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Das Heiratsjahr

Fedor von Zobeltitz: Das Heiratsjahr - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Heiratsjahr
authorFedor von Zobeltitz
year1900
firstpub1900
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleDas Heiratsjahr
pages317
created20120127
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.

Trauer auf dem Geflügelhofe und Phantasieen auf der Insel der Seligen, sowie endliche Heimkehr des verlorenen Sohnes.

Die jungen Damen schienen es eilig zu haben, auf den Geflügelhof zu kommen. Benedikte stürmte im Laufschritt voran, daß ihre Röcke flogen, und dann kam die Lust an der Wildheit auch über das wohlerzogene Trudchen. Sie faßte Miß Nelly unter den Arm und wirbelte mit ihr über den gelben Kies, der vor der Schloßauffahrt aufgeschüttet worden war, und Mohrchen, der Pudel, folgte ihnen kläffend und in lustigen Sätzen nach.

Das Drahtgeflecht des Geflügelhofes umspannte einen weiten Raum, einen förmlichen Park und jedenfalls keinen unübeln Aufenthalt für die schnatternden und gackernden Kreaturen. In der Mitte, zwischen alten Weiden und nachschießendem Jungwuchs versteckt, lag ein ausgebaggerter Tümpel, das Buen retiro für die Entenwelt, und in einer Ecke stand ein hölzerner Schuppen mit verschiedenen Hühnerleitern, unter dem das Federvieh bei Regen Schutz suchen konnte.

Die Görbitschen, die sogenannte »Putenfrau«, obschon sie sich auch mit dem übrigen Geflügel zu beschäftigen hatte und nicht nur mit der Putenwelt allein, stand in der Nähe der Weiden, hatte eine große Schwinge an einem Tragriemen um den Hals und warf Futter aus. Demzufolge hatte der ganze Geflügelhof sich um sie vereinigt und umgab sie wie ein großer Hofstaat die Königin. Die Unterhaltung dieses Hofstaats war trotz eifriger Hingabe an die Mahlzeit eine ungemein lebhafte. Es schnatterte, gackerte, gluckste und krähte. Enten und Gänse befehdeten sich stark. Besonders ein alter Gänserich schien von Natur aus böse geartet zu sein, denn wenn ein Entlein einmal in seine Nähe kam, 44 zischte das Untier giftig und hackte mit seinem Schnabel auf die Ente los. Die Hähne benahmen sich dagegen wie immer galant und zuvorkommend, machten den Hennen bereitwilligst Platz und lockten sie sogar mit leisem Glucksruf herbei, wenn sie ihnen ein Futterkorn spenden wollten.

Als die Görbitschen ihre Baronesse kommen sah, nickte sie und sagte: »Schönen guten Morgen ook, gnädiges Fräulein!«

»Guten Morgen, Görbitschen,« erwiderte Benedikte; »ist alles in Ordnung?«

»Ach du lieber Himmel, gnädiges Fräulein,« jammerte die Alte los und schlug einer dicken weißen Henne, die an ihrer Futterschwinge emporflatterte, auf den Kopf, »dat is allens nich so, wie es sein sollte! Von den kleenen weißen Entchen ist wieder eens über Nacht draufgegangen. Ich hab's heute früh tot gefunden – ich hätte weenen können!«

»Aber wie kommt das bloß, Görbitschen? Das ist nun das dritte, und sie waren doch ganz gesund, als sie zur Welt kamen!«

»Waren sie ook, gnädiges Fräulein. Aber der Pfau – der Pfau ist mein Ende! Der beißt sie immer. Ich weeß mir nich mehr zu helfen, gnädiges Fräulein. Er kommt und dann beißt er sie. Es ist ein zu wütendes Tier. Da sitzt er schon wieder und lauert bloß drauf, wie er eine kriegt!«

Sie wies nach der Traillage, auf der sich ein wunderschöner Pfau niedergelassen hatte, dessen riesiger Schweif mit seinen fünfzig farbigen Augen in der Sonne glitzerte, und der lebhaft beobachtend den Kopf hin und her warf.

»Was macht denn die Pfauhenne?« fragte Benedikte, durch den Anblick des stolzen Tieres auf andre Gedanken gebracht, und wieder begann die Alte zu jammern.

»Gott, die arme Pfenne, gnädiges Fräulein – nee, 45 so 'ne arme Pfenne! Sie frißt nischt mehr, reen gar nischt – sie grämt sich zu Tode; sie überlebt ihre Schande nicht mehr!«

»Wir wollen 'mal zu ihr gehen,« riet Trudchen.

»Yes,« stimmte Miß Nelly zu, »maken wir sie einen Krankenbesuch!«

Benedikte nickte und flog davon, wieder im Laufschritt.

Die leidende »Pfenne« hatte sich im Heu einer Scheune ein Nest gemacht. Da saß sie, eingepreßt zwischen den duftenden trockenen Gräsern, und trauerte tief. Sie hatte auch Grund zu ihrer Melancholie. Lange, lange Tage hatte sie über einem Ei gebrütet, aufopferungsvoll und mit dem ganzen Mute einer Wöchnerin, sich nicht rückend und regend, mit weit gebreiteten Flügeln und aufgeplusterten Federn. Aber das Junge wollte nicht ausschlüpfen und es war doch die höchste Zeit. Da nahm die Görbitschen ihr das Ei fort und legte es einer brütenden Henne unter, und siehe da, nach zwei Tagen schälte sich ein junger Pfau aus dem Ei, ein ungeheuer häßliches Ding zwar, mit unförmlichen Füßen und einer Buckelung auf dem Kopf, aber immerhin ein Pfau, der ebenso schön zu werden versprach, wie die sonstigen seinesgleichen. Und nun begann eine herzbrechende Tragödie mit der Pfaumutter. Sie sah ihr Kind und wollte es doch nicht anerkennen und wurde darob immer trauriger, vergrub sich im Heu, verachtete die Welt und wollte sterben. Sie fühlte zweifellos die Schande ihres verfehlten Daseins. Auch um das junge Pfauchen stand es anfänglich recht schlimm. Es wollte nach Gewohnheit der Baumvögel aus dem Schnabel seiner Adoptivmutter gefüttert sein, doch ach, die alte Henne verstand sich nicht darauf, sondern blieb bei ihrer erlernten Manier, bis sie einsah, daß es auf diese Weise nicht weiterging. Und nun war es possierlich und rührend zugleich anzusehen, wie Mutter Henne sich Mühe gab, sich auf ihre 46 alten Tage noch mit der Schnabelfütterung vertraut zu machen, wie sie die Körnchen aufscharrte und aufpickte und ihrem Pfaukücken darbot. Unangenehm war ihr diese Methode sichtlich, denn sie schauerte immer leicht zusammen, wenn das Pfauchen zu ihrem Schnabel aufhüpfte; doch sie bezwang sich und hielt tapfer aus.

Die drei Mädchen bemitleideten die kranke Pfauhenne und gaben ihr allerhand süße Schmeichelnamen, streichelten sie auch und redeten ihr gut zu. Aber es nützte alles nichts. Die Schmach hatte sie gebrochen, und plötzlich ging ein letztes Zucken über ihre grauen Federn und dann war sie tot. Trudchen und Miß Nelly wollten es noch gar nicht glauben, doch Benedikte kannte ihr gefiedertes Viehzeug und wußte, daß nichts mehr zu retten war. Die Thränen standen ihr in den Augen.

»Sie ist freiwillig verhungert,« sagte sie; »sie hat sich selbst den Tod gegeben. Die Pelikane machen es ebenso, wenn sie Kummer haben, und im alten Griechenland thaten es auch die Menschen. Damals spielte der Schierlingsbecher eine große Rolle. Es ist ganz schrecklich.«

»O arme Tier, arme Tier,« klagte auch Miß Nelly und ihre rechte Hand glitt liebkosend über den traurig gesenkten Kopf der Henne. »So jung noch und mußte schon sterbsen. Wir wollen ihn zu begraben gehn.«

»Ja,« erwiderte Benedikte, »begraben wir sie in der Stille. Unter dem großen Birnbaum hinten im Park, wo auch schon Mamas Kanarienvogel ruht und der selige Moppel Großpapas. Trude, faß an!«

Aber Trude graulte sich; dafür half Miß Nelly und so zog man denn über den Hof. Die Görbitschen begann zu heulen, als sie den Trauerzug sah, und die beiden Jungen stürmten herbei und wollten sich beteiligen. Aber ihre laute Fröhlichkeit mißfiel Benedikte.

47 »Wenn ihr so schreit, werdet ihr nicht mitgenommen, merkt euch das,« meinte sie ernst. »Auch ein Vogel ist eine Kreatur Gottes und da gibt's nichts zu lachen und zu dalbern. Bernd, laß den Schnabel los oder du kriegst eine Tachtel! Das arme Vieh hatte mehr Ehrgefühl als ihr. Holt eure Spaten und dann könnt ihr die Totengräber sein. Aber Witze werden nicht gemacht!«

Der Kondukt setzte sich wieder in Bewegung. Die Mama kam hinzu und auch ihr that die Sache leid. Sie war damit einverstanden, daß man die Tote den Hunden entzog und da beisetzte, wo schon die übrigen tierischen Freunde des Hauses begraben worden waren: unter dem großen Birnbaum. Bernd und Dieter hatten ihre Spaten geholt und schaufelten eine kleine Grube; in sie wurde die Pfauhenne gelegt und mit Erde bedeckt. Zuvor aber hatte Miß Nelly noch eine Handvoll Blumen gepflückt, die sie in das Grab streute. Das war sehr poetisch. Als alles vorüber war, stürmte die Görbitschen heran, mit zwei Federn, die sie dem Pfau ausgerissen hatte, und auf ihre inständigen Bitten mußte das Grab nochmals geöffnet werden, damit sie diese beiden Federn hineinlegen könne, denn es war ein Aberglaube dabei. Sie murmelte auch etwas Unverständliches bei der Zeremonie und gab sich dann zufrieden. Trude lachte darüber, aber Benedikte nahm die Feierlichkeit ernst.

Die Mädchen fühlten das Bedürfnis, nach diesem Begängnis mit sich allein zu sein. Die Jungen wurden daher fortgeschickt. Es war sowieso Zeit, daß sie sich fertig machten, um Bruder Max empfangen zu helfen.

»Gehn wir ein bißchen auf die Insel,« schlug Benedikte vor;»da wachsen so schöne Wiesenblumen, und ich möchte Maxen einen Strauß auf das Zimmer stellen.«

Der kleine Fluß, er hieß die Wilde, machte aber seinem 48 Namen wenig Ehre, bildete im hinteren Park eine Schleife. Es war eigentlich nur ein Halbbogen, aber man hatte künstlich nachgeholfen, und so war eine regelrechte Insel entstanden, die durch drei Brücken mit dem Festlande verbunden war. Die Brücken bestanden aus eichenen Bohlen und hatten kein Geländer, statt dessen aber ein lustiges Drahtgehänge, um das sich in dichten Massen wilder Wein schlang und rankte, grüne lebendige Wände bildend, die sich an den Bachufern fortsetzten, wo zwischen hochaufgeschossenen Erlen dichtes Buschwerk wucherte. Da das Flüßchen nur schmal war, so berührten sich die Erlenkronen und auch die höher geschossenen Spireen über dem Wasserspiegel, an dessen Böschungen Schilf, Riedgras und Farn wuchsen und dazwischen auch Vergißmeinnicht in zahlloser Menge. Der Boden hier hinten war leicht elastisch, torfhaltig und schwarz und so humusreich, daß alles in fast tropischer Fülle gedieh. Auf der Insel verschlangen sich über den Fußwegen, die gelbe Kurven in Grün bildeten, die Baumwipfel zu einem unlösbaren Gewirr, das schillernde Blätterwerk der Silbereschen mit dem leuchtenden Rot der Blutbuchen, dem Grau der Weiden und dem Dunkel der Ulmen und Kastanien, die im Schmuck ihrer Purpurkerzen prangten. Es war wunderschön auf diesem Fleckchen Erde. Das Gras war dick mit Moos durchfilzt, und überall schossen wilde Blumen auf, in hundertfältiger Farbenmischung, den grünen Untergrund in einen festlichen Teppich wandelnd. Die Sonne braute goldleuchtend über dem Wasser, und Mückenschwärme spielten in der Luft.

Die drei Mädchen machten sich mit Eifer an die Arbeit, Blumen und Wiesengrün zu pflücken, und setzten sich dann unter eine riesenhafte Traueresche, deren hängende Aeste weithin den Boden schleiften, um den Strauß zu ordnen. Trudchen hatte sich aus Sorge, ihr Kleid zu beschmutzen, 49 auf der verwitterten Steinbank niedergelassen, und Dikte und Nelly kauerten vor ihr im Grün und wühlten mit den Händen in dem Blumenflor.

»Freust du dich auf deinen Bruder Max?« fragte Trude, sich gestrickte Halbhandschuhe anziehend, um ihre gepflegten Händchen nicht an den Halmen zu zerstechen.

»Aber wie!« entgegnete Benedikte. »Komische Frage – was, Nelly? Ach, Nelly – du kennst Maxen ja noch gar nicht! Als er abreiste, war noch Fräulein Warnow . . .«

Sie stockte plötzlich und wurde etwas röter, aber Trudchen nahm eilig und neugierig den abgebrochenen Satz auf und sagte: »Erzähle doch 'mal, Dickerchen – wie war das mit Fräulein Warnow und deinem Bruder Max?! Ueberall hört man davon tuscheln, aber etwas Genaues hat mir niemand sagen wollen. Sie hatten ein Verhältnis miteinander, nicht wahr?«

»Ein Verhältnis . . .?« Und Benedikte dachte einen Augenblick nach. »Nein . . . na ja, das heißt, sie hatten sich hinter dem Rücken der Eltern verlobt und wollten sich heiraten. Wenn du das ein Verhältnis nennst . . .«

»Ein richtiges ist es nicht,« entgegnete Trude. »Aber es ist trotzdem sehr interessant. War denn dies Fräulein Warnow so schön?«

»Ach ja, Trude . . . wenigstens ich fand sie wunderschön! Sie hatte goldblondes Haar und dazu dunkle Augen und eine herrliche Figur. Sie machte auch einen sehr vornehmen Eindruck. Ich war damals doch noch jünger, und sie sollte sozusagen meine Gouvernante sein, und das kam mir immer recht komisch vor. Sie war wie eine Dame, sage ich dir.«

»War es eine Deutsche, die Governess?« fragte Miß Nelly.

»Ja natürlich; das hörst du doch schon an dem Namen. 50 Ich glaube aber, eine Deutsche aus der Schweiz, wenigstens hat sie lange in Bern gelebt und auch da studiert.«

»Vielleicht war es eine heimliche Nihilistin,« sagte Trude. »In der Schweiz gibt es viele Nihilistinnen. Ich habe einmal einen Roman gelesen, der spielte in Genf und in solchen Kreisen; die Heldin war eine polnische Gräfin, die ihr ganzes Geld, ungezählte Millionen, den Nihilisten vermacht hatte. Sie hatte auch goldblondes Haar, aber ihr verlassener Geliebter stellte ihr nach und stürzte sie in die Rhone, und ihr goldblondes Haar schwamm wie ein Heiligenschein über dem Wasser. Sie ertrank aber doch. Es war ein schönes Buch.«

»Das glaube ich,« erwiderte Benedikte; »hast du es noch?«

»Nein; es gehörte unserm Provisor und ich habe es heimlich gelesen. Aber nun erzähl' einmal weiter, Dikte; also deine Eltern wollten von einer Heirat deines Bruders Max mit Fräulein Warnow nichts wissen?«

»Es ging nicht, Trude. Dann hätte Max nämlich nicht Hohen-Kraatz erben können. Er darf nur eine Adelige heiraten; so lautet die Bestimmung. Dafür werde ich wahrscheinlich einmal einen Bürgerlichen heiraten.«

»O, Dikte,« sagte Miß Nelly, »wer spreckt so was!«

»Na, was ist denn dabei, Nelly! Papa sagt, es schadete gar nichts, wenn ich ein bißchen vorurteilsfrei wäre. Bei Maxen ist das etwas andres; der ist gebunden. Aber ich bin frei und kann machen, was ich will!«.

»Mama und Großpapa sein aber auch noch da,« bemerkte Nelly.

»Das ist mir ganz egal. Ich suche mir allein den aus, den ich heiraten will. Da lasse ich mir nichts befehlen. Nelly, würdest du denn einen nehmen, der dir nicht paßt?«

51 »O no,« erwiderte Nelly, und Benedikte sagte: »Na, siehst du!«

»Aber ich verstehe doch nicht,« nahm Trude wieder das Wort, »warum dein Bruder Max sich nicht vergiftet oder wenigstens eine Kugel durch das Herz gejagt hat. Mit einer unglücklichen Liebe kann man doch nicht am Leben bleiben. Hat Fräulein Warnow ihn denn nicht verflucht?«

Benedikte lachte lustig auf.

»Trudchen, du mußt nicht so viel Romane lesen,« entgegnete sie, »und nicht immer so furchtbar traurige Liebesgeschichten. Lies doch ›Ingo und Ingraban‹ oder ›Elisabeth‹ von der Nathusius!«

Trude verzog spöttisch die Lippen und rümpfte ihr Näschen.

»Nein, Dikte, darüber bin ich hinaus. Aber wenn du glaubst, daß ich mich von meiner Lektüre beeinflussen lasse, so irrst du dich. Ich sage mir einfach, wenn sich zwei Menschen, die sich lieben, nicht kriegen können, so müssen sie dies irdische Jammerthal verlassen. Das geht nicht anders.«

»O, das ist gräßlich, Miß Trude!« rief die kleine Engländerin entsetzt. »Das sein nicht Ihr Ernst!«

»Doch,« nickte Trude. »Die Liebe ist das Höchste, was man hat, und wenn einem die genommen wird, ist es aus. Davon bin ich ganz fest überzeugt. Habt Ihr denn noch nie geliebt?«

»Etwa du?« fragte Benedikte zurück.

»Ja gewiß,« sagte Trudchen. »Wir hatten in der Pension einen Zeichenlehrer, einen bildschönen Mann, in den waren wir alle verliebt. Er war aber auch wie ein Gott oder wie Achilles, namentlich in einem gestreiften Anzug, der ihn wundervoll kleidete. Herr Hermes hieß er. Und wenn Herr Hermes sich einmal mit einer von uns 52 besonders beschäftigte, dann waren die andern eifersüchtig auf sie . . .«

Benedikte hatte die Hände im Schoße gefaltet und schaute die kluge Trude mit großen Augen an. Um sie her häufte sich der Wirrwarr der Blumen und Gräser, in dem sie wie in einem Neste saß: ein Gänseblümchen hatte sich in ihrem Zopfe verfangen und war dort hängen geblieben, flog aber davon, als Dikte nunmehr energisch den Kopf schüttelte.

»Siehst du, das begreife ich nicht, Trudel,« erwiderte sie, »daß man sich in seinen Zeichenlehrer verlieben kann. Das würde ich nun nie fertig kriegen. In irgend einen kühnen Helden, einen großen und bedeutenden Mann – ja, das wäre schon etwas andres! Aber ich glaube, ich bin überhaupt keine verliebte Natur – ach nein!«

Und dabei seufzte sie leise auf und griff wieder nach den Blumen, damit der Strauß endlich fertig werde. Unterdes nahm Trude ihr Geschwätz wieder auf und brachte allerhand niedlichen Unsinn hervor, den sie erträumt und erlesen und der sich in ihrem krausen Vogelköpfchen festgesetzt hatte. Dabei that sie möglichst wenig, spielte nur mit den Blumen und flocht sich ein Armband aus Gräsern, statt den beiden andern zu helfen. Das ärgerte Benedikte.

»Trudchen, wenn du nicht mithelfen willst, sage ich Maxen ganz extra, daß du dich an dem Strauße nicht hättest beteiligen wollen,« drohte sie.

Das erschreckte Trude. Sie hatte sich ein lebhaftes Bild von dem Heimkehrenden entworfen und gedachte ihm zu gefallen. Wenn Benedikte ihre häßliche Drohung ausführte, so mußte das von vornherein einen schlechten Eindruck machen. So griff sie denn mit zu.

Plötzlich schreckten die Mädchen auf.

»Baronesse! Baronesse! Baronessa!« rief eine hell klingende Männerstimme durch den Park.

53 »Jeses!« sagte Benedikte, »das ist Graf Brada! Wo kommt der denn auf einmal her? Kinder, wenn er uns wieder neckt – wir lassen uns nichts gefallen! Der bildet sich Gott weiß was ein. Ich werde ihm 'mal ordentlich grob kommen.«

»Baronesse Bene– Bene– Benedikte!« erscholl die Männerstimme von neuem.

»Ach was, Bene– Bene,« brummte Benedikte. »Das ist auch eine Unverschämtheit, meinen Namen so zu verstümmeln.«

»Aber du mußt ihm doch antworten,« mahnte Trude.

»Ich werd' schon.« Und dann legte sie beide Hände als Schalltrichter um den Mund und rief mit schließlich überschnappender Stimme zurück: »Graf Brabberababbera – Brada!«

»Hallo! Jetzt spür' ich die Gnädigste!« – Ein junger Husarenoffizier schlug die hängenden Zweige der Esche zurück und trat in das Dämmergrün. »Drei Veilchen auf einer Wiese,« und er verbeugte sich. »Wer von den Damen quakt denn so wundervoll?« fragte er, zuerst Benedikte die Hand reichend.

»Hat es gequakt?« entgegnete diese; »es wird ein Frosch gewesen sein. Mir war, als habe ich einen Brüllton vernommen.«

»Das war mein wohllautendes Organ,« erwiderte der Graf lächelnd. »Aber ich rief nur Ihren Namen und zwar absichtlich etwas langgezogen, um seine Schönheit voll zur Geltung kommen zu lassen. Uebrigens bin ich als Ordonnanz zur Stelle. Gnädigste Frau Mama wünschen lebhaft, die Damen möchten in das Schloß kommen, da der Herr Bruder jeden Augenblick eintreffen kann.«

»Herrgott, ist's schon so spät?!« rief Benedikte. »Trude, nimm 'mal die Blumen! Graf Brada – darf ich Sie 54 bekannt machen: meine Freundin Gertrud Palm. Miß Milton kennen Sie ja bereits.«

»O ja – hatte schon mehrfach das Vergnügen. Kann ich Ihnen die Blumen nicht abnehmen, Fräulein Palm? Wie hübsch sie arrangiert sind! Ich mache Ihnen mein Kompliment. Künstlerisches Empfinden und ein poetisches Gemüt – das merkt man gleich.«

Benedikte puffte Nelly heimlich in die Seite. Aber Trude ließ sich die Schmeicheleien ruhig gefallen, lächelte verschämt und trippelte zierig neben dem Leutnant her, der sich mit dem riesigen Strauß beladen hatte und ein ganzes Feuerwerk von Liebenswürdigkeiten losbrannte. Die beiden andern Mädchen schritten auf der schmalen Fußsteige hinterher.

»Haben Sie heute keinen Dienst, Herr Graf?« fragte Benedikte.

»Nein, gnädiges Fräulein, sonst wär ich nicht hier. Einer der wenigen Sonnentage im Leben eines Leutnants. Die Schwadron hat großen Kammerappell, in das Deutsche übersetzt: es werden den wackeren Mannschaften neue Kleidungsstücke angepaßt und angemessen, und ich brauche nicht dabei zu sein. So erwuchs mir denn die Freude, meinen Tag einmal anders auszufüllen, als durch königlichen Dienst; ich sage Freude, nicht aus Respektlosigkeit vor der wohlthätigen Einrichtung des Dienstes, sondern weil der Wechsel doch nun einmal das Menschenherz fröhlich stimmt – notabene, es gibt auch Wechsel, die einen sehr tief bekümmern können, was Sie wahrscheinlich nicht verstehen werden.«

»O ja,« sagte Benedikte, »Sie meinen geschriebene, die man bezahlen muß; so dumm bin ich auch nicht.«^

»Gewiß nicht; man muß auch einmal auf eine Göttergabe verzichten können.«

»Sie wußten wohl,« fragte Trude, »daß Herr Max von Tübingen heute zurückerwartet wird?«

55 »Ja; man erzählte es sich in Zornow. Trotzdem hat mich eigentlich nur der Zufall hierhergeführt. Ursprünglich hatte ich die Idee, zu Hause zu bleiben und zu arbeiten –«

»Na na,« sagte Benedikte und lachte.

»Es betrübt mich lebhaft, daß Sie mir nicht glauben wollen, Baronesse. Aber es ist doch so. Wirklich und wahrhaftig arbeiten wollte ich. Ich möchte mich nämlich zur Kriegsakademie vorbereiten, um einmal aus dem Frontdienst herauszukommen. Die Bücher hatte ich mir schon zurechtgelegt, aber da kitzelte mich der warme Sonnenschein so verlockend auf dem Gesicht und die Rotkehlchen unter meinem Fenster piepsten so freundlich, daß ich es am Schreibtische nicht mehr aushielt und satteln ließ.«

»Den Imperator?«

»Nein, die Tante Bolte, Baronesse.«

»Wen?« fragte Trude erstaunt.

»Die Tante Bolte; das ist aber keine eigentliche Tante, sondern nur ein Pferd, das so getauft worden ist, eine dicke Fuchsstute – vom Peter den Großen aus der Miß Price, wenn Sie das Pedegree interessiert.«

Benedikte puffte wieder Miß Nelly heimlich in die Seite, und Trude fragte, ob das ein edler Renner sei.

»Nicht allzu edel, gnädiges Fräulein,« erwiderte Graf Brada, »schon ein bißchen struppiert, wenigstens vorn. Wenn ich Geld übrig hätte, würde ich den Fuchs bereits ausrangiert haben, so aber muß es noch ein paar Jahre gehen. Als Schwadronspferd steht die Tante noch immer ihren Mann – notabene, wenn der kleine Unfall, der ihr zugestoßen ist, nichts weiter auf sich hat.«

»Was für ein Unfall, Herr Graf?«

»Ah – sie hat mit dem rechten Hinterhuf in einen Glassplitter getreten – dicht vorm Dorfe, und das war 56 auch der Hauptgrund für mich, in Hohen-Kraatz Station zu machen. Solche Kleinigkeit kann ernst werden –«

»Sehr ernst,« fiel Benedikte ein, die bei ihrem Interesse für die Tierwelt teilnehmend wurde. »Papa hat vor zwei Jahren einen Gaul verloren, der sich einen Nagel in den Huf getreten hatte. Da kam Maulsperre hinzu und Blutvergiftung. Steht die Tante im Stalle?«

»Ich lasse sie kühlen, Baronesse.«

»Gehen wir hin!« rief Benedikte lebhaft. »Gott, so ein armes Vieh! Wir haben heute schon Trauer gehabt. Eine Pfauhenne ist uns gestorben.«

Der Leutnant griff an die Mütze. »Meine Kondolation, gnädiges Fräulein.«

»Danke bestens. Aber wissen Sie, Graf Brada, wenn der Huf gereinigt worden ist, müssen Sie die Tante in die Schwemme stellen lassen. Fließendes Wasser ist die Hauptsache. Nun woll'n wir 'mal sehen!«

Man war wieder auf dem Wirtschaftshofe angelangt, auf den die Sonne in prallem Glanze niederbrannte. Vor dem Pferdestalle stand Stupps und hielt die Tante Bolte an der Trense fest, während ein Stallknecht ihren rechten Hinterfuß im Eimer kühlte. Auch Tübingen hatte sich eingefunden und sprach mit einem kleinen, jüdisch aussehenden und außerordentlich lebendig gestikulierenden Manne, der vor Brada tief seine Mütze zog.

»Gehorsamster Diener, gnädiger Herr Graf,« sagte der Kleine, beim Sprechen mit der Zunge anstoßend, »verßeihen Se, daß ich mer interessiert habe vor Ihren Unglücksfall, aber Gott, es bewegt einen doch, wen man so was sieht! Ich war unten im Kruge und saß am Fenster, wie der Herr Graf sind raingeßogen ins Dorf und haben de Tante Bolte am Zaum nach sich geführt. Und da bin ich hergekommen, mit gütiger Erlaubnis vom gnädigen Herrn Baron von 57 Tübingen – wenn man an de dreißig Jahr hat ßu thun gehabt mit Pferden und immer bloß mit Pferden, da versteht man sich schon ein bißchen dadrauf. Nebbich, so en armes Tier!«

»Meinen Sie denn, daß die Sache ängstlich ist, Isaaksohn?« fragte der Graf.

»Wie haißt ängstlich, Herr Graf! Aengstlich ist so was immer. Wer kann wissen, ob sich de Tante nicht hat verletzt 'ne Sehne? Wenn ich mer 'n Rat erlauben dürfte, Herr Graf, dann würd' ich sagen: lassen Se de Tante hier stehen und bringen Sie se nich erscht nach Zornow und schicken Se 'n Boten an Ihren Oberroßarzt, was is 'n ganz vernünftiger Mann, der auch Verstand besitzt und Praxis, und der wird de Tante wahrscheinlich brennen. Oder wenn ersch nich thut, wird er Ihnen sagen, was muß gemacht werden. Aber mit so was spaßt man nich . . . .«

Tübingen mischte sich ein. Auch er riet, nach Zornow zu schicken; der kleine Jagdwagen könnte angespannt werden. Benedikte hatte in vorsichtiger Stellung, aber mit festen Händen den kranken Huf ergriffen und aus dem Eimer gezogen. Man sah nichts, doch das nervöse Zucken und die fiebrige Wärme waren immerhin bedenklich.

Brada stand mit mißmutiger Miene am Kopfende des Gaules und achtete nicht darauf, daß die Tante das Bouquet anzuknabbern begann, das er noch in der Hand hielt. Es war eine unangenehme Geschichte. Beim »armen Grafen-Regiment«, wie die Zornower Husaren genannt wurden, schlug der Verlust eines Pferdes immer wie ein Donnerwetter ein. Unter sechs-, siebenhundert Thalern war kein neues zu beschaffen, und dann war es auch noch kein Bukephalos.

Isaaksohn hatte inzwischen Herrn von Tübingen beiseite genommen, mit dem er wegen eines Ackergespanns 58 verhandelte. Und zwar währte der Handel schon seit vier Wochen. In Tübingen fand der kleine Isaaksohn nämlich seinen Meister. »Zweitausendsiebenhundert, Isaaksohn; nicht einen Pfennig mehr,« sagte der Baron und strich mit der rechten Hand durch die Luft. Der Händler sprang vor Aufregung von einem Bein auf das andre. »Herr Baron, hundert Mark will ich noch ablassen – ich verlier' selbst dabei, es is mer bloß von wegen de Kundschaft, aber andersch kann ich's nicht, auf Ehrenwort nich – es geht nich!« . . . »Dann lassen wir's, Isaaksohn; ich habe mir meinen festen Satz gemacht; ich gebe nicht mehr.« . . . »Herr Baron, zwei Pferde wie junge Damen – es sind herrschaftliche Pferde –« »Aber ich will sie nur für den Acker haben!« – »Se können se vor jeder Kutsche fahren; se gehen Ihnen wie der Deiwel; Se haben gemacht noch nie so ein glänzendes Geschäft, gnädiger Herr Baron! Fragen Se Herrn Rittmeister von Kahlenegg, der hat noch gestern gesagt: Isaaksohn, hat er gesagt, de beiden Füchse sind proppere Dinger. Herr Baron, teilen mer! Legen Se noch hundert ßu, ich laß noch hundert ab – –«

Er horchte auf. Wagenrollen wurde von der Parkeinfahrt her hörbar und die Stimme der Baronin, die nach dem Gatten und den Mädchen rief. Riedecke stürmte atemlos auf den Wirtschaftshof.

»Herr Baron!« keuchte er; »gnädiges Fräulein! Schnell – schnell! Der junge Herr Baron fahren schon ein!«

»Schockschwer –« und Tübingen setzte sich in Trab. Benedikte kreischte auf und lief nach; Trude und Nelly folgten, und schließlich auch Graf Brada, nachdem er den Befehl gegeben hatte, seinen Fuchs wieder in den Stall zu führen und den Oberroßarzt aus Zornow zu holen.

»Zweitausendachthundert, Herr Baron!« schrie Isaaksohn Tübingen nach. Aber der hörte nicht mehr. In das 59 Gekläff der Hunde, die sich auf der Rampe wie rasend gebärdeten, mischte sich das Jubelgebrüll von Bernd und Dieter, der eine neben Max sitzend, der andre neben dem Kutscher auf dem Bock. Beide schwenkten ihre Mützen.

»Tag, Mutterchen!« rief Max, vom Wagen springend, und fiel Frau von Tübingen um den Hals, die, lachend und weinend, ihren Sohn gar nicht wieder loslassen wollte. Endlich kamen aber auch die andern an die Reihe. Großvater, Vater und Schwester wurden herzhaft abgeküßt, Nelly und Trude mit kräftigem Handschlag begrüßt. Und für jeden hatte Max in aller Eile ein paar liebe Worte.

»Papa, was siehst du gottlob gesund und rüstig aus! Dicker bist du geworden! Mußt auch 'mal ein Jährchen nach Afrika – da schmilzt das Fett. . . . Und Großpapa – unverändert – nein, jünger geworden! Wenn ich erst in deinen Jahren bin! . . . Schwesterherz – groß, rund und rosig! Aber immer noch mit Klingelzöpfchen! Klinglinglingling – weißt du noch, Maus, wie wütend du immer wurdest, wenn ich dich beim Zopfe kriegte?! . . . Sapperlot, Graf Brada – Semper – wahrhaftig! Wie geht's, alter Freund? Und mit einem Blumenstrauß! Für mich bestimmt?«

»Eigenhändig gepflückt,« log Graf Brada, »zu Ihrem Empfange, lieber Max – evviva Africanus minor!«

»Wie können Sie sich denn mit fremden Lorbeeren schmücken?!« raunte Benedikte, hinter Brada stehend, diesem zu. »Außerdem hat Ihre Tante die ganzen Anemonen abgeknabbert! . . .«

Max war schon wieder weiter gewandert. Die ganze Dienerschaft hatte sich eingefunden, vom alten Riedecke bis zu dem Küchenmädchen herab. Und alles grinste, knixte und dienerte; jeder bekam einen Handschlag.

»Mitgebracht hab' ich euch auch etwas,« sagte Max. »Aber das kommt per Fracht nach. . . .« Dann sah er 60 Isaaksohn, der sich gleichfalls auf die Rampe geschlichen hatte. »I, Isaaksohn – auch da?! Grüß Gott, Alterchen! Na, was macht das Geschäft?«

»Gott, junger Herr Baron, man lebt so! Aber ich freu' mer, daß ich den Herrn Baron wiederseh so forsch und so stattlich und so schön wie immer. Nich 'mal brauner geworden –«

»Nee,« fiel Tübingen ein, »und auch der Kolonialbart fehlt mir.«

»Aber, Papa, sollte ich denn als Wüstenjäger zu euch kommen?!«

»Hast du Löwen geschossen, Max?« fragte Dietrich.

»Jawohl, alle Tage zwei, min Jong!«

»Kinder, das Frühstück wird kalt,« ermahnte die Baronin. »Max kann bei Tische erzählen!«

»Richtig bemerkt, Mamachen! Appetit bringe ich mit. Aber bitte nicht ausfragen! Erst will ich auftauen – ganz langsam auftauen. Dann erzähle ich schon von selbst. . . .«

Man ging in den Gartensalon. Benedikte und Brada waren die letzten.

»Wie finden Sie, daß Max aussieht?« fragte Benedikte.

»Famos. Die Weide ist ihm gut bekommen. Sind Sie nicht der Ansicht?«

»Er sieht mir zu geleckt aus, zu dandyhaft, nicht afrikanisch genug.«

Brada lachte. »Ja, Gnädigste, mit Keule und Löwenfell herumzulaufen, wie der farnesische Herkules, ist nicht mehr Mode. Und dann kommt er ja über Paris. Da wird er sich wieder zum Europäer gemacht haben.«

Sie traten in den Salon. 61


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