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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
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Zehnte Erzählung

Von Amadours und Florindens Liebe, darinnen viel von Trug und Heuchelei die Rede ist, zumal jedoch von Florindens preislicher Keuschheit.

»In der Grafschaft Arande in Aragon lebte eine Dame, die als noch ganz junge Frau ihren Gatten, den Grafen von Arande, verloren hatte. Bei ihr waren ihre zwei Kinder, ein Sohn und ihre Tochter Florinde. Besagte Wittib gab sich jede Mühe, ihre Kinder in allen Tugenden zu erziehen, wie sie den Sproßen so hochansehnlicher Familien geziemen, also daß sich der Ruf von der Achtbarkeit ihres Hauses bald über ganz Spanien verbreitete. Oft kam sie nach Toledo, wo der König seine Residenz hatte, und wenn sie Saragossa, in dessen Nähe ihr Schloß lag, besuchte, so weilte sie lange bei der Königin und am Hofe, wo sie sich einer Schätzung ohnegleichen erfreute.

Einstmals machte sie sich wieder nach dorthin auf, so wie es ihre Gewohnheit war, um dem König in seinem Schlosse Jaffière in Saragossa ihre Aufwartung zu machen. Auf ihrem Wege kam sie durch ein Städtchen, das dem Vizekönig von Katalonien gehörte. Dieser kam zumeist wegen der Kämpfe mit Frankreich nicht von der Grenze bei Perpignan fort. Damals aber war gerade Frieden und der Vizekönig war mit allen Offizieren herbeigeeilt, um dem König zu huldigen.

Als der Vizekönig erfuhr, daß die Gräfin von Arande durch sein Gebiet kam, eilte er ihr ob ihrer alten Freundschaft und wegen ihrer Verwandtschaft mit dem König entgegen. In seiner Begleitung befanden sich etliche ehrenwerte Edelleute, die sich in den langen Kämpfen so männiglich Ruhm und Ehre erworben hatten, daß ihr Umgang nur jeden beglücken konnte. Darunter befand sich auch ein junger Mann von achtzehn oder neunzehn Jahren namens Amadour, der trotz seiner Jugend ein so sicheres Auftreten und so klugen Sinn besaß, daß er wohl unter Tausenden einzig wert gewesen wäre, einen Staat zu leiten. Dazu gesellte sich solch gewaltige unmittelbare Schönheit und eine so fesselnde Gabe zur Unterhaltung, daß man im Zweifel sein konnte, wem der Vorzug gebühre: seiner Schönheit, seinem Anstand oder seinem Verstand. Zu alledem kam noch eine Kühnheit, die er allenthalben auch in Frankreich und Italien bewiesen hatte, denn auch dort hatte er gekämpft, wenn daheim Frieden war. So erfreute er sich allgemeiner Achtung unter Freund und Feind. Dieser Edelmann also wohnte auch jener Begegnung mit der Gräfin bei. Doch als er die Schönheit und Anmut ihrer Tochter wahrnahm – die damals erst zwölf Jahre zählte –, da dünkte ihm das schönste Wesen dieser Welt erblickt zu haben, dessen Zuneigung alle Güter und Freuden einer andern Frau wohl aufzuwiegen vermochte. Nachdem er sie lange betrachtet hatte, beschloß er, ihr seine Liebe zu weihen. Doch war er sich wohl klar, wie sehr ihre edle Abkunft und ihre Jugend seinen Plänen im Wege standen, so daß er nur hoffen konnte, mit der Zeit und viel Geduld zum Ziele zu kommen. Um nun der Hauptschwierigkeit die Spitze abzubrechen – das war die weite Entfernung beider Wohnorte und die seltene Möglichkeit, Florinden zu sehen –, so beschloß er, sich zu verheiraten. Inzwischen war solchergestalt die Gräfin nach Saragossa gekommen und vom König und dem ganzen Hof herrlich aufgenommen worden. Oft besuchte sie auch der Gouverneur von Katalonien, und stets begleitete diesen dann Amadour, in der Hoffnung, mit Florinde plaudern zu können. Und um dort eingeführt zu werden, wandte er sich an die Tochter eines bejahrten Rittersmannes, der seiner Eltern Nachbar war. Dieses Mägdelein, Aventurade, war neben Florinde aufgezogen worden, so daß sie alles wußte, was in deren Herzen vorging. Ob ihrer edlen Abkunft nun und da sie dreitausend Dukaten Rente als Mitgift zu erwarten hatte, beschloß er, sich um ihre Hand zu bewerben. Dem war sie wohlgeneigt; doch da jener arm war, ihr Vater dagegen so reich, so bedachte sie, daß nur die Fürsprache der Gräfin von Arande hier helfen könne. Deshalb wandte sie sich an Florinde und sagte zu ihr: ›Seht Ihr dort den kastilianischen Edelmann, der so oft mit mir plaudert? Ich glaube, er beabsichtigt, mich zu heiraten. Doch wißt Ihr, wie mein Vater ist. Sicherlich würde er dem nie zustimmen, wenn die Frau Grafin und Ihr selbst nicht Fürbitte einlegt.‹

Florinde liebte das Mägdelein wie sich selbst; darum versprach sie ihr, diese Sache in die Hand zu nehmen, als ob es ihre eigene wäre: Und infolgedessen stellte Aventurade ihr Amadour vor. Als der Florindens Hand küßte, glaubte er zu vergehen, und er, der ob seiner Plauderkunst berühmt war, ward so stumm, daß Florinde sich baß erstaunte. So sagte sie schließlich: ›Euer Ruf ist uns allen wohlbekannt, und es ist jedem eine Freude, Euch irgendwie gefällig sein zu können. Wenn ich Euch daher jemals helfen kann, möget Ihr auf mich rechnen.‹

Doch Amadour sah nur ihre Schönheit und war so hingerissen, daß er kaum ein Wort fand, ihr zu danken. Und ob sich gleich Florinde über sein Schweigen verwunderte, so vermutete sie nur Blödigkeit dahinter und natürlich keine Liebe und ging davon, ohne weiter Worte zu verlieren. Als Amadour inne ward, welch schöne Seele ihr trotz ihrer Jugend schon zu eigen war, sprach er zu der, die er heimführen wollte: ›Erstaunt Euch nicht, daß ich so alle Sprache verloren habe. Florindens Anmut und kluger Sinn haben mich derart verwirrt, daß ich schier nichts zu sagen wußte. Doch Ihr, Aventurade, die Ihr alle ihre Geheimnisse kennt, sagt mir doch: hat sie nicht schon aller Fürsten und Edelleute Herz bezaubert?‹

Aventurade liebte ihn bereits mehr denn alles in der Welt. So mochte sie ihm nichts verbergen und bestätigte, daß alle Herren Florinden zu Füßen lägen, daß sie aber, der Sitte gemäß, mit wenigen in Berührung käme und sich nur zwei spanische Prinzen um ihre Hand bewürben, der Sohn des Infanten, Heinrich von Aragon, und der junge Herzog von Cardonne. Augenscheinlich gäbe sie dem Sohn des Infanten den Vorzug. ›Doch‹, fuhr sie fort, ›überzeugt Euch selbst. Der junge Prinz ist einer der schönsten Fürsten der Christenheit und sie würden ein herrliches Paar bilden. Zudem, obgleich noch beide so jung sind – der Prinz zählt erst fünfzehn Jahre –, besteht und wächst die Liebe zwischen ihnen schon seit drei Jahren. Und wenn Ihr ihrer Gunst recht sicher sein wollt, so rate ich Euch, sucht seine Freundschaft.‹ Amadour war herzlich froh, daß die Dame seines Herzens überhaupt liebesfähig war, denn also konnte er hoffen, mit der Zeit zum Ziele zu kommen – wenn auch nicht als Gatte, so doch als ergebener Freund. Daher befolgte er alsbald den Rat, suchte den Umgang des Prinzen und erwarb bald dessen Gunst. Denn er verstand sich wohl auf all die Zeitvertreibe, die der Prinz liebte, zumal auf Reitkunst, Handhabung aller Art Waffen und sonstige edle Kurzweil. Als nun der Krieg in der Languedoc begann und Amadour mit dem Vizekönig dorthin fortmußte, ward er tiefbetrübt. Denn nun war ihm jede Möglichkeit, Florinden zu sehen, abgeschnitten. So beauftragte er einen seiner Brüder, der bei der spanischen Königin Hausmeister war, die Ehe mit Aventurade zu betreiben und den Beistand aller Freunde und selbst des Königspaares anzurufen. Und wirklich gelang es dem Hausmeister, zu erreichen, daß der geizige alte Herr vor Amadours Tugenden seine Geldgier meisterte, da alle, zumal die Grafenfamilie von Arande, so voller Lobes über ihn waren. Und als die Hochzeit bestimmt war, ließ der Hausmeister seinen Bruder vom Kriegsschauplatze heimrufen.

Inzwischen hatte sich der König vor dem ungünstigen Klima nach Madrid zurückgezogen und ließ dort auf Drängen seiner Ratgeber und der Gräfin die Heirat der Herzogin Medina-Coeli mit dem jungen Grafen von Arande anberaumen, um so einerseits diese Häuser miteinander zu vereinen, andrerseits seine Zuneigung zu der Gräfin zu beweisen.

Zu dieser Hochzeit nun kam Amadour und vollzog alsbald auch die seine mit Aventurade, von der er weitaus mehr geliebt wurde, als er sie liebte, maßen diese Ehe nur der Deckmantel und Stützpunkt war, der ihm den Zutritt dahin ermöglichen sollte, wo er in Gedanken bereits dauernd weilte. Nach seiner Vermählung besuchte er das Haus der Gräfin von Arande so keck und ohne Zwang, daß man bald vor ihm ohne Zurückhaltung sprach wie vor einer Frau. Trotz seiner zweiundzwanzig Jahre erwies er sich so scharfsinnig, daß die Gräfin ihn alles wissen ließ, was sie je vorhatte, und ihre beiden Kinder hieß, seines Rates wohl zu pflegen und ihn stets zu befolgen. Trotz dieser Erfolge blieb er sehr zurückhaltend und Florinde merkte daher von seiner Neigung nichts. Und ob ihrer Liebe zu Amadours Frau, Aventurade, verheimlichte sie nie etwas vor ihm und enthüllte ihm sogar ihre Gefühle zu dem Prinzen. Er wiederum sprach alsdann unaufhörlich mit ihr über diese Sache, da er sie dadurch um so sicherer zu gewinnen vermeinte und zudem froh war, auf diese Weise lange mit ihr plaudern zu dürfen.

Doch einen Monat nach seiner Hochzeit mußte er zum Kriege zurück und verblieb mehr denn zwei Jahre fern von seinem Weibe. Derweile schrieb er ihr oft und zumal Empfehlungen an Florinde, die sie ihrerseits erwiderte, ja zuweilen schrieb sie selbst einige Zeilen unter Aventurades Briefe mit darunter. Doch verspürte sie nichts dahinter und war ihm nur wie einem Bruder zugetan. Bisweilen kam er auch besuchsweise heim. Doch ob er Florinden so kaum zwei Monate in den ganzen Jahren sah, nahm seine Liebe nur immer zu.

Als er solchergestalt wieder einmal zu seiner Frau kam, weilte die Gräfin auf einem ihrer Güter, da ihr Sohn dem König nach Andalusien gefolgt war. Voll Freude, ihn nach dreijähriger Abwesenheit wiederzusehen, ließ sie ihn wie ihren Sohn halten und holte wieder in allem seinen Rat ein. Auch Florinde sorgte liebevoll für ihn, ohne seine Absichten zu ahnen. Und da ihr sein Umgang angenehm war, so legte sie sich auch vor ihm keinen Zwang auf. Amadour hingegen hatte große Mühe, dem Scharfblick derer zu entgehen, die sich auf den Blick Verliebter wohl verstehen. Um sich nun auf die Dauer nicht zu verraten, begann er einer gar schönen Frau, Pauline mit Namen, Aufmerksamkeiten zu erweisen, deren Anmut schon viele in Fesseln geschlagen hatte. Die hatte oft von seinen Liebesabenteuern in Barcelona und Perpignan sprechen hören. So sagte sie eines Tages zu ihm, daß sie ihn tief bemitleide, weil er nach so herrlichen Erfolgen eine so häßliche Frau wie Aventurade geheiratet habe.

Amadour verstand sehr wohl, daß sie geneigt war, die Trösterin zu spielen, und da er vermeinte, sie dadurch leichter über die Wahrheit zu täuschen, sagte er ihr tausend Liebenswürdigkeiten. Doch sie war erfahren genug in Liebesdingen, um mehr als Worte zu verlangen. Und da sie wohl begriff, daß er keineswegs von Liebe zu ihr erfüllt war, so begann sie zu vermuten, daß sie nur den Deckmantel spielen sollte. Sie merkte nun wohl auf. Amadour wiederum verstellte sich so wohl, daß sie nicht über den bloßen Argwohn hinauskam. Doch seine Verlegenheit wuchs. Und da nun Florinde sich so oft vor Paulinen zwanglos mit ihm unterhielt und er diese Fälle besonders fürchtete, benutzte er eine Gelegenheit, da er in einer Fensternische mit Florinden plauderte, und sprach: ›Ich bitte Euch, ratet mir, was besser ist – reden oder sterben.‹ Florinde entgegnete sogleich: ›Stets werde ich meinen Freunden raten, zu reden, denn nur wenige Worte lassen sich nicht wieder gutmachen, der Tod aber ist unwiderruflich.‹ – ›So wollt Ihr mir versprechen, über meine Worte weder betrübt zu sein noch ungehalten, bevor Ihr mich bis zum Ende angehört habt?‹ – ›Sprecht immerhin; denn wenn Ihr mich überrascht, könnt auch Ihr nur mich wieder beruhigen.‹

Darauf hub er also an: ›Nie bisher mochte ich aus zweien Gründen von meiner tiefen Verehrung zu Euch sprechen: zum ersten, weil ich sie Euch durch langjährige Ergebenheit zu beweisen gedachte; zum zweiten, weil ich befürchtete, Ihr möchtet darin eine große Überhebung erblicken. Ja, wäre ich selbst fürstlicher Abkunft, so hätte doch der hohe Adel Eures Herzens keinen andern Herrn verdient als den Prinzen. So vernehmet denn, daß ich schon zu Zeiten Eurer frühesten Jugend Euch derart ergeben war, daß ich alles daran setzte, um Eure Gunst zu erwerben, und darum das Mägdelein ehelichte, dem Ihr am meisten zugetan waret. Darum auch bewarb ich mich um des Prinzen Wohlwollen und tat so alles, was Euch nur irgend gefallen mochte. Doch versteht mich recht: ich gehöre nicht zu den Männern, die hierdurch unehrenhaften Gewinn erhoffen und lästerliche Liebesgunst erstreben – viel eher möchte ich Euch tot sehen, denn entehrt. Als Entgelt für meine Ergebenheit erbitte ich nur, daß Ihr mir eine wohlgewogene Herrin bleibet und mir Eure Gunst bewahret, gleichwie bisher, voll Vertrauen auf mich und meinen Rat. Seid sicher, daß ich für Euch und Eure Ehre wenn nötig mein Leben daran zu setzen bereit bin und wohl die schwierigsten Aufgaben leichtlich Euch zu Liebe bewältigen würde. Solltet Ihr mich aber abweisen, so würde ich Waffenruhm und Ehre fahren lassen, die mir dann zu nichts mehr nutze sind. So gewähret mir diese Bitte, gegen die Eure Tugend und Euer Gewissen nichts einwenden kann.‹

Ob dieser unerwarteten Erklärung wechselte die junge Dame die Farbe und senkte tief erschrocken die Augen. Doch faßte sie sich und erwiderte: ›Da Ihr nichts anderes begehret, denn das, was Ihr schon besitzt, wozu diese lange Rede? Fast fürchte ich, unter Euren ehrenhaften Worten steckt irgendein Trug, um meine jugendliche Unerfahrenheit hinters Licht zu führen. Daher bin ich in Verlegenheit, was ich antworten soll. Denn ich mag nicht das Gegenteil von dem tun, was ich bisher pflegte, ich mag nicht Eure ehrenhafte Freundschaft zurückweisen, nachdem ich Euch bisher vor allen das meiste Vertrauen geschenkt hatte. Sie steht auch mit nichts in Widerspruch, da sie auf eine Ehe nicht abzielt. So hält mich nur eine gewisse Furcht zurück, die darin ihren Grund hat, daß für Eure Worte so gar keine Veranlassung vorlag. Denn da Euer Wunsch schon erfüllt ist, was drängt Euch dann, ihn mir des langen und breiten vorzutragen?‹

Amadour entgegnete ohne Besinnen: ›Wie klug Ihr sprecht und wie Ihr mich schon durch diese Bestätigung Eures Vertrauens ehrt! Unwürdig wäre ich jeder weiteren Gunst, wenn ich mich damit nicht zu genügen wüßte. Doch vernehmt nur, daß ich vorsorglich auch darauf sehe, daß niemand meine Zuneigung errät, um unerschüttert meiner Ergebenheit zu Euch pflegen zu können. Nun hat Pauline Argwohn gegen mich geschöpft, da sie begriffen hat, daß ich sie nicht lieben mag. Und da Ihr oft so ohne Zwang mit mir sprächet, fürchtete ich, sie könne irgend etwas bei mir erspähen und darauf ein Urteil aufbauen. Drum flehe ich Euch an: redet mich nicht vor ihr und ähnlichen Lästerzungen so unerwartet an. Denn lieber möchte ich sterben, als mich vor einer lebenden Seele verraten.‹

Florinde war bei diesen Worten über die Maßen erfreut. In ihrem Herzen keimte ein ganz ungewohntes Gefühl auf. Und da sie seine ehrenhaften Gründe einsah, so gewährte sie ihm gern die Zusage seiner Bitte und beglückte damit Amadour, wie nur ein Verliebter ihm nachfühlen kann. Doch beachtete sie seinen Rat am Ende allzusehr; denn da sie nun nicht nur vor Paulinen scheu wurde, sondern allenthalben, zog sie sich immer mehr von ihm zurück. Derweile sie sich also fernhielt, begann ihr sein Verkehr mit Paulinen zu mißfallen, und diese erschien ihr nun so schön, daß sie nicht mehr zweifelte, daß Amadour sie liebte. Um ihre Traurigkeit zu betäuben, suchte sie allerweilen Aventurade auf, die auch auf Paulinen eifersüchtig geworden war, und tröstete sie nach Möglichkeit, gleich als ob sie unter dem gleichen Leiden litte.

Amadour fiel Florindens Zurückhaltung auf. Ihm schien, daß nicht nur sein Rat da mitspräche, sondern noch irgendein törichtes Mißverständnis. So sprach er eines Tages nach dem Vespergottesdienst zu Ihr: ›Warum seid Ihr so gar zurückhaltend geworden?‹ – Sie entgegnete: ›Ich vermeinte, Ihr wünschtet es so.‹ Alsbald ahnte er den wahren Zusammenhang, und um sicher zu sein, sagte er flugs: ›Ich habe nun erreicht, daß Pauline nichts mehr argwöhnt.‹ Darauf erwiderte sie: ›Was könntet Ihr auch besseres für Euch und mich tun: Ihr schafft Euch Freuden und könnt noch obendrein Lob beanspruchen.‹ Da ward er inne, daß sie vermeinte, ihm schaffe der Umgang mit Pauline Genuß und in tiefem Schmerze vermochte er seinen Zorn schier nicht zurückzuhalten: ›Fürwahr, das heißt, Euern Diener quälen und mit Steinen werfen. Wie mußte ich mich überwinden, um diese langweilige Frau zu umschmeicheln, für die ich nichts übrig habe. Da Ihr nun mißverstanden habt, was ich Euch zu Liebe tat, so werde ich künftig nie wieder mit ihr sprechen, mag kommen was will. Und um meinen Grimm zu bergen gleich meinen Gefühlen, will ich von hier fortgehen, bis Euer Wahn verflogen ist. Zudem hoffe ich, bald zum Kriege zurückgerufen zu werden. Dort werde ich alsdann so lange bleiben, bis Ihr inne werdet, daß nichts mich hier hält denn Ihr allein.‹

Mit diesen Worten verließ er sie ohne ihre Antwort abzuwarten und ließ sie über die Maßen betrübt und niedergeschlagen zurück. Und aus seiner Abweisung begann in ihr eine gewaltige Liebe zu erwachsen. Sie sah alsbald ihr Unrecht ein und schrieb eiligst an Amadour, er möge zurückkehren. Also tat er nach einigen Tagen, da sein Zorn sich gelegt hatte. Dann sorgte er dafür, daß sie ihre Eifersucht fallen ließ, und schließlich siegte die Liebe über den Verdacht und beide gaben sich froher denn je dem Genusse hin, miteinander zu plaudern.

Da kam die Nachricht, daß der König das ganze Heer nach Salces beorderte, und da Amadour allezeit der erste zur Stelle war, so wollte er auch diesmal nicht seinen Ruf schmälern. Doch war sein Kummer groß, Florinde zu verlassen; denn er bedachte, daß er sie vielleicht nicht mehr sehen würde, wenn sie sich während seiner Abwesenheit vermählte, sofern ihr die Gräfin von Arande nicht seine Frau als Ehrendame zuwiese. Darum betrieb er diese Angelegenheit durch seine Freunde so wohl, daß am Ende die Gräfin und Florinde ihm versprachen, Aventurade allenthalben mit sich zu nehmen. Auch sofern sich Florinde nach Portugal verheiraten sollte, wie man beabsichtigte, sollte jene ihr folgen. Nachdem er dessen sicher war, reiste er ab. Und alsbald widmete sich Florinde allerhand wohlgefälligen Werken, auf daß sie sich den Ruf eines unvergleichlichen Weibes erwürbe und dadurch eines so vollkommenen Freundes würdig wäre.

Als Amadour nach Barcelona kam, ward er wie gewöhnlich von den Damen über alle Maßen gefeiert. Doch fanden sie ihn ganz verändert und vermeinten, daß nie eine Ehe je einen Mann also gefangen genommen hätte. Er aber blieb nur so lange dort, als irgend nötig war, eilte dann nach Salces und erwarb in den blutigen Kämpfen daselbst unvergleichlichen Ruhm. Als der Herzog von Nagières mit zweitausend Mann nach Perpignan kam, ernannte er Amadour zu seinem Hauptmann, und der erfüllte mit seinen Truppen so eifrig seinen Dienst, daß man bei jedem Scharmützel vor allem den Ruf vernahm: ›Nagières! Nagières!‹

Da nun der König von Tunis hörte, daß schon seit langem Spanien mit Frankreich kämpfte, vermeinte er, das wäre wohl die geeignetste Zeit, dem König von Spanien etwas am Zeuge zu flicken. So entsandte er eine große Anzahl von Schnellseglern, um die unverteidigten Küsten Spaniens auszurauben und zu verheeren. Als die Bewohner von Barcelona eine Menge Segler vorüberfahren sahen, benachrichtigten sie den König in Salces, und der entsandte unverzüglich den Herzog von Nagières nach Palamons. Da die auf den Schiffen merkten, daß dieser Ort so gut verteidigt war, taten sie, als führen sie weiter. Aber um Mitternacht kehrten sie zurück, landeten eine große Übermacht, überfielen unversehens den Herzog und nahmen ihn gefangen. Amadour hatte als wachsamer Krieger ihr Nahen wohl vernommen, eilends möglichst viel Mannschaften um sich geschart und leistete lange schier unüberwindlichen Widerstand. Da aber am Ende der Herzog bereits gefangen und Palamons von den Türken in Brand gesteckt war, also daß auch die Häuser in Flammen standen, in denen er sich verteidigte, so sah er ein, daß es zwecklos war, noch mehr Leute zu opfern, und daß er zudem durch Loskaufen Aussicht hatte, Florinden wiederzusehen. So ergab er sich dem türkischen Feldherrn Derlin. Der führte ihn zu seinem Herrn, wo er in Ehren empfangen und gar wohl bewacht wurde. Denn sie vermeinten in Amadour den Achilles des spanischen Heeres in ihrer Hand zu haben. Und also blieb er fast zwei Jahre als Gefangener am Hofe des Königs von Tunis.

Die Nachricht von diesen Ereignissen drang auch zur Gräfin von Arande, in deren Hause die arme Aventurade damals schwer krank darniederlag. Die Gräfin argwöhnte bereits die Neigung Amadours zu ihrer Tochter, verbarg aber ihre Gedanken in Ansehung seiner edlen Gesinnung. Als sie nun die traurige Kunde vernahm, rief sie ihre Tochter zur Seite und teilte ihr die Botschaft mit. Doch Florinde wußte sich wohl zu beherrschen und entgegnete: das wäre ein großer Verlust für ihr Haus und doppelt schrecklich für sein armes Weib, weil dasselbe gerade so krank sei. Und da sie ihre Mutter sehr weinen sah, ließ sie auch einige Zähren fallen, um sich nicht durch allzu übertriebene Verstellung zu verraten. Seitdem begann die Gräfin oft über Amadour zu sprechen, ohne je aus Florindens Zurückhaltung einen Schluß ziehen zu können.

Während diese nun Wallfahrten, Bittgottesdienste und Fasten veranstaltete, gelang es Amadour, seine Freunde und durch einen zuverlässigen Boten auch Florinden zu benachrichtigen, daß er gesund sei und sie wiederzusehen hoffe. Das war ihr eine schier unentbehrliche Beruhigung, und da sie nun die Möglichkeit hatte, ihm zu schreiben, so besorgte sie dies so eifrig, daß es Amadour nicht mehr an Tröstungen mangelte.

Indessen wurde aber die Gräfin nach Saragossa zum König beschieden. Bei diesem weilte der junge Herzog von Cardonne, der das Königspaar so eifrig bestürmt hatte, daß es um Florindens Hand für ihn anhielt. Gehorsam gab die Gräfin ihre Einwilligung, zumal sie nicht daran zweifelte, daß ihre noch so junge Tochter sich ihr fügen würde. Nachdem alles festgesetzt war, eröffnete sie ihr, daß sie diesen Entschluß als den gegebenen gefaßt habe. Da die Tochter inne ward, daß ein Widerspruch zwecklos war, entgegnete sie, Gottes Wille möge allezeit geschehen, und sah ein, maßen sich ihre Mutter so seltsam zu ihr stellte, daß es besser war zu gehorchen, als auf ihre eigenen Wünsche zu achten. Als sie noch obendrein vernahm, daß der Sohn des Infanten tödlich erkrankt war, da beherrschte sie sich zwar über die Maßen, aber die verhaltenen Tränen riefen schließlich einen Blutsturz hervor, der ihr Leben in Gefahr brachte. Und um ein Ende zu machen heiratete sie kurz und gut den Herzog, obgleich ihr schier der Tod lieber gewesen wäre. Dann begab sie sich mit ihrem Gemahl in das Herzogtum von Cardonne und nahm Aventurade mit, der sie oft ihr Herz über die Strenge der Mutter und den Verlust des Prinzen ausschüttete. Von Amadour jedoch sprach sie nur, um sein armes Weib zu trösten. Und im übrigen beschloß sie, gottgefällig und ehrsam zu leben und ihr Leid so wohl zu bergen, daß niemand merken konnte, wie ihr Mann ihr mißfiel.

So lebte Florinde lange Zeit kläglicher, als wäre sie tot gewesen. Doch ließ sie Amadour ihren Schmerz wissen, und dieser kannte ihr hochgemutes Herz und ihre Liebe zu dem Prinzen genügend, um für ihr Leben zu fürchten und sie ohne Grenzen zu betrauern. Als er nun hörte, daß der König von Tunis beschlossen habe, ihn töten zu lassen, sofern er nicht bereit wäre, seinen Glauben abzuschwören und in seine Dienste zu treten, da bestimmte er seinen Herrn dahin, ihn auf Ehrenwort heimzulassen und im übrigen ein Lösegeld zu bestimmen. Das wurde so hoch festgesetzt, daß ein wenig bemittelter Mann wie Amadour es voraussichtlich nie aufzubringen vermochte, und alsdann entließ ihn sein Herr auf Ehrenwort, ohne den König erst weiter zu fragen.

Amadour eilte zunächst zum Königshof, dann aber auf der Suche nach dem Lösegeld geradewegs nach Barcelona, wo der junge Herzog von Cardonne mit seiner Mutter und Florinden zufällig weilte. Sobald Aventurade die Kunde von Amadours Kommen erhielt, teilte sie die Nachricht Florinden mit. Die tat, als freute sie sich für jene. Doch fürchtete sie, die Freude bei seinem Anblick könnte sie sichtbarlich erröten machen, so daß die andern, so ihn nicht kannten, das übel deuten würden. Daher harrte sie an einem Fenster, bis sie ihn kommen sah, und eilte ihm dann auf einer Stiege entgegen, die so dunkel war, daß man ihre Gesichtsfarbe nicht erkennen konnte. Also umarmte sie ihn, führte ihn alsdann zu ihrer Schwiegermutter, die ihn noch nicht kannte, – und kaum war er zwei Tage da, so liebte ihn das ganze Haus gleich wie die Familie der Gräfin von Arande.

Von den Gesprächen Florindens mit Amadour und ihren gemeinsamen Klagen über das erlittene Leid mag hier nichts berichtet werden. Schon war sie bereit, ihre Liebe und ihr Vertrauen zu ihm sich zum Troste zu nehmen; aber sie wagte nicht, es ihm zu sagen. Immerhin verstand er es wohl und verlor keinen Augenblick, ihr seine leidenschaftlichen Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Da, als sie fast im Begriff war, ihn schon nicht mehr als ergebenen Diener, sondern als herzlieben Freund anzuerkennen, trat ein wunderbarer Zufall ein: der König ließ plötzlich Amadour für einen wichtigen Auftrag zu sich rufen, und diese plötzliche Nachricht erschreckte seine Frau Aventurade derart, daß sie auf einer Stiege ohnmächtig wurde und sich zu Tode stürzte. Ob dieses Unglücksfalles war Florinde schier trostlos. Sie versank in tiefe Trauer, als ob sie ihre liebste Verwandte verloren hatte. Aber schlimmer noch erging es Amadour. Denn nicht nur verlor er eine wunderschöne Frau – er wurde nun auch aller Möglichkeit beraubt, Florinden künftig wiederzusehen. Und darob verfiel er in eine so schwere Krankheit, daß er zu sterben vermeinte.

Unaufhörlich besuchte ihn die alte Herzogin von Cardonne und suchte ihn durch philosophische Betrachtungen über den Verlust seines Weibes zu trösten. Doch das half wenig. Als er begriff, daß Aventurade bereits beerdigt war und der Ruf seines Königs keinen Aufschub mehr gestattete, ward er so verzweifelt, daß er schier den Verstand verlor. Einen ganzen Nachmittag verbrachte Florinde bei ihm, um ihn zu beruhigen und ihm zu versichern, daß sie wohl Mittel und Wege finden würde, ihn öfter zu sehen als er vermeine. Und da er am nächsten Morgen abreisen sollte, aber noch so schwach war, daß er sich im Bette kaum zu rühren vermochte, so bat er sie, am Abend nochmals zu ihm zu kommen, wenn die andern fort wären. Das sagte sie zu, ohne zu argwöhnen, wohin die Verzweiflung in der Liebe führen könne. Indem er nämlich keine Hoffnung mehr hatte, sie je wieder zu erblicken, so gewann die lange unterdrückte Glut die Oberhand und er beschloß, alles aufs Spiel zu setzen und in jener Stunde den, wie er meinte, verdienten Lohn zu ernten. Er ließ die Bettvorhänge schließen, so daß er kaum zu sehen war, und klagte so, daß alle glaubten, er würde die nächsten vierundzwanzig Stunden nicht überleben. Und nachdem alle ihn verlassen hatten, ging Florinde, zumal auch ihr Gemahl sie darum bat, zu dem Kranken, in der Hoffnung, ihn damit zu trösten, daß sie ihn ihrer Zuneigung versicherte und ihm soviel Liebesbeweise versprach als die Ehrbarkeit gestattete. So setzte sie sich zu Häupten seines Lagers auf einen Stuhl und begann ihre Trostesrede, indem sie ihre Tränen mit den seinen vereinte.

Da Amadour sie voll Trauer und Mitleides sah, vermeinte er, daß ihre Pein ihm sein Vorhaben wohl erleichtern könne. So erhob er sich von seinem Bette. Florinde wollte ihn daran hindern, da sie glaubte, daß er zu schwach sei. Er aber warf sich auf die Knie und sprach: ›Muß ich denn fürder immerdar Euern Anblick vermissen?‹ Und damit sank er in ihre Arme, als ob alle Kräfte ihn verlassen hätten. Die arme Florinde umhalste und stützte ihn gar lange, derweile sie ihm unablässig Trost zusprach. Doch der Heiltrank, den sie ihm also spendete, um sein Leid zu mindern, spornte vielmehr seine Kräfte. Und während er sich halb tot stellte und schier keinen Ton mehr hervorbrachte, strebte er zu erreichen, was Frauenehre verbietet.

Als Florinde seiner schlimmen Absichten inne ward, traute sie kaum ihren Sinnen, da er doch allezeit so geziemend geredet hatte, und fragte ihn, was er da wolle. Doch Amadour wußte gar wohl, daß sein Flehen nur eine keusche Ablehnung finden würde. Daher erwiderte er nichts und setzte alle Kräfte daran, zu dem gewünschten Ziele zu kommen. Florinde hingegegen war so überrascht, daß sie vielmehr fürchtete, er habe den Verstand verloren, und deshalb rief sie laut nach einem Edelmann, der im Nebenzimmer wachte. Von Verzweiflung übermannt warf sich Amadour darob so jäh auf sein Lager, daß der Edelmann vermeinte, er sei dahingeschieden. Indes war Florinde aufgestanden und rief: ›Schnell, holt mir guten Weinessig!‹ Und während der Edelmann davoneilte, hub sie an: ›O Amadour, welch arger Wahn hat Euch nur eben betört? Was fiel Euch bei – was wolltet Ihr beginnen?‹ Amadour aber war vor Leidenschaft schier von Sinnen und entgegnete: ›Verdient denn etwa all meine langjährige Ergebenheit so grausamen Lohn?‹ – ›Und wo bleibt denn die Ehrbarkeit,‹ rief Florinde, ›von der Ihr allezeit so viel gepredigt habt?‹ Doch Amadour erwiderte: ›Ach, edle Frau, fürwahr, man kann Eure Tugend nicht höher stellen, als ich es tat: da Ihr noch ledig waret, überwand ich mein Herz, und nie konntet Ihr von meinem Begehren etwas verspüren. Doch nun Ihr Frau seid und Eure Ehre wohl gedeckt ist, welches Unrecht begehe ich jetzt, da ich erbitte, was mein ist? Denn ich habe doch in Liebe Euer Herz erobert. Der Mann, der zuerst Euer Herz besaß, kämpfte so schlecht um Euern Besitz, daß er das Recht auf Euch verloren hat. Der andere, der Euern Leib besitzt, ist Eures Herzens nicht würdig. Ich aber habe fünf oder sechs Jahre lang so viele Qualen und Mühen für Euch erduldet, daß mir sehr wohl das Recht zusteht, Euer Herz und Euern Leib zu besitzen. Und wenn ich vor meiner Abreise den verdienten Lohn von Euch erhielte, so würde mir das wohl die Kraft geben, den Schmerz der langen Trennung zu ertragen. Beliebet Ihr aber meinen Wunsch abzuweisen, so werdet Ihr alsbald vernehmen, in welch unglückselig grausamen Tod Ihr mich getrieben habt.‹

Florinde ward gleichermaßen überrascht und betrübt, als sie ihn solche Worte sprechen hörte, die sie nie von ihm erwartet hatte. Und weinend sprach sie: ›Wehe, wo sind Eure tugendsamen Worte vergangener Tage, wo Euer Rat, lieber zu sterben, denn die Ehrbarkeit zu verleugnen? Gewißlich habt Ihr Euch selbst verloren, da Ihr Gott, Euer Gewissen und meine Ehre so ganz vergessen konntet. Doch nun preise ich die himmlische Vorsehung, die mir in Euern Worten Euer Herz enthüllte. Schier war ich bereit, Euch ganz und von Herzen zu lieben, indem ich fest auf Eure tugendsame Freundschaft vertraute. Doch meine Zuversicht war auf Sand gebaut und jetzt ist alles zusammengebrochen. Nun gebet alle Hoffnung auf und glaubet auch nicht, daß ich je meine Ansicht ändern werde. Ich sage Euch das voll unbeschreiblichen Schmerzes; aber Ihr habt mir das Herz gebrochen und meine Enttäuschung ist so groß, daß gewißlich mein Leben darob ein frühes Ende nehmen oder von Jammer erfüllt sein wird. Und nunmehr lebt wohl für immer.‹ Amadours Schmerz war schier unbeschreiblich. Und da er wohl begriff, daß er sie dauernd verlieren würde, sofern er nicht den schlechten Eindruck seiner Worte zu verwischen vermochte, so hielt er sie fest, als sie davongehen wollte, und sprach voll listiger Verstellung: ›Allezeit war es mein Wunsch, eine ehrbare Frau zu lieben; und da ich stets nur schlechte Erfahrungen gemacht hatte, so wollte ich Euch erproben, ob Ihr wirklich so tugendhaft wäret, als ich in meiner Liebe vermeinte. Nun bin ich dessen gewiß und preise Gott, der mir solch Glück beschieden hat. Vergebt mir nun mein törichtdreistes Unterfangen, da Ihr wohl sehen könnt, daß alles Euch zu Ehren und mir zur tiefen Befriedigung ausschlug.‹

Florinde hatte nun zwar begonnen, die Schlechtigkeit der Männer zu erkennen. Aber wie sie früher daran nicht recht glauben wollte, so war sie auch diesmal bereit, lieber das Gute zu vermuten denn das Böse, und so erwiderte sie: ›Gebe Gott, daß Ihr die Wahrheit sprecht. Doch bin ich seit meiner Ehe klarsichtig genug geworden, um zu verstehen, daß Euch blinde Leidenschaft zu Euerm Tun getrieben hat. Hätte Gott mich nicht beschützt, gewiß hättet Ihr nicht locker gelassen. Wer die Tugend sucht, begeht nicht solche Wege. Laßt dies nun genug sein: ich habe leichtfertig auf Euch vertraut und es war Zeit, daß ich die Wahrheit einsah und mich so von Euch freimachte.‹

Damit verließ sie ihn und beweinte die ganze Nacht hindurch diese Enttäuschung, zumal ihre Liebe sie immer wieder zur Reue trieb. Denn das Herz mag sich nicht fügen, wenn auch der Verstand beschließt, alle Liebesgedanken zu bannen. Und da sie begriff, daß nur seine Liebe an allem schuld gewesen war, so entschloß sie sich zwar, ihm weiter von Herzen zugetan zu bleiben, doch um ihrer Tugend willen es ihn nie je fürder merken zu lassen.

Am nächsten Morgen reiste Amadour voll Jammers ab; doch in seinem hochgemuten Herzen verzweifelte er nicht völlig, sondern nährte aufs neue den Wunsch, Florinden wieder zu sehen und ihre Gunst zurückzugewinnen. Auf dem Wege zum König suchte er die Gräfin von Arande auf, die vor Trauer über die Trennung von ihrer Tochter krank war. Sie nahm ihn wie ihren eigenen Sohn auf und er erzählte ihr (doch nicht alles), was er von Florinden wußte, sprach auch von ihrer herzlichen Freundschaft zu ihm und bat sie, ihm häufig Nachrichten zu senden und jene bald zu sich zu rufen. Dann brach er wieder auf, erledigte seine Aufträge bei der Königin und zog von neuem in den Krieg. Aber man erkannte ihn schier nicht, so war er verändert: er kleidete sich nur noch in Schwarz und trug noch mehr Trauer zur Schau, als der Tod seines Weibes erfordert hätte. So verbrachte er drei oder vier Jahre, ohne zum Hofe zurückzukehren.

Da die Gräfin derart vernommen hatte, daß ihre Tochter so bedauernswert niedergedrückt sei, ließ sie sie zu sich rufen. Als diese nun hörte, daß Amadour ihrer Mutter so viel von ihrer Freundschaft zu ihm erzählt hatte und die Mutter so auf seine Einsicht und Tugend baute, da trat das Gegenteil von dem ein, was Amadour erwartet hatte: sie geriet in große Pein, ihre Verwandtschaft auf seiner Seite zu sehen. Doch da er fern war, ließ sie sich nichts merken und schrieb auf der Mutter Wunsch auch bisweilen an ihn, doch so, daß er wohl merken konnte, daß es nicht von Herzen geschah. Und so verdrossen ihn diese Briefe gleichermaßen, wie sie ihn früher erfreut hatten. Nachdem er aber so viele Taten vollbracht hatte, daß man sie gar nicht alle beschreiben kann, faßte er einen großen Plan, nicht mehr, um ihr Herz zurückzugewinnen (denn das schien ihm verloren), wohl aber, um seine Feindin zu besiegen, da sie sich nunmehr so stellte. Daher ließ er sich vom Gouverneur zum König senden, um einige Maßnahmen gegen Leucate bei Narbonne zu besprechen. Und in der kühnen Absicht, sich zuerst deshalb bei der Gräfin Rats zu erholen, begab er sich geradewegs nach Arande, wo, wie er wohl wußte, Florinde weilte. Doch sandte er zuvor einen Freund zur Gräfin, kündete ihr sein Kommen an und bat, dies geheimzuhalten und der Vorsicht halber zu gestatten, daß er des Nachts mit ihr beraten dürfe. Die Gräfin war voller Freuden, benachrichtigte sogleich Florinden und hieß sie, sich im Zimmer ihres Gatten umzukleiden, damit sie bereit sei, wenn sie gerufen würde, sowie alle zur Ruhe gegangen wären.

Florinde war noch keinesweges von ihrer früheren Angst frei, ließ sich aber nichts merken und bat nur in der Kapelle Gott, ihr Herz vor aller Versuchung zu hüten. Und da sie sich ihrer Schönheit trotz ihrer Leiden gar wohl bewußt war, nahm sie einen Stein und zerschlug damit derart ihr Gesicht, daß Mund, Augen und Nase ganz entstellt waren. Damit man aber nichts argwöhnen konnte, ließ sie sich vor der Kapelle mit dem Gesicht auf einen Stein niederfallen. Auf ihr Geschrei kam die Gräfin herbei, und ließ sie sogleich, als sie ihren kläglichen Zustand sah, sorglich verbinden. Alsdann bat sie Florinde, in ihrem Kabinett so lange mit Amadour zu plaudern, bis die Gesellschaft davongegangen sei. Das tat sie auch, weil sie vermeinte, es wäre noch jemand bei ihm. Da sie sich aber mit Amadour allein hinter verschlossenen Türen sah, ward sie ebenso niedergedrückt, wie Amadour erfreut. Denn dieser dachte nun durch Liebeswerben oder Gewalt sein Ziel zu erreichen. Nachdem er also einige Worte geplaudert hatte und sah, daß sie noch immer so dachte wie zuvor und selbst für den Tod nicht ihre Ansicht ändern mochte, da sprach er, außer sich vor Verzweiflung: ›Bei Gott, solch kleinliche Bedenken sollen mich nicht um meinen Lohn bringen. Da Liebe, Geduld und demütige Bitten mir nichts nutzen, so will ich meine Kraft versuchen, um das Gut zu erringen, das ich ansonsten verlieren würde.‹

Als Florinde ihn so wild erregt sah, daß seine Augen wild funkelten, sein Antlitz purpurrot wurde und seine kraftvollen Fäuste ihre zarten Hände packten; als sie zudem begriff, daß er ihre Arme und Beine so wohl festhielt, daß sie weder sich verteidigen noch fliehen konnte, da suchte sie ihre Rettung darin, die Wurzel seiner früheren Liebe aufzuspüren, auf daß er um derentwillen sein grausames Vorgehen aufgäbe. Und sie sprach: ›O Amadour, da Ihr nun wie ein Feind mit mir handelt, so flehe ich Euch bei Eurer ehrenhaften Liebe, die ich früher in Euerm Herzen vermeinte, an, hört mich zuerst, bevor Ihr mich so quält.‹ Und da er ihr zuhörte fuhr sie fort: ›Was drängt Euch nur, etwas zu ertrotzen, davon Ihr keine Befriedigung haben werdet, ich aber ungeahntes Leid? Seit meiner Jugend und der Blütezeit meiner Schönheit (die Eure Leidenschaft noch hätte entschuldigen können), kennet Ihr so wohl meinen Willen, daß ich schier nicht begreifen kann, wie Ihr, nun ich alt und häßlich geworden bin, das Herz haben könnt, mich so zu peinigen. Wenn auch nur noch etwas von Eurer Liebe in Euch blieb, so muß das Mitleid doch Eure Glut ersticken. Hat sich aber all Eure Liebe in Haß gewandelt, also daß Ihr mich aus Rache so unglücklich machen wollt, so wißt, daß ich es nicht dazu kommen lassen werde. Dann werde ich Euch wider meinen Willen Eure Bosheit ins Gesicht werfen und Ihr werdet Eures Lebens nicht mehr sicher sein.‹

Doch Amadour unterbrach sie: ›Muß ich sterben, so werde ich dadurch meiner ewigen Qualen ledig. Doch die Entstellung Eures Angesichts soll mich nicht hindern, Euch zur Meinen zu machen. Denn könnte ich selbst nur Euer Gebein haben, so sollte dies mein Eigen sein.‹ Da Florinde nun sah, daß Tränen und Bitten nichts halfen und er voll Grausamkeit auf seinem argen Vorhaben bestand, so griff sie zu einem Mittel, dem sie schier den Tod vorgezogen hätte, und rief mit klagender Stimme so laut sie konnte nach ihrer Mutter. Als die solchen Ruf vernahm, überkam sie die Ahnung der Wahrheit und sie lief eilends in das Kabinett. Doch Amadour war keineswegs so bereit zu sterben, als er behauptet hatte. Rechtzeitig hatte er seine Beute losgelassen, also daß die Gräfin beim Eintritt ihn weit genug von Florinden fand. So fragte sie: ›Was geschah soeben, Amadour? sagt mir die Wahrheit!‹ Doch der war um eine Antwort nicht verlegen und entgegnete mit bleichem und starrem Antlitz: ›Ach, edle Frau, in welchen Zustand ist Frau Florinde geraten! Ich bin noch voller Erstaunens; denn wie Ihr wißt, glaubte ich mich ihrer Wohlgeneigtheit sicher, und nun sehe ich, daß davon keine Rede mehr ist. Schon da ich sie anblickte, mochte sie es nicht leiden, doch vermeinte ich, das sei nur gleichsam ein Traum, und bat, ihre Hand nach Landessitte küssen zu dürfen, und das wies sie mir hart ab. Gewißlich tat ich Unrecht und bitte darob um Vergebung, ich ergriff nämlich mit Gewalt ihre Hand und küßte sie. Doch wollte sie sicherlich meinen Tod und rief Euch. Vielleicht vermeinte sie, daß ich noch anderes im Sinne hätte. In jedem Falle ruht die Schuld auf mir. Doch verbleibe ich alle Zeit Euer und ihr ergebenster Diener und bitte Euch, mir wenigstens Eure Gunst zu bewahren, da ich die ihre verloren habe.‹

Die Gräfin glaubte ihm nur halb, trat zu ihrer Tochter und befragte diese: ›Weshalb riefst du mich so laut?‹ Doch Florinde erwiderte nur, ihr habe gebangt; und trotz aller Fragen blieb sie bei dieser Antwort, denn da sie nun den Händen ihres Feindes entronnen war, glaubte sie ihn genügsam damit bestraft, daß sein Unterfangen mißlungen war. Und nachdem die Gräfin lange mit Amadour gesprochen hatte, ließ sie ihn noch in ihrer Gegenwart mit Florinden reden, um sein Benehmen zu beobachten. Doch er verlor nicht mehr viele Worte, sondern dankte ihr nur, daß sie ihrer Mutter nicht die Wahrheit verraten hatte, und bat sie sodann: da er nunmehr ihr Herz verloren habe, möge sie wenigstens keinem andern seinen Platz einräumen. Darauf entgegnete sie: ›Bezüglich des ersteren wißt, daß ich nimmermehr gerufen hätte, wenn mir eine andere Verteidigung möglich gewesen wäre. Im übrigen sorgt Euch nicht, daß ich einen andern lieben werde. Denn da ich in dem Herzen des tugendhaftesten Mannes nicht die Ehrbarkeit fand, die ich erhoffte, so kann ich sie auch nirgend anders zu finden erwarten.‹

Damit entließ sie ihn. Die Mutter konnte aus dieser Zurückhaltung nichts herauslesen und vermeinte nun, Florinde hasse in ihrer Torheit alles, was sie selbst schätzte. Und so stand sie von nun an sieben Jahre lang mit ihrer Tochter auf dem Kriegsfuße. Um ihre Strenge zu fliehen, hing sich Florinde nun an ihren Mann und wich ihm nicht von der Seite. Doch da alles nichts nützte, wollte sie Amadour überlisten, tat einige Tage freundlich zu ihm und riet ihm, einer Frau seine Freundschaft zu Füßen zu legen, die bei ihr von ihrer Liebe für Amadour gesprochen hätte.

Besagte Dame, mit Namen Lorette, lebte in der Umgebung der Königin. Sie war so froh, einen solchen Freund erworben zu haben, daß sie allenthalben damit prahlte, bis man anfing darüber zu reden. So drang die Kunde auch zur Gräfin von Arande, die nunmehr Florinde gegenüber ihr Benehmen änderte. Da diese nun aber vernahm, daß Lorettes Gatte, ein Hauptmann, derart von Eifersucht entflammt war, daß er sich entschlossen hatte, Amadour zu töten, gleichgültig wie, – da gab sie letzterem davon Kunden denn ob sie sich auch verstellte, sie mochte Amadour nichts Böses tun. Der aber kehrte leichtlich zu seiner verlorenen Liebe zurück und entgegnete daher: wenn sie geruhen würde, täglich drei Stunden mit ihm zu plaudern, so würde er gern nimmermehr ein Wort mit Lorette reden. Dazu war Florinde keineswegs bereit, und so erklärte er ihr: ›Warum denn wollt Ihr mich vor dem Tode bewahren, da Ihr mir keine Lebensfreude gewähren möget? Ist's, um mich ärger zu quälen als tausend Todesarten es vermöchten? So wißt: wenn mich auch der Tod flieht, ich werde ihn suchen bis ich ihn finde, denn nur dann werde ich Ruhe finden!‹

Zu jener Zeit kam die Nachricht, daß der König von Granada einen gewaltigen Krieg gegen Spanien begonnen hatte. So wurde der spanische Königssohn, Philipp, mit dem Connetable von Kastilien und dem Herzog von Alba gegen die Mauren entsandt. Auch der Herzog von Cardonne und der Graf von Arande mochten nicht weilen und erbaten von dem König eine Stelle im Heere, und der unterstellte sie Amadour. Dieser vollbrachte in selbigem Kriege so tollkühne Taten, daß ihn sicherlich Verzweiflung dazu getrieben haben muß. Doch mußte er das endlich mit dem Leben bezahlen. Als nämlich einmal die Mauren zu flüchten vorgaben und die Spanier sie verfolgten, hielten der Connetable und der Herzog von Alba den Kronprinzen zurück, da sie die Kriegslist durchschauten. Trotz alles Verbotes aber setzten der Graf von Arande und der Herzog von Cardonne über den Fluß. Und da die Mauren nur wenige Mann hinter sich sahen, drehten sie um, erschlugen mit einem Säbelhieb den Herzog und verwundeten den Grafen so schwer, daß er für tot auf dem Platze blieb.

Dieser Verlust nun brachte Amadour derart in rasende Wut, daß er das Getümmel durchbrach und die Körper der beiden zum Lager zurückzutragen ermöglichte. Dort war der Kronprinz so tief bekümmert, als wären seine leiblichen Brüder gefallen. Doch zeigte sich bei Besichtigung der Wunden, daß der Graf noch am Leben war; so sandte man ihn in einer Tragbahre nach seinem Schlosse, wo er noch lange krank lag. – Amadour indessen hatte, da er die beiden Körper deckte, so wenig an seine eigene Sicherheit gedacht, daß er sich plötzlich von einer großen Zahl von Mauren umringt sah. Doch wollte er sich so wenig ergeben, als sich seine Freundin ihm hatte ergeben mögen, – noch auch seinen Gott verraten, wie er sie verraten hatte: denn er wußte, daß er entweder grausam getötet würde oder seinen Glauben abschwören müßte, falls er dem König von Granada in die Hände fiel. So entschloß er sich, den Feinden auch nicht den Ruhm zu gönnen, daß sie ihn getötet oder gefangen genommen hätten, küßte das Kreuz seines Degenknaufes, empfahl seine Seele Gott und durchbohrte sich mit solcher Macht, daß es eines zweiten Degenstoßes nicht mehr bedurfte.

Also starb der arme Amadour, tief betrauert, gleichwie man seine Taten bewundert hatte. Die Todeskunde durchlief ganz Spanien und erreichte Florinde in Barcelona, wo ihr Gemahl hatte beerdigt sein wollen. Kaum waren die Beisetzungsfeierlichkeiten beendet, da ging sie ohne jemandem weiter etwas zu sagen, als Nonne in ein Kloster und traute sich so dem an, der sie von Amadours Liebesglut und ihres Gatten quälender Ehegemeinschaft befreit hatte. All ihre Treue galt nun Gott allein, und nach langem Klosterleben starb sie so freudig, wie eine Gattin ihrem geliebten Gemahl entgegeneilt.

Sicherlich,« endete alsdann Parlamente ihre Erzählung, »ist dieser Bericht vielen zu lang erschienen. Wäre ich aber dem gefolgt, der ihn mir übermittelt hat, so wäre er noch länger geraten. So bitte ich euch denn, meine Damen, nehmt euch an Florindes Tugend ein Beispiel, aber seid nicht ganz so grausam wie sie und traut nicht, gleich ihr, so sehr der Ehrbarkeit der Männer, daß ihr in der Erkenntnis des Gegenteils sie in gräßlichen Tod treibt und euch selbst in ein trostloses Leben.«

Dann wandte sie sich an Hircan und fragte ihn: »Findet Ihr nicht, daß diese Frau bis zum Äußersten getrieben war und tugendlich widerstanden hat?« – »Nein,« erwiderte der, »denn welch geringeren Widerstand kennt eine Frau, als Schreien? Ich weiß nicht, was sie an einem Orte getan hätte, wo man ihren Ruf nicht hören konnte. Und wäre Amadour mehr liebesdurstig und weniger ängstlich gewesen, dann hätte er sich durch so weniges nicht abstecken lassen. Nie wird ein Mann sein Ziel verfehlen, der genügsam liebt und wiedergeliebt wird. Doch ist Amadour zu loben, daß er einen Teil seiner Pflicht erfüllte.« – »Welche Pflicht?« fragte Oisille. »Heißt es etwa seine Pflicht tun, wenn man mit Kraft ertrotzen will, was die Achtung verbietet?«

Nun ergriff Saffredant das Wort und sprach: »In den Stuben knien wir vor unsern Herrinnen wie vor unsern Richtern; zum Tanze führen wir sie voll zarter Vorsicht. Aber wir wirken alsdann so furchtsam, daß der Zuschauer uns schier bedauert, uns für blöde hält und die Damen preist, die kühn von Ehrbarkeit reden und uns Liebe und Scheu abnötigen. Unter vier Augen aber, wenn nur die Liebe das Wort hat, wissen wir sehr wohl, wer Mann, wer Weib ist, die ›Herrin‹ wird zur ›Freundin‹, der ›Diener‹ zum ›Freund‹. Daher sagt das Sprichwort:

›Durch treuen Dienst kann dir's gelingen,
Vom Knechte es zum Herrn zu bringen.‹

Die Frauen besitzen nur soviel Ehre, als die Männer ihnen geben oder nehmen können. Und sehen jene, wie wir ruhig dulden, so schulden sie uns auch von Rechts wegen jede Entschädigung, soweit sie die Ehre nicht verletzt.« »Ach, Ihr redet nicht vom wahren Glücke,« rief Longarine, »das in Zufriedenheit besteht. Denn wenn mich auch alle Welt tugendhaft nennt und ich weiß, daß das Gegenteil wahr ist, so kann solch' Lob nur meine Scham vermehren. Schmählen sie mich aber und ich fühle mich schuldlos, so erwächst mir daraus nur Zufriedenheit.« – »Ei,« meinte Guebron, »mir scheint trotz allem Amadour ein tugendhafter, edler Mann gewesen zu sein, wie es gleiche wenig gibt. Und waren auch die Namen verändert, so vermeine ich ihn doch zu erkennen. Da Parlamente ihn aber verschweigt, so will ich das gleiche tun. Seid sicher, sein Herz kannte keine Furcht und war alle Zeit gleich stark in Liebe als in Kühnheit.« Nun unterbrach Oisille: »Mir scheint dieser Tag froh vergangen zu sein. Wenn wir fürder desgleichen tun, werden wir die Zeit trefflich kürzen. Doch merket nun wohl – die Sonne sinkt und lange schon schlug die Glocke zur Vesperstunde. Doch wollte ich euch nicht daran mahnen, denn meine Begierde war groß, diese Erzählung zu Ende zu vernehmen.«

Alsbald erhoben sie sich, eilten zur Abtei und fanden dort die Mönche seit einer Stunde in Erwartung. So wohnten sie dem Gottesdienst bei, speisten und plauderten dann über das Gehörte oder durchsuchten ihr Gedächtnis nach erzählenswerten Erlebnissen. Sodann trieben sie tausenderlei Spiele und Kurzweil auf der Wiese, gingen endlich zur Ruhe und beschlossen also in fröhlicher Zufriedenheit den ersten Tag.

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