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Das Heiratsjahr

Fedor von Zobeltitz: Das Heiratsjahr - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Heiratsjahr
authorFedor von Zobeltitz
year1900
firstpub1900
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleDas Heiratsjahr
pages317
created20120127
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel.

Erzählt, was man alles im Erlenbruch an einem Regentage erleben kann.

Benedikte war in all ihrem Herzensweh, mit feuchten Augen und öligen Bäckchen, endlich glücklich entschlummert. Doch sie wachte zu früher Stunde wieder auf. Die Uhr auf ihrem Nachttisch zeigte erst auf Fünf. Unter dem Fenster zwitscherten Schwalben und Sperlinge; die Natur draußen jauchzte dem Tage entgegen.

Benedikte schaute sich nach Trude um, die mit offenem Mäulchen noch selig schlief. Aber heute dachte Benedikte an keinen Unfug. Sie streckte sich wieder im Bette aus und wollte überlegen. Sie fühlte, daß sie ganz ruhig geworden war.

Also zunächst: Haarhaus hatte ihr einen Kuß gegeben. Benedikte wurde unwillkürlich rot bei diesem Gedanken – aber es ließ sich daran nun einmal nicht rütteln. Es war Thatsache. Was mußten die Folgen sein? . . . Ganz 51 einfach: Haarhaus würde um sie anhalten! . . . Natürlich war das einfach, doch Benedikte wurde trotzdem plötzlich ungewöhnlich warm im Bett. Sie richtete sich auf und grübelte im Sitzen weiter.

Die Eltern! Was würden die sagen?! Das war eine ängstliche Geschichte – fast so wie Maxens Liebesepisode – nur umgekehrt. Haarhaus war nicht von Adel. Der Papa dachte ja sehr vernünftig in dergleichen, aber die Mama – und der Großpapa! Allerdings war Doktor Haarhaus ein berühmter Mann. Das fiel in die Wagschale. Das war vielleicht auch beruhigend für Mama und Großpapa. . . . »Frau Doktor Haarhaus« – – und ein leichtes, sinnendes Lächeln zuckte um den Mund des jungen Mädchens. Es gab ja schönere Namen. Aber die Berühmtheit!

Plötzlich warf sich Benedikte wieder in das Bett zurück. Unsinn! – Haarhaus hatte ihr ja noch keine ordentliche Liebeserklärung gemacht. Zuerst mußte doch die Liebeserklärung kommen. Gestern abend war das unmöglich gewesen. Unmöglich in Gegenwart Trudes und Sempers; da hatte man sich verstellt, hatte man einfach Komödie gespielt. . . . Also die Liebeserklärung mußte abgewartet werden; dann kam das Anhalten an die Reihe. Oder kam erst das Anhalten? . . .

Benedikte wußte nicht recht Bescheid. Ihr wurde schon wieder warm, und ein gewisses ängstliches Gefühl pochte an ihrer Kehle. Sie versuchte ihr Herz zu sondieren. Es war zu merkwürdig: sie hätte doch »unsäglich glücklich« sein müssen, wie sie erst neulich wieder in einem Roman gelesen hatte – und sie hatte eigentlich nur Angst. Und wovor denn Angst?! Sie begriff das nicht. Vielleicht war das immer so. Oder –

Ein entsetzlicher Gedanke durchbebte sie. Liebte sie Haarhaus nicht?! . . . Sie dachte den Gedanken nicht aus, dachte 52 nicht weiter . . . fast ohne zu wissen, was sie that, war sie mit einem Satz aus dem Bette und stürzte an die Waschtoilette und begann mit Schwamm und Seifenläppchen ihren hübschen frischen Mund zu bearbeiten, als wolle sie den Kuß von gestern abend wieder abwaschen.

Dann fiel ihr Blick in den Spiegel über der Toilette. O pfui, wie sah sie aus! Bleich, übernächtig und die Wangen glänzend von dem Provenceröl Trudes. Das war im Leben nicht das Gesicht einer glücklichen Braut. Sie wusch sich nochmals. . . .

Als sie in ihr Bett zurückgekehrt war, begann sie von neuem zu überlegen. Heimlich lachte sie sich selbst aus. Es war ja selbstverständlich, daß sie Haarhaus liebte. Dies eigentümliche Empfinden, das sie durchbebt hatte, als er sie gestern nur ein paar Schritte weit in seinen Armen getragen – das war doch die Liebe! Oder nicht? Aber wie gab sich denn sonst die Liebe kund?! . . . Sie hätte gern Trude gefragt. Trude hatte ihren Erzählungen nach schon häufig geliebt; den Zeichenlehrer in ihrer Pension, den Provisor in der Apotheke ihres Vaters und einen Unbekannten, den sie bei einem Besuch in Berlin am Leipziger Platz hatte in eine Pferdebahn steigen sehen, und der ein bildschöner Mann gewesen war. Also Trude mußte es wissen. Aber Benedikte wollte sie nicht befragen. Trude war indiskret.

Und Benedikte grübelte weiter. Sie sagte sich, daß Haarhaus vom ersten Augenblick an, da sie ihn kennen gelernt, Eindruck auf sie gemacht hatte. Nicht als verschnupfter Handwerksbursche – nein, da nicht – am nächsten Morgen. Er war viel mehr Held als Max; man wußte sofort, daß er ein großer Mann war. Er imponierte ihr – sie fürchtete ihn sogar ein bißchen. Ja, sie fürchtete ihn – sie wiederholte sich das. Und ärgerlich schlug sie mit der flachen Hand 53 auf die Deckbette und rief laut: »Donnerwetter, das ist doch aber noch keine Liebe!«

»Wie meinst du?« fragte Trude, reckte den Kopf aus den Kissen hervor und gähnte. »Ist's denn schon Sieben?«

»Nein,« erwiderte Benedikte, »schlaf nur weiter!«

Trude legte sich auf die andre Seite.

»Wie geht's heute mit deinem Reißen, Dikte?«

»Danke, gut. Es ist ganz vorbei.«

»Siehst du! Heißes Oel« . . . und dann schlief Trude wieder ein.

Benedikte zuckte mit den runden Schultern. Heißes Oel – lächerlich! Sie hatte an andres zu denken. Und auf einmal fielen ihr die gräßlichen Beschuldigungen Trudes von neulich abend ein. Haarhaus ein Herzensmörder! Er knickte die Lilien und zertrampelte sie dann! Er trug ein Armband! Vielleicht auch einen Fußring! . . . Siedend heiß schoß ihr das Blut in das Gesicht. Wenn die Trude nun recht hatte?! Wenn Haarhaus wirklich . . . oho! – und sie fuhr wieder im Bett empor. Ihr sollte er nur kommen! Sie ließ sich nicht zertrampeln. . . . Dieser Elende! . . .

Jetzt hielt sie es nicht länger im Bette aus. Sie stand auf und begann sich anzukleiden. Davon erwachte Nelly im Nebenzimmer.

»Dikte,« rief sie, »was mackst du?«

Ein guter Gedanke blitzte Benedikte durch den Kopf. Sie huschte in Nellys Zimmer und setzte sich zu ihr auf den Bettrand.

»Ich kann nicht mehr schlafen, Nelly,« sagte sie. »Ich habe verrücktes Zeug geträumt. Denke dir, ich habe geträumt, daß ich verliebt wäre.«

Nelly war sehr erschreckt.

»Aber, Dikte – von so etwas träumt doch keiner nicht!«

54 »Ich kann doch nichts dafür! Sei nicht so komisch, Nelly! . . . Nelly, bist du schon einmal verliebt gewesen?«

Nelly wurde blaß, dann rot und schließlich versteckte sie ihr Gesicht im Kopfkissen.

Benedikte sah dies mit Verwunderung. Sie gab ihrer Freundin einen Kuß auf den Nacken.

»Nellychen – Darling – Jeeses, du kannst mir doch Antwort geben! Bist du schon einmal verliebt gewesen?«

Nun wandte sich Nelly um, und Benedikte sah mit wachsendem Erstaunen, daß die Augen der kleinen Engländerin in Thränen schwammen. Nelly umschlang den Hals der Freundin und drückte sie fest an sich.

»O Dikte,« schluchzte sie, »woher weißt du allens?!«

Benedikte war sich ganz unklar darüber, was im Herzen Nellys vorging.

»Nellychen – um Gottes willen, warum heulst du denn?« fragte sie.

»Ich kann ja nix anders,« schluchzte Nelly weiter, Benedikte immer fester an sich pressend; »ich lieben ihn ja so sehre – so sehre –«

»Aber, Nelly – wen denn? Wen denn bloß?!«

»Ach – du weißt ja schon allens, liebe, liebe, gute, süße Dikte . . . und ich weiß es auch ganz genau, er liebt mir wiederum . . . wenn ich auch so slecht deutsch sprecke. . . .«

»Ah!« . . . und Benediktes Augen leuchteten auf, »– Herrn Freese?!«

»Nu ja doch . . .« und Nelly ließ ihre Freundin los und verkroch sich wieder zwischen den Bettzipfeln.

Benedikte nickte. Das hätte sie sich denken können. Sie frohlockte. Gott sei Dank, nun hatte sie jemanden, den sie ausfragen konnte! . . . Sie streichelte Nelly über den Blondkopf und küßte sie nochmals.

55 »Ich gratuliere, Nellychen,« sagte sie sanft; »ich freue mich furchtbar. . . . Seid ihr euch denn schon einig?«

»O nein!« rief Miß Milton, mit starker Betonung des o.

»Aber einen Kuß habt ihr euch schon gegeben?«

»O pfui!« – und das o klang noch viel amerikanischer.

Benedikte wurde verlegen und kleinlaut.

»Aber woher wißt ihr denn, daß ihr euch lieb habt?« fragte sie.

»An die Augen – und an die Stimme – und an allens! O!«

Benedikte fieberte vor Neugier. Sie rückte näher.

»Aber, Nellychen – aber, Nellychen. . . . Nellychen, das verstehe ich nicht. . . . Nellychen, wie ist das denn eigentlich, wenn man liebt? – Ich meine, wie fühlt man das? Ist man sehr glücklich?«

»O – gräßlich!«

»Aber, Nellychen, du hast doch vorhin geweint?«

»Man ist glöcklich – und auch unglöcklich . . . ich weiß nicht . . . man ist allens – allens durcheinander gemengselt! . . .«

Nun wurde auch Trude wieder lebendig. Benedikte erhob sich, doch Nelly hielt sie noch einmal zurück.

»Dikte,« flüsterte sie, »aber nix sagen! Gib mir deine heilige Ehrenhand – nix sagen!«

Und Benedikte versprach es. Jetzt wußte sie Bescheid. Alles durcheinander gemengselt – Weinen und Frohempfinden, seltsame Seligkeit und kehleinschnürende Angst: es stimmte. Sie liebte. Eigentlich war das entsetzlich. Wenn nun Trude recht hatte mit dem Herzensmörder? Dann war doch das Unglück da. . . .

Trude war beim Ankleiden sehr aufgeräumt. Sie begann unaufgefordert von selbst von Haarhaus zu sprechen.

56 »Du, Dikte, höre einmal,« sagte sie, vor dem Spiegel sitzend und ihr Haar ringelnd; »du warst wohl gestern abend ein bißchen böse, als der Doktor mir den Arm bot und nicht dir?«

»Weshalb sollte ich denn da böse gewesen sein, Trude? Ich frage dich bloß, warum? Haarhaus hat doch gar keinen Grund, gegen dich nicht gerade so liebenswürdig zu sein wie gegen mich.«

»Das ist freilich wahr, aber ich dachte. . . . Weißt du, ich habe mich doch getäuscht.«

»Inwiefern?«

»Der Doktor ist nicht so schlimm. Ich habe ihn gefragt, warum er das Armband trägt, und da hat er mir erklärt, das sei ein Andenken an seine Großmutter.«

»Ah! . . .« Benedikte, die den rechten Fuß auf einen Stuhl gestellt hatte, um sich den Schuh zuzuknöpfen, hielt in ihrer Beschäftigung inne. »Du bist also von deiner Ansicht abgekommen, daß Haarhaus ein – Herzensmörder ist?«

»Ja, Dikte, das bin ich. Er ist ein sehr lieber Mann. Man täuscht sich manchmal. Er hat auch gute Augen. . . .«

Benedikte war innerlich empört über Trude. Was schwatzte die alles zusammen! Heute so, morgen so. . . . Das Schlimme war nur, daß Benedikte selbst nicht recht wußte, was sie von Haarhaus halten sollte. Es blieb nichts andres übrig, als abzuwarten. Schließlich regte sich eine gewisse Neugier in ihr. Die revoltierende Bewegung von gestern abend, die Trude irrigerweise durch die Oeleinreibung hatte dämpfen wollen, war gänzlich geschwunden. Benedikte war in der That neugierig geworden, was nun kommen würde. Denn etwas mußte kommen . . . eine feierliche Erklärung des Doktors vor ihr oder dem Papa. Das war gewiß.

Sie machte sich heute ganz besonders hübsch, schmückte 57 sich mit einer frischen Bluse und legte einen breiten Gürtel aus Chevrauleder um. Dann zog sie auch rasch die derben Alltagsschuhe wieder aus und dafür ein paar elegantere an. Aber ihr blasses Gesicht gefiel ihr nicht.

»Trude, hast du keine rote Schminke?« fragte sie.

»Dikte, auf was für Gedanken kommst du bloß! Und wozu denn Schminke?«

»Das will ich dir sagen. Ich habe schlecht geschlafen – wegen der Zahnschmerzen – und sehe blaß aus. Wenn Mama das merkt, und sie wird es merken, so wittert sie sofort eine schleichende Erkältung und steckt mich wieder ins Bette. Dagegen möchte ich mich schützen.«

Trude hatte sofort ein andres Mittel in Vorschlag.

»Sehr einfach, Dikte. Setz' dich mal hin; ich werde dir die Backen rubbeln. Paß auf, wie rot sie da werden.«

Benedikte saß schon, und Trude frottierte ihr mit beiden Händen die Wangen. Die Kur schlug an. Benedikte sah nach drei Minuten rosig aus wie der junge Tag.

»Danke schön, Trude,« sagte sie, das Köpfchen vor dem Spiegel hin und her wendend, »es ist merkwürdig, du weißt doch in allem Bescheid. . . .«

Das Frühstück verlief wie alltäglich. Die Jungen wollten gern wieder einmal ausreiten, und Freese war auch, trotz des bittenden Schreckblicks der Miß Nelly, bereit dazu, es von neuem auf dem Guadalquivir zu versuchen. Haarhaus war heiter und wohlgemut wie immer, worüber sich Benedikte nicht genug wundern konnte. Er that so, als ob gestern abend gar nichts passiert sei, was ihm auf der Seele läge, und war sofort dabei, als Max ihm vorschlug, einen größeren Spaziergang durch den Buchenforst zu unternehmen. »Ein seltsamer Mann,« sagte sich Benedikte; »ist das Komödie oder Weltgewandtheit oder Absicht? Oder wartet er vielleicht nur auf den geeigneten Augenblick, sich mit mir auszusprechen?« 58 Sie war verstimmt, hielt sich tagsüber möglichst abseits von Nelly und Trude und streifte viel im Parke umher. Sie ging auch auf die Insel und blieb längere Zeit vor dem Denkstein Traugotts stehen. Und ein leises Frösteln rieselte ihr durch die Glieder. Sie wußte nicht, was ihr fehlte. . . .

Anders als sonst erschien heute nur der alte Teupen beim Frühstück. Er war ziemlich still und zuweilen glitt sein Auge wie forschend über Max. In den ersten Vormittagsstunden blieb er auf seinem Zimmer, wo Stupps, der die Dielen reinigte, ihn auf und nieder schreiten hörte. Gegen elf Uhr trat er in Mütze und Cape – er trug gewöhnlich ein ganz kurzes, leichtes Mäntelchen über den Schultern –, den Stock in der Hand, vor die Thür und fragte nach der Frau Baronin.

Die Frau Baronin sei im Milchkeller, sagte man ihm. Frau Eleonore hatte sich eine neue Buttermaschine kommen lassen, die sie erproben wollte. Sie war sehr ärgerlich; das Ding war kompliziert eingerichtet, und man hatte vergessen, eine Beschreibung der Mechanik beizulegen. Nun hatte die Mamsell bei der ersten Kurbeldrehung eine Schraube zerbrochen.

»Man hat nichts als Aerger. Willst du was, Papa? Nun sieh mal, Papa, die Maschine kostet ein ungeheures Geld. Glaubst du, man respektiert das? Gott bewahre – man ruft mich erst, nachdem man den neuen Apparat gründlich verdorben hat. Was gibt es denn wieder, Papa? Du siehst ein bißchen erregt aus.«

»I nein, ich hätte dich nur gern einmal gesprochen, Eleonore. Kannst du nicht auf ein Viertelstündchen mit mir in den Obstgarten kommen? . . .«

Nun wußte die Baronin sofort, daß es sich wieder um eine Rücksprache in Familienangelegenheiten handelte. Dazu pflegte Graf Teupen stets den Obstgarten zu wählen. Es 59 war, als müsse er die stummen Zeugen seiner okulierenden Thätigkeit bei derlei Anlässen immer um sich sehen. Eleonore sagte auch sofort zu, gab der Mamsell und ihren beiden Mägden noch einige Weisungen, hakte das große Schlüsselbund im Gürtel fest und folgte dem Grafen, der vorsichtig die Kellerstufen emporklomm.

»Also – was ist los, Papa?«

»Etwas Wichtiges, beinahe etwas Unfaßliches, jedenfalls etwas, das unsre größte Aufmerksamkeit in dringendem Maße erfordert. Ich habe mich absichtlich an dich zuerst gewendet, Eleonore. Tübingens rasche Art ist nicht immer am Platze.«

»Ich weiß, Papa,« fiel die Baronin ein, »ich verstehe dich. Es ist eine Angelegenheit, die Teupensche Ruhe erfordert.«

»Und Teupensche Diplomatie, mein Kind. So ist es. . . .« Er zertrat eine Raupe, die über den Weg kroch und rollte sich dann eine Cigarette. »Ich muß ein paar Züge rauchen,« fuhr er fort; »das wird mich kalmieren. Ich bin recht erregt.«

»Papa – du flößest mir Angst ein.«

»Angst – nein. Aber ich sorge mich. Und das Böseste ist: um etwas Ungewisses. Entsinnst du dich noch jenes außergewöhnlich langen und ausführlichen Briefes, den uns Max aus Kimwani schrieb?«

»Ich behalte die afrikanischen Namen absolut nicht, Papa.«

»Es war derselbe Brief, Eleonore, den ich im Kreisblatt abdrucken lassen wollte, weil er so hübsch und lebendig geschrieben war. Aber Eberhard fürchtete, es würde Max vielleicht nicht recht sein, und da unterließ ich das. Gütiger Himmel, welch Glück – welch Glück!«

»Jetzt erinnere ich mich. Der Brief aus dem Lager 60 im Urwald – wo das junge Rhinozeros die Kochkessel umgeworfen und sich ein Affe die eine Pfote an glühenden Kohlen verbrannt hatte.«

»Ganz recht – dieser Brief war es! Aber, Eleonore, und nun erschrick nicht über das, was ich dir sage, und vor allem, fall' nicht in Ohnmacht; der Brief stammt gar nicht von Max.«

Die Baronin blieb stehen.

»Was heißt das, Papa? Von wem war er denn?«

»Von Stanley, Eleonore.«

Die Baronin verstand noch immer nicht. Sie schüttelte den Kopf.

»Von Stanley? Dem Engländer? Aber du mein je – der ist ja doch gar nicht mit Maxen zusammengetroffen!«

Teupen nahm seine Tochter unter den Arm und schritt weiter mit ihr, die Melonenbeete entlang, auf denen zwischen grünen Blättern kleine gelbgrüne Kugeln lagen.

»Ich werde dir die Erklärung geben. Ich konnte gestern abend nicht gleich einschlafen; die Bowle hatte mich aufgeregt. Und da nahm ich mir denn Stanleys Buch ›Im dunkelsten Afrika‹ vor, um noch ein halbes Stündchen zu schmökern. Ich kann dir das Kapitel sagen: das vierunddreißigste im zweiten Band. Das enthält Maxens Brief – wortgetreu – ich habe es verglichen; das heißt also: Max hat jenen Brief verbotenus aus Stanleys Werk abgeschrieben!«

Die Baronin war etwas schwerfällig; in die Tragweite dieser Enthüllung fand sie sich noch nicht zurecht.

»Das ist unrecht von Max,« sagte sie. »Ein Held der Feder war er ja nie.«

»Darum handelt es sich auch nicht, Eleonore,« fiel Teupen eifrig ein; er fing an, ungeduldig zu werden. »Er hatte nicht nötig, uns interessante Reiseerlebnisse 61 vorzuschwindeln. Und hat er es dennoch gethan, so hatte er vermutlich die Absicht, uns etwas – andres zu verheimlichen. Warum geht er denn jedem Gespräch über seine Expedition so ängstlich aus dem Wege? Warum muß denn der Haarhaus immer für ihn sprechen? Warum versteht er denn kein Wort von der Bagirisprache? Warum blieben seine Geschenke so lange aus, und warum sehen die alle so neu aus, lackiert und sauber aufpoliert und gebürstet? Und wie kommt es, daß er mir ein Stück Elephantenzahn geschenkt hat, das gar nicht von einem Elephanten stammt? – Jawohl, Eleonore – es ist mir heruntergefallen und mitten durchgebrochen; es ist gar kein Elfenbein, sondern eine Komposition, eine Masse! Und das wollte er bei den Wambuttis eingetauscht haben! . . . Eleonore, drücke beide Hände auf das Herz und raffe alle deine Kraft zusammen! Ich glaube, Max ist gar nicht in Afrika gewesen.«

Aber die Baronin taumelte doch und wurde schreckhaft blaß. Das war zu viel für sie. Unglücklicherweise tauchte in diesem Augenblick der Kopf Gellrichs, des Gärtners, hinter dem grünen Geschlinge der japanischen Klettergurken auf; der Mann grüßte tief und ehrerbietig. Aber Teupen beachtete das kaum; er stellte sich dicht vor die Baronin hin und hauchte: »Achtung und Mäßigung, Eleonore! Sei eine Teupen! Gib mir wieder den Arm und lächle! Da drüben steht Gellrich. Lächle, Eleonore!«

Und Frau Eleonore versuchte im Geiste ihrer diplomatischen Erziehung heiter zu lächeln. Aber es sah aus, als ob sie in eine Zitrone gebissen hätte.

»Papa,« flüsterte sie, »um des Erbarmers willen – das ist ja ganz schrecklich! Das ist ja geradezu abominable. O mein armer Kopf! Und sage mir doch nur: wo soll er denn gewesen sein, der Max?!«

Der Graf zog die Schultern hoch.

62 »Ich weiß nicht. Ich stehe vor tausend Rätseln. Ich tappe im Dunkeln. Aber ich bin in London einer Verschwörung gegen Lord Palmerston auf die Spur gekommen, und ich werde auch dies Geheimnis an das Tageslicht fördern. Ich werde es, Eleonore.«

Die Baronin zitterte noch immer so, daß ihr Schlüsselbund klirrte.

»Ich kann es mir noch gar nicht denken, Papa! Es ist zu unglaublich. Und dann wäre ja Doktor Haarhaus sein Helfershelfer! Und« – ein glückliches Lächeln huschte plötzlich über ihr sorgenbeschwertes armes Mutterantlitz – »nein, Papa, du täuschest dich doch! Du täuschest dich sicher. Brada hat gestern abend noch von den netten Briefen gesprochen, die Max ihm aus Afrika geschrieben hat!«

»Was will das sagen, mein Kind?! Können nicht auch diese Briefe dieselben Umwege gemacht haben wie jene Kopie aus Stanley? O Eleonore, ich täusche mich nicht so leicht! Es gibt Ahnungen in der Brust jedes gut geschulten Diplomaten, die immer zutreffen. Als die alte Gräfin Kisseleff mich in Baden-Baden einmal der Hatzfeld und Lassalle vorstellte, da wußte ich auf der Stelle: der Mann nimmt kein gutes Ende. Warum? – Meine innere Stimme sprach. So spricht sie jetzt auch, und sie sagt: Max war nicht in Afrika.«

»Und wenn das Schreckliche Wahrheit ist, Papa – wenn er irgendwo anders herumgebummelt ist: Tübingen wird schäumen, er enterbt ihn, er verstößt ihn – es wird zu entsetzlichen Scenen kommen!«

»Dem müssen wir eben vorbeugen, Eleonore. Eberhard ist mit Blindheit geschlagen. Lassen wir ihn vorläufig dabei. Wir operieren – du und ich – wir Teupens. Max soll seiner Strafe nicht entgehen, doch auch nicht zu hart verurteilt werden – wenn es sich nämlich wirklich nur um einen leichtsinnigen Streich handelt. Das aber muß zuerst klüglich 63 sondiert werden. Mir schwant noch andres. Du fragtest vorhin: wenn Max nicht in Afrika war – wo war er dann? Und ich zuckte mit den Achseln. Zucke auch noch, doch ich sage mir dabei: ein Bummelgenie ist Max eigentlich nie gewesen; er muß seine Gründe gehabt haben, nicht nach Afrika zu gehen. Und ganz naturgemäß füge ich hinzu: où est la femme? Wie, wenn er die Gelegenheit benutzt hätte, seine Flirtation mit Fräulein Warnow fortzusetzen?«

Die Baronin erschrak von neuem, beruhigte sich aber rasch wieder.

»Nein, Papa. Du gehst zu weit. Deine eminente Kombinationsgabe führt dich auf Abwege. Ich kenne die Warnow. Sie hätte nie etwas Unehrenhaftes gethan, niemals. Auch Max nicht.«

»Liebes Kind – ›Unehrenhaftes‹, was heißt denn das?! So ein paar junge warmblütige Menschen . . . na, lassen wir das Thema fallen! Ich werd' schon dahinter kommen. Und zwar auf dem einfachsten Wege: ich werde mich hinter die Seesen stecken!«

Die Baronin nickte erfreut.

»Sehr gut, Papa! Das ist eine luminöse Idee.«

»Nicht wahr? Ein bißchen regt sich ja noch der alte Kopf. Ich nehme die Seesen nach unserm Souper beiseite und plausch' mich liebevoll mit ihr aus. Sie hat sich seiner Zeit für die Warnow interessiert; sie nimmt auch Interesse an Max – ah ja, ich habe meine Augen! Sie wird Maxen ausforschen, so ganz freundschaftlich – sie muß sich quasi zu seiner Vertrauten machen – das führt die beiden auch noch ein Stückel näher zu einander, und am Ende erwächst uns aus dieser pseudo-afrikanischen Extratour Maxens vielleicht eine glückliche Hochzeit!«

»O wollte es doch!« seufzte die Baronin.

Teupen legte den Zeigefinger auf den Mund.

64 »Nur still, Kind! Da kommt Semper – er wird sich verabschieden wollen. Kein Wort mehr über die Sache! Lächle, Eleonore! . . .«

Und diesmal gelang das Lächeln besser als vorhin. –

Haarhaus und Max waren in den Wald gegangen, in Lodenjoppe und Lodenhut, jeder einen strammen Spazierstock in der Hand. Und stramm schritten sie aus.

»Zackri, Max, du läufst, als ob du es bezahlt bekämst,« sagte Haarhaus, schob seinen Hut von der Stirn und trocknete sich den Schweiß ab. »Das ist doch im Leben kein Spaziergang!«

»Soll's auch nicht sein, Adolf. Wir wollen nach dem Erlenbruch. Da wartet die Seesen auf mich.«

»Aber das ist ja ewig weit, soviel ich weiß! Wir wollen doch zu Mittag zurück sein.«

»Kommen wir etwas später, so sagen wir, wir hätten uns verlaufen.«

»Ganz einfach. Das Lügen wird dir immer geläufiger.«

»Ach du lieber Gott – ja! Ein ganzes Netz von Lügen hält mich umsponnen. Aber noch ein paar Tage – dann wird es reißen.«

»Das hast du schon vor vier Wochen gesagt.«

»Ich konnte aber der Seesen nie so recht habhaft werden. Nun hab ich ihr geschrieben. Bei der Gesellschaft am Montag muß es zum Klappen kommen – respektive die Minen müssen gelegt werden. Die Gefahr wird immer drohender; die Mitwisser mehren sich. Freese und Semper gehören auch schon zu den Verschwörern. Freese ist still und muckt nicht. Aber dieser Semper! Ein Schwadroneur erster Klasse. Seine Rede gestern abend – ich versank fast vor Verlegenheit! Bei den anzüglichen Stellen wollte er mich unter dem Tisch heimlich mit dem Fuße berühren und hat statt dessen dem Kandidaten das Schienbein blau gestoßen. Ein 65 entsetzlicher Mensch – versteht sich, als Mitwisser – sonst ein lieber Kerl. . . .«

Man schritt wieder tapfer weiter. Es war Leben im Buchenwald. Rauschen in den Kronen, Singen und Zwitschern und das Hämmern der Spechte. Dazwischen aus der Ferne der tönende Axtschlag von arbeitenden Holzfällern und irgend woher aus einem Dorfe, wo Begräbnis oder Taufe sein mochte, ein leises und zartes Glockenklingen.

»Wie ist dir die Bowle eigentlich bekommen, Max?« begann Haarhaus von neuem die Unterhaltung.

»Gut. Dir nicht?«

»Ich weiß nicht recht. Ich hatte heut früh einen Anflug von Kater. Aber es war wohl mehr ein moralischer.«

»Warum ein moralischer?«

»Weil« . . . Haarhaus hieb mit seinem Stock durch die Luft. »Max, ich habe dir geholfen – nun hilf du auch mir einmal. Ich habe eine gräßliche Dummheit gemacht. Ich hatte gestern zu rasch getrunken, und diese labbrigen Bowlen steigen mir regelmäßig zu Kopf. Dann weiß ich nie, was ich thue – ohne daß ich gerade betrunken bin. Das passiert mir nur bei dem Gebräu in Schnittlage. Also, wie gesagt: ich war auch gestern abend etwas mobiler als nötig und außerordentlich waghalsig, war übermütig. Und nun sollte ich doch deine Schwester Benedikte holen, die heiter auf der Insel im Mondschein herumschwirrte. Da war sie auf den Denkstein des alten Dagobert geklettert, der bei Tauroggen gefallen ist.«

»Gott bewahre, was bringst du alles durcheinander! Traugott hieß der alte Onkel und fiel bei Eylau.«

»Auch gut – und auf den Traugott war sie geklettert und wollte wieder runter und konnte nicht. Ich machte die Arme auf, und sie sprang los. Und denke dir – ich weiß 66 selber nicht, wie ich dazu gekommen bin – da hab' ich ihr einen Kuß gegeben!«

Mit einem Ruck blieb Max stehen.

»Na, da hört doch alles auf,« schimpfte er, halb ernst, halb etwas leichthin; »bist du ganz des Deibels, Adolf?! Man küßt doch nicht gleich jedes junge Mädchen, wenn man ein Glas Bowle getrunken hat! . . . Was sagte denn die Dikte dazu? Sie hat sich's doch hoffentlich nicht gefallen lassen!? Hat sie dir nicht –«

Und Max machte eine nicht mißzuverstehende Bewegung mit der Hand. Doch der Doktor schüttelte wehmütig den Kopf.

»Hätt' sie es nur gethan,« antwortete er; »dann wären wir wenigstens quitt gewesen. Aber sie war wohl auch so ein klein wenig alkoholisiert – in allen Ehren gesagt. Und da schrie sie denn nur ganz leise auf, und da kamen uns auch schon Brada und Fräulein Palm in die Quere. . . . Aber ich habe die halbe Nacht wach gelegen. Die Geschichte ist mir doch sehr durch den Kopf gegangen. Und wie ich mich deiner Schwester gegenüber verhalten soll, weiß ich gar nicht.«

»Ja, lieber Freund, das mache gefälligst allein mit dir und mit ihr ab. Gott sei Dank ist sie noch ein halbes Kind – es wird ihr also wohl nicht allzusehr zu Herzen gegangen sein. Ich freue mich wenigstens, daß du dir deiner Niedrigkeit bewußt bist, du mauvais sujet, und daß du dich zu schämen scheinst.«

»Aeußerlich nicht, aber innerlich sehr. Ich habe mich sogar schon mit dem Gedanken vertraut gemacht, Benedikte zu heiraten, wenn sie den Kuß vielleicht ernsthaft aufgefaßt haben sollte.«

»Und was denn sonst noch alles! Du bist überhaupt nicht für die Ehe geboren.«

67 »Das will ich nicht sagen. Aber ich fürchte, deine Schwester und ich – wir passen herzlich wenig zusammen.«

»Gar nicht, mein Sohn. Außerdem . . . hallo, jetzt weiß ich, was du zu thun hast! Du erzählst Brada die Geschichte; der fordert dich, schießt dich über den Haufen und läßt sich über deiner Leiche mit Benedikte trauen!«

»Sei so gut! Zunächst bin ich auch ein ziemlich treffsicherer Schütze –«

»Im Ernst, Adolf. Ich weiß aus mancherlei kleinen Aeußerungen, daß Brada Absichten auf die Dikte hat. Bitte sie bei Gelegenheit um Entschuldigung, schmähe dich selbst, klage dich an, schlag' dich ans Kreuz und bringe die Sache wieder in Ordnung, ehe jemand anders etwas davon erfährt. Vor allem Brada nicht. . . . Im Grunde genommen ist es eine fatalere Geschichte, als ich anfangs glaubte. Ja, lieber Adolf, ich kann dir sogar nicht verschweigen, daß ich so etwas nicht von dir erwartet hätte! Wenn Dikte sich nun bei ihrer Mama beklagt? Wenn Papa Rechenschaft von dir fordert? Oder ich als Bruder des unglücklichen Mädchens?«

Haarhaus wischte sich mit dem Taschentuch über die Stirn.

»Hör' mir bloß auf, Max! Hör' mir bloß auf!« rief er. »Jeder Mensch kann sich einmal vergaloppieren. Ich habe eine Dummheit gemacht – schön – ich werde sie auch wieder gut zu machen suchen. Schaff' mir am Nachmittag oder am Abend Gelegenheit, ein Viertelstündchen mit deiner Schwester allein sein zu können – das ist vorläufig alles, um was ich dich bitte. Nicht viel im Vergleich zu dem, was ich für dich gethan habe. Aber du bist ein undankbarer Mensch. Du selbst häufst Sünde auf Sünde, und wenn ich einmal in der Weinlaune einen kleinen Schwupper mache, dann bauschst du ihn zu einem Verbrechen auf. Pfui über dich!«

68 Der Ton der Unterhaltung wurde allmählich scherzhafter und unbefangener. In Wahrheit regte das Geständnis Haarhaus' Max nicht im mindesten auf. In seinen Augen war Benedikte noch ein vollkommenes Kind. Es war keine Gefährlichkeit, ihr einen Kuß zu rauben. Nicht in der Ordnung – selbstverständlich – aber war's einmal geschehen, so war es schon am besten, man wischte sich den Mund und schwieg. Daß ein einziger Kuß zuweilen auch verhängnisvoll werden könne – daran dachte Max nicht. Er kannte ja auch Haarhaus zur Genüge. Die Sache war nicht der Rede wert. . . .

In den Buchenwald schob sich nun ein breiter Keil Tannenforstung hinein. Max schien hier Weg und Steg zu kennen. Er blieb nicht auf der breiten Landstraße, die in ziemlich gerader Richtung das Dunkel des Tannenwaldes durchquerte, sondern schlug schmale Fußpfade ein, die sich in zahllosen Windungen über das Moosgrün schlängelten. Von Zeit zu Zeit öffnete sich die Forst zu breiten Lichtungen, auf denen die Holzfäller arbeiteten oder die neu angeschont wurden. Geraume Weile führte der Weg an dem Drahtgitter eines Wildparks entlang; ein Baumgarten schloß sich an, in dem junge Eichenheister ihr erstes Grün entfalteten. Dann kam lichtflimmernder Birkenbestand und dann wieder Buchenwald mit seinem metallisch leuchtenden, lauen Düster. Endlich machte Max vor einer sich plötzlich inmitten der Forst weit öffnenden Schlucht Halt; sie war mit Felstrümmern gefüllt, und an dem treppenartigen Aufbau auf der einen Seite sah man, daß sie als Steinbruch benutzt wurde.

»So,« sagte Max und ließ sich erschöpft nieder; »nun fünf Minuten Pause. In einer Viertelstunde sind wir im Erlenbruch.«

»Gottlob,« erwiderte Haarhaus; »deine Spaziergänge sind von unangenehmer Weitläufigkeit. Außerdem verdurste 69 ich beinahe, spüre auch Appetit. Hoffentlich gibt es im Erlenbruch etwas zu essen und zu trinken.«

»Beruhige dich, Schwächling. Man wird dir ein Frühstück vorsetzen. Und du willst Afrika erobern helfen!«

»Da läuft man nicht so wahnsinnig. Man reitet oder läßt sich tragen. Allons – marschieren wir weiter! Eine Ruhepause ermüdet nur noch mehr. Uebrigens scheint mir ein Gewitter in der Luft zu liegen. Ich glaube nicht, daß wir heute überhaupt noch nach Hause zurückkehren werden. Es kommt alles auf deine Kappe, mein Sohn. Ich lüge nicht mehr. . . .«

Max antwortete gar nicht. Er war schon wieder emporgesprungen und kletterte nun die Schlucht hinab. Das war ein beschwerlicher Weg zwischen den umhergestreuten Felssplittern. Haarhaus schimpfte und fluchte. Aber jenseits des Steinbruchs öffnete sich eine Schneise im Walde, die bequem zu passieren war – und in zehn Minuten sah man wirklich den Erlenbruch vor sich liegen: den blauen See mit seiner grünen Umfassung und das von Blumen umbuschte Jägerhäuschen.

Die »Friedensfahne« flatterte Max bereits entgegen. Zwei Damen standen am Zaun und ließen ihre Taschentücher wehen.

Max versuchte zu jodeln, und ein schöner, heller Jodler tönte zurück.

»Das ist die Seesen, Adolf. Sie jodelt wie eine Sennerin. Singt auch, malt, reitet wie eine Amazone, jagt, macht Gedichte und ist eine vorzügliche Hausfrau. Diese Frau kann alles. . . .«

Die Damen näherten sich den Herren. Max flog Elise entgegen und umarmte sie stürmisch, während Frau von Seesen Haarhaus die Hand reichte.

»Doktor Haarhaus – nicht wahr?« sagte sie. »Ich 70 konnt' es mir denken. Ich hätte Sie zwischen hundert anderen als Doktor Haarhaus erkannt. Nicht an Ihrem tropischen Exterieur, das sich halten läßt, aber als Mitbeteiligter an den verschiedenen Verbrechen Max Tübingens. Sie machen durchaus den Eindruck eines Bundesgenossen.«

Haarhaus antwortete in ähnlich scherzhafter Weise und küßte Frau von Seesen die Hand. Während man dem Hause zuschritt, fand er Zeit, sie mit einem raschen Seitenblick zu mustern. Eine famose Frau, sagte er sich. Sie trug ein taubengraues Reitkleid, das ihre schlanke und biegsame Figur zu vorteilhafter Geltung brachte. An dem fest geschlossenen Kragen blitzte eine einfache goldene Broche: zwei ineinander verschlungene Ringe. Das Gesicht war mehr interessant als hübsch, aber vornehm in den Linien und auch pikant im Ausdruck: ein schmales, etwas längliches Oval mit sehr kräftigem Kinn und köstlich feiner Nase, über der sich die dunklen Brauen fast berührten. Dazu graue Augen mit grünlichen Reflexen, ein lichtbrünetter Teint und ein paar Sommersprossen auf den Wangen; das Haar kastanienbraun und schlicht koiffürt. Die ganze Erscheinung elegant, geschmeidig und eine gewisse herzerquickliche Frische ausstrahlend.

In demselben Zimmer, in dem sich Freese von seinem wilden Ritt auf dem Guadalquivir ausgeruht hatte, stand schon ein Frühstück: eine ländliche Kollation – Wurst, Schinken, Eier, Wein und Bier. Ehe man sich niedersetzte, präsentierte die Spreewälderin noch den kleinen Eberhard. Max that väterlich, küßte ihn ab und wollte mit ihm schäkern; aber Eberhard war schlechter Laune, fing an zu schreien und wurde daher schleunigst wieder hinausgebracht.

Nun begann man zu frühstücken. Mit einer gewissen Feierlichkeit hatte Max Elise dem Doktor als seine Frau vorgestellt, und dieser hatte Elise ebenso feierlich gratuliert. Der Glückwunsch kam aus dem Herzen; Elise nahm 71 Haarhaus sofort gefangen, wenn sie seiner Meinung nach – er sagte sich das nur in den Tiefen seiner Seele – auch keinen Vergleich mit Frau von Seesen aushielt. War das ein Weib! Sie frühstückte nicht mit, sondern saß im Schaukelstuhl, wippte gleichmäßig auf und ab und spielte dabei mit ihrer Reitgerte. Sie trug keinen Ring an den Händen, auch kein Armband. Aus Koketterie vielleicht, sagte sich Haarhaus, denn ihre Hände waren wunderschön: schlank und voll, edel und nervig. Und ähnlich der Fuß; nicht zu klein, aber schmal und fein – »vollendet aristokratisch« fügte Haarhaus in Gedanken hinzu. Lächerlich, wie diese Frau ihn beschäftigte! . . .

Die Kuckucksuhr rief die zwölfte Stunde aus.

»Wenn die Herren sich von ihrem Marsche durch die Wälder, durch die Auen hinlänglich erholt und gekräftigt haben,« sagte Frau von Seesen, »können wir vielleicht zur Tagesordnung übergehen. Alles, was zur Verschwörung gehört, ist beisammen. Nur Eberhard fehlt noch. Da er aber nur als Corpus delicti figuriert, können wir ihn draußen lassen.«

»Zur Sache,« sagte auch Max, seine Serviette auf den Tisch legend und sich ein neues Glas Wein einschenkend. »Darf ich Vortrag halten? – Die Entscheidung drängt. Afrika ist mir über den Kopf gewachsen. Haarhaus unterstützt mich auch nicht in dem Maße, wie es nötig wäre.«

»Erlaube,« warf dieser ein, »ich habe bereits vor mir selber Abscheu, so fürchterlich habe ich alle Welt belogen!«

»Still, Adolf! Das Lügen macht's nicht allein. Deine seelische Unterstützung fehlt mir. Du fassest humoristisch auf, was tragisch ist. Also, ich wiederhole: es muß ein Ende gemacht werden, sonst reißt das ganze Gewebe früher als gut ist. Aber ich kann die Entdeckung nicht herbeiführen; 72 ich kann es nicht auf ein Biegen oder Brechen ankommen lassen. Deshalb müssen Sie vorgehen, Frau Marinka!«

Elise hatte sich erhoben und gab Frau von Seesen einen Kuß.

»Liebe Marinka – erbarm' dich unser,« sagte sie. »Du hast uns bis hierher geholfen – nun vollende dein Werk. Was kann ich für meinen Teil thun? – Gar nichts. Ich muß mich im Hintergrunde halten, sozusagen hinter den Coulissen – bis der Souffleur das Stichwort gibt. Wir hätten ja schon früher energisch vorgehen können, Max und ich – aber es ist doch nun einmal nicht geschehen. Und nun sitzen wir erst recht fest.«

»Ja, Kinder, das sitzt ihr,« antwortete Frau von Seesen gelassen. »Und das Schlimme ist, ihr habt euch selbst in den Hohlweg verrannt; denn die ganze Komödie, die ihr da angezettelt habt, war gar nicht vonnöten. Ich wenigstens hätte es an eurer Stelle anders angefangen. Diplomatie ist gut, aber sie muß auch am Platze sein. Ueberlegen wir, wie wir den Knoten entwirren können!«

»Ja, überlegen wir,« wiederholte Max, aber er selbst dachte gar nicht an eine Ueberlegung. Er war glücklich, neben Elise sitzen und ihre Hand streicheln zu können.

»Ich denke so,« fuhr Frau von Seesen fort; »das Nächste ist, Ihren Großvater für uns zu gewinnen, lieber Tübingen. Ich werde mich demgemäß hinter den Grafen Teupen stecken und ihn sozusagen zu meinem Vertrauten zu machen suchen. Er liebt kleine Intriguen und Verschwörungen; vielleicht macht es ihm Spaß, wenn er in die Konspiration hineingezogen wird und selbst mitwirken kann. Sie, bester Max, müssen sich indessen Ihres Papas versichern.«

»Ach herrjeh,« sagte Max und leerte hastig sein Glas.

»Ja, verehrter Freund, wollen Sie denn gar nichts 73 in Ihrer eigenen Angelegenheit thun? Lassen Sie gefälligst einmal Ihre Bequemlichkeit schießen und beteiligen Sie sich an dem allgemeinen Sturm gegen den Feind!«

Max faltete die Hände.

»Seien Sie gut, Frau Marinka! Denken Sie daran, wie sehr ich mich dagegen gewehrt habe, Sie zu heiraten!«

»Du warst schon gebunden,« warf Haarhaus ein, »sonst würde mir diese Abwehr vollständig unbegreiflich sein.«

Frau von Seesen lächelte.

»Das war ein Kompliment, Doktor Haarhaus, nicht wahr? – Merci! Indessen, schweifen wir nicht von der Sache ab. So, wie nun einmal die Verhältnisse liegen, scheint es mir geboten, Papa Tübingen und Großpapa Teupen zunächst einzeln vorzunehmen und einzuweihen. Man muß sie gewissermaßen aufeinander hetzen. Versteht mich recht! Man muß jedem von ihnen die Ueberzeugung beizubringen suchen, daß dem fait accompli gegenüber ein vernünftiges und verzeihendes Sichfügen das einzig Richtige ist, und man muß jeden vor dem übereifrigen Zorn des andern warnen. Es muß dahin gebracht werden, daß jeder der beiden maßgebenden Herren sich um des häuslichen Friedens willen bemüht, bei dem andern ein Vergeben und Vergessen der Sünden Maxens zu erwirken.«

»Geradezu genial,« sagte Haarhaus.

»Fehlt aber noch die Mama,« warf Max dazwischen.

»Die muß Doktor Haarhaus übernehmen.«

»Gnädigste Frau, wenn ich nur politisch genug zu Werke gehe!« entgegnete dieser. »Ganz abgesehen von der Blamage. Bedenken Sie, daß ich mich selber Lügen strafen muß!«

»Darüber wird sich die Baronin am meisten freuen, verehrter Herr Doktor. Ein Sünder, der Buße thut, hat immer die Sympathieen der Frauenwelt für sich.«

74 »Und ich bleibe abermals im Hintergrunde,« sagte Elise in klagendem Tone.

»Liebe, gute Elise, das hilft doch nun einmal nichts! Vielleicht führt man dich schon am Tage nach der Gesellschaft in Hohen-Kraatz im Triumph in deine neue Heimat!«

Elise schwieg. Sie drängte tapfer das Empfinden zurück, daß in diesem ganzen Spiel etwas Entwürdigendes für sie lag. Und auch Max mochte das fühlen; er zog sie an sich, legte seinen Arm über ihre Schulter und raunte ihr in das Ohr: »Es ist die letzte Prüfung, mein Lieb – die letzte!«

Frau von Seesen erhob sich. Sie war viel zu fein organisiert, um Elise nicht zu verstehen, auch ohne daß diese sich ausgesprochen hätte.

»Das alles ist wenig nach deinem Geschmack, Elise,« sagte sie. »Ich begreife dich vollkommen. Heimliche Liebe hat etwas Süßes – eine heimliche Ehe kann leicht etwas Beschämendes haben. Aber vergiß nicht, daß wir mit Verhältnissen zu rechnen haben, die stärker sind als das Gefühl des guten Rechts. Hättet ihr nach eurer Flucht nach Italien – ich kann ruhig von Flucht sprechen – alle Brücken hinter euch abgebrochen und den Stürmen im Vaterhause mutig getrotzt, dann hätten wir uns die Kniffe und Schliche, die sich jetzt als erforderlich erweisen, ersparen können. Im übrigen, Elise, sieh nicht schwärzer als nötig ist! Wir thun nichts Unrechtes, wenn wir versuchen, einem scharfen und vielleicht schwer wieder zu heilenden Bruche vorzubeugen. Ich meine sogar, daß wir in Anbetracht der eigentümlichen Verschiebung der Sachlage lediglich unsre Pflicht thun, wenn wir in Hohen-Kraatz eine versöhnliche Stimmung vorbereiten. Pflicht nicht nur in eurem Interesse, sondern vor allen Dingen in dem eures Sohnes

Zwei Händepaare streckten sich Frau Marinka entgegen.

75 »Sie haben recht, Frau von Seesen,« rief Max, und mit thränenerstickter Stimme fügte Elise hinzu: »Ja, ja, Marinka – du hast recht! Ich will auch nicht klagen – o Gott, ich klage ja nicht! Ich will ausharren, bis sich alles zum Guten gewendet hat, und bis wir uns ehrlich vor aller Welt als Mann und Weib bekennen dürfen! Ich sehe ein, daß wir die Hinterthüren brauchen, um zum Ziele zu kommen – ja, auch das sehe ich ein! Ich bitte nur noch um eins: kein Zögern mehr, sondern rasches Handeln!«

Haarhaus war an das Fenster getreten und hatte dem aufsteigenden Gewitter entgegengesehen. Nun wendete er sich um.

»Zweifellos, gnädige Frau,« sagte er, »jedes weitere Zögern kann nur die Gefahr erhöhen. Frau von Seesen, Sie sehen mich zum Siegen oder Sterben bereit. Geben Sie mir Ihre Befehle und ordnen Sie den Schlachtplan an. Sei's als Stratege, sei's als Kanonenfutter – ich füge mich.«

In der Ferne begann es zu donnern.

»Du hast richtig prophezeit, Adolf,« meinte Max; »es gibt ein Gewitter. Hoffentlich zieht es rasch vorüber.«

»Sonst übernachten wir hier – im Pferdestall wird ja noch Platz sein – und erzählen daheim irgend eine Räubergeschichte. Im Erfinden sind wir ja groß, und auf eine Handvoll Noten mehr oder weniger kommt's auch nicht an. . . .«

Das Wetter stieg rasch herauf. Elise hatte sich erhoben, sah nach Eberhard und schloß dann die Fenster im Hause. Währenddessen winkte Frau von Seesen Haarhaus zu sich heran, um ihm die letzten Instruktionen zu geben. Am Gesellschaftsabend in Hohen-Kraatz sollte der Hauptschlag geführt werden. Es war nur darauf Bedacht zu 76 nehmen, daß die drei Verschworenen sich zu ungefähr gleicher Zeit des Barons, der Baronin und des Grafen Teupen einzeln bemächtigten, um jedem in besonderer Art und Weise das »Geheimnis des Erlenbruchs« beizubringen. Als Zeit wurde die Stunde nach dem Souper gewählt; man erhoffte da eine entgegenkommendere Stimmung. Frau von Seesen als Leiterin der Verschwörung wollte im geeigneten Moment geheime Winke austeilen und bat Max wie Haarhaus, sie nach Möglichkeit wenig aus dem Auge zu verlieren.

»Das hätte ich so wie so nicht gethan, gnädigste Frau,« bemerkte Haarhaus.

»Sieh da – abermals etwas Schmeichelhaftes, verehrter Herr Doktor! So schöne Phrasen hätt' ich aus dem Munde eines modernen Konquistadoren gar nicht vermutet.«

»Erstens 'mal Konquistador. Ach nein – kaum Eroberer, höchstens Wüstendurchquerer und Bergkletterer! Und zweitens: schöne Phrasen. Ist denn alles, was dem andern schmeichelhaft klingt, Phrase? Kann es nicht auch Wahrheit sein?«

»Eine Schmeichelei ist immer etwas Liebenswürdiges, Herr Doktor, oder soll es wenigstens sein. Aber die Wahrheit ist nie liebenswürdig.«

»Deshalb kann eine Liebenswürdigkeit doch wahr sein, gnädige Frau.«

»Streiten wir nicht darüber. Sie gefallen mir auch so ganz gut. Ich meine, auch ohne daß Sie sich besondere Mühe geben, liebenswürdig zu erscheinen.«

»Darf ich Ihnen daraufhin die Hand küssen?«

»Ja. Aber setzen Sie sich bitte wieder hin. Und nun erzählen Sie mir einmal: war Ihnen die Mission, die Max Ihnen auftrug – er ist ja nicht hier – nicht eigentlich recht fatal?«

77 »Nein, gnädige Frau. Im Gegenteil: die Sache hat mir viel Freude gemacht. Um so mehr, als ich Max ein so energisches Handeln im Grunde genommen gar nicht zugetraut hätte. Habe immer geglaubt, Vorurteile und sogenanntes Ueberlieferungsempfinden wären stärker in ihm als das warme Herz. Und es war mir lieb, daß ich mich getäuscht hatte. Deshalb ging ich auch mit Vergnügen auf alle seine Vorschläge ein.«

»Sie sind verlobt, Herr Doktor?«

»Um alle Welt nicht, Gnädigste! Wie kommen Sie darauf?«

»Ich glaubte – – weil Sie einen Armreif tragen.«

Haarhaus lächelte.

»Auch gestern abend wurde ich nach dem Charakter dieses Armbands gefragt, gnädige Frau. Und da ein kleines Mädchen jene Frage stellte und ich auf längere Auseinandersetzungen mich einzulassen keine Lust und Laune hatte, so erzählte ich der jungen Dame, ich trüge den Armreif als Andenken an meine Großmutter. Ich habe aber meine Großmutter nie gekannt und nie bin ich einer ihrer Armreifen durch Erbschaft teilhaftig geworden. Es war nur eine Gelegenheitsschnurre. Ihnen, gnädigste Frau, sage ich dagegen gern die Wahrheit, sehr gern –«

»Ich will aber keine Indiskretionen, lieber Doktor« –

»Ich begehe auch keine. Schauen Sie sich den Reifen an! Es ist ein silberner, aber ganz schlicht gearbeitet, ohne Schloß und Mechanik, und locker um das Gelenk zu spannen. Die Suaheliweiber tragen derlei zuweilen um Arme und Fußknöchel. Dies hier war ursprünglich ein Fußring, aber die Enkel, die er umschloß, waren so zart und fein und zerbrechlich, daß ich ihn bequem als Armband adoptieren konnte. Ich trage es als Erinnerung an eine mir unvergeßliche Episode in Afrika – unvergeßlich wohl 78 hauptsächlich deshalb, weil ein eigener Zauber poetischer Romantik sie durchwehte. . . .«

Draußen erwachte nun auch der Sturm, und mit ihm hatte sich das Gewitter zu voller Heftigkeit entwickelt. Es rollte und grollte fast unaufhörlich, und zuweilen bewies ein krachender Donnerschlag, daß der Blitz irgendwo in der Nähe eingeschlagen hatte. Der ganze Himmel stand in Flammen; es zuckte und sprühte in falben Lichtern durch das gelbgrüne Gewölk, das sich in schweren Massen vom Horizont aufwärts schob. Gewaltig tobte im Walde der Aufruhr der Natur. Vom Fenster aus sah man, wie sich die Bäume neigten und bogen, wie zersplittertes Astwerk und abgerissenes Laub die Luft durchquirlte. Selbst der kleine See gebärdete sich unwirsch, warf Schaumguirlanden auf und ließ seine erregten Wogen weit über den grünen Uferrand rollen; seine lichtblaue Farbe war einem dunkeln Grau gewichen.

Elise beschäftigte sich noch immer mit ihrem Kinde, das infolge des Gewitters unruhig geworden war. Max war in den Stall gegangen, wo das Reitpferd der Frau von Seesen laut wieherte und mit der Kette klirrte. Im Zimmer aber hatte Marinka ihren Stuhl dicht ans Fenster gerückt; sie liebte die Gewitter und konnte mit hellem Auge, ohne zu zucken, in die Blitze schauen.

»Der Sturm draußen hilft mir die Erinnerungen anknüpfen,« sprach Haarhaus weiter. »Wir verfolgten von Madschame aus den Weg, den Baron Decken schon anfangs der sechziger Jahre zur Ersteigung des Kilimandscharo eingeschlagen, hatten aber das Hochplateau noch nicht zur Hälfte erreicht, als uns ein Tropengewitter von ungeheurer Wucht überraschte. Ich mußte dabei nicht die nötige Vorsicht bewahrt haben; denn am folgenden Morgen ergriff mich das Fieber. Das war mir um so unangenehmer, als mir von 79 der Nordseite aus die Expedition eines amerikanischen Touristen entgegenrückte, mit dem ich mich treffen wollte. Ich mußte meine Leute vorausschicken und gab ihnen den Befehl, mich abzuholen, wenn die Verbindung mit dem Amerikaner hergestellt worden. Bei mir blieben nur mein Diener, ein verlumpter Kerl aus Sansibar, und ein baumlanger Dschagganeger mit seiner Tochter, die sich Assa nannte. Die Frauen der Dschaggastämme sind im allgemeinen nicht hübsch, aber Assa war es; sie hatte ein schönes, stolzes Profil, wie ich es zuweilen bei den Gallaweibern gefunden habe, und wie aus Erz gemeißelte Formen. Die Damentoiletten da unten, gnädigste Frau, sind, wie Sie sich denken können, noch etwas primitiver Natur; man geniert sich auch weniger als bei uns. . . . Ich hatte Unglück. Schon am ersten Tage meines Krankseins – wir hatten es uns in einer Felsenhöhle leidlich bequem eingerichtet – verschwand mein Diener auf Nimmerwiedersehen, und am zweiten Tage legte sich der Vater Assas gleich mir hin und starb nach wenigen Stunden – wie ich vermute, infolge einer Vergiftung durch Grubenwasser, von dem er leichtsinnigerweise getrunken hatte. Ich blieb nunmehr allein mit Assa. Meine Lage war wenig beneidenswert. Mein schurkischer Diener hatte bei seiner Flucht geraubt, was er rauben konnte, hatte auch den größten Teil meiner Konserven mitgehen lassen; ich selbst aber war so schwach, daß ich mich kaum auf den Füßen zu halten vermochte. Ich war also lediglich auf die Hilfe Assas angewiesen – und sehen Sie, gnädige Frau, eigentlich hat mich erst dies Mädchen, hat mich erst die kleine Wilde das Weib achten gelehrt. . . . Nun ja, ich gebe zu, das klingt merkwürdig genug. Aber eine unkritische Ueberschätzung meiner selbst hat nie zu meinen Fehlern gehört. Ich glaube, ich bin eine ziemlich kraftvolle Natur; doch zu zügeln hab' ich mich nie recht verstanden; der schäumende Ueberschuß 80 meines Kraftbewußtseins wurde zur Brutalität. Ach ja – schütteln Sie nicht den Kopf, teure gnädige Frau – ich war ein ziemlich wüster Gesell, als ich nach Afrika auszog – und wahrhaftig, wenn ich heute sehr, sehr viel zahmer geworden bin, so danke ich das zum größten Teil dem Einfluß holder Weiblichkeit, den ein Niggermädel auf mich ausgeübt hat! . . .«

Frau von Seesen starrte noch immer, die Arme auf das Fensterbrett gestützt, in das Zucken der Blitze hinein, deren Wiederschein ab und zu auch über ihr Antlitz rosig leuchtende Tupfen streute. Ein eigentümlicher Zug spielte um ihren Mund; es war kein Lächeln, sondern glich mehr dem Reflex eines plötzlich auftauchenden lustigen Gedankens; aber er mußte rasch wieder verschwunden sein; denn das Gesicht der Frau von Seesen wurde gleich darauf ernster.

»Sie hatten,« sagte sie, etwas langsamer sprechend als vordem, »das kleine Geschöpf wohl – sehr lieb?«

Ein helles Rot flackerte über die Wangen des Doktors.

»Ja, gnädige Frau,« antwortete er. »Und auch das hatte etwas Merkwürdiges. Assa war meine erste Liebe. Ich hatte sie auf dem Marsche gar nicht beachtet. Ich lernte sie erst während meiner Krankheit kennen. Sie war mir alles: Freundin, Geliebte und Pflegerin. Ohne sie wäre ich umgekommen – verhungert oder vor Erschöpfung gestorben. Sie war unermüdlich thätig um mich; fing oder schoß wilde Hühner und briet sie, lief meilenweit, um mir ein paar Bananen zu beschaffen, die sie in Wasser kochte oder über glühenden Kohlen röstete. . . . Aber mehr noch als all ihr Bemühen, mich am Leben zu erhalten, wirkte ihr Wesen auf mein Gemüt ein. Ich möchte sagen, sie war der Typus des Weiblichen im elementarsten Sinne. Nichts Gekünsteltes an ihr – frei von jeder Kultur – das spröde, 81 ungebändigte und unerzogene Gottesgeschöpf – und doch ganz Weib! So Weib in jeder Regung ihres Empfindens, wie ich es Ihnen, gnädige Frau, gar nicht beschreiben kann. Rohstoff der Natur, aber von wunderbar feiner Art. Ich habe gefühlt, wie mir das Herz aufging, wie meine Seele sich läuterte, wie ich weicher wurde, wie sich der Mensch in mir wandelte. Wahrhaftig – wie ich besser wurde! Damit verbindet sich keine Sentimentalität. Es ist alles Thatsache – unbestreitbares Faktum, um mich wie ein gebildeter Preßmensch auszudrücken. Und deshalb trage ich diesen silbernen Armreif! . . .«

Max trat ein und Frau von Seesen erhob sich. Ein gewaltiger Regenguß löste die Wucht des Gewitters auf.

»Was ist aus der Kleinen geworden?« fragte Marinka noch.

Haarhaus strich über seine Stirn, als wolle er etwas Schmerzendes verscheuchen.

»Sie ertrank infolge einer Unvorsichtigkeit in einem Gebirgswasser. Wir konnten nicht einmal mehr ihren Leichnam finden.«

Max wies aus dem Fenster.

»Seht, seht, seht! Wenn das ein paar Stunden so fort geht, können wir wahrhaftig hier übernachten. In Hohen-Kraatz pflegt man sich um diese Zeit zu Tisch zu setzen. Wir müssen wieder fabulieren, Haarhaus! . . .«

Das Wetter hatte allerdings nicht den Anschein, als wolle es sich binnen kurzer Frist aufbessern. Es rauschte vom Himmel herab, der sich dunkelgrau umsponnen hatte, plätscherte über Weg und Steg und brauste in vollen Güssen aus den Dachtraufen an den Hausecken. Der Sturm hatte sich gelegt; es war, als presse und drücke der Jupiter Pluvius mit feuchtem Arm den gebändigten Boreas voll unwiderstehlicher Gewalt zu Boden. Die gellen Aufschreie der 82 empörten Natur waren verstummt; man hörte nichts als das rhythmische Geräusch des fallenden Regens.

Es blieb den Herren nur übrig, ruhig abzuwarten. Und beiden war es recht. In Hohen-Kraatz mußte man doch wieder mit einer Notlüge vor das Publikum treten, wie Haarhaus sich ausdrückte; da war es schon gleichgültig, ob man noch ein Stündchen länger im Erlenbruch verblieb. Die Parteien hatten sich getrennt. Haarhaus und Frau von Seesen unterhielten sich im ersten Zimmer, und Max spann mit seiner Gattin im Nebengemache rosige Zukunftsträume. Es war wie ein schweigendes Uebereinkommen. Man wollte sich gegenseitig nicht stören.

Aber aus dem »Stündchen« wurden zwei Stunden und drei. Es regnete weiter, nicht mehr in so mächtig rauschenden Fluten wie vordem, sondern ein wenig linder, dafür aber gleichmäßiger. Ein fröhlicher Landregen, den die Wiesen brauchten, konnte sich entwickeln.

Max wurde unruhig. Es war eine Unmöglichkeit, bei diesem Wetter zu Fuß nach Hohen-Kraatz zurückzukehren. Die Waldwege mußten sich in Bäche verwandelt haben; der Moosboden in der Forstung mußte zu Sumpf und Morast geworden sein. Man saß im Erlenbruch gleichwie in der Verbannung – wie auf einer einsamen Insel im Meer. Die Spreewälderin war die einzige Bedienung im Hause, versorgte nicht nur das Kind, sondern kochte auch und säuberte die Zimmer oder half wenigstens bei all dem; denn Elise rührte selbst thätig die an Fleiß gewohnten Hände. Einen Boten hatte man also nicht, den man nach einem Wagen ausschicken konnte.

Schließlich kam Frau von Seesen auf den Gedanken, sich mit Plaids zu drapieren, um wenigstens einigermaßen gegen das Naß der Natur geschützt zu sein, und nach Langenpfuhl zu reiten, um von dort aus einen Wagen für die 83 Eingeregneten im Erlenbruch zu senden. Aber Haarhaus wie Max wehrten sich energisch gegen diesen Opfermut; beide hätten gern selbst den Ritt unternommen, um sich aus der unbehaglichen Situation zu befreien, wenn sie sich im Damensattel sicher gefühlt haben würden.

So blieb man denn und hoffte noch immer. Von Zeit zu Zeit ging einer der Herren an das Fenster und schaute hinaus. Es regnete unverdrossen weiter. Der Nachmittag verrann, und die allgemeine Unruhe wuchs. In Hohen-Kraatz mußte man bereits ängstlich geworden sein. . . .

Max stürmte wie ein gefangener Löwe im Zimmer auf und ab.

»Das geht nicht so weiter,« sagte er; »ich muß es trotz des Damensattels versuchen, nach Langenpfuhl zu reiten. Ich werde mir eine Decke unterlegen. Ist Ihr Gaul wenigstens ein gutmütiges Tier, Frau Marinka?«

»Leider nein, lieber Tübingen. Ich fürchte, Sie werden auf ihm überhaupt nicht von der Stelle kommen.«

Max fluchte und bat dann um Entschuldigung seiner Ungebühr halber. Es war wirklich zum Verzweifeln. Draußen regnete es weiter: ein leises, beständiges Rauschen, ein sanft einlullendes Wiegenlied.

»Horch!« . . . Haarhaus, der in der Sofaecke eine Cigarette rauchte, fuhr plötzlich empor. »Donnerte das nicht wieder?«

»Nein! . . . Das ist ein Wagen! . . . Wahrhaftig ein Wagen!«

»Sollte man in Langenpfuhl auf eine unerwartet vernünftige Idee gekommen sein,« bemerkte Frau von Seesen kopfschüttelnd. Jetzt stand wieder alles am Fenster.

»Ein geschlossener Wagen –«

»Zwei Füchse davor –«

»Haarhaus – potzsapperment!«

84 »Was ist denn los?!«

»Das ist die Kalesche von Hohen-Kraatz!«

»Aus Hohen-Kraatz?! . . . Verstecken wir uns! . . . In den Keller! . . . Vorwärts, vorwärts, Max! . . . Wo ist der Keller?! – Gnädigste Frau, wo geht's nach dem Keller?!«

Der große Afrikareisende, der hundert Gefahren die Stirn geboten hatte, packte Max am Arm und zog ihn mit sich. Er war völlig kopflos geworden. Frau von Seesen ermahnte zur Ruhe.

»Erst sehen, wer aussteigt,« sagte sie. »Kommt es jetzt schon zur Explosion, dann hilft es auch nichts. Betrachten wir es als eine Fügung des Himmels! . . . Hierher, Max! Wer steigt da aus? . . . Ein Herr!«

»Der Kandidat Freese! Der schadet uns nichts; er ist eingeweiht. Aber er beugt sich noch einmal zurück in den Wagen – es müssen noch mehr drinnen sein. . . . Jetzt kommt er her – –«

Durch den Regen sah man Freese mit hochgeschlagenem Rockkragen dem Hause zueilen. Er wollte die Pfützen und Rieselbäche vermeiden und hüpfte hierhin und dorthin, trat auch einmal fehl, so daß das Wasser emporspritzte, und setzte schließlich mit kühnem Sprunge über den kleinen See, der sich dicht vor der Hausthür gebildet hatte.

Als er nach bescheidenem Anklopfen in das Zimmer trat und den Hut abnahm, tropfte der ganze Mensch. Max stürzte ihm entgegen und begann ihn auszufragen, wollte ihm dabei freundlich auf die Schulter klopfen, unterließ aber rasch seine Wohlwollensbezeugungen; denn wo er hinklopfte, war es naß.

»Gott sei Dank, Herr Baron,« sagte Freese nach flüchtigem Umblick im Zimmer, »soweit wäre ja alles gut. In Hohen-Kraatz war man in Sorge um die Herren. Die Frau Baronin vermutete, Sie würden sich vor dem Unwetter 85 nach Langenpfuhl geflüchtet haben – und da haben mich der Herr Baron mit der geschlossenen Kalesche nachgeschickt. Aber ich bin nicht allein; zuerst wollten die beiden Junker mit – und dann quälte Fräulein Benedikte – und als wir in Langenpfuhl ankamen, stellte es sich heraus, daß niemand da war. . . .« Der Kandidat schnaufte hörbar; er war sehr außer Atem. Zudem genierten ihn die vereinzelten nassen Tropfen, die von der Stirn herab über seine Nase perlten. Aber Max drängte zum Weitererzählen.

»Wie sind Sie hierher gekommen, lieber Herr Freese – ausgesucht gerade hierher?! Sie wußten ja doch –«

»Ich wußte alles, Herr Baron – aber ich konnt' mir nicht helfen. Einer der Diener in Langenpfuhl sagte, die gnädige Frau von Seesen ritten jetzt öfters nach dem Erlenbruch, und ein Knecht, der in den Wald nach Holz gefahren war, wollte auch die Herren am Vormittag in der Nähe des Erlenbruchs gesehen haben – und da ließen die jungen Damen denn nicht locker –«

»Welche junge Damen?«

»Fräulein Benedikte und Miß Milton!«

»Sapristi – die stecken beide noch im Wagen?«

»Alle beide, Herr Baron! Aber ich witterte die Gefahr und habe sie gebeten, im Wagen zu bleiben, bis ich mich orientiert hätte –«

»Freese, Sie sind ein Prachtmensch! . . .« Max wollte den Kandidaten umarmen, doch er war ihm zu feucht. »Ein Prachtmensch! Nun gehen Sie zum Wagen zurück und sagen Sie den Mädeln, wir hätten hier Unterschlupf gesucht und kämen gleich und –«

Aber das Wort erstarb ihm im Munde. Die Thür öffnete sich, und Benedikte und Nelly sprangen mit gehobenen Röckchen, tausend Wassersprüherchen um sich werfend, lachend und singend in das Zimmer.

86 »Allerseits gesegneten Regen!« rief Benedikte und knickste. »Guten Tag, gnädige Frau . . . guten . . .«

Dann verstummte auch sie. Es war ganz still im Gemach. Mit großen Augen starrte Benedikte Elise an, die nur einen Moment mit der sie überwältigenden Verlegenheit kämpfte und dann die Arme ausbreitete.

»Fräulein Elise!« schrie Benedikte auf und flog ihr entgegen.

»Mein liebes Kind – meine liebe, liebe kleine Benedikte!« . . . Elise zog sie an sich und küßte sie. Und es stieg dabei heiß in ihren Augen auf.

Max raste von neuem im Zimmer auf und nieder.

»Nun haben wir den Salat!« schimpfte er. »Wieder zwei Mitwisser mehr! Haarhaus, es hilft nichts! Nimm dir Benedikte vor und weihe sie ein! Freese, Sie ebenfalls die Miß Nelly! Lassen Sie sie beide schwören, den Mund zu halten!«

»Aber, Max . . .« wollte Benedikte beginnen; doch Haarhaus zog ihren Arm unter den seinen, deutete auf die halboffene Thür zum Nebenzimmer und marschierte mit ihr ab. Dann schloß er die Thür wieder sorgfältig und bat die gänzlich außer Fassung gebrachte Benedikte, Platz zu nehmen.

»So,« sagte er. »Das ist mir sehr lieb, gnädiges Fräulein, daß ich Sie einmal allein vor mir habe. Ich habe mir den ganzen Tag eine Aussprache mit Ihnen gewünscht. . . .«

Benedikte hätte am liebsten die Augen geschlossen. Sie wagte es nicht, Haarhaus anzusehen. Ihr Herz hämmerte unter Bluse und Cape. Nun kam das Erwartete – nein, Gefürchtete: nun kam die Erklärung.

Haarhaus hatte sich mit dem Rücken gegen den Schreibtisch gelehnt. Auch er kämpfte sichtlich mit einer Verlegenheitswallung.

87 »Gnädiges Fräulein . . . lassen Sie mich kurz sein . . . ich habe Ihnen ein Geständnis zu machen. . . .« Bei dem Worte »Geständnis« zuckte Benedikte zusammen, wurde blaß und senkte den Kopf. . . . »Sie sehen einen reuigen Sünder vor sich. . . .« Benedikte hob den Kopf wieder ein wenig. . . . »Ich war gestern abend so außer Direktion, wie es mir sonst nicht zu passieren pflegt . . . ich glaube – ich – hatte etwas zu schnell – getrunken. . . .« Nun warf Benedikte den Kopf ruckartig in den Nacken. Ein helles Rot lief über ihre Wangen und verstärkte sich rasch. Was hörte sie da?! Was sagte Doktor Haarhaus?! Er hätte zu schnell – getrunken!? . . . Wahrhaftig – er wiederholte dies sogar noch einmal – und dann beugte er sich zu ihr hinab, faltete die Hände und fuhr fort: »Liebes, gnädiges Fräulein, ich kann nichts weiter thun, als Sie um Verzeihung bitten – von ganzem Herzen und ganzem Gemüt . . . Sagen Sie mir, daß Sie mir nicht mehr böse sind! Ich war ungezogen – frech – unverschämt, aber ich bereue. Ich habe die halbe Nacht nicht schlafen können. Ich hatte einen bösen moralischen Kater. Seien Sie milde und gütig. Ja? wollen Sie mir vergeben? . . .«

Benedikte erhob sich rasch. Sie war nicht mehr das Kind von vorgestern. Sie war plötzlich klug geworden. Die Eva in ihr brach sich Bahn.

Sie zwang sich zu einem Lächeln, und es glückte auch ganz gut.

»Aber, verehrter Herr Doktor,« entgegnete sie leichthin, »wenn ich nur wüßte, was ich Ihnen vergeben soll?! . . . Wollen Sie mich nicht aufklären?«

Haarhaus stutzte.

»Gnädiges Fräulein . . . wollen Sie mir nicht das Bekenntnis meiner Unart ersparen?«

»Will ich auch thun, meinetwegen. . . . Aber ich 88 wiederhole Ihnen: ich weiß wirklich nicht, warum Sie mich um Verzeihung bitten.«

»Fräulein Benedikte – Sie spotten über mich! Das ist nicht hübsch von Ihnen.«

»Herr Doktor, wir werden uns nie verständigen, wenn Sie mir hartnäckig verschweigen wollen, was Sie eigentlich verbrochen haben.«

Haarhaus schaute Benedikte prüfend in das harmlos freundliche Gesicht. Was sollte das alles bedeuten? Verstellte sie sich? – Trieb sie ihren Scherz mit ihm? –

»Gnädiges Fräulein,« hub er von neuem mit etwas unsicherer Stimme an, »Sie werden sich doch entsinnen, daß ich mir gestern abend – auf der Insel – in einem schwachen Augenblicke erlaubte, Ihnen – nun also, es muß heraus – Ihnen einen Kuß zu rauben?!«

Benedikte warf wieder den Kopf zurück und schaute Haarhaus hochmütig an. Dann lachte sie hell und lustig auf.

»Sie mir – einen – Kuß?! . . . Lieber Herr Doktor, Sie müssen geträumt haben . . . oder Sie hatten in der That etwas – zu schnell getrunken! . . . Beruhigen Sie sich, eine so bodenlose Unverschämtheit haben Sie sich nicht zu Schulden kommen lassen! . . . Meine Vergebung brauchen Sie also wohl nicht mehr?«

Sie schritt nach der Thür. Aber Haarhaus hielt sie zurück. Ueber seine Wangen huschte ein blasser Schimmer; seine Augen blitzten.

»Fräulein Benedikte,« sagte er hastig, »ich lass' mich nicht höhnen und spotten. Ich bin es nicht gewöhnt, so – so – minderwertig behandelt zu werden. Ich habe Sie um Entschuldigung gebeten – mehr kann ich nicht thun. Wollen Sie mir trotzdem zürnen, so muß ich mich fügen. Nur – auslachen lass' ich mich nicht!«

Benedikte zuckte mit den Schultern.

89 »Herr Doktor Haarhaus,« entgegnete sie ruhig und mit einem gewissen würdigen Ernst, »ich bitte Sie, lassen wir die Sache auf sich beruhen. Ich habe Ihnen nichts zu vergeben als höchstens eine Gedankensünde. Denn allerdings: schon der Gedanke, daß Sie mich haben küssen wollen, ist – beleidigend für mich!«

Und sie trat in das Nebenzimmer zurück. Haarhaus war wie angewurzelt stehen geblieben. Das Blut schoß ihm in die Stirn. Das war eine Abfertigung, wie sie ihm bislang noch nicht zu teil geworden war. Der große Afrikaner, der Herrenmensch, war von einem Backfischchen gemaßregelt worden. . . . Haarhaus wußte nicht recht: sollte er wütend werden oder lachen?! . . . Und da er klug war, so lachte er . . . lachte, schnippste mit den Fingern und sagte: »Eine Krabbe! Eine niedliche – ganz gerissene – achtungswerte kleine Krabbe . . .«

Freese hatte Miß Nelly auf das Ersuchen Maxens in die Küche geführt, um sie ebenda »einzuweihen«. Ein andrer Einweihungsraum war zur Zeit nicht vorhanden, da Max, Elise und Frau von Seesen das große Wohnzimmer, Haarhaus und Benedikte das kleine Kabinett und die Spreewälderin mit Eberhard die Kinderstube besetzt hielten.

Aber auch in der Küche war es ganz gemütlich. Bei der Regenflut draußen konnte man sogar das Herdfeuer gebrauchen. Es knisterte behaglich, und auf der weiß getünchten Wand zuckte der Wiederschein des Feuers hin und her.

Freese nahm den dicken Kohlkopf, der auf einem Schemel lag, herab, stellte ihn vorsichtig auf den Tisch, wo er ein Stillleben aus Mohrrüben und Petersilie vervollständigen half, und bat dann Miß Nelly, sich niederzulassen.

Nelly that es, mit verwundertem und neugierigem Gesicht, und faltete die Hände im Schoß. Sie wartete auf die »Einweihung«, doch der Kandidat schien völlig vergessen 90 zu haben, welche Pflichten er übernommen hatte. Er hatte sich in die Nähe des Herds gestellt, und dort begann er allmählich zu dampfen; das Wasser in seiner Kleidung löste sich auf. Dazu seufzte er.

»Herr Freese,« begann Nelly endlich, »was macken Sie? Sie saufzen.«

»Seufzen heißt es, Miß Nelly. Aber das schadet nichts. Ob seufzen oder saufzen: die Thatsache bleibt. Ich habe das Recht zu seufzen; denn mir ist so weh um das Herz.«

»O . . . Mister Freese! Sie werden sich haben sehr erkältet. Sie haben nasse Füße gekriegt!«

»Ach, liebe Miß Nelly, nasse Füße! Die werden wieder trocken, und eine Erkältung heilt aus. Aber mit dem Herzen steht's schlimmer. Es ist so stürmisch geworden und klopft weit stärker als früher. Schon eine geraume Zeit! Seit ich Ihnen Unterricht erteile.«

»O . . . Herr Freese, Sie ärgern sich so viel über mir! Weil ich so dumm bin und immer ›macken‹ sage.«

»Nein, Miß Nelly – – weil Sie so hübsch und so gut und so lieb sind! Das hat mein Herz in Verwirrung gebracht!«

»O . . . Mister Freese! . . .« Nelly neigte den Kopf. Der Wiederschein des Feuers war es nicht, der ihr Gesicht rötlich erscheinen ließ, bis hinauf zu dem weißblonden Ansatz der Haarwurzeln. Die Flammen malten ihre Reflexe noch immer auf die getünchte Wand – und dunkler wurde das Antlitz der jungen Engländerin, und tiefer neigte sich ihr Kopf . . . Freese stand dicht vor ihr und nahm ihre Hände in die seinen. Er war so bewegt, daß ihm das Sprechen schwer wurde.

»Nelly,« sagte er, »es ist ganz gut, daß es einmal zur Aussprache zwischen uns kommt. Als ich Ihnen vorhin im Wagen gegenüber saß, da hätte ich beinah eine Dummheit 91 gemacht und wär' Ihnen zu Füßen gefallen. Es war nur zu eng und auch Fräulein Benedikte dabei. Aber es drängte mich zu Ihren Füßen. Mich dünkte, ich hätt' Sie noch nie so reizend gesehen – noch nie war mir Ihr liebes Gesichtchen so süß, so süß erschienen. . . . Nelly – ich bin Ihnen schrecklich gut . . . ich bin Ihnen über alles gut . . . ich –«

Und dann machte er kurzen Prozeß. Er fiel vor Nelly auf die Kniee, mitten in Erbsenschalen und das Grün der Mohrrüben, und küßte ihre Hände. Im Herde knisterte es, und heller flackerte das Feuer auf, als freue es sich. . . . Nelly legte beide Arme um den Hals Freeses und lehnte ihr thränenüberströmtes Gesichtchen an seine Wange,

»O . . . I love you with all my heart,« flüsterte sie. Denn zu dieser Stunde hätte sie für alle Schätze der Welt nicht ihr mangelhaftes Deutsch gesprochen. . . .

Der Zufall wollte, daß Freese mit Nelly gleichzeitig wie Haarhaus und Benedikte in das Wohnzimmer zurückkehrten.

»Na endlich!« rief ihnen Max entgegen; »haben die Herren die jungen Damen eingeweiht?«

»Zackerment – das hab' ich vergessen!« schimpfte Haarhaus, der Benedikte gefolgt war.

Freese machte eine verlegene Bewegung.

»Der Herr Baron werden gütigst entschuldigen,« antwortete er, »das hab' ich auch vergessen!«

Max schaute von einer Partei zur andern.

»Ja, aber – sapristi – was habt ihr denn draußen gemacht?!« rief er.

»Ach,« entgegnete Haarhaus, »ich habe mich mit Fräulein Benedikte ein bißchen verplaudert und gar nicht mehr an deine Angelegenheiten weiter gedacht!«

»Ein netter Freund,« meinte Max. »Frau von Seesen, was sagen Sie dazu?! Ist es glaublich, Elise?! . . . Nun, und Sie, lieber Freese . . .?«

92 Der Kandidat zögerte einen Augenblick und nahm dann Nelly an die Hand.

»Der Herr Baron werden entschuldigen,« entgegnete er mit gewohnter Höflichkeit, »ich habe mich in der Küche mit Miß Nelly verlobt. . . .«

Benedikte schrie auf und stürzte Nelly in die Arme. Alles umringte das glückstrahlende Brautpaar.

»Gratulor, Herr Freese!« rief Max; »gratulor, Miß Nelly! Aber nun aufgepaßt, meine jungen Damen! Benedikte, laß Miß Nelly gefälligst los – du kannst nachher weiterküssen! Benedikte, du sollst Miß Nelly loslassen . . . komm einmal hierher, mein Kind . . . wer ist das? Fräulein Warnow . . . nein, das war Fräulein Warnow; denn heute ist sie deine Schwägerin und meine Frau! Und nun fall' ihr noch einmal um den Hals und sage es vorläufig keinem Menschen weiter, was man bei Regenwetter alles im Erlenbruch erleben kann . . .«

Im ersten Augenblick war Benedikte gleichwie erstarrt. Aber die Eva in ihr war sehr, sehr klug geworden: sie begriff auf der Stelle. Und in dem kleinen Jägerstübchen, von dessen Fensterscheiben noch immer der Regen herabtroff, wurde es plötzlich sonnenhell. Der Engel der Liebe flog mit leuchtenden Schwingen durch das Zimmer. – –

Das war eine merkwürdige Heimfahrt in der riesigen, geschlossenen Kalesche, die Tübingen gewöhnlich die »Komödiantenkitsche« zu nennen pflegte. Gesprochen wurde nur wenig. In einer Ecke drückten sich Freese und Nelly in glückseligem Schweigen nebeneinander. Ihre Lippen bewegten sich nicht, aber desto lauter jubelten ihre Herzen. Als dritter hatte Haarhaus Platz genommen, und den dreien gegenüber saßen Benedikte und Max. Jeglicher war mit den eigenen Gedanken beschäftigt. Max dachte an seine Elise und der große Afrikaner an Frau von Seesen, die sichtlichen Eindruck 93 auf ihn gemacht hatte. Ihre grauen Augen mit den seltsamen grünen Reflexen schauten ihn noch immer an. . . . Am lebhaftesten arbeitete es aber in der Gedankenwerkstatt Benediktes. Da gab es ein buntes und wogendes Durcheinander. Diese Regenstunde im Erlenbruch hatte ihr mehr Unvergeßliches gebracht als das ganze bisherige Leben. Eine Verlobung – eine heimliche Ehe – und dann die Geschichte mit Haarhaus . . . es war fast zu viel auf einmal. Benedikte faßte den Entschluß, von nun ab ein Tagebuch zu führen. Trude hatte auch eins: in Maroquin gebunden, und man konnte es verschließen. Benedikte wollte sich vorläufig ein Groschenheft vom Krämer kaufen. Aber ein Tagebuch mußte sie haben. Sie konnte nicht alles, was das Herz bewegte, für sich behalten; es war wirklich zu viel. . . .

Der Empfang daheim war nicht allzu liebenswürdig, wenigstens anfänglich nicht. Doch Haarhaus log mit gewohnter Genialität, und als schließlich Freese die hold verschämte Miß Nelly der Baronin, dem Baron und dem alten Teupen als seine Verlobte vorstellte, da heiterte sich auch in Hohen-Kraatz das Wetter auf. Und als am späten Abend Tübingen noch einmal in das Schlafzimmer seiner Frau trat, um ihr den Gutenachtkuß zu geben, da sagte die Baronin mit einem gewissen Triumph im Tone: »Siehst du, Eberhard – es fängt schon an!«

»Was denn, Eleonore?«

»Unser Heiratsjahr.«

Tübingen lachte.

»Aber Eleonore, der Freese und die kleine Nelly sind doch weder Teupensch noch Tübingensch!«

»Ganz gleich. Sie gehören zum Appendix unsrer Häuser. Und ich möchte ihre Verlobung als gutes Vorzeichen betrachten.«

94 »Da thust du recht, Eleonore. Das kannst du beruhigt. Für gute Vorzeichen bin ich immer. Nun schlaf wohl, mein Kind! . . .«


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