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Das Hemd eines Glücklichen

Anatole France: Das Hemd eines Glücklichen - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
authorAnatole France
titleDas Hemd eines Glücklichen
publisherVerlag Volk und Welt GmbH
addressBerlin
printrun3
year1951
translatorFriedrich Oppeln-Bronikowski
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060511
projectidebcd7a2f
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Von den Beziehungen zwischen Glück und Reichtum

Entschlossen, sich zuerst zum Reichsten und Besten zu begeben, zu Jakob Felgin-Cobur, der Goldbergwerke, Diamantminen und Petroleummeere besaß, gingen sie lange an den Mauern seines Parks entlang, der ungeheure Wiesenflächen, Wälder, Pachthöfe und Dörfer umschloß; und an jedem Tor des Besitztums, wo sie sich meldeten, schickte man sie zu einem anderen. Des Hin- und Herlaufens und Umkehrens müde, erblickten sie einen Chausseearbeiter, der auf der Straße vor einem wappengeschmückten Gitter Steine klopfte. Sie fragten ihn, ob man durch diesen Eingang zu Herrn Jakob Felgin-Cobur gelange, den sie zu sprechen wünschten.

Der Mann richtete sein mageres Rückgrat mühselig empor und blickte sie durch seine Steinklopferbrille mit hohlem Antlitz an.

»Herr Jakob Felgin-Cobur, das bin ich«, sagte er.

Und als er sie überrascht sah: »Ich klopfe Steine: das ist meine einzige Zerstreuung.«

Damit krümmte er sich von neuem und schlug mit seinem Hammer auf einen Feldstein, der mit hartem Klange zersprang.

Während sie fortgingen, sagte Waldteufel: »Er ist zu reich. Sein Vermögen zermalmt ihn. Er ist unglücklich.«

Vierblatt wollte nun zum Nebenbuhler von Jakob Felgin-Cobur, dem Eisenkönig Joseph Machero gehen, dessen nagelneues Schloß auf der nächsten Anhöhe mit seinen zinnengekrönten Türmen und den mit Pechnasen versehenen, von Warten starrenden Mauern furchtbar emporragte. Waldteufel redete ihm ab.

»Sie haben sein Bild gesehen. Er sieht elend aus; durch die Zeitungen weiß man, daß er Pietist ist, wie ein Bettler lebt, Knaben bekehrt und in der Kirche Psalmen singt. Gehen wir lieber zum Fürsten von Lausitz. Das ist ein echter Aristokrat, der sein Vermögen zu genießen weiß. Er flieht den Verdruß der Ämter und geht nicht zu Hofe. Er ist ein Liebhaber von Gärten und besitzt die schönste Gemäldegalerie im Königreiche.«

Sie ließen sich anmelden. Der Fürst von Lausitz empfing sie in seinem Antikenkabinett, wo sich die beste bekannte Kopie der Knidischen Venus befand, das Werk eines wahrhaft praxitelischen Meißels, von höchster Anmut. Die Göttin schien noch feucht von der Meeresflut. Ein Münzenschrank aus Rosenholz, einst im Besitz der Pompadur, enthielt die schönsten Gold- und Silbermünzen Griechenlands und Siziliens. Der Fürst, ein großer Kenner, führte selbst den Katalog seiner Sammlung. Seine Lupe lag noch auf der Vitrine der geschnittenen Steine herum: Jaspis, Onyx, Chalzedon und Sardonyx, die mit Figuren von hohem Stil in der Größe eines Fingernagels, mit Gruppen von prächtiger Fülle bedeckt waren. Mit liebender Hand hob er einen kleinen bronzenen Faun von einem Tisch auf, um seine Besucher dessen zierliche Formen und die Patina bewundern zu lassen; und seine Worte waren des Meisterwerks, das er erklärte, würdig.

»Ich erwarte«, sagte er, »eine Sendung von antikem Silber: Becher und Tassen, die schöner sein sollen als der Hildesheimer Silberfund und die Stücke von Boscoreale. Ich brenne darauf, sie zu sehen. Herr von Caylus kannte kein größeres Vergnügen, als Kisten auspacken. So geht es mir auch.«

Waldteufel lachte: »Trotzdem, verehrter Fürst, heißt es, daß Sie in allen Arten von Vergnügen erfahren sind.«

»Sie wollen mir schmeicheln, Herr von Waldteufel. Doch ich glaube, daß die Kunst des Vergnügens die allererste ist und die andern nur insofern Wert haben, als sie zu jener beitragen.«

Damit führte er seine Gäste in die Gemäldegalerie, in der die silbernen Töne Veroneses mit der Bernsteinfarbe Tizians, das Brandrot Rembrandts mit dem Grau und Rosa von Velasquez zusammenklangen und alle Paletten eine glorreiche Tonharmonie bildeten. Eine Violine schlief vergessen auf einem Fauteuil vor dem Bildnis einer Dame in Braun mit Madonnenscheitel und olivenfarbenem Teint; ihre großen kastanienbraunen Augen ließen die Wangen schmal erscheinen. Eine Unbekannte, deren Formen Ingres mit liebkosender Meisterhand gezeichnet hatte.

»Ich will Ihnen meine Marotte gestehen«, sagte der Fürst von Lausitz. »Bisweilen, wenn ich allein bin, spiele ich vor diesen Bildern. Ich bilde mir ein, den Wohlklang der Farben und Linien auszudrücken. Vor diesem Frauenbildnis suche ich die kraftvolle, liebkosende Zeichnung wiederzugeben, und entmutigt lasse ich meine Violine sinken.«

Ein Fenster ging auf den Park. Der Fürst und seine Gäste lehnten sich an die Brüstung.

»Welch schöne Aussicht!« riefen Vierblatt und Waldteufel aus.

Über Terrassen, mit Statuen, Orangenbäumen und Blumen bedeckt, führten sanft geneigte, bequeme Treppen zu einem von Hainbuchenhecken umgebenen Rasenplatz und zu Wasserbecken, deren Naß in weißen Strahlen aus den Muscheln von Tritonen und den Urnen von Nymphen sprudelte. Rechts und links dehnte ein Meer von Grün seine besänftigten Wogen bis zu dem fernen Flusse, dessen Silberfaden am Fuße der in rosigen Duft gehüllten Höhen unter Pappeln aufblinkte.

Der Fürst, bisher frohgelaunt, heftete einen kummervollen Blick auf einen Punkt dieser weiten, herrlichen Aussicht.

»Dieser Schornstein!« murmelte er mit veränderter Stimme, während er mit dem Finger auf einen Fabrikschlot wies, der mehr als eine halbe Meile vom Park entfernt qualmte. »Dieser Schornstein? Man sieht ihn ja gar nicht«, sagte Vierblatt.

»Ich sehe nur ihn«, antwortete der Fürst. »Er verdirbt mir die ganze Aussicht, er verdirbt mir die ganze Natur, er verdirbt mir das Leben. Dies Übel ist unabwendbar. Er gehört einer Gesellschaft, die ihre Fabrik um keinen Preis abtreten will. Ich habe alles Mögliche versucht, um ihn zu verdecken; es ging nicht. Ich bin krank davon.«

Und das Fenster verlassend, warf er sich in einen Fauteuil.

»Das hätten wir voraussehen müssen«, sagte Vierblatt, als sie den Wagen bestiegen. »Das ist ein Sensitiver; er ist unglücklich.«

Ehe sie ihre Nachforschungen fortsetzten, kehrten sie für eine Weile in dem Gärtchen eines Wirtshauses ein, das auf der Spitze der Anhöhe lag. Von hier aus überblickte man das schöne Tal und den klaren Fluß mit seinen länglichen Inseln. Den beiden schlimmen Erfahrungen zum Trotz hofften sie einen glücklichen Milliardär zu entdecken. Es blieb ihnen noch ein Dutzend in der Gegend zu besuchen, darunter Herr Bloch, Herr Töpfer, der Baron Nikol, der größte Industrielle des Königreichs, und der Marquis von Granthsome, vielleicht der Allerreichste und der Sproß einer berühmten Familie, die ebenso mit Ruhm wie mit Gütern gesegnet war.

Neben ihnen saß ein hochgewachsener, magerer Mann, zusammengeknickt und schlaff wie ein Kopfkissen, und trank ein Glas Milch. Seine vorstehenden, fahlen Augen quollen ihm bis auf die Backen herab; die Nase hing ihm über den Mund. Er schien schmerzlich bedrückt und blickte betrübt auf Vierblatts Füße.

Nach einer Betrachtung von zwanzig Minuten erhob er sich finster und entschlossen, trat an den Oberstallmeister heran und sagte, sich für die Belästigung entschuldigend: »Gestatten Sie mir eine Frage, mein Herr, die für mich von äußerster Wichtigkeit ist. Wieviel bezahlen Sie für Ihre Stiefel?«

»Trotz der Seltsamkeit der Frage«, antwortete Vierblatt, »sehe ich nicht ein, warum ich sie nicht beantworten soll. Ich habe für dieses Paar fünfundsechzig Franken bezahlt.«

Lange betrachtete der Unbekannte abwechselnd seinen Fuß und den seines Partners und verglich beider Schuhzeug mit scharfem Blick.

Dann sagte er, blaß und mit erregter Stimme: »Sie sagen, Sie bezahlten für diese Stiefel fünfundsechzig Franken. Sind Sie dessen sicher?«

»Gewiß.«

»Mein Herr, bedenken Sie doch, was Sie sagen ...!«

»Na«, brummte Vierblatt, dem die Sache langweilig zu werden begann, »Sie sind ein spaßhafter Schuhmacher, Herr.«

»Ich bin kein Schuhmacher«, antwortete der Fremde mit demütiger Miene, »ich bin der Marquis von Granthsome.«

Vierblatt grüßte ihn.

»Mein Herr«, fuhr der Marquis fort, »ich ahnte es: ach, ich bin wieder bestohlen! Sie bezahlen für Ihre Stiefel fünfundsechzig Franken, und mich kosten meine, die den Ihren völlig gleich sind, neunzig. Es ist nicht des Preises wegen: der ist mir ganz einerlei; aber ich kann es nicht vertragen, bestohlen zu werden. Ich sehe, ich atme ringsum nichts als Unredlichkeit, Betrug, Diebstahl und Lüge; mir graust vor meinem Reichtum, der alle verdirbt, die mir näherkommen: Dienstboten, Verwalter, Lieferanten, Nachbarn, Freunde, Frau und Kinder. Mein Geld ist mir verhaßt und verächtlich. Meine Lage ist furchtbar. Ich bin nie sicher, ob ich nicht einen Unehrlichen vor mir habe. Und ich sterbe vor Ekel und Abscheu, weil ich selber zum Menschengeschlecht gehöre.«

Damit beugte sich der Marquis wieder über seine Tasse Milch und stöhnte: »Fünfundsechzig Franken! Fünfundsechzig Franken ...!«

In diesem Augenblick ertönten Klagen und Seufzer auf der Straße, und die beiden Abgesandten des Königs sahen einen jammernden Greis kommen, von zwei galonierten Dienern gefolgt.

Dieser Anblick erregte ihr Mitleid. Doch der Wirt sagte sehr gleichgültig: »Es ist nichts, es ist der Baron Nikol, der so reich ist! ... Er ist verrückt geworden; er hält sich für ruiniert und jammert Tag und Nacht.«

»Der Baron Nikol!« rief Waldteufel aus. »Wieder einer von denen, die Sie um ihr Hemd bitten wollten, Vierblatt!«

Bei dieser letzten Begegnung gaben sie es auf, das heilende Hemd bei den Reichsten im Königreiche zu suchen. Da sie mit ihrem Tagewerk unzufrieden waren und einen üblen Empfang im Schlosse fürchteten, machten sie sich gegenseitig für ihren Mißerfolg verantwortlich.

»Wie konnten Sie auch nur den Einfall haben, Vierblatt«, sagte Waldteufel, »zu diesen Leuten zu gehen, um etwas anderes als Studien über Mißbildungen zu treiben! Sitten, Vorstellungen, Empfindungen, nichts ist bei ihnen gesund, nichts normal. Es sind Ungeheuer.«

»Was! Hatten Sie mir nicht gesagt, Waldteufel«, begann der andere, »daß Reichtum eine Tugend sei, daß es recht sei, an die Güte der Reichen, und hold, an ihr Glück zu glauben? Aber sehen Sie sich vor, es gibt solchen und solchen Reichtum. Wenn der Adel arm und der Bürgerstand reich ist, so ist das die Zerrüttung des Staates und das Ende von allem.«

»Vierblatt, es tut mir leid, Ihnen, das sagen zu müssen; aber Sie haben keine Idee von der modernen Staatsverfassung. Sie verstehen die Zeit nicht, in der wir leben. Doch das tut nichts. Wie wäre es, wenn wir die goldne Mittelmäßigkeit ausforschten? Was denken Sie? Ich glaube, das Klügste wäre, morgen zu den Empfängen der Damen der Hauptstadt, der bürgerlichen wie der adligen, zu gehen. Wir können dabei alle Arten von Menschen beobachten; und wenn Sie auf mich hören wollen, so besuchen wir zuerst die Bürgerfrauen in bescheidener Lage.«

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