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Das heimliche Klaglied der jetzigen Männer

Jean Paul Richter: Das heimliche Klaglied der jetzigen Männer - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 4
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDas heimliche Klaglied der jetzigen Männer
pages1087-1120
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Aber sie haben doch noch zwei Sommertage vor sich, die im vollen Sonnenscheine stehen, die Lebensluft geht noch frisch von Morgen, und das ganze Leben blüht wie ein Maitag. Vor Josephinens scharfen Augen blieb die Flöten-Stunde à trois notes nicht lange verdeckt, worin beide die erste und vielleicht die letzte Sphärenmusik ihres Lebens gehöret hatten. Cara nahm zwar aus Furcht vor der strengen Mutter den Angelikas-Ring auf die Zunge, um sich unsichtbar zu machen; aber der offne Wolfgang spiegelte ihr jede Bewegung der Seele ab, die sich ihm enthüllet hatte.

Josephine erschrak, versteckte aber sorgfältig ihr Bemerken und Erschrecken und ging unter dieser hängenden Lauwine nur mit leisen Schritten vorbei, um sie nicht durch Geräusch zu bewegen; und hob ihrem Gatten eine reine Entscheidung auf. Den Sohn, für den jetzt Cara eine ganze mathematische Bibliothek war, woraus er die höhere Meßkunst schöpfte, sandte sie als einen Gast und als den besten Boten auf einen Tag (»dein Vater kommt ohnehin erst morgen«, sagte sie) nach »Gottes Hülfe« zu Traupel, einer ziemlich ergiebigen Bleigrube.

Der Bergmann drückte ihn an seinem ehrlichen Herzen recht heiß. Der junge Mensch gefiel ihm, weil er nicht alles »so spitz nahm« wie sein Vater, bei dem er nie ganz in seinem feuchten Elemente war, sondern wenigstens mit dem Rücken aus dem seichten Wasser in den Sonnenstich hinausstand. Perefixe war ihm ein ärgerliches Kästchen, woran er kein Schloß und keinen Deckel zum Aufmachen sah, sobald ers zugeklappt. An dem Ingenieur war ein Kirchenschloß samt Drücker und Türgriff angebracht. Er hielt den untergesteckten Kebs-Arm eine Stunde lang für gute Lebensart – so wie er seinen Schimmel fünf Jahre ritt, ohne hinter dessen schwarzen Star zu kommen –, bis er bei Gelegenheit der Marktscheidekunst, die Wolfgang gut verstand, den Einarmigen zum Einfahren invitierte und nun erfuhr, der rechte gehöre nur unter dessen Nippes. Nie fuhr wohl ein schon hoch stehender Wärmemesser so schnell hinan – auf 212° Fahrenheit, 80° Reaumure, 20° de l'Isle stieg der Traupelsche – »Glück über Glück,« rief er, »daß Sie Mittel haben – Sie können leben – Posito, gesetzt Sie werden unser Landmesser, so will der dumme Sturzel gar nichts sagen.«

Die Geistes-Zwillinge wurden so vertraut, daß Wolfgang diesen Abend dableiben mußte zu einem »Löffel Suppe und einem vernünftigen Worte«, unter welchem er ein Bataillenstück meinte. Je gewöhnlicher die Menschen sind, desto mehr suchen sie diese Malerei. Das Kriegstheater ist für sie das hohe griechische Theater und ein Generalissimus ein Shakespeare. Im Feuer des Redens und Trinkens wurde dem Ingenieur die Liebeserklärung gegenwärtiger als die Kriegserklärung, und seine Sonne rückte allmählich aus dem Zeichen des Löwens in das der Jungfrau. Er warf viele Kränze mit leichter Hand über Cara, um »den Alten vorläufig zu sondieren«. Traupel, nicht weniger fein, dachte: warte, durchtriebner Schelm! und »sah ihn kommen«. So arbeiteten beide mit Lächeln in ihren Entzifferungskanzleien und konnten sich daraus sehen und begrüßen. Eine Hauptfinesse schien es Traupeln zu sein, wenn er seiner Frau, die in der Egerschen Badewanne saß, den Rang abliefe und, bevor sie wieder ausstiege, das Mädchen ohne weiteres an einen rechtschaffnen bemittelten Jüngling brächte und ihr so den Weg verbauete, ihm wohl gar einmal aus dem Bade einen verschmitzten vornehmen Sausewind zum Schwiegersohne zuzuführen. – Und darum schieden am Morgen beide mit dem frohen Versprechen: »Wir wollen noch dicke Freunde werden, so Gott will!«

Der arme Perefixe war schon den Abend vorher nach Hause gekommen. In der ersten Freude über den erretteten Sohn und im ersten Schmerze über den verstümmelten dacht' er an weiter nichts als an die annahende Wiedererkennung. Cara erzählte seine Erzählungen. Die Mutter sagte, er bleibe bei ihnen, und setzte dazu: »Wir haben nun bunte Reihe.« Jetzt fing die Lauwine, die ein Haus des Friedens zu verschütten drohte, oben an, die ersten Schneeflocken zu regen; mit Schrecken sah der Vater die Möglichkeit vorbeifliegen, daß beide sich vielleicht liebgewinnen könnten. Er schwieg zu Josephinens Wort und wollte heute dabei bleiben. Aber seine Heftigkeit – die heute schon an ihren beiden Handhaben gefasset war, von Freud' und Leid – erlaubte ihm nicht, aufzuschieben, besonders einen Plan. Er erfand sich daher einen Vorwand, mit Josephinen allein in Wolfgangs Stube zu gehen. »Die jungen Leute«, fing er an, »können unmöglich so unter einem Dache beisammen bleiben; Cara muß wieder nach Hause.«

Josephine stutzte, sagte aber bloß, man müsse wenigstens auf Ninettens Rückkehr aus dem Bade warten. Gerade jetzt mußte Ninetta fehlen; und so arbeiten so oft mehrere Menschen auf einmal, wie ägyptische Bildhauer, an einem Gebilde des Schreckens, und sie wissen nicht, zu welcher schwarzen Gestalt jeder sein Glied aushaue. Er lief auf und ab und sagte: »Das wird zu lange.« – Josephine sagte ernst: »Wie kommst du mir vor? Unser Sohn denkt rechtschaffen und Cara auch. Wenn sie sich lieben, desto besser.« – Perefixe machte auf einmal einen weiblichen Ausweg: »Desto schlimmer«, sagt' er; »in meinem VaterlandIn Frankreich erlaubt die vornehme Sitte es allen Personen von zweierlei Geschlecht, nur Verlobten nicht. darf alles unter einem Dache schlafen, ausgenommen Liebende.« – »Aber ernstlich!« sagte Josephine, »sie lieben sich in der Tat!« – »Sind sie des Teufels? – Es geht nicht, soll nicht«, sagt' er, durch diese Wendung aus seiner geworfen. –»Konrad!« sagte sie mehrmals, gleichsam vorwerfend und anfragend.

Er schüttelte und schwieg. Denn er stand vor seinem Gewissen und fragte, ob er den Sargdeckel des Schweigens von diesem verpestenden Geheimnis aufzuheben brauche; und es kam ihm vor, als ob ers weniger müßte, wäre Ninetta – tot. Jetzt hingegen bei ihrem Leben stand sie ja, wenn die Kinder sich liebten, mit dem Zündstrick an dem gefüllten Minengang, auf dem so viele Herzen wohnten. – Er glich dem Minierwurm, der auf seinem Blatte weiterhöhlen muß und sich nicht wenden kann.

Aber nun blieb die unruhige Josephine nicht mehr sanft – ein fürchterliches Licht ging ihr auf, ein blutiger, durch die Sterne brennender Komet durchschnitt ihren Himmel – sie wurde andringender – »Sprich, warum?« sagte sie zürnend, »ich ahne, ich bebe, sprich!«- Ihm stürzten Tränen herab, er stand still bei der Flöte des Sohns: »Er kann dich auch nicht mehr brauchen«, sagt' er. – »Sprich, Mann!« – sagte sie mit erhabener Stimme, ungerührt von seinen Tränen – »mein Herz zerspringt« – »Wohl, o Schicksal!« (sagt' er und bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen und bückte sich) – »Gleich, Josephine!« – Und endlich sagt' er schluchzend die schrecklichen Worte: »Ich bin der Vater von Cara.« –

»O Gott, Gott! Du?« schrie sie schnell und hielt sich an dem Fenstervorhang fest; – in einer düstern Minute hörten sie einander weinen und atmen und schwiegen. – Endlich trocknete Josephine schnell die Tränen und stand und sagte: »Ich verachte dich,« und ging stolz hinaus. Die Glut des bessern Selbstbewußtseins schoß durch das zusammengefallne Herz des Mannes, und das harte Wort stärkte es ein wenig; sein ganzes Leben war ja eine Entsündigung und Strafe jener blinden Stunde gewesen; warum treibt ihn der Racheengel in eine neue Hölle?

Aber das ist der Gang des Schicksals. Wie nur die fallenden Menschen, aber nicht die fallenden Engel einen Erlöser bekamen: so wird der Fehltritt eines Heiligen härter gestraft als der Fall eines Sünders, und ein einziger Fehler trägt in das Leben einer edeln Natur eine fortfressende Pest, indes die unedle in der Schlangenhöhle ihres Lebens unter den giftigen Taten, die sich um sie winden, ungestochen wohnt und wie Mithridates, von Gift genährt, an keinem stirbt.

Der Abend war trübe und einsam für alle, jedes lebte nur in die Wolke seines Schmerzes eingeschlossen – und bloß die unbelehrte Cara hatte den süßern, sich nach dem Geliebten zu sehnen.

Am Morgen kam der arme Jüngling zeitig auf der Brandstätte unter den schwarzen Trümmern so vieler Freuden an; er war geeilet, um in eine dreifache Umarmung zu fallen und die vierte zu erzählen. Unglücklicher! wie trübe und verworren empfängt dich deine Mutter! Wie schmerzlich-erschüttert von deiner Gestalt und deinem Geschick und deiner Zukunft reißet dich der Vater an die Brust, in welcher Liebe und Schmerz und Freude so grimmig durcheinandergreifen! – Und nur Cara allein weint bloß vor Freude.

Aber allmählich ahnen die Kinder aus dem ängstlichen Geflatter der Eltern, daß in der Höhe ein unsichtbarer Raubvogel über dem Glück des Hauses schwebe und ziele. Bald wurde der schwarze Punkt größer: der Sohn foderte heftig der Mutter den Aufschluß über die Veränderung im Hause ab. Sie sandte ihn zum Vater. Dieser ließ sie durch den Sohn zu einem einsamen Gespräch im Garten bitten. Sie bewilligt' es, bloß aus Liebe für ihr Kind; gegen Perefixe hatte sich in ihrer Brust nicht heißer Haß, sondern kalte Verachtung festgesetzt; aber desto schlimmer: jener ist ein Vulkan, der sich immer ändert und oft zerstört, diese ein Eisberg, der glatt und hart unter der Sonne steht. Man rechn' es diesem hohen Gemüte nicht strenge an; sie hatte bisher ein so langes, so oft angefochtenes Vertrauen für ihn lebendig bewahrt, und jetzt ermordet er es selber mit einem Schlag, Nicht der Fehler, sondern die lange Heuchelei erbitterte sie am meisten. Das ist die Logik der Leidenschaft; Eubulides erfand sieben Trugschlüsse; aber jede Leidenschaft erfindet siebenmal sieben.

Ganz verschieden von der gestrigen Zerknirschung war die gefaßte Stimmung, womit er heute vor sie trat. Der alte, sich in seine Brust einsenkende Fels des Geheimnisses und der Verstellung war abgehoben, und in dieser Stunde wurde sie frei und leicht nur von der Pflicht bewegt. Er erzählte ihr ohne Leidenschaft seine Vergangenheit und sein stilles Büßen – und erklärte, wie sein heftiges Predigen gegen diese Abweichung nicht aus Heuchelei, sondern eben aus dem forteiternden Gefühle ihrer Folgen gekommen sei – er bewies ihr, daß die Wirksamkeit seines Standes und das Glück des Geschwornen und der Tochter (hier schlug er die Augen nieder) durch die Offenbarung der Mysterie untergehe – und daß bloß Wolfgang es wissen müsse und könne, da er ebenso verschwiegen als unbiegsam sei. Sie antwortete mit einem zusammengebrochnen toten Innern, worin die Pflicht allein die einzige lebendige Stimme war: »Ich seh' das alles ein – sag es ihm selber – übrigens verschone mich künftig mit jeder fernern Erwähnung davon.« Sein zerquetschtes Herz, sein liebendes nasses Auge, seine bebende Hand wirkte nicht mehr auf sie – und er vergab es ihr gern, ja er freuete sich seiner Strafe als Linderung.

– Aber nun verlanget keine peinliche Ausmalung, wie das fallende Laub eines Menschen die Blumen und Gewächse, die unter ihm wuchsen, überdeckte und erstickend niederdrückte! Soll ich euch den unschuldigen Sohn in der Stunde zeigen, wo ihm das Verhängnis wieder einen Teil seines Wesens abreißet und wo der feste Mensch weichlich weint und unter der Verwundung dem Vater ein hartes Wort sagt, dessen er sonst nie fähig gewesen wäre, und wo er nicht einmal von der Schwester, sondern nur von der Mutter Abschied nimmt, »um«, wie er sagte, »so bald nicht wieder zu kommen«? Oder soll ich euch den stillen Gram der Mutter über den untergegangnen Morgenstern ihrer Liebe zeigen, der als kein Abendstern wiederkehrt? Oder soll ich euch zu der stillen Cara führen, die in der dunkeln langen Höhle des Geheimnisses geht, ohne Jugendfarbe, gebückt, voll Tränen und furchtsam und das Leben als eine schwere hölzerne Harfe, aus der ein Griff alle Saiten weggerafft, nachschleppend, und die nun nichts weiter auf der Erde erfreuen kann, als wenn der alte Mann, den sie noch für ihren Vater hält, sie mit bittern Tropfen ansieht und sagt: »Bei Gott! ich habe dir deinen Spitzbuben geben wollen«? –

Nein; aber ich wollte lieber einigen von euch – denen, die zu einem Mittagsschlaf sich in das Blumenbeet eines ganzen fremden Lebens hineinlegen und gleichgültig wieder aufspringen vom erquetschten Blumenflor – das malen, was euch näher steht, die armen Zöglinge der Not, denen euer Name gehört und euere Sorge und die in dem kalten, von euch für sie erbaueten Ugolinos-Turm der Dürftigkeit zuerst die Augen aufschlagen. Malet ihr euch diese niemals selber? Poltern nicht ihre Schatten in eueren Herzen wie begrabene Schein-Leichen und rufen nach Leben? – Könnt ihr eine selige liebende Stunde mit euern benannten Kindern haben, ohne an die tausend martervollen euerer unbenannten zu denken? – Könnt ihr am Geburtsfeste eueres nahen Kindes euch freuen und seiner schönen Entwicklung nachrechnen, ohne daß sich das tödliche Gemälde seiner fernen verhüllten Geschwister vor euch aufrichte, die vielleicht an diesem Tage darben und seufzen, oder sich das reine Herz vergiften? – Dürft ihr von Vaterliebe sprechen und sagen, ihr habt euern Kindern eine feste frohe Stätte bereitet, indes die andern draußen im Weltmeere auf Eisschollen frieren und zitternd weiterschwimmen und vielleicht endlich niederbrechen? – Nennt euch nicht Männer, ihr seid furchtsamer als die Mütter, die als die Verlassenen bleiben bei den Verlassenen! Nennt euch nicht Väter, es gibt mehr Mütter als Väter, und weniger Kindermörderinnen als Kindermörder! –

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