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Das Heiratsjahr

Fedor von Zobeltitz: Das Heiratsjahr - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Heiratsjahr
authorFedor von Zobeltitz
year1900
firstpub1900
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleDas Heiratsjahr
pages317
created20120127
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.

In dem die Komödie der Irrungen weiterspielt, aber doch auch zu einem vorläufigen günstigen Abschluß kommt, während neue Fäden sich anknüpfen.

Als Franz Freese nach festem und traumlosem Schlafe erwachte, schaute er sich zuerst außerordentlich verwundert ringsum und schloß sodann schnell wieder die Augen. Er war sehr erschrocken. Und da er gewöhnt war, sich über die ihm sichtbar werdenden wie unsichtbar bleibenden Vorgänge seines Seelenlebens möglichst genau Rechenschaft zu geben, so versuchte er sofort, die Ursachen seiner Schreckwirkung kritisch zu zergliedern.

»Das ist ja merkwürdig,« sagte er sich. »Zunächst: träume ich, das heißt schlafe ich noch, oder befinde ich mich bereits im Zustande völligen Wachseins?« . . . Um dies zu ergründen, schlug Freese erst das linke und hierauf das rechte Auge auf, indem er bei der letzteren Manipulation das linke wieder schloß. Die Muskulatur spielte nach seinen Wünschen: er war also thatsächlich wach. Und das erfüllte ihn von neuem mit einem so gewaltigen Schrecken, daß er mit beiden Beinen zugleich aus dem Bette fuhr und eine geraume Weile auf dem Bettrand sitzen blieb.

Das war ja etwas ganz Unerhörtes? Wo befand er sich eigentlich?!

In einem hübschen und behaglichen Zimmer, das etwas schmal, dafür aber desto länger war, also ungefähr die Form eines Handtuchs hatte. An den Wänden hingen ein paar Daguerrotypen unter Glas und Rahmen, wie es schien ausrangierte Familienbilder, sowie ein Stahlstich, der ein großes Schiff darstellte, und darunter stand »Bellerophon«. Auf dem Hauptmast des »Bellerophon« saß eine dicke Fliege und kletterte langsam über die französische Flagge auf die dem 103 Beschauer zugewandte Bordseite. Freese verfolgte mit den Augen diese Fliege aufmerksam. Sie lenkte seine Gedanken von dem, was er überlegen mußte und was ihm zu überlegen schrecklich war, gefällig ab. Aber plötzlich flog die Fliege, ehe sie noch die Deckverschanzung erreicht hatte, laut summend auf und davon und zwar nach der Richtung des einzigen Fensters. Der Blick Freeses folgte ihr abermals. Vor dem Fenster hing ein unmodernes Rouleau, auf dem sich eine Alpenlandschaft befand, mit einem schalmeiblasenden Schäfer im Vordergrunde, der die Größe des schneegekrönten Berges dahinter hatte. Helles Sonnenlicht ließ das Rouleau fast transparent erscheinen.

Freese erhob sich und schritt mit bloßen Füßen und zaghaften Schritten an das Fenster heran und lugte, das Rouleau ein wenig lüftend, ins Freie hinaus. Er schaute auf einen großen Wirtschaftshof. Knechte bespannten soeben einen Leiterwagen; ein paar Hunde umkläfften die Pferde; ein alter Mann stand mitten im Hofe und schien sich mit zwei Dirnen zu zanken, die mit gesenkten Köpfen vor ihm standen.

Franz faßte sich an die Stirn. Da schmerzte ihn etwas, das seine Gedanken nicht so recht zu logischer Entwickelung kommen lassen wollte. Nun klopfte es auch leise an die Thür – und mit raschen Sätzen flog Freese in sein Bett zurück.

»Herein!« rief er.

Riedecke trat ein, vorsichtig und auf den Zehenspitzen balancierend. Als er Freese aber aufgerichtet im Bette sitzen sah, trat er fester auf und verbeugte sich unterwürfig.

»Schönen guten Morgen, Herr Doktor,« sagte er.

»Guten Morgen,« antwortete Freese mit etwas belegter Stimme.

Riedecke näherte sich mit seinem schönsten Diplomatenlächeln dem Bett.

104 »Hoffentlich habe ich den Herrn Doktor nicht im besten Morgenschlaf gestört,« fuhr er fort. »Es ist nämlich in der neunten Stunde – und ich wollte gern die Sachen des Herrn Doktor zum Reinigen holen. . . .«

Freese suchte in seiner Erinnerung nach einem Anknüpfungspunkt, der ihm wenigstens einigermaßen hätte Aufklärung über das Verwunderliche der Situation geben können. Aber er suchte vergeblich. Der Schmerz hinter dem Stirnbein nahm zu. Ein Surren und Summen klang durch sein Hirn und eine heimliche Bohrmaschine begann ihre Thätigkeit in seinem Kopfe.

Inzwischen hatte Riedecke die Kleidungsstücke vom Stuhl genommen und die Stiefeln unter dem Bette hervorgesucht und wollte sich lautlos wieder entfernen, als ein Anruf des Kandidaten ihn zurückhielt.

»Einen Augenblick, mein Lieber,« sagte Freese; »wie – wie heißen Sie eigentlich?«

»Ich bin der alte Riedecke,« entgegnete dieser mit seinem feinen Lächeln und blieb stehen.

Trotz des wütenden Kopfschmerzes machte Freese nunmehr ernstliche Anstrengungen, seine Gedanken zu sammeln. Er mußte wissen, wo er war – wollte sich andererseits vor dem alten Diener aber auch keine Blöße geben. Es galt also, ihn politisch auszuforschen.

»Sie sind wohl schon lange hier im Hause?« begann Freese vorsichtig abermals.

Riedecke nickte.

»An die vierzig Jahr,« antwortete er. »Das heißt, nicht g'rade im Hause – aber ich gehörte doch immerhin zum Hause. Ich war nämlich zuerst Kammerdiener bei Seiner Excellenz dem Herrn Grafen von Teupen –«

»Aha,« machte Freese, damit sein wachsendes Erstaunen nicht auffalle.

105 »Jawohl, Herr Doktor – und als dann der Herr Graf den Abschied nahmen und sich ganz und gar hier auf Hohen-Kraatz einquartierten – na, da bin ich ihm dann gefolgt. . . . An andern guten Anerbietungen hat es ja nicht gefehlt – aber du lieber Gott, der Mensch gewöhnt sich – und ich müßte sehr undankbar sein, wenn ich sagen wollte, ich hätte mich hier beim Herrn Baron von Tübingen auch nur ein einziges Mal zu beklagen gehabt. . . .«

Freeses Kopf sank immer tiefer; aber dafür hüpften die Gedanken desto toller durch das schmerzende Hirn. . . . Er war in Hohen-Kraatz beim Baron von Tübingen – wo er hin gewollt hatte. Das stand nunmehr fest. Doch wie war er hierhergekommen?! . . . Er rekapitulierte. Abreise von Berlin – Billetschwierigkeiten in Frankfurt a. O. – Guhsewitz-Plehningen – Marsch durch den Buchenwald – Wegweiser – verlaufen – Cognac getrunken. . . . Da riß der Gedankenfaden mit Plötzlichkeit ab. Aber ein neuer Schreck stellte sich ein und trieb Freese alles Blut in die Wangen.

Herr des Himmels – hatte der ungewohnte Cognacgenuß ihm vielleicht die Sinne umnebelt – – so umnebelt, daß er in angetrunkenem Zustande nach Hohen-Kraatz gekommen war? Daß er vollständig vergessen, was er gestern abend noch mit Herrn von Tübingen verhandelt hatte?! . . .

Freese fühlte, wie ihm kalter Schweiß auf die Stirn trat. Aber er wollte wenigstens Gewißheit haben.

»Herr Riedecke – noch einen Moment. . . . Sagen Sie 'mal – ich war wohl gestern abend so ein ganz kleines bißchen – na, machen wir keine Umstände: so ein bißchen im Schumm?«

Riedecke lächelte noch feiner als sonst.

106 »Es war so, Herr Doktor,« erwiderte er, »aber du lieber Gott –«

Und dann zog er die Schultern hoch, als wolle er damit andeuten, daß das schon einmal passieren könne.

Freese streckte sich im Bette wieder aus und zog die Decke bis an das Kinn hinauf. Er war sehr blaß geworden. . . . Es hatte also seine Richtigkeit. Er hatte sich in total betrunkenem Zustande dem Baron Tübingen vorgestellt – der künftige Hauslehrer seinem künftigen Hausherrn. . . . Damit war alles verloren – jede Hoffnung und jede Aussicht – es war zum Verrücktwerden! . . . Niemals – nein, niemals im Leben hatte er zu viel getrunken – er war im Gegenteil immer eine sehr nüchterne Natur gewesen – und gerade im entscheidensten Augenblicke seines Lebens mußte er sich vergessen. . . . O, dieser teuflische Cognac! . . .

Riedecke klinkte an der Thür.

»Na, da will ich man gehn,« sagte er.

Der Kandidat raffte sich gewaltsam aus seiner verzweifelten Lethargie empor.

»Riedecke,« hub er mit schwacher Stimme abermals an, »sagen Sie mir doch bitte noch: ist es denn sehr aufgefallen? . . . ich meine, ist der Herr Baron sehr – ungehalten über meinen – Zustand gewesen?«

»Was denn?« gab Riedecke fragend zurück. »Unser junger Herr Baron? . . . Unser gnädiger Herr? . . . Aber, Herr Doktor! Na, wo wird der denn ungehalten gewesen sein! . . . Der war ja doch selbst so 'n bißchen! . . . Ich hab's schon gemerkt. Ich merke das gleich immer – dann spricht er das r ganz anders aus und hat überhaupt 'ne schwere Zunge. Das kenn' ich von früher her!«

Er lachte leise in sich hinein und verließ das Zimmer.

Freese blieb ruhig im Bett liegen. Die Fliege, die sich vorhin für den »Bellerophon« interessiert hatte, umkreiste 107 jetzt seine Nase, die sie anzulocken schien. Aber Freese war das gleichgültig; er rückte und rührte sich nicht. Eine ganze Flucht von Gedanken stob durch sein Hirn.

Also der Herr Baron war selbst ein wenig angeheitert gewesen. . . . Das war im Grunde genommen ein Glück. Wenn man gleichfalls einen Schleier vor den Augen hat, sieht man die Gebrechen andrer nicht so scharf. Vielleicht hatte der Baron gar nichts bemerkt. . . . Nach dem, was Riedecke sagte, konnte man das schon annehmen. Und Freese schwor sich: wenn er bei all' seinem Unglück diesmal noch Glück hatte, dann wollte er nie wieder an seinem Stern verzweifeln – nie wieder!

Es dauerte nicht lange, so klopfte es von neuem an die Thür. Der Diener brachte die Garderobe Freeses zurück; aber diesmal war es nicht der alte Riedecke, sondern ein junger Bursche in gestreifter Leinenjacke und prallen Lederhosen, der die Sachen fein säuberlich auf den Stuhl am Bette legte und die Stiefeln daneben stellte.

»Entschuld'gen der Herr Doktor,« meinte er dabei, »soll ich dem Herrn Doktor den Koffer auspacken helfen?«

Den Koffer! – »Alle Wetter,« schoß es Freese durch den Kopf, »wo ist denn mein Tornister geblieben?! Den kann ich in meiner Besinnungslosigkeit doch nicht verloren haben!« . . . Und unwillkürlich schaute er sich im Zimmer um.

Der kleine Groom bemerkte das, und ein vergnügtes Grinsen huschte über sein lustig unverschämtes Gesicht.

»Hier ist der Koffer nicht,« sagte er; »ich habe auch schon Augusten gefragt, ob er noch auf dem Wagen wär'; aber August sagte nee, er hätte gar keinen mitbekommen. Ich dachte, Riedecke hätt' ihn vielleicht wo hin gestellt.« . . . Und der Kleine schaute sich gleichfalls um, dabei fortfahrend: »Wenn er in Schnittlage geblieben ist, dann kann 108 ihn Gellrich oder Eisenbart ja mit dem Wiedehopf mitbringen. . . .«

Dem Kandidaten wirbelte der Kopf.

»Wer ist denn Wiedehopf und Eisenhut?« fragte er mit ersterbender Stimme. Ihm wurde immer schlechter.

»Bart,« verbesserte der Kleine, »Eisenbart. Das ist der Milchmann und Gellrich ist unser Gärtner. Und der Wiedehopf ist das Milchpferd. Eisenbart fährt alle Tage zweimal nach Plehningen und holt die Posttasche ab und dann bringt er Butter und Sommergemüse nach dem Tiesewitzer Vorwerk und Mömpelsdorf, und gewöhnlich hält er auch in Schnittlage an, um zu fragen, ob man dort etwas braucht. . . .«

Freese wußte nicht, was er zu all dem sagen sollte. Er kannte Schnittlage gar nicht . . . wie sollte denn sein Tornister gerade nach Schnittlage kommen? . . . Er hatte nur das eine Bedürfnis, schleunige Aufklärung zu schaffen. Und das sollte auf der Stelle geschehen.

»Wie heißt du, Kleiner?« fragte er.

»Stupps, Herr Doktor.«

Franz schüttelte den Kopf. Was war das wieder für ein närrischer Name. Es war alles so merkwürdig in diesem rätselvollen Hause! –

»Eigentlich heiße ich Fritz mit Vornamen, Herr Doktor,« fuhr der Kleine fort, der die Verwunderung Freeses merkte; »aber sie nennen mich alle Stupps. . . . Ich weiß auch nicht, wie's kommt!«

Der Kandidat griff nach seinen Strümpfen.

»Hör' 'mal zu, Stupps,« sagte er. »Ich muß den Herrn Baron von Tübingen sofort sprechen –«

»Die Herrschaften sind schon beim Frühstück,« antwortete Stupps, »– unten im Gartenzimmer – nur der Herr Assessor schlafen natürlich noch.« . . . Und Stupps 109 lächelte verschmitzt, während er auf das Wort »natürlich« einen besonders starken Nachdruck legte. . . . »Wünschen der Herr Doktor vielleicht sonst noch etwas?«

Franz dankte und erhob sich aus dem Bette, während sich Stupps mit einem Kratzfuß empfahl.

Der Kandidat versuchte nunmehr zunächst, seinen äußeren Menschen ein wenig in vorstellungsfähige Verfassung zu bringen. Er begann damit, daß er den ganzen Kopf in das Waschbecken steckte und dabei den Atem wie ein Taucher anhielt, um so lange wie möglich unter Wasser bleiben zu können. Und siehe da – das erfrischte ihn sichtlich. Es blieb nur noch eine außergewöhnliche Empfindlichkeit der Kopfhaut übrig, der traurige Rest seines Katzenjammers, das, was der Franzose sehr bezeichnend mal aux cheveux nennt. Dann kleidete er sich schleunigst, doch auch mit möglichster Sorgfalt an und beschaute sich in dem Spiegel, der über der Waschtoilette hing. Sein Gesicht gefiel ihm durchaus nicht; es sah blaß und gedunsen aus. Aber es half nichts; er war fest entschlossen, sich über die seltsame Situation, in der er sich befand, Klarheit zu schaffen und sei es auch auf Kosten aller seiner Hoffnungen und Zukunftsträume. . . .

Auf der Treppe zum Entresol kam ihm der alte Riedecke entgegen.

»Der Herr Assessor schlafen noch immer,« begann er, aber Freese schnitt ihm das Wort ab.

»Ich möchte den Herrn Baron von Tübingen sprechen,« sagte er, »verstehen Sie mich recht: den Herrn des Hauses!«

Etwas verblüfft deutete Riedecke nach einer Glasthür rechtsseitig des Treppenflurs.

»Bitte schön, Herr Doktor – die gnädigen Herrschaften frühstücken im Gartensalon!«

Freese näherte sich der Thür, aber der Mut erstarb 110 ihm, als er durch die Glasfenster die vielköpfige Gesellschaft sah, die sich um den Frühstückstisch vereinigt hatte. Im selben Moment begannen die Hunde anzuschlagen; sie mußten die fremde Stimme gehört, vielleicht auch die Erscheinung des Kandidaten hinter den Scheiben bemerkt haben. Der grimme Baß Cäsars erscholl zuerst; hierauf setzte Lord, der Boxer, mit langtönendem Gekläff ein – dann meldete sich Mohrchen mit seinen gellen, noch jugendlich klingenden Lauten, und dazwischen schrillte der Diskant Cosys durch das Haus.

Die Thür zum Gartensalon wurde heftig aufgerissen und eine tiefe Stimme fragte: »Was gibt es denn eigentlich, zum Donn – –«

Baron Tübingen verschluckte das Fluchwort, als er Freese sah. Riedecke lächelte wieder und übernahm in respektvoller Weise die Vorstellung.

»Herr Doktor Haarhaus,« sagte er, auf Freese deutend.

Tübingen streckte dem Kandidaten beide Hände entgegen.

»Doktor!« rief er, »– i, der Deibel, was freue ich mich, Sie auch einmal kennen zu lernen! Habe oft genug von Ihnen gehört – na, das brauche ich Ihnen wohl nicht erst zu sagen – – so ein berühmter Mann! Das ist recht von Max, daß er Sie mitgebracht hat! Hätte ich davon gewußt, so würde ich gestern abend selbstverständlich aufgeblieben sein und Sie feierlich empfangen haben – selbstverständlich! Aber gewöhnlich kriech' ich schon immer so um Zehne rum in die Klappe! Max liegt noch in den Federn! Es ging wohl wieder 'mal ein bißchen heftig in Schnittlage zu – was?! Der alte Kielmann mit seinem Burgunderpunsch – na, es ist zwar Ihr Onkel, aber ich werde ihn doch einmal gehörig ins Gebet nehmen! Mir hat er aufgebunden, Sie würden ihm zwei junge Pantherkatzen 111 mitbringen, die wollt' er dem Zoologischen Garten schenken . . . Aber nun treten Sie näher, liebster Doktor – ich werd' inzwischen bei Max anklopfen lassen – er kann doch nicht bis in die aschgraue Ewigkeit schnuppern! . . .«

Freese blieb das Wort im Munde stecken; er konnte nur abwehrend mit der Rechten winken. Doktor Haarhaus hatte der alte Riedecke ihn genannt; er sollte Burgunderpunsch getrunken und junge Pantherkatzen versprochen haben, sollte über Nacht ein berühmter Mann geworden sein – welch' schreckliche Komödie der Irrungen spielte sich hier ab! –

»Herr Baron,« sagte er, nach Atem ringend und sich energisch gegen die kraftvolle Liebenswürdigkeit Tübingens stemmend, »seien Sie mir, bitte, nicht böse –«

»I, wo werd' ich Ihnen denn böse sein!« fiel Tübingen lachend ein; »Sie meinen wegen – – aber ich bitte Sie! Ich bin doch auch einmal jung gewesen – und ich glaub' schon, daß einem in Afrika die Kehlen so ein bißchen ausdörren! Und ich kenne doch auch meinen alten Kielmann! Kommen Sie nur, Doktorchen – kommen Sie, kommen Sie!«

»Herr Baron –«

Aber Tübingen hatte Freese in seiner etwas rauhen Courtoisie bereits unter den Arm gepackt und durch die geöffnete Thür geschoben. Der Kandidat fühlte sich in seiner schüchternen Hilflosigkeit thatsächlich einer Ohnmacht nahe. Er wußte, daß er sich tief und höflich verbeugte; aber er sah nicht, vor wem. Ein dunkles Wogen flutete vor seinen Augen auf und ab; er konnte nichts weiter erkennen, als ein helles Etwas: das war der Theekessel, der blitzblank in der Sonne leuchtete. Dafür hörte Freese um so deutlicher das sonore Organ des Barons.

»Ruhig, Köter! Kusch dich, Cäsar! Liebe Eleonore – darf ich bitten: Doktor Haarhaus, unser berühmter 112 Afrikaforscher! Meine Frau, lieber Doktor! Eleonore, nimm doch den Cosy auf – das Tier ist ja aus Rand und Band! Graf Teupen, mein Schwiegervater, der Sie seit zwei Jahren aus der Ferne anschwärmt und Ihren Marsch durch Usawara von Station zu Station auf der Karte verfolgt hat! Benedikte, mein Töchterchen – Fräulein Palm – Miß Nelly Milton, Enkelkind vom Verlorenen Paradies! Mohrchen, es setzt was, wenn du nun nicht endlich still bist. Und da drüben meine beiden Jungen! Und nun nehmen Sie Platz, mein lieber und verehrter Doktor Haarhaus, und trinken Sie erst einmal eine heiße Tasse Thee! Oder ist Ihnen Kaffee lieber? . . .«

»Herr Baron,« begann Freese abermals, während in seinem Gesicht Röte und Blässe in schneller Folge wechselten »gestatten Sie mir, daß ich Ihnen zuvörderst eine dringliche Aufklärung gebe –«

Weiter kam er auch diesmal nicht. Graf Teupen hatte sich ihm genähert, schüttelte ihm die Hände und überflutete ihn mit einem langen, schönrednerisch geglätteten Strom von Komplimenten, während die hinter dem alten Herrn stehende Baronin nur darauf zu warten schien, auch ihrerseits das Wort ergreifen zu dürfen. Es war der schreckensvollste Augenblick für Freese in dieser ganzen schreckensvollen letzten Zeit. Man erstickte seine Abwehr durch Liebenswürdigkeit. Wenn er den Mund öffnen wollte, kam der Graf ihm bereits zuvor. Benedikte schenkte ihm Thee ein. Fräulein Trude Palm, entzückt, einen zweifellos berühmten Mann in ihrer unmittelbaren Nähe zu haben, fragte, ob er Toost, Butterbrot oder Sträußelkuchen wünsche – und Miß Milton präsentierte ihm die Zuckerdose. Insgeheim aber wunderten sich alle über ihn: sie hatten sich den vielgenannten Afrikaner ganz, ganz anders vorgestellt.

Die beiden Jungen hatten die großen Hunde durch die 113 weit offenstehende Verandathür in den Garten getrieben, wo die Köter sich mit wütendem Gekläff auf ein neues Opfer stürzten, das ihren Grimm erregte – und dieser Zwischenfall erlöste auch Freese aus der sich immer peinlicher gestaltenden Lage.

»Papa – ein Handwerksbursche!« schrie plötzlich Bernd und wies den großen Parkweg hinab, in dem ein breitschulteriger Mensch sichtbar wurde, den man seinem Aeußern nach aus der Entfernung in der That für einen fechtenden Vaganten halten konnte. Sein grauer Anzug, dem ein geübtes Auge allerdings ansehen mußte, daß er in einer sehr eleganten Schneiderwerkstatt seinen Ursprung gefunden hatte, war unglaublich beschmutzt; die Beinkleider steckten in den Stiefelschäften, und über den Rücken des, wie es schien, noch jungen Mannes hing ein nur an einem einzigen zusammengeknoteten Riemen befestigtes Felleisen. Das Gesicht war blaß, aber die Nase rot und geschwollen, und der Schnurrbart hing wirr und ungepflegt über den mürrisch verzogenen Mund. Ein gleichfalls arg beschmutzter, zerbeulter grauer Filzhut vervollständigte die wenig Vertrauen erweckende Erscheinung des Näherkommenden.

»Kann denn der Mensch nicht über den Wirtschaftshof gehen!« brummte Tübingen ärgerlich und trat in die Verandathür. »Hinten 'rum!« schrie er und wies auf den sich nach der Küchenseite abzweigenden Nebenweg.

Der Angerufene stutzte einen Augenblick, nieste sodann ein paarmal ziemlich geräuschvoll und setzte unbeirrt seinen Weg nach der Veranda fort.

»Sie da!« rief der Baron von neuem und fuchtelte mit dem rechten Arm in der Luft umher; »können Sie denn nicht hören?! . . . Sie sollen hinten herum gehen – über den Wirtschaftshof. Lassen Sie sich in der Küche etwas geben!«

114 Der Handwerksbursche stutzte abermals, nieste von neuem mit lufterschütternder Vehemenz und betrat sodann, ohne den ihm gewordenen Befehl zu berücksichtigen, die Verandatreppe, indem er dabei gleichzeitig seinen Hut lüftete.

Nun wurde Tübingen aber zornig. »Entschuldigen Sie mich, lieber Herr Doktor,« wandte er sich an Freese zurück und stürmte hierauf mit rotem Kopfe dem Handwerksburschen entgegen.

»Na, da sagen Sie mir bloß, Mensch: sind Sie denn reinweg des Deibels?!« brüllte er den sichtlich Erschreckenden an. »Hinten 'rum, hab' ich ihnen ein paarmal zugerufen – das heißt da herum – da geht's nach der Küche, haben Sie keine Ohren?!«

Merkwürdigerweise schüttelte der arme Teufel heftig den Kopf und nieste hierauf wieder, daß ihm die Thränen in die Augen traten. Er mußte einen derben Schnupfen haben. Sodann machte er den Mund auf, um seine Entgegnung an den Mann zu bringen, aber er brachte nur unheimlich krächzende Gutturaltöne hervor. Er mußte auch einen derben Katarrh haben.

Tübingen wurde ein wenig milder.

»Sie sind ja ganz heiser, Mensch,« meinte er und suchte in seiner Westentasche nach einem Groschen Kleingeld; »Sie haben wohl im Freien übernachtet? Lassen Sie sich von der Köchin einen derben Kamillenthee kochen! Eleonore, laß dem Mann einen Kamillenthee kochen. Der Mann muß schwitzen! Gehen Sie in den Krug und bleiben Sie tagsüber im Bette! Sie können sich ja die Schwindsucht holen! Sagen Sie nur im Kruge, ich hätte Sie hingeschickt und würde für Sie bezahlen – und hier – Eleonore, gib mir 'mal eine Mark – – da haben Sie noch eine Mark extra! . . . So – aber nun pascholl! . . .«

Die Antwort des andern bestand aus einer förmlichen 115 Niessalve. Das Geldstück nahm er nicht, sondern wies nur mit stummer Gebärde auf seinen Hals. Ein paar weitere unverständliche Gesten folgten.

Tübingens gutmütiges Gesicht rötete sich noch lebhafter.

»Na, da hört doch alles auf!« schrie er. »Ich weiß ja, daß Sie heiser sind! Soll ich Sie vielleicht in Watte wickeln lassen?! Und die Mark wollen Sie auch nicht?! Sind Sie denn –«

Er brach ab, da sich in diesem Augenblick die Scene hochgradig dramatisch zuzuspitzen begann. Freese war bis jetzt durch die schier unerschöpfliche Liebenswürdigkeit des alten Teupen gewissermaßen auf seinem Stuhl festgenagelt worden und hatte nur flehende Blicke hinaus auf die Veranda geworfen, wo Tübingen den Handwerksburschen abfertigte. Einer dieser Blicke streifte auch den Handwerksburschen selbst – – und plötzlich schnellte Freese mit aufleuchtenden Augen empor und stürzte zum Entsetzen des kleinen, aus sanftem Halbschlummer jäh auffahrenden Cosy raschen Schritts auf die Veranda.

»Da ist ja mein Tornister!« rief er. »Wie kommen Sie denn zu meinem Tornister?! . . .« Und er nahm dem sich durchaus nicht wehrenden, sondern nur stürmisch niesenden Handwerksburschen den Ranzen von der Schulter. In der Verandathür drängten sich die Insassen des Gartensalons; unsägliches Erstaunen malte sich auf allen Gesichtern. Aber Freese hatte endlich sein Alexanderschwert gefunden; mit einem gewaltigen Schlage wollte er den gordischen Knoten zerhauen – unbekümmert um die Folgen . . . Er ließ sein Felleisen auf die Erde fallen und wandte sich an den völlig versteinerten Tübingen. »Jetzt muß es heraus, Herr Baron,« fuhr er tief Atem schöpfend fort; »es muß heraus! Ich bitte unterthänigst, unterbrechen Sie mich nur fünf Minuten lang nicht! Ich wollte mir bereits erlauben, 116 dem Herrn Grafen meine Angelegenheit klar zu machen, aber der Herr Graf hatten die Gnade, mich auch nicht zu Worte kommen zu lassen – – nun halte ich es aber nicht länger aus! . . . Herr Baron, es hat eine ungeheuerliche Konfusion gegeben, indes möchte ich vorweg mir ganz gehorsamst zu bemerken erlauben, daß ich für mein Teil nicht schuld an diesem gräßlichen Wirrsal bin . . . Um es kurz zu machen, Herr Baron: ich bin gar nicht der, für den Sie mich halten, ich bin nie in Afrika gewesen, bin auch kein Doktor, obwohl mich die Leute gewöhnlich so nennen . . . ich muß sehr um Verzeihung bitten, aber ich kann nichts dafür: ich bin der neue Hauslehrer, Herr Baron! . . .«

Man konnte bedauern, daß kein Momentphotograph in diesem Augenblick die Gruppe der Umstehenden in ihrem verschiedenartigen Gesichtsausdruck für die Nachwelt festhielt. Freese schien sein Bekenntnis vollständig erschöpft zu haben; in schroffem Gegensatz zu seiner Apathie stand dagegen das Benehmen des Handwerksburschen. Dieser junge Mann wurde plötzlich lebendig, gestikulierte aufgeregt und begann eine Reihe unartikulierter Laute hervorzustoßen, nieste auch zwischendurch häufig, was ihn besonders zu ärgern schien, denn er verzog das Gesicht, furchte Stirn und Brauen und stampfte schließlich wütend mit dem Fuße auf. Tübingen wußte gar nicht, was er denken und sagen sollte, sondern schüttelte nur fortwährend den Kopf, während es über das Diplomatengesicht des alten Teupen wie brennende Neugierde zuckte. Neben dem Grafen standen die Baronin, Benedikte, Trudchen, Nelly und die Zwillinge – alle sechs mit großen verwunderten Augen – und hinten an der Verandawand hatte Riedecke Aufstellung genommen, dem förmlich die Kniee schlotterten. Ihm kam die ganze Geschichte höchst unheimlich vor – fast wie eine Verschwörung. Er sah blaß aus.

117 Tübingen erholte sich zuerst von seiner Verwunderung, steckte das Markstück, das er noch immer zwischen den Fingern hielt, in die Tasche und wandte sich dann an den Kandidaten.

»Erlauben Sie 'mal,« sagte er, »das ist ja – i, du Donnerwetter, das ist ja eine tolle Geschichte! Wie sind Sie denn eigentlich hierher gekommen?«

Diese Frage war wiederum sehr fatal für Freese. Da er aber bei der Wahrheit bleiben wollte, so erwiderte er: »Das weiß ich eben auch nicht, Herr Baron!«

Erneutes allgemeines Kopfschütteln. Tübingen wollte abermals heftig werden.

»So etwas lebt nicht!« ruft er. »Sie müssen doch wissen, wie Sie hierher gekommen sind, lieber Herr?! Ich habe mir eingebildet, Sie wären der Doktor Haarhaus, weil ich geglaubt habe, mein Sohn Max hätte Sie gestern abend mitgebracht!«

»Aber Herr Baron,« antwortete Freese verzweiflungsvoll, »ich kenne ja doch Ihren Herrn Sohn Max gar nicht!«

Tübingen kribbelte es in allen Fingerspitzen vor Nervosität.

»Riedecke!« schrie er. »Komm einmal her, Riedecke! Riedecke, ist dieser Herr hier gestern abend mit meinem Sohn auf unserm kleinen Jagdwagen angekommen oder nicht?!«

»Jawohl, Herr Baron,« erwiderte Riedecke; »Stupps und ich haben ihn abgeladen.«

»Na also!« sagte Tübingen; »was bestreiten Sie denn das, lieber Herr?! Da müssen Sie Max doch auch kennen! Wo hat er Sie denn auf den Wagen genommen?!«

Dem Kandidaten war zum Weinen zu Mute. Allmächtiger, wie fürchterlich betrunken mußte er gewesen sein! Vielleicht hatte dieser Baron Max ihn irgendwo im Walde 118 schlafend gefunden und aufgelesen! . . . Es war ja gar nicht anders denkbar! –

Nun mischte sich auch Graf Teupen in das Inquisitorium.

»Wir müssen logisch vorgehen, Eberhard,« meinte er wohlwollend. »Die Sache ist höchst interessant. In Smyrna hatte ich einmal einen ähnlichen Fall – mit zwei Khawassen. Also logisch, doch auch chronologisch. . . . Werter Herr, Sie sagen, Sie wären entschieden nicht der Herr Doktor Haarhaus?«

»Nein,« entgegnete Freese, während der Handwerksbursche auch etwas sagen zu wollen schien, jedoch nicht dazu kam – zunächst weil er ein halbes Dutzend Mal niesen mußte, und des weiteren, weil Graf Teupen mit wehrender Handbewegung zu ihm bemerkte: »Sie schweigen, mein Lieber! Wir werden später eine eingehendere Fragestellung an Sie richten, denn mit Ihnen scheint auch nicht alles in Ordnung zu sein . . .« Und dann wandte er sich an Freese zurück: »Beweisen Sie Ihre Verneinung, mein Herr!«

Freese machte zunächst ein etwas verblüfftes Gesicht und erwiderte sodann: »Aber der Herr Graf werden gehorsamst verzeihen: ich muß doch wissen, wer ich bin!«

»Das scheint mir eben noch sehr die Frage,« sagte Graf Teupen, und Tübingen fiel ungeduldig ein: »Halten wir die Sache nicht auf! Sie sind also Herr Reinbold?«

»Freese, Herr Baron. Mein Name ist Freese –«

»Da siehst du es ja,« flüsterte Teupen seinem Schwiegersohn in das Ohr. »Der Mensch ist geistesgestört. Sei vorsichtig!«

»In Ihren Briefen haben Sie sich jedenfalls Reinbold genannt,« nahm Tübingen, stark mißtrauisch geworden, wieder das Wort; »und Reinbold stand auch in den empfehlenden 119 Dokumenten, die Sie mir einsandten. Ich habe ja doch die Papiere noch oben!«

Die Stimme des Kandidaten zitterte bei der Antwort vor Erregung.

»Entschuldigen Sie, Herr Baron,« sagte er, »die Sache ist leicht erklärt. Mein Freund Reinbold war in letzter Stunde verhindert, Ihrem ehrenvollen Rufe Folge zu leisten, und hat mich gewissermaßen als Ersatzmann zu Ihnen geschickt. Als Beweis meiner Angaben führe ich einen eigenhändigen Brief Reinbolds bei mir – auch stehen Ihnen noch weitere Beweisstücke zur Identifizierung meiner Persönlichkeit zur Verfügung, als da sind: mein Geburtsschein, mein Taufschein, ein Impfschein, mein Konfirmationsattest, Schulzeugnisse, mein Abiturientenzeugnis, eine Empfehlung von Herrn Professor Cornelius Dassel, ein Empfehlungsschreiben des Hofpredigers Merlow, dessen beide Knaben ich dreiviertel Jahr lang zur Zufriedenheit des Herrn Hofpredigers unterrichtet habe, ferner ein Schreiben des Bankiers Teterow, in Firma Teterow und Finkenhagen –«

Der Baron winkte mit der Hand.

»'s ist gut – 's ist gut,« warf er ein; »ich mißtraue Ihnen ja nicht – ich – ich muß sagen, daß mir ganz drehnig im Kopfe ist! So eine Konfusion ist mir mein Lebtag nicht vorgekommen! . . .« Und plötzlich wurde er wütend. »Was wollen Sie denn noch hier?!« schrie er den Handwerksburschen an, über dessen verschnupftes Gesicht es humoristisch zu zucken und zu leuchten begann; »ich glaube gar, der Kerl amüsiert sich auf unsre Kosten! . . . Wo steckt Max?! Der hat den Doktor Haarhaus mitgebracht – oder vielmehr den Reinbold – oder vielmehr den andern –« der Baron prustete vor Aufregung – »Max muß die Sache in Ordnung bringen! Jungens, seht euch einmal nach Maxen um! Riedecke, schläft der Herr 120 Assessor denn noch?! Er soll herunter kommen – es handle sich um eine wichtige Angelegenheit! Aber sofort – sonst würd' ich verrückt! . . .«

Die Baronin wandte sich mit einigen beruhigenden Worten an ihren Gatten, der sich mit seinem großen roten Taschentuche Luft zufächelte, während Graf Teupen mit wachsendem Erstaunen das Verhalten des Handwerksburschen betrachtete, der von der Veranda herabgestiegen war, am Stamme einer der großen Kastanien lehnte und sich über die Komödie wirklich außerordentlich zu amüsieren schien. Da er seiner totalen Heiserkeit wegen nicht sprechen konnte, so krächzte er nur, und machte im übrigen den Eindruck, als beabsichtige er nicht eher den Schauplatz zu verlassen, ehe die seltsame Komödie nicht ihren Abschluß gefunden habe. Den jungen Mädchen kam dieser Mann verdächtig und unheimlich vor; namentlich in Trudchens romantischer Seele stiegen allerhand Erinnerungen an einen verbannten polnischen Prinzen auf, der sich armselig durch die Lande fechten mußte und schließlich auch noch zum Raubmörder wurde. . . .

Inzwischen hatte sich Riedecke auf die Beine gemacht, um Max zu wecken. Aber das war nicht mehr nötig; Max sprang dem Alten bereits auf der Treppe entgegen.

»Spät geworden, Riedecke!« rief er; »ist Doktor Haarhaus schon unten?«

»Jawohl, gnäd'ger junger Herr – oder nein,« erwiderte Riedecke, »o du mein Gott, wie gut ist es, daß Sie endlich da sind! Nun denken Sie bloß 'mal an, gnäd'ger Herr, da haben wir alle den Herrn, den Sie mitgebracht haben, für Herrn Doktor Haarhaus gehalten – das ist er aber gar nicht! Das ist nämlich unser neuer Hauslehrer, und der ist es auch nicht, sondern ein andrer –«

»Max!« erscholl in diesem Augenblick die Stimme 121 Tübingens, und der Hausherr trat auf den Treppenflur; »na, Gott sei Dank, daß du endlich da bist! Was ist denn das für eine heillose Wirtschaft?! Wir bilden uns ein, du hätt'st gestern abend den Haarhaus mitgebracht, und statt dessen schleppst du den neuen Hauslehrer mit – und den auch nicht 'mal –«

»Ist denn der Max noch immer nicht aufgestanden?« fragte nunmehr auch die Baronin, gleichfalls in der Treppenhalle erscheinend. »Dieu merci, Max – ich war nahe daran, meine Contenance zu verlieren! Mir schwirrt der Kopf. Dieser entsetzliche Handwerksbursche weicht auch nicht vom Fleck; der Mensch krümmt sich vor Lachen und stößt furchtbare Laute aus. Wenn er nur nicht taubstumm ist! Max, ich bitte dich, komm auf die Veranda und kläre zuvörderst einmal die Sache mit dem Hauslehrer auf, der gar nicht der bestellte ist. Großpapa verhört ihn schon wieder und sieht dabei wie ein Großinquisitor aus. All das zupft an meinen Nerven! Wo ist denn der Cosy? – Jesus, der Handwerksbursche wird doch nicht etwa meinen Cosy –«

Und sie stürzte wieder in das Gartenzimmer. Max war auf dem Treppenpodest stehen geblieben.

»Kinder, ich will mich totschießen lassen, wenn ich aus dem, was ihr soeben erzählt habt, klug geworden bin,« erklärte er.

»So bemüh dich bitte herunter und schau dir die Situation mit höchsteigenen Augen an!« antwortete der Vater ärgerlich. »Ich sitze seit einigen dreißig Jahren hier auf Hohen-Kraatz, aber etwas so Verworrenes ist mir in meinen vier Pfählen noch nicht vorgekommen – das kann ich wohl sagen. Und wenn sich der Handwerksbursche noch weiter über uns amüsiert, dann soll ihm die Schockschwer –«

»Ruhe, Ruhe, Papa! Ich werde mich überzeugen, was es eigentlich gibt« – und er schritt durch den Gartensaal, 122 rief den auf der Veranda Stehenden ein allseitiges »Guten Morgen!« zu, stutzte vor dem ihm fremden Freese und stutzte sodann noch mehr vor dem Handwerksburschen, der bei seinem Nahen beide Arme gen Himmel erhob und so stehen blieb, wie der Oberpriester in der »Zauberflöte« beim Gebet zum Osiris.

»I Gott bewahr' mich!« rief Max. »Haarhaus – Adolf – wie siehst du denn aus?! Und wo kommst du um alles in der Welt willen in diesem Aufzuge her?! . . .«

Der vermeintliche Handwerksbursche stieß eine Art Freudengeheul aus und stürzte dann in Maxens Arme. Der Umstehenden bemächtigte sich ein krasses Entsetzen. Gleichwie beim Examen des Kandidaten Jobses, so kam man auch hier aus dem Schütteln des Kopfes nicht heraus. Tübingen aber wurde der Spaß zu bunt.

»Jetzt bitte ich dringend um Aufklärung, Max!« rief er, und Graf Teupen, den seine diplomatische Entzifferungskunst im Stiche ließ, fügte achselzuckend hinzu: »Ich schließe mich an. . . .«

Die Aufklärung war aber gar nicht so leicht. Max berichtete das Thatsächliche. Er war am Abend nach Schnittlage gefahren, um seinen Freund Haarhaus zu bewillkommnen. Selbstverständlich hatte der alte Amtsrat Kielmann eine seiner unvermeidlichen »ostindischen« Bowlen gebraut, wie er sie nannte: auf je eine Flasche Cliquot eine Flasche Rauenthaler, eine halbe Rum und drei Löffel Curaçao; dann umgerührt und über dem Ganzen das Verschwörungswort »Upsto-la-perta sumsum« gesprochen. Letzteres gehörte einer verschollenen Sprache an, durfte aber nicht fehlen; es war die Krönung der Weihe. Ebenso selbstverständlich war die Wirkung der Bowle: steigendes Vergnügtsein bis zur Ausgelassenheit und plötzliche, überwältigende Müdigkeit. Im ersteren Stadium hatte Doktor Haarhaus zugesagt, mit 123 nach Hohen-Kraatz zu fahren – im letzteren war er auf dem Wagen eingeschlafen. Und mitten im Walde hatte August umgeworfen. . . .

Bis dahin war Max in seiner Erzählung gekommen. Jetzt aber schlug ihm der Handwerksbursche, der sich so plötzlich als berühmter Afrikaforscher entpuppt hatte, auf die Schulter und schrie mit gewaltiger Anstrengung, noch immer sehr heiser, aber doch verständlich: »Richtig! Und da bin ich liegen geblieben!«

»Das ist unmöglich, Haarhaus,« entgegnete Max. »Du bist dir nicht ganz klar über die Ereignisse der Nacht. Wir haben dich fein säuberlich wieder auf den Wagen geladen, weiter gefahren und hier zu Bette gebracht . . . Riedecke, tritt als Kronzeuge auf! Hast du den Herrn Doktor zu Bette gebracht?«

Riedecke schüttelte den Kopf und nickte zugleich, was eine merkwürdige Bewegung ergab.

»Ja,« antwortete er, »ich habe ihn zu Bette gebracht, ich und Stupps – aber das heißt nicht den Herrn Doktor, sondern« – mit Hinweisung auf Freese – »den Herrn da –«

»Wer sind Sie denn?« fragte Max.

»Mein Name ist Freese,« entgegnete dieser höflich.

»Und Sie haben wir auf unsern Wagen geladen? . . . Da müßten wir Sie ja mit dem Doktor Haarhaus verwechselt haben! Das heißt: Sie müßten auch im Walde gelegen und ebenso fest geschlafen haben! Großpapa, Papa, Mama, Benedikte, Jungens – jetzt haltet mich, daß ich nicht umfalle! Das ist eine unglaubliche Geschichte! Wir haben in der Dunkelheit einen Falschen aufgeladen und den armen Teufel, den Haarhaus, im Walde liegen lassen! . . .«

Es gab noch eine reichliche Menge an Fragen und Antworten. Aber wenigstens in der Hauptsache war Klarheit geschaffen worden. Das Nächste war, daß man für 124 den wirklichen Doktor Haarhaus ein Zimmer bereitete und ihn ins Bett steckte. Dort sollte er schwitzen. Die Baronin war für Fliederthee, Max für einen steifen Grog. Vorderhand wurde Haarhaus niesend und hustend durch Riedecke abgeführt. Dann nahm Tübingen den Kandidaten unter den Arm und sagte: »Nun kommen Sie einmal mit auf mein Zimmer, Herr Freese – so war doch Ihr Name? – Wir wollen Ihre Papiere durchgehen. Ich bin ein wenig abergläubisch und liebe das Wunderbarliche. Daß Sie mir auf so kuriose Weise ins Haus geplatzt sind, nimmt mich für Sie ein. Ich liebe auch Leute von festem Schlaf. Das sind gewöhnlich gesunde Naturen. Und Ihren Schlaf möchte ich fast als phänomenal bezeichnen. Ich denke, wir werden uns schon verständigen. . . .«

Den jungen Mädchen gab das Quiproquo dieses Morgens noch längere Zeit Stoff zur Unterhaltung.

»Mir gefällt der Afrikaner nicht,« erklärte Trudchen Palm. »Es fehlt ihm das Heldenhafte.«

»Trude, du bist komisch,« erwiderte Benedikte. »Selbst Gottfried von Bouillon würde keinen guten Eindruck machen, wenn er eine Nacht im Walde geschlafen hätte. Du hast auch keine Menschenkenntnis, Trude. Doktor Haarhaus hat wunderschöne Augen. Und als er unter der Kastanie stand, sah er immer nur auf mich. Da er nicht sprechen konnte, lag etwas sehr Rührendes in diesem Blick. Ich konnte ihm leider nicht helfen, denn ich wußte ja noch nicht, wer er war.«

Und Miß Nelly fügte hinzu: »Mir ist der neue Hauslehrer eine sehr sympathische Mensch. Und hat mir so leid gethutet, als er gar nicht wußte wohin. Ich wollte, Dikte, daß ihn dein Papa behalten sollte.«

»Er wird schon, Nelly. Papa ist viel zu gutmütig dazu, ihn wieder fortzujagen. Auch ist Freese besser als 125 Reinbold. Den Namen können die Jungen nicht so verhunzen. Auf Reinbold hatten sie schon wieder Meinbold, Seinbold und sogar Schweinbold gereimt.«

»Aber auf Freese reimt sich Beese,« meinte Trudchen.

»Beese ist gar nichts, und wenn du es für Böse korrumpierst, so schadet es auch nichts. Es ist noch immer keine Namensverstümmelung; so etwas hasse ich. Ich wünschte, dieser Herr Freese nähme Bernd und Dieter einmal ordentlich unter die Scheere. Sie sind zu übermütig geworden. Wenn sie meine Jungens wären, hätt' ich sie längst in eine Pension gesteckt.«

»Na,« sagte Trudchen lachend, »wir wollen 'mal erst abwarten, wie du deine Kinder erziehen wirst!«

»Besser als du die deinen!« entgegnete Dikte heftig. »Solche Bücher, wie du immer liest, würde ich ihnen nicht in die Finger geben! Und Papilloten dürften sie sich auch nicht drehen!«

Trude wurde rot, doch Miß Nelly bemerkte beschwichtigend: »Zankt euch nicht! Es ist ja noch nicht so weit! . . .«


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