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Das Heiratsjahr

Fedor von Zobeltitz: Das Heiratsjahr - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Heiratsjahr
authorFedor von Zobeltitz
year1900
firstpub1900
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleDas Heiratsjahr
pages317
created20120127
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Elftes Kapitel.

Von der Einführung Reinbolds und Benediktes Groschentagebuch, sowie den notwendigen Vorbereitungen zu der großen Gesellschaft.

Am Freitag abend war ein Telegramm des Pfarramtskandidaten Reinbold in Hohen-Kraatz eingetroffen, in welchem dieser seine Ankunft für Sonnabend anmeldete; am Sonntag wollte er mit gütiger Erlaubnis des Patronatsherrn seine Probepredigt halten.

Tübingen ließ Reinbold, schon zur Vermeidung ähnlicher Absonderlichkeiten, wie sie sich beim Eintreffen Freeses ereignet hatten, aus Plehningen abholen. Die Sitte erforderte es, daß Reinbold nicht im Schlosse, sondern im Pfarrhause übernachtete, doch machte er noch am späten Abend der Familie seines Patrons seinen pflichtschuldigen Besuch.

Aus der Photographie und den Schilderungen Freeses war man auf die »vergnügte Nase« Reinbolds genügend vorbereitet. Doch das lebendige Wunder erschreckte die Baronin noch mehr als das bildliche.

»Ich kann mir nicht helfen, Eberhard,« sagte sie in der abendlichen Plauderstunde zu ihrem Gatten, »diese Nase wird mich in jedweder Andacht stören. Es ist ein Mißgriff der Natur, über den man sich nicht genug wundern kann, und der auch die innere Sammlung beeinträchtigt. Ich bitte dich, überlege dir reiflich, ob du den Mann behalten willst oder nicht.«

»Das wird von der morgigen Predigt abhängen, liebe Eleonore,« entgegnete Tübingen. »Doch kann ich dir heute 95 schon sagen, daß Reinbold mir gut gefällt – o ja, recht gut. Sein sicheres, ernstes und würdiges Auftreten steht ja allerdings in einem gewissen Kontrast zu seiner Physiognomie, aber da wir nicht zur Familie Lavater gehören, so kann uns sein Gesicht ziemlich gleichgültig sein. In meinem Herzen spricht noch etwas anderes für diesen Reinbold: das Mitleid. Ich bin überzeugt, daß er mit seiner lustigen Visage, die für ihn ja von einer gewissen Tragik ist, bei minder vorurteilsfreien Leuten einen schweren Stand haben wird. Vielleicht muß er jahrelang suchen, ehe er in Amt und Stellung kommt; der alte Aberglaube, daß man vom Aeußeren auf den inneren Menschen schließen könne, hat zu tief Wurzeln geschlagen. Und gerade dem möcht' ich trotzen.«

»Und seine Jugend? Macht die dich nicht besorgt?«

»Aber, Eleonore, es muß doch auch junge Pastoren geben! Die Theologen kommen doch nicht gleich alt auf die Welt. Und je älter ich selbst werde, desto mehr liebe ich die Jugend. Selbst der heilige Augustinus ist einmal ein Jüngling gewesen und hat doch vielen Zulauf gehabt. Seine Jugend stört mich erst recht nicht. Uebrigens hast du ja gesehen, daß Reinbold sich einen Vollbart wachsen läßt.«

»Die Anfänge sind recht spärlich. Von weitem sieht man noch gar nichts oder doch nur einen Schimmer. Uebrigens will ich nicht länger dagegen sprechen: warten wir ab. Eine Frau wird Herr Reinbold am Ende auch bald finden, und die Ehe hält seinem jugendlichen Aussehen die Wagschale. Dabei fällt mir ein: die Verlobung Freeses kommt mir wenig zu passe. Nun können wir uns wieder nach einem neuen Hauslehrer umthun.«

Tübingen zog die Schultern hoch.

»Dagegen ist nichts zu machen, mein Kind. Verheiratung löst sogar einen Theaterkontrakt auf, wenn ich recht 96 berichtet bin. So rasch wird das mit der Hochzeit ja auch nicht gehen.«

»Doch. Freese will nur sein zweites Examen machen und Nelly hat schon nach Chepperton-on-Tyne geschrieben. Da wohnt ihr Onkel. Sie ist keine schlechte Partie, hat auch ihr eigenes kleines Vermögen. . . . Na, wie gesagt, gegen die Heirat ist nichts zu machen. Was sich liebt, soll sich auch kriegen. Aber –«

»Halt 'mal, Eleonore! . . .« und Tübingen drehte sich schmunzelnd den Schnurrbart. »Auf diese Aeußerung hin könnte ich dich festnageln. Was sich liebt, soll sich auch kriegen, sagst du. Nun denk' einmal an, wenn du nach diesem Grundsatz auch damals bei Max und der Warnow vorgegangen wärst!«

Die Baronin wurde plötzlich sehr ernst.

»Lieber Eberhard, da sprachen noch andere Momente mit, und sehr gewichtige dagegen. Auch hatte sich Max schnell genug unsern Wünschen gefügt. Lassen wir doch diese Angelegenheit ruhen. Ich hoffe nicht, daß sie uns noch einmal beschäftigen wird. Nein – ich hoffe es nicht. . . .« Die Baronin schaute eine kleine Minute lang aufmerksam auf die Nägelfeile, die sie in der Hand hielt. Sie schien nachzudenken, schien etwas Wichtiges auf der Zunge zu haben. Dann legte sie die kleine Feile rasch auf den Tisch zurück. »Hoffe es nicht,« wiederholte sie nochmals. »Also die beiden Verlobten. Sie benehmen sich ja würdig und anständig, küssen sich nicht und dalbern auch nicht miteinander – wenigstens merken wir das nicht. Aber es fragt sich dennoch, ob ihr Einfluß auf die junge Welt in unserm Hause der richtige ist.«

»Fürchtest du das Gegenteil?«

»Ich weiß nicht so recht. Benedikte ist merkwürdig still geworden, fast so wie der Max. Sie scheint viel 97 nachzudenken. Das war früher nicht ihre Stärke. Ich glaube, sie grübelt sogar zuweilen. Worüber, frage ich dich!«

»Ja, das weiß ich auch nicht. Aber ich glaube nicht, daß ihr die Verlobung Nellys im Kopfe herumgeht.«

»Jedem jungen Mädchen gehen Verlobungen im Kopf herum. Es ist mir noch etwas aufgefallen. Neulich kam ich unvermutet in das Zimmer der Mädchen. Da saß Dikte am Tische und schrieb in einem Hefte mit blauem Deckel. Daß der Deckel blau war, habe ich deutlich gesehen. Und als ich eintrat, versteckte sie das Heft in der Schublade.«

»Hast du sie denn nicht gefragt, was sie machte?«

»Das that ich allerdings. Und da antwortete sie mir nur: eine kleine Arbeit. Was denn für eine kleine Arbeit? fragte ich weiter. Ach, so eine Art Aufsatz, sagte sie. Nun schwieg ich, aber ich dachte mir mein Teil. Eberhard, ich glaube, die Benedikte führt ein Tagebuch.«

Der Baron pruschte los.

»Aber, Eleonore – das wär' ja zum totschießen komisch! Das möcht' ich 'mal lesen! Was muß das für Weisheit enthalten!«

»Lache nicht, Eberhard. Die Sache ist ernst. Als ich dich kennen lernte, fing ich auch ein Tagebuch an. Ein Jahr nach der Hochzeit habe ich es verbrannt, weil mir der Inhalt gar zu albern vorkam.«

»Was stand denn da drinnen?«

»Schwärmereien. Auch kleine Gedichte auf dich und Gefühlsergüsse und so etwas.«

»O, Eleonore, das hätt' ich aber alles gar zu gern gelesen! Ich hätte einen Gefühlserguß auf mich niemals für möglich gehalten. Und auch Gedichte sagst du?«

»Nun, Eberhard, wir wollen davon nicht mehr sprechen. Wir sind heute alte Leute; du bist freilich noch älter als ich. Immerhin gibt mir die Erinnerung an mein eigenes 98 Tagebuch in Verbindung mit der Entdeckung, die ich bei Benedikte gemacht, zu denken. Wir wollen uns Mühe geben, noch schärfer auf sie aufzupassen als sonst. Sie ist jetzt in dem Alter, wo sich leicht seelische Emotionen einstellen. Und dann bitte ich noch um eins. In dem Bücherregal in deiner Stube steht neben der ›Rationellen Viehfütterung‹ noch immer ›Der ewige Jude‹. Nimm den fort. Trude ist immer so neugierig.«

»Soll geschehen, Frauchen. Soll alles geschehen, wie du befiehlst. ›Der ewige Jude‹ gehört übrigens dem Papa; der hat Herrn Eugen Sue einmal persönlich in Saint-Cloud kennen gelernt. Wenigstens erzählte er es. Und was nun das Tagebuch Benediktes betrifft, so möchte ich vorschlagen, das Mädel ruhig weiter schreiben zu lassen, wenn es ihr Spaß macht. Bei Max wäre mir die unsrer Familie fremde schriftstellerische Ader freilich ungleich lieber gewesen, aber Benedikte hat vielleicht mehr auf der Seele. Und da schadet es, meine ich, gar nichts, wenn sie sich das herunterschreibt. Du schüttelst zwar den Kopf – aber man kann ihr das Tagebuch doch nicht verbieten, wenn es nämlich wirklich eins ist! . . .«

Es war wirklich ein Tagebuch und lag in dem einzigen verschließbaren Schubfach, über das Benedikte zu verfügen hatte. Dort ruhten noch andre Geheimnisse. Zum Beispiel verschiedene Briefe Trudes aus Montreux, die vor der Mutter verborgen werden sollten, ein kleiner Kalender, den ihr Graf Brada einmal als Vielliebchen geschenkt, und die bereits völlig verwelkte Rose, die Haarhaus neulich für sie gepflückt hatte. Ferner ein merkwürdiges Unding aus Blei, das Benedikte am letzten Sylvesterabend gegossen und das nach Ansicht des Großpapas einen Blütenkranz vorstellte; bei einiger Phantasie konnte man es, wenn man es gegen die Wand hielt und den Schatten betrachtete, aber auch für eine Riesenspinne oder eine junge Tarantel halten.

99 Viel stand noch nicht in dem Tagebuch, das nur einen Groschen kostete. Auf der ersten Seite las man als Titelschrift in lateinischen Lettern: »Erinnerungen aus meinem Leben.« Dann kam ein Klecks, der schlecht abgeleckt worden war und nunmehr der blaß gewordenen Darstellung eines Kometen glich. Auf der nächsten Seite aber fing das Tagebuch folgendermaßen an:

». . . Ich greife zur Feder, um hiermit das Wichtigste aus meinem Leben zu Papier zu bringen, damit meine Nachkommen einmal wissen, was ich schon in jungen Jahren alles habe durchmachen müssen. Bisher ist mir nicht viel passiert, als wie vielleicht das Ungemach an meinem Konfirmationstage, wo mir Bernd einen Tintenspritzer auf das weiße Kleid machte, und ich deshalb in der Kirche immer die Hand darauf halten mußte, damit man ihn nicht sehe. Doch war dieser Klecks eine Allegorie (Symbol) für mein zukünftiges Dasein, denn von dem Tage ab häuften sich die Merkwürdigkeiten. Besonders gestern und vorgestern werden mit brennenden Buchstaben ewig in meinem Herzen geschrieben stehen. . . .« Hier folgten drei Reihen sehr starker und fester Gedankenstriche, und dann ging es weiter: »Was soll ich zu allem sagen? Ich darf ja gar nichts sagen, weil es mir verboten worden ist, und ich unverbrüchliches Schweigen heilig gelobt habe. Doch dem geduldigen Papiere will ich meine Gedanken anvertrauen. Trude schläft schon, wo ich dieses schreibe. Ich habe ihr gesagt, ich wollte noch den englischen Aufsatz beenden, und sie hat es geglaubt. Sie ist nicht so klug, wie sie immer thut; sie behauptet zwar, viel erlebt zu haben, aber was ist das alles gegen mich und die Geheimnisse, in die ich hineingezogen worden bin!!! Das Atmen wird mir ordentlich schwer, wenn ich zurückdenke. Zuerst neulich abend, auf der Insel hinten, wo Doktor Haarhaus – – –. Was halte ich von dem Manne? Soll ich 100 überhaupt etwas von ihm halten? – Semper hat mir einmal ins Ohr getuschelt, er hielte ihn für einen Schwätzer und Aufschneider, aber ich glaube doch, halb und halb hat Trude recht, nämlich in dem, was sie zuerst über Haarhaus sagte. Nachher war er ja wieder lieb Kind, weil er ihr den Arm gereicht hatte. Trude versteht davon gar nichts. Hätte sie nur in den tief verworfenen Abgrund geschaut so wie ich! Aber ich habe ihn abfallen lassen und bis auf die Knochen blamiert, wie Papa manchmal sagt. Heimlich wird der Mann über sich selbst erröten, und das ist meine Rache; denn ich bin nicht herzlos, sondern strafe nur den, der es verdient.

»Ueber die wahre Liebe zerbreche ich mir nicht weiter den Kopf. Nelly kann sich nicht so recht ausdrücken; ich glaube, es fühlt auch jeder anders. Nelly fühlt auf englisch, und an Freese will ich mich nicht wenden. Ich könnte ja Max befragen, aber der behandelt mich noch als Gänschen. Ich verzeihe es ihm. Es braucht niemand tief hinab in meine Seele zu sehen und dort zu lesen, was geschrieben steht in goldenen Lettern, unauswischbar und wie ein Stern in dunkler Nacht. Ich leide lieber still. Max leidet ja auch und ebenso die arme Elise. Es ruht ein furchtbarer Fluch auf uns, und wer weiß, ob er gehoben wird. Noch ein paar Tage soll es dauern, dann will Max sprechen. Ich weiß, daß es entsetzlich werden wird, aber ich werde ihm treu zur Seite stehen, als einzige Schwester, die ihm des Lebens Last tragen hilft in Ewigkeit. Ich werde auch den Zorn der Eltern nicht scheuen; denn weiß ich auch nicht so recht Bescheid, so fühle ich doch aus mir selbst heraus, daß die Liebe das Beste ist, was man in der Art hat. Außerdem gibt es für die beiden kein Rückwärts mehr wie im Cid von Herder (von 1740 ungefähr bis 1800), sondern sie sind über Leben und Tod füreinander gebunden und haben auch schon ein 101 kleines Kind. Letzteres habe ich aber noch nicht gesehen, weil es gerade schlief, und ich nicht hineindurfte. . . .


»Noch zittert mir die Feder in der müden Hand. Beinahe hätte Mama mich überrascht. Aber wiederum rettete mich meine Geistesgegenwart. Ich glaube, ich irre mich nicht, ich werde jetzt sehr geistreich. Auch der Mut übt seine Spannkraft in meiner jungen Brust. Die großen Ereignisse der letzten Tage stärken mich unbewußt. Als ich heute früh die kleine Milchkanne aus Versehen umwarf und über die Hosen von Dieter, schimpfte mich Dieter in der Roheit seiner Jahre Tolpatsch. Ich lächelte stumm und weh. Was thut mir das! Ich habe mich in edler Weise verändert. Früher wäre ich grob zu Dieter geworden oder hätte ihm vielleicht eine heruntergehauen; jetzt aber schwieg ich. Ich könnte noch viel mehr erdulden. Nur aussprechen möchte ich mich manchmal sehr gern. Doch ich bin einsam und verlassen auf dieser Welt; denn mit Trude ist nicht zu reden, viel eher noch mit Semper, aber der ist mir nicht zur Hand. Er ist viel ritterlicher als Doktor Haarhaus, wenn er auch kleiner ist und nicht in Afrika war. Wie sagte doch Goethe: ›Komm den Frauen zart entgegen,‹ aber es kann auch Heine sein. Ich werde einmal im König nachsehen, ob es drin steht. . . .

». . . Im König konnte ich es nicht finden; Trude sagte Goethe. Es ist egal, aber der Endvers, den Trude mir vordeklamiert hat, macht mich wieder irrig. Kühn und verwegen kann am Ende jeder sein. Von Goethe ist auch nicht alles wahr. Mama ist jetzt immer so hinter mir her, und Papa sagte heute mittag, als von dem afrikanischen Tagebuch des Doktor Haarhaus gesprochen wurde: ›Ja, ja, so ein Tagebuch ist schon 'was Schönes,‹ und dabei guckte er mich an. Ich zitterte und wurde rot und sagte rasch mit meiner Geistesgegenwart: ›Es ist heute so heiß.‹ Aber Angst 102 habe ich doch. Ob die Eltern etwas gemerkt haben? – Ich will lieber drei Tage nicht schreiben; erst nach der Gesellschaft wieder. . . .«

Es war ein wunderschöner Sommersonntag, an dem Reinbold seine Probepredigt halten sollte. Der junge Mann hatte schlecht geschlafen; die ungeheuer vollgestopften Federbetten beim Pastor Strimonius verwandelten sein Nachtlager in einen Backofen, und die innere Unruhe kam dazu. Er war schon in aller Frühe auf den Beinen und schlüpfte hinaus in den Garten, während der greise Pfarrer und die sich auch schon dem biblischen Alter nähernde Haushälterin noch friedlich schlummerten.

Was war das für ein herrlicher Morgen! Ueber dem Dorfe lag heilige Festtagsruhe; selbst in den Ställen schien es friedvoller als sonst. Nur die Hähne krähten, und das Schnattern und Glucksen des Federviehs lieferten die Begleitmusik zu diesen Fanfaren. Dazwischen erscholl zur Vervollständigung der Morgenouverture der volle Chorgesang der Vögel in den Bäumen.

Reinbold hatte das Haus durch den rückwärtigen Ausgang verlassen. Hier lagen der Obst- und Gemüsegarten des Pastorats und daran schloß sich, bis an das Ufer der Wilde hinabreichend, ein langgestrecktes Stück Wiesenland. Alles war sauber gehalten und stand in bester Kultur. Reinbold freute sich darüber; er nahm gewissermaßen schon Besitz von seinem neuen Heim. Und dennoch zagte seine Seele. Der Patron hatte das Machtwort zu sprechen. Nun war Herr von Tübingen ihm allerdings mit jener etwas rauhen Liebenswürdigkeit entgegengekommen, die ihm eigen war; dafür hatte sich aber die Baronin, und das war dem neuen Pfarramtskandidaten nicht entgangen, sichtlich zurückhaltend gezeigt. Reinbold konnte sich sogar der Auffassung nicht verschließen, daß sie häufig mit prüfendem Interesse sein 103 Gesicht und vor allem seine unselige Nase gemustert hatte. Das war ihm schrecklich unangenehm gewesen. »Mulier taceat in ecclesia,« sagte allerdings der alte Konzilsspruch, aber in diesem Falle sprach die Patronsgattin doch sicher ein Gewichtiges mit. Das war überall so. Vor Frau von Tübingen hatte Reinbold Sorge und eine heimliche Angst.

Er schritt den schmalen Wiesenpfad hinab zum Flusse. Noch lag der Tau auf den Gräsern, aber auch hier im feuchten Grün erwachte bereits das Leben. Schmetterlinge taumelten über den Rispen, und große Hummeln, Libellen und Bienen; die ganze Käferwelt zog aus, ihren Morgenimbiß einzusammeln. Die Erlen und jungen Weiden am Flusse schwankten im erfrischenden Frühwind wie in rhythmischer Tanzbewegung hin und her; auf den silbern schimmernden Birken, die als Grenzwacht zwischen den Pfarrwiesen und dem Parke des Herrenhauses standen, hatte sich ein Schwarm Krähen niedergelassen und lärmte dort in ruheloser Art. Jenseits des Flusses setzten sich die Wiesen, hier zum Majorate gehörig, bis zum Waldessaume fort. Sie strahlten in der Morgenbeleuchtung ein bläuliches Grün aus, in das sich der Glanz des Taues mischte. Ein paar Störche stolzierten zwischen den Gräsern umher. . . .

Es war so schön – so schön! Reinbold hob die Arme und breitete sie weit aus, als wollte er die ganze Gottesnatur an sein Herz ziehen. Er war in hoher und festlicher Weihestimmung. Er dachte nicht mehr an seine Unglücksnase – ein wundersames Wohlbefinden überschlich ihn und teilte ihm eine so sonnige Freudigkeit mit, daß er dadurch auch an Sicherheit gewann. Selbst die Erinnerung an das strenge Gesicht der Baronin verblaßte und milderte sich.

Im Auf- und Niederschreiten rekapitulierte er seine Predigt. Er hatte sie sorgsam ausgearbeitet und sich dabei Mühe gegeben, auch in das Wesen und das Begriffsvermögen 104 der Bauern einzudringen. Das war ihm nicht leicht geworden, denn er kannte die ländlichen Verhältnisse wenig; aber er ging so mit Herz und Seele in seiner großen und schönen Aufgabe auf, daß er gutes Gelingen erhoffte.

Ein Viertelstündchen vor Beginn des Gottesdienstes fand sich Freese noch einmal bei ihm ein.

»Wie haben Sie geschlafen, lieber Herr Reinbold?« fragte er, nachdem er den alten Pfarrer Strimonius begrüßt hatte, Reinbold herzlich die Hand schüttelnd.

»Schlecht, Herr Freese – unruhig und von allerhand bösen Träumen verfolgt. Aber mit dem neuen Morgen ist mir auch neuer Mut gekommen.«

»Recht so,« sagte Freese. »Ich meine, Sie können außer Sorge sein. Die Stimmung im Patronatshause ist Ihnen günstig. Der Baron ist ein vortrefflicher Mann, noch einer aus der alten Schule –«

»Aber die Frau Baronin,« fiel Reinbold in klagendem Tone ein.

»Der Baronin sind Sie lediglich zu jung und zu unverheiratet,« entgegnete Freese lächelnd. »Das erstere bessert sich täglich, und dem letzteren wird im Laufe der Zeiten ja auch abzuhelfen sein. Es weht Verlobungsluft in Hohen-Kraatz; auch ich habe mich ihr nicht entziehen können. Schließlich haben Sie auch noch die jungen Damen für sich. Fräulein Benedikte ist der Ansicht, daß Sie bei wachsendem Vollbart die richtige Mischung von heiterer Lebensfreude und würdigem Ernst repräsentieren würden – so ungefähr wenigstens drückte sie sich aus – und in Fräulein Trude Palm besitzen Sie eine besonders warme Fürsprecherin. Ich darf Ihnen allerdings nicht verhehlen, daß Sie auf dieses Fräulein einen Eindruck gemacht, den Sie selbst wahrscheinlich am wenigsten erwartet haben, nämlich – einen pikanten.«

»Machen Sie sich nicht lustig über mich, Herr Freese!«

105 »I bewahre, lieber Freund. Auch Fräulein Palm, die man nehmen muß, wie sie ist, hat das völlig im Ernst gemeint. Sie dürfen den Ausdruck pikant natürlich nicht im Sinne des Frivolen auffassen, sondern mehr nach der materiellen Geschmacksrichtung hin –«

»Versteh' schon; wie Mixpickel ungefähr und geschmorte Gurken –«

»So ungefähr,« schloß Freese lachend. »Die junge Dame ist nicht für das Alltägliche. Mehr für das Absonderliche. Sie ist sehr neugierig, wie Sie sich im Talare ausnehmen werden.«

»Nun – diese Neugier wird ja bald gestillt werden. Daß ein Pastor seiner Gemeinde auch als Mensch gefallen muß, ist klar; in anderm Falle wird ein gedeihliches Handinhand und Nebeneinandergehen immer unmöglich sein. Ich verüble es Fräulein Palm also nicht, daß sie von meinem Menschen außen und innen gewisse pikante Kontraste erwartet. Denn auch mich wird sie nehmen müssen, wie ich bin. Und sicher ist es immer das Beste, sich nicht anders zu geben, als man ist. Das will ich auch thun, lieber Herr Freese, und mit Gottes Hilfe wird Patron wie Gemeinde Einsehen haben, daß man auch trotz eines jungen Studentengesichts und einer überflüssig lustigen Nase ein guter, treuer und ehrlicher Lehrer der Schrift sein kann. Jetzt leben Sie wohl; es läutet zum letztenmal, und ich muß in meinen Talar. . . .«

Heute erschien die ganze Gemeinde in der Kirche. Der alte Pastor Strimonius, der sich in seinem Sorgenstuhl hatte in das Gotteshaus tragen lassen, war ganz verwundert. Er hatte die Kirche noch niemals so voll gesehen. Sogar die alte Rabitschen war gekommen, die sonst nur jährlich einmal zum Abendmahl zu erscheinen pflegte und dann immer zwei blanke Pfennige als Opfer auf die Altarecke legte. Und 106 alles war in größter Spannung. Reinbold merkte das wohl, sah auch, wie sich hie und da die Köpfe zu einander neigten und man sich gegenseitig Bemerkungen in die Ohren tuschelte, und in seiner Erregung vermeinte er sogar ein kritisches Urteil aufzufangen: »He seiht nuch ze jung ut! Un wat hat e vor enne gluupsche Nase ins Gesichte! . . .«

Doch die Erregung legte sich bald; als Reinbold vor dem Altar stand, kam auch die innere Sammlung, kamen Ruhe und Frieden über ihn. . . . Oben auf dem herrschaftlichen Chor saßen Tübingen, die Baronin und Graf Teupen in der ersten Reihe, dahinter Max, Haarhaus, die drei Mädchen und Freese mit Bernd und Dieter. Auch hier fehlte niemand. Aber statt der Andacht sah man allüberall nur neugierige Gesichter. . . .

Reinbold hatte nunmehr die Kanzel bestiegen und begann seine Predigt. Sein Organ klang voll, warm und schön, und es sprach Seele aus dem Ton seiner Stimme. Der Sonntag war der vierte nach Trinitatis und das Evangelium des Tages handelte von dem Balken und Splitter im Auge. Reinbold zog auch noch die Fortsetzung in das Bereich seiner Betrachtungen: die Worte vom guten Baum und seinen Früchten und versuchte seiner Gemeinde aus der Praxis des täglichen Lebens heraus den tiefen Sinn jener Weisheit klar zu machen. Und es war seltsam: aus den Gesichtern der Zuhörer verschwand allmählich der Ausdruck der Neugierde, und sinnender Ernst und gespannte Aufmerksamkeit traten an seine Stelle. Aller Augen richteten sich noch immer auf den jungen Geistlichen, aber die übermütige Nase, die eine satirische Laune der Natur dem nach Tiefinnerstem Strebenden als Patengeschenk in die Wiege gelegt hatte, sah niemand mehr, denn alles Aeußerliche trat zurück, da Reinbold sprach. Er wurde zur Verkörperung des heiligen Wortes, das er lehrte und deutete.

107 Selbst die Baronin schien zufrieden zu sein. Ihr Antlitz wurde weich. Nur einmal schüttelte sie unwillig den Kopf, als Tübingen, der während der Predigt häufig vor sich hin nickte, ihr zuflüsterte: »Na, Eleonore? Kann der Mann 'was?! Das ist ein Juwel, sage ich dir. Ich sage dir, der Mann bleibt. . . .« Die Baronin wollte in ihrer Andacht nicht gestört sein.

Nach beendetem Gottesdienst ging Tübingen in die Sakristei, um Reinbold zu beglückwünschen. Er reichte ihm die Hand.

»Haben Sie Dank für Ihre Predigt, mein lieber Herr Reinbold,« sagte er. »Sie hat mir vortrefflich gefallen. Sehen Sie, das ist das Rechte: einfach und schlicht, ohne Schönrednerei und auch ohne lyrisch-elegische Sentimentalitäten. Es gibt Leute, die einem immer die Pistole auf die Thränendrüse setzen. Das kann ich nicht leiden. Es ziemt sich nicht für einen Geistlichen, auf billige Effekte hinzuarbeiten. Die Wirkung muß eine unmittelbare und soll keine künstlich herbeigeführte sein. Also, es ist abgemacht: Sie bleiben bei uns! Ich werde gleich den Superintendenten benachrichtigen, dann kann in vierzehn Tagen die Ordination erfolgen. Morgen abend sind Sie mein Gast. Kleiner Kreis, Frack ist nicht nötig.«

Und dann drückte er Reinbold noch einmal überaus kräftig die Hand und ging rasch davon, ehe der überselige und tiefbewegte junge Geistliche noch eine Entgegnung des Dankes stammeln konnte. –

Am folgenden Tage ging es von früh ab im Herrenhause noch erheblich lebhafter zu als sonst. Die Gesellschaft am Abend erforderte ihre Vorbereitungen. Bernd und Dieter waren in solcher Aufregung, daß sie im Geschichtsunterricht alle Zeitalter durcheinander warfen und im Lateinischen eine greuliche Barbarei entwickelten. Der Papa hatte ihnen 108 versprochen, daß sie bis elf Uhr aufbleiben dürften, wenn sie recht artig wären; hatte ihnen auch weiterhin versprochen, beim Fischen zusehen zu dürfen, wenn sie recht artig wären. Zugesagt hatten sie diese Artigkeit, sogar beschworen. Aber wieder war das Fleisch schwächer als der gute Wille. Bernd fiel in den Fischkasten und mußte triefend nach Hause geschafft werden, und Dieter hatte sich, als er eine Schilfpfeife fabrizieren wollte, den halben Daumen abgeschnitten. Nun lag der eine im Bette und trank Mamas Allheilmittel, Fliederthee – und der andre saß daneben und machte Umschläge um seinen Daumen; und beide heulten.

In der Backstube wurden Plätzchen, Kringel, Rosetten und Sterne gebacken – zum Thee. Dabei halfen die drei jungen Mädchen. Sie hatten große weiße Schürzen um und jede ein buntes Tuch um den Kopf und sahen sehr niedlich aus. Die Mamsell als Oberhofmeisterin war zwar der Ansicht, daß die Mädchen nur störend seien, denn es verstand keine von ihnen so recht etwas von der edlen Kunst des Teigmischens und der Bäckerei; aber die Mamsell war an die dreißig Jahre im Hause und wußte sich zu fügen, wenn es dann und wann auch ein wenig wild zuging. Zum Beispiel, als Miß Nelly ihren neuen und blitzblanken Verlobungsring beim Kneten des Teigs verloren hatte, was allgemein als böses Omen aufgefaßt wurde; sechs Hände, doch es waren weiße und höchst saubere kleine Pfötchen, wühlten gleichzeitig im Teig umher, um den Ring zu suchen, und es dauerte lange, bis man ihn fand. Er hatte sich tief verkrochen, und dabei hatte sich auch noch eine dicke Rosine in den schmalen Goldreif festgeklemmt, was Trude wiederum Gelegenheit zu allerhand symbolischen Deutungen gab. Ueber die Form der Theekuchen entspann sich ein längerer Streit. Vorgesehen waren nur Plätzchen, Kringel, Rosetten und Sterne, aber Trude wünschte auch Herzen, und nun mußte die Mamsell 109 erst nach der geeigneten Form suchen. Dafür buk Trude auch die gesamten Herzen allein und setzte auf jedes noch drei kleine Rosinen. Ein paar Herzchen erhielten sogar fünf Rosinen. Dabei erklärte Trude: »Das ist für Doktor Haarhaus, das ist für Graf Brada, das ist für Baron Max, und das ist für unsern neuen Pastor.« Dies letztere erhielt aber sechs Rosinen.

»Trude, was gibst du nur an!« rief Benedikte. »Die Kuchen kommen doch alle durcheinander auf die Teller; wie sollen denn die Herren ahnen, welche Herzen du extra für sie gebacken hast!?«

»Die Sympathie wird ihnen schon die Hände führen,« entgegnete Trude; »das ist nämlich der Zug von Herzen zu Herzen.«

Etwas später gab es noch recht schmerzliche Augenblicke. Es sollten acht junge Hähnchen geschlachtet werden, und jedes einzelne war Benedikte an das Herz gewachsen. Um diese Zeit fand sich auch Graf Brada ein. Er hatte am Nachmittag wieder einmal keinen Dienst und kam schon so früh, um den Tisch decken zu helfen, wie er erklärte. Das mache ihm immer ein besonderes Vergnügen und, wie Benedikte wisse, habe er speziell im Arrangement des Blumenschmuckes für die Tafel eine sehr glückliche Hand.

»Jawohl, geehrter Herr Graf,« entgegnete Benedikte lachend, »das weiß ich. An Ihrem Geburtstag haben Sie so viel Grünzeug über den Tisch gestreut, daß es aussah, als feiere König Nebukadnezar sein Hochzeitsmahl. Indessen, die Blumen haben noch Zeit. Zuvörderst handelt es sich darum, acht junge Hähnchen zur Tötung auszusuchen. Ich bin tief unglücklich. Warum ist bloß der Mensch ein Fleischfresser!«

Darauf wußte Semper keine Antwort, oder aber er verschwieg sie. Doch folgte er Benedikte willig auf den 110 Hühnerhof, wo die alte Putenfrau schon auf der Jagd nach den Opfern des Abends war. Die Görbitschen war schlechtester Laune. Sie erklärte dem aufmerksam zuhörenden Grafen Brada, daß man Hühner, die zum Schlachten bestimmt, des Morgens nicht aus dem Stalle zu lassen pflege; ihr habe man aber nichts gesagt, und nun könne sie sich jetzt die Beine ablaufen, um das flinke Viehzeug einzufangen. Es ging so auch wirklich nicht; Trude, Nelly und Stupps wurden zur Hilfe herbeigeholt. Nun begann ein wildes Haschen und Greifen, an dem sich auch Brada beteiligen wollte, die Jagd aber wieder aufgab, da er unter dem umherflatternden Hühnervolk für seine gute Attila fürchtete. Doch schlug er vor, man solle sich in diesem Falle eine Wild-West-Angewohnheit zu eigen machen und mit dem Lasso arbeiten. Der Gedanke wurde freudig aufgenommen, nur nicht von der Görbitschen, die sich auf eine altbewährte List beschränkte. Sie streute tückisch Futter aus, und wenn sich dann das Federvieh um sie versammelte, um die Körner aufzupicken, dann warf sie plötzlich ihre Schürze über ein ahnungsloses Opfer und fing es auf diese Weise. So hatte man schließlich mit Aufwendung vieler Mühe sieben Hähnchen zusammengebracht und in einen Weidenkorb gesperrt; aber das achte wollte sich nicht greifen lassen. Und gerade auf einen besonderen Liebling Benediktes hatte es die Görbitschen abgesehen: auf ein entzückendes kleines Tierchen mit weißen Federn und einem kohlschwarzen Schwanzstutz, mit dem es beständig kokett wackelte.

»Lassen wir es doch am Leben,« bat Benedikte; »sieben sind ja genug.«

»Nee, gnä'ges Fräulein,« antwortete die Görbitschen, »wat mir befohlen wird, dat thu ick ook. Und wenn's glei' dat ganze Geflügel gilt. . . .« Und sie raste wieder mit ihrer Schürze hinter dem Schwarzweißen her.

111 »Ist es nicht schrecklich?« wandte sich Benedikte an Brada. »Das ist wie mit den Katakomben im alten Griechenland oder Rom.«

»Hekatomben,« verbesserte Brada.

»Na also – aus omben war es etwas, und schrecklich bleibt es immer. Ich esse nichts von den Hähnchen. Ich würde fürchten, noch auf dem Teller ihr freundliches Glucksen zu hören. Sie haben wohl gar kein Mitgefühl mit der Kreatur, Graf Semper?«

»Ein Krieger muß an Blut gewöhnt sein, Miß Benedikte. Und wenn Sie einmal eine wackere Soldatenfrau werden wollen, müssen Sie auch noch ein bißchen härter werden.«

Benedikte zuckte mit der Oberlippe.

»Wer sagt Ihnen denn, daß ich eine Soldatenfrau werden will – he? Kann ich nicht ebensogut einen Landwirt oder einen Oberlehrer heiraten, wenn es schon einmal sein muß?«

»O nein – ganz gewiß o nein! Ein Landwirt hat heute viel zu sehr mit Sorgen zu kämpfen und könnte sich daher nicht so um Sie bekümmern, wie es jedwede Gattin von ihrem Gatten verlangen kann. Und über den Oberlehrer muß ich lachen. Ich denke dabei gleich an rote Tinte und dreißig Fehler im Extemporale.«

»Das will gar nichts sagen. Je älter ich werde, desto mehr achte ich die Wissenschaft. Und ein Lehrer der Jugend imponiert mir sehr. Sehen Sie sich einmal Herrn Freese an! Leider ist er schon gebunden.«

Brada lachte lustig auf.

»Streiten wir nicht mehr. Sie werden doch eine Offiziersfrau. Schon weil Sie so viel auf Kameradschaft halten, und weil Sie selber so ein famoser Kamerad sind. . . . Weil Sie überhaupt so ein prachtvolles Mädel sind, 112 Benedikte. . . . Weil Sie gewissermaßen die geborene Leutnantsfrau vorstellen – von der leichten Kavallerie. Letzteres selbstverständlich; denn als Gattin eines Kürassiers könnte ich Sie mir per exemplum gar nicht denken. . . . Ach, Benedikte!«

Bei diesem letzten Seufzer schaute Benedikte betroffen auf.

»Herr Gott, Semper,« sagte sie, »Sie werden mir doch nicht hier mitten auf dem Hühnerhofe eine Erklärung machen wollen?!«

Etwas in seinem hübschen Gesicht und im Ausdruck seiner Augen machte sie stutzig. Sie wandte sich rasch um und lief mit wildem Lachen davon. Worüber sie lachte, wußte sie selbst nicht. Aber ein andres wußte sie nun ganz genau: Semper war nicht mehr der alte getreue Kamerad! Es schrie fortwährend in ihr: Semper ist verliebt in dich! Sein ganzes Herz guckt ihm aus den Augen! Semper will dich zur Frau haben! . . . Und dann weiter: Doktor Haarhaus, nun gib einmal acht! Jetzt kommt der zweite Trumpf auf deine Unverschämtheit! Hüte dich, frecher Afrikaner! In Hohen-Kraatz werden keine Herzen zertrampelt! Hier wird blutige Rache genommen! . . .

Brada war stehen geblieben, und sein Gesicht hatte den Glücklichkeitsausdruck verloren. Plötzlich stürzte ihm die alte Görbitschen mit wehender Schürze entgegen.

»Husche, husche, husche!« rief sie. »Lassen Se 'nn nich vorbei, gnä'ger Herr Graf! Lassen Se 'nn nich vorbei, gnä'ger Herr Graf! Husche, husche, husche!«

Brada sprang zur Seite.

»Was wollen Sie denn eigentlich zum –«

»Dat weiße Hähnecken, gnä'ger Herr Graf! Husche, husche, husche. . . .«

Und die Görbitschen raste wie Frau Holle an ihm vorüber, während von der andern Ecke des Hühnerhofes Nelly, 113 Trude und Stubbs herbeistürmten. Aber Brada hatte im Augenblicke andres im Kopfe als das schwarzweiße Hähnchen. Aus Liebenswürdigkeit für Nelly und Trude lief er ein Weilchen mit und machte gleichfalls: »Husche, husche, husche,« und dann verschwand er plötzlich. –

Als im Eßzimmer der Tisch gedeckt war, führte der Zufall den Grafen Teupen und die Baronin hier zusammen.

»Ah, sieh da, Eleonore,« sagte der Graf, »ich wollte noch einmal die Tischordnung revidieren. . . . Es ist doch alles beim alten geblieben?!«

»Alles, Papa. Frau von Seesen zwischen Haarhaus und Max. Tübingen scheint ganz damit einverstanden zu sein.«

»Sehr gut so. Nach dem Souper nehm' ich mir die Seesen vor. Ich denke, wir werden schon heute abend Aufklärung darüber haben, ob Max wirklich in Afrika gewesen ist oder sonstwo.«

Die Baronin stieß einen tiefen und kummervollen Seufzer aus.

»Ach, Papa,« antwortete sie, »was bringt uns das Leben doch alles! Enttäuschungen über Enttäuschungen. Bei Max hätte ich darauf geschworen, daß das Teupensche Blut in ihm viel stärker wäre als der Tübingensche Zusatz. Aber ich fürchte, nein. Das Gute bei den Tübingens in Ehren; doch das Revolutionäre überwiegt. Eberhard ist heute bei Jahren, aber ehemals that er mit Vorliebe das, was der Sitte und der Ordnung direkt widersprach. Ich denke noch mit Schrecken an die ersten Jahre unsrer Ehe, wo wir öfters einmal nach Berlin kamen. Da wollte er in grauen Hosen auf den Opernball gehen, und als man ihn zurückwies, machte er solchen Spektakel, daß sich Herr von Hülsen, den er kannte, persönlich ins Mittel legen mußte.«

»Ja, ja,« sagte Teupen, der nur zerstreut zuhörte, weil 114 er die auf den Tellern liegenden Namenskarten studierte, »er war schon ein bißchen krakeelig . . .«

»Und war sehr für das Weibliche,« fuhr die Baronin fort, und wiederum hob ein ganz leiser Seufzer ihre Brust. »Er kannte die meisten Schauspielerinnen, und mit der Trebelli, die damals eine berühmte Sängerin war, hatte er zusammen gefrühstückt. Die Meyer, die das Lied von der kleinen Handschuhmacherin im ›Pariser Leben‹ sang, nannte er immer bloß die Lina, und die Schramm Anneken. Er that ganz intim mit den Herrschaften. Hast du die David gekannt?«

»I, nun natürlich – die kleine David vom Opernhausballett?! Hör' 'mal, das war ein reizendes . . .« Und dann brach der sehr lebendig gewordene Graf plötzlich ab und beugte sich tiefer über den nächsten Teller und sagte dabei: »Ja, Eleonore, die hab' ich auch gekannt; wenigstens von Ansehen.«

»Und der hat Eberhard von der Loge aus zugenickt, Papa. Er bestritt es natürlich, aber ich habe es deutlich gesehen. Es war im Dezember siebenundsechzig; ich habe mir den Tag notiert. Und damals war Eberhard doch schon Vater! Bei der Garde du Corps standen lauter leichtsinnige Menschen. Von Potsdam aus fuhren sie immer mit einem Extrazuge nach Berlin. Aber ich hätte nie geglaubt, daß Max einmal in die Fußstapfen seines Vaters treten würde. Ich hätte meinen Gegeneinfluß für stärker gehalten. Ich kann dir sagen, ich bin auf das tiefste betrübt.«

Graf Teupen ging um den Tisch herum.

»Du darfst nicht übertreiben, liebe Eleonore,« antwortete er. »Die Jugend will nun einmal ihr Recht haben. Uebrigens steht durchaus noch nicht fest, daß Max wegen irgend welcher Weibergeschichten uns mit Afrika bemogelt hat. Es wird schon alles ins reine kommen. Er weiß, was er seinem 115 Namen schuldig ist. Und schließlich ist die Tübingensche Ader auch keine schlechte.«

»Da sei Gott vor,« entgegnete die Baronin; »das hat noch niemand behauptet. Sonst wäre eine Verbindung mit den Teupens einfach nicht möglich gewesen. Aber . . . nun, ich will nicht mehr klagen! Ich kann nichts weiter thun, als die Ereignisse an mich herantreten lassen.«

»Das ist allzeitig das Beste gewesen,« sagte Teupen lächelnd; »selbst in der Strategie weiß man diesen Grundsatz zu schätzen. . . . Und nun sage mir einmal: weshalb hast du den Freese und Miß Nelly nicht nebeneinandergesetzt? Ich dächte, bei Brautpaaren wäre das so üblich?«

»In der Gesellschaft, ja. Aber schließlich – so ganz gehören die beiden Leutchen denn doch nicht zu uns! Ach nein – einen kleinen Trennungsstrich möchte ich immer markiert wissen. Schon wegen der Benedikte, die gar zu gerne ihre Stellung vergißt. Laß es nur so, Papa; man ist tolerant genug. . . .«

Gegen sieben Uhr versammelte sich die Familie in Erwartung der Gäste auf der Veranda. Das war eine ländliche Sommersitte, wider die weder Graf Teupen noch die Baronin trotz aller Waffen der Etikette, die sie dagegen ins Feld führten, anzukämpfen vermochte.

Tübingen saß, im schwarzen Ueberrock und mit blank geputztem Monocle, in seinem Bambusstuhl und hielt noch eine Ansprache.

»Herr Freese,« sagte er, »wollen Sie mir bitte darauf achten, daß die Jungen nur zwei Glas Sekt bekommen – keinen Tropfen mehr. Benedikte, du trinkst mir auch nicht zu viel.«

»Aber, Papa –«

»Sei still! Du verträgst gar nichts und siehst gleich wie eine Klatschrose aus. Das Herunterkippen des Sekts, so in einem Zuge, wird mir auch nicht gemacht.«

116 »Ich passe schon auf, Herr von Tübingen,« erklärte Brada;»ich gieße Fräulein Benedikte immer nur ein Viertel Gläschen ein und Wasser dazu.«

»Das können Sie alleine trinken,« versetzte Benedikte mit verzogenem Mäulchen. »Sind Sie vielleicht mein Erzieher, Graf von und zu Semper?!«

»Ein bißchen mehr Erziehung würde dir gar nichts schaden, liebe Dikte,« entgegnete Tübingen. »Wollen Sie wieder eine Rede halten, Semper, wie neulich abend?«

»Das war zu Ehren von Max. Für heute verzichte ich.«

»Danke schön; das ist mir nicht unlieb. Während der Reden verprietzelt gewöhnlich der Braten. Eleonore, wenn die Guste mitserviert, soll sie einem die Schüsseln nicht immer so dicht auf den Leib halten. Rumpelt's da nicht? – Paßt einmal auf, der alte Kielmann ist wieder der Erste! . . .«

Ja, es rumpelte, und wirklich war der alte Kielmann der Erste. Es war noch ganz hell, aber die Laternen an der ungeheuren Schnittlager Kutsche brannten trotzdem. Sie leuchteten wie die Feueraugen eines Fabeltieres, das sich die Allee hinabwälzte. Die Hunde gerieten in Aufregung und kläfften in allen Tonarten; zwischendurch ertönte der helle Sopran Cosys. Wenn Cosy in Grimm geriet, sah er sehr komisch aus. Er stand ganz oben auf der Verandatreppe, und die Härchen seines braunen Fells sträubten sich, und mit den Hinterpfötchen schlug er zuweilen aus.

Der Wagen hielt noch nicht, als man schon den schrillen Diskant des Amtsrats hörte: »Allerseits die Ehre– allerseits die Ehre! Sehr geschmeichelt gefühlt durch verblüffend überraschend gekommene Einladung. Wußte aber nicht, was für Gesellschaft, ob groß, ob klein und wieviel. Leibröckchen angezogen, um nicht in die Bredouille zu geraten – hähä.«

Und dann streckte er ein Bein aus dem Wagen und 117 fuhr damit ein paarmal in der Luft herum, bis Riedecke dies Bein ergriff und den Fuß vorsichtig auf das Trittbrett setzte. Auf der andern Seite des Wagenschlages stand Stupps, der Riedecke half, den Amtsrat gänzlich zur Erde zu bringen.

Das war ein komisches Männchen: klein, aber dick und mit einer scharfen Fistelstimme; mit drei Paletots übereinander und mit Filzüberschuhen, trotz des sommerlichen Wetters; um den Hals einen Shawl, auf dem Kopf einen mächtigen Cylinderhut, der stets und zwar mit Absicht gegen den Strich gebürstet wurde. Kielmann that sich etwas zu gut auf seine Sonderlingsart, auch auf seine kleinen Taktlosigkeiten.

Nach erster Begrüßung wandte er sich an den Kutscher zurück.

»Griepenstier, die Fischchen!« schrie er. »Riedecke, nehmt 'mal dem Griepenstier die Butte mit den Fischchen ab! Habe mir erlaubt, ein paar Fischchen mitzubringen, gnädigste Frau. Müssen aber noch heut abend gefuttert werden. Was – es gibt so wie so Fische?! Schad' nix, gnädigste Frau – meine Fischchen sind etwas Apartes. Ohne Gräten, mein alter Tübingen, aber zum Knacken. Gnädigste Frau, warm und mit frischer Butter, wenn ich bitten darf. Tübingen, habt Ihr denn noch von Eurem alten Rauenthaler? Von dem müssen wir ein Gläschen dazu trinken. Kinder, seid vorsichtig mit den Fischchen! Seid –«

Aber die zweite Mahnung kam zu spät. Stupps schrie plötzlich auf. Die Fischbutte war nur locker mit Sackleinwand verschnürt, und Stupps hatte mit der rechten Hand unter die Leinwand gefaßt. Das war ihm aber schlecht bekommen. Er brüllte gewaltig und hüpfte dabei von einem Bein auf das andre. Kläffend umjagten ihn die Hunde.

»Nun frag' ich den Menschen!« schimpfte Tübingen. »Bist du toll geworden, Stupps?! So laß doch das Biest los!«

»Ich kann ja nicht, Herr Baron,« jammerte Stupps. »Das sind ja gar keine Fische; das sind ja Krebse!«

»Ach was, Krebse! Hummern sind's, Dummerjahn!« sagte der Amtsrat. »Warum faßt du denn unter die Leinwand? Bringt einmal Salz her! Man muß dem Hummer Salz auf den Schwanz streuen, dann läßt er los.«

»Ich werde ihn hypnotisieren,« meinte Haarhaus. »Beim Krebsgeschlecht ist das eine Kleinigkeit. Dann läuft er mir nach.«

In der Parkeinfahrt zeigte sich bereits der zweite Wagen. Die Kutsche des Amtsrats fuhr weiter. Kielmann riß Stupps zurück, und bei dieser Bewegung gab der Hummer so wie so frei. Gleichzeitig riß aber auch die Leinenhülle der Butte; die Riesenkrebse fielen in den Sand, überschlugen sich hier und angelten krampfhaft mit den großen Scheren hin und her. Nun schrie alles wild durcheinander. Max stürzte dem zweiten Wagen – es war der Kletzelsche – entgegen und brachte ihn in der Mitte der Allee zum Stehen, damit er die Meergeschöpfe nicht überfahre. Dieter, Bernd und die Mädchen versuchten inzwischen, die Hummern zu fangen, und Graf Teupen und Kielmann gaben dazu gute Ratschläge, die aber nicht viel nützten.

»Feste hinten anpacken!« rief der Amtsrat. »Immer von hinten – immer von hinten! . . .« Teupen war dafür, man sollte die Schmetterlingsnetze holen. Haarhaus beschränkte sich gleichfalls darauf, Direktiven zu erteilen. »Bilde dir ein, du hättest einen Löwen vor dir, Dieter,« sagte er; »sieh ihm fest ins Auge und dann hau' ihm in das Genick, damit er betäubt wird. . . .« Stupps kroch auf der Erde umher und schlug von Zeit zu Zeit mit einem Fuße aus, wenn einer der unaufhörlich belfernden Hunde ihm zu nahe 119 kam. Trudchen Palm that so, als wolle sie ebenfalls helfen; da sie aber vor den zwickenden Ungeheuern Angst hatte, so lief sie nur zwecklos mit geschürzten Röcken hin und her.

Tübingen war wütend.

»Nun frag' ich dich,« tuschelte er seiner Frau zu, »ist der Kielmann nicht ganz verdreht? Schmeißt uns die Hummern vor die Rampe! Und ich kann nun nochmal in den Keller, um den Rauenthaler herauszugeben. . . . Was der Alte für Einfälle hat! . . . Semper, wollen Sie nicht auch ein bißchen helfen?! . . . Habt ihr das Viehzeug beisammen?!«

»Sieben Stück müssen es sein,« rief der Amtsrat. »Sechs kleinere und ein ganz großer mit einem grünen Fleck auf dem Rücken!«

Aber man hatte nur sechs gefunden. In der Allee standen drei Wagen hintereinander. Herr und Frau von Kletzel waren ausgestiegen und halfen voller Interesse den siebenten suchen. Die kleine pikante Frau unterhielt sich dabei wundervoll. Fuchshatz, Schleppe und Hühnerkrieg – was war das alles gegen diese Hummerjagd! . . . Plötzlich kreischte Miß Nelly auf. Sie hatte den Fehlenden hinten am Kleide Benediktes entdeckt. Dort hatte er sich festgeklemmt und war hängen geblieben. Er ließ auch nicht locker; Benedikte mußte das Kleid wechseln, und mitsamt dem Kleide wurde der dicke Hummer in die Küche gebracht.

Nun war der Amtsrat zufrieden und begann sich auszuschälen. Er trug einen altmodischen, dunkelblauen Frack und eine weiße Weste mit goldenen Knöpfen und um den Hals eine schwarze Krawatte, ganz klein, in Form eines Knotens, aber im Chemisett einen desto größeren Brillanten. Der hübschen, schwarzäugigen Frau von Kletzel küßte er dreimal die Hand und schaute ihr verliebt in das Gesicht, während er sie »mein entzückendes gnädiges Frauchen« titulierte; ihren Gatten, einen blonden Herrn mit liebenswürdigem 120 Leutnantsgesicht, aber nannte er nie anders als »poëta« oder »Magister der schönen Künste«. Für Herrn von Kletzel hatte er besonders viel übrig. Es gefiel ihm, daß jener den Mut der Liebe gehabt und, allem Klatsche trotzend, sein schlankes Schwarzreh heimgeführt hatte. Es gefiel ihm auch, daß es Kletzel gelungen war, durch die Erträgnisse seiner Feder den verwüsteten Landbesitz seines Vaters in die Höhe zu bringen. Was schrieb dieser junge blonde Mensch nicht alles zusammen! In allen Familienblättern las man Geschichten von ihm; es verging kaum ein Tag, an dem er nicht Ehen stiftete, Herzen brach, schändliche Treulosigkeiten beging und dann und wann auch mordete. Immer auf dem Papier, und das bezahlte man ihm sogar, und gut, wie man sich erzählte. . . .

Der dritte Wagen brachte Frau von Seesen nach Hohen-Kraatz. Sie trug ein seegrünes Kostüm, weshalb der Amtsrat sie auch »meine gnädige Melusine« anredete. Dann kam noch der Landesälteste von Lohusen, ein reizender alter Herr, der leider eine mißgünstige, ewig hämische, hopfenstangenlange Gattin besaß, die bei der Begrüßung des alten Kielmann in ihr Taschentuch nieste und über die Kletzels beständig hinwegschaute, was diese außerordentlich zu amüsieren schien. . . . Nach und nach wurde es lebhafter. Auch ein paar Offiziere aus Zornow trafen ein: Rittmeister von Kahlenegg mit seiner Frau, die einer dicken Schlächtermeisterswitwe glich, aber nichtsdestoweniger einem ehemals reichsunmittelbaren Hause entstammte – Oberstleutnant Baron Gries und Leutnant Graf Dachsberg-Dachsingen. Ferner der Obersteuerkontrolleur Biebrich mit Gattin und Sohn, einem kleinen Kadetten, der immer hungrig aussah – und der Apotheker Palm mit seiner Ehegenossin, die Eltern Trudes. Beide spielten im Umkreise eine gewisse Rolle; zunächst, weil Frau Palm als geborene von Trusen mit 121 verschiedenen Familien des heimischen Landadels verwandt war, und dann, weil Palm den Ruf eines bedeutenden Bakteriologen genoß. Allerdings auch nur im Umkreise; die Wissenschaft wußte nichts davon. Indessen war es Thatsache, daß Palm ein Laboratorium besaß, in dem er viel arbeitete, und daß er zwei Meerschweinchen als »Versuchsobjekte« hatte, die täglich fetter wurden. Einer gelegentlichen Aeußerung zufolge war er einem neuen Bacillus auf der Spur, über dessen Eigentümlichkeiten er sich jedoch nur in Andeutungen erging. Der Bürgermeister hatte am Stammtische erzählt, jener Mikrobe finde sich gewöhnlich im Pflaumenmus; sprach man Palm darauf hin an, so lächelte er nur schweigend. Er schien immerhin ein bedeutender Mann zu sein.

Die Gesellschaft versammelte sich in dem sogenannten »Saal«, dem großen Wohnzimmer, das zwischen den Zimmern Tübingens und der Baronin lag, deren Thüren geöffnet, und die hell erleuchtet waren. Hier reichte Riedecke den Thee, und Stupps marschierte hinterher, um die Kuchen zu präsentieren. Trude hielt sich viel in seiner Nähe auf, um zu kontrollieren, ob sie mit ihren sympathetischen Ahnungen recht behalten und ihre Herzen aus mürbem Teig mit den Rosinen darauf in die Hände wandern würden, für die sie bestimmt waren. Aber leider kam alles anders; es war nichts mit der Sympathie. Schließlich nahm Trude Stupps den Kuchenteller ab und flüsterte dem Jungen zu: »Stupps, geh' 'mal hinaus und sieh zu, ob auch Selterwasser kalt liegt; ich werde inzwischen weiter präsentieren. . . .« Und während Stupps ging, warf sie einen raschen Blick auf den Teller und entdeckte noch glücklich das Kuchenherz mit den sechs Rosinen, schob es unbemerkt mit Daumen und Zeigefinger so, daß es obenauf lag und knickste dann leicht vor Reinbold.

»Bitte schön, Herr Pastor, ein Stückchen Kuchen gefällig?« sagte sie.

122 »Sehr liebenswürdig, gnädiges Fräulein; darf ich fragen, ob Sie selbst –« und er erhob die rechte Hand und senkte sie dann wieder.

»Selbst gebacken, Herr Pastor; versteht sich . . .« und dabei gab Trude mit dem Daumen dem Herzen mit den sechs Rosinen noch einen kleinen Nachhilfestoß, so daß es Reinbold fast in die Finger flog. Er nahm es und stippte es in seine Theetasse. Als Trude aber ein paar Minuten später an Benedikte vorüberkam, flüsterte sie dieser hastig ins Ohr: »Siehst du, Dikte! Meine Sympathie! Herr Reinbold hat das Herzchen mit den sechs Rosinen genommen – mitten heraus! Auf Ehrenwort! . . .«

Aber Benedikte war in viel zu großer Erregung, um sich heute um die stillen Geheimnisse ihrer Freundin zu kümmern. Kurz vor der Gesellschaft hatte sie noch Zeit gefunden, ein paar Zeilen in ihr Tagebuch zu schreiben. Diese lauteten:

. . . »Es steht also fest: Semper liebt mich. Seine Augen haben es mir gestanden, als die andern das schwarzweiße Hähnchen greifen wollten. Und ach, o Gott, auch ich fühle, daß er mir nicht gleichgültig ist! Woran ich das fühle, weiß ich nicht; aber mir ist so bange und auch so selig zu Mute, und das wird wohl die Liebe sein. . . . Ich bin aufgestanden, um mich im Spiegel zu besehen; ich habe Thränen in den Augen. Ich weine sogar, da ich an ihn denke. Das wäre mir bei H. nicht möglich gewesen. H. wird zum Berserker werden, wenn er erfährt, daß ich Semper liebe. Aber das soll er. Es ist die leichteste Strafe, die ihn treffen kann. Wir sind hier nicht in Afrika. Wäre der Abend doch erst vorüber! Ich bin voller Ahnungen, aber ich will mir absichtlich nicht das Punktierbuch von der Mamsell geben lassen. Ich bin zu rein und groß geworden, um mich vom Aberglauben unterjochen zu lassen. . . .«

123 Benedikte war nicht die einzige Aufgeregte. Max, Haarhaus und Frau von Seesen erging es ganz ähnlich. Sie fieberten alle ein wenig. Und auch Tübingen und die Baronin steckten voller Unruhe. Letztere allerdings aus andern Ursachen als die Vorgenannten. Man wollte zu Tische gehen, und die Hummern waren noch nicht so weit. Dabei quirlte der alte Amtsrat beständig im Zimmer umher und erkundigte sich nach seinen Fischchen und dem Rauenthaler. Mit Reinbold hatte er sofort Freundschaft geschlossen. Reinbolds Nase zog ihn an. Er vermutete hinter ihr Verwandtschaft und Gleichempfinden. Geraume Zeit hindurch blieb er neben ihm stehen.

»Freue mich sehr, Sie kennen zu lernen, Herr Pastor,« sagte er. »Erlauben Sie mir nur ruhig das ›Herr Pastor‹; Tübingen hat mir schon erzählt, daß die Ordination vor der Thür steht. Gehöre nämlich auch mit zu Ihren Lämmchen; Schnittlage ist in Hohen-Kraatz eingepfarrt. Müssen mich 'mal besuchen, Herr Pastor; ziehen Sie Rauenthaler oder Johannisberger vor?«

Reinbold lächelte. »Ich glaube, ich habe bisher weder das eine noch das andre getrunken, Herr Amtsrat,« entgegnete er. »Doch nicht, weil ich etwa ein abgesagter Feind des Weines bin; armen Studenten wird er zu selten geboten.«

»Ist richtig, Herr Pastor, ist richtig. Daran hab' ich nicht gedacht. Sie sollen meinen Weinkeller kennen lernen. Ziehe Rhein und Mosel dem Franzwein vor; erstens aus Patriotismus, zweitens aus Gesundheitsrücksichten. Es ist nicht wahr, daß ein feiner Bordeaux die Milch der Greise ist. Jeder Rotwein verdickt das Blut; unsre Moseltraube beflügelt es. Ei ja! Ich möchte sagen: ein guter Mosel – denn der geht noch über den Rhein – ist Poesie, ein guter Bordeaux dagegen höchstens Philosophie. Und Poesie ist mir lieber.«

124 »Jedes zu seiner Zeit, Herr Amtsrat. Nach Schopenhauer ist die Jugend die Zeit der Poesie, das Alter mehr die der Philosophie; hie Mosel, hie Rotspohn. Der eine beeinflußt die Anschauung, der andre das Denken. Nicht wahr?«

»Ich glaube ja. Donnerwetter, das muß ich 'mal ausprobieren! Berncastler für die Phantasie, Léoville Lascaze für das Grübeln. Famoses Ideechen! Pastor, ich bitte dringend, daß Sie mich baldigst besuchen. Ich weiß: wir werden uns anvettern! Schon weil Sie Humor zu haben scheinen. Warum soll ein Pastor nicht auch Humor besitzen?!«

»Bin Ihrer Ansicht, Herr Amtsrat. Nämlich, wenn es wahr ist, daß man einen Mann von Humor an seinem Ernste erkennt. Denn thatsächlich bin ich ernster veranlagt, als ich scheine. Jedenfalls liebe ich den Humor als eine Gottesgabe, die das Leben verschönt und oft genug sein Dunkel lichten hilft; und dann auch, weil er etwas besitzt, was zu den Grundelementen in der Wirksamkeit jedes Geistlichen gehört: etwas Versöhnliches.«

Tübingen trat heran.

»Amtsrat, jetzt sind wir so weit,« sagte er. »Riedecke meldet, daß angerichtet werden könne. Daß es länger gedauert hat, als notwendig gewesen wäre, ist Ihre Schuld, mein Alterchen. Der Hummer mit dem Fleck hat sich geradezu rabiat benommen. Er wollte das Kleid von der Dikte partout nicht loslassen, so daß man ihm die Schere mittels einer Kneifzange öffnen mußte. Und nun haben Sie die Güte, und geben Sie Frau von Kletzel den Arm. Sie, lieber Herr Reinbold, muß ich mit Frau von Lohusen belasten. Eine vortreffliche Dame, doch ist es notwendig, daß man ihr zuweilen den vierzehnten Vers aus dem vierunddreißigsten Psalm in das Gedächtnis zurückruft. Wissen Sie, wie der lautet?«

125 Reinbold nickte und citierte: »Behüte deine Zunge vor Bösem und deine Lippen, daß sie nicht falsch reden.«

»So ist es, Pastor; ich sehe, Sie sind bibelfest. Auf der andern Seite haben Sie die kleine Palm: ein Weltkind, dem es aber am Leitenden in der Welt gebricht, nämlich am Geist der Ordnung. Jetzt woll'n wir zu Tische gehen; ich hoffe, lieber Kielmann, daß Ihre Hummern in meinem Magen wieder gut machen werden, was die mürben Kuchen gesündigt haben.«

In diesem Augenblicke öffnete Stupps die Flügelthüren zum Speisezimmer, und Riedecke, der heute zu seinem Frack Fangschnüre trug, meldete vernehmlich: »Gnädige Frau, es ist angerichtet.«


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