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Das Hemd eines Glücklichen

Anatole France: Das Hemd eines Glücklichen - Kapitel 15
Quellenangabe
typenovelette
authorAnatole France
titleDas Hemd eines Glücklichen
publisherVerlag Volk und Welt GmbH
addressBerlin
printrun3
year1951
translatorFriedrich Oppeln-Bronikowski
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060511
projectidebcd7a2f
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Ein Glücklicher

Nachdem Vierblatt und Waldteufel ein ganzes Jahr lang vergebens das Königreich durchstreift hatten, begaben sie sich nach dem Schlosse Weißenbrunn, wohin der König sich hatte bringen lassen, um die Waldeskühle zu genießen. Sie fanden ihn in einem Zustand von Hinfälligkeit, über den der Hof sich sorgte.

Die Gäste wohnten nicht im Schloß Weißenbrunn, das nur ein Jagdpavillon war. Der Staatssekretär und der Oberstallmeister logierten sich im Dorfe ein und begaben sich täglich durch den Wald zu dem Monarchen. Auf ihrem Wege begegneten sie öfters einem kleinen Manne, der in einer großen, hohlen Platane des Waldes hauste. Er hieß Muske und war nicht schön mit seinem stumpfnasigen Gesicht, den vorspringenden Backenknochen und der breiten Nase mit den runden Nasenlöchern. Aber seine eckigen Zähne, die beim häufigen Grinsen der roten Lippen zum Vorschein kamen, gaben seinem wilden Gesicht Glanz und Reiz. Wie er sich der großen Platane bemächtigt hatte, wußte keiner; doch er hatte sich darin eine sehr saubere Kammer eingerichtet, die mit allem, dessen er bedurfte, versehen war. Um die Wahrheit zu sagen: Er brauchte wenig: Er lebte vom Wald und vom Teich, und er lebte sehr gut. Man sah ihm die Mängel seines Benehmens nach, weil er dienstbereit und gefällig war. Wenn die Damen des Schlosses im Walde spazierenfuhren, bot er ihnen in selbstgeflochtenen Weidenkörben Honigwaben, Walderdbeeren oder bittersüße Vogelkirschen an. Er war stets bereit, festgefahrene Fuhren schieben zu helfen und das Heu einzubringen, wenn ein Unwetter drohte. Ohne müde zu werden, leistete er mehr als ein anderer. Seine Kraft und seine Behendigkeit waren erstaunlich. Er zerbrach mit seinen Händen einem Wolf das Gebiß, fing einen Hasen im Laufe und kletterte auf die Bäume wie eine Katze. Um die Kinder zu erfreuen, schnitt er Rohrflöten, fertigte kleine Windmühlen und Heronsbälle an.

Vierblatt und Waldteufel hörten im Dorfe oft sagen: »Glücklich wie Muske.« Dieses Sprichwort übte Seine Wirkung auf ihren Geist, und eines Tages, als sie unter der großen, hohlen Platane vorbeikamen, sahen sie Muske mit einem jungen Mops spielen, offenbar ebenso zufrieden wie der Hund. Sie kamen auf den Gedanken, ihn zu fragen, ob er glücklich sei.

Muske konnte ihnen nicht antworten, denn er hatte über das Glück nie nachgedacht. Sie belehrten ihn kurz und sehr einfach, was es sei. Und nachdem er einen Augenblick überlegt hatte, antwortete er, daß er das Glück besitze.

Bei dieser Antwort rief Waldteufel ungestüm: »Muske, wir verschaffen dir alles, was du dir wünschest, Gold, ein Schloß, neue Holzschuhe, alles, was du willst. Gib uns dein Hemd.«

Sein gutes Gesicht verriet weder Bedauern noch Enttäuschung, die er durchaus nicht zu empfinden vermochte, wohl aber Verblüffung. Er bedeutete sie, daß er das Verlangte nicht geben könne.

Er besaß kein Hemd.

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