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Das Hemd eines Glücklichen

Anatole France: Das Hemd eines Glücklichen - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
authorAnatole France
titleDas Hemd eines Glücklichen
publisherVerlag Volk und Welt GmbH
addressBerlin
printrun3
year1951
translatorFriedrich Oppeln-Bronikowski
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060511
projectidebcd7a2f
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Der Marschall Herzog von Volmar

Heißwasser ließ die Feldzüge des Herzogs von Volmar kommen. Drei Bibliotheksdiener knickten unter der Last zusammen. Die geöffneten Atlanten bedeckten die Tische, soweit man sehen konnte.

»Hier, meine Herren, ist der Feldzug in der Steiermark, der Feldzug in der Pfalz, der Feldzug in Karaman, der im Kaukasus und der an der Weichsel. Die Stellungen und die Bewegungen der Armeen sind auf diesen Karten durch Rechtecke, die mit hübschen Fähnchen geziert sind, genau verzeichnet, und die Schlachtordnungen sind tadellos. Diese Ordnungen werden gewöhnlich nach der Schlacht bestimmt, und das Genie großer Heerführer besteht darin, sich zum Ruhme die Launen des Zufalls zum System zu erheben. Aber der Herzog von Volmar hat immer alles vorausgesehen.

Werfen Sie einen Blick auf diesen Plan der berühmten Schlacht bei Baskir, in der Volmar einen Sieg über die Türken davontrug. Er entfaltete hier das größte taktische Genie. Das Gefecht war seit fünf Uhr morgens im Gange, um vier Uhr nachmittags zogen sich Volmars Truppen, erschöpft und ohne Munition, regellos zurück. Der furchtlose Marschall hielt sich allein auf der Brücke, die über die Aluta geschlagen war, eine Pistole in jeder Hand, und schoß auf die Fliehenden. Er beendete seinen Rückzug, als er erfuhr, daß der Feind sich in wilder Flucht kopflos in die Donau stürzte. Da machte er kehrt, ging zur Verfolgung über und vernichtete ihn völlig. Dieser Sieg trug ihm eine Rente von fünfhunderttausend Franken ein und öffnete ihm die Pforten des Instituts.

Meine Herren, glauben Sie, einen Glücklicheren finden zu können als den Sieger von Elbrüz und Baskir? Er hat mit unveränderlichem Glück in vierzehn Feldzügen gefochten, sechzig Schlachten gewonnen und sein dankbares Vaterland dreimal vor dem Untergang gerettet. Mit Ruhm und Ehren überhäuft, verbringt er sein glorreiches Alter in Frieden und Reichtum und lebt über die den Menschen gewöhnlich vergönnte Frist hinaus.«

»Es ist wahr, er ist glücklich«, sagte Vierblatt. »Was halten Sie davon, Waldteufel?«

»Wir wollen ihn um eine Audienz bitten«, sagte der Staatssekretär.

Sie betraten den Palast und schritten durch das Vestibül, in dem sich das Reiterstandbild des Marschalls befand.

Auf dem Sockel standen die stolzen Worte: »Der Dankbarkeit des Vaterlandes und der Bewunderung der Welt vermache ich meine beiden Töchter Elbrüz und Baskir.« Die marmorne Ehrentreppe stieg in doppeltem Bogen zwischen waffen- und fahnengeschmückten Wänden empor, und der geräumige Vorplatz führte zu einer Tür, deren Flügel mit Trophäen und brennenden Granaten geschmückt waren; darüber glänzten die drei goldnen Kronen, die der König, das Parlament und die Nation dem Herzog von Volmar, dem Retter des Vaterlandes, zuerkannt hatten.

Waldteufel und Vierblatt blieben, von Ehrfurcht erstarrt, vor dieser geschlossenen Tür stehen. Bei dem Gedanken an den Helden, der hinter ihr lebte, befiel sie eine Erregung, die sie auf der Schwelle festnagelte; und sie wagten nicht, so vielem Ruhm entgegenzutreten.

Waldteufel entsann sich der Denkmünze, die zur Erinnerung an die Schlacht von Elbrüz geprägt worden war. Auf ihrer Vorderseite stand der Marschall, eine geflügelte Viktoria krönend, mit der stolzen Umschrift: ›Victoria Caesarem et Napoleonem coronavit; major autem Volmarus coronat Victoriam.‹ Und er flüsterte: »Dieser Mann ist hundert Klafter hoch.«

Vierblatt preßte beide Hände gegen sein Herz, das zum Zerspringen pochte.

Sie hatten ihre Fassung noch nicht wiedererlangt, als sie schrilles Geschrei vernahmen, das aus dem Hintergrund der Gemächer zu dringen schien und allmählich näher kam. Es war eine kläffende Frauenstimme, mit dem Geräusch von Schlägen vermischt und von schwachen Seufzern gefolgt. Plötzlich flogen die Türflügel auf, und ein winziger Greis, von einer kräftigen Dienstmagd mit Fußtritten befördert, sauste wie eine Gliederpuppe auf die Marmorstufen, kollerte kopfüber die Treppe hinunter und fiel schließlich geknickt, verrenkt und zerbrochen ins Vestibül zu Füßen der feierlichen Lakaien, die ihn aufhoben. Es war der Herzog von Volmar. Die Magd mit zerzaustem Haar und offenen Kleidern schrie von oben herab: »Laßt ihn doch liegen. So was rührt man nur mit dem Besen an.« Und eine Flasche schwenkend: »Er wollte mir meinen Schnaps fortnehmen! Wie kommt er dazu? Ha, pack dich doch, altes Gerippe! Ich hab' dich weiß Gott nicht gerufen, altes Aas!«

Vierblatt und Waldteufel entflohen mit großen Schritten aus dem Palaste. Als sie auf dem Exerzierplatz standen, machte Waldteufel die Bemerkung: »Bei seinem letzten Würfelspiel war der Held nicht glücklich.«

»Vierblatt«, setzte er hinzu, »ich sehe ein, daß ich mich geirrt habe. Ich wollte mit exakter, strenger Methode vorgehen; ich hatte unrecht. Die Wissenschaft führt uns irre. Kehren wir zum gesunden Menschenverstand zurück. Man findet sich nur mit dem gröbsten Empirismus zurecht. Suchen wir das Glück, ohne es bestimmen zu wollen.

Vierblatt erging sich lang und breit in Anschuldigungen und Invektiven gegen den Bibliothekar, den er für einen Freund schlechter Scherze erklärte. Was ihn am meisten erboste, war die Zerstörung seines Glaubens, die Besudlung des Kults, den er mit dem entehrten Nationalhelden getrieben hatte. Er litt darunter. Sein Schmerz war edel, und sicherlich tragen die edlen Schmerzen ihre Linderung und sozusagen ihren Lohn in sich: sie ertragen sich leichter und besser, mit leichterem Mute als die selbstsüchtigen und eigennützigen Schmerzen. Es wäre ungerecht, es anders zu wünschen. Und so hatte denn Vierblatt auch bald die Seele wieder frei und den Geist klar genug, um zu bemerken, daß der Regen auf seinen Zylinder fiel und ihm den Glanz nahm; und er seufzte: »Wieder ein Hut futsch!«

Er war Soldat gewesen und hatte seinem König einst als Dragonerleutnant gedient. Darum kam er auf einen Einfall: er ging zur Generalstabs-Buchhandlung an der Ecke der Marstallstraße und kaufte sich eine Karte des Königreichs und einen Plan der Hauptstadt.

»Man soll nie ohne Karten ins Feld ziehen«, sagte er. »Aber der Teufel weiß, wie man sie lesen soll. Hier ist unsere Hauptstadt mit ihrer Umgebung. Wo soll ich anfangen, im Norden oder Süden, im Osten oder Westen? Man hat beobachtet, daß die Städte sich alle nach Westen ausdehnen. Vielleicht liegt darin ein Wink, der zu beherzigen ist. Es ist möglich, daß die Bewohner der westlichen Stadtviertel, die vor den Tücken des Ostwinds geschützt sind, sich besserer Gesundheit und gleichmäßigerer Laune erfreuen und glücklicher sind. Oder fangen wir mit den reizenden Höhenzügen an, die den Flußlauf sechs Meilen südlich von der Stadt begleiten. Dort wohnen zu dieser Jahreszeit die reichsten Familien des Landes. Und was man auch sagt: unter den Glücklichen muß man einen Glücklichen suchen!«

»Vierblatt«, entgegnete der Staatssekretär, »ich bin kein Feind der Gesellschaft und kein Gegner der öffentlichen Wohlfahrt. Ich spreche von den Reichen als ehrlicher Mann und als guter Staatsbürger. Die Reichen sind der Verehrung und Liebe würdig; sie erhalten den Staat, indem sie sich noch bereichern; und wohltätig, selbst ohne es zu wollen, ernähren sie eine Menge Menschen, die an der Erhaltung und dem Wachstum ihres Vermögens arbeiten. Oh! wie schön, wie würdig und vortrefflich ist der Privatreichtum! Wie muß er von dem weisen Gesetzgeber geschont und geschützt werden, wie muß es ihm leicht gemacht werden, und wie unbillig, perfid, unredlich und den heiligsten Gesetzen, den achtbarsten Interessen zuwider und dem Staatssäckel verderblich ist es, den Reichtum zu schröpfen! Es ist eine soziale Pflicht, an die Güte der Reichen zu glauben; es ist auch hold, an ihr Glück zu glauben. Wohlan, Vierblatt!«

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