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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
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Elfte Erzählung

Kitzliche Aussprüche eines Franziskanermönches gelegentlich seiner Predigten.

»Unweit des Städtchens Bleré in der Touraine liegt ein Dorf Saint-Martin-le-Beau, wohin ein Franziskaner aus seinem Kloster zu Tours berufen wurde, um während der Advents- und Fastenzeit alldort zu predigen. Der war mehr wortreich denn gelehrt, und da er bisweilen nicht wußte, wie die vorgeschriebene Stunde ausfüllen, so tischte er denn mancherlei Geschichtchen auf, die seiner Gemeinde nicht allzu erbaulich erschienen. Eines Gründonnerstags nun sprach er just vom Osterlamm und wie man es zur Nachtstunde essen müsse. Da erblickte er einige junge, schöne Damen, die erst eben aus Amboise angelangt waren und hier die Ostertage verbringen wollten. Um sich vor diesen einen schönen Abgang zu verschaffen, richtete er an die weibliche Zuhörerschaft die Frage, ob sie wohl wußten, wie sie sich des Nachts an ungekochtem Fleische ergötzen dürften, und fuhr dann fort: ›So will ich es euch erklären.‹ Die jungen Männer, die mit ihren Frauen, Schwestern und Nichten zugleich aus Amboise gekommen waren und die Scherze des Mönches nicht kannten, wurde unruhig. Doch wandelte sich ihr Zorn in Lachen, als sie zuhörten und vernahmen: um das Osterlamm zu essen, müßte man die Lenden wohl gegürtet, Füße an seinen Schuhen und eine Hand an seinem Stock haben. Da der Franziskaner sie nun lachen sah und recht wohl wußte, weshalb, so verbesserte er sich eilends: ›Ja doch, ja doch! Schuhe an seinen Füßen und einen Stock in der Hand. Ist das nicht gehupft wie gesprungen?‹ Natürlich gab es ein gewaltiges Gelächter, selbst die Damen konnten es nicht unterdrücken, zumal er noch andere erbauliche Ratschläge an sie richtete. Und da nun die Stunde zu Ende ging und er die Weiblichkeit nicht unzufrieden lassen mochte, so sprach er zu ihnen: ›Vielleicht, meine Damen, geht ihr nun zu den Basen klatschen und fragt: ›Was ist das für ein edler Bruder, der da so keck draufzuredet? Wohl ein Saufhannes?‹ So wißt – ihr braucht euch nicht zu verwundern, daß ich so ohne Scheu rede, denn ich stamme aus Anjou, zu euern Diensten.‹

Also beschloß er seine Predigt und ließ seine Zuhörer in einer Stimmung, die mehr zum Lachen über seine Anzüglichkeiten neigte, denn zur Rührung über die Leidensgeschichte unseres Herrn. Übrigens waren seine sonstigen Festreden aus gleichem Teig gebacken. So wißt ihr ja, daß diese Mönche sich allemal bezüglich ihrer Ostereier wohl in Erinnerung bringen. Sie erhalten dann nicht nur Eier, sondern gar vielerlei: Leinzeug, Wolle, Würste, Schinken, Speckseiten und anderes Gutes. Als nun der Mittwoch nach Ostern da war und jener seine Bitten ohne jede Zurückhaltung vorbrachte, verstieg er sich zu folgenden Worten:

›Meine Damen, es drängt mich, eure Freigebigkeit zu bedanken, mit der ihr unser armes Kloster überschüttet habt. Doch leider bedachtet ihr nicht genug, was uns nottat, denn ihr habt uns zumeist Würste geschenkt, mit denen unser Kloster schon so reich versehen war, Gott sei Dank! Was sollen wir nun mit all diesen anfangen? Wißt ihr was? Mir scheint das Beste, ihr tut eure Schinken zu unsern Würsten, dann würdet ihr eine wahre Wohltat begehen.‹

Dann fuhr fort, anstößige Dinge zu erörtern, machte ganz unvermittelt Zote auf Zote und rief schließlich voller Verwunderung: ›Gott soll mich bewahren, ihr Männer und Frauen von Saint-Martin, wie könnt ihr nur um nichts und wieder nichts so anstellen und gar über mich alleweil klatschen: ›Wie schrecklich! Wer hätte glauben können, daß dieser edle Pater die Tochter seiner Wirtsfrau geschwängert hat.‹ Wahrhaftig, daran ist doch nichts Erstaunliches, daß ein Mönch solch Mädel schwanger macht! Wie meint ihr, meine Schönsten: wäre es nicht viel erstaunlicher, wenn das Mädel den Mönch geschwängert hätte?‹

Das war die treffliche Kost, damit jener biedere Hirt seine fromme Herde speiste. Zumal die Frechheit ist bemerkenswert, mit der er von der Kanzel herab seine Sünde gar noch besprach, da er dorten doch nur seinen Nächsten belehren und Gott zum Preise reden durfte.«

»Wahrlich ein prächtiger Mönch!« meinte Saffredant. »Der gleicht fürwahr dem guten Bruder Anjibault, dem man alle die kitzlichen Aussprüche aufhalst, die sich nur unter Herren erzählen lassen.« – »Ich«, entgegnete Oisille, »finde so etwas keineswegs lächerlich, zumal an solchem Orte.« – »Ihr vergeßt,« warf Nomerfide ein, »daß zu jener doch nicht fernen Zeit die Dorfleute, ja sogar die meisten Stadtbewohner – die sich doch viel besser dünken – jene Prediger weitaus höher schätzten als die andern, die schlicht und lauter das Evangelium kündeten.« – »Jedenfalls tat er gar nicht so dumm daran, für die Würste um Schinken zu bitten,« meinte Hircan, »denn an diesen ist mehr daran. Und mochte hier und dort ein frömmelndes Geschöpf seine Worte zweideutig verstehen – wie wahrscheinlich er selbst auch – so fuhr er nebst seinen Gefährten darum nicht schlechter und das Dirnlein auch nicht, das also auf seine Kosten kam.« – »Aber begreift Ihr denn nicht,« rief Oisille erregt, »daß dieser freche Kerl ganz nach Belieben den Sinn seiner Worte verdrehte, als ob er mit seinesgleichen zu tun hätte, und also schamlos die armen Weiblein aufforderte, bei ihm zu lernen, wie man sich an ungekochtem Fleisch zur Nachtzeit gütlich tun könne?« – »Ihr vergeßt,« entgegnete Simontault, »daß er jene jungen Frauen vor sich sah, in deren . . . Kochtopf er gerne seine . . . Nase – nicht wahr? – gesteckt hätte, um ihnen zu zeigen, wie gut blutwarmes, schier zuckendes Fleisch schmeckt.« – »Genug! Genug!« rief Parlamente dazwischen, »vergeßt Euch nicht . . . Wo bleibt denn Eure sonstige Zurückhaltung?« – »Verzeiht, dieser schamlose Mönch brachte mich auf Abwege. Damit wir nun nicht weiter darein verfallen, mag Nomerfide, die an allem schuld ist, einem andern das Wort erteilen, der uns unsere Fehler vergessen lassen mag.« – »Das ist nicht schön von Euch,« sprach diese, »daß Ihr mir Eure Schuld mit aufladen wollt. So mag denn Dagoucin das Wort haben, der unser Unrecht wieder gutmachen wird. Denn er wird um's Leben nicht etwas Unpassendes sagen.«

Dagoucin dankte ihr für ihre gute Meinung und hub also an: »Die Geschichte, die ich euch erzählen will, soll euch zeigen, wie die Liebe selbst die hochgemutetsten Herzen verblenden kann und wie sich eine Bosheit selbst durch Wohltaten nicht wieder gutmachen läßt.«

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