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Das Heiratsjahr

Fedor von Zobeltitz: Das Heiratsjahr - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Heiratsjahr
authorFedor von Zobeltitz
year1900
firstpub1900
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleDas Heiratsjahr
pages317
created20120127
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölftes Kapitel.

Ein langes Kapitel, dafür auch das letzte, in dem alles zu einem glücklichen Ende geführt wird.

Im Speisesaal brannte die große Krone nicht; dafür standen acht silberne Armleuchter auf der Tafel, die blendenden Glanz verbreiteten. Die Tafel sah hübsch aus; Benedikte hatte die Blumenbeete geplündert und auch das Treibhaus nicht geschont. Bevor man sich niedersetzte, bat Tübingen den künftigen Seelenhirten von Hohen-Kraatz, das Tischgebet zu sprechen. Dann wurden die Stühle gerückt, die Kleider der Damen rauschten und knisterten, und die Unterhaltung setzte sofort lebhaft ein.

Ländliche Soupers beginnen gewöhnlich mit Bouillon in Tassen. Dazu gab es Pastetchen, die von Auguste, der Zofe der Baronin, gereicht wurden. Tübingen benutzte die Gelegenheit, dem präsentierenden Mädchen nochmals 126 zuzuraunen: »Nicht so dicht auf den Leib, Guste! Immer 'ne Handbreit ab! . . .« Auch Frau von Lohusen, die er nicht leiden konnte, war ganz gut plaziert; auf der einen Seite Reinbold, auf der andern der dicke Palm. Das war eigentlich nur Bosheit Tübingens. Der Apotheker erzählte gern allerhand unappetitliche Geschichtchen von seinen Bacillenkulturen, und diese gönnte Tübingen der Lohusen. Dann folgte der Rittmeister von Kahlenegg mit der Gattin des Obersteuerkontrolleurs; der Rittmeister sprach fast nur von seinen Pferden, und die Kontrolleursgattin fühlte sich grundlos geschmeichelt. Graf Dachsberg, ein langer, schwipper Herr, dessen kurze Attila wie ausgewachsen aussah, saß neben Frau von Kahlenegg, und beide unterhielten sich vom Hofe. Am Ende der Tafel hatte Freese zwischen Bernd und Dieter Platz erhalten, während Nelly neben dem kleinen Kadetten saß, der sich zuerst an der Bouillon den Mund verbrannte und dann noch rasch eine zweite Pastete nahm. Nelly wartete eine Zeitlang, ob der Kadett mit der Unterhaltung beginnen würde und fragte endlich: »Werden Sie bald Leutnant, Herr Bieberich?«

Der Kadett hatte soeben in die zweite Pastete gebissen, erschrak, wurde rot, würgte etwas und entgegnete: »In sechs Jahren, Fräulein, wenn ich nicht sitzen bleibe.«

Dann schwiegen beide wieder längere Zeit. Der stumme Nachbar war Nelly auch ganz recht. Sie unterhielt sich desto lebhafter mit Freese, aber nur mit den Augen. Und auf diese Sprache verstanden sie sich vortrefflich. Es war merkwürdig, wie raffiniert die beiden harmlosen Menschen geworden waren. Wenn Nelly das linke Auge ein wenig zukniff, spitzte Freese den Mund, und blinzelte Nelly, dann flog ein helles Aufleuchten über Freeses Gesicht. Der ganze Mann war ein andrer geworden, war längst nicht mehr der arme, hungrige Kandidat von früher, war eine hübsche, 127 stattliche Erscheinung, Sonnenbrand auf den Wangen und frohes Glück im Ausdruck der lebhaften Augen. . . .

Nun fiel der Blick Tübingens in seiner prüfenden Umschau auf Kielmann und Frau von Kletzel. Der alte Amtsrat war überaus lustig; er kicherte und plauderte unausgesetzt, und seine Fröhlichkeit wirkte ansteckend auf die kleine Frau; denn auch sie lachte oft und herzlich, was Frau von Lohusen, die ihr schräg gegenüber saß, mit tiefem Ingrimm zu erfüllen schien. Sie neigte sich etwas zu Reinbold hinüber, schlug ihren Fächer auf und sagte halblaut: »Sind Sie ein Menschenkenner, Herr Pastor?«

»Ich weiß es nicht, gnädige Frau. Ich fürchte nein, da ich wenig kritisch veranlagt bin.«

»Ich ja im allgemeinen auch nicht. Aber ich denke mir, man braucht nicht allzuviel Menschenkenntnis zu besitzen, um Frau von Kletzel richtig beurteilen zu können.«

»Sie ist mir noch fremd, und ich habe mir aus eigenster Erfahrung vorgenommen, über andre Menschen erst dann zu urteilen, wenn ich ihr Denken und Handeln kennen gelernt habe. Das Gesicht lügt oft.«

»Mag sein, Herr Pastor. Aber man spricht doch viel über die Kletzel – recht, recht viel.«

»Gnädige Frau, ich denke mir, daß man immer viel über diejenigen spricht, die sich den Neid weniger Begünstigter zugezogen haben.«

Frau von Lohusen schaute etwas betroffen zu ihrem Nachbar hinüber, der ruhig fortfuhr: »Ich kann nur sagen, daß sie sowohl wie ihr Gatte mir gut gefallen – und auf die Medisance geb' ich nichts.«

»Um Medisance handelt es sich nicht« – die Stimme der Frau von Lohusen wurde zu leisem Zischen –, »sondern um das unerhört freie Betragen der jungen Frau! Alle Welt ist sich einig darüber.«

128 »Ach, gnädige Frau, die Welt! Ich glaube nicht, daß ihr Urteil immer von der Wahrheit bestätigt werden kann. Und worin zeigt sich denn das ›freie Benehmen‹ unsres Gegenübers? Es ist vielleicht nichts andres als der Ausfluß eines starken Unabhängigkeitsdranges, der die Alltagsheuchelei verabscheut. Und das könnte mich nur wohlthuend berühren, denn der Mut, sich ohne Maske und Mäntelchen zu geben, setzt immer einen gewissen sittlichen Wert voraus.«

Frau von Lohusen lehnte sich in den Stuhl zurück.

»Ich habe andre Ansichten von Ihnen erwartet, Herr Pastor,« sagte sie, immer noch leise, doch scharf zugespitzt.

Reinbold dachte an den vierunddreißigsten Psalm, Vers vierzehn, aber er citierte ihn nicht. Er erwiderte nur: »Gnädigste Frau, ich wiederhole: ich habe Frau von Kletzel erst heute kennen gelernt. Sie mag auch ihre Fehler haben. Aber ich möchte Sie, auf die Gefahr hin, in Ihnen den Glauben zu erwecken, ich wolle mit zweifelhafter Gelehrsamkeit kokettieren, an ein Wort des Euripides erinnern: der Frauen Fehler beschönigen ist Frauenpflicht. . . .«

Die Lohusen antwortete nicht, denn die Hummern erschienen. Doch sie ließ die Schaltiere vorübergehen; sie hatte den Appetit verloren. Und auch ihre stachlige Zunge schwieg.

Die Hummern erregten selbstverständlich Aufsehen. Der Amtsrat wurde wild, als man Remouladensauce herumreichte.

»Fort damit!« schrie er. »Nur frische Butter! Nur frische Butter! Gnädigste Frau, Vergebung, aber alles sträubt sich in mir! Stupps, setz' 'mal die Remoulade auf das Büffett! Schieb' sie weit zurück – oder nimm sie lieber ganz 'raus! Nimm sie ganz 'raus! Nein, gnädigste Frau – Hummern müssen genossen werden, wie sie aus dem 129 kochenden Wasser kommen – nackt! Ich selbst nehme nicht einmal Butter dazu. Im Aroma des Fleisches liegt zugleich der Geschmack. Manchmal gibt man sie à l'américaine, mit Trüffelgarnierung und derlei Chosen, oder en bellevue oder à la bordelaise – das sind einfache Barbareien! Ja, Barbareien, sage ich; denn ich bitte Sie, gnädigste Frau, wo bleibt da die Natur?!«

Sein Vortrag währte noch längere Zeit, indes die Baronin lächelnd den Befehl gab, die Remoulade durch frische Butter zu ersetzen, und Tübingen sich ärgerte. Er stand gewöhnlich auf leichtem Kriegsfuß mit dem Amtsrat.

»Was der Mensch immer zu mäkeln hat,« brummte er vor sich hin. Dann hob er sein Glas. »Prost, Kielmann!« rief er über den Tisch. »Solchen Rauenthaler können Sie sich suchen! Schon diese Blume – was?!«

Der Amtsrat griff nach seinem Römer und kräuselte die Nase, sog die Blume ein und wiegte den Kopf hin und her, schloß ein wenig die Augen und machte ein nachdenkliches Gesicht.

»Hören Sie 'mal, Tübingen,« entgegnete er, »da mischt sich 'was Fremdes in die Blume! Da hat man ein bissel Parfüm zugesetzt . . . ich will gleich einmal kosten . . . Ja, richtig, aber nur wenig . . . ein Atom parfümiert . . . trotzdem ein immerhin trinkbares Weinchen! Prost, Tübingen!«

Der Hausherr ärgerte sich noch mehr; aber er wußte schon, wie er sich revanchieren konnte. Er war bereits darauf eingerichtet. Er hatte ein Dutzend seiner Briefträger-Cigarren mit Bockbändern versehen und auch in eine Bockkiste gelegt. Die Kiste wollte er Kielmann vorsetzen. Die Cigarren waren groß, schwarz, sahen importmäßig aus und konnten nur von kräftigen Leuten im Freien geraucht werden. Und Tübingen freute sich schon jetzt auf das Gesicht des alten Kielmann, wenn dieser mit hohem Genuß die ersten 130 Züge gethan haben würde. »Warte man, min Jong,« sagte er sich, »ich werd' dir helfen! Parfümierte Weine – bei mir! Krächzen und ächzen sollst du, min Jong! Zucken und spucken sollst du, min Jong! . . .«

Aber die Hummern waren gut, und man lobte sie allgemein. Bernd und Dieter hatten jeder eine Schere erhalten und stritten sich, wer die größte bekommen habe. Trudchen Palm, die neben der Baronin von Gries saß, that so, als ob sie schon hundertmal Hummern gegessen hätte und bearbeitete ihr Schaltier mit dem Messer; das Messer glitt aus, und das Hummerfragment hüpfte in die Höhe und in schönem Bogen auf den Teller Reinbolds, der auf der andern Seite Trudchens saß. Reinbold nahm das indessen nicht übel, sondern rief lachend: »Kommt ein Vögerl geflogen« – was Frau von Lohusen unschicklich zu finden schien; denn sie rümpfte die Nase. In dieser mimischen Bewegung besaß sie eine große Uebung.

Frau von Seesen hatte ihre zusammengerollten Handschuhe in ihr Rheinweinglas geschoben.

»Soll das bedeuten, daß Sie als Temperenzlerin betrachtet zu werden wünschen, Gnädigste?« fragte Haarhaus.

»Ja, mein Herr; ich nehme nur ein Glas Sekt. Ich will einen klaren Kopf behalten und lediglich eine kleine Anregung haben.«

»Ah so; ich verstehe. Alle meine Sünden fallen mir ein. Ich fürchte, die Feier des Tages wird tragisch ausklingen. Soll ich wirklich die Baronin auf mich nehmen?«

»Lieber Herr Doktor, das ist abgemacht. Seien Sie kein Spielverderber! Sie haben es am leichtesten. Appellieren Sie einfach an das Herz der Mutter und Großmutter! Erzählen Sie der Baronin recht viel von dem kleinen Eberhard!«

»Schön; hoffentlich finde ich die geeignete 131 Verbindungsbrücke. Das ist immer das Schwerste. Ich weiß nicht recht, wie ich über meine hundert Lügen hinwegkommen soll. Ich könnte sagen, ich hätte aus Freundschaft zu Max gelogen. Doch die Lüge widerspricht dem Wesen der Freundschaft.«

»In diesem Falle war sie nur eine strategische Waffe. Aber ich verteidige sie deshalb nicht. Nun, lassen wir das Thema fallen; Frau von Lohusen horcht auf. Sie ist mir so wie so nicht grün. Sie hat mir nie verziehen, daß ich um meinen verstorbenen Mann nur ein halbes Jahr Trauer getragen habe. Und selbst damit erfüllte ich seinen letzten Willen nicht völlig.«

»Wünschte er keine Trauer?«

»Nein. Sie werden von ihm gehört haben. Er war ein eigentümlicher Mensch, von großen Gaben, aber wir verstanden uns nicht. Das soll öfters vorkommen in modernen Ehen, und deshalb hab' ich auch nie Klage über ihn geführt. Und ich glaube, auch über mich konnte er sich nicht beklagen, nachdem ich erst einmal – überwunden hatte, was zu überwinden nötig war. Nun also – wie gesagt, er wollte nicht, daß ich durch äußere Zeichen um ihn trauerte; er philosophierte gern, hatte Neigung für buddhistische Ideen und betrachtete den Tod nicht als Würger, sondern als einen holden Genius, der uns in neue Lebenssphären führt. Die Lehre von der Seelenwanderung hatte immer etwas besonders Bestechendes für ihn.«

»Ah – er glaubte an ein Wiederaufleben der Seele in neuer Hülle?«

»Ja . . . und er hatte sich sogar ein vollkommenes theosophisches System entworfen. Bei ihm wechselte ein stürmischer Lebensdrang mit der Neigung zu tiefsinniger Grübelei. So wünschte er unter anderem auch, daß ich mich wieder verheirate, um seine wandernde Psyche dem Einfluß der meinen zu entziehen; denn obwohl wir uns, wie ich schon 132 erwähnte, recht wenig verstanden, war er doch der Ueberzeugung, daß zwischen Seelen, die sich im körperlichen Leben sozusagen aneinander gewöhnt hatten, eine Verbindung auch nach dem Tode noch bestehen bliebe.«

Haarhaus schüttelte den Kopf. »Eigentümlich! Ich kann mir schon denken, gnädige Frau, daß Sie . . .« Er brach ab, nippte an seinem Glase und sagte dann mit ernstem Gesicht: »Ich würde diesen letzten Willen aber doch respektieren.«

Ein leichtes Lächeln flog über das Gesicht der jungen Witwe.

»Ich kann es nicht mehr. Der, für den er mich bestimmte, ist schon versorgt.«

»Wollte er, daß Sie Max –«

»Ja . . . er hatte sich in einer spiritistischen Sitzung mit dem Geist des verstorbenen Karl August von Tübingen dahin geeinigt. Durch Karl August, der eine Seesen als Stieftochter besaß, war nämlich Langenpfuhl den Tübingens verloren gegangen. So, wie ich Ihnen all das erzähle, klingt es mehr närrisch als ernsthaft. Und doch kann ich Sie versichern, daß ich mir Mühe geben mußte, über das heimliche Grauen fortzukommen, das mich derzeitig lange, lange gefangen hielt. Ich sah Gespenster im Sonnenschein – und sie flogen erst auf und davon, als ich Max glücklich unter der Haube hatte. . . . Begreifen Sie nun, warum ich mir so ernsthafte Mühe gab, diesen Ehebund zu fördern? – Ich wollte mich gleichsam von dem dämonischen Einfluß einer Seele freimachen, deren Walten ich noch immer um mich zu spüren meinte.«

Die beiden hatten so unauffällig leise miteinander geplaudert, daß man ihre Unterhaltung im Auf- und Niederschwirren der allgemeinen Konversation gar nicht beachtete. Nun richtete Graf Teupen eine Frage an Frau von Seesen, 133 und diese wandte sich von Haarhaus ab. Der Doktor war in merkwürdiger Stimmung. Frau von Seesen gab ihm allerhand Rätsel auf. Er hatte von ihrem verstorbenen Gatten schier Unglaubliches gehört – Unglaubliches von den tollen Orgien in Langenpfuhl, die mit spiritistischen Seancen und illuminatorischem Gaukelspiel wechselten. Erzählte man sich doch sogar, Seesen sei an den Folgen irgend eines geheimnisvollen »Lebensverlängerungselixiers« gestorben, das einer seiner Hausgäste, ein französischer Charlatan, der sich Graf Pétrouse nannte, fabriziert habe . . . in Langenpfuhl trieb sich stets eine wunderliche Gesellschaft von Abenteurern herum . . . Das eine aber sagte man allgemein dem Verstorbenen nach: daß er es wie selten einer verstanden habe, die Geister zu beherrschen. Und in der That mußte auch sein Einfluß auf seine Frau ein ungewöhnlich starker gewesen sein – sonst hätte sie sicher eine Scheidung von ihm durchgesetzt.

Haarhaus war stiller geworden. Er grübelte darüber nach, was ihm an Frau von Seesen so interessant erschien. Vielleicht berauschte ihn nur die Eigenart ihrer Erscheinung. Das grünliche Flimmern ihrer Augen barg gewissermaßen hundert unbeantwortete Fragen. Es machte den Eindruck, als sei das Ruhige und Abgeklärte ihres Wesens nur Schein; als sei im Grunde ihrer Seele noch viel zu lösen, zu läutern und abzudämpfen. . . .

Der helle Diskant des Amtsrats übertönte das Wogen der Unterhaltung. Riedecke goß den Sekt in die Gläser, und Kielmann hielt wieder einmal eine Ansprache, diesmal über die Vorzüge der herben Marken. Er trinke sonst nur Mumm Cordon-rouge oder allenfalls Pommery gout americain.

»Dann lassen Sie Ihren Sillery stehn!« schrie Tübingen mit rotem Kopf über den Tisch.

»Gott bewahre,« krähte der Amtsrat zurück, »man muß 134 sich an alles gewöhnen! . . .« und er leerte sein Glas, schüttelte sich und kniff dann vergnügt die Aeuglein zu.

Einen roten Kopf hatte auch der kleine Brada. Er hatte sich vorgenommen, heute mit Benedikte ins reine zu kommen. Bisher wußte nur Max von seiner Neigung, und der hatte ihn aufgemuntert, ihm aber auch zu verstehen gegeben, daß es mit der Zusage der Eltern wahrscheinlich nicht zu rasch gehen würde. Brada war arm; schon die Notwendigkeit, sich eine neue Attila oder einen neuen Gaul anzuschaffen, machte ihm Kopfzerbrechen. Und es war fraglich, ob Benedikte sich würde einschränken können. Sie war freilich in keineswegs luxuriösen Angewöhnungen erzogen worden, aber immerhin lebte man in Hohen-Kraatz aus voller Hand.

Brada nahm sein Sektglas und nickte seiner Nachbarin zu.

»Auf unser Wohl, Fräulein Benedikte,« sagte er. »Ich bin egoistisch; ich sage nicht: auf Ihr Wohl, sondern zirkle das meine mit ein. Geht's Ihnen übrigens gut, fühl' ich mich auch wohl. . . . Nun erklären Sie mir einmal, weshalb Sie vorhin so stürmisch den Hühnerhof verließen?«

Benedikte schlürfte ihren Champagner sehr langsam; sie fühlte, daß ihr das Blut in die Wangen stieg und wollte ihre Verlegenheit verbergen.

»Weshalb? . . . Ich weiß nicht mehr. . . . Ich glaube, mich rief die Mama. Oder der Großpapa. Es rief mich jemand. . . .«

»Ich hörte niemand rufen. Hörte nur noch eine Aeußerung von Ihnen, eh' Sie die Flucht ergriffen. Denn es sah fast wie Flucht aus.«

»Aber ich bitte Sie! Man flieht doch nur, wenn man Furcht hat.«

»Vielleicht hatten Sie so ein ganz klein bissel Furcht –«

»Oho – und wovor denn?!«

135 »Vor einer Erklärung im Hühnerhofe. . . . Es ist ja richtig: es gibt poetischere Oertlichkeiten zu derlei Geständnissen; aber man muß doch immer die Gelegenheit abwarten. Und die war da gerade gegeben; ich weiß nicht, warum – aber sie war gegeben. In Romanen muß dazu immer der Mond scheinen, möglichst der Vollmond. Den hab' ich neulich verpaßt; Sie wissen, an meinem Geburtstage. Da hätte sich alles wahrscheinlich viel schöner und sinnvoller machen lassen. Ich stand auch schon auf dem Sprunge, Sie hinten von der Insel zu holen; aber der afrikanische Doktor kam mir zuvor. . . .«

Benediktes Herz schlug rascher. Wenn Semper wüßte! . . . Erfahren mußte er es. Sie wollte nicht mit einem Geheimnisse in die Verlobung gehen. Denn die Verlobung stand nahe bevor; das spürte sie. . . . Mit zuckenden Fingern griff sie nach einer der Blumen, die auf dem Tisch lagen und begann sie zu zerpflücken.

Bradas Hand legte sich rasch und leise auf die ihre.

»Einen Augenblick,« sagte er; »seien Sie mir einmal ein Orakel! Pflücken Sie die Blätter von der Marguerite, die Sie in der Hand haben, nach und nach ab – mit Ja und Nein; das letzte Blatt soll entscheiden.«

»Soll ich mit Ja oder Nein anfangen?«

»Immer mit Ja. . . .«

»Nein,« antwortete Benedikte und riß das letzte weiße, rosig umränderte Blättchen ab.

Aber Brada schreckte dies Nein nicht. »Als Soldat kann ich nichts weiter entgegnen als: nun gerade!« sagte er. »Ich möchte eine Frage an Sie richten, Benedikte.«

»Bitte,« erwiderte diese und fügte leise und ahnungsvoll hinzu: »aber nicht so laut! . . .«

Semper zog einen kleinen Bleistift aus der Tasche und griff nach seiner Tischkarte.

136 »Ich werde mich in Hieroglyphen zu verständigen suchen; das fällt weniger auf.«

Und er malte ein etwas schief geratenes Herz auf die Rückseite der Tischkarte und schob diese mitsamt dem Bleistifte Benedikte zu.

»So, Benedikte, das sagt alles. Und nun antworten Sie mir!«

Benedikte hielt sich in der Gewalt. Sie errötete nicht einmal. Es war aber doch gut, daß sie in diesem Augenblick nicht beobachtet wurde; es flog ein Sonnenleuchten über ihr Gesicht. Dann malte sie wacker und ungeschickt ein kleines Herz mitten in das von Semper gezeichnete hinein.

»Nun sagt einmal, Kinder, was tuscht ihr denn da?!« rief Tübingen in diesem Augenblick über die Tafel. »Ihr entwerft wohl Scheibenbilder?«

»Doch nicht, Herr von Tübingen,« entgegnete Brada, die Tischkarte einsteckend; »ich habe Benedikte die Hieroglyphenschrift erklärt, und sie hat sie gleich verstanden. . . . Nicht wahr, Dikte?« setzte er flüsternd hinzu.

»Ja, Semper,« flüsterte Benedikte zurück. Hierauf drückten sie sich eilig die Hand unter dem Tische und begannen dann rasch mit den Nachbarn rechts und links ein Gespräch, um nicht aufzufallen.

Aber Frau von Seesen hatte sofort Augen. Sie neigte sich zu Max hinüber und raunte ihm zu: »Geben Sie acht, lieber Tübingen: heute abend kommt es auch noch zwischen Brada und Ihrem Schwesterchen zur Einigung. Sie haben beide die Gesichter danach.«

»Wär' mir ganz lieb,« erwiderte Max; »das ist dann ein Aufwaschen. Ich wünschte, die Mitternacht rückte näher schon, und das Unwetter wäre vorüber. . . .«

Graf Teupen, der das Flüstern der beiden bemerkte, schmunzelte stillvergnügt.

137 »Famos, famos,« sagte er sich; »sie haben schon Geheimnisse miteinander. Ein sehr gutes Zeichen. Sie nähern sich sichtlich. Sobald wir aufgestanden sind, nehm' ich mir die Seesen unter den Arm. . . .«

Die Stimmung am Tische wurde immer angeregter. Der Sillery mousseux that seine Schuldigkeit. Auch der kleine Kadett wurde mutig und fragte Miß Nelly, ob sie schon einmal in Groß-Lichterfelde gewesen sei und ob sie radeln könne. Beim Dessert nahm er dreimal Eis und zog sich in der Folge einen strafenden Blick seiner Mutter zu, die Herr von Kahlenegg soeben von den jungen Remonten seiner Schwadron unterhielt. Der alte Amtsrat, der stark pokuliert hatte, krähte zu Herrn von Kletzel hinüber, der »Magister der schönen Künste« möge gefälligst einen Toast vom Stapel lassen, und schließlich sprach Herr von Kletzel wirklich und zwar in sehr lustigen Reimen. Bei dem Hoch auf das Haus Hohen-Kraatz erhob sich nach alter Sitte alle Welt, um miteinander anzustoßen. Dieter goß sich seinen Champagner über die Weste, und Freese und Nelly wollten sich einen heimlichen Kuß geben, fuhren aber wieder erschreckt auseinander, als das schmale Gesicht der Frau von Lohusen mit sittlich entrüstetem Ausdruck in ihrer Nähe auftauchte. Reinbold hatte Mühe, sich aus den Armen des alten Kielmann zu befreien, der ihn gar nicht loslassen wollte. Auch Graf Teupen ging mit halb gefülltem Glase fein lächelnd umher. Als er mit der Baronin anstieß, flüsterte er: »Courage, Eleonore! Sie nähern sich schon! Nur ein vergnügliches Gesicht! Nur lächeln – nur lächeln!«

Und dann schritt er zu Frau von Seesen hinüber.

»Ich möchte Sie nachher gern einmal unter vier Augen haben, liebste Marinka. Wird es angehen?«

»Aber natürlich, lieber Graf Teupen. Ich Sie nämlich auch.«

138 »Was denn? . . . Sie mich . . . aha . . . versteh' schon! Vorsicht, Marinka!«

Und er drückte ihr leise und zärtlich den Arm und kehrte voll diplomatischer Gleichgültigkeit auf seinen Platz zurück.

Draußen, im zweiten Flurgang, setzte Stupps die geleerten Silleryflaschen zusammen. In einer entdeckte er noch einen kleinen Rest, und der lockte ihn. Er schaute sich zweimal um und setzte sodann die Flasche an den Mund, schmatzte mit der Zunge und sagte halblaut vor sich hin: »Dunderlüchting, das schmeckt! . . .« Im selben Augenblick empfing er aber auch schon von rückwärtig einen Katzenkopf und vernahm die Stimme des leise hinter ihn getretenen Riedecke: »Siehst du, mein Sohn, so ist die Gerechtigkeit immer gleich bei der Hand. Ist mir so ein Range vorgekommen? Trinkst du alleweil die Rester aus?«

»Nein, Herr Riedecke, nie sonst! Wahrhaftig in Gott nicht! Ich wollte bloß mal probieren, weil ich noch nie Champagner getrunken habe.«

»Ist das denn nötig? Bist du nicht noch ein kläglicher junger Fant? Ein Dreikäsehoch? Wenn du erst einmal Kammerdiener geworden bist, ist es noch Zeit genug, daß du den Champagner kennen lernst. Und ich wünsche dir, daß es Cliquot sei und nicht Sillery mousseux. Wenn du klüger wärst, würdest du begreifen, weshalb ich dies mit einer gewissen Wehmut sage. Zwischen meinem ersten Glase Cliquot und diesem Sillery liegt nämlich mein Leben. Jenes trank ich in London, als mein gnädiger Herr Graf zweiter Sekretär des preußischen Gesandten Grafen Bernstorff war, und zwar bei einer Gelegenheit, über die ich mich nicht länger auslassen will. Gesagt sei nur, daß es eine vergnügte war, eine – ach . . . Und beim Sillery ende ich. Sic transit gloria mundi, sagte gewöhnlich mein gnädiger 139 Herr Graf, wenn er des Morgens nach Hause zurückkehrte und nicht ohne weiteres sein Bett fand. Das verstehst du wieder nicht, und deshalb verdeutsche ich es dir: so kommt man vom Pferd auf den Hund.«

Stupps grinste. Er verstand doch und meinte: »Na, Herr Riedecke, ich wär' schon ganz zufrieden, wenn ich mein Leben lang immer Sillery juchhe trinken könnte!«

»Du bist ein Esel, mein Sohn, und nun mach', daß du wieder in das Eßzimmer kommst! . . . Und wenn der Rittmeister von Kahlenegg dich unmittelbar vor der Abfahrt wieder fragt, ob du ihm ein Zehnmarkstück wechseln könntest, so sage nur ruhig ja. Sonst kommen wir auch heute um sein Trinkgeld.« –

Im Speisezimmer erhob man sich sehr geräuschvoll und wünschte sich gesegnete Mahlzeit. Graf Teupen führte seine Dame in den Salon und suchte dann Frau von Seesen.

»So, liebste Seesen,« sagte er, »nun wollen wir ein paar Minuten plaudern! Wird es Ihnen im Garten zu kühl sein?«

»Nicht im geringsten, lieber Graf. Und Ihnen?«

»Ah bah – ich häng' mir den Cape um. In Biarritz bin ich einmal mit Bismarck und dem Grafen Walewski die halbe Nacht am Strande auf und ab marschiert – und bei einem Sturm! . . . Aber ein Mäntelchen nehmen Sie auch – so – ich bitte recht sehr! . . . Also, hören Sie, Marinka, ich habe Ernstes mit Ihnen zu besprechen.«

»Ich auch mit Ihnen, lieber Graf.«

»Charmant. So ergänzen wir uns. Mein Thema gilt Max.«

»Gleichfalls das meine.«

»Ich ahnte es. . . .« Man war jetzt mitten in der Ahornallee. In den Theesträuchern, den Spireen und dem Fliedergebüsch summten die Käfer. Der Graf war einen 140 Augenblick stehen geblieben. . . . »Wissen Sie, Marinka,« fuhr er fort, »daß ich fürchte, Max hat uns mit seiner Reise nach Afrika eine Finte geschlagen?«

Frau von Seesen nickte. »Das kann ich Ihnen bestätigen, Graf Teupen. Eine Finte. Er war in Paris und Italien . . . aber nicht allein.«

»Nicht allein?! . . .« Teupen zuckte empor. »Mit der Warnow?!«

Nun schob Frau von Seesen ihren Arm unter den des alten Herrn, ihn langsam weiterführend, die Allee hinab, deren Ende das schwarze Gitterwerk des Parkthors begrenzte.

»Also ja, lieber Graf. Mit der Warnow! Aber es ging alles in Ehren zu. Ich selbst war die dame d'honneur bei der Sache. Ich hatte die Warnow aufgenommen, als man ihr hier das Haus verbot –«

»Nicht verbot, Marinka –«

»Aber, liebster Graf, es war ein striktes Verbot, geschah's auch in höflichster Form! Ihr wolltet in Hohen-Kraatz nicht zugeben, daß sich die jungen Herzen liebten, und da fanden sie sich bei mir in Langenpfuhl zusammen!«

»Marinka . . . mir schwant Fürchterliches!«

»Das schadet nichts, verehrter Freund. Auch dem Fürchterlichen muß man tapfer ins Auge schauen. Max und Elise –«

Jetzt ließ Teupen die junge Frau nicht weitersprechen. Er blieb abermals stehen, faßte sie an den Armen und schaute ihr starr ins Gesicht.

»Marinka,« hauchte er, »Seesen – die beiden sind doch nicht etwa schon – heimlich – verheiratet?!«

»Na, Gott sei Dank – so ist es heraus! Ja, lieber Graf, sie haben sich in Berlin kopulieren und trauen lassen, gingen aber nicht nach Afrika, sondern in gemäßigtere Klimate – und heute haben sie sogar schon einen 141 allerliebsten kleinen Jungen, und Elise sitzt hangend und bangend auf einem Vorwerk von mir und wartet nur auf den Augenblick, wo Max endlich den Mut der Wahrheit haben wird. . . . Halt, Graf, ich bin noch nicht zu Ende! Ich möchte noch ein paar Worte hinzufügen. Sie können mir sagen, daß ich unrecht gehandelt habe; Sie können auch ehrlich auf Max und seine arme kleine Frau losräsonnieren; nur an dem Geschehenen vermögen Sie nichts mehr zu ändern. Und da meine ich doch, es wäre das Vernünftigste, Sie schlügen sich mit auf unsre Seite.«

»Ich bin völlig fassungslos,« stöhnte Teupen. »Herr du mein Gott! Ich hatte mir alles so ganz anders gedacht! Hatte gehofft, Sie – Sie –«

»Ich würde doch einmal den Max zum Gesponsen wählen! Ich weiß es, das hofftet ihr alle in Hohen-Kraatz. Und sehen Sie, beste Excellenz, vielleicht wäre ich euern allgemeinen Werbungen auch wirklich entgegengekommen, hätte Seesen nicht in seinen letzten Lebenstagen ähnliche Wünsche geäußert. Kein Ahnen seines Geistes sollte aber durch mein künftiges Leben wehen; Sie wissen, wie ich neben ihm gelebt habe, wie ich seine Vasallin war – Sie müssen das auch verstehen, Graf Teupen! . . . So war ich denn selig, die Liebe jener beiden begünstigen zu können. . . . Laßt sie doch glücklich werden! Der Tropfen bürgerlich Blut ist kein schlechter Zusatz – und der unselige Majoratsparagraph wird sich schon umgehen lassen!«

»Und wenn nun nicht?« antwortete Teupen, noch immer ziemlich tonlos. »Dann kann sich Max später einmal auf Drake festsetzen –«

»Mon dieu, wär' das denn so entsetzlich!? Millionen haben es minder gut. Nehmen Sie heute dem kleinen Brada seine bunte Attila, so kann er morgen Reitlehrer werden oder Steine klopfen! Und ohne zu mucksen würde er es 142 thun, um sich ehrlich durchs Leben zu schlagen – und es würde ihm noch nicht einmal eine Perle aus der Wappenkrone fallen. . . . Gerade der Stolz auf unsre alten Namen sollte uns gegen Vorurteile wappnen. Sonst sind wir nicht mehr stolz, sondern anmaßend und hochmütig. . . . Aber was predige ich Ihnen das alles, Graf! Ich kann begreifen, daß Sie ungern einem Lieblingsgedanken entsagen, doch nicht, daß Sie ungerecht sind. Im übrigen: ich wiederhole, die Thatsachen sind nicht aus der Welt zu schaffen. Ein dicker Bube ist der Effekt. Wollen Sie, daß Baron Tübingen Sohn, Schwiegertochter und Enkel vor die Thüre setzt, daß ein ungeheurer Skandal entsteht?«

Teupen erhob abwehrend die Hände.

»Um Gottes willen . . . da müssen wir diplomatisch vorgehen. . . .«

»Diplomatisch! . . .« Frau Marinka jubelte das Wort förmlich hervor; jetzt wußte sie, daß Teupen nur noch ihre Marionette war. »Natürlich, bester Graf – immer diplomatisch! Das sagte ich auch zu Max; sobald wir den Großpapa auf unsrer Seite haben, sind wir geborgen. . . .«

Die beiden hatten einen Seitenweg eingeschlagen, der durch Bosketts in Schlangenwindungen nach dem Herrenhause zurückführte, traten nunmehr auf eine kleine, halbrunde Lichtung mit einer Rasenbank und sahen hier etwas, das ihren Fuß hemmte und einen Laut der Ueberraschung auf ihre Lippen drängte. . . .

. . . Nach dem Souper waren auch Gartenzimmer und Veranda erleuchtet worden. Graf Brada hatte Benedikte rasch auf die Seite gezogen und ihr zugeflüstert: »In den Park, Dikte! . . . Auf fünf Minuten! . . . Wenn die Lampions in den Kastanien angesteckt werden, sind wir wieder zurück! Das merkt keine Seele! . . .«

Und sie huschten hinaus in den sommerlich träumenden 143 Garten, wo hinter Buschwerk und Rosen wieder die Amoretten kicherten. Unweit der Rasenbank unter den drei Lebensbäumen blieben sie hochaufatmend stehen, die fieberheißen Hände ineinander verschlungen, unfähig zu sprechen. Sie starrten sich mit großen sehnsüchtigen Augen an, und laut, laut schlugen ihre jungen verliebten Herzen.

Brada rang nach Worten; er wollte sich doch nicht gar zu ungeschickt benehmen – aber ach, das besonders Schöne, was er zu sagen wünschte, gerade das fiel ihm nicht ein.

»Liebe Dikte,« begann er stockend, »ich danke dir – ich danke dir tausendmal für deine Antwort von vorhin . . . und daß du mich sogleich verstandest. . . . Ich hab' dich so schrecklich lieb . . . ich kann mich im Augenblick nicht anders ausdrücken – aber das sagt ja auch genug . . . und nun sage auch du es mir. . . .«

Er preßte ihre Hände. Aber sie fühlte das gar nicht, oder der physische Schmerz ging unter in dem Jubel ihrer Seele, durch die dennoch zugleich ein leises, leises, banges Aengsten zog.

»Ich liebe dich auch, Semper,« erwiderte sie. »Ich glaube, ich habe dich schon sehr lange geliebt. Ich wußte es nur nicht. So ganz klar bin ich mir erst heute darüber geworden . . . und deshalb lief ich davon . . .«

Nun riß er sie rasch an seine Brust und wollte sie küssen. Aber plötzlich wehrte sie ihm. Sie bog den Kopf zurück und stemmte sich mit beiden Händen gegen ihn.

»Nicht küssen!« rief sie. »Semper . . . ich muß dir etwas sagen! . . . Du – du – bist nicht der Erste, der mich küßt! . . .«

Er ließ die Arme sinken. Sie schien ihm blaß geworden zu sein, schlug auch die Augen nieder, und ihre obere Zahnreihe grub sich in die Unterlippe ein.

144 »Was heißt das, Dikte? . . . Nicht der Erste . . . nun ja – der Papa und der Großpapa . . .«

»Nein . . .« sie schüttelte kräftig den Kopf. »Doktor Haarhaus hat mich neulich abend geküßt . . . an deinem Geburtstage . . . auf der Insel. . . .«

Er wollte auffahren, aber sie hielt ihm die Hände fest. Und nun schaute sie ihm auch voll in die Augen. Sie war jetzt völlig Weib geworden – so reif war der Ausdruck ihres Blickes.

»Erst laß mich sprechen,« sagte sie. »Der Doktor hatte an jenem Abend zu – schnell getrunken. Ich stand auf dem Monument auf der Insel, und er hob mich hinab – und dabei geschah es. Er bat am nächsten Tage um Verzeihung, und ich habe ihm ziemlich derb heimgeleuchtet – mein Wort darauf. Es war nichts Böses – aber sagen wollt' ich's dir doch. Es hätte mir ewig auf dem Herzen gelegen. . . . Den Mund habe ich mir seitdem wohl hundertmal gewaschen. Küß du mich, Semper, dann wird er ganz rein werden. . . .«

Poetisch war Benedikte nicht veranlagt; aber es lag doch etwas unbewußt Poetisches in diesen Worten. Und Semper fühlte das, breitete weit seine Arme aus und zog die holde Kleine an sich.

. . . Dieser Augenblick war es, da Teupen und Frau von Seesen den Platz vor der Rasenbank betraten. Die Verliebten sahen sie im Rausche ihres Glückempfindens gar nicht; Teupen war starr, und Marinka lächelte.

»Ist denn das möglich?« sagte Teupen endlich halblaut. »Dikte . . . Semper!?«

Ein leichter Aufschrei – und just in diesem Moment begann hinten im Flieder eine Nachtigall zu schlagen.

Brada hatte Benedikte an der Hand gefaßt.

»Herr Graf, Vergebung. . . . Wir lieben uns beide 145 und wollten nachher mit Herrn und Frau von Tübingen sprechen. . . .«

Aber der alte Herr war außer sich. Donnerwetter, wo bliebe denn da die Etikette!

»Gut, gut,« sagte er;»das wird sich schon finden . . . man schnäbelt sich nicht in unsern Kreisen ohne Einwilligung der Eltern . . . Graf Brada, ich bitte zur Seite zu treten. Allons, Benedikte; du kennst deine Mama. Stubenarrest und Fliederthee. Und dann wird sich ja wohl für dich eine Pension oder für den Grafen eine geeignete Versetzung finden. In einem Jahre wollen wir uns wieder sprechen. . . . Hat sich denn die ganze junge Welt in unserm Hause auf den Kopf gestellt!? . . .«

Er atmete hörbar und tupfte sich mit seinem seidenen Taschentuch die Lippen. Brada schaute mit finsterem Gesicht stumm vor sich hin; auch Frau von Seesen wagte sich nicht in diese neue Familienangelegenheit zu mischen.

Plötzlich warf sich Benedikte laut weinend an die Brust des alten Herrn.

»Großpapa,« schluchzte sie, »ich bin doch kein Kind mehr . . . Ich stürze mich in den Graben, wenn du so hart zu mir bist . . . oder ich vergifte mich. . . .«

Unwillkürlich mußte Graf Teupen lächeln. Dies warme, junge, zitternde Geschöpf an seiner Brust war doch seines Blutes! . . . Er umschlang Benedikte und strich ihr über den Scheitel.

»Nananana, mein Kind,« sagte er. »Wasser und Gift . . . so schlimm wird es wohl nicht werden . . . Nun laß –«

Er brach ab, denn er hörte in der Nähe die Stimme seines Schwiegersohnes.

»Papa! . . . Frau von Seesen!« rief Tübingen. »Wo steckt ihr denn?!«

»Hier, hier, hier!« rief Marinka. Dann wandte sie 146 sich rasch an Brada zurück. »Nun Mannesmut, Graf Semper,« flüsterte sie; »schnurstracks die Erklärung . . . austoben lassen, wenn es ein Gewitter gibt, aber nicht zurückweichen. . . .«

Tübingen erschien auf dem Rasenbankplatz – mit gerötetem Gesicht, sehr erregt aussehend und rasch atmend.

»Ah – da! . . . Ich muß euch sprechen – der Deibel ist los! . . . Holla – was gibt's hier denn wieder?! Was heulst du, Dikte?«

Benedikte flog in die Arme ihres Vaters und schluchzte unentwegt weiter. Keiner sprach. Frau von Seesen stieß Brada heimlich an, der sich zu räuspern begann. Im geeignetsten Moment versagte ihm gewöhnlich das Wort.

»Na – darf ich nun endlich wissen, was los ist?« fragte Tübingen.

»Eine Verlobung,« erwiderte Frau Marinka kurz.

»Ja, Herr von Tübingen,« fiel Brada ein. »Ja, Papa,« sagte auch Benedikte unter Schluchzen und Weinen. »Also ja,« vollendete Teupen; »Semper und die Dikte möchten sich heiraten. . . .«

Es wurde wieder still. Tübingen schaute von einem zum andern. Ueber sein derbes und gutmütiges Gesicht zuckte rasch hintereinander eine ganze Skala von wechselnden Empfindungen. Zuerst Zorn: ein aufziehendes Wetter mit finster sich ballenden Wolken und falben Blitzen am Horizont; dann verwehender Sturm: Glättung der Wolken und vereinzeltes Sonnenblitzen; hierauf blauer Himmel und endlich leuchtender Sonnenschein. . . . Tübingen lachte laut und herzlich auf.

»Kinder . . . nun sagt mir bloß, Kinder, was wird mir der Abend noch für Ueberraschungen in meiner geehrten Familie bringen!? . . . Gröhle nicht, Dikte – es ist ja schon gut . . . du liebst ihn so . . . ich weiß es ja nun! Ich 147 habe ja auch nichts dagegen – und die Mama wird auch schon mit sich sprechen lassen. . . . Kommen Sie her, Semper – komm her, mein Junge, gib mir einen Kuß! Und nun küßt den Großpapa – meinetwegen auch Frau von Seesen – und dann nehmt euch unter den Arm und seid stille! Ich habe den Kopf voll! . . . Papa, hör zu. Es ist toll. Der Max hat mir Eröffnungen gemacht. Es ist rein toll –«

»Ich weiß schon alles,« fiel Teupen ein; »Marinka hat mir erzählt.«

»Na und nun? . . . Ein derber Junge ist auch schon da . . . Eleonore ist in Ohnmacht gefallen. Haarhaus hat sich sehr dämlich benommen. Er hat gleich von dem Jungen angefangen, und Eleonore hat sich alles Mögliche gedacht. Jetzt liegt sie da und Max reibt ihr die Stirn mit Eau de Cologne ein. Thut mir den Gefallen und tröstet sie! Ich weiß nicht mehr ein noch aus. Mir wirbelt der Kopf . . . Papa, wie verhalten wir uns denn zu der ganzen Geschichte?!«

»So, wie es allein richtig ist, Eberhard: ins Unvermeidliche sich mit Würde fügen. Vor allen Dingen: weiß die Gesellschaft schon davon?«

»Nein, die Herren sind in meinem Zimmer, wo Kielmann noch immer über die Cigarren schimpft, die ich ihm vorgesetzt habe; die Damen im Salon. Aber wenn sich Eleonore noch lange so hat, riechen sie allesamt Lunte.«

»Nun dann vorwärts! Zunächst muß Eleonore beruhigt werden. . . .« Man schlug den Weg nach dem Herrenhause ein; in den beiden großen Kastanien vor der Veranda brannten schon die Lampions. Die geöffneten Thüren ließen eine breite gelbe Lichtflut über die Rampe quellen.

Voran schritten Tübingen, Frau von Seesen und Graf Teupen.

148 »Liebste Seesen,« sagte Tübingen, »wir sprechen uns auch noch. Sie sind das Hauptkarnickel. . . . Was hat er denn für Augen?«

»Wer denn? . . . Ach so – der Kleine! . . . Blaue, lieber Tübingen, und gerade so schöne und gute wie Sie!«

Der Baron antwortete nicht und wischte sich hastig mit dem Rücken der Hand über das Gesicht. Dann meinte er mit gepreßter Stimme: »Papa – Eberhard haben sie ihn getauft. . . . Zackerment, nun hab' ich einen Enkel und kenn' ihn nicht! Seesen, wie denken Sie: können wir Mutter und Kind nicht noch heute abend holen lassen?«

»Nein, mein braver Tübingen, das ist unmöglich. Der kleine Eberhard ist noch nicht so wetterhart wie der große. Aber ich denke mir, wenn alles in Ordnung ist, werde ich zurück über den Erlenbruch fahren und Max mitnehmen, damit er seiner armen Frau die Erlösung kündet. Und morgen kann dann die Einholung sein. . . .«

Hinterher marschierten Brada und Benedikte, Arm in Arm und zärtlich umschlungen. Sie sprachen nicht viel. Von Zeit zu Zeit sagte Semper: »Meine Dikte!« und gab ihr einen Kuß, und dann erwiderte Benedikte gewöhnlich: »Ach Semper!« und gab ihm auch einen Kuß. So wechselten sie ab, und sie unterhielten sich besser dabei, als wenn sie lebhaft geplaudert hätten. –

Die Baronin lag in ihrem Boudoir auf der Chaiselongue; am Fußende stand Haarhaus mit einem Flacon Englisch Salz, und zu ihren Häupten kniete Max mit Eau de Cologne. Sie war bereits ruhiger geworden, als Tübingen und Teupen bei ihr eintraten.

»Papa,« rief sie dem Grafen entgegen und richtete sich auf, »deine Ahnungen! Wie recht hattest du!«

»Ja, mein Kind, ich hatte recht. Ich täusche mich selten. Ich habe mich aber auch in Max nicht getäuscht. 149 Er setzte nicht die Ehre derer, die er liebte, aufs Spiel. . . . Eleonore, ergeben wir uns. Auch wir haben unsre Fehler gemacht. Wir hätten schon damals, als die Sache anfing, diplomatischer sein sollen.«

»Nun natürlich,« fiel Tübingen ein. »Aber ihr Teupens mit eurer Diplomatie! . . . Schluß, Kinder: wir können die Gäste nicht länger warten lassen! Eleonore, sei vernünftig! Ein Enkel harrt deiner – heißt Eberhard und hat blaue Augen!«

»Gott im Himmel – und in dem ewig feuchten Erlenbruch! . . . Max! Max! . . .«

Während der nun folgenden Umarmungen holte Tübingen Benedikte und Brada in das Zimmer.

»So, Frauchen,« sagte er, »da du gerade dabei bist: ein bißchen Segen wird für die beiden ja auch noch abfallen. Verheiratet sind sie noch nicht, aber verloben möchten sie sich. . . .«

. . . Verehrungswürdige Leserin und geehrter Leser! Der Verfasser wäre nunmehr vollauf berechtigt, über seinem Lustspiel den Vorhang fallen zu lassen. Denn es ist modische Sitte, ein Theaterstück, das einen kleinen Lebensausschnitt wiedergeben soll, mit einem Fragezeichen abzuschließen. Die Zuhörer sollen immer noch etwas nicht ganz Gelöstes mit nach Hause nehmen, wo sie es sodann nach eigenstem Gutdünken auseinander fädeln können. Da dieses Lustspiel sich aber nicht auf der Bühne abspielt, und der Verfasser auch durchaus nicht zu den ganz Modernen zählt, so wird man es möglicherweise nicht ungern sehen, wenn der Vorhang noch ein klein wenig oben bleibt. Alles, was Leserin und Leser vielleicht noch wissen wollen, wird der Autor freilich auch nicht sagen können . . . aber doch mancherlei. . . .

. . . Die Gäste des Hauses begannen in der That bereits ungeduldig zu werden. Im Herrenzimmer lag der Amtsrat Kielmann in einer Sofaecke und brummte.

150 »Herr von Kletzel, wissen Sie vielleicht, was eigentlich los ist!?« schrie er. »Tübingen ist verschwunden, Teupen ist verschwunden, Haarhaus ist verschwunden, alles ist verschwunden! Herr von Gries, ist Ihnen je solche Wirtschaft vorgekommen?! Herr von Kahlenegg, wenn Sie rauchen wollen, rate ich Ihnen, probieren Sie einmal die Bock. Aber gehen Sie 'raus damit. Ein Kerl, der Tübingen! Will mich an der Nase herumführen! Ich gutmütiges Schaf kokle mir auch wirklich seine Muffrika an . . . ich habe noch den Geschmack im Munde! . . . Gibt's hier denn keinen Cognac?! Graf Dachsberg, haben Sie nicht gesehen, ob sich hier irgendwo ein Cognac herumtreibt?! Der Riedecke ist auch verschwunden; alles ist verschwunden. Kinder, es ist kein Zug im Hause! . . .«

Natürlich war Riedecke verschwunden; jedoch aus guten Gründen und gemeinsam mit Stupps. Denn beide hatten einen Befehl erhalten, der sie in große Erregung versetzte. »Vorwärts, 'runter in den Keller!« hatte Baron Tübingen ihnen zugerufen;»noch sechs Flaschen Champagner herauf! Aber nicht Sillery, sondern von dem Cliquot England – zweites Regal, links oben! Kalt genug ist er. Und frische Gläser! Aber dally, dally! . . .«

Stupps raste die Treppe hinab, und kopfschüttelnd kletterte der alte Riedecke hinterher. Was war denn passiert?! Nicht Sillery mousseux, sondern Cliquot! Seine Marke?! – die er höchstens einmal gab, wenn der Oberpräsident zu Gast in Hohen-Kraatz war?! . . .

Inzwischen hatte Tübingen die gesamten Herrschaften in den großen Saal gebeten.

»Nanu?« meinte der alte Kielmann. »Soll etwa getanzt werden? Der Tübingen hat manchmal solche Schnurren im Kopf! . . .« Aber die Sprache versagte ihm, als Riedecke und Stupps mit dem Cliquot erschienen. Dann dämmerte 151 eine schreckliche Ahnung in ihm auf. »Kinder, seid vorsichtig!« schrie er. »Das ist wie mit den Bocks! Das ist Weißbier mit 'nem Cliquotetikett! Riedecke, den Pfropfen her! Stupps, zeig mir 'mal den Pfropfen! Ich will erst dran riechen! Ich will erst den Brand sehen! . . .«

»Meine lieben Gäste,« begann Tübingen, während der Amtsrat die Pfropfen beschnupperte und sich zu seinem ungemessenen Erstaunen von der Richtigkeit des Brandes auf den Korken überzeugte, »ihr wißt, ich liebe so kleine Ueberraschungen. Na – und heute habe ich auch eine für euch. Ihr seid doch jedenfalls alle der Ueberzeugung, Max sei in Afrika gewesen – nicht wahr? Prostemahlzeit – er war nicht da – ich hab' ihn einfach auf die Hochzeitsreise geschickt! Aber – nämlich« – ganz glatt wickelte sich die Rede vor dem erstaunten Publikum nicht ab – »das sollte verborgen bleiben, und deshalb haben wir eine niedliche kleine Komödie gespielt, bei der unser Freund Doktor Haarhaus sozusagen den Regisseur machte. Max hat sich mit einer jungen Dame aus gut bürgerlichem Hause, mit Fräulein Elise Warnow, verheiratet, und da mußten erst die verschiedenen Familienbestimmungen in Bezug auf die Erbfolge im Majorat in Ordnung gebracht werden. Es sollte vorher kein unnötiges Gerede geben – unnötiges Gerede verbitte ich mir überhaupt! Wer unnötig redet –«

»Eberhard,« flüsterte die hinter Tübingen stehende Baronin mahnend; denn sie fürchtete, ihr Gatte würde heftig werden und den Gästen ein paar liebenswürdige Grobheiten sagen. Aber Tübingen lenkte sofort ein.

»Na – nun können wir aber frei von der Leber fort reden,« schrie er weiter. »Morgen zieht meine Schwiegertochter in Hohen-Kraatz ein, und meinen kleinen Enkel bringt sie auch gleich mit. Eberhard heißt er und hat blaue Augen. Und als Anhängsel zu diesem freudigen Ereignis habe ich 152 die Ehre, den Herrschaften zugleich mitzuteilen, daß ich soeben meine Tochter Benedikte mit dem Grafen Semper Brada verlobt habe. Die heiraten aber erst in anderthalb Jahren. Ich bitte die Gläser zur Hand zu nehmen: ich als Schwieger- und Brautvater bringe ein donnerndes Hoch auf meine beiden jungen Paare aus! . . .«

Das Hoch brauste wirklich donnernd durch den Saal. Dann wogte alles durcheinander; Händeschütteln, Umarmungen, Schulterklopfen, Lachen und Gratulieren . . . Frau von Lohusen machte ein Gesicht, als ob sie alles viel besser wisse und nur darauf warte, ihr Wissen an den Mann zu bringen. Reinbold raunte Freese zu: »Lieber Freese – wahrhaftig . . . es weht Verlobungsluft in Hohen-Kraatz« . . . und Trude, die in der Nähe stand, wandte sich errötend ab. Der alte Kielmann räsonnierte auf seinen Neffen Haarhaus, weil dieser ihn nicht in das Geheimnis gezogen habe, und packte dann Herrn von Kletzel an einem Rockknopf.

»Lieber Kletzel, merken Sie was?« wisperte er. »Ganz klar ist die Geschichte nicht. Ist sie nicht, sage ich Ihnen. Schnüffeln Sie 'mal ein bißchen herum – das gibt einen Roman. Vielleicht auch ein Lustspiel. Ich klatsche.«

»Das wird Frau von Lohusen schon besorgen,« antwortete Herr von Kletzel, und der Amtsrat meckerte lustig. . . .

Die Baronin vergoß unausgesetzt Thränen, während Tübingen, der vergeblich seine Aufregung zu meistern suchte, sehr laut war, und Graf Teupen kopfnickend von Gruppe zu Gruppe wanderte, ohne sich viel an der Unterhaltung zu beteiligen. Es ging ihm doch etwas wider den Strich, daß man ihm bei all seiner feinen Diplomatie eine so ungeheuer lange Nase gedreht hatte. Und daß Frau von Seesen im Mittelpunkte der Verschwörung gestanden – das setzte allem die Krone auf! Trotzdem war Teupen durchaus nicht bei schlechter Laune; er lächelte und rieb sich die Hände, und 153 als er an Frau von Seesen vorüberkam, nickte er ihr zu und sagte: »Hätt' mir's ja denken können, Marinka, daß Sie nicht wieder heiraten werden!«

Worauf diese mit leicht gekräuselter Lippe erwiderte: »Der Mensch ist unvernünftig, lieber Graf. Wer weiß, ob ich nicht doch noch einmal . . .«

Haarhaus hatte Benedikte und Brada in eine Ecke genommen.

»Liebes gnädiges Fräulein,« sagte er. »Sie haben mich neulich böse gestraft – aber ich gesteh' Ihnen zu: rechtmäßig. Doch nun reichen Sie mir die Hand, damit ich weiß, daß wieder alles in Ordnung zwischen uns ist. Ja –?«

Sie that es und wies dann auf ihren Bräutigam, dessen rosiges Gesicht so glücklich aussah wie das eines Schulknaben, der eine gute Zensur bekommen hat.

»Schön, Herr Doktor,« entgegnete sie; »es sei vergessen und vergeben! Aber Sie müssen auch dem da die Patsche geben; denn der hat im Grunde genommen mehr zu verzeihen als ich. . . .«

Und kräftig drückte Haarhaus die ihm entgegengestreckte Hand Bradas.

* * *

Eine Stunde später waren die Lichter im Parterregeschoß des Herrenhauses von Hohen-Kraatz erloschen. Als letzter Wagen rollte der Langenpfuhler aus dem Parkthor. Max saß Frau von Seesen gegenüber, die ihn im Erlenbruch »abladen« sollte. Er sprach nicht viel. Sein Herz war übervoll. Ob die Kabinettseingabe betreffs der Aenderung in den Bestimmungen über die Erbfolge des Majorats Erfolg haben, oder ob er einem der Zwillinge den Platz würde räumen müssen – im Augenblick war ihm das völlig 154 gleichgültig. Denn im Augenblick dachte er an nichts andres als an Weib und Kind, denen er endlich die Heimat erobert hatte. . . .

So bald schlummerte man auch im Herrenhause noch nicht ein. In den Zimmern der Mädchen ging es noch längere Zeit recht lebhaft zu. Zwar war Benedikte gleich ihrem Bruder stiller als gewöhnlich. Doch ihre glänzenden Augen sprachen an Stelle der Lippen. Sie brauchte nun keinen Menschen mehr danach zu fragen, wie man die Liebe empfinde. Nun wußte sie es . . . Trude schwatzte dagegen unaufhörlich.

»O, Dikte, welch ein Tag!« sagte sie, in ihr Bett schlüpfend. »Es war ein großer Tag. Daß dein Bruder verheiratet ist, hat mich am wenigsten aufgeregt. Er sah schon seit längerer Zeit stark verheiratet aus. Aber deine plötzliche Verlobung! Freilich – so etwas kommt immer plötzlich. Nelly, nicht wahr?! Eine Verlobung kommt immer plötzlich?! – Sie sitzt schon wieder in der Badewanne. O, Dikte, ich weiß nicht, wie mir ist! Ich habe solch Herzklopfen. Du, Dikte – Pastor Reinbold hat prachtvolle Zähne. Wenn sein Vollbart erst mächtig über die Brust herabwallt, wird er wie ein Apostel aussehen. Die Nase wird dann gar nicht mehr auffallen. Er hat etwas sehr Liebes . . . Dikte, schläfst du schon? – Hast du beobachtet, was Doktor Haarhaus für Augen macht, wenn er in die Nähe der Frau von Seesen kommt? Dikte, mir ahnt allerlei. Ich wette, daß . . . nein, ich wette nicht! Nelly, sind Sie schon im Bette? Dikte, sag doch ein Wort! O, seid ihr langweilig! Ich habe solch Herzklopfen! . . .«

Im Schlafzimmer der Baronin schritt Tübingen auf und ab, während sich seine Gattin auf dem Sessel vor dem Schreibtische niedergelassen hatte.

»Nimm ein Brausepulver, Eleonore,« sagte Tübingen, 155 »ich bitte dich darum. Das schlägt nieder, und ich verstehe ja, daß du erregt bist. So etwas passiert einem nicht alle Tage. Und siehst du, ich freue mich doch über den Max. Du magst sagen, was du willst: es war ehrenwert, daß er seinem Herzen gefolgt ist!«

»Aber das Majorat,« klagte die Baronin und führte ihr Riechfläschchen an die Nase.

»Das Majorat – na ja! Läßt sich die Erbbestimmung nicht auf gesetzlichem Wege ändern, so wird Max eben Verzicht leisten müssen –«

»Aber, liebster Mann, dann erwachsen uns ja doch neue Verwickelungen! Keine Menschenseele weiß, ob Dieter oder Bernd der ältere der Zwillinge ist! Wer soll denn Hohen-Kraatz einmal erben?!«

Tübingen fuhr sich mit der Hand durch das Haar.

»Donnerwetter – das ist eine infame Geschichte! Da hast du recht. Die Zwillinge sind gleich alt. Ganz egal – dann können sie sich die Erbschaft ausknobeln! Eleonore, das hat alles noch Zeit. Kommt Zeit, kommt Rat. Vorläufig bin ich Großvater, und du bist Großmutter. Großmutter, Eleonore! Eberhard heißt er und hat blaue Augen. Morgen früh können wir schon mit unserm Enkel spazieren gehen.«

»Aber, Eberhard, er kann ja noch gar nicht laufen!«

»So fahr' ich mit ihm spazieren!«

»Du hast dich ganz närrisch mit dem Jungen! . . . Gott, wenn er doch schon hier wäre!«

»Na, siehst du, Eleonore, nun hast du dich wieder närrisch mit ihm, und ich denke, das wird immer so abwechselnd gehen, bis . . . Nämlich, bei dem einen wird es ja wohl nicht bleiben. In zwei Jahren kommt Dikte an die Reihe.«

»Ach, Eberhard, davon spricht man doch nicht! Die 156 Verlobung der Dikte kam auch so aus dem Hinterhalt. Ich bin von allen Seiten überrumpelt worden. Und nichts ist gerade so gekommen, wie ich erwartet habe. Der Max hat sich echt Tübingensch aufgeführt statt Teupensch, und von der Dikte habe ich eine viel demokratischere Wahl vorausgesetzt.«

»Es kommt immer anders, als man glaubt, Eleonore. Nur eins hat dich nicht im Stiche gelassen, etwas ganz Teupensches: das berühmte Heiratsjahr deiner Familie.«

»Auch das; ich betrüge mich niemals selbst. Max hat ja doch schon vor anderthalb Jahren geheiratet. Es stimmt also wieder nicht. . . .«

Tübingen beugte sich lachend über seine Frau und küßte sie.

»Laß dir's nicht nahe gehen, Alte. In dieser Stunde kann ich schon einmal ›Alte‹ sagen; es hört ja sonst keiner. Ich bin ganz zufrieden; ja, ich bin sogar recht glücklich, Eleonore; denn ich sehe, die Kinder sind's auch. Und wachsen Bernd und Dieter einmal heran, und es kommt ihr Heiratsjahr, so denke ich, wir lassen auch sie frei wählen, wie es ihnen um das Herz ist. Es ist doch nun einmal etwas Schönes um das Recht der Selbstbestimmung, und nimm mir's nicht übel, etwas Barbarisches um unsern Heiratskodex.«

»Der ist aber Tübingensch, Eberhard –«

»Ist er. Aber auch die Tübingensche Tradition kann einmal ausgeklopft werden. Und deshalb werde ich mir Audienz beim Könige erbitten, damit seine Gnade uns den Staub aus der Ueberlieferung bringt. Einverstanden, Eleonore?«

»Ja, mein Freund, – aber mit schwerem Herzen. Was du Staub nennst, ist für mich Patina: die ehrwürdige goldene Hülle der Zeit. Trotzdem – das Glück der Kinder steht mir über jeglichem persönlichen Empfinden.«

157 »Recht so, Eleonore! Dem Glück der Kinder opfert man selbst ein Stückchen eigenes Herz. Nun brauchst du auch kein Brausepulver zu nehmen. Die Ueberzeugung, daß du richtig gehandelt hast, wird dich ohne kalmierendes Schaumwasser schlafen lassen. Gute Nacht, mein Lieb! Morgen vormittag haben wir ihn. Ich denke, ich werde von ihm träumen. Eberhard heißt er und hat blaue Augen. Das ist Tübingensch. Aber daß er in Paris zur Welt kam und nicht in Hohen-Kraatz, zeugt von höherer Diplomatie. Und das ist alleweil Teupensch. . . .«

 

Ende.

 

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