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Das Heiratsjahr

Fedor von Zobeltitz: Das Heiratsjahr - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Heiratsjahr
authorFedor von Zobeltitz
year1900
firstpub1900
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleDas Heiratsjahr
pages317
created20120127
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erstes Kapitel.

In welchem sich Fräulein Benedikte von Tübingen nicht vorteilhaft einführt und auch ein Längeres über das Heiratsjahr der gräflichen Familie von Teupen gesprochen wird.

Im sogenannten Gartensalon des Herrenhauses stand der alte Riedecke und ordnete den Frühstückstisch. Das dauerte gewöhnlich ziemlich lange, denn zu dieser frühen Stunde pflegte der alte Riedecke sich nicht sonderlich zu beeilen. Er war im letztverflossenen Monat sechzig Jahr geworden, aber er sah noch immer recht stattlich aus, auch heute, wo er statt des langen Livreerocks eine weiße Leinenjacke mit blauen Streifen trug. Die Halsbinde war wie immer mit größter Sorgfalt gefältet, denn an ihr war nach der Meinung Riedeckes ohne weiteres zu erkennen, ob man es mit einem herrschaftlichen Diener zu thun habe oder einem ganz gewöhnlichen Lakaien. Die modernen Schlipse waren Riedecke ein Greuel; es mußte eine Binde sein, ein schmales weißes Tuch, das man zweimal zusammenlegte und so um den Halskragen schlang, daß es einen lockeren Knoten bildete. Nur das war eines herrschaftlichen Dieners würdig.

Riedecke lächelte, während er um den großen, blank geputzten Samowar Tassen und Teller ordnete. Ein leichtes und ganz sanftes Lächeln lag fast immer auf seinem glatt rasierten Gesicht. Es war dies das Lächeln eines vornehmen Diplomaten, der damit seine Seele zu verbergen trachtet. 4 Graf Teupen hatte eine ähnliche Angewöhnung aus seiner diplomatischen Carriere in den Ruhestand hinübergerettet, und da Riedecke ehemals der Kammerdiener des alten Herrn gewesen war, ehe er gleichfalls einen beschaulichen Posten auf Hohen-Kraatz gefunden hatte, so war dies sanfte politische Lächeln auch auf ihn übergegangen.

Nun war der Tisch in Ordnung. Der Samowar glänzte hell, aber auf einer Kredenz an der Querwand stand auch noch eine Kaffeemaschine, denn während die älteren Herrschaften den Thee bevorzugten, pflegten die Kinder zum Morgenimbiß Kaffee zu trinken. Der Frühstückstisch war ziemlich geräumig; man konnte acht Tassen zählen – die Familie mußte groß sein. Und so war es auch. Außer dem Hausherrn, dem Baron Tübingen mit seiner Gattin und den Kindern Benedikte, Bernd und Dietrich, lebte auch noch der Vater der Baronin, der alte Graf Teupen, auf Hohen-Kraatz, außerdem hatte Benedikte eine Engländerin bei sich, Miß Nelly, und eine kleine Freundin, Trudchen Palm, das Apothekerstöchterchen aus Seeberg.

Der alte Riedecke nickte mit wohlgefälligem Lächeln über die acht Tassen hinüber. Er liebte ein volles Haus. Und es sollte noch voller werden. Ein neuer Hauslehrer wurde für die Junker erwartet und vor allem der Baron Max, der Aeltestgeborene des Besitzers von Hohen-Kraatz, nachdem er anderthalb Jahre lang sich mit den schwarzen Bestien in Afrika herumgeschlagen hatte. Dieser Afrikareisende war derzeitig der »Stolz des Hauses« – so hatte Graf Teupen seinen Enkel noch beim gestrigen Mittagsessen bezeichnet. Das Lächeln Riedeckes wurde breiter und verlor auch etwas von seiner diplomatischen Weichheit, als er daran zurückdachte; vor zwei Jahren nämlich hatte derselbe Graf Teupen Maxen die »Schande der Familie« genannt. . . .

Es war sehr gemütlich im Gartensalon. Oben, am 5 gemalten Plafond, küßten sich ein Faun und eine Nymphe. Beide waren an die hundert Jahre alt und in dieser langen Zeit waren sie nur ein einziges Mal aufgefrischt worden und zwar von dem Stubenmaler in der benachbarten Kreisstadt. Daß dies kein Künstler war, sah man an der ganzen Art der Erneuerung, aber der Mann hatte wenigstens Wunsch und Willen der Frau Baronin erfüllt und den üppigen Gliedern der Nymphe etwas mehr Bekleidung gegeben, als ihr ursprünglich zugedacht worden war. Merkwürdig an dieser Nymphe war auch das zinnoberrote linke Ohr, das sie dem Beschauer zuwandte. An dieser Stelle hatte sich nämlich vor kurzem ein klein wenig Putz abgelöst. Das sah sehr häßlich aus, doch da man aus so geringfügiger Ursache nicht erst den Malermeister aus Seeberg kommen lassen wollte, so hatte Benedikte die Renovation übernommen. In der Farbe hatte sie sich nicht vergriffen, sie besaß einfach kein andres Rot als das Zinnober. Es ging übrigens ganz gut; der Papa meinte allerdings, die Nymphe sehe aus, als hätte sie sich das linke Ohr erfroren, doch fügte der Großpapa diesem Scherz tröstend hinzu, die alten niederländischen Meister hätten immer so starke Farbenkontraste geliebt, und es sei ganz klar, daß sich Benedikte an den Niederländern heranbilden wollte.

An den Wänden des großen und sonnenlichten Raumes hingen zahllose Geweihe; sowohl Tübingen wie sein Schwiegervater waren eifrige Jägersleute – der alte Graf hing sich noch oft genug, trotz seiner zweiundsiebzig Jahre, die Flinte auf den Rücken und schlenderte über die Felder und hinein in den Wald, und schoß er kein edleres Wild, so blaffte er wenigstens eine Krähe oder eine Eule zu Boden, die dann für Bernd und Dieter ausgestopft wurden.

Riedecke öffnete nunmehr die große Glasthür, die aus dem Gartensaal zunächst auf eine offene Veranda führte. 6 Von ihr aus übersah man den ganzen vorderen Teil des Parks mit seiner schönen breiten Nußbaumallee, die weit hinten durch ein eisernes Thor abgeschlossen wurde. Es war noch ziemlich früh am Tage, kaum sieben Uhr, und so prangte der Park noch im vollen Schmucke der Erfrischung, die ihm die erquickliche Kühle der Juninacht gespendet hatte. Rechts und links der Allee dehnten sich weite Rasenflächen aus, auf denen der Morgentau glitzerte und die kulissenartig von grünen Bosketts eingefaßt wurden. Auf der einen Seite der Wiesenniederung sprang aus dem Gewirr von Fliederbüschen, Schneeballen, Jasmin und Spireen in kurzen Bogen das Silberband eines Baches hervor, das sich dann wieder im matten Dunkel der Hecken verlor, um hinter dem Herrenhause einem stattlichen Weiher, den Benedikte den »Schwanensee« getauft hatte, Nahrung zu geben. Die Rasenflächen waren übrigens nicht nach sogenannter englischer Sitte kunstgerecht abgeschoren, sondern wurden als Wiesen behandelt, die ihren Heuschnitt zu liefern hatten; infolgedessen wucherten denn auch wilde Blumen in hundertfältiger Fülle auf ihnen und webten eine ganze Farbenskala in das aufstrebende Grün.

Der alte Riedecke war, angelockt durch die Schönheit des Morgens, auf die Veranda getreten und dann die breite Steintreppe hinab in den Garten gestiegen. Hier traf er auf einen jungen Burschen, der eine gestreifte Leinenjacke ähnlich der seinen trug, dazu aber hohe Stulpenstiefeln und pralle weiße Lederhosen. Der Junge hatte einen geflochtenen Korb im Arm, aus dem volle Büschel von Feldblumen, Gräsern und Laubwerk quollen.

»'Morgen, Herr Riedecke,« sagte er und nickte mit dem Kopfe.

»'Morgen, Stupps,« erwiderte der Alte; »wo denn hin mit dem Grünzeug?«

7 Der mit dem merkwürdigen Namen »Stupps« Angeredete blieb einen Augenblick stehen und grinste vergnügt.

,.In die Gesindestube,« entgegnete er; »die Guirlanden sollten schon längst fertig sein, aber ja woll –«

»Ja woll,« wiederholte Riedecke mißbilligend, »die Mädel haben wieder bis Sechs in den Federn gelegen, und nun schicken sie dich aus, die Blumen zusammenzusuchen! Laß dir das doch nicht gefallen! Du hast doch sonst den Mund auf dem rechten Fleck!«

»Ach – na – Herr Riedecke, ich thu's ja ganz gerne,« sagte Stupps, und Herr Riedecke wußte auch weshalb.

»Ich will dir mal was sagen, Stupps,« sprach er mit ernster Stimme, wobei er aber doch sein wohlmeinendes Lächeln um den Mund behielt. »Es ist mir nicht unbekannt geblieben, daß du seit einiger Zeit auf lächerliche Art und Weise um die Alwine herumschwenzelst und ihr auch neulich eine Brosche vom Jahrmarkt mitgebracht hast. Zu so etwas bist du noch viel zu jung, Stupps, merke dir das. Kaum sechzehn Jahre und schon hinter den Mädeln her! Wenn du nicht sonst deine Pflicht thätest, würde ich dir bereits derb auf die Finger geklopft haben, doch so soll's noch einmal mit einer Ermahnung abgehen. Du weißt, daß mir nicht nur der Herr Baron befohlen hat, auf dich aufzupassen – ich hab's auch deiner Mutter versprochen. O – und ich habe gute Augen! Es schickt sich nicht, solche Kurschneiderei – es ist dies überhaupt Unsinn, weil nie etwas Gutes dabei herauskommt; laß dir das von einem sagen, der die Sache kennt. Und jetzt gehst du zu den Mädeln, gibst deine Blumen ab und sagst, Herr Riedecke hätte verboten, daß sie dich als Laufburschen benutzten; du hättest mehr zu thun. Alle Augenblick kann der Herr Baron nach dem Badewasser klingeln, und dann schimpft er wieder, wenn du nicht da bist. Drücke dich!«

8 Stupps entfernte sich schleunigst mit rotem Kopf und im Laufschritt, um unten in der Gesindestube, wo vier weibliche Wesen damit beschäftigt waren, Kränze und Guirlanden zu binden, einen Sturm der Entrüstung hervorzurufen, als er erzählte, was Herr Riedecke befohlen hätte.

Dieser selbst war indessen unter leichtem Kopfschütteln über den Unverstand der Jugend rechtsseitig um das große viereckige Schloß geschritten und wollte sich soeben in den kleinen Beerengarten verlieren, wo um diese Zeit gewöhnlich die beiden Pfauen zu räubern pflegten, als er am Giebelstock ein Fenster klingen hörte.

»Pst – Riedecke!« rief zu gleicher Zeit halblaut eine Stimme.

Riedecke schaute auf und stellte sich in Positur. Oben nämlich war ein zausiger Blondkopf sichtbar geworden, ein fröhliches Backfischgesicht mit lachenden roten Lippen und blitzenden Schelmenaugen.

»Gnädiges Fräulein?« antwortete der Alte und fügte hinzu: »Wünsche schönen guten Morgen, gnädiges Fräulein!«

»'Morgen, Riedecke! Riedecke, kannst du mir nicht einen Frosch fangen?«

Der Alte war sehr verwundert.

»Einen Frosch?« wiederholte er. »Ja – das wird mir schwer halten – mit meinen alten Beinen. Die Dinger sind flinker wie ich und so quabblich: wenn man schon einen erwischt hat, huppst er doch gleich wieder davon. Ich werd's Stupps sagen. Muß es denn gleich sein?«

»Ja natürlich,« antwortete das Fräulein; »ich wollte ihn der Miß Nelly in die Waschschüssel legen –«

»Aber, gnädiges Fräulein,« sagte Riedecke erschreckt, »da gibt's doch nachher wieder Schimpfe!«

»Die gibt's,« entgegnete Benedikte. »Weißt du was: 9 bringe mir ein paar Erdbeeren herauf – ein paar recht große und reife!«

»Schön, gnädiges Fräulein, das ist mir schon lieber wie die Froschgeschichte. . . .«

Der Backfisch nickte noch einmal, dann klirrte abermals das Fenster ganz leise, und sein weißer Vorhang bewegte sich flüchtig hin und her.

Im Schlafzimmer der Mädchen herrschte ein mattes silbernes Dämmerlicht. Das Gemach war groß, aber nichts weniger als luxuriös ausgestattet. Kein Teppich, nur ein paar Felle vor den beiden Betten, zwei Waschtische und ein großer Spiegelschrank an den Wänden, dazu ein paar goldumrahmte Lithographieen: die Schlacht bei Bunkershill und Friedrich der Große bei Zorndorf. Oberhalb eines kleinen Toilettetischchens befand sich noch ein weiterer Wandschmuck: dort waren zwanzig bis dreißig buntfarbige Neujahrs-, Geburtstagsgratulations- und sogenannte Christmaskarten in malerischem Durcheinander mittels kleiner Nägel angeheftet worden; auch einige Liebigbilder und andre kolorierte Reklamen waren darunter.

Neben dem Bette Benediktes schlief ihre Freundin Trudchen, die in diesem Augenblick weniger niedlich aussah als im Dasein des Tages. Das hübsche Gesichtchen war nämlich mit Mandelkleie bepudert und die braunen Löckchen über der Stirn waren in Papilloten gedreht. Die auf der Bettdecke ruhenden Hände steckten in langen verwaschenen Wildlederhandschuhen. Das Mädchen schlief noch fest und ruhig und hatte dabei den Mund geöffnet. Benedikte behauptete, die Trude schnarche auch zuweilen wie ein erwachsener Mann.

Benedikte war vom Fenster zurückgesprungen, betrachtete einen Moment lächelnd ihre schlummernde Freundin und huschte dann in ihrem bis zu den Knöcheln reichenden 10 Nachtgewande an die nur leicht angelehnte Thür zum Nebenzimmer, lauschte und öffnete sie hierauf leise und vorsichtig. Auch in diesem Gemache, das etwas komfortabler eingerichtet war, herrschte das gleiche Dämmergrau wie nebenan. Vor dem Waschtische stand eine große Badewanne aus Gummi als Symbol englischer Reinlichkeit, und in dem Bette unter dem geblümten Cretonnehimmel schlief Miß Nelly Milton den Schlaf der Gerechten.

Da es in diesem Augenblicke etwas zaghaft an die Thüre klopfte, so sprang Benedikte eilfertig an diese und nahm durch die Spalte aus Riedeckes Hand die bestellten Erdbeeren entgegen, die auf einem großen Weinblatte lagen. Es waren Prachtexemplare, kirschrot, von ovaler Form, Sorte »König Albert von Sachsen«, die Lieblinge Großpapa Teupens, der sich, um Bolingbroke zu ähneln, lebhaft für die Gartenwirtschaft interessierte. Benedikte suchte die größte der Früchte heraus, einen Koloß in seiner Art, und schlüpfte damit in ihr Bett zurück. Dann neigte sie sich über ihre Freundin Trudchen und steckte ihr rasch die Erdbeere in das immer noch offene Mäulchen, worauf sie schnell ihre Bettdecke bis an den Hals hinaufzog und gleichfalls Schlummer erheuchelte, heimlich aber auf die Folgen der geglückten Unart lauschte.

Sie blieben dann auch nicht aus. Trudchen begann zuerst zu schnaufen, dann zu röcheln und hierauf zu ächzen und krampfhaft zu schlucken – und plötzlich sprang sie mit einem wilden Schrei aus dem Bette.

»Zu Hilfe! Dikte – Nelly – zu Hilfe! Ich sterbe – ich muß sterben!« . . .

Im Zimmer nebenan wurde es lebendig. Schreckensbleich stürzte Miß Nelly herbei; Benedikte hatte sich nur aufgerichtet und machte ein harmlos verwundertes Gesicht.

»For God's sake!« jammerte die kleine Engländerin 11 und starrte Trudchen an, als ob sie einen Geist vor sich sehe; »Trudi, was hast du gemackt?!«

Trudchen stand am Waschtisch, hatte sich ein Glas mit Wasser gefüllt und gurgelte in allen Tonarten, wobei sie mit beiden Armen winkte.

»Laßt mich!« schrie sie zwischen durch, »ich muß sie wieder 'rauskriegen – ich sterbe – o Gott, o Gott, o Gott! – Schlagen Sie mich auf den Rücken, Miß Nelly – du auch, Dikte – ich habe eine Fledermaus verschluckt – oder einen Maikäfer – aber ich glaube – o Gott, o Gott, o Gott! – es war eine junge Fledermaus! Gebt mir noch mehr Wasser –«

»Nein, Milk!« rief Miß Nelly aufgeregt, »heiße Milk!« . . . Sie sprang an die Klingelschnur und begann zu läuten. »Milk muß es sein! Ganz heiß – das tötet das Maitier!« . . .

Der gelle Ton der Klingel rief Sturm. Es wurde lebhaft im Schlosse.

Nun bekam es auch Benedikte mit der Angst. Einen solchen Lärm hatte sie nicht erwartet. Sie konnte sich auf Stubenarrest gefaßt machen.

»Schrei doch nicht so, Trudel!« rief sie. »Nelly – Allmächtiger – hör' bloß mit dem Geklingel auf! Es war ja nur eine Erdbeere –«

»Nein!« kreischte Trudchen und griff wieder zum Wasserglase; »ich spür' es – es war doch ein Käfer – er krabbelt im Magen – er will wieder 'raus –«

»Bringen Sie heiße Milk!« befahl Miß Nelly durch die geöffnete Thür den beiden herbeigeeilten Zofen; »so viel heiße Milk, als da sein –«

»Unsinn!« schrie Benedikte dazwischen, nun auch aus dem Bette springend, »es war ja doch nur ein Scherz von mir! Ich habe Trudchen eine Erdbeere in den Mund 12 gestopft – da liegen ja noch die andern! Seid doch nicht verrückt!«

Jetzt öffnete sich mit raschem Ruck die Zimmerthür und Frau von Tübingen trat ein, noch in der weißen Nachthaube und einem weiten Schlafrock aus verschossenem blauen Samt.

»Um Gottes willen, Kinder!« stammelte sie, »was ist denn los?! . . .«

Trudchen hatte sich auf einen Stuhl gesetzt, schluckte noch immer und weinte dabei. Benedikte sah sehr betrübt aus und Miß Nelly hatte sich hinter die Thür ihres Kabinetts zurückgezogen. Keine antwortete.

»Was los ist?« fragte die Baronin nochmals. »Trudchen, liebes Kind, was weinen Sie denn? – Benedikte, was hat es gegeben?«

Beide Angeredete senkten nur die Köpfe. Nun aber wurde Frau von Tübingen ungeduldig; sie ahnte bereits, daß Benedikte wahrscheinlich wieder einen Unfug gemacht haben würde.

»Miß Nelly!« rief sie mit erhobener Stimme, »ich will wissen, was hier für Spektakel gewesen ist! Sie müssen ihn doch auch gehört haben!«

»Jawohl, Frau Baronin,« antwortete Nelly aus dem Nebenzimmer; »Fräulein Trude hat geglaubt, daß sie ein Käfervieh verschluckt haben solle, aber es war kein dieses.«

»Es war bloß eine Erdbeere,« setzte Benedikte sehr kleinlaut hinzu. »Mamachen, ich habe einen Witz gemacht, weil Trudchen immer mit offnem Munde schläft –«

Zum Glück erdröhnte in diesem Augenblick der donnernde Weckruf des großen Gongs unten im Hausflur und verschlang teilweise die Strafpredigt der Mama. Aber doch nur teilweise. Man hörte, wie sie über die Witze Benediktes dachte und sie vom Standpunkte der guten Erziehung wie 13 insbesondere von dem adliger Grundsätze aus recht herbe beurteilte. Es sei einer jungen Dame aus vornehmem Hause nicht würdig, sagte sie, einer Schlafenden Erdbeeren in den Mund zu stopfen; denn ganz abgesehen davon, daß dadurch leicht Störungen in der Luftröhre vorkommen könnten, bekunde ein solches Thun auch einen außerordentlichen Mangel an Delikatesse und an weiblichem Zartgefühl. Freilich – bei Benedikte appelliere man leider Gottes immer vergeblich an Zartsinn und Weiblichkeit; sie werde auch wohl niemals aus den Kinderschuhen herauskommen, und vor allen Dingen: welch ein entsetzlich schlechtes Beispiel gebe sie fortgesetzt ihren beiden Brüdern! . . .

Die Rede währte lange, war viel mit Fremdwörtern gespickt und wurde in strengem Tone vorgetragen, durch den aber immer etwas wie eine leise und zärtliche Sorge zitterte. Benedikte, die anfangs noch den Mund trotzig und maulend verzogen, aufrecht im Bette sitzen geblieben war, wurde von Satz zu Satz kleiner, sank völlig in sich zusammen und kroch schließlich unter die Decke, was die Mama für ein gutes Anzeichen beginnender Scham und Reue hielt. Denn nun hielt sie in ihrer Strafpredigt inne und wandte sich an Trudchen, an der ihr erst jetzt die Geheimnisse der Nachttoilette, der Puder, die Handschuhe und die Papilloten, auffielen, was sie innerlich von neuem entsetzte, denn sie hatte das Apothekerstöchterchen stets für einen Ausbund von Tugend und Wohlerzogenheit gehalten. Aber sie sagte nichts, zumal es nunmehr draußen auf der Diele abermals lebendig wurde. Man vernahm die polternde Stimme des Barons Tübingen, der ebenfalls wissen wollte, was das für ein Geschrei in den Zimmern der Mädchen gewesen sei, und dazwischen das beruhigende Organ des alten Grafen Teupen sowie das Indianergebrüll der in ihrer Morgenruhe gestörten beiden Jungen.

14 »Nun zieht euch an!« sagte Frau von Tübingen und trat auf die Diele zurück, wo ihr Vater und Gatte entgegenstürzten, während Bernd und Dietrich im Hemde unter ihrer Zimmerthür standen, gleichfalls neugierig darauf, zu erfahren, was es denn nun eigentlich gegeben habe. Die beiden zehnjährigen Buben – es waren Zwillinge – erhoben von neuem ein fürchterliches Geschrei, als die Mutter die Geschichte von der Erdbeere erzählte, und lachten dabei aus vollem Halse; der Baron aber war sehr ärgerlich.

»Es ist nicht zu glauben!« schimpfte er. »Eine Erdbeere! Und in den Mund, sagst du? Direkt in den Mund?! So eine infame Range! Wenn die Trude nun erstickt wäre? Es ist schon mal ein Mann an einem Pfirsichkern erstickt. Das geht nicht so weiter mit der Dikte, Eleonore! Ich steck' sie noch jetzt in eine Pension. Sie hat immer nur Flausen im Kopf!«

»Von wem hat sie sie denn, lieber Eberhard?«

»Vielleicht von mir? Hahahaha – na ja, nun krieg' ich es wieder! Wenn die Kinder ungezogen gewesen sind, ist regelmäßig der Vater daran Schuld. Aber du bist die Mutter, Eleonore, und wenn –«

Der alte Teupen, dessen zierliche Greisengestalt ein alter, fahlgelber Schlafrock umschlotterte, erhob beschwörend die Hände.

»Keinen Zank, Kinder – ich bitte euch!«

»Lieber Papa, du wirst einsehen, daß es so nicht weiter geht. Man wächst mir über den Kopf. Miß Nelly ist nicht die richtige Leiterin für Dikte. Ich habe eine Alte und Würdige haben wollen –«

»Lieber Eberhard, das kenn' ich. Die wär' nicht vier Wochen geblieben. Du respektierst das Alter ebensowenig –«

»Keinen Zank, Kinder – ich bitte euch!«

»Lieber Papa, es handelt sich um keinen Zank, sondern 15 um eine Auseinandersetzung. Um eine ganz einfache Auseinandersetzung. Dieter und Bernd sind nun schon wieder vier Wochen ohne Hauslehrer –«

»Weil dir der letzte zu viel alte Geschichte lehrte –«

»Nein, weil er dir nicht fein genug war! Weil er immer mit dem Messer aß! Das hätte man ihm aber abgewöhnen können –«

Graf Teupen erhob wieder die Hände.

»Ist es denn nötig, daß das alles hier oben auf der Diele besprochen wird!?« klagte er, seinen Schlafrock über den Leib zusammenziehend. »Erstensmal werden wir uns auf den Tod erkälten und – Gott, was schreien die Jungen!« unterbrach er sich, hielt sich die Ohren zu und eilte beflügelten Fußes davon.

Tübingen stürmte in das Zimmer der Zwillinge, die sich damit beschäftigten, während des Ankleidens Kriegstänze aufzuführen, donnerte gewaltig los, nahm die Jungen an den Ohren und kehrte dann endlich in sein eigenes Schlafgemach zurück, das neben dem der Baronin am Ende eines langen Flurgangs lag, der die Diele im oberen Stockwerk kreuzte.

Nach Austobung des offiziellen Donnerwetters war Tübingen wieder ruhiger geworden. Er lachte sogar leise vor sich hin, während er an die umständliche Prozedur des Waschens ging, die stets mit einer Ueberschwemmung des Schlafzimmers endete. Ganze Fluten sprudelten umher; die Cyklopengestalt des Barons neigte sich über den Waschtisch, und aus den Schwämmen, die er in beiden Händen hielt und über den Nacken ausdrückte, plätscherte das Wasser in dicken Strahlen herab. Haar und Bart rieselte, und dabei pustete und stöhnte der Baron und hielt ununterbrochen Selbstgespräche. Die Erdbeergeschichte belustigte ihn doch; er liebte dergleichen, wenn er auch darüber räsonnierte. Eleonore hatte ganz recht: die Dikte schlug nach ihm – sie 16 war ganz Tübingensch. Ein tolles Mädel, aber Rasse in ihr. Die Jungen waren genau so unbändig – bis auf Max, den Aeltesten – in dem saß noch etwas von der Teupenschen Diplomatie. . . .

Der Storch war dreimal bei Tübingen zu Gaste gewesen, aber immer in weiten Zwischenräumen. Max war achtundzwanzig Jahre alt; zehn Jahre später hatte Benedikte zum erstenmal die Sonne über Hohen-Kraatz aufgehen sehen, und wiederum acht Jahre danach waren die Zwillinge eingetroffen. Da hatte der dicke Tübingen aber einen Schreck bekommen. Auf einen so reichen Himmelssegen war er nicht vorbereitet gewesen. Drei Jungen war ein bißchen viel, zumal er sich nur auf zwei eingerichtet hatte. Max sollte Hohen-Kraatz erhalten, das Majorat war, und der zweite, falls noch ein zweiter käme, das pommersche Gut Drake, das durch die Teupens an die Familie gefallen war. Nun war allerdings der zweite glücklich eingetroffen, mit ihm zugleich aber auch noch ein dritter, und dies Geschehnis verschob die ganzen väterlichen Pläne. Es war so wie so eine ziemlich verwickelte Sache mit der Feststellung des Erstgeburtsrechts bei den Zwillingen. Zwischen der Geburt der beiden lag eine Zeitspanne von etwa zwölf Minuten, aber die Jungen hatten sich im Wiegealter so täuschend ähnlich gesehen, daß sich schon nach der ersten halben Stunde ein Zweifel darüber erhob, wer der um zwölf Minuten ältere sei. Vater und Großvater behaupteten, Dieter sei es, die Mutter schwor dagegen auf Bernd, und die Hebeamme wußte gar nicht Bescheid und wurde noch angeschnauzt, weil sie sich bei einer so wichtigen Sache nicht ein Erkennungszeichen gemerkt hatte. Vorläufig wurden die Knaben recht und schlecht im Hause erzogen, sollten dann nach Liegnitz auf die Ritterakademie und später Offiziere werden. Alles übrige würde sich schon finden.

17 Baron Tübingen hatte nunmehr seine Toilette vollendet. Sie war mehr als einfach. Tübingen gab auf seinen äußeren Menschen gar nichts, zum steten Aerger seiner Frau, die diese philosophische Verachtung des glänzenden Scheins durchaus nicht zu teilen vermochte. Er trug gewöhnlich – und so auch jetzt – eine schon ziemlich schäbig gewordene Lodenjoppe von unbestimmter Farbe, in deren weiten Taschen er stets ein ganzes Arsenal verschiedenartiger Gegenstände barg: zum Beispiel ein Taschenmesser, das wie ein Hirschfänger aussah, eine kleine Gartenschere, eine Tabaksdose aus Buchsbaum, ein Sacktuch von roter Farbe und kolossalem Umfange, eine abgenutzte Cigarrentasche mit langen gelben und merkwürdig fleckigen Holländern – zuweilen auch Kartoffelproben, Patronenhülsen und Papierpfropfen, Zündhölzerschachteln, eine Hundepfeife, dazu den Briefeingang des Tages und die Morgenzeitung, dann und wann auch einen Hirschkäfer für Bernd oder einen Laubfrosch für Dieter: kurzum, die Taschen dieses Flauschrocks, den nur Stupps reinigen durfte, glichen stets einem kleinen Museum oder der Bude eines Wanderkrämers, in der alles Mögliche vertreten ist.

Das Kostüm wurde durch weite Beinkleider vervollständigt, die in Schaftstiefeln steckten, sowie durch eine rot und grün gestrickte Jagdweste und ein Unding von Kopfbedeckung, eine Art Mütze mit Ohrenklappen, die oberhalb des Kappendeckels zusammengebunden waren. Sehr wenig harmonierte mit diesem An- und Aufzuge das Monocle, das Tübingen ständig trug. Er hatte sich in seiner Leutnantszeit daran gewöhnt und ließ es auch heute nicht mehr aus dem Auge. Tübingen hatte vor vierzig Jahren bei der Garde du Corps gestanden, und es war schwer zu glauben, daß dieser dicke alte Krautjunker damals der eleganteste Offizier des vornehmen Regiments gewesen sein sollte. Ja, 18 noch mehr – die Baronin pflegte sogar in heiteren Stunden zu erzählen, daß man ihren Eberhard ehemals nicht mit Unrecht den »schönsten Offizier Seiner Majestät« genannt habe. Das war heute recht schwer erklärlich. Der Baron war ein Riese, aber doch mehr Falstaff als Wotan. Das braune Gesicht umrahmte ein wilder, grau gesprenkelter Vollbart, der im Winde wie eine Sonnenblume auseinanderflatterte und nur bei feierlichen Gelegenheiten unter das Schermesser kam. Aber in diesem dicken kupferfarbenen Antlitz leuchteten ein paar prächtige hellblaue Augen, grundgute Augen, vor denen man sich auch nicht fürchten konnte, wenn sie im Zorne blitzten. Und das kam zuweilen vor, denn wie die meisten gutmütigen Menschen, so brauste auch Tübingen schnell einmal auf, um fünf Minuten später reumütige Abbitte zu leisten.

Auch jetzt that es ihm leid, daß er vorhin seiner Gattin gegenüber heftig geworden war. Diese beiden Menschen paßten im Grunde genommen wenig zu einander, hatten sich aber aus Liebe geheiratet und ihre Liebe überdauerte die Zeit und den häuslichen kleinen Krieg, in dem sie vielfach lebten. Frau Eleonore war gewiß eine vortreffliche Gattin und Mutter, doch voller Schwächen und Eigentümlichkeiten, und dabei war das Schlimme, daß diese Schwächen auf ganz anderm Gebiete lagen als jene des Ehegemahls, so daß es niemals an gegenseitigen Reibereien fehlte. Sie besaß vor allen Dingen etwas, was man heutzutage eigentlich nur noch bei einem gewissen Stamm von Emporkömmlingen findet: einen ausgesprochenen Adelstick, der nicht kränken sollte, zuweilen aber dennoch verletzte. Für die Baronin gab es thatsächlich noch eine schwer zu überbrückende Kluft zwischen Adel und Bürgertum, einen besonderen Himmel für die mit und ohne »von«; sie hielt das für natürlich und dachte sich nichts weiter dabei. Und diese zeitweilig 19 übertriebene Vornehmthuerei, die bei der innerlich in Wahrheit vornehmen und gütigen Frau um so lächerlicher wirkte, ging mit ihrer Neigung zu allerhand hochmütigen Allüren Hand in Hand. Die burschikosen Redeglossen, die der Baron bevorzugte, waren ihr schrecklich, und wenn er sie einmal in behaglicher Philisterlustigkeit »Mutterken« titulierte, konnte sie böse werden. Schon die Abkürzung ihres klangvollen Vornamens Eleonore ärgerte sie; als Max in seiner Studentenzeit das bekannte Lied von der Lore mit nach Hause brachte, war sie außer sich, weil ihr Gatte bei diesem Singsang behaglich schmunzelte und sie mit listigem Blinzeln von der Seite anschaute. Sie hatte ihm schon am Lendemain verboten, sie Lore zu nennen.

Der Baron öffnete das Fenster und stieß die Läden vollends auf und klopfte sodann an die Nebenthür. Seine Gattin war gleichfalls bereits völlig angekleidet und sah mit ihrem rosigen Gesicht und dem weißen Haar, der vollen schweren Gestalt und in ihrer immer geraden Haltung noch recht gut aus. Sie saß vor ihrem kleinen Schreibtisch am offenen Fenster und blätterte in einem Buche, dessen Lektüre sie so beschäftigte, daß sie das Ungewitter von vorhin gänzlich vergessen zu haben schien.

»Guten Morgen, mein Liebling,« sagte Tübingen beim Eintritt; »man könnte dies ›Guten Morgen‹ für eine Dublette halten, aber für mich beginnt der Tag immer erst mit dem Morgenkuß, folglich gilt das Frührendezvous auf der Diele nicht. Darf ich fragen, was du so eifrig studierst?«

Er neigte sich über sie und küßte ihre Stirn, was sie sich ruhig gefallen ließ.

»Ich suchte nach einer Brosche,« entgegnete sie in freundlichem Tone, »und denke dir, da fand ich mein altes Tagebuch wieder, das mir vor zwei Jahren verloren gegangen war. Es hatte sich hinter das Schubfach geklemmt, und 20 wenn ich nicht nach der Brosche gesucht hätte, würde es wahrscheinlich bis zu meinem Tode hinter dem Schubfache liegen geblieben sein.«

»Und das Buch interessiert dich so schrecklich, daß du darüber die Frühstücksstunde vergißt?«

»Ja gewiß! Das heißt nein – so schrecklich ist es nicht. Aber doch immerhin interessant. Ich blätterte nur so ein bißchen in dem Tagebuche und da ist mir denn aufgefallen, daß wir heuer wieder ein Heiratsjahr haben.«

»I,« sagte der Baron, »sieh einmal an! Ein Heiratsjahr. Was verstehst du darunter, wenn ich fragen darf?«

Frau von Tübingen lächelte.

»Dein Gedächtnis hat wirklich ein bißchen nachgelassen, Eberhard,« meinte sie. »Du sollst dir nicht so viel den Kopf duschen, hat der Arzt gesagt. Ich habe dir die Geschichte mit dem Heiratsjahr doch schon ein paarmal erklärt. Die Großmama – meine – ist zuerst darauf gekommen. Bei den Teupens kehrt nach jedem Lustrum – Großmama sagte immer Lustnun – ein Heiratsjahr wieder.« Sie nahm von dem niedrigen Aufsatze des Schreibtisches einen der dort stehenden Gothaer Almanache und schlug ihn auf. »Der Grafenkalender ist schon vier Jahre alt,« fuhr sie fort, »aber das schadet nichts. Man hat doch noch eine ganz hübsche Uebersicht. 1795 heirateten vier Teupens, 1810 drei; dann kommt 1825 die stattliche Anzahl von sieben Hochzeiten, darunter Onkel Hans Carus, Onkel Philipp und Tante Röschen. 1840 läßt der Eifer nach; da haben nur zwei geheiratet; aber dann kommen 1855 wieder fünf an die Reihe – du und ich sind mit dabei. 1870 ließ sich Vetter Egon im Felde trauen – mit der kleinen Französin aus Nancy, die ihm nachher davongelaufen ist; außerdem heiratete Traute Borgstedt und Hans Carus der Zweite und in der Sylvesternacht zu Einundsiebzig der 21 verrückte Vetter Bogumil aus Langen-Krusatz. Na, und jetzt schreiben wir 1885!«

Sie schaute triumphierend zu ihrem Gatten empor, der freundlich mit dem Kopfe nickte.

»Ja, ja,« sagte er, »jetzt entsinne ich mich, daß du mir schon öfters von eurem berühmten Heiratsjahre gesprochen hast. Es ist in der That ein seltsamer Zufall, daß das immer so geklappt hat.«

Die Baronin schlug ihr Tagebuch zu und stellte den Gothaer wieder an seinen Platz.

»Zufall gibt es nicht, Eberhard,« erwiderte sie. »Es ist alles Vorherbestimmung. Paß einmal auf: wir werden auch diesjährig zu einer Hochzeit rüsten können!«

»Wer weiß?!« entgegnete der Baron. »Die Tübingens sind nicht so ordentliche Menschen wie die Teupens. Sie kümmern sich nicht um das Lustrum deiner Großmutter.«

»Das ist noch die Frage; in unsern heiratsfähigen Kindern steckt doch auch Teupensches Blut!«

»Gott gebe Gnade, Eleonorchen – du wirst doch die Dikte noch nicht verheiraten wollen!? Einen Kindskopf ersten Ranges! Denke 'mal: die Geschichte mit der Erdbeere! Das ist bezeichnend für sie. Keine Spur von Lebensernst!«

»Der wird schon kommen. Ich habe einen jungen Leutnant geheiratet, dem ich den Ernst auch erst allmählich anerziehen mußte. So etwas lernt sich. Uebrigens steife ich mich nicht auf Großmamas Heiratsjahr. Nun komm – wir wollen zum Frühstück! Und laß die Erdbeere ruhen. Benedikte hat ihre Strafpredigt abbekommen. Miß Nelly ist mir auch lieber als eine Alte und Würdige. Aber die kleine Trude, Eberhard – denke dir, sie schläft in ledernen Handschuhen und wickelt sich über Nacht Papierpfropfen in das Haar, damit die Löckchen bleiben! Hättest du das für möglich gehalten?«

22 »Nein,« entgegnete Tübingen lächelnd. »Oder doch – sie hat einen kleinen koketten Zug. Das lernen die Mädels in den Pensionen. Ich werde die Dikte lieber im Hause behalten.«

»Das dachte ich mir,« erwiderte die Baronin, sich erhebend. »Wenn du etwas anordnest, kann man sicher sein, daß schließlich das Gegenteil erfolgt. Hast du schon daran gedacht, daß wir Max heut zurückerwarten?«

»Ich habe sogar davon geträumt. Ich freue mich schrecklich auf den Jungen. Der Himmel gebe, daß er unten in Afrika seine Dummheiten vergessen habe! Wenn nur der Papa nicht gleich wieder mit seinen Plänen in Bezug auf Langenpfuhl herausrückt!«

»Das wird er gewiß. Aber ich werde ihm sagen, er soll vorsichtig sein. Man kann die Sache ja trotzdem im Auge behalten. Das Schlechteste wäre es nicht. Komm!«

Sie schob ihren Arm unter den des Gatten, und beide stiegen die Treppe hinab nach dem Gartensaal.


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