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Das Heiratsjahr

Fedor von Zobeltitz: Das Heiratsjahr - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Heiratsjahr
authorFedor von Zobeltitz
year1900
firstpub1900
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleDas Heiratsjahr
pages317
created20120127
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel.

Handelt von den mancherlei Abenteuern, die der Kandidat Freese auf seiner Reise nach Hohen-Kraatz erlebt.

Als Freese in seiner Wohnung angekommen war, fand er Frau Möhring nicht vor. Sie trug ihre Plättwäsche aus, und das war dem Kandidaten sehr lieb; denn er verspürte keine Lust, sich mit ihr in eine Unterhaltung einzulassen.

Er schob sich einen Stuhl an das Fenster, nahm Platz und begann zu grübeln. Er hatte es ausgeprobt: noch mehr als auf dem Sofa pflegten ihm an dieser Stelle die guten Gedanken zu kommen – wenn er so über die langweiligen 82 Dächer starrte und in den sich zum Himmel ringelnden Rauch der Schornsteine hinein, der zuerst stark, voll und kerzengerade den Schloten entströmte, um sich dann ganz allmählich in zierliche Windungen aufzulösen und in merkwürdig harmonisch gegliederte Spiralen. Und gerade jetzt brauchte Franz Freese notwendiger denn je einen guten Gedanken, der ihm Rat einblasen sollte. . . .

Sein neuer Freund Reinbold hatte gut reden! Da kann man schon schnell mit rascher Initiative bei der Hand sein, wenn einem unter allen Umständen das eigene Fell ungeschoren bleibt! . . . Reinbold hatte nichts zu befürchten, aber wer garantierte ihm, Franz Freese, daß der Freiherr von Tübingen den ungebetenen und unberufenen Eindringling nicht einfach vor die Thüre setzte?! . . . Franz überlegte, ob es nicht doch besser sein würde, zunächst einmal brieflich bei Herrn von Tübingen anzufragen, ob er sich überhaupt vorstellen dürfe. Ganz wollte er die Sache natürlich nicht aus der Hand geben – dazu waren die Erfahrungen, die er in letzter Zeit gemacht hatte, denn doch zu trübe gewesen und dazu sah seine Zukunft zu nebelgrau aus. Allerdings – mit so einer vorläufigen Anfrage hatte es auch seine Bedenken. Es konnte sich ein langweiliges Hin- und Herschreiben entwickeln, das vielleicht Wochen dauerte, und die Not klopfte bereits mit knöchernem Finger an die Thür des armen Freese. Es konnte ihm auch irgend ein andrer zuvorkommen; der Baron hatte sicherlich zahlreiche Anerbietungen erhalten, denn arme Teufel gibt es genug auf der Welt . . . nein – nein, eine vorläufige Anfrage war unpolitisch!

Franz starrte zweien sich verfolgenden Sperlingen nach, die mit raschem Flügelschlage um den nächsten Schornstein kreisten. . . . Reinbold hatte so unrecht nicht: eine persönliche Vorstellung hatte schon ihre guten Seiten. Da war man einmal da, war bereits an Ort und Stelle, konnte sich 83 gewissermaßen auf Probe anbieten – und der äußere Eindruck sprach auch mit.

Ganz gewiß! –

Freese stand auf und trat vor den Spiegel, der über dem Nachttisch hing. Zuerst lächelte er, denn er mußte unwillkürlich an die verhängnisvolle Nase seines Freundes Reinbold denken. Dann aber wurde er nach und nach ernster. Es war wahrhaftig ein Glück, daß ihn ein gütiges Geschick so hübsch und wohlgestaltet in die Welt gesetzt hatte! Er fand selbst, daß er keinen üblen Eindruck machte. Das lange Haar mußte fallen und der Flaum um Kinn und Wangen mußte weichen; er wollte gleich nachher zum Friseur gehen. Franz schaute sich halb rechts von der Seite im Spiegel an: sonst war wirklich nichts an ihm auszusetzen. Auch der Rock war noch ganz gut; an zwei Knopflöchern zeigten sich kleine graue Stellen, aber da konnte man mit Tinte nachhelfen. Und der Hut war fast neu; Freese stülpte ihn sich rasch auf den Kopf.

Eine übermütige Wagelust überkam ihn plötzlich. Er nickte sich im Spiegel zu und machte ein verwogenes Gesicht. »Was kann da sein,« sagte er zu sich selbst; »ich probier's! Natürlich probier' ich's! Zu verlieren habe ich nichts –«

Das verwogene Gesicht wurde auf einmal merklich länger. Sein Gedankenflug stockte. An die leidige Geldfrage hatte er noch gar nicht gedacht. Wie sollte er denn überhaupt nach Hohen-Kraatz gelangen? . . . Er hatte noch zwei Mark sechzig Pfennig im Portemonnaie; das konnte er sich genau ausrechnen, ohne daß er die Geldtasche nochmals zu öffnen brauchte. Mit dieser Summe kam er aber nicht einmal bis Frankfurt a. O., geschweige denn bis Plehningen – oder hieß es Pleiningen? Reinbold hatte wohl Pleiningen gesagt – – gleichgültig, jedenfalls kam er nicht bis dorthin! –

84 Franz legte sich mit trübseligem Gesicht auf sein schmales Sofa. Das Sofa sollte ihm diesmal helfen. Ob er sich Frau Möhring anvertraute? – Nein – die Möhring war ihm trotz aller ihrer Gutmütigkeit nicht sympathisch; sie hätte ihm auch wieder unendlich lange Geschichten erzählt, und die konnte er nicht mehr hören; sie hatten ihn bereits nervös gemacht. Blieb noch Reinbold übrig. Das war allerdings erst eine Bekanntschaft seit wenigen Stunden – aber der Kollege hatte sich so gut und liebenswürdig benommen, und er hatte eine große Erbschaft in Aussicht – das erhöht unwillkürlich die Gebefreudigkeit. . . .

Freese griff eilends nach seinem Hut und stürmte zum zweitenmal nach dem Hofstübchen Reinbolds. Das Herz schlug ihm heftig – aber es half nichts. Es half alles nichts – es mußte sein!

Er klopfte bei Reinbold an. Niemand antwortete. Er klopfte stärker. Ohne Erfolg. Nun klingelte er nebenan bei der Wirtin, die einen Schutzmann zum Gatten hatte.

»Entschuldigen Sie,« sagte er und zog höflich seinen Hut; »können Sie mir nicht sagen, ob Herr Reinbold zu Hause ist?«

»Kloppen Se doch,« erwiderte die robuste Dame.

»Ich habe ein paarmal angeklopft,« gab Freese zurück, »aber es antwortete niemand.«

»Na, denn wird ooch woll keener zu Hause sind!« sagte die liebenswürdige Schutzmannsfrau; »unzen Se de Menschen doch nich! Man hat doch mehr zu dhun, wie bloß immer an de Dhüre zu loofen!«

Und hierauf flog die Thür dem Kandidaten vor der Nase zu.

»Gott bewahre,« dachte Freese, »welch ein Weib! Da ist mir die Möhring doch lieber!« . . . Kopfschüttelnd kehrte er in seine Wohnung zurück, um dort für alle Fälle seine 85 Papiere in Ordnung zu bringen und seine wenigen Habseligkeiten zusammen zu packen.

Bei dieser Beschäftigung überraschte ihn Frau Möhring, die das Bett machen wollte. Aber sie sagte nichts. Sie spielte noch immer die Empfindliche. Ihr Mieter rüstete zur Abreise, hatte also wohl eine Stellung gefunden. Aber kommen mußte er ihr doch; die Miete war noch nicht bezahlt. . . .

Franz verbrachte eine unruhige Nacht mit wirren und schrecklichen Träumen. Er fuhr im Luftballon nach Hohen-Kraatz und wurde dort vom Herrn von Tübingen eigenhändig zur Thür hinausgeworfen – wobei er aufwachte und merkte, daß er aus dem Bette gefallen war. Dann träumte er wieder, er habe sich dem Baron vorgestellt, dabei aber vergessen, Beinkleider anzuziehen, und er schämte sich gräßlich in seinen Unterhosen. . . .

In aller Frühe des nächsten Tages pochte er von neuem an der Wohnungsthür Reinbolds. Auch heute öffnete kein Mensch. . . . Franz wurde ärgerlich. Reinbold konnte doch nicht schon ausgegangen sein! –

Freese klingelte nebenan bei der Schutzmannsgattin.

»Entschuldigen Sie,« begann er in gewohnter Höflichkeit – aber die ihm Oeffnende schien sein Anliegen bereits zu erraten.

»Herr Reinbold is abjereist,« sagte sie, »schon um Uhre finfe – nach Mincheberg oder so wat!«

Und die Thür flog wieder zu . . . Franz blieb einen Augenblick wie entgeistert stehen. Reinbold abgereist! Nach Müncheberg – das konnte schon richtig sein; wahrscheinlich wollte er da seine Erbschaft erheben – der Glückliche! . . . Förmlich betäubt kletterte Freese die sechsundachtzig Stufen wieder hinauf, die in sein Zimmer führten. . . . Was nun? – Sollte er die Rückkehr Reinbolds abwarten? – Das konnte 86 geraume Zeit in Anspruch nehmen – und inzwischen wartete der Baron von Tübingen in Hohen-Kraatz auf die Ankunft seines Hauslehrers und wurde ärgerlich, daß er nicht eintraf – sah sich vielleicht nach einem andern um . . . es war zum Verzweifeln! . . .

Frau Möhring trat mit dem Frühstückskaffee in das Zimmer und setzte ihn mit unwirscher Gebärde auf den Tisch. Franz hatte schon daran gedacht, nun doch noch ihre Hilfe in Anspruch zu nehmen, aber ihr Benehmen ärgerte ihn. Seine Uhr fiel ihm ein. Er trennte sich ungern von ihr; er gab mit ihr die letzte Erinnerung an die Heimat aus der Hand – ein Heiligtum, ein Stück seines Herzens. Aber sie war wenigstens sein Eigentum, mit dem er nach Gutdünken schalten und walten konnte; versetzte er sie, so brauchte er sich nicht an Fremde zu wenden. Das war auch etwas wert.

Der Pfandleiher gab ihm achtzehn Mark für die Uhr. Davon erhielt Frau Möhring weit über die Hälfte. Als sie sah, daß es mit der Abreise ihres Mieters ernst wurde, schmolz die Eisrinde um ihr Herz. Sie wurde sehr weich und versuchte sogar, Thränen zu vergießen, wischte mit ihrer Schürze an den Augen herum und schien eine längere Ansprache vorbereiten zu wollen, doch Freese hatte es eilig und war auch nicht sentimental gestimmt. So kürzte er denn mit einigen herzlichen Worten den Abschied ab, nahm das Felleisen, das ihm den Koffer ersetzte, und stürmte die Treppe herab.

Er mußte vierter Klasse fahren, um mit seinem Gelde auszukommen, aber das störte ihn nicht. Es war allerdings gewaltig heiß in dem überfüllten Raume. Ein paar der anwesenden Männer hatten die Röcke ausgezogen und Freese folgte ihrem Beispiel; die Damenwelt im Coupé schien es nicht weiter übel zu nehmen. Franz hatte sich in die Nähe eines Fensters gedrängt und seinen Tornister unter die Bank 87 geschoben. Er war froh darüber, sich nicht mit viel Gepäck schleppen zu brauchen. Den Restteil seiner Sachen, vor allem seine Bücher, hatte er, in einer Kiste verpackt, bei Frau Möhring zurückgelassen; sie sollte sie ihm nachschicken, wenn ihm erst Gewißheit über seine Zukunft geworden wäre. Und Frau Möhring hatte mit einer Art Feierlichkeit versprochen, über diese Kiste zu wachen, gleich als ob sie Gold und köstliches Geschmeide enthalte; kein Mensch solle sie berühren, denn sie sei ihr heilig. Solche Kisten hatten immer etwas Geheimnisvolles für sie; in den meisten Romanen, die sie gelesen hatte, spielte eine vielfach verschnürte und versiegelte Kiste irgend eine mehr oder minder grauenvolle Rolle. . . .

Die Zeit wurde Freese nicht lang. Zuerst sah er drei polnischen Arbeitern zu, die ein ihm unbekanntes Kartenspiel spielten. Dann begann ein Säugling zu schreien, den ein junges Weib an der Brust trug. Ein paar alte Frauen versuchten, das Kind zu beruhigen, und ein alter Mann formte aus seinem Halstuch ein kleines Figürchen, das er vor dem Schreibold auf und ab tanzen ließ. Ein mit einer gewissen schäbigen Eleganz gekleideter junger Herr, der eine Zeitung las, schimpfte rücksichtslos über die »brüllende Göhre«; es kam zum Streit; nun schrie nicht mehr der Säugling allein, sondern auch die Mutter. Die polnischen Arbeiter mischten sich ein; der alte Mann blies dem Kinde Rauchringel aus seiner Pfeife vor, um es zu beruhigen; aus dem großen, verdeckten Korbe eines Dienstmädchens schaute plötzlich der Kopf einer dicken Henne hervor, die laut und erschreckt zu glucksen begann, und der junge, schimpfende Herr rief nach dem Schaffner. . . .

Franz blickte aus dem Fenster. Im Fluge sauste das Panorama der märkischen Landschaft an ihm vorüber: Fichtenwälder, weite Wiesenstrecken, Sandebenen, bebaute Felder, See und Fluß, Dörfer und Villenstädtchen. Der 88 Rennplatz von Karlshorst rollte sich auf: ein grüner Plan, von Holzbarrieren umfaßt, mit Kiosken, Tribünen und einer Unzahl kleiner, einstöckiger Häuser. Dann kamen Erkner und Fürstenwalde und endlich, im weiten Oderthale, das alte Frankfurt mit dem Turm seiner Marienkirche.

Der Kandidat stieg aus, mit dröhnendem Kopfe und trockener Kehle. Er kam schier um vor Durst, wollte in Eile ein Glas Bier trinken und sich dann ein weiteres Billet bis zur Station Plehningen lösen, das er am Bahnschalter in Berlin nicht hatte erhalten können.

Aber ein gewaltiger Schreck durchzitterte den Aermsten, als er an der Billetausgabe erfuhr, daß der mittägliche Personenzug über Plehningen seit dem Fünfzehnten eingestellt und an Stelle dessen ein Kurierzug im Anschluß an Eydtkuhnen eingeschoben worden sei, der nur erster und zweiter Klasse führe.

Freese war blaß geworden bei dieser unvermuteten Entdeckung, so daß sich in dem Herzen des diensthabenden Billeteurs, vielleicht weil er gerade nichts andres zu thun hatte, ein gewisses Mitgefühl zu regen begann.

»Müssen Sie denn heute noch nach Plehningen?« fragte er.

»Ich möchte wenigstens gern,« klagte der Kandidat, während seine Wangen sich röter färbten, »aber ich habe mich« – und er schaute sich scheu nach allen Seiten um, ob ihn auch sonst niemand höre – »ich habe mich unglücklicherweise nicht genügend mit Barmitteln versehen, um den Kurierzug benutzen zu können!«

»I je,« sagte der Beamte und wiegte den Kopf über dem roten Kragen bedauernd hin und her, »das ist freilich schlimm! Der nächste Personenzug geht erst morgen früh um Sechs. Aber wissen Sie, machen Sie es doch so: fahren Sie nach Guhsewitz – das ist die Station vor Plehningen, 89 und gehen Sie von Guhsewitz nach Plehningen zu Fuß! Das werden etwa zwei Stunden sein, ist also nicht gefährlich. Bei Guhsewitz zweigt sich nämlich die Linie nach Posen ab, und der Posener Zug geht in einer halben Stunde und ist noch dazu Personenzug mit dritter und vierter Klasse.«

Freese nickte. »Das ginge schon,« meinte er und griff nach seinem Portemonnaie, »da würde ich gegen Abend in Plehningen sein. . . . Ist Ihnen vielleicht zufällig bekannt, ob das Dorf Hohen-Kraatz, Besitztum des Herrn Baron von Tübingen, sehr weit von Plehningen entfernt ist?«

Der Beamte wußte es nicht, fragte aber, da seine menschenfreundliche Aufwallung noch anhielt, in seinem Bureau danach. Ein Gepäckträger kannte die Gegend und meinte, Hohen-Kraatz könne höchstens ein halbes Stündchen von Plehningen entfernt sein.

Franz kaufte sich also ein Billet vierter Klasse nach Guhsewitz, wo er nach kurzer Fahrt eintraf. Die Hitze des Tages hatte inzwischen, obschon der Nachmittag bereits weit vorgeschritten, immer mehr zugenommen. Es war keine verlockende Aussicht, in dieser furchtbaren Temperatur noch einige Stunden marschieren zu müssen. Dem armen Kandidaten klebte jetzt schon die Zunge am Gaumen. Er überlegte, ob er sich in der dürftigen Bahnhofsrestauration von Guhsewitz ein Glas Bier leisten sollte oder nicht. »Lieber nicht,« sagte er sich; »das Bier wird warm sein und löscht auch den Durst nicht recht; ich glaube, ich thue am besten, wenn ich einen Cognac trinke. Oder noch besser – ich werde mir ein Glas Cognac in meine Feldflasche füllen lassen; dann habe ich unterwegs etwas, um die trockenen Lippen zu befeuchten und zugleich etwas Magenstärkenderes als das labbrige Bier!«

Und er kramte, noch auf dem Perron stehend, aus seinem Felleisen die Feldflasche hervor und trat dann in die 90 Restauration und an die, hinter dem Büffett stehende, sich dort mit Fliegenfangen beschäftigende, mürrisch und schmutzig aussehende Frau heran.

»Würden Sie wohl so gut sein,« sagte der Kandidat, »und mir für fünf Pfennig Cognac in diese Flasche füllen?«

Die Frau nahm mit einem Antlitz, als ob sie durch die an sie gerichtete Zumutung tödlich verletzt worden sei, Freese die Flasche aus der Hand und goß ein erhebliches Quantum gelbbrauner Flüssigkeit in diese.

Der Kandidat wunderte sich über die unerhoffte Fülle des Gebotenen und legte ein Fünfpfennigstück auf die von Fliegen umschwärmte klebrige Zahlplatte des Büffetts. »Bitte sehr,« sagte er dabei.

Da kam er aber gut an. Das Antlitz der mürrischen Frau wurde noch erheblich unfreundlicher.

»Was denn?!« sagte sie. »Das sind ja man bloß fünf! Sie haben sich woll vergriffen, lieber Herr?! Ja – kucken Sie man hin! Das sind bloß fünf! Sie haben aber vor fuffzig bestellt, und vor fuffzig hab' ich Ihnen auch eingegossen! . . .«

Franz überlief es heiß vor Verlegenheit. Er kramte aus seinem immer magerer werdenden Portemonnaie ein Fünfzigpfennigstück hervor und legte es auf das Büffett.

»Ach so,« meinte er tonlos; »entschuldigen Sie – ich hatte mich versehen. . . .«

Die mürrische Frau nickte etwas freundlicher.

»Na ja,« sagte sie, »das kann ja vorkommen. Der Cognac ist teurer geworden; das machen die Spirituspreise. Aber es ist auch 'n feiner.«

Freese hörte nicht mehr, wie sie mit den Lippen schnalzte. Er packte die Flasche ein, warf den Tornister über den Rücken, krempte seine Beinkleider hoch und trat dann auf den Perron zurück, um sich bei einem dort 91 beschäftigten Arbeiter nach dem nächsten Wege nach Plehningen zu erkundigen.

»Gradeaus durch den Wald,« wurde ihm zur Antwort; »es stehen überall Wegweiser an der Straße; man kann gar nicht fehlgehen. . . .«

Und der Kandidat schritt rüstig fürbaß. Anfänglich waren seine Gedanken wenig erfreulicher Art. Wie widerwärtig gestaltete sich diese ganze Reise! Wie verfolgte ihn das Unglück auf Schritt und Tritt! Und wußte er denn, was ihm noch alles bevorstand!? – Was sollte er beginnen, wenn der Baron Tübingen nichts von ihm wissen wollte und ihm schlankweg auch das Geld zur Rückreise verweigerte? – Es war gar nicht so unmöglich; wie kam denn der Baron Tübingen dazu, einen wildfremden Menschen zu unterstützen? . . . Und dann konnte der arme Franz sich wie ein wandernder Handwerksbursche nach Berlin zurückfechten – von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf . . . Hatte er im Grunde genommen nicht unerhört leichtsinnig gehandelt, sich so ohne weiteres auf die Reise zu machen? . . .

Erst als der kühlende Dämmer des Buchenwaldes ihn umfing, wurde er ruhiger. Er schob seinen Hut weit von der feuchten Stirn zurück und ließ sie vom frischeren Waldhauche umwehen. Das that ihm wohl. Wie ein fatalistischer Muhammedaner, so versuchte auch er sich in dem Gedanken an das Unvermeidliche zu trösten. »Was kann da sein!« sagte er sich, und es war merkwürdig: diese philosophische Weisheit der alten Sanskritgelehrten, die er in modernstes Berliner Deutsch übertrug, stimmte ihn förmlich fröhlich. Er schwang seinen Stock, schritt rascher aus und begann ein lustiges Liedchen vor sich herzupfeifen.

Die Straße führte in weitem Bogen durch den Wald, hie und da an Wiesenlichtungen vorüber, auf denen Rehe ästen, die bei dem Erscheinen des Wanderers erst neugierig 92 die Köpfe hoben und ihn klugen Blickes anäugten, ehe sie mit schlanken Sätzen die Flucht ergriffen. Die Hitze hatte nachgelassen; ein sachter Wind rauschte in den Buchenkronen. Es marschierte sich prächtig. Der Kandidat liebte die Natur, und nach allen den kleinen Unannehmlichkeiten der Eisenbahnfahrt freute er sich doppelt über die Erfrischung, die ihm der Spaziergang brachte.

An einzelnen Stellen, da wo schmalere Wege sich von der Fahrstraße abzweigten, standen Wegweiser, und auf einem derselben fand Franz auch den Namen Plehningen. Er war also auf der richtigen Spur. Aber sein Unglücksstern war doch noch nicht völlig untergegangen. Er mochte etwa eine Stunde gewandert sein, als er bei einem neuen Wegweiser stutzte. Die Straße teilte sich hier gabelförmig nach rechts und links; von einem »immer geradeaus« konnte keine Rede mehr sein. Der Weiser selbst war nicht zu entziffern; der Regen hatte die Buchstaben abgewaschen und dichtes Moos, grau, braun und grün, war an ihre Stelle getreten. »Donnerwetter,« fluchte Freese leise vor sich, »nun sitze ich schließlich doch noch in der Tinte! Ich werde mein altes Orakel befragen.« . . . Dies alte Orakel waren die Knöpfe seines Rockes. Und er befragte sie; aber er fing mit »rechts« an, und das war sein Unglück: denn der letzte Knopf antwortete »links«. . . .

Freese folgte dem Orakelspruche und bog links ein. Die Sonne sank und durch den Buchenwald zitterten dämmerige Schatten und die Moosdecke unter den Bäumen begann sich schwarz zu färben. Der Abendzauber flog durch den Forst. Wunderliche Farbentöne huschten an den Stämmen entlang. Das Goldrot des Sonnenunterganges verblaßte allmählich und wandelte sich in ein zartes Violett, dann in ein mattes Lila; das graue Moos der Buchen wurde dunkelgrün, und in den dichtbelaubten Kronen begann die Nacht ihre Schleier auszuspinnen. . . . Alles das entzückte Freese. Das Abendrot 93 und der letzte Kampf des scheidenden Tages mit der kommenden Nacht riefen hier im Walde Farbenwirkungen hervor, die an die symbolistischen Gemälde der neuen schottischen Schule erinnerten. Aber Plehningen zeigte sich immer noch nicht.

Franz blieb stehen. Das Knopforakel hatte ihn getäuscht; er war fest überzeugt, daß er sich verlaufen hatte. Er mußte zurück – zurück zu dem ersten Wegweiser, auf dem er den Namen Plehningen gefunden hatte. Zuvor aber holte er seine Feldflasche hervor und trank einen tüchtigen Schluck Cognac, um seiner Seele Mut zu geben. Brrr – das Zeug brannte ihm im Gaumen und schmeckte mörderisch, aber es erfüllte seinen Zweck. Freese wurde plötzlich sehr lustig, fast übermütig. Der Spiritus erwärmte den Magen und dampfte durch sein Hirn. Franz trällerte ein Liedchen vor sich hin, machte dann zweimal Kehrt statt einmal und trottete unbekümmert weiter. Mit glänzenden Augen schaute er um sich, und ein vergnügtes Lächeln spielte um seine Lippen.

Doch immer fester umhüllte die Nacht den Wald mit ihrem Mantel. Sie stieg feierlich vom Himmel herab, weit und schwarz, und deckte Finsternis über die Erde. Am Himmel entzündete sich Stern an Stern, aber der Mond mit seinem glänzenden Licht war noch nicht aufgegangen. Es blieb dunkel hier unten.

Freese ward müde, geistig und körperlich. Er hätte sich am liebsten unter einen Baum gelegt und wäre eingeschlafen.

Wieder blieb er kopfschüttelnd stehen. »Das geht nicht,« sagte er sich, »ich muß weiter!« . . . Und er entkorkte von neuem seine Feldflasche. Er war auch durstig. Mit leisem Gluckern rann der Alkohol in seine Kehle. Sapperlot – das war ein kräftiger Schluck! Es blieb nicht viel zurück in der Flasche.

94 Nun lachte der Kandidat laut und herzlich auf. Er war wieder sehr lustig geworden. Er fuchtelte mit seinem Stocke in der Luft umher und begann Selbstgespräche zu halten.

»Ich soll Furcht haben?!« sagte er laut, obwohl ihn kein Mensch danach gefragt hatte, und warf sich mächtig in die Brust. »Oho – da soll mir nur einer kommen! . . . Nein, Herr Baron – da muß ich doch gehorsamst bitten!« Er horchte auf, doch selbstverständlich antwortete ihm niemand, was ihn auch nicht weiter in Erstaunen setzte. »Bitte recht sehr, Herr Baron,« fuhr er energisch fort, »ich habe den weiten Weg nicht gescheut – nein, ich habe den weiten Weg nicht gescheut – und das kann ich verlangen, Herr Baron – das muß ich sogar verlangen – ich habe auch Ehre im Leibe! . . . Da muß ich gehorsamst bitten – alles, was recht ist – ich habe auch Ehre im Leibe – Herr Baron. . . .«

Im Weiterschreiten verlor sich Freeses Selbstgespräch zu leisem Murmeln. Nur hin und wieder schwoll seine Stimme an. Das »Bitte ganz gehorsamst, Herr Baron!« wiederholte er in verschiedenfacher Modulation und meinte auch zuweilen, als ob man ihm widersprochen hätte: »Nein, nein – oho – da bin ich doch andrer Meinung, geehrter Herr Baron! . . .«

Plötzlich schrie er laut auf. Er hatte einen kräftigen Schlag mitten auf die Stirn erhalten.

»Das war ein Baum,« sagte er sich; »da bin ich dagegen gelaufen.« . . . Er tastete sich mit beiden Händen vorsichtig weiter. »Richtig – da steht er ja!« murmelte er. »Donnerwetter, was brummt mir der Kopf! Und die Beule morgen früh! Da werde ich einen guten Eindruck machen! . . . Aber dafür kann ich nichts, hochgeehrter Herr Baron – alles was recht ist – ich bin auch nur ein Mensch! . . .«

95 Er faßte auf seinen Kopf, auf dem er eine unangenehme Kälte zu spüren meinte.

»Wo ist denn mein Hut?« überlegte er. »Ich hatte doch einen Hut – natürlich hatte ich einen Hut – das weiß ich ganz bestimmt. Ich kann doch nicht ohne Hut abgereist sein! . . .«

Er lachte leise vor sich hin und bückte sich, um den beim Anprall gegen den Baum herabgefallenen Hut zu suchen. Dabei verlor er aber das Gleichgewicht und saß, ehe er sich dessen versah, auf der Erde.

»Plumps!« sagte er, und dann bemühte er sich, die durch den ungewohnten Alkoholgenuß aus allen Winkeln seines Hirns aufgestöberten Gedanken ein wenig zu sammeln. Es gelang ihm aber nicht.

»Ich weiß gar nicht, wie mir zu Mute ist,« simulierte er. »Mir ist so komisch zu Mute. . . . Ich möchte 'mal einen Cognac trinken – das wird mir gut thun. . . . Der brennt, aber er stärkt. . . .«

Er löste seinen Tornister und kramte in ihm umher.

»Aha,« meinte er – er sprach jetzt laut vor sich hin – »da haben wir ihn! . . . Aber bloß einen Schluck, Herr Freese, sonst wird's zu viel . . . Wie Sie wünschen, Herr Baron – ganz wie Sie wünschen, aber alles, was wahr ist – –«

Er trank bis zur Neige, riß noch einmal die Augen weit, sehr weit auf und fiel dann um. Er schlummerte sofort ein und schlief so fest, daß man eine Pistole vor seinem Ohre hätte abschießen können, ohne ihn zu erwecken. . . .

Die Nacht schritt weiter durch den schweigenden Wald. Noch immer wollte sich der Mond nicht zeigen, und deshalb wohl auch hielten die Nixen und Elfen zurück, die sonst auf den Goldstrahlen zu tanzen und sich auf den glanzumflossenen Lichtungen im Reigen zu schlingen pflegten. Nur die 96 Sterne prangten nach wie vor am stahlblauen Himmel, aber ihr Schimmer war nicht hell genug, das dichte Blättergewirr der Buchen zu durchbrechen, unter dem die Nacht triumphierend ihre schwarzen Gewebe ausspann.

Und wie geheimnisvoll still es war! So still, daß man den Schläfer atmen hören konnte. Auch der Wind hatte sich zur Ruhe gelegt. Nur zeitweise raschelte ein Vogel im Laube, oder schrie irgendwo ein Käuzchen, oder ein Eichkätzchen huschte über das Moos. . . .

Um die Mitternachtsstunde aber wurde es plötzlich lebendig. Wachte der Waldspuk auf? – Ein leises Rollen ließ sich aus der Ferne vernehmen; zwischen den Bäumen blitzte es auf. Die schlummernden Vögel in den Laubkronen hoben die Köpfe – es rauschte und flatterte hin und her. . . . Ein offener Wagen, mit zwei stattlichen Braunen bespannt, rasselte den Weg hinab. Der Kutscher auf dem Bock hatte das schlafmüde Haupt mit dem blank lackierten Hute tief auf die Brust geneigt, und die beiden Herren im Fond des Wagens lagen rechts und links in den Ecken und schnarchten vernehmlich.

Hopsa! . . . Das eine Vorderrad schrammte einen Prellstein am Wege. Der Kutscher fuhr in die Höhe und riß dabei so heftig an den Zügeln, daß die Pferde scheu wurden – – und einen Augenblick später kippte der leichte Jagdwagen um. . . . Die Lichter in den Bocklaternen erloschen; in der Finsternis sah man nur eine dunkle, hin und her schwankende, unförmliche Masse.

»Daß dich die Schock . . .« polterte eine verschlafene, heiser klingende Stimme. »August – was ist das denn für eine Eselei! He – du – Menschenkind – Botokude – lebst du noch?!«

»Zu befehlen, gnä'ger Herr,« klang ein wenig schüchtern die Antwort zurück. »Aber einen Knubbs hab' ich 97 abgekriegt. Ich steh' hier und halte die Gäule fest – die vertrackten Mähren schlagen wie die Wilden um sich! . . . Ruhig – rrrruhig! . . .«

»August –?!«

»Gnä'ger Herr?!«

»Wie ist denn das eigentlich gekommen?«

»Ja nu' nee, gnä'ger Herr – zum Beispiel, da werden wir woll wo gegen gefahren sein! Auf einmal kippten wir um.«

»Das hab' ich gemerkt. Ich muß über den Herrn Doktor 'rübergeflogen sein. Der wird auch hier herum liegen. Jeses, was thun mir die Rippen weh! Du bist mir ein schöner Kutscher! Auf glatter Landstraße umwerfen! . . . Stehen die Gäule denn nun?«

»Zu befehlen, gnä'ger Herr, die stehen ja nu'!«

»Na, dann angepackt und den Wagen in die Höhe! Du faßt vorne an, ich hinten . . . aufgepaßt – hupla! . . .«

Ein Stöhnen, Aechzen und Fluchen – dann Schnaufen und rasche Atemzüge.

»Donnerwetter, das war 'ne Arbeit! . . . Nun wollen wir 'mal den Doktor suchen; hoffentlich hat ihm die heilsame Erschütterung nichts gethan. Er war wie 'ne Sackstrippe. Das ist eigentlich ein Glück; der Genius der Trunkenboldenhaftigkeit beschützt immer sein Gelichter. . . .«

Drei Minuten Stille. Dann erklang von neuem die etwas schlafheisere Stimme: »Ich glaube, ich habe eben in einen Ameisenhaufen gefaßt. Das kribbelt mir so über die Hand. Hast du keine Streichhölzer bei dir, August?«

»Nicht ein einzigstes, gnä'ger Herr – es ist zum Deibel holen!«

Nun wurde der andre zornig.

»Dich wird der Deibel holen, du Ungetüm! Ist mir so etwas vorgekommen! Nicht 'mal Streichhölzchen hat der 98 Mensch bei sich, und dabei herrscht eine Dunkelheit, daß man kaum drei Schritt weit sehen kann! . . .«

Der Kutscher brummte etwas Unverständliches vor sich hin und schrie dann auf einmal laut auf.

»Herr Baron – i du mein Je!«

»Was denn schon wieder?!«

»Ich hab' ihn!«

»Den Herrn Doktor?«

»Ja, den Herrn Doktor! Hier liegt er der Länge nach und schläft wie 'ne Ratze!«

»Ist die Möglichkeit! Fliegt aus dem Wagen und schläft dabei ruhig weiter! Der hat gut geladen. Hör' 'mal August –«

»Gnä'ger Herr?!«

»Ich glaube, den Doktor werden wir gar nicht wach kriegen!«

»Das glaub' ich am Ende auch nicht, gnä'ger Herr –«

»Na aber, was machen wir denn da?!«

»Na, wir nehmen ihn zum Beispiel und packen ihn so sachtemang wieder in den Wagen 'rein und fahren nach Hause und da packen wir ihn ins Bette und dann kann er ja ruhig ausschlafen.«

»Das wird schon das Beste sein. Also los, August! Wo liegt denn nun der Doktor? . . . Warte ein bißchen – ich muß mich erst zurechtfinden. . . . Aha – das ist eine Stiefelspitze – nein, das ist eine Nase . . . Jetzt hab' ich ihn, August! Ich bin am Kopfende – pack' du ihn an den Füßen . . . so – holla – hupp! . . .«

Dem Kandidaten der praktischen Philologie, Herrn Franz Freese, war es in diesem Augenblick, als ob ihn zwei Waldfeen ergriffen hätten und er von ihnen sanft emporgetragen würde – in lichte und unermeßliche Fernen hinein. Und da sich in sein Traumweben auch die gefürchtete 99 Erscheinung des Herrn von Tübingen auf Hohen-Kraatz stahl, der ihn am Hemdenkragen gepackt hatte und auf ein Fensterbrett setzen wollte, so murmelte Freese leise und abwehrend: »Bitte recht sehr, geehrter Herr Baron – das möchte ich doch ganz ergebenst anheimstellen . . .« und dann schlief er ruhig und mit glücklichem Lächeln weiter, während die schlafheisere Stimme fragte: »Bist du fertig, August?«

»Ja woll auch, gnä'ger Herr! Nun können wir weiterfahren!«

»Aber mit Vorsicht – das bitt' ich mir aus!«

»Zu befehlen, gnä'ger Herr! . . .«

Die Pferde zogen an, und der Wagen rasselte weiter, erst noch ein Stückchen geradeaus und dann rechts ab, einen schmalen Fahrweg entlang. Der Kutscher neigte bald wieder das müde Haupt mit dem blank lackierten Hute tief auf die Brust herab, und die im Fond sitzenden beiden Herren lehnten rechts und links in den Ecken und schnarchten vernehmlich.

In der Nähe der Unfallsstätte aber erhob sich einige Zeit später etwas Dunkles und Ungewisses, das man recht wohl für einen Bären hätte halten können, wenn es nicht menschliche Laute von sich gegeben hätte. Dieses Dunkle und Ungewisse murrte und grunzte, stöhnte und schnaufte erst geraume Zeit, und brach dann in die Worte aus: »In three devil's name – wo bin ich denn eigentlich?! . . .«

Der Jagdwagen rollte inzwischen lustig und auch ohne erneuten Unfall weiter durch den Wald. Nach etwa halbstündiger Fahrt lichtete sich der Forst; man fuhr durch Felder und Wiesen, über die weiße Nebelstreifen zogen. Dann tauchten die dunklen Häuserreihen von Hohen-Kraatz in der Ferne auf. Der Wagen bog in eine Ahornallee ein und hielt schließlich auf der Anfahrt des Herrenhauses.

100 August knallte mit der Peitsche, und unmittelbar darauf wurde es hinter zwei Fenstern des Erdgeschosses hell. Man hörte die Hausthür knarren; der alte Riedecke und Stupps traten mit brennenden Lichtern auf die Veranda, setzten die Lichter auf einen Tisch und sprangen an den Wagen heran.

Der eine der beiden Herren war bereits erwacht und noch im Dunkeln vom Wagen geklettert.

»Die Herrschaften liegen wohl längst in der Klappe?« fragte er.

»Ach du lieber Gott, gnäd'ger junger Herr – längst! Es muß ja auf Zwei gehn!«

»Ist irgend ein Fremdenzimmer in Ordnung? . . . Ich bringe nämlich den Doktor Haarhaus aus Schnittlage mit.«

Riedecke kratzte sich hinter dem rechten Ohr.

»Im gelben Zimmer sind die Betten nicht überzogen,« sagte er, »aber – wir können den Herrn Doktor ja im kleinen Handtuch unterbringen! Da ist alles in Ordnung. Da sollte der neue Hauslehrer hin; der ist aber noch nicht angekommen!«

»Also dann fix! . . . Riedecke, auf dich kann man sich ja verlassen. Der Herr Doktor hat ein bißchen zu – – hat bis jetzt geschlafen und ist nicht zum Aufwachen zu bringen. Ihr hört, wie er schnarcht! Tragt ihn vorsichtig auf sein Zimmer, zieht ihn aus und bringt ihn zu Bette! Aber möglichst lautlos; Großpapa hat einen leisen Schlaf.«

Riedecke und Stupps machten verschmitzte Gesichter. Sie konnten sich denken, wie die Sache stand. Aber sie erwiderten nichts, sondern traten schweigend näher an den Wagen heran, während ihr junger Herr sich in der Thür zum Gartensalon, eines der Lichte in der Hand, nochmals 101 umwendete. »Also leise, Kinder,« wiederholte er, »möglichst leise! Ich kann mich nicht mehr darum kümmern – mir thun alle Glieder weh! Der Esel, der August, hat uns umgeworfen; wir hätten all'samt den Hals brechen können!«

Und dann verschwand er hinter der Thür. Riedecke und Stupps machten sich an die Arbeit, den zweiten, im Fond des Wagens unbekümmert weiter schnarchenden Herrn an Kopf und Füßen zu nehmen und ihn aus der Kalesche herauszuheben. Der Alte schüttelte dabei wiederholt wie mißbilligend den grauen Kopf, während sich Stupps kaum das Lachen verhalten konnte.

»Der ist gut! Riedecke – der ist gut – was?!« kicherte er.

Aber Riedecke entgegnete mit verweisendem Blick: »Du hast zu schweigen, Stupps, denn eine solche Aeußerung verletzt den Respekt, den du deinen Herrschaften und deren Freunden schuldig bist. Wenn der Herr Doktor auch wirklich gut ist – was geht dich das an?! Ich habe große Persönlichkeiten in ähnlicher Verfassung gesehen; dazu schweigt man. Mensch bleibt immer Mensch. Und nun fass' an – aber mit Delikatesse!«

Inzwischen begann auch August auf dem Bocke aus seinem Halbtraume zu erwachen und ganz leise, aber unausgesetzt vor sich hinzuschimpfen. Der Aerger darüber, daß er umgeworfen hatte, brach erst jetzt bei ihm durch; es kam alles ein wenig spät bei ihm, weil sein Hirn langsamer zu arbeiten pflegte als das andrer Menschen. 102


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