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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
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Dreizehnte Erzählung

Wie ein Schiffshauptmann sich unter dem Scheine von Frömmigkeit in eine junge Dame verliebte, und was daraus entstand.

»In der Regentschaftszeit der Mutter Franz' des Ersten lebte am dortigen Hofe eine sehr fromme Dame, die mit einem gleichgesinnten Edelmann vermählt war. Obgleich der nun ebenso alt war als sie jung und schön, so liebte sie ihn doch wie den schönsten Jüngling der Welt, und um ihn jeder Betrübnis fernzuhalten, führte sie ein Leben gleich einer bejahrten Frau, ohne allen Putz, Tanz und jugendliche Kurzweil, und suchte Freude und Erbauung nur in gottergebenem Tun. Darob schenkte ihr Gatte ihr soviel Liebe und Vertrauen, daß sie ihn und sein ganzes Haus regierte.

Besagter Edelmann eröffnete ihr nun eines Tages, daß er seit seiner Jugend den Wunsch hege, nach Jerusalem zu reisen, und fragte sie nach ihrer Ansicht. Sie hatte keinen andern Wunsch, als ihm Freude zu schaffen, und erwiderte deshalb: »Da Gott uns keine Kinder schenkte, uns hingegen mit Reichtum segnete, so bin ich gern damit einverstanden, einen Teil unseres Geldes für diese Reise zu verwenden. Dort wie überall will ich Euch folgen und Euch nimmer verlassen.« Der Edelmann war voller Freuden und träumte sich schon auf dem Kalvarienberge. Derweile sie nun dies beschlossen, kam ein Rittersmann zu Hofe, der oft gegen die Türken gekämpft hatte und nun eine Unternehmung gegen eine ihrer Städte betreiben wollte, von deren Eroberung er sich großen Gewinn für die Christenheit versprach. Der alte Edelmann fragte ihn wegen seiner Reise aus, und als er von seinem Vorhaben hörte, erkundigte er sich, ob jener alsdann auch gen Jerusalem zu ziehen vorhabe, maßen er und seine Frau die Absicht hätten, sich dorthin zu begeben. Der Hauptmann war ob dieses Wunsches voller Freuden und versprach ihm, sie dorthin zu bringen und die Angelegenheit geheim zu halten. Eilends berichtete der Edelmann diese Antwort seiner Frau, die nicht minder denn er diese Reise zu machen begehrte.

Alsdann sprachen sie dieserthalben oft mit dem Hauptmann. Der achtete just weniger auf die Worte jener Frau als auf sie selber, und war bald ganz toll in sie verliebt, also daß er oft Marseille und Archipel, Schiff und Pferd – kurz alles durcheinander warf. Doch begriff er, daß er sich nichts merken lassen durfte. Darob ward er oftmals krank. Dann sorgte sich die Dame um ihn, an dem doch diese Reise hing, und ließ sich nach seinem Befinden erkundigen. Und sobald er das erfuhr, ward er ohne alle Arzenei gesund. Doch er stand mehr in dem Rufe, ein kecker Frauenjäger denn ein guter Christ zu sein, und so verwunderten sich manche, daß jene Dame ihn so bereitwillig empfing. Und als man gar merkte, daß er in die Kirchen, Messen und zur Beichte lief, begriffen die Leute, daß er damit nur ihre Gunst zu erwerben hoffe, und machten ihm daraufhin anzügliche Bemerkungen. Alsbald fürchtete der Hauptmann, daß der Dame etwas zu Ohren käme und ihn das mit ihr auseinanderbrächte. Daher sagte er zu dem Edelmann und ihr, er habe nun beim König bald seinen Zweck erreicht und müsse demnächst abreisen. Doch habe er ihnen zuvor noch einiges zu sagen, und damit alles mehr geheim bliebe, wolle er nicht vor andern darüber sprechen und bäte sie, ihn rufen zu lassen, wenn sie allein wären.

Das war dem Edelmann recht, und nunmehr ging er allabendlich früh zu Bett und ließ auch sein Weib sich alsdann in ihr Nachtgewand kleiden. Waren nun alle zur Ruhe gegangen, so ließen sie den Hauptmann rufen und plauderten über die Reise nach Jerusalem. Zumeist schlief derweile der alte Herr den Schlaf des Gerechten, und wenn ihn der Hauptmann also in seinem Bett sah, sich selbst aber auf einem Stuhl neben der schönsten und ehrsamsten Frau der Welt, so ward sein Herz beklommen, und zwischen Furcht und Begierde, sich zu erklären, blieb ihm oft das Wort im Halse stecken. Dann sprach er schnell, damit sie nichts merkte, von den heiligen Stätten Jerusalems, so noch Christi Liebeswerk bezeichneten. Seine verliebten Blicke blieben ihr unbemerkt; vielmehr hielt sie ihn angesichts seines andächtigen Gehabes für einen gar heiligen Mann und fragte ihn, wie er zu diesem gottesfürchtigen Wandel gekommen sei. Alsbald eröffnete er ihr, er habe als armer Edelmann eine häßliche, alte, aber sehr reiche Verwandte geheiratet, ohne sie zu lieben, vielmehr um zu Geld und Ansehen zu kommen. Nachdem er ihr Geld vertan habe, sei er aufs Meer nach Abenteuern ausgezogen und habe unter schweren Mühen und Kämpfen sich Achtung verschafft. Nun er sie aber kennen lernen durfte, seien ihre heiligen Worte und edlen Beispiele ihm zu Herzen gegangen, also daß er nun ein neues Leben führen wolle und entschlossen sei, nach seinem beabsichtigten Eroberungszuge sie und ihren Gatten nach Jerusalem zu führen, um seiner Sünden Vergebung zu erflehen. Zwar habe er die meisten schon abgelegt, doch das Verhältnis zu seinem Weibe müsse noch gebessert werden, und er hoffe, sich auch mit ihr wieder auszusöhnen.

Diese Worte gefielen der Dame gar wohl, und zumal, daß sie ihn nach solcher Vergangenheit zu gottgefälligem Wandel geführt hatte, freute sie über die Maßen. So verbrachten sie alle Abende in langem Geplauder. Nie wagte er etwas zu sagen, doch brachte er ihr wohl bisweilen ein Kruzifix von Notre-Dame de Pitié und bat sie, allemal seiner zu gedenken, so sie es anschaue. Und als die Zeit seiner Abreise kam und er von dem Edelmann Abschied nahm, sank dieser wiederum in tiefen Schlummer. Da er sich nun zu der Dame wandte und gewahrte, wie Zähren ob seiner ehrenhaften Freundschaft in ihren Augen schimmerten, flammte die Glut seiner Leidenschaft so gewaltig in ihm auf, daß er gleichsam bewußtlos umsank, um nichts verlauten zu lassen. Und als er endlich Lebewohl sagte, rannen ihm nicht nur aus den Augen, sondern aus allen Poren große Tropfen. Die Dame war darob schier verwundert, denn solchen Abschiedsschmerz hatte sie noch nie gesehen. Doch änderte sie ihre Ansicht über ihn nicht und begleitete ihn mit Gebeten und Segenswünschen.

Kaum war ein Monat vergangen, da fand sie bei ihrer Heimkehr von einem Spaziergange einen Edelmann daheim vor, der ihr einen Brief des Hauptmannes überbrachte. Der Bote ersuchte sie, das Schreiben ohne Zeugen zu lesen und fügte hinzu, er habe der Abfahrt des Hauptmannes beigewohnt, der im Begriffe stand, für König und Christentum zu kämpfen. Er selbst verträte in Marseille des Hauptmanns Angelegenheiten und wolle dorthin zurückkehren.

Die Dame trat in eine Fensternische, öffnete den Brief, der zwei dichtbeschriebene Bogen umfaßte, und las das folgende Gedicht:

›Lang' sann ich drob und schwieg auch lang' –
Doch quält mich übermächt'ger Drang,
Und nimmer werd' ich sonsten ruhig sein!
Fürwahr, ich leide grimme Todespein:
Das Wort, das ich bisher verschwiegen hab,
In mir vergrub, gleich wie in einem Grab,
Ich sprech' es nun, da mir die Kräfte schwinden;
Und stürb' ich auch, – ich kann's nicht mehr verwinden!

Fast mag ich mich auch jetzt noch nicht entschließen
Aus Sorg', es könnte Dich verdrießen,
Das Stammeln des zu hören, der von Bangen
In Deiner Gegenwart stets war gefangen;
So daß Du sprächest: ›Besser wär's, zu sterben,
Als gar zu wünschen, daß ich vom Verderben
Mit zarter Hand Euch rette!‹ O die Not.
Gern stürbe ich wohl zehnfach grausen Tod!!
Für Dich nur bleibe ich annoch am Leben,
Dieweil ich das Versprechen hab' gegeben,
Nach meiner Reise glücklichem Gelingen
Dich und den Gatten wohl dorthin zu bringen,
Wohin ihr strebt um euer Heil zu retten:
Zum Berge Zion und den heiligen Stätten.
Denn wenn ich sterbe – wer wird euch geleiten?
Gar zuviel Schmerz wird euch mein Tod bereiten,
Durch den dann euer Plan von hinnen schwand,
Daran euch innig-heißes Sehnen band.

Und um zu leben, tu' mein Herz ich auf,
Und laß den Worten meiner Beichte freien Lauf:
Von meiner glühen Liebe sollen sie Dir sagen –
Die brennt mich, daß ich's fürder nicht kann tragen;
Nichts mag an Größe ihr, an Stärke gleichen,
Nichts ihrer Flamme zehren Brand erreichen. –
Was wirst Du sagen, kühnes Wort? Ich bebe!
Was wirst Du sagen? Sprich, damit ich lebe!
Jedoch, Du kläglich Wort, so arm an Bildern,
Wie denn vermöchtest Du ihr je zu schildern,
Mit welcher unbegreiflich wilden Qual ich rang,
Seitdem mein Herz in Liebesbanden sank, –
Wie denn beschreiben jene Allgewalt
Der Liebe, die in meiner Seele wallt . . .
Nie kannst Du das, wohl muß ich dies bedenken.
Drum sollst Du Dich auf weniges beschränken
Und also sprechen: ›Namenloses Bangen,
Dir zu mißfallen, hielt mich stets umfangen.
Doch nun vor Gott und Himmel will ich schwören,
Wie ich Dich liebe, und Du magst es hören!
Doch Ehrbarkeit sei stets das Fundament –
Das dämpft des Sehnens Glut, die in mir brennt.
Viel lieber möchte ich auf dieser Fahrt vergehn,
Denn Deine Tugend jemals angetastet sehn.
Wie man zu Engeln fleht, will ich Dich allzeit lieben,
Fernhalten mich von allen bösen Trieben.
Nur, daß Du stets vollkommen bist und rein
Kann meiner Liebe fester Grundbau sein:
Ich teile nicht der Tugendlosen Sitten,
Die für ihr Gehren süßen Lohn erbitten.
Nichts andres wünsche ich, denn Leib und Leben
Im Dienst für Dich mit Freuden hinzugeben.
Und kehr' ich lebend wieder, hab' Vertrauen,
Den gleichen wünschelosen Knecht zu schauen.
Doch sterb' ich, bist Du eines Ritters bar,
Wie nie ein treuerer zu finden war!

So trägt mich nun die Woge wild von hinnen
Und lange Zeit der Trennung mag verrinnen.
Doch führt das Meer auch meinen Leib weit fort von hier,
Mein Herze hängt untrennbar fest an Dir!

Nun komme was da will! Das Schicksal waltet –
Der Würfel fiel: doch nimmermehr erkaltet
Die Glut des Willens, die mich loh durchdringt.

Damit nun etwas den Beweis erbringt,
Wie unerschütterlich mein Sinn, nimm diesen Stein,
Den Diamant, so fest, so klar und rein!
O wolle doch zu meinem Glück den Reifen
An Deinen zarten weißen Finger streifen!
Ich selber sei der Stein, den ich Dir sandte,
In den ich all mein Hoffen, all mein Sinnen bannte,
Auf daß durch Taten, rühmliches Geschehen
Ich fürder mag den Weg der Tugend gehen
Und eines Tags in Dienstbarkeit und Treuen
Mich meiner Herrin Gunst wohl mag erfreuen!‹

Als die Dame dies Gedicht gelesen hatte, verwunderte sie sich zwar noch weit mehr über des Hauptmannes Ergebenheit, doch argwöhnte sie wiederum nichts. Und da sie den großen Diamanten und den schwarzemaillierten Ring besah, war sie weidlich in Verlegenheit, was sie damit beginnen sollte. Die ganze Nacht dachte sie darüber nach. Und während sie sich einerseits freute, in Ermangelung eines Boten jeder harten Antwort an den Hauptmann bis zu seiner Rückkehr enthoben zu sein, bedachte sie – zumal sie nur Schmuck zu tragen pflegte, den ihr Mann ihr geschenkt hatte – den Ring in der Gewissensfrage des Hauptmanns zu verwenden. So entsandte sie einen ihrer Diener zu der verlassenen Frau, ließ ihr den Stein überbringen, als käme er von einer Nonne aus Tarascon und fügte folgenden Brief bei:

›Madame! Bevor Euer Gatte sich einschiffte, hat er allhier auf der Durchreise gebeichtet und als guter Christ das Abendmahl genommen. Zugleich vertraute er mir an, daß die Reue, Euch nicht also geliebt zu haben, als es seine Pflicht war, schwer auf ihm laste. So übergab er mir diesen Diamanten für Euch nebst der Bitte, ihn als Zeichen seiner Liebe zu bewahren. Sollte Gott ihn wohl und gesund zurückkehren lassen, so will er Euch fürder ein liebevoller Gatte sein und dafür soll dieser Ring als Zeugnis dienen. Ich bitte Euch, ihn allezeit wohl in Euer Gebet einzuschließen, gleichwie ich es mein Lebelang tun werde.‹

Als die gute Alte Ring und Brief erhielt, weinte sie vor unbeschreiblicher Freude über die Liebe ihres Mannes und vor Trauer, ihn nun nicht bei sich zu sehen. Mehr denn tausendmal küßte sie den Stein, benetzte ihn mit ihren Zähren und pries Gott, der ihr am Ende ihrer Tage die Zuneigung ihres Gatten wiedergeschenkt habe, die sie schon seit langem verloren zu haben vermeinte. Der Nonne aber sandte sie voll Dankes eine über die Maßen freundliche Antwort, und über diese und den Bericht des Boten konnte die Dame ein Lächeln nicht unterdrücken. Doch war sie froh, sich des Diamanten auf eine Weise entledigt zu haben, die zugleich jene Frau mit ihrem Manne wieder in ein so löbliches Einvernehmen setzte und es schien ihr, als habe sie ein Königreich erobert.

Bald aber kam die Kunde, daß der arme Hauptmann geschlagen und getötet worden war, maßen jene ihn verraten hatten, die ihm zu Hilfe kommen sollten. Die Bewohner von Rhodos nämlich sollten seine Unternehmung geheimhalten, und da sie es ausplauderten, wurde er nebst achtzig seiner Leute nach der Landung niedergemacht. Unter diesen befanden sich auch ein Edelmann Johann und ein Türke, dessen Taufpatin jene Dame gewesen war; sie hatte diese beiden dem Hauptmann selbst mitgegeben. Der Edelmann fiel, der Türke aber rettete sich, trotzdem er von fünfzehn Pfeilen durchbohrt war, durch Schwimmen zu einem französischen Schiff und überbrachte als einzig Überlebender den Bericht jener Niederlage.

Ein Gefährte und Freund des Hauptmanns nämlich, der ihn selbst dem König empfohlen hatte, fuhr mit allen Schiffen davon, als er sah, daß jener ans Land gegangen war. Da nun der Hauptmann sich verraten und vor mehr denn viertausend Türken sah, wollte er sich zurückziehen. Doch der falsche Freund, der nach dem Tode seines Herren den Oberbefehl erhoffte, redete den Offizieren ein, daß man die Schiffe und soviel Leute nicht daran wagen dürfe, um kaum hundert Mann zu retten, setzte seine Ansicht durch, und je mehr jener um Hilfe rief, je weiter fuhren die Schiffe davon. Als der Hauptmann dessen inne ward, wandte er sich gegen die Türken, und bis über die Knie im Sande watend, vollbrachte er so wackere Taten, daß er schier seine Gegner überwältigte. Endlich jedoch ward er aus der Ferne von so vielen Pfeilschüssen durchbohrt, daß der Blutverlust ihn schwächte. Nunmehr stürmten die Türken mit Säbelhieben auf die kleine ermattete Schar ein, die sich nach Kräften verteidigte. Der Hauptmann rief den Edelmann Johann und den Türken zu sich, stieß den Degen in den Sand, fiel vor dem Kreuz auf die Knie, küßte es und sprach: ›Herr, nimm die Seele deines Knechtes zu dir, der sein Leben deinem Ruhme weihte.‹

Als der Edelmann inne ward, daß jenen bei diesen Worten die Kräfte verließen, packte er den Kreuzknauf des Degens, um den Hauptmann zu schützen; ein Türke aber hieb ihm von hinten beide Schenkel durch. Da schrie er: ›Auf, Hauptmann, und fort zum Throne des Herrn, für den wir sterben!‹ und blieb so im Tode sein Gefährte, wie er es im Leben gewesen war. Der getaufte Türke aber sah nun, daß er niemandem mehr helfen konnte, vielmehr selbst bereits von fünfzehn Pfeilen getroffen war. So eilte er zu den Schiffen zurück. Doch wollte ihn der Verräter dort nicht aufnehmen, und nur, weil er ein trefflicher Schwimmer war, gelang es ihm, ein kleines Boot zu erreichen. Nach einiger Zeit war er auch wieder von seinen Wunden geheilt und so vermochte er diese Kunde zum Ruhme des Hauptmannes und zur Schmach jenes Verräters heimbringen. Der König und seine Umgebung erklärten diesen Schandbuben der schlimmsten Strafe noch für unwert; da er aber zurückkam, Ausflüchte fand und zugleich reiche Geschenke überbrachte, so entging er nicht nur jeder Strafe, sondern erhielt gar die Stelle seines verratenen Gefährten.

Diese traurigen Nachricht erweckte auch am Hofe, zumal bei der Regentin, tiefes Bedauern. Die Dame aber, die er so sehr geliebt hatte, vergaß ihre harten Worte, die sie für ihn vorbereitet hatte, und weinte und klagte, da sie seinen jammervollen, glaubensfreudigen Tod vernahm. Und ihr Gemahl tat gleich ihr, zumal nun alle Hoffnung auf jene Reise geschwunden war. – Ein junges Edelfräulein, das zu jenem Hause gehörte und den Edelmann Johann innig geliebt hatte, war just an dem Tage, da jene gefallen waren, zu ihrer Herrin gekommen und hatte ihr erzählt, jener sei ihr ganz in Weiß im Traume erschienen, um ihr Lebewohl zu sagen, da er mit seinem Hauptmann in das Paradies entschwände. Da sie nun erfuhr, daß sie die Wahrheit geträumt hatte, war sie in ihrem Schmerz kaum zu trösten.

Einige Zeit nachdem ging der Hof nach der Normandie, der Heimat des Hauptmanns. Dessen Wittib wollte sich gern der Regentin vorstellen lassen. Dieserthalben wandte sie sich nun just an die Dame, in welche ihr Mann so verliebt gewesen war. Dieweil sie nun in der Kirche des Augenblickes harrte, erging sie sich in Klagen und Lobsprüchen auf den Hingeschiedenen und sagte schließlich: ›Ach, edle Frau, mein Unglück ist doppelt so groß, als das jeder anderen in meinem Falle. Denn Gott entriß ihn mir gerade, als er mich mehr denn je liebte.‹ Und damit wies sie auf den Ring als Sinnbild seiner innigen Liebe und weinte bitterlich. Die Dame aber vermochte trotz alles Bedauerns ihr Lachen kaum zu unterdrücken in dem Gedanken, wie ihr kleiner Trug nun zum besten ausgeschlagen war. Darum konnte sie auch die Vorstellung nicht übernehmen, übertrug sie einer anderen Dame und zog sich in eine Seitenkapelle zurück, um ihres Lachreizes Herr zu werden.

Mir nun scheint, alle Frauen, denen man derartige Geschenke macht, sollten bestrebt sein, sie in gleicher Weise zu guten Zwecken zu verwenden. Denn Wohltaten schaffen dem Wohltäter die reinsten Freuden. Jener Dame aber mag ihr Trug nicht vorgeworfen werden, da er ein wertloses Ding derart wertvoll zu machen verstand.«

»Soll das heißen,« fragte Nomerfide so vor sich hin, »daß ein schöner Diamant für zweihundert Taler nichts wert ist? Wäre mir der in die Hände gefallen, so hätte weder sein Weib und sonst wer etwas von ihm zu sehen bekommen. Sie hätte zudem der Ärmsten wohl die vielen Tränen ersparen können.« – »Ganz recht,« sprach Hircan, »leider haben viele Frauen die Gewohnheit, gegen ihre Natur des bloßen äußeren Eindruckes wegen zu handeln (denn wir wissen, alle Frauen sind geizig). Mir scheint, sie war nicht würdig den Ring zu tragen, da sie ihn fortgab.« – »Nun, nun,« rief Oisille, »nicht so eilig im Urteil. Ich glaube zu wissen wer es ist.« – »Ich kenne sie nicht,« meinte Hircan, »doch ob eines solchen Mannes Dienste hätte sie sich geehrt fühlen und den Ring tragen müssen. Vielleicht aber hielt ein Unwürdigerer ihren Finger, so daß sie ihn nicht daran stecken konnte.«

»Wirklich, sie hätte ihn behalten können,« sagte Emarsuitte, »da niemand es wußte.« – »Bei Gott,« rief Saffredant, »denn wer klug ist, wird nicht abgefaßt, nur wer sich aus Dummheit verrät, fällt herein.« – »Laßt das Streiten,« unterbrach Oisille, »Gott wird die Frau schon richten. Und um ein Ende zu machen, Parlamente, gebt Euer Wort einem andern.« – »So will ich es Simontault geben. Doch soll er uns nach diesen zwei traurigen Geschichten eine heitere zum besten geben.« – »Ich danke Euch,« sprach Simontault, »doch stellt mich, bitte, nicht immer als einen Spaßmacher hin. Das gefällt mir gar nicht. Und zur Rache will ich eine Frau beschreiben, die sich eine Weile vor verschiedenen Leuten keusch und züchtig stellt; am Ende aber zeigt sie ihre wirkliche Natur, wie euch die folgende wahrhafte Geschichte erweisen wird.«

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