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Das Heiratsjahr

Fedor von Zobeltitz: Das Heiratsjahr - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Heiratsjahr
authorFedor von Zobeltitz
year1900
firstpub1900
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleDas Heiratsjahr
pages317
created20120127
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel.

Erzählt von einem sehr wilden Ritte, den Herr Freese unternimmt, und einem Harrassprunge, der merkwürdige Folgen nach sich zieht.

Um drei Uhr war der Nachmittagsunterricht von Bernd und Dieter beendet. Freese wollte sich soeben auf sein Zimmer zurückziehen, um an Reinbold zu schreiben und ihm die Wünsche der Baronin zu unterbreiten, als ihm Miß Nelly oben auf der Diele begegnete. Die kleine Engländerin blieb stehen und schaute in leichter Verlegenheit zu dem Kandidaten auf.

»Ach, Herr Freese,« sagte sie, »seien Sie mich nix bös: ich habe einen großen Bitte an Ihnen.«

»Es wird mir ein Vergnügen sein, sie erfüllen zu können, Miß Milton,« erwiderte Freese höflich; »womit kann ich Ihnen dienen?«

Nelly betrachtete einen Augenblick ihre rosigen Fingernägel und hob dann wieder den Kopf.

»Sehen Sie, Herr Freese,« begann sie von neuem, »ich sprecken so ein fürchterlich miserables Deutsch – und Grammatik gar nicht – ich thu' alles durckeinander verwechseln, mir und mich und die und das – und da wollte ich Ihnen einmal fragen, ob Sie mir nicht etwas weniges deutsches Sprackunterricht geben würden wollten. Und namentlich in die Grammatik.«

In Freeses Herz schlich sich bei dieser Bitte ein warmer Hauch. Man war ihm, der nichts oder wenig zu vergeben hatte, im Leben noch nicht oft bittend entgegen getreten.

»Aber natürlich, Miß Milton – sehr gern,« entgegnete er; »sogar von Herzen gern. Ich frische dabei meine englischen Kenntnisse ein bißchen auf. Wir können gleich morgen beginnen. Welche Zeit paßt Ihnen am besten?«

150 »O – jeder Zeit, Herr Freese! Es hängt auf Ihnen ab«

»Sagen wir von Vier bis Fünf.«

»All right, Herr Freese.«

»Und wo? – In meinem Zimmer?«

Nelly überlegte rasch. War das auch schicklich? Und wo sonst? In ihrem Zimmer? Das war erst recht nicht schicklich. Außerdem war ihr Zimmer so klein; die große Badewanne, das Symbol angelsächsischer Reinlichkeit, nahm zu viel Raum in Anspruch. So nickte sie denn.

»Ist gut, Herr Freese. Ich danke Ihnen very much indeed

Sie gab ihm die Hand. War das ein warmes, weiches, kleines Pfötchen! Es quoll dem Kandidaten wieder ganz heiß im Herzen auf. Und als er sich in seinem »kleinen Handtuch« an den Tisch setzte, um an Reinbold zu schreiben, konnte er merkwürdigerweise gar nicht seine Gedanken zusammenfinden. Die Feder schien sich sträuben zu wollen; er fühlte noch immer das warme, weiche, kleine Pfötchen in seiner Hand.

Gegen die Thür polterte und donnerte es.

»Herr Freese! Herr Freese!« schrieen draußen Bernd und Dieter.

Der Kandidat sprang auf. »Ja?! Was denn?!«

»Herr Freese – die Pferde stehen vor der Veranda!«

»Herr Freese – wir wollten doch ausreiten!«

Das hatte Freese vergessen. Die Jungen hatten ihn so gequält, und da hatte er zugesagt. Er hätte ja auch ganz gern reiten gelernt, aber – nun klopfte ihm doch das Herz. Es war ihm peinlich, sich vor seinen Schülern ungeschickt zu zeigen.

»Ich komme schon,« sagte er resigniert und setzte seinen Hut auf.

Vor der Rampe stand August und hielt einen 151 unförmlich dicken, marode und schläfrig aussehenden Braunen an der Kandare, während Stupps die Zügel der Ponnies über den Arm geschlungen hatte. Die Ponnies hießen Jule und Christian und gingen gewöhnlich im Wagen, waren aber für die Jungen auch eingeritten worden.

Freese betrachtete den dicken Braunen mit unverhohlenem Mißtrauen. In der Art, wie das Tier mit den Augen blinzelte, schien ihm eine versteckte Tücke zu liegen. Es machte den Eindruck, als ob Mensch und Pferd sich gegenseitig durchaus nicht gefielen.

Aber Freese verlor den Humor nicht.

»Ist das der Guadalquivir?« fragte er. »Das ist ja ein Elefant.«

August lachte gutmütig und gab dem dicken Untier einen Klapps auf den Hals.

»Zum Beispiel, Herr Doktor,« antwortete er (er fing gern seine Auseinandersetzungen mit dem einleitenden »zum Beispiel« an), »das war mal ein wiewes Pferd, wie 's noch jünger war. Da haben der Herr Baron mit dem Gallquir über alle Gräben gehoppst; aber der Herr Baron war dunnemals auch noch behendiger. Er frißt zu viel und hat zu wenig Bewegung, und da ist er so'n Unflat geworden.«

Er meinte natürlich den Guadalquivir. In diesem Augenblick erschien auch der Baron in der Veranda.

»Na, nu man rauf, Kandidatus!« rief er. »Der dicke Spaniole thut Ihnen nichts! Den möcht' ich 'mal zu Schwenninger schicken. Können Sie sich denken, daß das einmal ein bildhübsches Vieh war? Aber es ist fünfzehn Jahre her. Meine Frau hat ihn mir geschenkt, und weil mein Schwiegervater damals g'rade einen spanischen Orden bekommen hatte, nannten sie das Biest Guadalquivir. Eigentlich hieß es anders; jetzt könnte man es Mastodont benamsen . . .«

152 Die beiden Jungen saßen bereits in den Sätteln, während Freese nach dem Bügel zu angeln begann. August half ihm dabei, und plötzlich flog Freese in die Höhe und fiel dann schwerfällig in den Sattel zurück.

»Bravo!« rief Tübingen. »Nun die Schenkel mehr anlegen, lieber Freese! Und den Kandarenzügel fester! Fäuste nur eine Handbreit über dem Widerrist!«

Dem Kandidaten war gar nicht wohl auf der Höhe des Guadalquivir. Bei diesen feisten Flanken hätten seine Beine die Formen eines Kurvenlineals haben müssen, um das »Anlegen« zu ermöglichen. Und wo war denn der Kandarenzügel? Und wo war denn der Widerrist?

Bernd und Dieter ritten heran und halfen. Der Guadalquivir hob den Kopf und ließ ein mißbilligendes Schnaufen hören. Christian wollte ihm die Mähne beknabbern, und Jule drängte sich so dicht neben ihn, daß Freese seinen linken Bügel verlor. Schließlich kam aber doch alles in Ordnung. Tübingen ermahnte nochmals zum Schrittreiten oder höchstens einem »sanften Kochäppel«, und dann setzte sich die Kavalkade in Bewegung. Anfänglich hatte der Guadalquivir keine Lust dazu; doch als August von hinten nachschob und Bernd den Kandarenhaken packte und das dicke Tier ein paar Schritt weit mit sich zog, fügte sich der Braune. Nun ging es ganz gut. Der Guadalquivir trottete dicht neben den Ponnies her, hob auch den Kopf etwas freier und wedelte sich mit dem buschigen Schweife die Fliegen vom Fell. Tübingen, August und Stupps schauten den dreien lange nach.

»Wenn's man gut abgeht, August,« meinte der Baron.

»I, es wird schon, Herr Baron,« antwortete August. »Zum Beispiel, mit dem Gallquir, der macht alles nach, was die Ponnies machen. . . .«

Anfänglich schien es wirklich so. Auf dem grünen 153 Anger, wo Tausende von Gänseblümchen blühten, stoben die weidenden Gänse schnatternd auseinander, und die Dorfkinder, die Ringelringelrosenkranz spielten, blieben mit offenen Mäulchen stehen und bewunderten die drei Reiter.

Freese hatte sich im Sattel gereckt und begann sich zu fühlen. Das war wirklich gar nicht so schlimm mit dem Reiten! Wenigstens ging es noch glatt genug. Und es war auch hübsch, sehr hübsch – in der That, eine vornehme Passion. So ritten die Kreuzfahrer den Sarazenen entgegen, und die Troubadoure der Provence zum Liebeshof. Guadalquivir klang so ritterlich und romantisch – schade, daß die mächtigen Wampen des dicken Braunen bei jedem Schritt hin und her schaukelten – das störte die hochfliegenden Gedanken und war unangenehm! . . .

Bernd und Dieter blickten mit einem gewissen Stolz auf ihren Lehrer. Sie freuten sich darüber, daß ihm das Reiten augenscheinlich Spaß machte. Aber im Walde wurden sie ungeduldig.

»Wollen wir es nicht einmal mit einem kleinen Trab versuchen, Herr Freese?« fragte Bernd.

»Ach ja, Herr Freese,« fiel Dieter ein, »bloß so ein ganz kleines bißchen!«

Und da dem Kandidaten der Mut gewachsen war, so nickte er. »Probieren wir es einmal,« meinte er. »Aber nicht zu hitzig, Kinder, nicht zu gewaltsam. Vergeßt nie, daß ich zum erstenmal einen Vierbeiner unter mir habe!«

Die Jungen juchzten, legten die Schenkel fest und griffen straffer in die Zügel. Die Ponnies wieherten auf und trabten lustig davon. Aber der ritterliche Spanier wollte nicht. Guadalquivir blickte ihnen träumerisch nach, schlug ein Rad mit seinem Schwanze und blieb in seinem alten Tempo.

Bernd und Dieter schauten sich um.

154 »Hämmern Sie ihm mit den Absätzen in die Seiten!« schrie Bernd.

»Hauen Sie ihn einmal über beide Ohren!« schrie Dieter.

Freese bearbeitete den Dicken mit Schenkeln und Stiefelhacken so lebhaft, daß die schwarzen Pantalons immer höher rutschten. Aber den Guadalquivir störte das gar nicht. Da hob sich Freese ein wenig aus dem Sattel heraus und schlug ihn auf Dieters Rat hin mit der flachen Hand über die Ohren. Guadalquivir schüttelte den Kopf, als wolle er eine Fliege abwehren, und trottete sänftiglich weiter.

Jetzt fing der Kandidat an zu schimpfen. Er hatte keine Lust, sich vor den Kindern zu blamieren. Sie sollten wenigstens sehen, daß es ihm nicht an Mut fehlte. Er drängte den Gaul dicht an den nächsten Baum heran und riß eine schmiegsame Gerte vom Stamme.

»So, mein königlicher Guadalquivir,« sagte er, »nun kann es losgehen!«

Hui – pfiff die Gerte durch die Luft und sauste klatschend auf das Fell des Braunen herab! Einen Augenblick schien der Dicke völlig erstarrt zu sein – dann aber machte er einen so gewaltigen Luftsprung, daß Freese fast aus dem Sattel geworfen worden wäre, wenn er dies Geschehnis nicht erwartet hätte. So flog er nur nach vorn, dann aber wieder zurück, während der Guadalquivir, tödlich erschreckt, die Ohren zurücklegte und mit quirlendem Schweife davonjagte – an den beiden Jungen vorüber – immer tiefer in den Wald hinein.

»Nicht so schnell, Herr Freese!« schrie Dieter.

»Wir kommen ja nicht mit, Herr Freese!« schrie Bernd.

Der Kandidat wollte sich umwenden und etwas zurückrufen, aber er gab den Versuch wieder auf. Er fühlte sich doch etwas locker im Sattel und fürchtete, bei der leisesten, 156 unvorsichtigen Bewegung in den Sand zu fliegen. Der Rutenschlag schien das Ehrgefühl in dem Guadalquivir mächtig aufgestachelt zu haben; auch eine dicke Bremse, die um seinen wie ein Windmühlenflügel arbeitenden Schweif neckend herumflog, ärgerte ihn. Er war nicht mehr zu halten. Er brauste den Weg hinab – an einem Grenzpfahl vorüber mit der Aufschrift »Dominium Langenpfuhl« – dann rechtsum und eine breite Schneise in lang ausholendem Galopp hinunter. . . .

Das Geschrei der beiden Jungen verstummte hinter dem wilden Reitersmann. Freese legte sich hintenüber und riß mit aller Gewalt an den Zügeln. Aber nun hatte sich auch noch die Bremse festgesetzt – und immer mächtiger griff der Guadalquivir aus. Da packte den Kandidaten eine unsinnige Wut. »Bestie!« schrie er, »ich will dich Mores lehren! . . .« und von neuem sauste seine Gerte über das Fell. Das war dem Dicken noch nicht vorgekommen. Einen Moment stutzte er, als wolle er erst den Wegweiser »Erlenbruch, drei Kilometer« lesen: dann warf er den Kopf zurück, und die fetten Beine flogen nur so über die Erde, daß der Sand rechts und links aufstob und die Schaumperlen umhersprühten. . . .

Freese hatte sich der Sicherheit halber mit beiden Händen fest in die Mähne des Guadalquivir eingekrampft. Ein Gefühl unendlicher Gleichgültigkeit überkam ihn. Seine Gedanken machten wilde Sprünge. »Stürzt das Biest, so brech' ich den Hals,« sagte er sich. »Das thäte mir leid; ich habe doch der Miß Nelly Sprachunterricht versprochen. Wenn sie mich so sähe! Ich muß mich gut ausnehmen. So hab' ich mir den Rodensteiner immer gedacht – aber etwas fester im Sattel. Sitzenbleiben ist die Hauptsache. Ich werde es 'mal mit einem gutmütigen Zuruf versuchen . . .« Und er schrie mit weithin schallender Stimme: »Oh – oh – ruuhig – ruuhig! . . .«

Aber der Guadalquivir nahm keine Rücksicht auf den Gemütsumschlag seines Reiters. Er raste unverdrossen weiter – keuchend, pustend, schäumend. Einmal begegneten ihm ein paar Kinder, die Erdbeeren im Walde suchten. »Haltet ihn auf!« rief Freese. Aber die Kinder flüchteten kreischend hinter die Bäume. Und dann kam ihm ein Taglöhner mit Reisig aus dem Rücken entgegen. »Aufhalten – aufhalten!« schrie Freese. Doch der Mann sprang nur in höchstem Erschrecken beiseite, und der Guadalquivir stürmte weiter.

Er stürmte weiter, als wären hippische Erinnyen hinter ihm. Freese gab jede Hoffnung auf. »Lasciate ogni speranza«, dachte er mit Dante; »dagegen war ja Mazeppa ein Herrenreiter. Ich bin gar kein Mensch mehr. Noch fünf Minuten, und ich lass' mich selbst von diesem Walroß fallen. Es wäre vielleicht das Beste. Breche ich das Genick, muß ich mich auch darein ergeben. Und das soll ein ruhiges Tier sein! Freilich – ich habe den Satan in ihm gereizt – und das hat er übel genommen . . .«

»Holla!« schrie er plötzlich laut auf. »Aufpassen! Heda! Aufpassen! . . .«

Das Kritische der Sachlage hatte seinen Höhepunkt erreicht. Der Wald lichtete sich zu einer Wiesenniederung. Links erstreckte sich der blau schimmernde Spiegel eines von Binsen umbuschten kleinen Sees, an dem ein Gehöft lag. Und mitten auf dem Wege stand ein Kinderwagen – und gerade auf diesen Kinderwagen raste der Guadalquivir los.

»Aufpassen!« schrie Freese noch einmal und zerrte wie ein Verzweifelter an den Zügeln. Die Angst verdoppelte seine Kräfte, doch auch ein Roland hätte den hartmäuligen Braunen in diesem Augenblick nicht bezwingen können. . . . Weit und breit war kein Mensch zu sehen – und immer näher brauste der Guadalquivir an den Kinderwagen heran . . . ^ Da kam dem Kandidaten ein wilder Gedanke. Noch hatte 157 er die Weidengerte in der Hand! Er ließ mit der Rechten die Mähne frei und peitschte von neuem auf den Gaul los, während er ihm zu gleicher Zeit mit den Absätzen wütend in die Flanken schlug.

»He – he – hopp!« schrie er dabei, und gab unwillkürlich die Zügel locker. . . . Mit einem mächtigen Satz flog der Guadalquivir über das Wägelchen und sauste aufwiehernd weiter. Freese aber fühlte sich plötzlich in freier Luft und wurde dann unsanft zu Boden gesetzt. . . .

Eine kleine Minute lang war es ihm schwarz vor den Augen, und an seinen Ohren rauschte und siedete es wie fern brandende See. Dann kehrte langsam die Besinnung zurück. Neben sich hörte er das Geschrei des aus süßem Schlummer erweckten Kindes, gleichzeitig eine laut jammernde Weiberstimme. Eine Dienstmagd oder Amme – denn die Person trug die Tracht der Spreewälderinnen – stürzte mit schreckhaft erhobenen Armen vom Walde aus näher und riß das Kind aus dem Wagen.

Freese hatte sich indessen vom Boden aufgerafft. Aber es kostete ihm Mühe. Jedes Glied an ihm schien gebrochen zu sein; er war wie gerädert. Dennoch wollte er sich mit einigen beruhigenden Worten an die Spreewälderin wenden, als seine Aufmerksamkeit durch ein paar neue Erscheinungen in Anspruch genommen wurde.

Aus dem Vorgarten des kleinen Gehöfts stürmten ein Herr und eine Dame herbei; die Dame mit Angstrufen und in großer Erregung, der Herr ruhiger, doch auch eilenden Fußes. Und plötzlich prallte der Herr zurück; Erstaunen und tödliche Verlegenheit malten sich auf seinem Gesicht.

»Herr Freese – – Sie –!«

Der Kandidat verbeugte sich tief vor dem Sohne seines Hausherrn.

»Ja, Herr Baron,« antwortete er. »Aber ich bin 158 unschuldig an dem Schrecken, den ich hier verursacht habe. Ich bin mit den Knaben ausgeritten, und mein Pferd ging durch. . . .«

Die Dame hatte der Amme inzwischen das Kind abgenommen, es geherzt und geküßt und sich davon überzeugt, daß der Harrassprung Freeses dem Kleinen nichts geschadet hatte.

»Gott sei gelobt,« sagte sie, unter Thränen lächelnd; »Max, was für ein Todesschreck hat mich gepackt! Ich glaubte, ohnmächtig werden zu müssen, als ich den Buben schreien hörte und das Pferd davongaloppieren sah –«

»Das ist der Engel der Kinder, mein Herz. Kindern geschieht selten ein Unglück. Aber warum ist die Kathi nicht am Wagen geblieben?!«

Die Spreewälderin begann wieder zu heulen. Der kleine Eberhard habe so fest geschlafen – und sie hätte nur ein paar Waldblumen pflücken wollen – und das wilde Pferd sei so plötzlich hervorgebrochen – und dann heulte sie von neuem los und hielt sich ihre Schürze vor das Gesicht.

»Nun lassen Sie gefälligst Ihr Jammern!« befahl Max endlich. »Sie sehen ja, daß Gott sei Dank nichts Schlimmes passiert ist! – Welchen Gaul haben Sie denn geritten, Herr Freese?«

»Den Guadalquivir, Herr Baron.«

»Du meine Zeit, lebt der immer noch!? Und der ist durchgegangen?«

»Ich muß es zugeben, Herr Baron. Ich habe ihn vielleicht ein bißchen zu kräftig angefaßt.«

»Und dicht vor dem Wagen hat er Sie abgeworfen?«

»Im Sprunge, Herr Baron. Er setzte über den Kinderwagen hinüber.«

Max war wie starr. »Alle Achtung, Herr Freese,« 159 meinte er, »da müssen Sie aber ein brillanter Reiter sein. Den dicken Braunen zu einem so mächtigen Sprunge heranzukriegen – sapperlot, das ist ein Kunststück, das nicht jeder kann!«

Freese wußte nicht recht, ob er sich geschmeichelt fühlen sollte. Er wollte sich abermals dankend verbeugen, aber der Rücken that ihm zu weh.

Die Dame hatte ihren Arm in den Maxens gehängt und sich mit zärtlicher Bewegung dicht an ihn geschmiegt.

»Liebling – wer ist der Herr?« flüsterte sie.

»Ach so!« – und Max wurde wieder etwas verlegen. »Herr Kandidat Freese, Lehrer von Bernd und Dieter . . . Herr Freese, ich bitte um Verzeihung, daß ich Ihnen meine Begleiterin nicht namentlich vorstellen kann. Ich werde mir erlauben, Ihnen – später die Gründe für mein Verhalten mitzuteilen. Vorläufig kommen Sie bitte mit uns in das Haus. Sie werden sich wahrscheinlich etwas angegriffen fühlen –«

»Ein wenig – ja, Herr Baron. Ungefähr so, als wär' ich geradebrecht worden. Aber vorher auch noch geschunden.«

Max lachte. »Ich hätte eigentlich geglaubt, auf den dicken Polstern des Guadalquivir müßte es sich ganz bequem sitzen.«

»Im Schritt, ja. Aber wenn der Guadalquivir temperamentvoll wird, ist der Sitz schon unangenehmer. Sitz war es zuletzt überhaupt nicht mehr, sondern ein Auf- und Niederwippen, doch kein sanftes und regelmäßiges, vielmehr ein sehr wildes. Ich wundere mich; daß ich noch gehen kann. Ich habe doch wohl eine zähere Natur, als ich selbst vermutete. . . .«

Nun war man in dem kleinen und freundlichen, wie es schien ganz einsamen Häuschen. Max ließ den 160 Kandidaten in ein einfach, doch sehr behaglich ausgestattetes Zimmer treten und wies auf das bequeme Sofa den Fenstern gegenüber.

»Legen Sie sich zunächst einmal ein halbes Stündchen nieder, Herr Freese,« sagte er. »Liebste Elise, sorge bitte für ein Glas Wein – Sherry oder Madeira – damit wir den unglücklichen Rittersmann wieder ein wenig zu sich bringen. . . . Und ängstige dich nicht, Herz – ich werde nachher schon mit Herrn Freese Rücksprache nehmen. Er wird diskret sein – ängstige dich nicht! . . .«

Die junge Dame verschwand, und Max setzte sich, während Freese seine zerschlagenen Glieder auf dem Sofa streckte, neben den Kandidaten auf einen Stuhl.

3 »Wo sind die Jungen geblieben?« fragte Max.

»Ich weiß es nicht, Herr Baron. Ich verlor sie aus den Augen. Ich denke mir, sie werden nach Hause zurückgekehrt sein.«

»Das wär' schon das Vernünftigste. Der Guadalquivir findet seinen Pfad allein. Nun hören Sie mich einmal an, Herr Freese. Ein Gentleman spricht zum andern. Ich habe Sie schon einmal sozusagen am Wege aufgelesen. Wir müssen das Geschehnis wiederholen lassen, wenn auch in andern Formen; es darf niemand – niemand wissen, daß Sie mich hier im Erlenbruch getroffen haben. Niemand darf wissen, daß die – Dame, die Sie vorhin gesehen haben, hier wohnt. Ich habe zu Hause gesagt, daß ich der Frau von Seesen auf Langenpfuhl einen Besuch abstatten wollte. Dabei bleibt es, aber mit der Modifikation, daß ich kehrt gemacht habe, weil ich Sie im Walde fand – vom Pferde gestürzt – und nach Hohen-Kraatz zurückbringen wollte. Haben Sie alles verstanden?«

Der Kandidat nickte. »Jawohl, Herr Baron – ich habe verstanden.«

»Und wollen Sie mir Ihr Ehrenwort geben, daß Sie dabei bleiben und mich nicht verraten werden?«

4 »Mein Ehrenwort – und hier auch meine Hand darauf, Herr Baron!«

Max atmete erleichtert auf und erhob sich.

»Haben Sie herzlichsten Dank, Herr Freese! Ich kann Ihnen im Augenblick keine weiteren Erklärungen geben und Ihnen nur versichern, daß Sie sich der kleinen Notlüge nicht zu schämen brauchen. Der Zwang der Verhältnisse bringt sie mit sich – aber auch dieser Zwang wird einmal weichen.«

»Noch eine Frage, Herr Baron. Wie darf ich die liebenswürdige Dame, die mir Gastfreundschaft gewährt hat, anreden?«

»Nennen Sie sie – gnädige Frau.«

Die junge Dame trat wieder ein, ein Tablett in der Hand, auf dem eine Flasche Sherry und ein Glas standen. Sie füllte das Glas und reichte es Freese.

»Stärken Sie sich, mein Herr,« sagte sie lächelnd. »Es ist leider kein Satteltrunk, aber wenn Sie einmal wieder zu Pferde in den Erlenbruch kommen, will ich Ihnen auch einen solchen spenden.«

»Tausend Dank, gnädige Frau. Ich fürchte nur, der Guadalquivir läßt mich gar nicht mehr in den Sattel. Ich habe ihn zu schlecht behandelt.«

»O, wie gesund ist ihm das,« fiel Max heiter ein. »Und nun versuchen Sie ein Stündchen zu schlummern, Herr Freese, oder wenigstens zu ruhen. Um fünf Uhr rufe ich Sie. Ich kutschiere selbst, spanne die Gäule auch mit eigener Hand an. Sie sehen, wie vorsichtig ich bin, um das ›Geheimnis des Erlenbruchs‹ zu wahren!«

Er ging und öffnete die Thür zum Nebenzimmer vor seiner Dame.

Freese blieb allein. Das war ihm vorläufig sehr angenehm. Er war nicht nur angegriffen, sondern auch merkwürdig erregt. Das »Geheimnis des Erlenbruchs«, wie Baron 5 Max sich scherzhaft ausgedrückt hatte, beschäftigte seine Phantasie in lebhafter Weise. Um was für ein Geheimnis handelte es sich hier? War die Dame die Geliebte des jungen Herrn? Sie war eine schöne Person – goldblond, mit dunkelgrauen Augen, einem blütenzarten Teint und von prachtvoller Figur. Freese hatte gut beobachtet.

Er schaute sich forschend im Zimmer um. Es machte den Eindruck einer Försterwohnung. Zahlreiche Geweihe hingen an den Wänden, dazwischen eine leise tickende Kuckucksuhr und ein paar kolorierte englische Sportbilder. Weiße Gardinen an den beiden Fenstern, und überall auf den Tischen Vasen und Gläser mit Waldgrün und Feldblumen, hie und da auch ein paar Bücher, Journale und Zeitschriften.

Freese mußte lächeln. Es war ein hübsches Waldidyll, in dem Baron Max seine heimliche Liebe untergebracht hatte. Aber das Versteck hatte doch auch seine gefährlichen Seiten. So abgelegen von aller Welt war es nicht, daß nicht ein Zufall hätte leicht, sehr leicht eine Entdeckung herbeiführen können. Wie nannte Baron Max das kleine Gehöft? – Den Erlenbruch. Freese hatte den Namen noch nicht gehört, aber der Erlenbruch konnte nur etwa zwei Stunden von Hohen-Kraatz entfernt sein. . . .

Der Kandidat wurde müde; das gleichförmige Ticktack der Uhr wirkte einlullend auf die Gedanken. Unwillkürlich schloß er die Augen. –

Das Zimmer, in das Max mit der jungen Dame getreten war, gewährte einen ähnlich behaglichen Eindruck wie das Nebengemach. Es war einfenstrig, und das Fenster stand weit offen. Man konnte von hier aus über den See schauen, dessen Ufer allseitig vom Buchenwald umschlossen wurde. Nur dicht am Wasser standen ganze Reihen von Birken, deren Gezweig tief herabhing und sich in der Flut netzte. Unmittelbar unter dem Fenster lag ein schmaler 6 Streifen Gartenland, etwas verwildert und das Häuschen wie mit einem bunten Rande umsäumend. Der frische Hauch des Sees, der Duft blühender Rosen und der würzige Atem des nahen Waldes füllten das Zimmer.

Die junge Dame hatte sich mit einem leichten Seufzer in dem Sessel niedergelassen, der vor dem kleinen Schreibtische dicht am Fenster stand. Max rückte einen zweiten Sessel in ihre Nähe.

»Ein Seufzer, Elise,« sagte er. »Wem galt er? Mir?«

»Nein, Liebling, nicht dir,« erwiderte sie. »Dir gilt immer nur mein Blick. Und der klagt nicht. Warum seufzte ich? Wahrhaftig, ich weiß es selber nicht. Vielleicht doch deinetwegen. Weil du so bald wieder fort willst.«

»Ich wollte, ich könnte immer hier bleiben. Ja, weiß Gott, immer. Man wird so selbstsüchtig in der Liebe. Auch so genügsam. Das mit dem Raume in der kleinsten Hütte hat doch viel Wahres für sich.«

»O ja – aber nur in der Abwechslung. Ich selbst bin minder verwöhnt, leide nur zuweilen an einem Ueberschuß von Freiheitsdurst. Doch du, mein armer Max – ich fürchte, die ›kleine Hütte‹ würde dir sehr bald nicht mehr genügen!«

»Mir genügt alles, wenn ich dich um mich weiß, Liesel.«

»Nein, Max – nein, mein Junge! Das klingt sehr hübsch, und bis zu einer gewissen Grenze ist es auch wahr. Aber die Grenze ist nun einmal da. Sie ist nicht fortzuleugnen. Deine Erziehung hat sie dir gesteckt und auch dein Temperament. Wenn wir uns für ewig aus der großen Welt zurückziehen und in irgend einem stillen Erdenwinkel vergraben wollten, so würdest du das zuerst ganz entzückend finden –«

»Ja, ganz entzückend,« warf Max ein; »denke an das kleine Gebirgsnest bei Nizza!«

»Ich denke daran. Wenn wir drei Tage lang allein 7 gewesen waren, fuhren wir nach Nizza hinein oder nach Monte-Carlo. Nein, Liebling, die Ruhe ist auf die Dauer nichts für dich. Und das ist recht gut. Ein Mann gehört in die Welt. Und siehst du: das ist auch der einzige Grund, weshalb ich die Klärung unsrer Angelegenheit nach Möglichkeit beschleunigt haben möchte. Ich sage natürlich nur: nach Möglichkeit; denn ich sehe sehr wohl ein, daß uns beiden mit einem Gewaltstreich nicht gedient ist – obwohl wir den eigentlich schon hinter uns haben.«

Max erhob sich und schritt unruhig im Zimmer aus und nieder.

»Haarhaus riet mir erst heute wieder, den gordischen Knoten mit einem Schlage zu zerhauen,« sagte er. »Er hat gut reden. Es steht immerhin Gewichtiges auf dem Spiel. Ja – wenn dieser thörichte Majoratscodex nicht wäre! Der ist zu einer Zeit entworfen worden, wo der Adel noch alles war und das Bürgertum zur Plebs zählte. Nun ließe sich ja möglicherweise durch eine Kabinettseingabe der betreffende Paragraph umgehen. Ich habe auch schon an eine nachträgliche Nobilitierung gedacht. Ein Freund von mir, ein Graf Ysingen, hat gleichfalls eine Bürgerliche geheiratet, nimm an, ein Fräulein Schmidt, und die hat irgend ein Herzog zu einem Fräulein von Schmidthausen gemacht.«

Elise lächelte ein klein wenig trübe.

»Ich würde schließlich auch das über mich ergehen lassen,« erwiderte sie, »obwohl mir der brave schlichte Name meines Vaters ohne notgedrungenes Anhängsel schon lieber ist. Wahrscheinlich würde ich zu einem Fräulein von Warnowska werden; das klingt polnisch an, und man könnte dahinter ein im Mannesstamm erloschenes Starostengeschlecht wittern. Aber lassen wir den Scherz ruhen. Wenn du dem Majorat entsagen müßtest, würde Bernd oder Dieter in den Besitz von Hohen-Kraatz kommen. Entsagen ist immer 8 schwer, das weiß ich wohl; aber ist es in diesem Falle nicht das – Zweckmäßigste?«

»Ich würde nicht zögern, dir beizustimmen; denn ich fühle mich immerhin Manns genug, für mich und die Meinen allein aussorgen zu können. Aber ich habe an die Zukunft Eberhards zu denken. Jedenfalls eilt es auch mir, die Sache ins reine zu bringen. Ich sage dir, Darling, die Situation im Hause ist nicht beneidenswert für mich. Ich tanze nicht nur auf einem Vulkan, um mich einer immer noch verwendbaren Romanphrase zu bedienen; ich schreite sogar beständig über glühende Kohlen. Ich kann mir recht wohl vorstellen, wie dem heiligen Laurentius seiner Zeit zu Mute gewesen sein muß – oder den drei Männern im feurigen Ofen oder den Opfern der Inquisition. Gegen Großpapa und sein Kolonialfieber ist Sankt Peter Arbuës gar nichts. Er lernt sogar schon die ausgefallensten afrikanischen Dialekte, um mich in Verlegenheit zu setzen.«

»Maxerle, ich bemitleide dich von Herzen,« rief Elise lachend. »Komm her, kniee nieder und küß mich! O, was sind wir doch alle beide für Feiglinge! Warum haben wir nicht von Paris aus unsre Heiratsanzeige nach Hohen-Kraatz geschickt? Dann wären wir heute aus allen Nöten.«

»Oder säßen erst recht drinnen. Diplomatie, mein Kind –«

»Das sagt dein Großpapa auch. Eine, die das Leben besser kennt als wir, lacht euch aus mit eurer Diplomatie.«

»Frau von Seesen natürlich –«

»Ja, Marinka! Und ich kann ihr nur recht geben. Sie war von Anbeginn an für offenes Spiel. Hättest du vor fünfviertel Jahren versucht, deinen Willen durchzusetzen –«

»Ach, Liesel, quäl mich nicht so!« bat Max, noch immer zu Füßen der jungen Frau. »Ich bin wirklich kein Feigling, aber auch kein Cyklop an Charakter. Ich gehe gern 9 allen Unannehmlichkeiten, allen rüden Auseinandersetzungen aus dem Wege. Ich bin der Enkel meines Großvaters und liebe tausend Umwege zum Ziel, wenn sie sich bequemer marschieren als die direkte Straße. Ich komme nicht über mich selbst hinaus. Sage dummer Junge zu mir, um mich zu strafen!«

Sie sagte das nicht, sondern schloß nur seinen Mund mit ihren Lippen.

»Also gut, Max, ich bin zufrieden,« fuhr sie sodann fort. »Darf ich wenigstens deine nächsten Umwege kennen lernen?«

»Selbstverständlich. Die Seesen muß sich zuvörderst an Großpapa heranschlängeln und ihm tropfenweise das Gift einflößen. Oder nenne es Honig. Den Papa nehme ich auf mich. Die Mama wird überrumpelt. Wann hast du Marinka zum letztenmal gesehen?«

»Sie war gestern hier. Sie kommt öfters. Am liebsten nähme sie mich zu sich nach Langenpfuhl. Aber das geht natürlich nicht. Ich fühle mich schon hier nicht mehr ganz sicher. Es war immerhin eine Kühnheit, mich halbwegs zwischen Langenpfuhl und Hohen-Kraatz unterzubringen.«

»Bah – der Erlenbruch liegt abseits der Heerstraße! Und du weißt, die Hohen-Kraatzer meiden den See, seit sich Onkel Konrad hier ertränkt hat. Man hält sehr auf die Tradition bei uns.«

»Ist dieser Lehramtskandidat da drinnen eine zuverlässige Persönlichkeit?«

Max zuckte mit den Achseln. »Ich hoffe es, Elise. Aber ich muß fort. Leg deinen Kopf noch einmal an meine Brust. Das ist die falsche Seite – hier schlägt das Herz. Für wen schlägt es? Für Liesel?«

»Nicht ganz allein. Auch für – es.«

»Ja, auch für ›es‹. Hüt mir den Jungen, Schatz! Die Kathi scheint ein Schaf unter den Ammen zu sein.«

10 »Aber sie erfüllt ihre Pflicht. Du siehst, wie der Junge gedeiht. Ich passe schon auf; kavalleristische Attacken wie heute ereignen sich ja nicht alle Tage. Adieu, mein Lieb!«

»Ach, wie das klingt! Du mußt es dreimal sagen. Lächle wenigstens noch einmal; ich möchte die Erinnerung an das Grübchen mit nach Hause nehmen. Und nun den Kirschenmund! O wie graule ich mich vor Hohen-Kraatz! Hier die Sprache der Liebe und drüben die der Bagiris . . .«

Herr Freese war wirklich eingeschlafen. Er fuhr aus wilden Träumen jach in die Höhe, als Max ihn weckte. Aber seine schmerzenden Glieder erleichterten ihm die Rückkehr zur Wirklichkeit.

»Es ist Zeit, edler Don,« sagte Max. »Seien Sie so gut und helfen Sie mir die Rosse schirren. Aber seien Sie vorsichtig dabei; das rechte Stangenpferd beißt.«

Freese warf sich in die Brust. »Wer auf dem Guadalquivir Carriere geritten und Hindernisse genommen hat, Herr Baron,« erwiderte er heiter, »der fürchtet kein beißendes Stangenpferd . . .«

Zehn Minuten später ging es durch den Wald zurück. Auf der Höhe schaute sich Max nochmals um und winkte.

»Sehen Sie das weiße Tuch da unten am Fenster, Herr Freese?« fragte er. »Und wissen Sie, was das ist?«

»Ein Schnupftuch, vermute ich, Herr Baron.«

»Mag es in der Alltäglichkeit auch sein. Aber für mich ist es die Fahne des Friedens, die mich zum Abschied grüßt. Und nun geht es wieder hinein auf kriegerisches Gebiet. Es ist zum Teufel holen!«

Freese antwortete absichtlich nicht. Der leichte Wagen ratterte über den Weg. Durch die Stämme glühte das Sonnenlicht und umtanzte mit goldenen Flocken Farrn, Wachholderkraut und Bärlapp, Waldanemonen und Crocus.

11 Nach einer Pause hob Max die Peitsche und deutete auf die flott trabenden Pferde.

»Die beiden Schimmel sind mir besonders sympathisch,« meinte er. »Alte Biester, aber sie heißen zufällig Hero und Leander. Das rührt mich.«

»Doch der Leander beißt, Herr Baron!«

»Ja, er beißt, aber nie seine Hero, sondern nur die, die ihm eine Last aufbürden wollen. Ich kenne einen Leander, für den wäre es ganz gut, wenn er auch zuweilen etwas energisch um sich bisse, statt sich alles Mögliche und nicht Nötige aufhalsen zu lassen. . . .«

Nun merkte Freese wohl, daß es dem Baron Max mitteilsam ums Herz war. Aber er munterte ihn nicht auf. Er schwieg wieder. Und Max schwieg auch. Er war sehr in Gedanken und nur dann und wann knallte er, wie in aufkochendem Aerger, mit der Peitsche. Erst dicht vor Hohen-Kraatz begann er nochmals: »Also es bleibt bei unsrer Abmachung, Herr Freese?«

»Ich habe Ihnen Handschlag und Wort gegeben, Herr Baron,« erwiderte dieser. . . .

Vor dem Schlosse wurde der Wagen mit großem Geschrei empfangen. Alles war versammelt. Bernd und Dieter brüllten ohrenbetäubend, als sie ihren Lehrer wieder glücklich bei sich hatten. Sie hatten ihn noch lange im Walde verfolgt, aber schließlich seine Spur verloren. Vor einer Viertelstunde hatte sich der Guadalquivir herrenlos, doch in gemütlichster Laune im Wirtschaftshofe eingefunden. Und da hatte man es allseitig mit der Angst bekommen. August und drei Knechte waren ausgeschickt worden, Freese zu suchen.

»Wetter noch eins – seid endlich still, Bengels!« rief Tübingen den Jungen zu, die sich an den Händen gefaßt hatten und Freese schreiend umtanzten, so wie sie es bei Gerstäcker gelesen hatten, wenn die »Schwarze Schlange« 12 der Apachen siegreich von einem Kriegszuge heimkehrte. »Freese, jetzt erzählen Sie. Sind all Ihre Knochen heil? Kein Schlüsselbeinbruch? Keine Gehirnerschütterung? Nicht einmal eine Sehnenverzerrung? Nicht einmal eine leichte Verstauchung?«

Freese verneinte und begann dann loszulügen. Wie er den Guadalquivir hätte Mores lehren wollen und dieser empfindlich geworden wäre und ihn abgeworfen hätte, und wie zufällig, ganz zufällig der junge Herr Baron des Weges dahergefahren wäre und ihn aufgelesen hätte, und was der Schnurren noch mehr waren. Daß man ihn bemitleidete, that ihm nicht wohl; er hätte viel lieber mit dem Harrassprunge renommiert, aber das ging nicht. Er mußte lügen und auch das Bedauern in Empfang nehmen. Die Baronin wollte ihn sogar in das Bett stecken und ihm Thee kochen lassen. Tübingen riet kalte Umschläge an; Teupen war für Bleisalbe, Haarhaus für eine Einreibung mit einer Arnikalösung. Alles das wurde dem Kandidaten endgültig genierlich. Er reckte sich mächtig empor und sagte, er fühle sich wie ein Fisch im Wasser. Aber er wäre beinahe wieder zusammengeklappt; denn in Wahrheit schmerzte ihn jedes Glied.

Als er auf sein Zimmer gehen wollte, huschte Nelly Milton hinter ihm her und hielt ihn auf.

»O, Mister Freese,« sagte sie (dies »o« brachte sie immer besonders niedlich hervor, mit zierlich gespitztem Mäulchen), »ich wollte Sie bloß sagen, daß ich mir so sehr gefreut haben, daß Sie wieder gesund hier sein. O, ich habe so srecklicke Angst gehabt!«

Freese schaute auf den hellen blonden Scheitel hinab und griff nach der warmen kleinen Patschhand.

»Vielen Dank, liebe Miß Nelly,« antwortete er, und es war, als töne ein ganz leises Zittern durch seine Stimme. »Denken Sie, wie merkwürdig – als das Pferd mit mir 13 durch den Wald raste und ich jeden Augenblick gewärtig sein mußte, mir im Sturze den Hals zu brechen oder den Kopf an einem Baumstamm zu zerschmettern – da habe ich an nichts anderes denken können als – an Sie.«

Nelly neigte das blonde Haupt mit dem zausigen Haar über der Stirn tiefer.

»O – an mir?« sagte sie leise.

»Ja, an Sie. Seltsam, nicht wahr? Ich dachte: wie schade – nun ist es mit dem Sprachunterricht auch nichts! Und ich hatte mich so darauf gefreut!«

»Wir fangen morgen mit die Sprackunterricht an! Ich freue mir auch so sehr.«

»Gut. Morgen nachmittag.«

»Und – Mister Freese, versprecken Sie mir, daß Sie sich nie wieder auf das grause Guadalquivieh oben herauf setzen wollen!«

»Wir wollen sehen, Miß Nelly. Vorläufig nicht. Vorläufig erhalt' ich mich Ihnen. Erst müssen Sie Deutsch gelernt haben – dann versuch ich's vielleicht doch noch einmal –«

Benedikte und Trude sprangen vorüber; der Kandidat brach deshalb ab, grüßte und ging auf sein Zimmer.

»Dikte,« wisperte Trude ihrer Freundin zu, »die Nelly bändelt an!«

»Ach wo!«

»Verlaß dich drauf. Sie macht immer ganz verliebte Augen, wenn sie Herrn Freese sieht, und seit drei Tagen trägt sie ein goldenes Herz als Brosche.«

»Trude, was du alles siehst! Vor dir muß man sich wirklich in acht nehmen.«

»Natürlich seh' ich mehr als andre! Weil ich die Augen aufmache.«

»Na – bei mir wirst du nichts sehen!«

14 »Oho – wollen's 'mal abwarten!«

Benedikte schaute dem Apothekerstöchterlein groß und erschreckt in die Augen. Dann wurde sie so rot, daß sie sich abwenden mußte. – –

An diesem Abend ging man allseitig früher zu Bett als gewöhnlich. Doktor Haarhaus hatte nach dem Essen noch ein Kapitel aus seinem Manuskript vorgelesen und kaum geendet, als Max sich erhob, um sich zurückzuziehen. Er fühle sich ein wenig erkältet. In Wahrheit wollte er nur der Sturmflut neugieriger Fragen entgehen, die sich aller Voraussicht nach an die Vorlesung anknüpfen würde. Graf Teupen schien nur darauf zu warten, eine interessante Kolonialdebatte zu entfesseln.

Mit besonderer Spannung hatte wieder Benedikte zugehört. Haarhaus war übrigens nicht nur ein vortrefflicher Vorleser, sondern auch ein brillanter Schilderer. Er verstand es, zu packen; man lebte mit ihm. Und bei aller anscheinenden Objektivität wußte er doch seine Person immer und immer wieder in den Vordergrund zu schieben. Er war der Held, der kühne Abenteurer, der allen Gefahren trotzte; seine Expedition verschwand neben ihm; über allen stand er – er ganz allein.

Leider war er in seinem Werke noch nicht so weit vorgeschritten, um seine gemeinsamen Erlebnisse mit Max an den Hängen des Kilimandscharo schildern zu können; aber er hatte versprechen müssen, auch diese Kapitel vorzulesen. Und er versprach es in der That, ohne eine Miene zu verziehen. Vor dem Schlafengehen suchte er indessen Max noch einmal auf.

»Max,« sagte er, »wenn ich noch länger in diesem Hause weile, werde ich zum Verbrecher an mir selbst. Ich vergelte die Gastfreundschaft der Deinen durch schnödesten Undank. Von meinen Lügen spreche ich schon gar nicht mehr. Aber 15 nun soll ich sie auch noch niederschreiben und einer ganzen Corona von Gläubigen vorlesen. Und wenn du nun nicht bald reine Tafel machst, werden die Deinen alle diese Lügen auch noch gedruckt sehen wollen. Ich frage dich allen Ernstes: wie soll das enden?«

»Darüber wollte ich auch noch ein Wörtchen mit dir sprechen,« entgegnete Max. »Setz dich da drüben in den ledernen Großvaterstuhl. Er hat drei Generationen überlebt und ist wie geschaffen zum Nachdenken. Und hier sind Cigarren. Du kannst sie ruhig rauchen; es sind nicht die langen Holländer Papas.«

»Das ist mir lieb,« sagte Haarhaus; »bei der größten Wertschätzung deines Papas bringe ich seinen Holländern eine nicht zu sagende Verachtung entgegen. Der Kilimandscharo ist noch nicht hoch genug, sie dort zu rauchen . . . Also, meine Cigarre brennt; nun sprich!«

Und Max begann. –

Beim Schlafengehen der jungen Mädchen herrschte auch eine ziemlich lebhafte Stimmung. Die Thür zum Zimmer Nellys stand, wie gewöhnlich, offen; man konnte also herüber und hinüber sprechen. Trude Palm saß vor dem Spiegel und wickelte ihre Stirnlöckchen ein. Sie nannte dies »Natur«, während sie die Brenneisen als »Kunst« verdammte.

»Nelly!« rief sie, »möchten Sie lieber einen Deutschen oder einen Engländer heiraten?«

»Was mir nimmt,« antwortete die Miß aus dem Nebenzimmer, wo sie in ihrer riesigen Badewanne planscherte.

»Ich möchte am liebsten einen Russen haben,« fuhr Trude fort. »Als ich mit der Mama im Winter in Montreux war, saß an der Table d'hote neben mir ein Graf auf ky, der mir sehr die Cour machte. Er war unverheiratet und trug auf dem linken Daumen einen Brillantring, was ich noch nie gesehen hatte. Ich glaube, der hätte mich ganz gern 16 genommen, aber ich ließ ihn abfallen, weil er immer zwei Glas Cognac in seinen Kaffee goß.«

»Die Russen sein alle Säuflinge,« rief Miß Nelly zurück und planscherte stärker; »sie säufen alle Juchten.«

Benedikte lachte hell auf.

»Aber, Nelly, aus Juchten werden Stiefel gemacht! Wuttki meinst du.«

»Doktor Haarhaus trinkt auch zu viel,« begann Trudchen von neuem; »als es neulich 'mal Champagner gab, habt ihr da gesehen, wie Doktor Haarhaus das Glas immer nur an den Mund setzte und mit einem Zuge geradezu hinunterschüttete?«

»Ach, rede doch nicht immer, Trude,« rief Benedikte, in ihr Bett schlüpfend, »das macht Graf Brada ebenso. Das ist Mode.«

»Na, weißt du, Dikte, das muß man sehr geübt haben, um es so gut zu können.«

»Du hast an allen etwas auszusetzen!«

»Nein, nicht an allen. Aber Doktor Haarhaus thut immer so, als ob. Das ist ein Blender. Und ich will dir was sagen, Dikte, er ist auch ein Mörder.«

»Du bist wohl verrückt, Trude!«

»Er ist ein Herzensmörder. Das ist ihm ganz wurscht, ob er eine unglücklich macht oder nicht; da lacht er noch drüber. Der wird auch nie heiraten. Der knickt die Lilien, und dann trampelt er darauf 'rum. Wüstling nennt man solche Leute oder auf französisch ein Roué.«

Und da Benedikte nicht antwortete, fuhr sie fort: »Ich habe ihn gleich erkannt. Ihr kennt die Welt noch nicht. Aber in Montreux liefen solche Menschen haufenweise herum. Ein Armband trägt er auch; das ist das erste Erkennungszeichen. Ich wette, er trägt auch einen Fußring. Diese Leute sind im Geheimen alle miteinander verbündet und 17 geben sich einen Wink, wenn sie wieder ein armes, junges Mädchen unglücklich machen wollen. Augen hat er wie ein Tiger, und wenn er lacht, sieht man alle Zähne wie bei einem Leoparden. Ich sage euch bloß: ich kenne die Welt – das ist ein entsetzlicher Mensch. Dem ist nichts heilig, das weiß ich so gewiß . . . Dikte, dem ist nichts heilig . . . Dikte!«

»Ach, laß mich in Ruh! Ich will schlafen.«

Trudchen drehte zufrieden ihre Locken fertig. Der Dikte hatte sie es gehörig gegeben! – –

Die Baronin hatte ihr Bücherpaket aus der Leihbibliothek mit auf ihr Zimmer genommen. Tübingen hatte bei ihr angeklopft, um sich zu beklagen, daß ihm sein viertes Handtuch fehle. Bei derlei Anlässen blieb er gewöhnlich noch ein Viertelstündchen im Schlafzimmer seiner Frau sitzen. Jetzt sah er zu, wie sie die Bücher auspackte.

»Das machst du zu niedlich, Eleonore,« sagte er, »wie du den Bindfaden aufknüpperst. Ich schneide ihn einfach durch.«

»Dafür bist du auch ein Verschwender, und ich bin eine sparsame Hausfrau. Bei mir kommt kein Bindfaden fort . . . Was hat mir der Moldenhauer da nun wieder alles geschickt! Spielhagen, der den Adel immer so herunterreißt, und Fritz Mauthner, ich glaube, das ist ein Jude – und natürlich etwas Neues von Theo von Kletzel, und einen Roman von Ida Boy-Ed – die bürgerlichen Doppelnamen kommen mir immer recht komisch vor – und ›Kaktus‹ von Otto Julius Bierbaum. Der Moldenhauer ist wirklich nicht recht klug. Gott, Eberhard, was schrieb man früher für schöne Romane, die doch auch nachhaltig wirkten! Zum Beispiel die Paalzow – und ›Goodwy-Castel‹ – das hab' ich als Mädchen verschlungen; aber ich weiß gar nicht mehr, von wem es ist – und die Engländerinnen: die Wetherell und die Flygare-Carlén – das war, glaub' ich, eine Schwedin 18 oder Dänin – heute gibt's so etwas gar nicht mehr! Wenn ich heute schon die Titel lese! Die können einem von vornherein die ganze Stimmung verderben.«

»Das ist richtig,« entgegnete Tübingen. »Früher waren die Titel länger und die Geschichten kürzer. Und gewöhnlich hatten die Titel etwas Geheimnisvolles, was gleich die Neugier reizte. Jetzt sagen sie gar nichts, oder wenn sie etwas sagen sollen, dann findet man es nicht 'raus. Oder erst ganz am Ende des Buches, wenn man sich gar nichts mehr draus macht.«

»Da ist ja auch etwas für Papa mit darunter!« – und die Baronin wickelte einen schweren Folianten aus dem umhüllenden Papier. »Natürlich wieder Koloniallitteratur: Stanley ›Im dunkelsten Afrika‹. Gib ihm das Buch morgen früh, Eberhard, ohne daß die andern es sehen. Sonst neckt ihn Haarhaus wieder mit seiner Schwärmerei für England. Und nun sage 'mal, da du gerade hier bist: soll es am dreiundzwanzigsten ein größeres Souper werden oder nur drei Gänge? Ich muß das wissen, damit ich nötigenfalls die Kochfrau in Zornow rechtzeitig benachrichtigen kann.«

»Liebe Eleonore, das ist eine Frage, die du dir selbst am besten beantworten wirst. Ich kann dir nur sagen, daß es mir auf einen Gang mehr oder weniger nicht ankommt. Einen feineren Wein geb' ich, da es ein Abendbrot ist, nicht; aber gern ein Glas Sekt. Der kann schon vor dem Braten eingeschenkt werden, damit die Stimmung nicht einschläft. Natürlich bloß Sillery mousseux, nicht etwa Pommery.«

»Da wird Haarhaus wieder in aller Heimlichkeit die Nase rümpfen. Der Mann ist schrecklich verwöhnt. Sorge bitte wenigstens für anständige Cigarren und einen guten Cognac.«

»Es bleibt alles beim alten, liebe Eleonore. Um Haarhaus mache ich keinerlei Umstände. Henry Clay und Hennessy 19 mit drei Sternen führe ich nicht. Meine Gastcigarre ist rauchbar, und mein Cognac läßt sich schon trinken. Ich bin kein Berliner Kommerzienrat oder Generalkonsul –«

»Na ja doch, ja doch,« fiel die Baronin begütigend ein, »ich teile deine Ansichten durchaus. Ich bin auch keine Freundin der Völlerei. Aber nun noch ein Wort wegen der Tafelordnung. Die Kletzel zwischen Kielmann und dem Apotheker; da kann sie ihre Batterieen springen lassen, so viel sie will. Und die Seesen zwischen Max und Haarhaus, dachte ich.«

Tübingen stand lachend auf und gab seiner Frau einen Kuß.

»O du Schlaukopf,« sagte er, »glaubst du denn, ich merke nicht, daß ihr von neuem eure Netze nach Langenpfuhl auswerft! Kinderchen, wenn euch das gelingt, die Seesen für Max einzufangen, dann – soll es mir auch auf einen Hennessy mit drei Sternen nicht ankommen! Ich glaube, Eleonore, du willst absolut dein Heiratsjahr zu seinem Recht kommen lassen. Gute Nacht, mein Kind!«


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