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Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
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Neunte Erzählung

Beklagenswerter Tod eines Edelmanns, der in seiner Liebe allzu späten Trost fand.

»Zwischen der Dauphiné und Provence lebte ein Edelmann, der an Tugend, Schönheit und Ehrenhaftigkeit reicher war denn an irdischen Gütern. Der liebte gar heiß eine junge Dame, deren Name ich aus Rücksicht auf ihre hochgestellten Verwandten verschweigen will. Doch das soll der Wahrhaftigkeit der Geschichte keinen Abbruch tun. Da nun jener Edelmann nicht gleich vornehmer Abkunft war wie sie, so zagte er, ihr seine Zuneigung zu enthüllen. Denn also groß und makellos war seine grenzenlose Liebe, daß er lieber sterben mochte als etwas wünschen, das sie hätte entehren können. Und da er sich nun im Vergleich zu ihr so niedergestellt fühlte, wagte er nicht auf eine Ehe mit ihr zu hoffen. Er begnügte sich also, sie in voller Reinheit, doch von Herzensgrund zu lieben. Mit der Zeit blieb ihr das nicht unbemerkt. Und das Bewußtsein, von einem also ehrenhaften Mann voll tugendhafter Zurückhaltung verehrt zu werden, beglückte sie tief. Daher erzeigte sie sich ihm voll zutunlicher Güte, und er genoß zufrieden diese Gunst, die seine Erwartungen schier übertraf.

Jedoch die Bosheit, die Feindin allen stillen Glückes, vermochte solch ehrenhaften Zustand nicht zu ertragen: Verleumderseelen setzten der Mutter jener jungen Dame zu und erklärten, es verletze ihr Anstandsgefühl, zu sehen, wie dieser Edelmann dort im Hause aus und ein ginge und es sichtlich auf die Schönheit ihrer Tochter abgesehen habe, maßen er so viel mit ihr plaudere.

Die Mutter zweifelte an des Edelmanns Ehrenhaftigkeit nicht einen Augenblick und hätte auf ihn so hoch schwören mögen als auf eines ihrer Kinder. Doch betrübte es sie, daß man ihm etwas nachzusagen suchte, und da sie die Verleumdungssucht der Welt fürchtete, so bat sie ihn, einige Zeit das Haus zu meiden. Das war für ihn ein harter Schlag, da er sich bewußt war, daß sein sittsames Geplauder sein Fernbleiben wahrlich nicht erheischte. Um aber die bösen Zungen zum Schweigen zu bringen, verschwand er von der Bildfläche, bis das Gemunkel ein Ende fand, und nahm alsdann den gewohnten Verkehr wieder auf. Die Abwesenheit hatte seine Neigung nicht vermindert. Doch nun hörte er nach seiner Rückkehr davon sprechen, daß die junge Dame einen andern Edelmann heiraten solle. Da nun jener gar nicht so sehr reich war, so vermeinte auch er seinerseits den Versuch wagen zu dürfen, um sie zu werben. So faßte er sich ein Herz und bestimmte einige Freunde, seine Sache zu vertreten, da er sicher war, die junge Dame würde ihm den Vorzug geben, sofern man ihr die Wahl überließe.

Die Mutter und Verwandten befanden jedoch, daß der andere begüterter sei, und traten für diesen ein. Und da der Edelmann wohl wußte, daß die Dame seines Herzens ob dieser Wahl nicht minder unerbaut war als er selbst, so versank er in tiefe Betrübnis, und ohne daß sonst eine Krankheit mit im Spiele war, schwand er dahin und änderte dergestalt sein Aussehen, als habe er seine Schönheit unter einer Totenmaske verborgen. Doch daß er schier stündlich dem Grabe näher kam, machte ihn fast froh, und das eine nur mochte er nicht missen – die Heißgeliebte hier und da zu sehen und mit ihr zu plaudern. Aber mit der Zeit schwanden seine Kräfte immer mehr, also daß er das Bett hüten mußte. Das wollte er jedoch die Dame seines Herzens nicht wissen lassen, um sie nicht mit Kummer um ihn zu beschweren. Und so gab er sich ganz der Verzweiflung hin, hörte auf zu essen, zu trinken und zu schlafen, ja selbst nur zu ruhen, bis daß er schier zur Unkenntlichkeit abgemagert war.

Davon erfuhr nun die Mutter der jungen Dame, die nicht nur sehr mitleidig, sondern zugleich diesem Edelmann gar wohlgeneigt war, also daß sie gern seiner Ehrenhaftigkeit den Vorzug vor dem Besitze des andern gegeben hätte, wenn nur die Verwandtschaft ihrer und ihrer Tochter Meinung gewesen wäre. Doch die Angehörigen von Vaters Seite waren unzugänglich geblieben. Kurz und gut, sie suchte den Ärmsten mit ihrer Tochter zusammen auf und fand ihn schon mehr tot denn lebendig. Bereits hatte er gebeichtet und die letzte Ölung empfangen, da er sein Ende nahen fühlte und verlassen zu sterben vermeinte. Als er nun, zwei Schritt nur vom Grabe entfernt, die Geliebte noch einmal erblickte, die sein Alles war, fühlte er neue Kräfte erwachsen, richtete sich flugs auf seinem Lager auf und sprach: ›Was führt euch her zu mir, der ich schon mit einem Fuß im Grabe stehe und dem Tode so nahe bin, den ihr mitverschuldet habt?‹

›Wie sollten wir zu Euerm Tode beitragen,‹ fragte die Mutter betrübt, ›da wir Euch doch so herzlich zugetan sind? O bitte, sprecht, wie kommt Ihr nur zu diesem Vorwurf!‹

Und jener entgegnete: ›Soviel ich nur vermochte barg ich meine Liebe zu Eurer Tochter, und nur meine Verwandten haben, bezüglich der Ehe mit ihr, wohl mehr davon gesprochen, als mir lieb war. Denn ich war tief verzweifelt – nicht etwa, daß ich selbst eines Glückes verlustig gehen sollte, vielmehr ob des Bewußtseins, daß kein anderer sie jemals so lieben und wohl hegen mag als ich. So drückt mich denn auch der Gedanke tiefer nieder, daß sie nunmehr den treuesten und ergebensten Freund verlieren wird, als der Verlust meines Lebens, das ihr allein geweiht war. Und da sie nun keinen Gewinn mehr davon haben kann, so ist es nur ein Glück für mich, wenn ich mein Leben lasse.‹

Als die beiden seine Worte vernahmen, bemühten sie sich, ihn zu trösten. Und die Mutter sprach: ›So faßt doch Mut, lieber Freund. Bei Gott, ich will Euch versprechen, daß meine Tochter keinen andern Mann, denn Euch, ehelichen soll, sofern Ihr nur Eure Gesundheit wiedererlangt. Und sie selbst mag Euch ein gleiches Versprechen geben.‹ Und unter Tränen suchte ihn auch die junge Dame von der Zuverlässigkeit dieses Versprechens zu überzeugen.

Doch jener war nur zu gewiß, daß die Geliebte nimmer die Seine würde, wenn er erst wieder gesundet wäre, und daß alle diese Versprechungen einzig den Zweck verfolgten, ihm wieder Lebensmut einzuflößen. So erwiderte er nur: er könnte heute Frankreichs gesündester und glücklichster Edelmann sein, wenn sie schon vor drei Monaten also gesprochen hätten. Nun käme ihre Hilfe zu spät, und er habe kein Vertrauen und keine Hoffnung mehr. Und als sie ihn von neuem zu überzeugen suchten, fuhr er fort: ›Da Ihr mir etwas versprechen wollt, das ich trotz allem doch nicht mehr erlangen werde, so will ich Euch um ein viel Geringeres bitten, wozu ich sonst nimmermehr den Mut gefunden hätte.‹

Alsbald beschworen sie ihn, nur kecklich seinen Wunsch zu künden, und er sprach: ›Ich bitte, laßt mich die umhalsen, die Ihr mir zum Weibe zu geben versprecht, und heißt sie, mich wohl zu herzen und zu küssen.‹

Die Tochter war solchem Gehabe ganz fremd und mochte voll jüngferlichen Zagens dem Geheisch nicht folgen. Da jedoch ihre Mutter wohl erkannte, daß ihm nicht männliches Begehr noch Kraft mehr innewohnte, so drang sie eifrig in die Tochter und die trat zu dem armen Kranken auf den Befehl der Mutter herzu und sprach: ›So bitte ich Euch, teurer Freund, erfüllet Euern Wunsch.‹

Und der entkräftete Mann breitete seine schon völlig fleischlosen Arme aus, und so heiß es seine Ermattung erlaubte, umhalste er die, so seinen Tod verursacht hatte, preßte, solange er es vermochte, seine bleichen, kalten Lippen auf die ihren und sprach sodann: ›Meine Liebe zu Euch war so groß und rein, daß ich niemals – von der Ehe abgesehen – ein größeres Glück erträumte, als mir nun zuteil ward. Nun mag ich meine Seele ruhig Gott anempfehlen und zu ihm flehen, daß er sie jetzt zu sich nehme, da ich meines Sehnens Ziel in meinen Armen halte.‹ Bei diesen Worten umfing er sie nochmals mit solcher Glut, daß sein geschwächtes Herz der Wallung nicht gewachsen war und seine Seele ihre Hüllen sprengte und zum Schöpfer davonflog. Leblos sank er zurück und ließ das Mägdelein aus der Umarmung frei.

Doch nunmehr ward diese erst so recht ihrer Liebe zu ihm inne, also daß die Mutter und die Dienerschaft sie nur mit Mühe von ihm fortzureißen vermochten. Schier halbtot trugen sie das Mägdelein hinweg; und da der Tote in hohen Ehren bestattet wurde, erklangen ihre lauten Klagen, flossen ihre heißen Zähren ihm gleichsam zum Preise. Denn damit bezeugte sie nunmehr nach seinem Tode so laut ihre Liebe zu ihm, wie sie dieselbe zu seinen Lebzeiten eifrig verborgen hatte, und sie schien nun fast ihr Unrecht wieder gutmachen zu wollen. Zwar hat sie (wie ich hörte) geheiratet, doch ist nie wieder Freude in ihr Herz eingekehrt.

Euch also, meine Herren, die ihr meinen Worten nicht glauben wolltet – genügt euch dies Beispiel, um zuzugestehen, daß eine große, glühende und mißachtete Liebe gar wohl zum Tode führen kann? Ihr alle kennt die Familie, also könnt ihr nimmer zweifeln. Verstehen freilich kann nur der, so selbst derartiges erlebt hat.«

Allen Damen standen Tränen in den Augen. Hircan aber meinte: »Das ist fürwahr der größte Tor, von dem ich je gehört habe. Wie kann man nur für Frauen sterben, die um unsretwegen erschaffen sind, aus bloßer Angst, von ihnen zu verlangen, was uns von Rechts wegen zusteht! Beachtet selbst die Reue jenes Mädchens ob ihrer Torheit. Da sie die Leiche des Entschlafenen küßte, würde sie gewiß nicht dem Lebenden das Gleiche verweigert haben, wenn er nur ebenso mutvoll gewesen wäre, wie er jammervoll war, da er im Sterben lag.« – »Das meine ich auch,« entgegnete Saffredant, »durch Angst und Schwäche lassen sich viele Männer die schönsten Erfolge entgehen und reden dann von der Tugendhaftigkeit der Liebsten, die sie nicht einmal erprobt haben. Kein noch so befestigter Platz ist uneinnehmbar.«

»Ich bin ganz starr,« ließ sich nun Parlamente vernehmen, »was ihr da für Ansichten entwickelt. Wo habt ihr denn eure Erfahrungen gesammelt, daß ihr alle Frauen derart einschätzt?« – »Ich, Gnädigste,« entgegnete Saffredant »kann mich leider keiner Erfolge rühmen, wohl weniger ob der Tugend der Frauen, als durch eigenes Ungeschick. Doch hört die Worte der Alten im ›Roman von der Rose‹:

›Gott erschuf uns, – hört wohl an – Mann für Weib und Weib für Mann.‹

So glaube ich; wenn eine Frau erst einmal Feuer gefangen hat, dann ist des Mannes Dummheit schuld, wenn er sie nicht erringt.«

»Und wenn ich Euch nun die Geschichte einer Frau erzählen würde, die, heiß geliebt, umworben und bedrängt, doch ihre Tugend wahrt und der eigenen Glut gleich der des Geliebten sieghaft Herr wird – werdet Ihr dann die Möglichkeit zugestehen?« – »Gewiß, das werde ich.« – »Ihr müßtet«, fuhr Parlamente fort, »auch wahrhaft verstockt sein, um dann noch zu widersprechen. Und da es heute die letzte Erzählung sein soll, will ich keine langen Vorreden halten. Denn die Geschichte ist so schön und überzeugend, daß Ihr schnell meine Ansicht teilen werdet. Zwar habe ich sie nicht selbst miterlebt, vielmehr berichtete sie mir ein naher Freund zum Lobe des Helden, dem er über alle Maßen zugetan war. Doch nahm er mir das Versprechen ab, die Namen der handelnden Personen zu ändern, falls ich die Geschichte je erzählen sollte. Somit ändere ich die Namen, die Länder und Städte – das übrige ist reinste Wahrheit.«

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