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Das Hemd eines Glücklichen

Anatole France: Das Hemd eines Glücklichen - Kapitel 13
Quellenangabe
typenovelette
authorAnatole France
titleDas Hemd eines Glücklichen
publisherVerlag Volk und Welt GmbH
addressBerlin
printrun3
year1951
translatorFriedrich Oppeln-Bronikowski
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060511
projectidebcd7a2f
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Ob das Laster eine Tugend ist ...

Vierzehn Monate lang, vom Morgen bis zum Abend und vom Abend bis zum Morgen, durchstreiften sie die Stadt und die Umgegend, beobachteten, prüften und forschten – alles umsonst. Der König, dessen Kräfte von Tag zu Tag abnahmen und der sich nun eine Vorstellung von der Schwierigkeit einer solchen Nachforschung machte, befahl dem Minister des Innern, eine außerordentliche Kommission einzusetzen, die unter dem Vorsitz der Herren Vierblatt, Heißwasser, Waldteufel und Kaltengrund, mit Machtvollkommenheit ausgestattet, eine geheime Erhebung über die glücklichen Personen im Königreiche veranstalten sollte. Der Aufforderung des Ministers entsprechend, stellte der Polizeipräsident seine gewandtesten Agenten in den Dienst der Kommission; und alsbald wurden die Glücklichen in der Hauptstadt mit gleichem Eifer und gleichem Fleiße gesucht wie in anderen Ländern die Missetäter und Anarchisten. Galt ein Staatsbürger für glücklich, gleich wurde er angezeigt, ausgespäht, überwacht. Zwei Polizisten patrouillierten in ihren groben, eisenbeschlagenen Stiefeln zu jeder Tageszeit vor den Fenstern der als glücklich verdächtigten Leute auf und ab. Nahm sich ein Lebemann eine Loge in der Oper, sofort wurde er beobachtet. Ein Rennstallbesitzer, dessen Pferd gesiegt hatte, wurde ins Auge gefaßt. In allen öffentlichen Lokalen wurde ein Beamter vom Polizeipräsidium installiert und machte sich Notizen über die Eintretenden. Und auf die Beobachtung des Herrn Polizeipräsidenten, daß Tugend glücklich mache, wurden die Personen, die Wohltätigkeit übten, die Gründer frommer Stiftungen, die hochherzigen Spender, die verlassenen und treuen Gattinnen, die Staatsbürger, die für Akte der Hingebung bekannt wurden, die Helden und Märtyrer gleichfalls denunziert und scharfen Verhören unterworfen.

Diese Überwachung lastete auf der ganzen Stadt; doch ihr Anlaß blieb völlig im Dunkeln. Vierblatt und Waldteufel hatten es niemandem anvertraut, daß sie ein glückbringendes Hemd suchten, aus Furcht – wie wir bereits erwähnten–, daß Ehrgeizige oder Begehrliche ein vollkommenes Glück vortäuschten und dem König ein Unterkleid ausliefern möchten, das angeblich glückbringend, in Wahrheit aber mit Elend, Kummer und Sorgen durchtränkt war. Die ungewöhnlichen Maßnahmen der Polizei säten Unruhe in die oberen Klassen, und eine gewisse Gärung wurde in der Stadt bemerkbar. Mehrere hochangesehene Damen waren bloßgestellt, und Skandale brachen aus.

Die Kommission vereinigte sich allmorgendlich in der Königlichen Bibliothek unter Vorsitz des Herrn von Vierblatt und unter dem Beisitz der Herren Loch und Gutbier, außerordentlicher Staatsräte. Bei jeder Sitzung wurden durchschnittlich fünfzehnhundert Aktenstücke geprüft. Nach einer Session von vier Monaten hatte die Kommission noch kein Anzeichen für einen Glücklichen entdeckt.

Als der Präsident Vierblatt hierüber klagte, rief Herr Gutbier aus: »Ach, die Laster bringen Leid, und alle Menschen haben Laster!«

»Ich habe keine«, seufzte Herr Heißwasser, »und das bringt mich zur Verzweiflung. Das Leben ohne Laster ist nur ein Hinsiechen, nur Erschlaffung und Trübsal. Das Laster ist die einzige Zerstreuung, an der man auf dieser Welt Geschmack finden kann; das Laster macht das Dasein farbig, es ist das Salz der Seele, der Funke des Geistes. Was sage ich – das Laster ist die einzige Originalität, die einzige schöpferische Potenz des Menschen; es ist der Versuch einer Organisation der Natur gegenüber der Natur, der Erhebung des Menschenreichs über das Tierreich, einer menschlichen Schöpfung gegenüber der namenlosen, einer bewußten Welt in der allgemeinen Unbewußtheit. Das Laster ist das allein dem Menschen eigene Gut, sein wahres Erbteil, seine wirkliche Tugend im eigentlichen Wortsinn; denn Tugend (virtus) kommt von Mann (vir). Ich habe versucht, mir Laster zuzulegen; es ist mir nicht gelungen: dazu bedarf es des Genies, der Naturanlage. Ein erheucheltes Laster ist kein Laster.«

»Na«, fragte Vierblatt, »was verstehen Sie denn unter Laster?«

»Unter Laster verstehe ich eine eingewurzelte Neigung zu dem, was von der großen Masse als abnorm und schlecht empfunden wird; das heißt: die individuelle Moral, die individuelle Kraft, die individuelle Tugend, die Schönheit, die Macht, das Genie.«

»Famos«, sagte der Staatsrat Loch, »es kommt nur darauf an, sich zu verständigen.«

Doch Waldteufel bekämpfte schroff die Meinung des Bibliothekars. »Reden Sie doch nicht von Lastern«, sagte er, »der Sie keine haben. Sie wissen ja gar nicht, was das ist. Ich habe welche: sogar mehrere, und ich versichere Ihnen, ich habe davon weniger Befriedigung als Verdruß. Nichts ist so unangenehm wie ein Laster. Man quält sich, man erhitzt sich, man erschöpft sich, um es zu befriedigen; und sobald es befriedigt ist, empfindet man ungeheuren Ekel.«

»Sie sprächen nicht so, mein Herr«, antwortete Heißwasser, »wenn Sie schöne Laster hätten, edle, stolze, gebieterische, hochstehende, wirklich tugendhafte Laster. Sie jedoch haben nur kleine, feige, anmaßliche und lächerliche Laster. Sie sind, mein Herr, kein großer Verächter der Götter.«

Waldteufel fühlte sich durch diese Rede zuerst verletzt, aber der Bibliothekar machte ihm klar, daß darin keine Beleidigung liege. Waldteufel ließ sich bereitwillig davon überzeugen und äußerte mit Ruhe und Festigkeit: »Ach, Tugend wie Laster, Laster wie Tugend sind Anstrengung, Zwang, Kampf, Schmerz, Arbeit, Erschöpfung. Darum sind wir alle unglücklich.«

Doch der Vorsitzende Vierblatt klagte, daß ihm der Kopf platze.

»Meine Herren«, sagte er, »halten wir keine klugen Reden. Dazu sind wir nicht gemacht.«

Damit hob er die Sitzung auf. Und es war mit dieser Glückskommission wie mit allen parlamentarischen und außerparlamentarischen Kommissionen aller Zeiten und Völker: sie führte zu nichts. Nachdem sie fünf Jahre getagt hatte, ging sie auseinander, ohne irgendein brauchbares Ergebnis gezeitigt zu haben. Dem König ging es nicht besser. Die Neurasthenie nahm, dem Meergreis vergleichbar, alle möglichen Schreckgestalten an, um ihn niederzuwerfen. Er klagte, daß er alle seine Organe fühle, daß sie herumwanderten, sich unaufhörlich in seinem Körper bewegten und sich an ungewohnte Stellen begäben, die Nieren in die Kehle, das Herz in die Waden, die Eingeweide in die Nase, die Leber in die Brust und das Gehirn in den Bauch.

»Sie machen sich keinen Begriff«, sagte er, »wie peinlich diese Gefühle sind und welche Verwirrung sie in den Gedanken anrichten.«

»Majestät, ich kann es mir um so eher denken«, entgegnete Vierblatt, »als es mir in meiner Jugend oft passiert ist, daß der Bauch mir in den Kopf stieg, und das gab meinen Gedanken eine Wendung, die man sich vorstellen kann. Meine mathematischen Studien haben darunter sehr gelitten.«

Je kränker sich aber Christoph fühlte, desto heftiger verlangte er nach dem Hemd, das ihm verordnet war.

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