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Das Heiratsjahr

Fedor von Zobeltitz: Das Heiratsjahr - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Heiratsjahr
authorFedor von Zobeltitz
year1900
firstpub1900
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleDas Heiratsjahr
pages317
created20120127
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neuntes Kapitel.

Die afrikanischen Geschenke treffen ein, und Graf Semper feiert seinen Geburtstag bei einer Bowle mit Mondscheinbeleuchtung, die ihre Folgen hat.

Ein paar Tage später trafen Maxens afrikanische Geschenke glücklich ein. August hatte die Kisten mit dem Wiedehopf aus Plehningen abgeholt. Als man sie auf der Veranda auspacken wollte, schrie Benedikte plötzlich auf.

»Allmächt'ger, was hab' ich für einen Schreck gekriegt!« rief sie. »Schaut doch einmal dorthin!«

Und sie wies die Allee hinab. Da trabte Graf Semper 20 Brada auf seiner Tante Bolte gemütlich dem Herrenhause zu. Aber was vorher erfolgt war, hatten die meisten nicht gesehen. Der Leutnant war nämlich mit seinem Gaule in schlankem Sprunge über das geschlossene Parkthor gesetzt. Freese, der sich mit Dieter und Bernd gleichfalls auf der Veranda befand, schauerte leicht zusammen; er dachte an den Guadalquivir und seinen Harrassprung. Er fühlte sich noch immer etwas kreuzlahm.

Inzwischen war Brada näher gekommen.

»'Tag, meine Herrschaften,« rief er vom Pferde herab. »Bin ich für ein paar Stunden willkommen?«

Alles rief ihm begrüßende Worte zu. Tübingen schrie nach Stupps, der die Tante Bolte in den Stall bringen sollte. Er war die Veranda hinabgestiegen, hatte dem Grafen die Hand gereicht und klopfte der Stute auf den Hals.

»Wieder ganz auf dem Posten?« fragte er.

»Ganz und gar, Herr von Tübingen. Der Isaaksohn ist ein Prachtkerl. Versteht mehr von der Pferdebehandlung als ein halb Dutzend Roßärzte. Er hat mir die Tante in ein paar Tagen kuriert. Haben Sie nicht gesehen, wie ich mit ihr über die Gartenthür setzte? Sie spürt die Verwundung gar nicht mehr. . . .«

Er war abgestiegen, küßte der Baronin die Hand, begrüßte die übrigen und hatte für die jungen Mädchen sofort ein paar scherzhafte Worte. Dann zog er aus der Tasche seiner Attila ein Couvert und überreichte es Benedikte.

»Was ist das, Herr Graf?«

»Ein Beitrag für Ihre Sammlungen, gnädiges Fräulein: Ansichtspostkarten aus Zornow. Jawohl, Zornow wird Weltstadt, obwohl es nur sechstausend Einwohner hat. Sie sehen hier das Rathaus mit der Apotheke, und hier einen Ausblick auf den sogenannten Ring. In dem kleinen Hause rechts mit dem schiefen Dache wohne ich. Der Photograph 21 wird das Haus in richtiger Vorahnung mit aufgenommen haben. Wenn ich erst einmal Kriegsminister bin, werden diese Postkarten im Preise steigen; also bewahren Sie sie sorgfältig auf, Fräulein Benedikte.«

Benedikte knickste.

»Schönsten Dank, Graf Brada. Die Karten sollen den ehrenvollen Schlußstein meiner Sammlung bilden; denn ich sammle nicht weiter. Doktor Haarhaus hat neulich erklärt, das Sammeln von Ansichtspostkarten wäre so ungefähr das Dümmste, was die Kultur am Ende unsers Jahrhunderts hervorgebracht hätte.«

Haarhaus erhob lebhaften Einspruch. Er habe keine Ahnung von der Passion des gnädigen Fräuleins gehabt, sondern nur im allgemeinen gesprochen. Er sei ein Feind jeglichen Sammelns. Das erziehe zur Einseitigkeit und beschränke den Gesichtskreis, statt ihn zu erweitern. Jeder fanatische Sammler werde schließlich zum Egoisten. . . . Und dabei packte man weiter aus.

Max schien nicht recht bei der Sache zu sein. Er machte einen gedrückten und verstimmten Eindruck. Um so interessierter war seine Umgebung. Wunderdinge schälten sich aus dem Heu und Stroh der Verpackung: Schilder, Lanzen und Speere, Geweihe, Felle und greuliche Kriegsmasken.

Bei jedem neuen Stück erhoben Bernd und Dieter auch ein erneutes Gebrüll. Bernd wollte alles anfassen, und der Papa klopfte ihm auf die Finger. Graf Teupen mahnte zur Vorsicht: die Waffen seien zuweilen vergiftet; er erinnerte an das Curare der Indianer und den Saft des sagenhaften Upasbaums auf den malaiischen Inseln.

Haarhaus bestritt die Vergiftung der Waffen. In Afrika sei das ungebräuchlich. Er schien für Max sprechen zu wollen und gab allerhand Erklärungen ab.

»Sehen Sie hier, Herr von Tübingen, das ist die Keule 22 eines Häuptlings von Ugogo, mit Nägeln gespickt, wie unsre mittelalterlichen Morgensterne. Die dunklen Flecke sind Blut.«

»Gräßlich,« sagte die Baronin.

»Und hier – das ist etwas für die jungen Damen: eine eiserne Halskette, wie sie die Bantudamen als Schmuck tragen. Die schwarzen Frauen sind sehr kokett. Sie stecken sich Rohrhalme durch die Ohrläppchen, schminken sich die Backen mit Ocker und schlagen sich die mittleren Schneidezähne aus. Letzteres gilt für besonders fein. Zuweilen flechten sie auch das Haar in zahllose kleine Zöpfe oder wickeln es mit Papilloten zusammen. . . .«

Benedikte puffte Trudchen heimlich in die Seite, und Trudchen wurde verlegen.

Da die Tierfelle sehr staubten und einen unangenehmen Kampfergeruch verbreiteten, so hatte sie Graf Brada unter die Kastanien vor der Veranda geschleppt. Hier besichtigte er sie.

»Max!« rief er plötzlich; »kommen Sie doch bitte einmal her! Das ist sehr interessant!«

Max sprang die Treppe hinab.

»Was denn, Semper?«

»Wo haben Sie eigentlich die Sachen her?«

»Ueberall zusammengekauft und eingetauscht – in Uhehe, Makata, Chutu, teilweise auch in Sansibar – was weiß ich!«

»Das ist närrisch. Nun denken Sie 'mal an, wie doch auch schon da unten der Schwindel blüht. Die Leute in Uhuhu, oder wie Sie die Ortschaft nannten, haben ihre Einkäufer in Paris!«

Und er zeigte Max ein hübsches Leopardenfell, an dem ein etikettiertes Zettelchen hing, das die Aufschrift trug: »Charles Perrier, Magazin orientale, Paris, 117 Faubourg-Montmartre«

23 Max wurde blaß. Er warf einen raschen Blick auf die Veranda, wo man gar nicht auf ihn achtete, riß hastig das Zettelchen ab und steckte es in seine Tasche.

»Das ist ein Versehen,« sagte er halblaut, »das ist . . .« und dann wurde seine Stimme noch leiser: »Halten Sie reinen Mund, Brada! Ich erkläre Ihnen späterhin alles. Jetzt dampfartig zurück auf die Veranda! Helfen Sie mir die Sachen durchkramen, und wo Sie noch irgendwo so ein Zettelchen finden, reißen Sie es heimlich ab. Wenn es entdeckt wird, bin ich blamiert. Der Spediteur ist ein Esel. . . .«

Brada war ein heller Kopf. Er fragte nicht erst zurück und dachte auch nicht lange über das Vernommene nach, sondern sprang die Verandatreppe wieder hinauf und stürzte sich mit wildem Eifer auf die Geschenke. Sein scharfes Auge spähte überall hin. . . . Haarhaus erklärte mit seiner gewohnten kühnen Stirn immer weiter.

Endlich wurden die Geschenke verteilt. Jeder einzelne wurde bedacht, auch die drei Mädchen, die allerhand Schmuckgegenstände erhielten, und Freese, der einen schauderhaft bemalten Topf bekam. Am ehrlichsten freute sich der alte Teupen über seine Gallawaffen, die in seinem Zimmer im ersten Stock aufgehängt werden sollten. Bernd wurde eine Suahelitrommel ausgehändigt und Dieter ein pfeifenähnliches Instrument. Beide liefen damit sofort in den Park, und ein entsetzlicher Lärm bewies, wie sehr diese Geschenke ihren Wissensdurst förderten.

Graf Brada blieb den Nachmittag über in Hohen-Kraatz. Bei der ersten Gelegenheit, als er Max allein erwischen konnte, schoß er auf ihn los und nahm ihn am Arm.

»Nun sagen Sie 'mal, Max,« begann er, »was ist denn das für eine geheimnisvolle Geschichte? Einen Zettel hab' ich noch gefunden und abgerissen –«

24 Max blieb stehen und faßte den Grafen an einem Knopf seiner Attila.

»Semper, Sie sind ein Ehrenmann,« sagte er ernst.

Brada schaute den Sprechenden erstaunt an.

»Ich meine ja, Max, und wer es bezweifeln sollte –«

»Es bezweifelt niemand. Können Sie schweigen?«

»Wenn es sein soll: wie das Grab.«

»Na also, da hören Sie: ich bin überhaupt nicht in Afrika gewesen!«

Graf Brada zuckte zusammen, als sei der Blitz vor ihm eingeschlagen.

»Was? Max! Mensch! . . . Ueberhaupt nicht – gar nicht? –«

»Gar nicht und überhaupt nicht – weder jetzt, noch früher – niemals!«

»Aber um Himmels willen, das ist ja eine tolle Geschichte! Wo haben Sie denn die ganze Zeit über gesteckt?«

»Ich war auf der Hochzeitsreise, Brada.«

Der kleine Graf sah aus, als ob er an dem Verstande des andern zweifle.

»Auf der . . . erlauben Sie, lieber Tübingen, ich muß Sie mißverstanden haben. Sagten Sie wirklich: auf – der – Hochzeitsreise?«

»Das sagte ich. Riviera, Italien bis unten hin und dann Paris.«

Brada strich sich über die Stirn.

»Ich weiß wahrhaftig nicht: wache ich oder träume ich? Sind Sie Max von Tübingen oder nicht? Vor allen Dingen: wenn man auf die Hochzeitsreise geht, muß man doch verheiratet sein. Das scheint mir klar zu sein.«

»Ganz klar, Brada.«

»Und wo haben Sie, wenn man fragen darf, denn auf einmal eine Frau herbekommen?«

25 »Das kann ich Ihnen zu meinem Bedauern noch nicht sagen, weil es vorläufig mein Geheimnis ist und auch bleiben muß. Und deshalb würden Sie mir einen ganz besonderen Gefallen erweisen, lieber Brada, wenn Sie alles thäten, was nur irgendwie in Ihrer Macht steht, um auch Ihrerseits die Fiktion aufrecht zu erhalten, daß ich thatsächlich in Afrika gewesen sei. Schwer genug wird es mir, bei dieser Lüge nicht aus der Rolle zu fallen – das können Sie mir glauben.«

»Aber, bester Freund – ich muß mich wirklich erst ein bißchen beruhigen, ich bin noch ganz konfus . . . bester Freund, Sie haben doch nur über mich zu befehlen! Ich bin mit tausend Freuden bereit, Ihnen zu helfen – ich weiß nur nicht wie. Ich kann doch nicht sagen, daß ich Ihnen am Viktoria-Nyanza begegnet sei – aber ich könnte zum Beispiel erzählen, daß Sie mir mehrfach aus Uhuhuhu geschrieben hätten; wenn ich nur ein paar afrikanische Namen wüßte! Lieber Max, die Sache interessiert mich kolossal. Ich bin Feuer und Flamme für sie. Es liegt ein Duft des Mysteriösen über der ganzen Geschichte wie über dem bekannten verschleierten Bild zu Dingskirchen. Ich liebe so etwas. Also sagen Sie mir: in welcher Weise kann ich mich Ihnen dienstbar erzeigen?«

Semper war förmlich aufgeregt. Nie war ihm eine so interessante Abwechslung in der Einförmigkeit seines Garnisondienstes geboten worden. Max heimlich verheiratet – gar nicht in Afrika gewesen – aller Welt ein X für ein U gemacht – es war märchenhaft! Sein Auge hing begierig an den Lippen des Freundes.

Aber Max dämpfte die Erregung des kleinen Grafen nieder.

»Wenn ich Ihrer Hilfe benötige, Semper,« antwortete er, »werde ich es Sie wissen lassen. Vorläufig verlange ich 26 nichts als Schweigen von Ihnen und verständnisvolles Eingehen auf meine Intentionen. Das ist alles.«

»Sehr schade. Ich wäre gerade in der Stimmung gewesen, irgend etwas ganz Ungeheuerliches für Sie thun – das heißt, nicht nur für Sie allein, sondern auch für Ihre . . . Silentium! Ich schweige schon. Aber ich muß mich abkühlen. Ich werde durch den Park stiefeln und die Mädchen suchen. . . .«

Als er an der westlichen Seitenfront des Herrenhauses vorüberschritt, hörte er über sich seinen Namen rufen. Er schaute in die Höhe und sah Benedikte aus dem Fenster ihres Zimmers lugen.

»Ich rangiere eben Ihre Ansichtskarten ein, Graf Semper,« sagte Benedikte; »wollen Sie sich einmal meine Sammlung angucken?«

»Ei natürlich!« – und Brada sprang die hintere Treppe hinauf. Erst als er in den »Backfischkasten« trat, wie Tübingen das Zimmer der Mädchen getauft hatte, fiel es Benedikte ein, daß es vielleicht nicht ganz passend sei, den Grafen in ihr und Trudes gemeinsames Schlafgemach einzulassen; auch die Thür zu Nellys Kabinett stand sperrangelweit offen. Aber Benedikte verscheuchte in sorgloser Naivetät sofort ihr Bedenken; Brada war wie »Kind im Hause« – die beiden redeten sich dann und wann sogar mit den Vornamen an; sie standen wie Geschwister zu einander.

»Habe die Ehre,« sagte der kleine Husar beim Eintritt und schaute sich, ähnlich naiv wie Benedikte, neugierig um; »also das ist die Kemenate der jungen Damen! Sehr hübsch. Aber eine Puderbüchse auf dem Toilettentisch – das ist verderbter, als ich für möglich gehalten hätte!«

»Pardon – sie gehört Trude.«

»Dann ist es etwas anders. Fräulein Trude hat einen Apotheker zum Vater und darf sich demzufolge mit 27 chemikalischen Produkten befassen. Herrgott, ist das eine unziemlich große Badewanne! Da geht ja eine ganze Schwadron hinein.«

»Trotzdem genügt sie Nelly immer noch nicht. Nelly planschert auch noch den Fußboden naß, morgens und abends.«

»Ich habe den höchsten Respekt vor so viel Gründlichkeit. Es ist sehr gemütlich hier. Darf ich denn weiter rauchen? In einem Boudoir ist eigentlich nur Parfümduft gestattet.«

»Auch über solchen verfügt Trude allein. Sie sehen, Graf Semper, ich habe es noch sehr weit bis zur Modedame.«

»Ach, wie gut ist das, Fräulein Benedikte! Ich bin auch nicht für das Modische. Vielleicht nur, weil ich mir keinen Luxus gestatten darf. Wir haben einen einzigen reichen Offizier bei unserm ›armen Grafen-Regiment‹, den Grafen Kirkhusen, für den Zornow gewissermaßen Strafwache ist. Der geht nun allerdings aus in Parfüms und läßt sie sich sogar direkt kommen. Er läßt sich überhaupt alles direkt kommen, zum Beispiel seine Wäsche aus London. Denn das Weiteste ist natürlich immer das Feinste. Nun zeigen Sie mir 'mal Ihr Postkartenbilderbuch.«

Benedikte breitete es vor Brada aus, der sehr begeistert that.

»Sammeln Sie nur ruhig weiter, Fräulein Benedikte,« sagte er; »Doktor Haarhaus versteht wohl etwas vom schwarzen Erdteil, aber nicht von Ansichtskarten. Ist er sonst ein netter Mensch?«

»O ja. Ich wenigstens – habe nichts gegen ihn.«

»Sie sagen das so etwas gedehnt, dächte ich.«

»Inwiefern? Nein – er gefällt mir ganz gut; wie so einer einem gerade gefällt.«

Dann schlug sie das Kartenbuch wieder zu, und in 28 diesem Augenblick fiel zwischen den Blättern eine Photographie heraus und auf den Boden. Brada bückte sich, sie aufzuheben und Benedikte auch, und unwillkürlich berührten sich dabei beider Köpfe.

»Pardon,« sagten beide zugleich und lachten.

»Kennen Sie die?« fragte Benedikte und zeigte dem Grafen das auf die Erde gefallene Bild.

Brada wiegte den Kopf hin und her. »Ja – wenigstens kommt mir die Dame bekannt vor. Ist das nicht – warten Sie 'mal – ist das nicht –«

»Sie kriegen es ja doch nicht heraus! Das ist Fräulein Warnow, die vor Miß Nelly im Hause war.«

»Richtig! Die Hübsche – mit dem wundervollen Haar! Ich hab' sie ein paarmal gesehen. Aber warum verstecken Sie denn das Bild?«

»Wenn Sie diskret und artig sein wollen, will ich es Ihnen sagen. Weil Papa und Mama und Großpapa nicht wünschen, daß Max es sieht. Nämlich« – sie zögerte – »na, es ist ja nichts weiter dabei: Max war nämlich einmal heimlich in Fräulein Warnow verliebt, und ich glaube, er hat sie auch heiraten wollen, aber es ging nicht. . . .«

Graf Semper hätte bei einem Haar einen Ausruf des Staunens ausgestoßen. Es riß plötzlich ein Schleier vor seinen Augen. Er zweifelte keinen Moment mehr: Fräulein Warnow war die Auserwählte Maxens, war seine Gattin! . . . Und unwillkürlich kräuselte sich seine Nase. Ein simpler Gouvernantenroman! Er hatte viel mehr erwartet, irgend etwas ganz Absonderliches, keine Geschichte von heute und gestern. Es interessierte ihn höchstens noch, wo Max seine Frau versteckt hielt. . . . Aber die Gedanken arbeiteten rasch weiter. Ein Teufelskerl war der Max doch. Pfiff auf die Welt und folgte seiner Liebe. Das war sozusagen schneidig, und für das Schneidige hatte Semper immer etwas übrig.

29 Er versuchte Benedikte vorsichtig ein klein wenig auszuforschen. Sie hatte eine große Schwärmerei für Fräulein Warnow und sprach in überschwenglichen Ausdrücken von ihr.

»Wissen Sie, Semper, eigentlich war es unrecht von den Eltern, daß sie Maxen gewissermaßen zwangen, Fräulein Warnow sitzen zu lassen. Nun ja, so war es doch? Sie wurden alle beide fortgeschickt, er nach Afrika und sie Gott weiß wohin. Freilich handelte es sich dabei um eine unangenehme Bestimmung im Familiengesetz – bei uns gibt es das noch, aber nur für den Majoratserben. Für mich, Gott sei Dank, nicht. Existieren in Ihrer Familie auch solche Bestimmungen?«

»Ich glaube nicht. Wir sind ja eigentlich Italiener –«

»Ja, das hört' ich. Marquis oder so etwas –«

»Conte di Brada, Marchese Piatti dei Stramone e Bismanta und noch ein paar Namen hinterher. Die Namen habe ich alle behalten, aber die Grafschaften, die dazu gehörten, sind flöten gegangen. Es ist merkwürdig, wie sich so etwas im Laufe der Jahrhunderte verläppert.«

»Nun, mit einem so furchtbar langen Namen werden Sie schon eine reiche Frau bekommen, Graf Semper –«

»Aber pfui, Benedikte, wie können Sie so sprechen! Schämen Sie sich denn nicht bis in die Tiefen Ihrer Seele hinein?! Ich bin doch kein Handelsmann!«

Benedikte erschrak und streckte dem Grafen die Hand entgegen.

»Verzeihen Sie mir,« sagte sie bittend; »ich meinte es ja nicht böse.«

Er behielt ihre Hand eine kurze Weile in der seinen.

»Wie sollt' ich Ihnen zürnen, Benedikte,« antwortete er, und es fiel ihr auf, daß seine Stimme so warm klang. »Es kränkte mich nur – – aber auch das ist schon wieder vorbei! Gehen wir in den Park!«

30 »Herrjeh – ja! Ich sollte ja Blumen für den Abendtisch pflücken! Dabei können Sie mir helfen. . . .«

Als sie über die Diele schritten und an dem Zimmer Freeses vorüberkamen, hörten sie drinnen laut sprechen, fast im Kommandotone.

»Der Kandidat repetiert wohl das Exerzierreglement,« sagte Brada.

»Stille 'mal, Graf Semper; das ist Nellys Stimme!«

Nun hörte man aber wieder Freese sprechen: »Das ist ein Gaumenlaut, Miß Milton. Sagen Sie einmal ›ma–chen‹!«

»Mack–cken! Nein – mack . . . nein – ma . . . ich kann's nicht, Mister Freese, ich thu's nie nicht lernen!«

Benedikte pruschte leise auf.

»Nelly nimmt deutschen Unterricht,« tuschelte sie. »Das ist nicht zum Anhören. Flüchten wir!« – –

Im Parke trafen sie Trude, die ihre Freundin bereits suchte, und nun begannen die drei die Blumen zu pflücken, die den Tafelaufsatz am Abend schmücken sollten. Benedikte benutzte die Gelegenheit, da Graf Brada ein paar Schritte voran war, sich an Trude für die Verunglimpfung des Doktor Haarhaus zu rächen.

»Der Graf war in unsrer Stube,« flüsterte sie ihr zu.

»Was hat er denn da gewollt?«

»Ach – ich hab' ihm nur mein Ansichtskartenalbum gezeigt. Er hat aber auch deine Puderbüchse gesehen. Und die Schachtel mit Mandelkleie. Und die kleine Schminkdose für deine Fingernägel. Und alles andre. Und hat immer den Kopf geschüttelt und vor sich hingelächelt.«

Trude erstarrte fast.

»O – Dikte!« zischte sie; denn sie ahnte irgend eine boshafte Hinterlist. Aber da trat Graf Brada mit einer ganzen Hand voll Wiesenblumen näher, und Trude 31 verstummte. Nachher suchte sie jedoch heimlich ihr Taschentuch hervor und wischte sich energisch über ihr ganzes Gesicht, um auch die letzte kleine Spur der Morgenpuderung zu tilgen. Sie schämte sich gründlich.

Währenddessen wurde der Sprachunterricht in Freeses Zimmer unter erschwerenden Umständen fortgesetzt. Es war wirklich merkwürdig, wie ungeschickt sich Miß Nelly benahm. Und dabei gab sie sich die größte Mühe, den Weisungen Freeses zu folgen. Namentlich die Aussprache des ch machte ihr unendliche Schwierigkeiten. Manchmal gelang es spielend; bei andern Worten aber brachte sie es überhaupt nicht heraus, sondern sprach es immer wie ck. Das erregte ihre Verzweiflung. Sie wurde rot im Gesicht und das aschblonde Gekräusel über ihrer Stirn begann zu zittern; und einmal brach sie sogar in Thränen aus.

Das aber konnte nun Freese gar nicht sehen.

»Liebe Miß Milton,« sagte er, »ich bitt' Sie um Gottes willen – es kommt ja doch wirklich nicht so genau auf das unglückselige ch an – jedenfalls sind diese beiden Buchstaben Ihrer Thränen nicht wert.«

»O doch,« erwiderte Nelly, halb lachend, halb weinend; »ich ärgere mir so furchtbar. Sonst sprech' ich den ch ganz gut aus, aber grade bei ma–ma–ma–cken . . . ich kann's wieder nicht! Ich sterbse vor Aerger. . . .«

Schließlich tröstete sie sich aber doch und kehrte zur Grammatik zurück. Für Freese waren die Unterrichtsstunden Nellys die Sonnenblicke des Tages. Die Nähe dieser niedlichen kleinen Engländerin mit ihrem blonden Krauskopf und den taubengrauen Augen durchwärmte und durchleuchtete ihn von Grund aus und bis in seiner Seele Tiefen hinein. Er kannte die Liebe noch nicht, gab sich selbst auch keine Rechenschaft darüber, ob er Nelly liebte; er fühlte nur, daß er sich nie im Leben so wohl und so glücklich gefühlt hatte wie hier 32 in Hohen-Kraatz. Seltsamerweise fing er in dieser Zeit auch an, eitel zu werden. Er gab mehr als sonst auf sein Aeußeres, kleidete sich mit ungewohnter Sorgfalt und steckte dann und wann – was ihm früher lächerlich vorgekommen wäre – sogar ein Blümchen ins Knopfloch. Seine Jugend war öde und langweilig gewesen; nun schien sie noch nachträglich ihre Rechte fordern zu wollen. –

Beim Abendessen war heute – zu Ehren Bradas – ein warmer Gang eingeschoben worden. Als man sich nach kurzem Tischgebet, das abwechselnd eines der jungen Mädchen sprach, niedersetzte, schlug die Baronin die Hände vor Erstaunen zusammen.

»Nun sagt einmal, Kinder,« rief sie aus, »Ihr habt ja eine ganze Blumenausstellung arrangiert!«

»Daran ist Graf Semper schuld,« entgegnete Benedikte. »Er konnte nicht genug kriegen. Die Butterblumen stammen auch von ihm.«

»Ich bekenne mich gern schuldig, gnädige Frau,« sagte Semper. »Ich bin ein poetisches Gemüt und ziehe die Feldblumen der Gartenzucht vor. Außerdem ist heute –«

Er stockte.

»Na, was denn?« fragte Tübingen. »Eleonore, ich kann mir nicht helfen, deine Karpfen haben mehr Gräten als sonst üblich ist.«

»Was ist heute, Graf Brada?« fragte nun auch Benedikte.

»Eigentlich wollte ich es nicht sagen. Aber warum soll man sich nicht einmal ehren lassen? Heute ist mein Geburtstag.«

Ein allgemeiner Aufstand erhob sich. Von allen Seiten streckten sich Semper die Hände entgegen, und die Glückwünsche regneten auf ihn herab. Nur die Baronin that verzweiflungsvoll.

»Lieber Brada, das ist eine Tücke von Ihnen. Was 33 nützt mir jetzt Ihr Geständnis? Ich hätte Ihnen so gern eine Torte backen lassen, und mit dem einen Fischgericht würde ich mich auch nicht begnügt haben.«

»Wir wollen gut machen, was noch gut zu machen ist,« bemerkte Tübingen. »Es fragt sich nur: Bowle oder reinen Sekt?«

Semper wehrte sich; er bäte um keinerlei Umstände. Aber Tübingen hieß ihn schweigen.

»In diesem Falle haben Sie nicht mitzureden, Semper. Sie sind der Bekenner, wir die Richter. Ich bin für das mildeste Strafmaß: eine Bowle – und zwar deshalb, weil – wie mir meine liebe Frau soeben zuflüstert – frische Walderdbeeren im Hause sind. Wer einstimmt, der hebe die Hand empor.«

Alle thaten es; die Jungen unter wildem Gejauchze.

»Ich möchte mir noch ein Amendement erlauben,« sagte Haarhaus. »Wir haben Vollmond und die Luft ist wunderbar. Können wir nicht mit der Bowle in den Garten wandern? Dann scheint der Mond in die Goldflut des Weines hinein, ein Effekt, den ich schon mehrfach erprobt habe und als den Höhepunkt der Genüsse preisen kann.«

»Bravo!« rief Graf Teupen. »Das ist epikureisch; das ist äußerst vornehm. Eine Vereinigung des Aesthetischen mit dem Materiellen. Halb Vitellius, halb Ovid. Ich bin für das Amendement Haarhaus.«

Auch die jungen Damen, die diese Idee sehr poetisch fanden, zollten Beifall. Trude wollte Kränze flechten, die man sich in das Haar drücken sollte. So eine Art Symposion schwebte ihr vor. Aber Tübingen war gegen solche Uebergriffe in das Heidnische.

»Wenn der Inspektor mit dem Abendrapport kommt,« sagte er, »und sieht mich mit einem Kranz aus Butterblumen, Schafgarbe und Rosen auf dem Kopfe, so hält er mich für 34 verrückt oder angeduselt. Und beides verringert den nötigen Respekt.«

Nun schlug Benedikte ein Feuerwerk vor. Man hatte noch ein paar Raketen und Schwärmer und einige bengalische Leuchten von Kaisers Geburtstag her im Hause. Doch auch dafür war Tübingen nicht.

»Was habt ihr für Cäsarenlaunen, Kinder! Erst Kränze ins Haar, und nun Feuerwerk. Das konnte sich Nero erlauben, der steckte sogar Rom in Brand. Aber ich bin zu schlecht versichert. Riedecke, hier hast du den Kellerschlüssel. Vier Sillery mousseux, sechs Moselblümchen und eine Rauenthaler; das wird vorderhand genügen. Und dann Eis. . . .«

Als Riedecke mit dem Wein zurückkam, hatte man beinahe abgespeist. Das war allen recht. Draußen lockte der Mond, und auch eine verspätete Nachtigall schlug noch im Flieder.

Riedecke brachte die Bowle, ein riesiges Gefäß, das in einer noch riesigeren Bronzeschale stand, die mit Eisstückchen gefüllt wurde. Die Bowle war das Abschiedsgeschenk der Kameraden von der Garde du Corps an Tübingen, und jedesmal, wenn der dicke Baron sie sah, ward er wehmütig und begann in Erinnerungen zu schwelgen.

»Kinder, was trank man damals zusammen,« erzählte er, während er den Mosel einfüllte. »Ich kann mir nicht verhehlen, daß die Zeiten geordnetere geworden sind. Es geht auch ein leichterer Zug durch die Welt. Dunnemals mußte alles schwer und kräftig sein; das nannte man gediegen. Auch die Bowlen. Die waren so ähnlich, wie die vom alten Kielmann. Wir nahmen immer ein paar Flaschen Portwein dazu. Und wenn wir uns dann am nächsten Morgen beim Schwadronsexerzieren guten Tag sagten, fragte einer den andern: ›Brummt dir der Schädel denn auch so?‹ Und freudig bejahte man das, denn so mußte es sein. Man 35 mußte die Gediegenheit auch spüren . . . Riedecke, nun mach den Sekt auf!«

Der Alte war unvorsichtig. Er ließ einen Pfropfen springen. Es gab einen Knall und dann flog der Pfropfen zuerst an die Decke und an das Ohr der Plafondnymphe, das Benedikte auf niederländische Art übermalt hatte, und sprang hierauf zurück und zwar mitten auf den Tisch. Die Jungen brüllten vor Uebermut, und der Mousseux schäumte lustig aus dem Flaschenhalse.

Dabei fiel Benedikte etwas Besonderes ein.

»Papa,« sagte sie, »kannst du mir nicht einmal ein Glas Champagner geben? – Ich habe mich nämlich neulich mit Trude gestritten. Trude meinte, da wäre Wunder was dabei, ein Glas Champagner in einem Zuge auszutrinken, so wie es Doktor Haarhaus und Semper immer machen. Ich glaube aber, das ist ganz leicht. . . .«

Die Mama erklärte, Benedikte möchte diese Kunststücke doch lieber den Herren überlassen, wogegen Tübingen meinte, er befördere jeglichen Wissensdurst und von Riedecke ein paar Spitzgläser kommen ließ. Nun machten Haarhaus und Semper erst die Sache vor. Sie führten ihr Glas an die Lippen, beugten den Kopf ein wenig nach hinten über und gossen den Sekt ohne abzusetzen in die Kehle. Dann kam Benedikte an die Reihe. »Ha,« sagte sie, »das ist gar nichts!« Aber der prickelnde Duft des Mousseux' stieg ihr in die Nase. Sie nieste und lachte, setzte an, verschlückerte sich und goß sich den Champagner auf die Bluse. Jetzt wurden auch die Großen zu Kindern. Die Baronin protestierte zwar, aber Tübingen wollte sehen, ob er das auch noch könnte. Zu guter Letzt probierte unter allgemeiner Heiterkeit selbst Graf Teupen den »Husarentrunk«. Und er gelang ihm.

»Seht ihr, es geht noch,« sagte er lachend. »Ja, Kinder, die Zeiten ändern sich. Ich war bei den Saxo-Borussen 36 aktiv, und mein alter Heidelberger Magen hat lange genug vorgehalten. Aber die diplomatischen Diners ruinieren den Menschen. Sillery mousseux kannte man derzeitig freilich nicht; man trank Cliquot oder Mumm souverain und zum Dessert gewöhnlich Lacrimae Christi oder Cap Constantia. Das setzte allem die Krone auf. Als letzten Abschluß gab es dann zuweilen auch noch einen Tokayer Ausbruch. Und vorher die schweren Rotweine! Eberhard hat recht: die Sehnsucht nach Leichterem geht heut durch die Welt.«

»Fertig!« rief Tübingen, als er die letzte Flasche Sekt in die schäumende Flut quirlen ließ. »Riedecke, ist der Tisch unter den Kastanien gedeckt?«

»Zu befehlen, Herr Baron; Stupps hat ihn gedeckt.«

»Also los,« sagte Haarhaus. »Feiern wir ein Fest der Jugend, wie die Epheser im Tempel ihrer Diana! Riedecke voran mit dem Opfergefäß, als Oberpriester und Wahrer des heiligen Feuers. Dann Graf Brada als Triumphator. Da wir ihm nicht das Haupt mit Rosen schmücken dürfen, schlage ich vor, wir fesseln ihn mit Blumenketten und geben ihm ein Gänseblümchen in den Mund.«

Aber Semper wehrte sich dagegen; er sei sozusagen der Held des Abends, aber kein Opferstier. Die beiden Jungen schienen schon durch den bloßen Anblick der Bowle zu schönem Thatensinn begeistert worden zu sein; denn sie begannen mit mächtiger Stimme Nadowessiers Heldenlied nach eigener Melodie zu singen.

Unter den Kastanien war es in der That herrlich. Die Luft lau und von Blütenduft durchweht. Der Vollmond rückte gerade über die Ahornbäume heraus, die den Park nach der Dorfseite abgrenzten und dort bewegungslos, gleich riesigen schwarzen Schildwachen, standen. Die Atmosphäre war wie mit Gold durchrieselt. Riedecke wollte eine Gartenlampe auf den Tisch setzen, aber man schickte ihn wieder 37 zurück. Es war hell wie am Tage. Die Kieswege glänzten schneeweiß. Mit freudigem Bellen sprangen Cäsar, Lord und Mohrchen heran, umschnoperten den Schlummerkorb Cosys, carrierten ein paarmal um das Rosenrondell und kuschten sich dann gehorsam nieder.

Haarhaus gab der Bowle ihren Platz, so daß thatsächlich der Mond in sie hinein schien. Alle bewunderten die Wirkung, erhoben jedoch lärmenden Widerspruch, als Graf Teupen scherzend sagte, das Bild sei zu schön – man solle die Bowle nicht austrinken, sondern sich nur an ihrem Anblick erfreuen.

»Ich bin aus Charaktergründen dagegen,« meinte Haarhaus. »Man soll sich auch einem ästhetischen Genuß nicht allzulange hingeben, soll vielmehr die Stärke besitzen, ihn abzukürzen. Und dieser Moment scheint mir gekommen zu sein. Fräulein Palm, reichen Sie mir bitte die Gläser herüber! . . .«

Max war bisher sehr still gewesen. Das fiel nicht auf; er hatte von seiner früheren Lebhaftigkeit viel eingebüßt, seit er in Afrika gewesen war. Die Eingeweihten wollten wissen, daß das noch der Nachhall seiner romantischen Liebesepisode mit Fräulein Warnow sei. Als die Gläser aber gefüllt auf dem Tische standen, räusperte er sich, stand auf und hielt zu aller Verwunderung eine hübsche kleine Rede auf das Geburtstagskind.

Nun wurde auch er vergnügt. Man pokulierte tapfer und plauderte dabei vom Hundertsten ins Tausendste. Selbst die Baronin war in guter Laune, aber als Benedikte ein drittes Glas trinken wollte, fand sie dies empörend.

»Ach was,« sagte Tübingen, »sei gemütlich, Eleonore! Von jeher waren aller guten Dinge drei – und Zimperlichkeit kann ich nicht leiden. Herr Freese, schauen Sie nicht immer in den Mond und in die Augen von Miß Nelly! 38 Sprechen Sie auch einmal ein Wort! Hat Ihnen Ihr Freund Reinbold noch nicht geantwortet?«

Der Kandidat errötete bei der Anspielung auf die Augen Nellys.

»Ja, Herr Baron,« antwortete er; »der Brief kam mit der Abendpost, aber ich wollte nicht stören –«

»Nun? Was schrieb er denn? Hat er sein Konterfei mitgeschickt?«

»Auch das, Herr Baron –«

Und Freese griff in seine Brusttasche, holte ein Couvert hervor und entnahm diesem eine Photographie, die er Tübingen reichte.

Der Baron stand auf und trat weiter in das Mondenlicht hinein.

»Nanu?!« sagte er; »hören Sie 'mal, Freese, haben Sie sich nicht etwa vergriffen? – Das ist ja ein Gymnasiast – mit 'ner sogenannten Regennase . . . Eleonore, sieh bloß! Das ist doch im Leben kein Pastor. Mit so 'nem vergnügten Gesicht!«

Die Baronin nahm das Bild. Sie war entsetzt oder that doch so.

»Nein, das ist unmöglich, Eberhard. Das ist erstens 'mal ein Kind, und zweitens sieht mir der junge Mensch zu lustig aus. Den würde niemand ernst nehmen.«

»Vielleicht hat ihm der Photograph gesagt: ›Nun bitte recht freundlich,‹ und da hat er übertrieben.«

»Aber er lacht ja über das ganze Gesicht, Eberhard! Es fehlt die Würde – die Würde fehlt.«

Das Bild ging im Kreise herum. Währenddessen öffnete Freese den Begleitbrief Reinbolds.

»Ich bitte um Verzeihung, Frau Baronin,« sagte er bescheiden, »wenn ich mir einen Einwurf erlaube. Als ich Reinbold kennen lernte, frappierte mich auch zunächst sein – 39 ich möchte sagen humoristisches Gesicht. Es schien mir durchaus nicht zu seinem Beruf zu passen. Und da hat er mir dann in der Folge sein Herz ausgeschüttet. Sein Vater, Großvater und Urgroßvater waren Geistliche. Er selbst neigt seinem innersten Wesen nach zum Ernsten und Beschaulichen, zu seelischer Reflexion. Er hat viel mehr von schwerem Geblüt als heiterer Natur. Aber das Unglück ist, daß ihm das keiner glaubt, weil er ein so unsagbar fideles Gesicht mit auf die Welt bekommen hat.«

Der ganze Tisch interessierte sich für Herrn Reinbold.

»Das erinnert mich an Victor Hugos Roman L'homme qui rit,« meinte Haarhaus. »Ich weiß nicht, ob die Herrschaften das Buch kennen. Der Inhalt dreht sich um die Antithese: die moralische Schönheit in physischer Mißgestalt und die Häßlichkeit der Seele im schönen Körper.«

»Ich entsinne mich,« fiel Graf Teupen ein. »Der Held ist von Natur dazu verdammt, immer lachen zu müssen, schrecklich zu lachen, und wird schließlich bei allem Elend glücklich, als eine Blinde ihm ihre reine Liebe schenkt.«

»Man kann aber nicht sagen,« nahm Max, die Photographie in der Hand, das Wort, »daß das Gesicht dieses Herrn Reinbold unsympathisch ist. Im Gegenteil – es sieht freundlich und vertrauenerweckend aus. Es hat nichts Schreckliches – trotz der vergnügten Nase und dem lachenden Zug um den Mund, der doch eigentlich nur ein lächelnder ist.«

»Und ich kann Ihnen versichern, Herr Baron,« sagte Freese mit warmem Ernst, »daß auch das ganze Wesen Reinbolds volle Sympathie verdient. Wenn es überhaupt möglich ist, daß eine Empfehlung von mir in die Wagschale fällt, so möchte ich mir die gehorsamste Bitte erlauben, es mit Reinbold jedenfalls einmal versuchen zu wollen.«

»Ach ja, Papa,« bat auch Benedikte, und noch lebhafter 40 verwandte sich Trude Palm für den »Unglücklichen«, wie sie sich ausdrückte.

»Gut also – er mag kommen,« entschied die Baronin. »Ich muß ja zugestehen: ein ewig heiteres Geistlichenantlitz würde mich ein wenig bedrücken –«

»Ein ewig düsteres ist mir noch fataler,« fiel Tübingen ein, und Freese bemerkte: »Ich glaube, Reinbold wird endgültig mit der goldenen Mittelstraße dienen können, Herr Baron. Nach den Erfahrungen, die er bereits in seiner Kandidatenzeit mit der ungewollten Lustigkeit auf seinem Gesicht gemacht hat, scheint er auch hier gewisse Befürchtungen vorgeahnt zu haben. Denn er schreibt mir, zu seiner Freude keime ihm stattlich der Bart. Er will sich nun einen Vollbart stehen lassen und hofft sich dank dieser männlichen Zier in baldiger Zukunft auch äußerlich ernster, würdiger und männlicher präsentieren zu können als bisher. Nur möge man gütigst noch so lange Geduld mit ihm üben, bis der Bart sich entwickelt und entfaltet habe.«

Tübingen lachte gutherzig. »Sehen Sie, Freese, nun gefällt mir Ihr Reinbold schon ganz ausgezeichnet! Für Leute mit Schicksal habe ich überhaupt immer etwas übrig, und daß auch ein Menschengesicht zum Schicksal werden kann, beweist dieser Fall. Also schreiben Sie ihm, er möge kommen und predigen, und gefällt uns sein Wort und seine Art, so wollen wir ihm Arme und Seelen öffnen; denn wir sehen nicht auf die Nase, sondern auf das Herz. Und der liebe Gott thut das erst recht.«

Freese konnte nicht anders; er mußte des braven Mannes Hand nehmen und sie voll warmer Empfindung drücken.

Am unteren Ende der Tafel, da, wo die jungen Herrschaften saßen, war man inzwischen immer ausgelassener geworden. Namentlich Graf Semper, der seinen Platz zwischen 41 Nelly und Benedikte hatte, amüsierte sich wundervoll und pries den guten Einfall, seinen Geburtstag hier zu verleben. Zufällig hatte er auch am nächsten Vormittag keinen Dienst, konnte also aufbrechen, wann er wollte; vielleicht forderte man ihn auch auf, in Hohen-Kraatz zu übernachten, was schon öfters vorgekommen war. Das wäre ihm freilich das liebste gewesen; einen ganz zierlichen kleinen Schwipps hatte er bereits, und die Tante Bolte war nach der glücklichen Kur Isaaksohns ziemlich lebhaft geworden. . . . Auf der andern Seite Benediktes saß Haarhaus, ebenfalls lebendiger als sonst; er erzählte den jungen Mädchen, wie gewöhnlich, von seinen Erlebnissen in Afrika und log dabei entsetzlich, brachte auch Max in vielfältige Verlegenheit, an den er sich zuweilen mit dem Zwischenruf wandte: »Weißt du noch, Max?« oder »Max, besinnst du dich – in Wahiwede – wir kamen g'rade von Wasambara?!« . . . Der alte Teupen hatte sich von Riedecke die Beine in eine Decke wickeln und eine Fußbank unterschieben lassen. So saß er zuhörend da, das Gesicht voll dem Monde zugekehrt, für dessen magnetische Eigenschaften er sich begeistern konnte; denn er war unter anderm auch ein Anhänger Mesmers und Dupotets. Die Baronin schlief schon halb. Im Hintergrunde unterhielten sich Riedecke und Stupps flüsternd und wispernd; das heißt Riedecke erzählte dem Jungen von seiner Kammerdienerzeit in London und log dabei gerade so wie Haarhaus im Vordergrunde.

Brada war eine Zeit lang merkwürdig ruhig gewesen, und Benedikte fragte ihn daher: »Sie maikäfern wohl, Semper?«

»Ja,« erwiderte dieser, »diesmal haben Sie es richtig getroffen. Ich habe etwas Feierliches auf der Zunge. Ich muß mich doch für die Ehrung Maxens bedanken. Nehmen Sie bitte einmal einen Kieselstein auf, Fräulein Benedikte – 42 denn ich selbst kann mich nicht bücken – und klinken Sie damit an Ihr Glas.«

Benedikte that dies und zwar dreimal, weil sie es für angemessener hielt. Hierauf erhob sich Brada und begann also: »Meine verehrten Herrschaften!«

»Aha,« fiel Haarhaus ein, »jetzt schwingt er auch eine Rede!«

»Nicht ins Wort fallen, Doktor,« sagte Tübingen; »man darf auch in einem gesunden Menschen nie eine Motion unterdrücken oder verzögern, weil das unberechenbare Folgen haben kann. Semper macht schon ein ganz weinerliches Gesicht.«

»O nein, Herr von Tübingen,« entgegnete Brada, seine kleine Figur reckend. »Der Adlerflug meiner Gedanken läßt sich nicht so leicht hemmen und das Gefühl meiner Dankbarkeit nicht unterdrücken. Letzterem nämlich wollte ich, so beredt wie mir dies überhaupt möglich ist, Ausdruck geben. Ich könnte einfach sagen: das Haus Tübingen lebe hoch, und das würde in seiner Kürze auch völlig dem entsprechen, was meine Seele bewegt. Da aber Max als Vertreter dieses liebenswürdigen und gastfreundlichen Tübingenschen Hauses mich vorhin gefeiert hat, so sei mir verstattet, mich mit meiner tiefdurchdachten Rede direkt an ihn zu wenden, der ja augenblicklich so wie so im Mittelpunkte aller Interessen steht. Daß ihm seine großen und kühnen Unternehmungen im schwarzen Erdteil auch gesundheitlich vortrefflich bekommen sind, davon können wir uns ja Gott sei Dank tagtäglich und stündlich überzeugen. Außer Doktor Haarhaus wachte noch ein besonders glücklicher Stern über ihm. Kein Löwe griff ihn an, kein Krokodil hat nach ihm geschnappt und kein Känguruh hat ihn gebissen; selbst die Wilden ehrten in ihm den Träger der Zivilisation und übergaben ihm willig ihre Waffen, die er uns mitgebracht hat. Und nun ist er wieder 43 hier und wird in friedensreicher Thätigkeit in seinem Ministerium weiter schalten. Es wird nicht lange dauern, so ist er Legationsrat, und dann folgt auch sehr bald der Geheime; denn das Geheime war immer seine Schwäche. Ich sehe ihn schon als wohlbestallten Gesandten unsres Kabinetts bei irgend einer bedeutenden Macht vor mir und hoffe, er wird dann endlich auch sein Herz entdeckt und eine liebliche Gattin heimgeführt haben, die ihm mit weicher Hand die politischen Sorgen von der Stirn streicht. Und auf alles dies möchte ich mir erlauben, mit Ihnen anzustoßen: auf die Carriere unsres Max in diplomatischer und menschlicher Hinsicht, auf den Herrn Gesandten in spe und die Frau Gesandtin und das ganze sonstige Zukunftsglück des Hauses Tübingen! Hurra, hurra, hurra!«

Die Jungen schrieen so, daß sie zu Bette geschickt wurden, aber auch alle übrigen stimmten mehr oder weniger begeistert in den Hurraruf ein und ließen ihre Gläser an das Glas Maxens anklingen, der sich redliche Mühe gab, sein saures Gesicht zu verbergen.

»Ich danke Ihnen, lieber Semper,« sagte er, »für alle Ihre guten Wünsche. Nur eins möchte ich bemerken: daß mich kein Känguruh gebissen hat, lag weniger an meinem Glück als an den zoologischen Verhältnissen Ostafrikas. Das schadet aber nichts. Ich bin trotzdem sehr gerührt –«

»Ich auch,« setzte Tübingen hinzu. »Die Zukunftsperspektiven haben Sie hübsch ausgemalt, Brada. Ich wollte, ich erlebte die Frau Gesandtin noch. Komm her, Max, und gib mir einen Kuß daraufhin! Du wirst hoffentlich nicht unverheiratet bleiben wollen, mein Junge!?«

»Nein, Papa,« erwiderte Max und küßte die Wange des Alten, und das Herz war ihm recht beklommen, »ich möchte dir sogar mein feierliches Ehrenwort geben, daß dies nicht der Fall sein wird.«

44 »Recht so,« sagte Graf Teupen. »Kinder, ihr glaubt gar nicht, wie ungemein wichtig gerade für einen Gesandten seine Gesandtin ist! Ich muß da an das Jahr Sechzig und an Paris denken. Preußen war durch Graf Pourtalès vertreten und Oesterreich durch Richard Metternich. Aber Pourtalès galt wenig in den Tuilerieen und Metternich war alles. Und woran lag das? Nicht an den Herren selbst, wohl aber an ihren Frauen. Die Fürstin Pauline Metternich paßte ganz zu den Franzosen, die Gräfin Pourtalès aber hätte besser nach dem protestantischen England gepaßt. Sowohl ihrer Abkunft, wie ihrer Erziehung und ihren persönlichen Neigungen nach. Denn die Metternich war eine Tochter des tollen Sándor, des wagehalsigen ungarischen Reitergrafen, und die Pourtalès eine Tochter des früheren Kultusministers von Bethmann-Hollweg. Und das Blut Sándors war den Franzosen lieber. . . . Aber, Herrschaften, es fängt an, kühl zu werden. Wie denkt ihr über die Bettstatt?«

»Jawohl, Herr Graf – es wird Zeit!« rief Brada. »Stupps, laß mir die Tante satteln!«

»Kein Gedanke, Graf Brada,« entgegnete die Baronin, sich erhebend. »Sie bleiben ruhig hier. Ihr Zimmer ist in Ordnung. Wo steckt denn Benedikte?«

»Sie wollte sich die Mondbeleuchtung auf der Insel ansehen, gnädige Frau,« antwortete Trude.

»Sie wird sich wieder erkälten, und morgen hustet sie.«

»Ich werd' sie benachrichtigen, gnädige Frau,« rief Haarhaus und sprang auf. Trude und Nelly wollten mitgehen, aber die Baronin sprach dagegen; sie brauchten sich nicht alle drei den Schnupfen holen.

Der Park hinter dem Herrenhause glich in dieser schimmernden Mondbeleuchtung dem Zaubergarten Klingsohrs. Ueber die Wiesenflächen spann ein feiner, durchsichtiger Nebel seine Silbergaze aus. Die Akazien standen noch in Blüte, 45 und bei jedem leisen Windhauch rieselte es schneeig von ihnen herab. Eine Gruppe hochragender alter Edeltannen hob sich, an Böcklinsche Bilder mahnend, schwarz und düster vom leuchtenden Himmel ab.

Haarhaus eilte mit starken Schritten nach der Insel.

»Fräulein Benedikte!« rief er laut.

»Hier!« scholl die Antwort zurück.

Haarhaus blieb stehen.

»Hier sagt mir zu wenig, gnädiges Fräulein. Wo, ist die Hauptsache.«

»Aber sehen Sie mich denn nicht!? Ich bin dem alten Traugott auf den Rücken geklettert, und nun kann ich nicht mehr hinunter. Es ist ein Glück, daß Sie kommen! . . .«

Jetzt erst sah Haarhaus die kleine Baronesse. In einem Winkel der Insel stand ein verfallenes, sehr primitives Monument. Es mochte früher einmal eine Art Obelisk gewesen sein und war zu Ehren eines Traugott von Tübingen errichtet worden, der bei Preußisch-Eylau den Heldentod gefunden hatte. Jetzt war das Mauerwerk von einem dichten Gespinst Epheu überzogen, durch den sich blaßlila und violette Winden rankten.

Haarhaus war näher getreten.

»Nun sagen Sie einmal, geehrtes und liebwertes Fräulein Benedikte von Tübingen, was machen Sie denn da oben eigentlich?«

»Ich suchte Aussicht, nichts weiter. Da habe ich mir einen Birkenstubben herbeigeschleppt, der sonst als Gartenstuhl zu dienen pflegt, und bin heraufgeklettert. Aber der Stubben fiel meuchlings um. Und nun stehe ich hier und kann nicht anders.«

Haarhaus betrachtete sich das eigentümliche Bild näher. Das war nun wirklich eine Art Monument, wenn auch keins zu Ehren des verstorbenen Traugott. Benedikte stand auf 46 der ehemals wahrscheinlich zugespitzten, jetzt flachen Höhe des Denksteins und konnte sich nicht rücken und rühren. Sie hatte mit beiden Händen die Kleider ein wenig an sich gezogen, unter denen die ländlich derben Stiefelchen hervorschauten. Ihr hübsches dralles Figürchen zeichnete sich in scharfen Umrissen ab. Ihr Gesicht lachte; die weißen Zahnreihen glänzten.

»Sapperment, Fräulein Benedikte,« sagte Haarhaus; »was hätten Sie denn nun gemacht, wenn man Sie nicht geholt hätte!?«

»Dann wäre ich nachtsüber in dieser Stellung erfroren. . . . Aber nein – ich wäre todesmutig hinuntergesprungen und würde mir wahrscheinlich den Fuß verknackst haben.«

»Ist das vernünftig? Ist das einer Baronesse Tübingen würdig?«

»Halten Sie bitte keine Reden, Doktor Haarhaus, sondern helfen Sie mir! Der linke Fuß schläft mir schon ein und im rechten fängt es auch an zu kribbeln.«

»Na, da warten Sie 'mal! Die Sache ist nicht so einfach. So – jetzt steh' ich in Positur. Und nun bücken Sie sich ein bißchen und springen Sie mir tapfer in die Arme. Ich fang' Sie schon auf.«

Benedikte holte erst tief Atem. Es war doch ungemütlich und hatte auch etwas Peinliches.

»Hören Sie 'mal,« sagte sie, »setzen Sie mir doch einfach den Stubben wieder hin. Und dann drehen Sie sich herum – ich werde versuchen, hinabzuklettern. Auch auf die Gefahr hin, mir das Kleid zu zerreißen.«

»Das geht nicht, Baronesse. Der Stubben ist feucht; Sie würden ausgleiten. Sempre coraggio – springen Sie los!«

Und Benedikte holte noch einmal tief Atem, machte die Augen zu und sprang. Haarhaus fing sie sehr geschickt auf 47 und stand fest dabei. Er hatte Kräfte. Aber er ließ sie auch nicht wieder los. Bowle war immer verhängnisvoll für ihn.

»So,« sagte er. »Nun kommt die Strafe für Ihre Unvernunft. Jetzt werde ich Sie nach Hause tragen, damit Sie nicht noch einmal davonlaufen.«

Sie erwiderte kein Wort. Sie hatte noch immer die Augen geschlossen. Ein ganz neues Gefühl durchströmte sie: das des Unbewußten. Ihre Seele schien Schwingen zu bekommen und davonfliegen zu wollen – in unbekannte Weiten. Sie spürte gar nicht, daß sie körperlich an der Brust eines Mannes ruhte; etwas süß Auflösendes teilte sich ihr mit. Knospen sprangen in ihrem Herzen und entfalteten sich zu Wunderblumen, und brausender Frühlingszauber durchdrang sie. . . .

Haarhaus ging einige Schritte weit mit ihr über den Rasen. Dann blieb er wieder stehen und sah ihr in das Gesicht, das ganz weiß war im Mondenlicht, allein kirschrot der blühende Mund. Sein Herz klopfte gewaltig. Was war mit ihm? . . . O holde, holde Sommernacht! Wie die Nebelschleier über den grünen Wiesen reißen und das Buschwerk mit zitternden Fäden umspinnen! Wie es so leise rauscht im schweren Laub der Blutbuchen, und die Silbereschen glitzernd ihre Zweige recken! Und wie überall, hinter Strauch und Hecke und im Klee und im duftenden Thymian und zwischen den wilden Rosen, die Amoretten kichern! . . .

Haarhaus neigte sich über Benedikte und küßte sie auf den Mund.

Ein Schauer überflog sie. Sie schlug weit und entsetzt die Augen auf. Das Wesenlose zerrann und das Bewußtsein kehrte wieder. Das Weib erwachte in ihr.

Sie stieß einen ganz leisen Schrei aus und glitt aus seinen Armen.

48 »Dikte!« erscholl Trudes Stimme in der Nähe.

»Bene – bene – benedikte!« rief auch Graf Brada.

»Hier sind wir!« rief Haarhaus zurück. Es war wie ein Schleier von seinem Hirn geflogen. Das Herz klopfte noch immer stark, nur ängstlicher als vorhin. Ein Gefühl tiefer Scham quoll in ihm auf. Er beherrschte sich mühsam und that harmlos und heiter.

Auf der Brücke sah man Semper und Trude.

»Der Herr, der schickt den Jockel aus,« recitierte Brada.

»Ja, Herrschaften, das ging nicht so schnell,« erklärte Haarhaus. »Fräulein Benedikte wollte Aussicht genießen, und die Aussicht war zu hoch. Ich mußte der Gnädigsten erst vom Denkmal Dagoberts herunterhelfen; hieß er nicht Dagobert?«

Benedikte lachte. Niemand merkte, wie krampfhaft dies Lachen klang.

»Nein – Traugott,« sagte sie; »wie schlecht sind Sie in der vaterländischen Geschichte beschlagen, Herr Doktor!«

Semper schaute ihr scharf und rasch in die Augen.

»Alles wartet auf Sie, Benedikte,« – und wie ein leiser Vorwurf klang es aus seiner Stimme; »geben Sie mir Ihren Arm.«

»So bitt' ich um den Ihren, Fräulein Palm« – und Haarhaus verneigte sich leicht vor Trude. Sie ließ es sich nicht zweimal sagen. Das war ein Triumphmarsch für sie, von hier bis zum Schlosse, und eine Niederlage für Benedikte. Pah – was war denn der grüne Leutnant gegen ihren berühmten Afrikaner! –

Unter den Kastanien empfing die Baronin ihr Töchterchen scheltend.

»Dikte, es hat alles seine Grenzen. Warten wir morgen ab. Beim ersten Niesen gibt's Stubenarrest und Fliederthee. Und nun zu Bette! . . .«

49 Trude hatte wie immer noch lange zu erzählen, ehe sie das Licht auslöschte und Gute Nacht sagte. Aber sie nahm heute keine Mandelkleie und verschmähte auch die Papilloten. Benedikte schien es gar nicht zu bemerken. Sie war einsilbig und schützte große Müdigkeit vor.

Aber sie log. Sie konnte nicht einschlafen. Ihr Gesicht glühte und ihre Pulse flogen. Wilde Schreie durchtobten ihr Herz. Und ihre Lippen brannten noch von dem Männerkusse, in dem ihre Kindheit erstorben war. . . .

Um Mitternacht wachte Trude auf und hob den Kopf ein wenig. Sie horchte. Dann richtete sie sich auf und beugte sich sacht über Benedikte, deren Bett dicht neben dem ihren stand.

»Aber Dikte, du weinst ja?!«

Benedikte fuhr mit blassem Gesicht jäh in die Höhe.

»Ich . . . Ja! . . . Ja, Trude, ich weine! . . . Ich habe – ich habe gräßliche Zahnschmerzen!«

Trude stieg aus dem Bett und kramte auf ihrem Toilettentisch umher.

»Nimm ein bißchen Watte mit Eau de Cologne und stecke dir das in den Zahn,« sagte sie. »Warte, ich mache es dir zurecht. Es ist doch ein hohler?«

»Nein, Trudchen – ich habe gar keinen hohlen.«

»Ja, liebe Dikte, dann ist es Reißen. Du wirst dich erkältet haben. Weshalb läufst du denn noch so spät auf die feuchte Insel! Es ist ein wahres Glück, daß ich Provenceröl hier habe. Ich werde dir die Backe einreiben.«

»Ach, Trudchen, es wird schon so vergehen. Es ist schon ein bißchen besser.«

»Das kommt wieder, Dikte. Reißen geht manchmal fort und kommt immer wieder.« . . . Als Apothekerstöchterchen hatte sie stets einen ganzen Medizinkasten zur Hand. Sie goß ein paar Tropfen Provenceröl in einen zinnernen 50 Löffel und hielt diesen über das Licht. Dann setzte sie sich, den Löffel in der Hand, auf das Bett Benediktes.

»Die rechte oder die linke Backe, Dikte?«

»Ach, liebes Trudchen – du bist zu gut – aber laß es doch lieber. Ich weiß gar nicht, welche Backe. Es zieht immer so 'rum.«

»Dann reib' ich beide ein. Und nun halt still, Dikte!«

Es half nichts. Benedikte mußte es sich gefallen lassen, daß Trude ihre Wangen mit dem warmen Oel bearbeitete. Aber das kühlte ihr Herz nicht ab; das Herz that ihr immer noch weh. Nur sagte sie es nicht.


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