seinem Herrn, dem sie zu Füßen fiel und stöhnte: ›Habt Erbarmen. Ich schwöre Euch bei Gott, die Wahrheit zu sagen.‹ Alsbald entgegnete jener, gleich als ob ihn die Verzweiflung zu allem fähig mache: ›Bei Gott, Ihr werdet sie mir sagen!‹, und jagte alle Leute hinaus.

Und da er seine Frau als fromm erkannt hatte, sagte er sich, daß sie auf ein Kreuz keinen Meineid schwören würde. So ließ er sie auf ein sehr schönes Kruzifix, das er sich geliehen hatte, einen Eid leisten, daß sie alle seine Fragen wahrheitsgemäß beantworten wolle. Da sie nun aber die erste Todesfurcht überwunden hatte, so beschloß sie, zwar lieber zu reden denn zu sterben, – doch nichts zu sagen, das ihren Geliebten in Gefahren bringen konnte. Und nachdem sie seine Fragen angehört hatte, sprach sie:

›Ich will keineswegs mich rechtfertigen noch meine Liebe zu jenem Edelmann beschönigen. Doch muß ich Euch sagen, wie jene Neigung entstand. Nie hat ein Weib je seinen Mann mehr lieben können denn ich Euch. Doch mochtet Ihr nichts von mir wissen und behandeltet mich ohn' jede Achtung. In meiner Verzweiflung ward ein Prinz auf mich aufmerksam; doch verließ er mich, da er mehr auf seinen König denn auf seine Liebe hören mochte, just, da ich seinen liebevollen Trost zu empfinden begann. Nach ihm begegnete ich jenem Edelmann, dessen Anmut und Ehrenhaftigkeit erübrigten, daß er mich um meine Gunst bat. Auf mein Ersuchen also, nicht das seine, legte er mir voll Sittsamkeit und in allen Ehren seine Liebe zu Füßen. Wohl traf ich ihn bisweilen hier und dort, wohl küßte ich ihn bisweilen herzlicher denn Euch, doch Weiteres ist niemals zwischen uns geschehen. Wollt Ihr aber, der Ihr mein ganzes Unglück verschuldet habt, an mir Rache nehmen, weil ich also lebte, während Ihr selbst mir alle Zeit ein Beispiel gabt, das bei weitem ehrloser war? Denn Ihr wisset doch selbst, daß Eure Geliebte sich nicht mit dem allein zufrieden gab, das weder gegen Gott noch das Gewissen sich verstößt. Und nun entscheidet selbst, wer von uns mehr Strafe, wer mehr Entschuldigung verdient, zumal ich jung und unerfahren bin, von Euch vernachlässigt, von dem schönsten Edelmann Frankreichs geliebt wurde und ohne Hoffnung bin, je Eure Liebe zu erringen.‹

Da ihr Mann sie also offen und dabei voll Anmut und in aller Sicherheit vor jeder Strafe sprechen hörte, ward er vor Verblüffung schier sprachlos und fand endlich nur zu sagen, daß Mannesehre und Frauenehre nicht einerlei seien. Maßen sie aber beschworen habe, daß nichts ernstlicheres zwischen ihr und dem Edelmann vorgefallen sei, so wolle er ihr nichts weiter antun unter der Bedingung, daß sie die Vergangenheit auch vergangen sein ließe. Da sie dies versprach, gingen sie einträchtiglich zusammen schlafen.

Als aber tags darauf eine alte Kammerfrau sie angstvoll fragte: ›Wie ist es denn gegangen?‹ erwiderte sie lachend: ›Es gibt keinen besseren Ehemann als den meinen, denn er hat meinem Eid getraut.‹ Also vergingen fünf bis sechs Tage. Der Ehemann ließ sie aufs schärfste Tag und Nacht beobachten; sie aber verstand es einzurichten, daß sie ihren Freund an dunklem stillverborgnen Ort doch sprechen konnte. Und also merkte niemand etwas, bis eines Tages ein Knecht erzählte, er habe drunten im Stall ein Fräulein mit einem Edelmann betroffen. Alsbald ergriff den Gatten wieder grimmer Argwohn. Er beschloß, den Edelmann umzubringen, und berief hierzu seine Verwandten und Freunde in großer Zahl um sich. Doch einer dieser Verwandten war mit jenem so eng befreundet, daß er ihn von allem in Kenntnis setzte, was gegen ihn im Werk war. Da nun jener bei Hofe sehr beliebt und stets wohl begleitet war, so brauchte er seinen Gegner nicht zu fürchten. Statt daß man ihn also allein abfing, traf er sich mit seiner Herrin in einer Kirche. Sie aber wußte nichts von dem Vorgefallenen, da man vor ihr nicht darüber sprach. Daher erzählte ihr der Edelmann, was ihr Mann gegen ihn vorhabe, und erklärte ihr, daß er trotz seiner Schuldlosigkeit nunmehr entschlossen sei, in die Ferne zu reisen, um die Gerüchte verstummen zu machen.

Als nun der Fürstin, jener alten Freundin der Dame, solches zu Ohren kam, da versicherte sie hoch und heilig, der Ehemann tue großes Unrecht, solch ehrenwertes Weib zu beargwöhnen. Doch angesichts seiner hohen Stellung und der entstandenen Gerüchte riet auch sie zu der Reise und versicherte zugleich, daß sie jener Nachrede keinen Glauben schenken würde. Dem wohnten gleichermaßen jene Dame und der Edelmann bei, und alle beiden waren voll Freuden über das Vertrauen und die gute Meinung jener Fürstin, die überdies dem Edelmann riet, vor seiner Abreise mit dem Ehemann zu sprechen.

Das tat er auch alsbald. Er fand ihn in einem Saalgange zunächst dem Gemach des Königs, verneigte sich ehrerbietig vor ihm und sprach voller Zuversicht also: ›Mein Lebelang war ich bereit, mein Herr, Euch zu Diensten zu sein. Zum Lohn laßt Ihr mir, wie ich höre, auflauern, um mich zu töten. So bedenket, bitte, daß Ihr zwar mehr Macht habet denn ich, daß ich aber nichtsdestotrotz nicht minder Edelmann bin denn Ihr und keineswegs für nichts und wieder nichts mein Leben hingeben mag. Bedenket weiter, daß Ihr ein ehrbares Weib Euer Eigen nennt und daß ich jedem, der das Gegenteil sagt, erklären werde, daß er ein gemeiner Lügner ist. Ich meinesteils tat nichts, das Euch zu üblem Vorhaben veranlassen könnte. Wollt Ihr also, so verbleibe ich Euer ergebener Diener. Wenn nicht, so vermag ich mit der Gunst des Königs sehr wohl zufrieden zu sein!‹

Da der andere seine Worte vernahm, entgegnete er: in der Tat habe er einigen Verdacht gegen ihn gehegt. Doch nun sei er von seiner Ehrbarkeit überzeugt und wünsche mehr seine Freundschaft denn seine Feindschaft. Alsdann sagte er ihm unter Händeschütteln Lebewohl und umarmte ihn wie einen lieben Freund. So kann man sich die Überraschung der Herren vorstellen, die ihm abends auflauern sollten und ihn nun also geehrt sahen. Jeder glaubte etwas anderes daraus zu entnehmen. – Kurz, der Edelmann trat seine Reise an. Doch da er reicher an Schönheit war denn an Geld, so gab seine Geliebte ihm einen Ring, der wohl dreitausend Taler wert war und den er für eintausendfünfhundert verpfändete. Einige Zeit darauf bat der Ehemann jene Fürstin, seine Frau zu bestimmen, daß sie eine Weile zu einer Schwester reise. Das schien der alten Dame höchst verwunderlich, und daher bat sie ihn, den Grund zu nennen. Doch das tat er nur zum Teil.

Nachdem schließlich die junge Frau von ihrer Beschützerin und dem Hofe Abschied genommen hatte, ohne zu weinen oder sich allzu betrübt zu zeigen, reiste sie dorthin, wo ihr Mann es wünschte. Ein Edelmann begleitete sie, dem ihr Gatte aufs dringendste eingeschärft hatte, sorglich und zumal auf den Straßen darauf zu achten, daß sie nicht mit jenem rede, den er im Verdacht hatte. Sie wußte aber von diesem Befehl, jagte ihrer Begleitung Tag für Tag neue Schrecken ein und verlachte sie alsdann ob ihrer Aufsicht. So kam zum Beispiel einmal ein Franziskaner zu Pferde des Weges, als sie gerade aufbrachen. Sie war gleichfalls beritten, und so plauderte sie mit ihm vom Mittag bis zum Abend, und als sie dann eine gute Meile vor ihrem Ziele waren, sprach sie zu ihm: ›Für den Trost, den Ihr mir gespendet habt, nehmt hier diese zwei Taler, die ich in Papier gewickelt habe, da Ihr ja Geld nicht berühren würdet. Doch bitte ich Euch, sprengt in scharfem Trabe feldeinwärts, wenn Ihr mich jetzt verlaßt.‹

Als der nun eine gute Strecke davongeritten war, sagte sie zu ihrem Begleiter: ›Meint Ihr, Ihr erfüllt Eure Pflicht, da Ihr zuseht, wie der einen ganzen Nachmittag mit mir plaudert, auf den Ihr just achthaben sollt? Ihr verdient wahrlich, daß Euer vertrauensseliger Herr Euch Hiebe gibt statt Eures Lohnes.‹ Da der Edelmann, dem ihre persönliche Obhut anvertraut war, diese Worte vernahm, ward er zornig, spornte sein Pferd, rief, ohne zu antworten, zwei seiner Leute zu sich und jagte hinter dem Franziskaner her, der zwar die Flucht ergriff, doch, maßen sein Pferd schlechter war, eingeholt wurde. Nun wußte der Ärmste doch aber gar nicht, was das sollte, schrie um Gnade und lüpfte voll Demut seine Kapuze. Da erkannten sie an seiner Tonsur, daß es gewißlich nicht der Gesuchte war und ihre Herrin sie genarrt hatte. Doch sie zog diese Leute noch weiter auf und rief, da sie zurückkamen: ›Ihr verdient wahrlich, daß man euch eine Dame anvertraut; erst laßt ihr sie reden, ohne zu wissen mit wem, dann entehrt ihr einen Diener Gottes, weil ihr auf jedes Wort hereinfallt.‹ – Und unter solchen spöttischen Scherzen kam sie endlich zu ihren Schwägerinnen, und diese gleichwie der Gatte der einen ließen ihr wenig Freiheit.

Indessen vernahm ihr Mann, daß der Ring für fünfzehnhundert Taler verpfändet sei, und geriet darob in Zorn. Um aber die Ehre seiner Frau zu decken, schrieb er ihr, sie möge ihn einlösen, er wolle die fünfzehnhundert Taler bezahlen. Ihr lag an dem Ring nichts und da ihr Geliebter das Geld dafür also behalten konnte, schrieb sie ihm: ihr Mann dränge sie, den Ring einzulösen. Damit er aber nicht glauben sollte, es sei böser Wille von ihr, so sandte sie ihm einen Diamanten, der von der alten Fürstin stammte und den sie mehr liebte denn den Ring. Der Edelmann hinwiederum sandte ihr gern den Pfandschein zu und war über die Maßen zufrieden, außer den fünfzehnhundert Talern noch einen Diamanten zu besitzen und obendrein der Gunst seiner Freundin sicher zu sein, obgleich er allerdings, solange ihr Mann noch lebte, keine Möglichkeit mehr hatte, mit ihr persönlich oder schriftlich in Verbindung zu stehen.

Nachdem der Ehemann aber gestorben war, bedachte jener, was sie ihm einst versprochen hatte, und betrieb darum eifrigst die Ehe mit ihr. Doch mußte er erfahren, daß sie während ihrer langen Abwesenheit einen andern lieber gewonnen hatte. Darob war er tief betrübt, begann die ehrenhaften Frauen zu meiden und suchte zweifelhaften Umgang. Dort war er auch bald ein gerngesehener Gast; und also beendete er seine Tage.

In dieser Geschichte, die unser weibliches Geschlecht freilich nicht schont, suchte ich den Ehemännern zu erweisen, daß hochherzige Frauen eher zu zorniger Rache denn zu sanftmütiger Milde neigen. Jene Frau widerstand lange, doch schließlich wurde sie zur Verzweiflung gebracht. Doch sollte es eine ehrenhafte Frau nie so weit kommen lassen, und je ernster die Lage ist, um so mehr zum Guten wirken. Glücklich die, so nach Gottes Willen reich sind an Keuschheit, Milde, Sanftmut und Geduld.«

»Mir scheint,« erklärte nun Hircan, »daß jene Frau sich mehr vom Ärger denn von Liebe leiten ließ, verehrte Longarine. Denn hätte sie den Edelmann wirklich geliebt, so hätte sie ihn nicht für einen andern fahren lassen. Sicherlich war sie rachsüchtig und wetterwendisch.« – »Ihr machts Euch bequem,« entgegnete Emarsuitte, »wißt Ihr nicht, welch Herzeleid es schafft, keine Gegenliebe zu finden?« – »Nein, das habe ich wirklich noch nicht erlebt. Denn wenn mir so wenig Entgegenkommen gezeigt wird, schicke ich Liebe und Dame zu allen Teufeln.« – »Nun freilich,« rief Parlamente, »Ihr liebt ja auch nur Euer Vergnügen. Eine anständige Frau wird ihren Mann nicht also fallen lassen.« – »Auf alle Fälle hat die Dame jener Geschichte eine Zeitlang vergessen, daß sie Weib war,« meinte Simontault, »denn ein Mann hätte sich wahrlich nicht besser rächen können.« – »Alle sind sie Frauen,« entgegnete Saffredant, »zieht ihnen die schönsten Kleider an und guckt darunter: stets werdet ihr das Weib wiederfinden.« Nun fiel Nomerfide ein: »Wenn man euch zuhören wollte, verginge der ganze Tag unter Zank und Streit. Wir wollen aber Geschichten erzählt bekommen, und darum bitte ich Longarine, jemandem das Wort zu erteilen.« Longarine blickte auf Guebron und sagte zu ihm: »Wenn Ihr etwas von einer tugendhaften Dame wißt, so gebt uns das, bitte, jetzt zum besten.«

Und Guebron hub also an: »Da ich nunmehr an der Reihe bin, will ich einen Vorfall berichten, der sich in Mailand zugetragen hat.«

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