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Das Heiratsjahr

Fedor von Zobeltitz: Das Heiratsjahr - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Heiratsjahr
authorFedor von Zobeltitz
year1900
firstpub1900
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleDas Heiratsjahr
pages317
created20120127
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel.

Allgemeine Vorstellung der Herrschaften auf Hohen-Kraatz mitsamt ihrem vierbeinigen Anhang, und eine diplomatische Unterredung im Obstgarten.

Im Gartensaal hatte sich die Familie bereits versammelt und außerdem die zur Familie gehörigen Anhängsel, nämlich vier Hunde, die Benedikte aus dem Garten hereingelockt hatte. Es war dies zunächst Cäsar, der Hühnerhund, ein großes junges Tier von kalbsmäßigen Gebärden, dann Lord, ein behender Rattler, der nachtsüber gewöhnlich im Stalle und zwar auf dem Rücken der braunen Stute schlief, die 23 Tübingen als Reitpferd diente. Ferner Mohrchen, der Liebling Benediktes, ein prächtiger schwarzer Pudel, und schließlich ein winziges braunes Etwas, das Cosy hieß und der aussterbenden Rasse der »kurzhaarigen Zwergaffenpinscher« angehören sollte. Frau von Tübingen hatte dies Hundediminutiv einmal von Frau von Seesen auf Langenpfuhl geschenkt bekommen und vergötterte es förmlich. Sie verließ ungern Hohen-Kraatz, aber Cosys wegen hatte sie sogar die weite Reise nach Berlin nicht gescheut. Cosy fing nämlich an, infolge der göttlichen Faulheit, der er sich mit Vorliebe hingab, allmählich seine schöne Taille zu verlieren, begann auch im Schlafe zu schnarchen und ein klein wenig asthmatisch zu werden. Das ängstigte die Baronin derart, daß sie beschloß, einen berühmten Berliner Tierarzt zu konsultieren, der Cosy nach genauer Untersuchung seines leidenden Zustands eine leichte Karlsbader Kur verordnete, das heißt, es wurde ihm bei jeder Mahlzeit eine kleine Dosis Karlsbader Salz unter das Essen gemischt. Denn bei Cosy durfte man nur Essen sagen, nie Futter oder gar Fressen – das litt Frau von Tübingen nicht. Für Cosy war immer ein kleiner, blau ausgeschlagener Korb zur Hand, in dem er seine Tage verbrachte. Er hatte eine sehr zierliche Art, in diesen Korb hinein zu hüpfen, und bevor er sich niederlegte, drehte er sich immer erst dreimal um die eigene Achse und krümmte sich hierauf in Bretzelform zusammen. Es war in der That ein niedliches Tier, mit kurz gestutzten Oehrchen und einem winzigen Schwanzfragment, mit dem er nicht einmal mehr wedeln konnte. Wollte er dies, so bewegte sich sein ganzer kleiner fetter Körper in anmutigen Windungen. Frau von Tübingen behauptete stets, Cosy besitze menschliche Intelligenz. Sie sprach auch mit ihm, als ob sie ein menschliches Wesen vor sich habe und befragte ihn sogar öfters in allerlei Angelegenheiten um seinen Rat. 24 Legte er dann die Ohren zurück, so war dies ein Zeichen der Bejahung, und wenn er sein närrisches Backfischnäschen in eigentümlicher Art rümpfte und kräuselte, so galt es der Baronin als eine entschiedene Verneinung.

Bernd und Dietrich, die beiden Jungen, waren die ersten am Platze. Sie hatten Stupps vor der Veranda entdeckt und beratschlagten mit ihm das Aufhängen neuer Starkästen. Die herrenlose Zeit hatte die Zwillinge wirklich ein wenig verwildern lassen. Der letzte Hauslehrer hatte Tübingen nicht gefallen. Der Mann war ihm zu sehr Philologe gewesen. Namentlich die Geschichtsstunde ärgerte Tübingen. Er behauptete, Artaxerxes und Psamninit I. und die Seeschlacht bei Salamis seien lange nicht so wichtig als das eigene Vaterland; es war aber das Unglück, daß der Hauslehrer in der alten Historie viel besser beschlagen war als in der neueren Zeit und daß er von Alcibiades mehr wußte als von Blücher. So trennte man sich denn, und die Jungen hatten ein paar Wochen freie Zeit. Allerdings suchten sowohl die Eltern wie der Großpapa Teupen auch in dieser Zeit belehrend auf die Kinder zu wirken, aber es war doch nur ein mäßiger Ersatz für die fehlende erzieherische Kraft. Tübingen hatte den Knaben anfänglich täglich eine Unterrichtsstunde gegeben, abwechselnd Geschichte, Geographie, Rechnen und Litteratur, nach den vorhandenen Lehrbüchern. Das war indessen mehr Komödie als Schule. Tübingen wurde bei jeder Gelegenheit heftig, fuhr die Jungen grob an und ärgerte sich auch über die neue Orthographie und Lehrmethode; das war früher im Kadettencorps alles ganz anders gewesen. Frau von Tübingen und Graf Teupen waren keine besseren Schulmeister; schließlich wurde das ganze Haus nervös. Es war hohe Zeit, daß der neue Hauslehrer eintraf.

Nach den Zwillingen erschienen die drei Mädchen auf 25 dem Plane: Benedikte rosig und frisch, noch mit Backfischzöpfchen, drall und strotzend vor Gesundheit, aber die sonst so übermütig blitzenden Augen ein klein wenig verschleiert; sie hatte Angst, daß noch eine väterliche Strafpredigt nachkommen würde. Trudchen Palm hatte sich über die heimtückisch applizierte Erdbeere getröstet. Sie war bereits am frühen Morgen tadellos angekleidet, in frisch gewaschener heller Bluse, die die Form eines gut sitzenden Korsetts verriet, englischem Tuchkleide und gelben Stiefelchen. Auf ihrer Stirn kräuselten sich die Löckchen, und die spitzen Nägelchen ihrer Finger waren rosig blank poliert. Das ganze kokette kleine Persönchen strahlte und atmete eine appetitliche Sauberkeit aus. Sie war die Herzensfreundin Benediktes und pflegte seit Jahren einige Sommermonate in Hohen-Kraatz zu verleben. Ihre Mutter stammte aus einem verarmten adligen Hause, und das tröstete die gute Baronin über das Freundschaftsverhältnis Benediktes zu dem Apothekertöchterchen, das sie sonst nicht ohne weiteres gutgeheißen haben würde.

Die dritte im Kleeblatt war Miß Nelly Milton, zweiundzwanzigjährig und ebenfalls das, was Tübingen unter einem »niedlichen Käfer« verstand. Sie war seit einem Jahre im Hause und sollte Benedikte ursprünglich »Mores lehren«, aber schon nach zweiwöchentlicher Bekanntschaft hatten die beiden Mädchen Schwesternschaft getrunken und sich ewige Treue geschworen, »auch über den Tod hinaus«. Indessen übte das ernstere Wesen Nellys immerhin, wenn auch nur im allgemeinen, einen so guten Einfluß auf Benedikte aus, daß Herr und Frau von Tübingen auf eine »Aeltere und Würdigere«, an die man anfänglich gedacht hatte, verzichteten und die kleine Engländerin behielten.

Graf Teupen war trotz seines hohen Alters immer einer der ersten am Frühstückstische. Der Greis war von 26 einer erstaunlichen Frische und Elastizität. Er hatte schon vor gegen zwanzig Jahren die diplomatischen Dienste quittiert und mit dem letzten Orden auch noch den Titel Excellenz als Pflaster für den Ruhestand auf den Weg bekommen. Aber er machte keinen Gebrauch von seiner »Excellenz«, sondern ließ sich nach wie vor »Herr Graf« anreden. Er war ein zierlicher kleiner Herr mit einem Rokokoschnurrbärtchen, schneeweiß und zu scharfen Spitzen gedreht, sowie einem kurz gehaltenen, grünlich schimmernden Backenbart, der in der Mitte der Wangen nach englischer Sitte schnurgerade abrasiert war. Das noch volle grauweiße Haar war sehr sorgfältig gescheitelt und über die Ohren zurückgebürstet, und ebenso sorgfältig war die Kleidung des Grafen: taubengraue Beinkleider, weiße Piquéweste und ein Morgenjackett aus türkisch gemustertem Stoff, aus dessen Tasche der Zipfel eines seidenen Sacktuchs hervorlugte. Dazu trug er um den steifen weißen Halskragen einen flott gebundenen Schlips. Jeder der Ankömmlinge wurde zunächst von den Hunden begrüßt – sehr stürmisch von Cäsar, Lord und Mohrchen, und in bedeutend gemessenerer und vornehmerer Weise von Cosy. Cosy sprang nämlich nur aus seinem Korbe, strich rasch mit seinem Schnüffelnäschen über Kleidersaum, Hosenrand oder Stiefelspitzen, versuchte mit dem Schwanzfragment zu wedeln und kehrte sodann, in dem Bewußtsein, daß es sich einer solchen Anstrengung nicht lohne, in sein Körbchen zurück, wo er sich wieder zusammenringelte. Die Zwillinge und Benedikte küßten dem Großpapa die Hand, der seine Enkeltochter mit einem ernsten und strafenden Blicke maß, worauf diese sehr zerknirscht that, rot wurde und den Kopf senkte.

»Ja ja, Dikte,« sagte der alte Herr, »schäme dich nur, das schadet gar nichts! Du bist nun bald achtzehn Jahre, und in diesem Alter sind andre deinesgleichen schon 27 Hofdamen. Nun bitte ich dich, was würde deine gnädige Herrin sagen, wenn man sich bei Hofe erzählen wollte, du hättest einer schlummernden Jungfrau heimlich eine große und dicke Erdbeere in den Mund gesteckt! Glaubst du denn, das würde dein Ansehen erhöht haben? Ich bin überzeugt, selbst die Lakaien hätten sich über dich lustig gemacht und auch der Portier würde dich viel weniger respektvoll gegrüßt haben als sonst. Nein, liebe Dikte, man muß immer die Dehors zu wahren wissen. Was man ansonst als mutwilligen Streich auffassen könnte, gewinnt ein andres Ansehen, wenn es sich um eine junge Dame von Welt handelt. Und eine solche willst du doch sein? Wenigstens solltest du dir Mühe geben, eine solche zu werden. Ich bin überzeugt, Miß Milton ist sehr böse über diese Unart gewesen, denn in England gibt es derlei Vorfälle gar nicht. Nicht wahr, liebe Miß Milton?«

Miß Milton errötete nun ebenfalls und begnügte sich, mit dem Kopfe zu nicken. Zum guten Glück trafen jetzt auch die Eltern ein, sonst hätte Graf Teupen seine Rede wahrscheinlich wieder aufgenommen. So aber lenkte das Interesse, das Herr und Frau von Tübingen der Schmückung der Veranda zuwandten, auch die Gedanken des Großvaters ab, der mit den andern auf die Freitreppe hinaustrat. Zu den andern gehörten natürlich auch die Hunde, Cosy selbstverständlich auf dem Arm der Frau Eleonore, der Einzigen, die diese zart organisierte Tierseele von Grund aus verstand.

Auf der Veranda waren Stupps und zwei Dienstmädchen damit beschäftigt, die großen weißen Säulen mit Guirlanden zu umwinden.

»Sehr hübsch,« sagte Tübingen und nickte befriedigt. »Mehr ist gar nicht nötig. Ich höre, daß die Sänger im Dorfe dem jungen Herrn Baron bei seiner Ankunft ein Ständchen bringen wollen. Das will ich nicht, Riedecke; 28 sage es den Leuten, natürlich so, daß sie sich für ihren guten Willen nicht noch gekränkt fühlen. Ich möchte nur kein unnötiges Aufsehen haben; das kann ich nicht leiden. Die Guirlanden genügen. Ist die Posttasche noch nicht da?«

»Sie muß jeden Augenblick kommen, Herr Baron,« erwiderte Riedecke.

»Na schön – da wollen wir in Ruhe frühstücken! Bernd und Dieter, wenn ihr hübsch artig seid, könnt ihr euern Bruder von der Station abholen.«

Beide Jungen erhoben ein Jubelgeschrei.

»Papa,« sagte Dietrich, »ob mir der Max wohl eine Löwenhaut mitbringt? Versprochen hat er es mir.«

»Und mir einen Elefantenzahn,« fügte Bernd hinzu. »Aber ich glaube nicht, daß er Wort hält. Großpapa meint, die Afrikareisenden schnurrten alle.«

»Schnurren habe ich keinesfalls gesagt, mein Junge,« erwiderte Graf Teupen, während man allseitig am Frühstückstische Platz nahm. »Aber allerdings, die Afrikareisenden übertreiben gern, und nicht nur diese, sondern überhaupt alle Reisenden. Das liegt so in ihrer Natur.«

»Gerstäcker auch?« fragte Dieter. »Ja, Großpapa?«

»Ein bißchen – ja, ein bißchen wird er wohl auch übertreiben.«

»Großpapa, in dem Buche von Gerstäcker,« begann Bernd wieder, »das du uns zum Lesen gegeben hast, kommt eine prachtvolle Geschichte vor von einem Indianer, der auf einer Reihe lebendiger Krokodile über den Fluß gegangen ist – auf ihren Rücken, ohne daß sie ihn gebissen haben. Ich möchte gerne wissen, ob das wahr ist. Glaubst du das?«

»Es waren vielleicht zahme Krokodile,« warf Tübingen ein.

»Nein, ganz wilde,« entgegnete Bernd. »Der Indianer wurde verfolgt, aber den andern haben sie totgebissen! 29 Großpapa, das ist doch merkwürdig, daß sie gerade den Indianer nicht gebissen haben!«

Der Großpapa versuchte, die Seltsamkeit dieser Thatsache durch einen glücklichen Zufall zu erklären. Er galt in den Augen der Jungen für allwissend; für ihn konnte die Welt keine Geheimnisse haben. Das heftige Aufklärungsbedürfnis der Zwillinge brachte ihn häufig in Verlegenheit. Sie forschten und fragten ihn aus, bis er schließlich keine Antwort mehr geben konnte. Eines Abends wollte Bernd wissen, was die Sterne wären. »Weltkörper, mein Kind, wie unsre Erde.« »Aber wie hängen sie denn da oben am Himmel?« »Sie bewegen sich im leeren Raume.« »Was ist das: der leere Raum?« »Die Unendlichkeit, mein Junge.« »Aber, Großpapa, ich bitte dich, es muß doch alles einmal ein Ende haben, sonst hört es ja nie auf, und das gibt es doch gar nicht!« »Die Unendlichkeit hört eben nie auf, lieber Bernd.« . . . Bernd dachte nach und erwiderte dann in unbestimmtem Tone: »Nein, Großpapa, das kann ich nicht glauben. Ein Ende muß da sein. . . .«

Seit Max sich der Expedition des Doktor Haarhaus nach Usagara angeschlossen hatte, bevorzugte Graf Teupen die Kolonialpolitik. Ein besonderes Steckenpferd mußte er immer haben. Eine Zeitlang hatte er sich zur Beruhigung seines immer regsamen Geistes einer lebhaften Sammlerthätigkeit zu wohlthätigen Zwecken hingegeben. Mit wahrhaftem Feuereifer sammelte er so ziemlich alles, was irgendwie nur Verwendung finden konnte: Briefmarken und Eisenbahnbilletts und Korkpfropfen, die Stanniolhüllen der Weinflaschen, alte Zeitungen, Cigarrenabschnitte und Knöpfe – kurz hunderterlei wertloses Zeug, das er in seinem Zimmer in einem riesenhaften, noch aus dem vorigen Jahrhunderte stammenden Schranke sorgfältig geordnet aufbewahrte und nach Ablauf eines Jahres an die Zentralstelle des roten Kreuzes schickte. 30 Da er nun neugierig war, welches klingende Resultat seine Bemühungen um die Wohlthätigkeit eingebracht, so bat er um freundliche Abschätzung des eingesandten Materials. Und er erhielt umgehend mit einem längeren Dankbriefe die Nachricht, daß seine schätzenswerten Gaben dem ungefähren Betrage von sieben Mark und fünfzig Pfennigen gleichkämen. Dafür konnte man einem armen Waisenknaben allerdings nur einen Arm oder höchstens beide Beine bekleiden, aber nicht mehr – und das ärgerte den Grafen, der noch fünf Mark und zwanzig Pfennige für die Fracht bezahlt hatte, so sehr, daß er das Sammeln aufgab.

Die Kolonialpolitik interessierte ihn mächtig.. Das war ganz sein Fall: ein Kreuzzug gegen Sklaverei und Heidentum und zugleich eine Mehrung des Reichs. Er schnitt aus der »Kreuz-Zeitung« alle Notizen und Artikel, die koloniale Fragen betrafen, heraus und hob sie auf und studierte außerdem sämtliche Afrika behandelnden Bücher, die er in der Hausbibliothek vorfand. Allzuviel waren es nicht und auch nicht die neuesten. Aber dem Grafen genügte zunächst das Vorhandene. Es war da besonders ein Buch, in das er sich mit großem Eifer versenkte: »Des Herrn A. Roberts Historie der New-gefundenen Völcker Severambes, welche einen Teil des Dritten festen Landes, so man sonften Africam nennet, bewohnen, darinnen eine gantz newe und eigentliche Erzehlung von der Regierung, Sitten, Gottes-Dienst vnd Sprache dieser denen Europäischen Völckern biß anhero noch unbekannten Nation enthalten« – ein Werk, von dem er behauptete, daß es ein Vorgänger der Schilderungen Livingstones sei. Hin und wieder verschrieb er sich übrigens auch ein neueres Reisewerk, um Max bei seiner Rückkehr durch seine Kenntnisse zu überraschen. Das machte ihm Spaß und füllte seine freie Zeit aus, die er im Uebermaß besaß. Im Grunde genommen grollte er der Regierung bitter, daß 31 sie ihm »im besten Mannesalter« den Laufpaß gegeben hatte, denn daß er niemals ein hervorragenderer Vertreter der Diplomatie, sondern eigentlich immer nur ein gewandter Repräsentant gewesen war, wollte er selbstverständlich nicht wahr wissen. Wie er in allen seinen Neigungen für die moderne Zeit wenig übrig hatte, so wurzelte er auch in seinen staatsmännischen Anschauungen ganz im Vergangenen und Ueberlebten, gewissermaßen im Hofton der Allonge. Das ehrliche Maklertum dünkte ihn ziemlich brutal, die politische Intrigue Mittel zum Zweck. Und diese Vorliebe für die kleine Intrigue, die derzeitig der Grund für seine Verabschiedung gewesen war, hatte er auch mit in den Ruhestand übernommen. Er intriguierte noch heute ein bißchen – »für den Hausgebrauch«, wie sein Schwiegersohn meinte – glatt lächelnd, händereibend, liebenswürdig und Phrasen ausstreuend, wie eine Scribesche Lustspielfigur.

Die Ankunft der Posttasche unterbrach die Frühstücksarbeit. Das war immer ein Moment von einer gewissen Feierlichkeit. Man hörte draußen auf der Veranda den schweren Stapfschritt des alten Inspektors Bruhse, der die Mappe brachte. Der Wagen, der jeden Morgen mit den plombierten Milchkannen nach der Station fuhr, holte die Mappe auf der Post ab. Dann wurde sie Bruhse überliefert, wenn er zum Morgenrapport antrat, und Bruhse überreichte sie wieder, auf der Veranda wartend, dem alten Riedecke, der sie mit seinem feinen Lächeln Teupenscher Abstammung und kurzer Verneigung Tübingen präsentierte.

Aller Augen ruhten auf der schwarzen Ledertasche mit ihren abgescheuerten Ecken und ihrem runzlig gewordenen Ueberzug. Tübingen pflegte dadurch die Spannung zu verlängern, daß er die Mappe zuerst mit langsamen Bewegungen vor sich hinlegte und dann in allen seinen zahlreichen Taschen nach dem Schlüssel suchte. Und regelmäßig 32 fand sich dieser Schlüssel erst in der letzten Tasche. Aber ehe der Baron aufschloß, pflegte er die Mappe jedesmal noch genau zu besichtigen, wobei er nie zu bemerken unterließ: »Könnten uns auch 'mal bald eine neue gönnen!« Dann erst wurde sie geöffnet und ihr Inhalt dem Tageslicht übergeben.

Der war nun auch immer höchst interessant. Da gab es stets zahlreiche Kreuzbandsendungen, die hintereinander erbrochen und beiseite gelegt wurden; Ankündigungen von erprobten Düngemitteln, von Lotterieen, von landwirtschaftlichen Maschinen, Sämereien, Dachpappefabriken, Fischbrutanstalten, Ziegeleien und dergleichen mehr. Hierauf kamen die Zeitungen: die »Neue Preußische« und das »Wochenblatt der Johanniterballey Brandenburg« für den Grafen Teupen, die »Post« für den Hausherrn, das »Daheim« und »Quellwasser für das deutsche Haus« für Frau Eleonore. Endlich die Briefpost – das war die Hauptsache. Trudchen Palm rückte bereits ungeduldig auf ihrem Stuhle hin und her. Sie hatte eine ausgebreitete Korrespondenz. Mit ihren Pensionsfreundinnen schrieb sie sich wöchentlich, und es verging kaum ein Tag, an dem sie nicht selbst einen Brief erhielt, auf rotem, gelbem, safranfarbigem, grünem und blauem Papier und zuweilen in ganz winzigen Couverts, zuweilen auch in schmalen und länglichen, von der Form eines geplätteten Glacéhandschuhs. So ein Brief kam beispielsweise heute an, und er war auch leicht parfümiert und die Marke darauf saß nicht an gewöhnlicher Stelle, sondern hinten auf der Verschlußseite, quer geklebt.

»I Gott bewahre,« sagte Tübingen, Trude den Brief über den Tisch reichend, »was ist das wieder für ein unbändiges Format! Und dann möchte ich wohl wissen, warum Ihre Freundinnen so eine besondere Vorliebe für ein irreguläres Aufkleben der Freimarken haben! Manchmal rechts 33 und manchmal links und manchmal in der Mitte des Couverts und heute gar hinten. Das muß doch notgedrungen den abstempelnden Postbeamten in Verwirrung bringen, was im Interesse des Königlichen Dienstes und auch der briefempfangenden Menschheit eigentlich vermieden werden sollte. . . .«

Trudchen erwiderte nichts, dachte sich aber ihr Teil. Was verstand Herr von Tübingen denn von der Briefmarkensprache, die ihr eine unsägliche Freude bereitete! Zum Beispiel: die quergeklebte Marke hinten bedeutete einfach »in Treue fest«; gab es etwas Sinnigeres und Reizvolleres als dieses? Was ließ sich durch die Briefmarken nicht alles sagen – auch manches sehr Süße und äußerst Geheimnisvolle, das man dem indiskreten Papier nur ungern anvertraute.

Miß Nelly erhielt einen Brief aus England, und dann blieben noch zwei weitere Briefe für den Baron liegen, beide nicht ohne Wichtigkeit. Tübingen erzählte: »Da schreibt mir der alte Amtsrat Kielmann aus Schnittlage, daß sein Neffe, der Dr. Haarhaus, bereits vorgestern bei ihm eingetroffen sei und ein lebhaftes Verlangen habe, Maxen begrüßen zu können. Ob Max schon hier sei und ob wir nicht alle zusammen am Nachmittag auf ein paar Stündchen zu ihm kommen wollten. Na, das fehlte mir gerade! Kielmann mit seinen ostindischen Bowlen und seinem kalten Punsch liegt mir im Magen. Da kneipt man sich jedesmal fest und am andern Morgen hat man einen dicken Kopf.«

»Man braucht sich ja nicht zu übernehmen, lieber Eberhard,« bemerkte Frau Eleonore, nach dem zweiten Briefe schielend. »Wenn du ein klein wenig mäßiger im Genusse alkoholischer Substanzen sein wolltest –«

»Bitte, Eleonore,« fiel der Gemahl ein, furchte die 34 Stirn und warf einen Seitenblick auf die Kinder, um dadurch anzudeuten, daß ihm eine Maßregelung in deren Gegenwart durchaus nicht passe; »im übrigen kommt Max heute erst an, und wenn er seinen Freund Haarhaus wiedersehen will, mag er sich ihn aus Schnittlage holen.«

»Es würde mich lebhaft interessieren, den berühmten Afrikaner kennen zu lernen,« sagte Teupen, »– lebhaft! Sein erstes Buch hat mir außerordentlich gefallen; apropos, ich hoffe, daß Max sich auch zu einer schriftlichen Darlegung seiner Reiseerlebnisse entschließen wird. Das kann ihm für seine weitere Carriere nur förderlich sein.«

»Ueberlassen wir es ihm, lieber Papa,« entgegnete Tübingen. »Wie ich Maxen kenne, wird es ihm einige Mühe kosten, seine Antipathie gegen Tinte und Feder zu überwinden –«

»Du darfst nicht ungerecht sein, Eberhard,« fiel die Baronin ein. »Seine Briefe waren immer inhaltreich und sehr unterhaltend –«

»Sehr unterhaltend,« bekräftigte auch Graf Teupen. »Das hat mich eben auf den Gedanken gebracht, Max solle ein Buch über seine Reise veröffentlichen. Er besitzt zweifellos eine gewisse schriftstellerische Ader – vielleicht kann ihm der kleine Kletzel auf Grünau dabei behilflich sein –«

»Auch noch,« warf Tübingen ein, und seine Frau wehrte energisch ab.

»Nein, bester Papa,« sagte sie, »ich habe mir neulich aus der Leihbibliothek einen Roman von Herrn von Kletzel schicken lassen, um doch auch einmal etwas von ihm zu lesen, und ich kann dir sagen, ich habe einen horreur bekommen. Das war ein höchst unmoralisches Buch, voller frivoler Liebschaften, und unsre guten, braven Bauern hat er geschildert, als ob das alles Spitzbuben und Verbrecher wären. Ich meine, dieser Herr von Kletzel thäte besser, er widmete sich 35 mehr seiner Landwirtschaft, als daß er solche Bücher in die Welt setzt.«

»Wahrscheinlich bringen ihm seine Bücher mehr als seine Felder,« erwiderte Graf Teupen, während Tübingen den zweiten Brief erbrach und überflog.

»Aha,« sagte er. »Na, Jungens, freut euch: ihr kriegt endlich einen neuen Hauslehrer! Bernd, mach' nicht ein so mürrisches Gesicht, potztausend, ihr müßt doch selbst froh sein, daß nun wieder der geregelte Unterricht beginnt! Habt ihr denn gar keine Ehre im Leibe?«

Das schien in diesem Falle wirklich zweifelhaft zu sein, denn sowohl Bernd als auch Dieter zeigten sehr betrübte Mienen.

»Wie heißt er, Papa?« fragte Dieter.

»Reinbold. Das ist ein sehr hübscher Name und wehe euch, wenn ihr ihn wieder so verhunzt wie bei Doktor Kleinechen! . . . Eleonore, sieh dir einmal die Zeugnisse durch; sie sind vortrefflich. Der Mann ist allerdings Theologe, nicht Philologe –«

»Das schadet nichts,« erwiderte die Baronin. »Theologen gewähren eine größere Garantie für die Sittlichkeit ihrer Lebensführung. Dabei fällt mir ein: mit unserm Pastor geht es doch gar nicht mehr! Er muß sich schon auf einem Stuhle in die Kirche tragen lassen. Wir müssen wirklich ernsthaft an einen Ersatz für den alten Mann denken.«

»Ich werde einmal mit ihm Rücksprache nehmen,« antwortete Tübingen. »Ich möchte gern, daß er selber den Wunsch äußert, sich emeritieren zu lassen. Ein Glück noch, daß er keine Familie besitzt, für die er zu sorgen hat! Schwer genug wird es uns ankommen, uns erst wieder an einen neuen Pfarrer zu gewöhnen. Aber es geht wirklich nicht länger; es muß sein.«

36 Ein schüchternes Räuspern auf der Veranda machte den Sprechenden darauf aufmerksam, daß draußen noch immer der Inspektor wartete. Tübingen erhob sich; das war das Zeichen, daß sich auch die Kinder entfernen durften. Die Jungen stürmten in den Garten. Benedikte ging mit ihren Freundinnen auf den Geflügelhof; das war ihr Bereich, und es gab dort viel zu thun. Ein paar Hühner brüteten; junge Enten wurden erwartet, und die eine Pfauhenne war krank.

Tübingen hatte seine Uhr gezogen.

»Mütze und Stock, Riedecke,« befahl er. »Ich gehe nach Schlag vierzehn, Frauchen, bin aber um Zehn wieder hier. Sorge dafür, daß der Max ein ordentliches Frühstück vorfindet. Ein Glas Wein dazu; man muß anstoßen können. Bin nur neugierig, ob er sehr braungebrannt aussieht und sich einen Kolonialbart hat wachsen lassen. Na adjö!«

Er ging und stieg in belehrendem Gespräch mit seinem Inspektor die Verandatreppe hinab.

Graf Teupen nahm seine beiden Zeitungen unter den Arm.

»Hast du ein Viertelstündchen für mich übrig, Eleonore?« fragte er seine Tochter, die schon nach ihrem Schlüsselkörbchen gegriffen hatte, um sich an ihr Regiment zu begeben.

»Selbstverständlich, Papa. Gilt's etwas Sekretes?«

»Nun ja – gewissermaßen. Gehen wir in den Obstgarten; ich revidiere bei dieser Gelegenheit gleich meine Pfirsiche und die neuen Okulierungen.«

Die Baronin schloß ihr Schlüsselkörbchen in den Wandschrank und rief mit zärtlicher Stimme ihren geliebten Cosy, der aus seinen Kissen hüpfte und in zierlichem Trippelschritt dicht an ihrer Seite blieb.

Der Obstgarten lag hinter dem Schlosse, dicht an den 37 Park grenzend, in dessen Wiesen und Bosketts er sich in quadratischer Form hineinschob. Die Baumblüte war vorüber. Die Frucht setzte an oder reifte bereits. Zwischen den dichten Buschreihen der Himbeer-, Johannis- und Stachelbeersträucher erstreckten sich sauber geharkte Wege. Die Obstbäume standen in langen Fronten, wie zum Parademarsch aufmarschiert. Nur hie und da fielen Sonderexemplare auf, ein Pflaumenbaum, der wie ein Fragezeichen emporwuchs, ein Birnbaum, dessen Astwerk sich kugelförmig zusammenrankte, ein andrer, der so seltsam gewachsen war, daß er wie eine riesige, zum Sprung ausholende Heuschrecke aussah. Das war die Züchtung des Grafen Teupen, der gern die Natur korrigierte und die jungen Bäume durch allerhand Fesselungsmittel zuweilen zu den widersinnigsten Formen und Auswüchsen zwang. Er »korrigierte« auch noch in andrer Weise, pfropfte zum Beispiel einen Apfelzweig auf einen Kirschbaum und einen Birnbaumast auf einen Weißdorn und was derlei Kuriositäten mehr waren.

»Sieh da, Eleonore,« sagte er beim Betreten des Gartens, »die Kirschen werden schon rot. Aber in den Erdbeeren hat wieder jemand herumgetrampelt und gerade in meinen König Alberts. Da ist Dikte die Urheberin gewesen. Uebrigens alle Achtung vor deinen Melonen! Es war gut, daß du sie so lange in den Warmbeeten ließest. Die rötlich genetzte da drüben ist die Cantaloupe Konsul Schiller, auf die mich der Amtsrat Kielmann aufmerksam gemacht hat. Also nun höre, Eleonore: es ist Zeit, daß wir uns der Frau von Seesen wieder ein wenig mehr zu nähern versuchen.«

Frau von Tübingen nickte, mit dem alten Herrn den Mittelweg hinabschreitend und dabei scharfäugig den Garten überschauend.

»Ich konnte mir denken, daß das kommen würde, 38 Papa,« erwiderte sie mit leichtem Lächeln. »Aber erst laß den Max nur erst wieder einmal festen Fuß fassen –«

»Kann er ja und soll er,« fiel Teupen eifrig ein. »Indessen, liebes Kind, ich muß dich doch darauf aufmerksam machen, daß nicht viel Zeit zu verlieren ist. Wie lange wollt ihr den Jungen denn hier behalten?«

»Er mag bleiben, so lange er will. Sein Urlaub läuft erst im Herbst ab. Dann soll er auf das Auswärtige Amt zurück. Unter uns, Papa, von seiner Carriere halte ich nicht viel. Ich ängstige mich auch darum nicht; will er noch zu Lebzeiten Eberhards Hohen-Kraatz übernehmen – was schadet es? Wir ziehen uns dann nach Drake zurück.«

»Schön, schön; ich hätte nichts dagegen; ich fühle mich auf Drake ebenso wohl wie hier. Wenn ich nur meine paar Bücher und meine Bäume und Erdbeeren habe, dann bin ich schon zufrieden. Aber ich meine, die entente cordiale zwischen Hohen-Kraatz und Langenpfuhl muß angeknüpft werden, eh uns der Max wieder nach Berlin entwischt. Herrgott, liebe Eleonore, die Sache ist doch von Wichtigkeit! Denke 'mal an: dieses prachtvolle Langenpfuhl! Und war zweihundert Jahre Tübingenscher Besitz, bis das thörichte Testament des alten Carlaugust dies Paradies an die Seesens brachte. Und dann Frau von Seesen selbst! Gibt es denn auf hundert Meilen im Umkreise ein weibliches Wesen, das besser zu Maxen paßt?!«

»Nun ja, nun ja,« erwiderte die Baronin kopfnickend, »ich hätte wahrlich nichts gegen eine solche Verbindung – das weißt du ja auch. Frau von Seesen ist mir in hohem Grade sympathisch, hübsch, vornehm, elegant, aus guter Familie –«

»Aus erster. Sie ist eine Komtesse Pleydenwulff.«

»Gewiß, und die Pleydenwulffs gehören, ich glaube, zum fränkischen Uradel. So sagtest du mir wohl einmal. 39 Finalement – ich bin durchaus für diese Partie. Indessen – vorderhand macht mir Frau von Seesen nicht den Eindruck, als ob sie gewillt wäre, zum zweitenmal zu heiraten.«

Graf Teupen warf heftig den Kopf in den Nacken.

»Diable, mein Herz, sie kann doch nicht ewig ledig bleiben?! Eine blutjunge Frau – und kinderlos! Was soll denn aus Langenpfuhl werden? An irgend einen ihrer gleichgültigen Vettern fallen? Das kann sie selber nicht wünschen!«

Man war am Ende des Gartenweges angelangt und machte nun kehrt. Zuweilen blieb die Baronin stehen, um nachzusehen, ob die Artischocken reichlich angesetzt hätten oder wie die Tomaten trieben.

»Lieber Papa,« sagte sie, »Frau von Seesen hat, denke ich, nicht in allzu glücklicher Ehe gelebt. Seesen war, Gott hab' ihn selig, ein ziemlich roher Patron. Nun ja, das war er. Ein Nimrod, ein arger Spieler und lief auch den Weibern nach. In der Kirche sah man ihn nie und auf der Synode machte er seine Witzchen. Der Superintendent hat es mir erzählt. Dabei eifersüchtig wie ein Othello. Erst nach seinem Tode hat die arme Marinka ein bißchen aufatmen können.«

»Aber drei Jahre Freiheit sind genug,« bemerkte der Graf.

Frau Eleonore zog die Schultern hoch.

»Das ist die Frage, Papa. Für Marinka vielleicht nicht. Max hat überdies doch auch mitzusprechen. Ich weiß zwar, daß er die Seesen sehr gern hat, aber es ist fraglich, ob er von seinem Liebesschmerz völlig kuriert ist, ob er nicht immer noch an die Warnow denkt.«

»Da sei Gott vor,« entgegnete der Graf erschrocken. »Er kennt unsern Willen. Nur der Warnow wegen haben wir ihn auf die Weide nach Afrika geschickt. Er hat sie 40 nie wiedergesehen und er wird sie auch nie wiedersehen. Hast du je etwas von ihr gehört?«

»Nein – nichts. Frau von Seesen verschaffte ihr eine neue Stellung – irre ich nicht, in der Schweiz.«

»Die Schweiz ist weit.«

»Sie wird sicher ihr gutes Fortkommen finden. Ich habe au fond viel Sympathieen für sie übrig gehabt, ihr auch ein glänzendes Zeugnis mit auf den Weg gegeben.«

»War nur recht von dir, Eleonore. Es ging mir wie dir. Ich hatte sie sehr gern. Sie erinnerte mich immer« – Teupen strich mit der Rechten über seine Stirn – »ich weiß nicht an wen. Aber sie hätte Maxens Bewerbung mit größerer Energie abweisen müssen – hätte einsehen müssen, von vornherein, daß eine Ehe mit ihm eine Unmöglichkeit!«

»Du lieber Gott, Papa – sie war geblendet –«

»Ja, sie war sozusagen hypnotisiert. Gattin eines zukünftigen Majoratsbesitzers, Frau von Tübingen, vermögend, in glänzender sozialer Stellung – das alles mag das arme Mädchen gelockt haben. Trotzdem – sie hat sich sehr vernünftig benommen. Ich trage ihr keinen Groll nach.«

»Ich auch nicht – gewiß nicht. In Herzensdingen verzeihen wir Frauen manches. Wir können übrigens auch Max nachsagen, daß er sich taktfest und richtig aufgeführt hat. Er ist nicht mit dem Kopf durch die Wand gerannt, sondern hat sich schließlich gefügt. Teupensches Blut! Die Ueberlegung siegte.«

Der Graf war stehen geblieben und kratzte mit den Nägeln an der Rinde eines Spalierpfirsichs.

»Ein Wurm, ich möchte wetten,« sagte er. »Man muß den Gärtner immer mit der Nase draufstoßen – der Gellrich fängt an, schlafmützig zu werden. Aber zur Sache! Ihr müßt nächster Zeit doch eine Gesellschaft geben – das 41 Kalb schlachten zur Heimkehr des verlorenen Sohnes – da wird die Seesen natürlich auch geladen –«

»Natürlich. Eberhard wird allerdings schimpfen. Er haßt die Gesellschaften. Aber es hilft ihm nichts. Besser wär's freilich schon, man hätte die Marinka öfters einmal und in kleinerem Kreise, vielleicht ganz en famille, bei sich.«

»Das soll später kommen. Zuerst ist eine Beschnupperung notwendig, um mich waidmännisch auszudrücken. Selbstverständlich halten wir Aelteren uns diplomatisch zurück. Aber wir arrangieren es so, daß Max und die Seesen zuweilen allein sind. Das laß mich nur machen; auf derlei Schiebungen verstehe ich mich. Also wir sind uns einig, Eleonore: zuerst die Gesellschaft, vielleicht schon in nächster Woche. Mach' das mit Eberhard ab! Ja – apropos – von unsern gelegentlichen Rücksprachen, Ideen und Kombinationen braucht Eberhard nichts zu wissen – nicht zu viel. Er hat eine zu feste Hand. Die Tübingens waren nie Diplomaten. Er würde da zerstören, wo wir aufzubauen suchen. Das ist kein Mißtrauensvotum, aber die Vorsicht gebietet eine gewisse Diskretion. Nicht wahr, Eleonore?«

»Jawohl, Papa. Die Teupens sind feinfühliger. Die Tübingens haben auch ihre guten Seiten, aber sie sind aus derberem Holze. Gerade bei heiklen Angelegenheiten merkt man das recht. Eine affaire d'amour ist ihnen wie ein Roggenhandel. Der zartere Sinn geht ihnen ab und, ich kann mir nicht helfen, auch der feste Glaube an unsre Eigenstellung in der Gesellschaft und an die Weihe der Tradition. Max konnte sich einmal etwas vergeben, aber er kehrte doch reuevoll zur Familie zurück. Er hat Pietätgefühl und ist stolz auf seinen Namen; er ist eben ganz Teupensch. Bernd und Dieter sind noch zu jung, aber siehst du, die Dikte, die macht mir Kummer. Das ist das Tübingensche Holz. Du streitest dich öfters einmal mit Eberhard, weil er dir zu 42 mittelparteilich ist und politisch zu wenig rückgratfest, und die Dikte ertappe ich sogar zuweilen auf förmlich demokratischen Neigungen.«

»Aber, Eleonore, ich bitte dich – sie ist doch noch ein Kind!«

»Mit achtzehn Jahren und ihrer Ausgewachsenheit und ihrem hellen Kopfe! Nein, Papa, sie hat tausend unnütze Raupen hinter der Stirn und ist ein mutwilliges Ding – das täuscht uns. Aber sie ist doch schon ein ganz fester Charakter, und wenn sie über sogenannte Standesvorurteile lacht, so kommt das von innen. Ich habe die größte Angst, sie wird uns einmal ein Schnippchen schlagen und sich Hals über Kopf in einen verlieben, der uns gar nicht paßt.«

»So halten wir uns die fern, die uns nicht passen! Das ist doch ganz einfach. Das ist ja das Angenehme auf dem Lande, daß man nicht vom Verkehr überschwemmt wird. Die paar Bürgerlichen, die dann und wann zu uns kommen, sprechen nicht mit. Wie denkst du denn über den Grafen Semper?«

Die Baronin schüttelte den Kopf.

»Nicht gut, Papa. Er ist ein wilder Mensch, dazu arm, hat nichts als seinen alten Namen. Es eilt mir mit der Dikte auch nicht; sie kann getrost noch ihre paar Jährchen warten. Aber ich muß in das Haus; die Wirtschafterin weiß nicht aus noch ein, sobald sie allein ist. Bleibst du noch im Parke?«

»Ja, Eleonore. Ich muß meine Bäume einmal gründlich revidieren. Ich traue dem Gellrich nicht mehr. Wir sind uns ja klar. Allewege echt Teupensch! Addio!«

Er warf seiner Tochter ein Kußhändchen auf zwei Fingern nach und wandte sich sodann mit Eifer und Emsigkeit seinem Spalierobst zu. 43


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