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Das Hemd eines Glücklichen

Anatole France: Das Hemd eines Glücklichen - Kapitel 10
Quellenangabe
typenovelette
authorAnatole France
titleDas Hemd eines Glücklichen
publisherVerlag Volk und Welt GmbH
addressBerlin
printrun3
year1951
translatorFriedrich Oppeln-Bronikowski
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060511
projectidebcd7a2f
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Das Glück, geliebt zu werden

Sie speisten im königlichen Park, einer eleganten Anlage, die in der Hauptstadt des Königs Christoph das ist, was das Bois de Boulogne in Paris, die Cambre in Brüssel, der Hydepark in London, der Tiergarten in Berlin, der Prater in Wien, der Prado in Madrid, die Cascinen in Florenz und der Pincio in Rom sind. Sie saßen im Grünen unter der glänzenden Menge der Gäste, und ihre Blicke schweiften über die großen, mit Blumen und Federn beladenen Hüte, wahre wandelnde Lusthäuschen, schwankende Schirmdächer der Liebe, Taubenschläge, zu denen die Wünsche flogen.

»Ich glaube«, sagte Vierblatt, »was wir suchen, findet sich hier. Es ist mir geschehen wie jedem andern: ich bin geliebt worden; das ist das Glück, Waldteufel; und heute frage ich mich, ob es nicht das einzige Menschenglück ist. Und obwohl ich die Last einer Blase schleppe, die mehr mit Steinen befrachtet ist als ein Karren, der aus dem Steinbruch kommt, so gibt es doch Tage, wo ich verliebt bin wie ein Jüngling.«

»Ich«, entgegnete Waldteufel, »bin Weiberhasser. Ich kann es den Frauen nicht verzeihen, daß sie von demselben Geschlechte sind wie meine Frau. Sie sind alle, ich weiß es, nicht so dumm, nicht so boshaft und häßlich wie sie, aber es ist mir schon zuviel, daß sie etwas mit ihr gemein haben.«

»Lassen wir das, Waldteufel. Ich sage Ihnen: Was wir suchen, ist hier, und wir brauchen nur die Hand auszustrecken, um es zu fassen.«

Und auf einen auffallend schönen Mann deutend, der allein an einem kleinen Tische saß: »Sie kennen Jakob von Gondel. Er gefällt den Frauen, er gefällt ihnen allen. Das ist das Glück, oder ich kenne mich nicht mehr aus.«

Waldteufel meinte, man müsse sich dessen versichern. Sie luden Jakob von Gondel ein, mit ihnen zusammen zu speisen; und während sie dinierten, plauderten sie vertraulich mit ihm. Zwanzigmal, mit weiten Umschweifen oder plötzlichen Wendungen, offen oder versteckt, gerade ins Gesicht oder schräg von der Seite, erkundigten sie sich nach seinem Glück, brachten jedoch aus diesem Tischgefährten nichts heraus; seine elegante Sprache und sein reizendes Gesicht drückten weder Freude noch Trauer aus. Jakob von Gondel plauderte gern, zeigte sich offen, und natürlich, machte sogar Konfidenzen, die aber sein Geheimnis nur verschleierten und es noch undurchdringlicher machten. Ohne Zweifel wurde er geliebt; war er dadurch nun glücklich oder unglücklich? Als das Obst aufgetragen wurde, gaben die beiden Inquisitoren des Königs es auf, es zu erfahren. Des Krieges müde, redeten sie jetzt, um nichts zu sagen, redeten von sich selbst: Waldteufel von seiner Frau und Vierblatt von seinem Stein, ein Punkt, worin er mit Montaigne übereinstimmte. Man tischte Geschichten auf, während man Likör trank: die Geschichte von Madame Berille, die aus einem separierten Zimmer, als Bäckerjunge verkleidet, einen Brotkorb auf dem Kopf, entwischt war; die Geschichte von General Fromme und der Baronin von Bildermann; die Geschichte vom Minister Vezir und Madame Ceres, die, wie Antonius und Kleopatra, ein Reich in Küssen vergeudeten, und mehrere andere, alte wie neue. Jakob von Gondel erzählte ein orientalisches Märchen.

»Ein junger Kaufmann aus Bagdad«, begann er, »lag eines Morgens in seinem Bette und fühlte sich so liebebedürftig, daß er mit lauter Stimme wünschte, von allen Frauen geliebt zu werden. Ein Dschinn, der ihn hörte, erschien ihm und sprach zu ihm: ›Dein Wunsch ist erfüllt. Von heute an sollst du von allen Frauen geliebt werden.‹ Alsbald sprang der junge Kaufmann hocherfreut aus seinem Bette, und da er sich unerschöpfliche und mannigfaltige Freuden versprach, ging er auf die Straße. Kaum hatte er einige Schritte getan, als ein scheußliches altes Weib, das in seinem Keller Wein filterte, sich bei seinem Anblick glühend in ihn verliebte und ihm durch das Kellerfenster Kußhände zuwarf. Voller Abscheu wandte er den,Kopf, doch die Alte zog ihn am Bein in den Keller, wo sie ihn zwanzig Jahre eingesperrt hielt.«

Jakob von Gondel beendete diese Erzählung gerade, als der Hausmeister ihm meldete, daß er erwartet werde. Er erhob sich und ging mit erloschenem Blick und gesenktem Kopfe zum Gitter des Parks, wo ihn eine ziemlich knochige Gestalt in der Tiefe eines Kupees erwartete.

»Er hat uns eben seine eigene Geschichte erzählt«, sagte Waldteufel. »Der junge Kaufmann aus Bagdad ist er selbst.«

Vierblatt schlug sich an die Stirn. »Man hatte mir doch gesagt, daß er von einem Drachen bewacht werde; ich hatt' es total vergessen.«

Sie kehrten spät ins Schloß zurück, ohne ein anderes Hemd als ihr eignes, und fanden König Christoph und Frau von Huhn beim Anhören einer Mozartschen Sonate in Tränen zerfließend.

Durch den König angesteckt, war Frau von Huhn melancholisch geworden; sie hegte finstere Gedanken und tolle Befürchtungen. Sie wähnte sich verfolgt, als Opfer scheußlicher Machenschaften; sie lebte in beständiger Furcht, vergiftet zu werden, und zwang ihre Kammerfrauen, alle Speisen ihrer Tafel zu kosten. Sie fühlte die Schrecken des Todes und die Verlockung des Selbstmords. Und der Zustand des Königs verschlimmerte sich durch den seiner Geliebten, mit der er traurige Tage verbrachte.

»Die Maler«, pflegte Christoph V. zu sagen, »sind verderbliche Betrugskünstler. Sie verleihen den weinenden Frauen eine rührende Schönheit und zeigen uns Andromache, Artemis, Magdalena und Heloise im Schmucke ihrer Tränen. Ich besitze ein Bild von Adrienne Lecouvreur in der Rolle der Cornelia, wie sie die Asche des Pompejus mit ihren Tränen benetzt: sie ist anbetungswürdig. Und sobald Frau von Huhn zu weinen beginnt, verzerrt sich ihr Gesicht, ihre Nase, wird rot: sie ist zum Fürchten häßlich.«

Der unglückliche Fürst, der nur in Erwartung des heilenden Hemdes lebte, ließ Vierblatt und Waldteufel hart an wegen ihrer Nachlässigkeit, ihrer Unfähigkeit und ihrer unglücklichen Hand; wahrscheinlich glaubte er, daß wenigstens einer dieser Vorwürfe zuträfe.

»Sie lassen mich sterben, wie meine Ärzte Kiefer und Salm«, sagte er. »Doch bei denen liegt es im Handwerk. Von Ihnen erwartete ich etwas anderes; ich rechnete auf Ihren Verstand und Ihre Ergebenheit. Ich merke, daß ich mich irrte. Ohne Beute zurückzukommen! Schämen Sie sich nicht? Ist es denn so schwierig, das Hemd eines Glücklichen zu finden? Wenn Sie nicht einmal das können, wozu sind Sie dann da? Man bedient sich selber am besten. Das trifft für Privatleute zu und noch mehr für Könige. Ich gehe unverzüglich und suche das Hemd, das Sie nicht entdecken können.«

Damit warf er Nachtmütze und Schlafrock ab und verlangte nach seinen Kleidern.

Vierblatt und Waldteufel suchten ihn zurückzuhalten.

»Majestät, in Ihrem Zustand – wie unvorsichtig!«

»Majestät, es hat Mitternacht geschlagen!«

»Glauben Sie denn«, fragte der König, »daß die Glücklichen mit den Hühnern zu Bette gehen? Gibt es keine Vergnügungslokale mehr in meiner Hauptstadt? Gibt es keine Nachtrestaurants? Mein Polizeipräsident hat zwar alle Tingeltangel schließen lassen: sind die darum weniger geöffnet? Aber ich brauche gar nicht erst in die Häuser zugehen; was ich suche, finde ich auf der Straße, auf den Bänken.«

Kaum angekleidet, schritt Christoph V. über Frau von Huhn hinweg, die sieh in Krämpfen auf dem Boden wand, rannte die Treppe hinunter und lief im Trab durch den Garten. Vierblatt und Waldteufel, ganz verblüfft, folgten ihm schweigend in einiger Entfernung.

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