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Das Hemd eines Glücklichen

Anatole France: Das Hemd eines Glücklichen - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
authorAnatole France
titleDas Hemd eines Glücklichen
publisherVerlag Volk und Welt GmbH
addressBerlin
printrun3
year1951
translatorFriedrich Oppeln-Bronikowski
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060511
projectidebcd7a2f
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Ein junger Schäfer lag lässig hingestreckt auf dem Grase der Wiese und verzauberte seine Einsamkeit mit den Klängen der Schalmei... Man hatte ihm seine Kleider mit Gewalt fortgenommen, aber...
Großes Konversationslexikon von Pierre Laronsse; Artikel Hemd, Band IV, Seite 5, Spalte 4

König Christoph, seine Regierung, seine Sitten und seine Krankheit

Christoph V. war kein schlechter König. Er beobachtete genau die Vorschriften der parlamentarischen Verfassung und fügte sich stets dem Willen der Kammern. Diese Unterordnung wurde ihm nicht schwer; denn er hatte gemerkt, daß es wohl mehrere Arten gibt, zur Macht zu gelangen, aber nicht zwei, sich in der Macht zu erhalten und als Machthaber zu benehmen. Seine Minister regierten, trotz verschiedener Herkunft, Grundsätze, Ideen und Gesinnungen, alle gleich und wiederholten sich, wenn auch mit gewissen, rein formalen Abweichungen, mit einer beruhigenden Regelmäßigkeit. Und darum nahm er ohne Zögern alle, die ihm die Kammern vorschlugen, zu den Staatsgeschäften, am liebsten freilich die Revolutionäre, weil diese ihre Autorität am hitzigsten durchsetzten.

Er selber befaßte sich vor allem mit der Außenpolitik, ging häufig auf diplomatische Reisen, dinierte und jagte mit den Königen, seinen Vettern, und rühmte sich, der beste Minister des Auswärtigen zu sein, der sich träumen lasse. Nach innen behauptete er sich so gut, wie die unglücklichen Zeiten es gestatteten. Er war bei seinem Volke weder sehr beliebt noch sehr geachtet; und das sicherte ihm den schätzbaren Vorteil, es nie zu enttäuschen. Da er die Liebe seines Volkes nicht besaß, hatte er auch die Unbeliebtheit nicht zu fürchten, die jeden, der populär ist, mit Gewißheit erwartet. Sein Staat war reich. Gewerbe und Handel blühten, ohne jedoch die Nachbarvölker durch Ausdehnung besorgt zu machen. Vor allem erzwang seine Finanzwirtschaft Bewunderung. Die Sicherheit seines Kredits schien unerschütterlich; die Finanzleute sprachen mit Begeisterung und Liebe davon. Hochherzige Tränen feuchteten ihre Augen, und Ehre floß daraus auf König Christoph zurück. Die Bauern beluden ihn mit der Verantwortung für die Mißernten; doch die waren selten. Die Fruchtbarkeit des Bodens und die Geduld derer, die ihn bestellten, machten das Land ergiebig an Obst, Wein, Getreide und Herden. Die Fabrikarbeiter mit ihren beständigen, ungestümen Forderungen erschreckten das Bürgertum, das vom König Schutz vor der sozialen Revolution begehrte. Die Arbeiter ihrerseits konnten ihn nicht stürzen, denn sie waren zu schwach und hatten gar keine Lust dazu; auch sahen sie nicht ein, was sie dabei gewinnen könnten. Der König erleichterte weder ihr Los noch bedrückte er sie stärker, so daß sie immer eine Drohung blieben und nie zur Gefahr wurden.

Auf das Heer konnte er sich verlassen: es war von gutem Geiste erfüllt. Das Heer ist immer von gutem Geiste erfüllt. Alle Maßregeln, die getroffen werden, bezwecken, ihm diesen Geist zu erhalten; das ist die oberste Notwendigkeit des Staates. Denn, verlöre es ihn, würde die Regierung sofort gestürzt. König Christoph begünstigte die Religion. Er war allerdings kein Frömmler; und um nicht glaubenswidrig zu denken, gebrauchte er die nützliche Vorsicht, nie einen Glaubensartikel zu prüfen. Er erschien zur Messe in seiner Hauskapelle und war höflich und voller Gnadenbeweise gegen seine Bischöfe, unter denen sich drei bis vier Ultramontane befanden, die ihn mit Schmähungen überhäuften. Die Niedrigkeit und Servilität seiner Beamten erregten ihm unüberwindlichen Ekel. Er begriff nicht, wie seine Untertanen eine so ungerechte Justiz ertrugen; doch die Beamten machten ihre schandbare Schwäche gegen die Starken durch unbeugsame Härte gegen die Schwachen wett. Diese Strenge war eine Genugtuung für die Besitzenden und gebot Achtung.

Christoph V. hatte wahrgenommen, daß seine Handlungen entweder keine beträchtliche Wirkung oder das Gegenteil der Wirkung hatten, die er beabsichtigte. Daher handelte er wenig. Orden und Auszeichnungen waren das beste Werkzeug seiner Herrschaft. Er verlieh sie seinen Gegnern, die dadurch gedemütigt und zufriedengestellt wurden.

Die Königin hatte ihm drei Söhne geschenkt. Sie war häßlich, zänkisch, geizig und stumpfsinnig; aber das Volk, das sie vom König verlassen und betrogen wußte, verfolgte sie mit Lobsprüchen und Huldigungen. Nachdem der König eine Menge von Frauen aller Stände ausgezeichnet hatte, hielt er sich meist an Frau von Huhn, die ihm zur Gewohnheit geworden war. Er hatte bei Frauen stets die Neuheit geliebt; doch eine neue Frau war für ihn keine Neuheit mehr, und die Monotonie der Veränderung ward ihm zur Last. Aus Überdruß kehrte er zu Frau von Huhn zurück; und das ›kenn' ich schon‹, das ihn bei neuen Liebschaften stets anwiderte, war ihm bei einer alten Freundin erträglich. Trotzdem langweilte sie ihn mit Energie und Ausdauer. Bisweilen wurde ihm diese standhafte Fadheit zuviel; dann suchte er ihr durch Verkleidungen Abwechslung zu verleihen. Er ließ sie als Andalusierin, als Tirolerin, als Kapuziner, als Dragonerrittmeister, als Nonne kleiden, fand sie jedoch stets gleich abgeschmackt.

Seine Hauptbeschäftigung war die Jagd, die überlieferte Tätigkeit der Könige und Fürsten, die sie von den ersten Menschen geerbt haben, eine alte Notwendigkeit, die zur Zerstreuung geworden ist, eine Strapaze, die für die Großen zum Vergnügen wird. Es gibt kein Vergnügen als durch Strapazen. Christoph V. jagte wöchentlich sechsmal.

Eines Tages, im Walde, sagte er zu Herrn von Vierblatt, seinem Oberstallmeister: »Oh, die elende Hirschjagd!«

»Sire«, antwortete der Stallmeister, »die Ruhe nach der Jagd wird Ihnen wohltun.«

»Vierblatt«, seufzte der König, »früher machte es mir Spaß, mich erst zu ermüden und dann zu erholen. Jetzt gewinne ich keinem von beiden mehr Reiz ab. Jede Beschäftigung hat für mich die Leere des Müßiggangs, und die Ruhe ermüdet mich wie eine schwere Arbeit.«

Nach zehnjähriger Regierung ohne Revolutionen noch Kriege hatte Christoph V., den seine Untertanen schließlich für einen guten Politiker hielten und der zum Schiedsrichter der Könige geworden war, keine Freude am Dasein mehr. Er versank in tiefe Niedergeschlagenheit und sagte oft: »Ich habe stets schwarze Würmer vor den Augen, und unter den Rippen fühle ich einen Felsen, auf dem die Traurigkeit hockt.«

Er schlief nicht mehr und hatte keinen Appetit.

»Ich kann nichts essen«, sagte er zu Herrn von Vierblatt, vor seinem goldenen Prachtgedeck sitzend. »Ach, nicht nach Tafelfreuden steht mir der Sinn; sie haben mich nie erfreut: diese Freuden kennt kein König. Ich habe die schlechteste Tafel in meinem Königreich. Gut essen nur die kleinen Leute. Die Reichen haben Köche, die sie bestehlen und vergiften: Die größten Köche stehlen und vergiften am beflissensten, und ich habe die größten Köche Europas. Trotzdem hatte ich Anlage zum Feinschmecker, und ich würde wie ein anderer gute Happen lieben, wenn mein Zustand es mir erlaubte.«

Er klagte über Kreuzschmerzen und Druck auf den Magen, fühlte sich schwach, war kurzatmig und hatte Herzklopfen. Bisweilen stieg ihm eine schlaffe Hitze in widerwärtigen Wellen zu Kopf.

»Ich fühle«, sagte er, »ein dumpfes, fortwährendes, stilles Unbehagen, an das man sich gewöhnen kann und das von Zeit zu Zeit ein zuckender Schmerz durchblitzt. Daher meine Betäubung und meine Angst.«

Der Kopf schwindelte ihm; er war plötzlich geblendet, hatte Migräne, Krämpfe und Seitenstechen, das ihm den Atem abschnitt.

Die beiden Leibärzte des Königs, Doktor Salm und Professor Kiefer, stellten Neurasthenie fest.

»Noch unbestimmte morbide Entwicklung!« sagte Doktor Salm. »Undeutliche nosologische Ursache, daher nicht zu fassen.«

Professor Kiefer unterbrach ihn: »Nennen Sie es, Salm, einen wahren pathologischen Proteus, der sich wie jener Meergreis unter den Händen des Praktikers unaufhörlich verwandelt und die bizarrsten und erschreckendsten Gestalten annimmt! Abwechselnd Geier der Magengeschwüre und Schlange der Nierenentzündung, erhebt er plötzlich das gelbe Gesicht der Gelbsucht, zeigt die roten Backenknochen der Tuberkulose oder krampft die Hände wie ein Würger zusammen, so daß man auf Herzerweiterung schließt. Dann erscheint er als Gespenst aller unheilbaren Krankheiten, um zuletzt, der ärztlichen Tat das Feld räumend, sich für besiegt zu erklären und in seiner wahren Gestalt, der eines Affen aller Krankheiten, zu entfliehen.«

Doktor Salm war schön, anmutig, verführerisch, ein Liebling der Damen, in denen er sich selbst liebte. Als eleganter Gelehrter und Salonarzt erkannte er den Adel noch am Blinddarm und am Bauchfell und beobachtete genau die sozialen Unterschiede der Gebärmütter. Professor Kiefer war klein, dick, kurzbeinig, von der Form eines Topfes, geschwätzig und noch dünkelhafter als sein Kollege Salm. Er war ebenso eitel und hatte mehr Mühe, seine Ansprüche durchzusetzen. Beide haßten einander, doch da sie einsahen, daß sie sich durch gegenseitige Bekämpfung nur vernichten würden, so trugen sie völlige Eintracht und Gemeinsamkeit der Gedanken zur Schau. Kaum hatte der eine seine Ansicht kundgetan, so machte der andere sie sich zu eigen.

Obwohl jeder des andern Fähigkeiten und Intelligenz mißachtete, fürchteten sie nicht, ihre Meinungen auszutauschen; wußten sie doch, daß sie dabei nichts aufs Spiel setzten und beim Austausch weder verloren noch gewannen, denn es waren ja medizinische Meinungen. Die Krankheit des Königs beunruhigte sie anfänglich nicht. Sie rechneten darauf, daß der Kranke während ihrer Behandlung genesen und dieses Zusammentreffen ihnen zugute kommen werde. Sie schrieben übereinstimmend ein enthaltsames Leben vor (Quibus nervi dolent, Venus inimica), ferner kräftigende Nahrung, Bewegung in frischer Luft und vernünftige Anwendung einer Wasserkur. Salm rühmte, mit Billigung Kiefers, Schwefelkohlenstoff und Methylchlorid; Kiefer war unter Beifall von Salm für Opiate, Chloral und Brom.

Doch es vergingen Monate, ohne daß der Zustand des Königs sich im geringsten zu bessern schien. Und bald wurden die Beschwerden heftiger.

»Mir ist«, sprach Christoph V., auf der Chaiselongue liegend, eines Tages zu ihnen, »mir ist, als ob ein Nest voll Ratten in meinen Gedärmen nagt, während ein garstiger Zwerg, ein Kobold mit Kapuze, Kittel und roten Hosen, mir in den Magen gefahren ist und ihn mit seiner Hacke aushöhlt.«

»Majestät«, sagte Professor Kiefer, »das ist ein sympathischer Schmerz.«

»Ich finde ihn antipathisch«, antwortete der König. Doktor Sahn fiel ein: »Weder der Magen noch der Darm Eurer Majestät ist krank, und wenn Sie dennoch Schmerz empfinden, so kommt dies, sagen wir, durch Sympathie mit Ihrem Sonnengeflecht, dessen zahllose Nervenfasern, durcheinandergewirrt und verstrickt, in allen Richtungen an Magen und Darm zerren, wie zahllose glühende Platindrähte.«

»Die Neurasthenie«, unterbrach ihn Kiefer, »ein wahrer pathologischer Proteus ...«

Doch der König gab beiden den Laufpaß.

Als sie gegangen waren, sagte Herr von Waldteufel, der erste Staatssekretär: »Majestät sollten den Doktor Rodrigo konsultieren.«

»Jawohl«, sagte Herr von Vierblatt, »Majestät lasse den Doktor Rodrigo kommen. Das ist das einzige, was hilft.«

Zu jener Zeit setzte Doktor Rodrigo die Welt in Staunen. Man sah ihn fast gleichzeitig in allen Ländern des Erdballs. Er ließ sich seine Besuche so hoch bezahlen, daß die Milliardäre seinen Wert anerkannten. Seine Kollegen in der ganzen Welt, mochten sie auch von seinem Wissen und von seinem Charakter denken, wie sie wollten, sprachen mit Respekt von den Honoraren, die er zu einer bis dahin unerhörten Höhe hinaufgeschraubt hatte. Mehrere rühmten seine Methoden, erklärten, sie zu beherrschen und zu ermäßigten Preisen anzuwenden, und trugen so zu seinem Weltruhm bei. Da Doktor Rodrigo jedoch die Erzeugnisse der Laboratorien und die Medikamente der Apotheken aus seinem Heilverfahren auszuschalten beliebte und nie die Formeln des Arzneibuches gebrauchte, waren seine Heilmittel von verblüffender Wunderlichkeit und voll unnachahmbarer Seltsamkeiten.

Herr von Waldteufel war zwar von Rodrigo noch nie behandelt worden, setzte aber schrankenloses Vertrauen in ihn und glaubte an ihn wie an Gott. Er flehte den König an, den Wunderdoktor rufen zu lassen, doch umsonst.

»Ich halte mich«, sprach Christoph V., »an Salm und Kiefer. Ich kenne sie und weiß, daß sie unfähig sind, wogegen ich nicht weiß, wessen der Doktor Rodrigo fähig ist.«

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