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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 15
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
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Zwölfte Erzählung

Wie unziemlich und schamlos ein Herzog zum Ziele zu kommen suchte und wie seine Niedertracht gerechte Strafe erntet.

»Vor einiger Zeit lebte zu Florenz ein Herzog, der mit Margarete, der natürlichen Tochter Kaiser Karls des Fünften, vermählt war. Maßen sein Weib zum ehelichen Leben noch zu jung war, so war er zwar voll Zärtlichkeit zu ihr, doch wandte er seine Liebesgunst anderen Frauen in der Stadt zu, die er nächtlings besuchte, derweile sein Weib schlief. Ausnehmend gefiel ihm aber eine schöne, tugendliche Dame, die Schwester eines Edelmannes, dem der Herzog über die Maßen zugetan war, also daß er ihm in seinem Schlosse die höchste Achtung verschaffte und ihm zudem nichts von dem verschwieg, was in seinem Herzen vorging.

Da nun der Herzog inne ward, daß jene Schwester äußerst sittsam war und er ihr deshalb seine Liebe nicht gestehen konnte, so ging er nach mancherlei vergeblichen Versuchen zu dem Edelmann und sprach: ›Gäbe es nur etwas in der Welt, so ich nicht für Euch zu tun bereit wäre, so würde ich nicht wagen, Euch meinen Wunsch zu äußern oder gar um Eure Unterstützung zu bitten. Doch würde ich selbst mein Weib, meine Mutter oder Tochter für Euch dahingeben, wenn es gälte, Euer Leben zu retten. Ich bin nun gewiß, daß Eure Liebe zu mir nicht minder groß ist, und darum will ich Euch ein Geheimnis entdecken, dessen Verschweigen mich schon schier umgebracht hat. Nur der Tod oder Eure Hilfe kann mich retten.‹

Als der Edelmann gewahrte, daß sein Herr sich keineswegs verstellte und daß sein Antlitz in Tränen gebadet war, packte ihn gewaltiges Mitleid und er entgegnete: ›Was ich bin, bin ich durch Euch, o Herr; Euch danke ich alles, was ich besitze; so sprecht zu mir als Euerem Freunde, der gewißlich alles für Euch tun wird, was in seiner Macht steht.‹

Alsbald enthüllte ihm der Herzog seine Liebe zu jener Schwester und versicherte ihm, seine Leidenschaft sei so gewaltig, daß er nicht sehe, wie er ohne ihre Tröstung weiter leben könne. Wohl wisse er, daß mit Bitten und Geschenken nichts zu erreichen sei. Und so bäte er ihn, ein Mittel zu finden, wie er dies Glück erringen könne, das ihm ohne seine Hilfe verschlossen sei. Dem Bruder lag aber die Ehre seiner Schwester und seines Hauses mehr am Herzen als die Befriedigung der Lüste seines Herrn. So versuchte er, ihm Einwendungen zu machen, und beschwor ihn, seiner Dienste allerorten gewiß zu sein, jedoch solch grausames Verlangen an ihn nicht zu stellen. Denn er könne doch nicht sein eigen Blut entehren, und solcher Dienst ginge ihm wider Herz und Ehrgefühl. Den Herzog entflammte grimme Wut. Er zerbiß sich schier einen Fingernagel und rief zornentbrannt: ›Schon gut. Wenn Ihr keine Freundschaft empfindet, so weiß ich, was ich zu tun habe.‹

Da packte den Edelmann die Angst, denn er kannte recht gut seines Herrn Grausamkeit, und so stieß er hervor: ›Wenn Ihr denn wollt, Herr, so werde ich mit ihr reden und Euch Antwort bringen.‹ Der Herzog erwiderte kurz: ›Wie Ihr für mein Leben einstehen werdet, will ich es mit dem Euren halten –‹ und ging hinweg. Der Edelmann verstand sehr wohl, was das heißen wollte, und bedachte während zweier Tage – dieweil er sich beim Herzog nicht sehen ließ – wie er sich stellen könne: einerseits war er seinem Herrn verpflichtet, maßen er ihm alles verdankte; andrerseits sah er die Ehre seines Hauses und seiner Schwester vor sich. Daß diese zu solcher Schande nicht zu bestimmen war, wußte er recht wohl. Nur List oder Gewalt vermochten sie zu kirren und der bloße Gedanke solchen Schimpfes empörte ihn schon. So kam er zu dem Entschluß, lieber sein Leben daranzusetzen, als seiner Schwester, die vor allen Frauen Italiens tugendhaft war, solche Niedertracht zuzufügen. Besser schon war's, sein Vaterland von solchem Gewaltherrscher zu befreien, der unter Zwang sein Haus besudeln wollte. Er war ganz sicher, daß er und die Seinen ihres Lebens nicht sicher wären, wenn der Herzog nicht ins Jenseits befördert wurde. So entschied er sich denn, auf einen Schlag sein Leben zu retten und den Schimpf zu rächen, sprach erst gar nicht mit seiner Schwester, und erklärte nach diesen zwei Tagen dem Herzog: Nicht ohne große Mühe habe er sich endlich jene gefügig gemacht, so daß sie wohl bereit wäre, auf seine Wünsche einzugehen, sofern er nur fest versprechen wolle, alles so geheimzuhalten, daß nur er, der Bruder, etwas davon wisse.

Der Herzog hatte so auf diesen Bescheid gehofft, daß er dem Edelmann ohne weiteres Glauben schenkte, ihm um den Hals fiel und Himmel und Erde versprach. Alsdann bat er ihn, die Sache zu beschleunigen, und so setzten sie einen Tag fest. Der Herzog war überglücklich. Und als die so ersehnte Nacht kam, da er die Unbesiegliche zu erobern hoffte, begab er sich so früh als möglich allein zu dem Edelmann und verfehlte auch nicht, sich nach Möglichkeit herrlich zu kleiden und sein Hemd wohl zu parfümieren.

Als nun alles zur Ruhe gegangen war, begab er sich mit dem Bruder zu den Gemächern der Dame und betrat so eine gar sorglich ausgestattete Stube. Der Edelmann half ihm aus seinen Kleidern, ließ ihn alsdann ins Bett steigen und sprach: ›Nun will ich flugs diejenige holen, die nur voll Schamesröte in dies Zimmer kommen wird. Doch hoffe ich, daß sie noch in dieser Nacht Eurethalben in Ruhe sein wird.‹ Damit verließ er ihn und eilte in sein Gemach, wo er nur einen seiner Diener fand. ›Wärest du beherzt genug, mir zu einem Ort zu folgen, wo ich mich an meinem Todfeind rächen will?‹ Und jener, der doch nicht wußte, worum es sich handelte, entgegnete stracks: ›Bei Gott, Herr, und ginge es gegen den Herzog selber.‹

Ohne Weilen, also daß jener keine weitere Waffe mit sich nehmen konnte als den Dolch, so er bei sich trug, kehrten die beiden zum Herzog. Als der sie kommen hörte, vermeinte er, nun nahe die also Geliebte, tat den Bettvorhang auf und blickte hinaus, um sie zu erschauen. Doch nicht die Teure gewahrte er, die ihm neues Leben bringen sollte, sondern dräuenden Tod: denn vor ihm blinkte ein nackter Degen in des Edelmannes Faust, der den Herzog aufspießte. Der war in seinem Hemd ohne Waffen, doch nicht allen Mutes bar. So richtete er sich auf, umfaßte den Edelmann und fragte: ›Haltet Ihr so Euer Versprechen?!‹ Und da er nichts zu seiner Verteidigung hatte, denn seine Nägel und Zähne, so biß er jenem in den Daumen und rang so kräftig mit ihm, daß beide zur Erde rollten.

Nun war der Edelmann seiner Sache nicht mehr sicher und rief den Diener zur Hilfe. Doch der wußte, als er die zwei so eng umschlungen sah, nicht, wie zupacken. So zog er beide an den Füßen in die Mitte des Zimmers und versuchte alsdann, dem Herzog die Gurgel zu durchschneiden, während dieser ihn abwehrte, bis ihn durch den Blutverlust die Kräfte verließen. Da warfen ihn die beiden aufs Bett, machten ihm mit Dolchstichen vollends den Garaus, zogen alsdann die Vorhänge zu und schlossen am Ende die Stube von außen ab. Weiter bedachte nun der Edelmann, daß der Sieg über seinen Feind dem Staat nur nützen könne, wenn er noch fünf oder sechs Männer aus des Herzogs Umgebung ihm nachschickte. So hieß er seinen Diener, jene, einen nach dem andern, herbeizulocken, um sie das Los ihres Herrn teilen zu lassen. Der Diener aber war weder kühn noch stark und entgegnete: ›Mir scheint, Ihr tätet besser, Euer Leben in Sicherheit zu bringen, statt dem anderer nachzustellen. Denn bevor wir mit so vielen fertig geworden sind, ist der Tag angebrochen. Zudem wissen wir ja gar nicht, ob sie sich nicht verteidigen werden.‹

Dem Edelmann lähmte schon das böse Gewissen den Mut. Darum pflichtete er seinem Diener bei und begab sich mit ihm zu einem Bischof, der die Torwachen der Stadt und die Postpferde unter sich hatte. Dem erklärte er: ›Heute abend bekam ich die Nachricht, daß einer meiner Brüder im Sterben liegt. Deshalb erbat und erhielt ich vom Herzog Urlaub. Heißt also bitte die Wachen, mir zwei gute Pferde zu geben und das Stadttor zu öffnen.‹

Weniger ob seiner Bitte als wegen des Herzogs Geheiß gab ihm der Bischof allsogleich eine diesbezügliche Bescheinigung. Daraufhin verließ der Edelmann die Stadt und flüchtete nach Venedig, wo er die erhaltenen Bißwunden heilen ließ. Dann begab er sich nach der Türkei. – Als inzwischen die Diener den Herzog am nächsten Tage nicht zurückkehren sahen, vermuteten sie, daß er bei einer Dame weile. Doch es wurde immer später, also daß sie schließlich nach ihm suchten. Die arme Herzogin, die ihn bereits heiß liebte, war schier verzweifelt, als sie vernahm, daß man ihn nicht finden konnte.

Doch der Edelmann, der so in des Herzogs Gunst stand, blieb gleichermaßen unsichtbar, und daher begann man sein Haus zu durchsuchen. Man fand vor seinem Zimmer Blutspuren, drang ein, fand nichts, folgte aber den Blutspuren und kam so zu der verschlossenen Stube, in der des Herzogs Leiche lag. Ohne Säumen erbrachen die Diener das Schloß und erblickten eine gewaltige Blutlache, hinter dem Vorhange aber, auf der Lagerstatt, des Dahingeschiedenen durchbohrten Leib.

Gramumfangen trugen sie den Leichnam ins Schloß; alsbald kam auch der Bischof und erzählte, daß der Edelmann bei Nacht in Eilen abgefahren sei unter dem Vorgeben, seinen Bruder besuchen zu müssen. So war klar ersichtlich, daß er den Mord begangen, seine Schwester aber zuvor nichts davon gewußt hatte. Diese war zwar zunächst tief erschrocken. Dann aber liebte sie ihren Bruder um so heißer, der ihre Keuschheit unter Einsatz seines Lebens vor des Herzogs Grausamkeit bewahrt hatte. Also beharrte sie mehr denn je in strengster Tugend und Sittsamkeit. Und obgleich man ihr gleich ihrer Schwester Hab und Gut konfiszierte so beide in tiefste Armut stürzte, wurden ihnen ob ihrer Ehrbarkeit die zwei reichsten Männer Italiens als Gatten zuteil, und sie lebten fortan in Glück und Ansehen.

Ihr sehet, meine Damen, wie man den kleinen Gott Amor fürchten muß, der sich ein Vergnügen daraus macht, Fürsten und Arme, Starke und Schwache zu peinigen und zu verblenden, bis sie schier Gott und Gewissen vergessen und gar ihr eigenes Leben darangeben. Und hinwiederum mögen sich die hohen Herren hüten, Untergebenen zu nahe zu treten, maßen sie nicht wissen können, ob nicht Gott diese zum Werkzeug seiner Rache macht.«

Diese Geschichte löste großen Streit aus, da die einen fanden, der Edelmann habe nur seine Pflicht getan, die andern dagegen, er habe großes Unrecht begangen, indem er seinen Wohltäter tötete. Während zumal die Herren ihn einen Verräter hießen, nannten die Damen ihn einen treuen Bruder und tugendhaften Bürger und erklärten leidenschaftlich, daß der Herzog seinen Tod gar wohl verdient habe. Dagoucin rief daher: »Streitet doch um Gottes willen nicht also um vergangene Dinge und sorget lieber dafür, daß eure Schönheit nicht mehr solcher Mordtaten veranlaßt!« Doch Parlamente entgegnete: »Das Gedicht von der unerbittlichen Schönen erweist, daß solches reizvolle Leiden doch nicht den Tod nach sich zu ziehen braucht.« – »Gebe Gott,« erwiderte Dagoucin, »daß alle Damen hier wissen, wie falsch diese Ansicht ist. Sicher würden sie alsdann nicht unerbittlich sein wollen und ergebene Diener durch ungnädigen Verweis in den Tod stürzen.« – »So wollt Ihr also, daß wir Ehre und Gewissen aufs Spiel setzen, um jenen das Leben zu retten« – »Keineswegs, denn wer wahrhaft liebt, wird mehr für die Ehre seiner Geliebten fürchten als sie selbst, und wer das Gegenteil erstrebt, ist eben kein wahrhaft ergebener Freund.«

Nun mischte sich Emarsuitte ein und sprach: »So seid ihr alle: erst redet ihr von Ehre, und dann kommt es umgekehrt. Und nur wenn alle hier die Wahrheit sagen wollen und sie beeiden, will ich ihnen glauben!« Hircan schwor, nie je eine Frau, außer der seinen, geliebt zu haben, der er nicht gottverbotene Dinge zugemutet habe. Das gleiche versicherte Simontault. Guebron aber sagte: »Wahrlich, ihr verdientet, daß eure Frauen den andern glichen. Ich meinesteils kann schwören, daß ich eine Frau so tief geliebt habe, daß ich lieber gestorben wäre als ihr etwas Ehrloses zuzumuten. Denn ich liebte sie ob ihrer Tugend, und die hätte ich nicht beschmutzt sehen mögen.« Darob begann Saffredant zu lachen und rief: »Ich dachte, die Liebe zu Euerem Weibe und der gesunde Menschenverstand hätten Euch überhaupt gehindert, Euch irgendwo sonst zu verlieben. Ich sehe, ich habe mich geirrt: Ihr redet in Wendungen, mit denen wir die Schlauesten zu blenden pflegen und die Tugendhaftesten einfangen. Denn wie können uns diese Gehör verweigern, wenn wir von Ehre und Tugend reden?! Aber auch unter denen, die sich zeigen wie sie sind, gibt es sicher mehr Gunstbeglückte, als die Damen wohl zugeben mögen. Zudem mag es vielleicht auch oft geschehen, daß die Damen ihr Herz schon zu fest vergeben haben und sich dann nicht mehr imstande sehen oder für berechtigt halten, zurückzuhufen, wenn sie merken, daß ihr Weg nicht zur Tugend führt, sondern geradeswegs zum Laster.« – »Wahrlich, ich habe Euch verkannt,« entgegnete Guebron, »denn ich vermeinte, Ihr stelltet die Tugend über die Lust.« – »Gibt es etwa eine größere Tugend, als in der gottgebotenen Form zu lieben?« fragte Saffredant. »Die Frau ist doch ein Weib und nicht ein Götzenbild! Drum ist's besser, sie zu gebrauchen denn sie zu mißbrauchen.«

Die Damen stellten sich auf Seiten Guebrons und verwiesen Saffredant seine Worte. Der meinte deshalb: »Wenn man mich so behandelt, will ich gern schweigen.« – »Ihr seid selbst daran schuld,« entgegnete Longarine. »Welche anständige Frau mag nach Euern Worten noch Eure Dienste leiden? Doch sehen wir nun zu, wem Dagoucin das Wort erteilen wird.« Der sprach: »Ich gebe es Parlamente, denn sicherlich weiß sie mehr denn jede andere, was sittsame und vollkommene Freundschaft ist.«

Und Parlamente hub an: »Da mir das Wort erteilt wurde, will ich euch die Geschichte einer nahen Freundin erzählen, die niemals Geheimnisse vor mir hatte.«

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