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Das Hemd eines Glücklichen

Anatole France: Das Hemd eines Glücklichen - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorAnatole France
titleDas Hemd eines Glücklichen
publisherVerlag Volk und Welt GmbH
addressBerlin
printrun3
year1951
translatorFriedrich Oppeln-Bronikowski
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060511
projectidebcd7a2f
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Das Heilmittel des Doktors Rodrigo

Der König hatte für seine beiden Leibärzte nie viel übrig gehabt. Nach halbjähriger Krankheit wurden sie ihm völlig unausstehlich. Sah er nur von weitem den schönen Schnurrbart und das ewige, sieghafte Lächeln des Doktors Salm und die beiden Hörner von schwarzen Haaren, die auf Kiefers Schädel klebten, so knirschte er mit den Zähnen und wandte wütend den Blick ab. Eines Nachts warf er ihre Tränke, Pillen und Pulver, die das Zimmer mit fadem, trübseligem Geruch erfüllten, zum Fenster hinaus. Er befolgte nicht nur ihre Verordnungen nicht, sondern tat auch geflissentlich das Gegenteil. Wenn sie ihm Bewegung empfahlen, so rührte er sich nicht; verordneten sie ihm Ruhe, so machte er sich Bewegung, aß, wenn sie ihm Diät verschrieben, fastete, wenn sie die Überernährung rühmten, und bezeigte Frau von Huhn eine so überraschende Glut, daß sie dem Zeugnis ihrer Sinne nicht glauben wollte und zu träumen meinte. Trotzdem genas er nicht. So zeigte sich auch hier, daß die Medizin eine trügerische Kunst ist und ihre Vorschriften, in welchem Sinne man sie auch anwenden mag, gleich nichtig sind. Es ging ihm weder schlechter noch besser.

Seine mannigfachen, häufigen Schmerzen hörten nicht mehr auf. Er klagte, ein Ameisenhaufen habe sich in seinem Gehirn angesiedelt, und dieses emsige und kriegerische Völkchen grabe darin Gänge, Kammern, Magazine, trage Lebensmittel und Baumaterial ein, lege Milliarden Eier, füttere seine Jungen, bestehe Belagerungen, schlage Sturmangriffe ab und fechte erbitterte Schlachten in seinem Kopfe aus. Er fühle es, sagte er, wenn eine Kriegerin mit ihren scharfen Kiefern den dünnen, harten Panzer ihrer Feindin durchbreche.

»Majestät«, sagte Herr von Waldteufel zu ihm, »lassen Sie Doktor Rodrigo kommen. Er heilt Sie gewiß.«

Doch der König zuckte die Achseln, und in einer Anwandlung von Schwäche und Geistesabwesenheit verlangte er wieder Arzneien und unterwarf sich der Diät. Er ging nicht mehr zu Frau von Huhn und nahm eifrig Pillen von salpetersaurem Akonit, die damals im Glanz ihrer Neuheit und Jugend standen. Infolge dieser Enthaltsamkeit und dieser Kur bekam er einen solchen Erstickungsanfall, daß ihm die Zunge zum Munde heraustrat und die Augen aus dem Kopfe quollen. Man stellte sein Bett senkrecht, wie eine Wanduhr, und sein vom Blutandrang gerötetes Gesicht sah darin aus wie ein rotes Zifferblatt.

»Das Herzgeflecht ist in vollem Aufruhr«, sagte Professor Kiefer.

»In völliger Empörung«, setzte Doktor Salm hinzu. Herr von Waldteufel nahm die Gelegenheit wahr, den Doktor Rodrigo abermals zu empfehlen; doch der König erklärte, er habe genug an zwei Ärzten.

»Majestät«, erwiderte Waldteufel, »Doktor Rodrigo ist kein Arzt.«

»Ha«!« rief Christoph V. aus, »was Sie da sagen, Herr von Waldteufel, gereicht ihm zum Vorteil und stimmt mich ihm günstig. Er ist kein Arzt? Was ist er denn?«

»Ein Gelehrter, ein Genie, Majestät. Er hat unerhörte Eigenschaften der strahlenden Materie entdeckt und wendet sie auf die Medizin an.«

Doch in einem Tone, der keinen Widerspruch duldete, gebot der König, ihm von diesem Kurpfuscher nie wieder zu reden. »Nie!« stieß er hervor, »nie werde ich ihn empfangen, nie!«

Den ganzen Sommer verbrachte Christoph V. in leidlichem Zustande. Er unternahm mit Frau von Huhn, die als Schiffsjunge gekleidet war, eine Kreuzfahrt in einer Yacht von zweihundert Tonnen. Er lud zum Frühstück an Bord den Präsidenten einer Republik, einen König und einen Kaiser und sicherte im Einklang mit ihnen den Weltfrieden. Es verdroß ihn, die Geschicke der Völker zu bestimmen; doch als er in Frau von Huhns Kabine einen alten Schundroman für Fabrikmädchen fand, las er ihn mit leidenschaftlichem Interesse, das ihm für einige Stunden ein wohltätiges Vergessen der Wirklichkeit verschaffte. Kurz, abgesehen von gelegentlichen Migränen, Neuralgien, Rheumatismus und Lebensmüdigkeit, ging es ihm leidlich. Im Herbst kam sein altes Leiden wieder. Er erduldete die furchtbare Pein eines Menschen, der von den Füßen bis zum Gürtel in Eis liegt und dessen Oberkörper dem Feuer ausgesetzt ist. Was ihm aber noch mehr Schauder und Entsetzen bereitete, waren Gefühle, die er nicht auszudrücken vermochte, unaussprechliche Zustände. Manchmal, sagte er, sei es so, daß ihm die Haare dabei zu Berge ständen. Blutarmut entkräftete ihn, und seine Schwäche nahm täglich zu, ohne daß seine Leidensfähigkeit nachließ.

»Herr von Waldteufel«, sagte er eines Morgens nach einer schlechten Nacht, »Sie haben mir mehrmals von Doktor Rodrigo erzählt. Lassen Sie ihn kommen.«

Doktor Rodrigo wurde zu dieser Zeit am Kap, in Melbourne und in Sankt Petersburg gemeldet. Kabeltelegramme und Funksprüche wurden unverzüglich in diese Richtungen entsandt. Noch war keine Woche verflossen, als der König dringlich nach Doktor Rodrigo verlangte. In den folgenden Tagen fragte er alle Augenblicke: »Kommt er nicht bald?« Man antwortete ihm, daß Seine Majestät kein Patient sei, den man unbeachtet lasse, und daß Rodrigo mit fabelhafter Geschwindigkeit reise. Aber nichts konnte die Ungeduld des Kranken besänftigen. »Er kommt nicht«, seufzte er, »Sie werden sehen, er kommt nicht!«

Eine Depesche aus Genua meldete, daß Doktor Rodrigo sich auf der Preußen eingeschifft habe. Drei Tage darauf erschien der Weltdoktor im Palaste, nachdem er seine Kollegen Salm und Kiefer mit unverschämter Leutseligkeit besucht hatte.

Er war jünger und schöner als Doktor Salm und hatte ein stolzeres und vornehmeres Wesen. Aus Achtung vor der Natur, der er in allen Dingen gehorchte, ließ er sich Haare und Bart wachsen und glich so den antiken Philosophen, die Griechenland in Marmor verewigt hat.

Nachdem er den König untersucht hatte, sagte er: »Majestät, die Ärzte, die von Krankheiten sprechen wie der Blinde von der Farbe, behaupten, Sie litten an Neurasthenie oder Nervenschwäche. Aber wenn sie Ihre Krankheit auch erkannt haben, so sind sie deshalb um nichts mehr imstande, Sie zu heilen; denn ein organisches Gewebe läßt sich nur mit den Mitteln wiederherstellen, die die Natur gebraucht hat, um es zu schaffen, und diese Mittel kennen sie nicht. Welches sind nun aber die Mittel, welches ist das Verfahren der Natur? Sie kennt nicht Hand noch Werkzeug; sie ist fein und geistreich; sie benutzt zu ihren mächtigsten, massigsten Bauten die winzigsten Teilchen der Materie, das Atom und die Zelle. Aus unfaßbarem Nebel bildet sie Gebirge, Metalle, Pflanzen, Tiere und Menschen. Wie? Durch Anziehungskraft, Schwerkraft, Durchdringung, Einziehung, Endosmose, Kapillarität, Wahlverwandtschaft, Sympathie. Sie bildet kein Sandkorn anders als die Milchstraße: die Harmonie der Sphären herrscht hier wie dort; beide bestehen nur durch die Bewegung der Teilchen, aus denen sie zusammengesetzt sind und die ihre musikalische, liebende, ewig bewegte Seele ist. Die Sterne des Himmels und die Staubkörnchen, die in dem Sonnenstrahl tanzen, der in dieses Zimmer fällt, haben die gleiche Struktur, und das kleinste dieser Stäubchen ist ebenso bewundernswert wie der Sirius, denn das Wunderbare in allen Körpern des Weltalls ist das unendlich Kleine, das sie bildet und belebt. So arbeitet die Natur. Aus dem nicht Wahrnehmbaren, dem Unfaßbaren, Unwägbaren schuf sie die ungeheure Welt, die unsern Sinnen zugänglich ist und die unser Geist mißt und wägt; doch das, woraus sie uns selbst schuf, ist weniger als ein Hauch. Arbeiten wir wie sie mit dem Unwägbaren, Unfaßbaren, nicht Wahrnehmbaren, durch liebende Anziehung und feine Durchdringung! Das ist das Prinzip. Wie soll man es auf den vorliegenden Fall anwenden? Wie den erschöpften Nerven das Leben, wiedergeben – das bleibt zu prüfen.

Und zunächst: Was sind die Nerven? Wenn wir nach der Definition fragen, so kann der geringste Physiologe, ja selbst ein Salm, ein Kiefer, sie uns geben.« Es sind Stränge, Fibern, die von Gehirn und Rückenmark ausgehen und sich durch alle Körperteile verzweigen, um die Sinneseindrücke zu vermitteln und den motorischen Apparat in Bewegung zu setzen. Sie sind also Empfindung und Bewegung. Das genügt, um uns ihre innere Anlage erkennen zu lassen und uns ihr Wesen zu offenbaren. Mit welchen Namen man es auch bezeichnen möge – es ist identisch mit dem, was man auf dem Gebiet der Empfindungen Freude und auf moralischem Gebiet Glück nennt. Wo sich ein Atom Freude und Glück findet, da findet sich die Substanz, die die Nerven gesund macht. Und wenn ich sage, ein Atom Freude, so meine ich eine bestimmte Substanz, einen materiellen Gegenstand, einen Körper, der imstande ist, die vier Aggregatzustände: fest, flüssig, luftförmig und strahlend, zu durchlaufen, einen Körper, dessen Atomgewicht sich bestimmen läßt. Die Freude und die Trauer, deren Wirkungen die Menschen, Tiere und Pflanzen seit Anbeginn der Dinge verspüren, sind wirkliche Substanzen; sie sind Materie, da sie ja Geist sind und die Natur in ihren drei Formen: Bewegung, Materie und Geist, eins ist. Es kommt also nur noch darauf an, sich Freudenatome in genügender Anzahl zu verschaffen und sie durch Endosmose und Hautaspiration in den Organismus einzuführen. Deshalb verordne ich Euer Majestät, das Hemd eines Glücklichen zu tragen.«

»Was!« rief der König aus, »ich soll das Hemd eines Glücklichen tragen ?«

»Auf der Haut, Majestät, damit Ihre trockene Epidermis die Glücksteilchen aufsaugt, welche die Schweißdrüsen des Glücklichen durch die Kanäle seines glücklichen Dermas ausströmen. Denn Sie kennen die Funktionen der Haut: sie saugt auf und strömt aus und steht in fortwährendem Austausch mit der Umgebung, in der sie sich befindet.«

»Ist dies das Heilmittel, das Sie mir verordnen, Doktor Rodrigo?«

»Majestät, man könnte kein rationelleres verordnen. Ich wüßte nichts aus dem Arzneibuch, das es ersetzen könnte. In Unkenntnis der Natur und unfähig, sie nachzuahmen, fabrizieren unsere Giftmischer in ihren Apotheken nur eine geringe Zahl von Heilmitteln, die stets gefährlich und nicht immer wirksam sind. Die Medikamente, die wir nicht herstellen können, müssen wir wohl oder übel fertig nehmen, wie die Blutegel, das Bergklima, die Seeluft, die natürlichen Heilquellen, die Eselsmilch, die Katzenfelle und die Ausschwitzungen eines Glücklichen. Wissen Majestät etwa nicht, daß eine rohe Kartoffel, die man in der Tasche trägt, die rheumatischen Schmerzen vertreibt? Sie wollen von natürlichen Heilmitteln nichts wissen; Sie müssen künstliche oder chemische Arzneien haben, Tropfen und Pulver. Sie sind also wohl sehr zufrieden mit Ihren Pulvern und Tropfen?«

Der König entschuldigte sich und versprach zu gehorchen. Doktor Rodrigo, der bereits in der Tür stand, drehte sich um und sagte: »Lassen Sie es leicht anwärmen, ehe Sie es tragen.«

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