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Das Heideprinzeßchen

Eugenie Marlitt: Das Heideprinzeßchen - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
titleDas Heideprinzeßchen
authorE. Marlitt
publisherErnst Keil's Nachfolger
year1893
created19990720
senderinge.bayreuther@bibliothek.uni-regensburg.de
firstpub1872
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7.

Mit der ganzen enthusiastischen Zärtlichkeit, die so leicht aus dem jugendlichen übervollen Gemüt hervorquillt, hatte ich mich an die neugeschenkte Großmutter gehangen. Ich durfte das unaussprechlich süße Gefühl kosten, welches mir sagte, die Hingebung meines kleinen Herzens werde heiß gewünscht – und nun marterte mich der Gedanke, daß ich nicht genug gegeben, daß ich meiner Großmutter bei weitem nicht überzeugend genug ausgesprochen habe, wie sehr ich sie lieben wolle. Es war mir Bedürfnis gewesen, ihr zu versichern, daß ich sie auf den Händen tragen werde, wenn sie erst wieder gesund sei – statt dessen hatte ich sorglos die ganze kostbare Zeit verstreichen lassen und kindischer Weise von meiner Liebe für die ganze Welt gesprochen. ... Das hatte sie gewiß am wenigsten hören wollen, sie, der man draußen in der Welt so furchtbar wehe gethan ... Und nun war sie gestorben, und ich konnte ihr dies alles nicht mehr sagen ... Zu spät! Unsere ganze Ohnmacht und Hilflosigkeit liegt in dem niederschmetternden Wort!

Ich trat durch die Baumhofthür ins Freie. Ein kräftiger Luftstrom, noch mit den Spuren der Nachtfeuchte im Atem, strich über die Heide her. Er blies dem Torfsumpf die große federweiße Schlafhaube ab und verdünnte sie zum zarten Spitzenvorhang, hinter welchem das Sonnenfeuer aufzuglühen begann. Rotgolden färbten sich die rauschenden Eichenwipfel, und das kleine Giebelfenster des Dierkhofes fing an zu blinken.

Wie trunken schwankten die Grashalme unter dem funkelnden Tau; aber aufgerichtet hatten sich alle wieder, über die meine Großmutter heute nacht zum letzten Mal hingeschritten war. Die Fenster des Sterbezimmers, die ich nie anders als halbverhüllt gekannt hatte, standen weit offen. Ich schwang mich auf die Brüstung und sah hinein. Das Zimmer war leer. Die Vorhänge, jetzt im schräg einfallenden Morgenlicht smaragdfarben schimmernd, waren nach der Wand zurückgeschlagen und ließen die Lüfte über das Bett hinstreichen ... [In eine so athemlose, friedensvolle Stille hinein hatte das gequälte Gesicht des jungen Isaak wohl seit langen Jahren nicht gesehen. Anm.: Nur in der ersten Aufl.] Die mächtige Gestalt, der das Blut so heiß und ungestüm in den Adern gekreist hatte, dort lag sie hingestreckt unter dem weißen verhüllenden Tuche, nur kenntlich an der prächtigen grauen Flechte, die hervorgeschlüpft war und über den Bettrand hinabhing.

Eine aufgescheuchte Brummfliege zog summend an mir vorüber, und auf dem Silberleuchter an der Decke züngelten die gelben Flammen der Wachskerzen im Luftzuge unruhig hin und her. Das war alles, was sich regte in dem weiten Zimmer, selbst die Uhr stand still.

Dagegen erscholl nun das erwachende Leben aus dem Vorderhofe herüber. Die Hähne krähten, Spitz fuhr kläffend unter die krakelnden und aufschreienden Hühner, und Mieke verlangte dumpfbrüllend nach der Hand, die ihr das strotzende Euter entleerte. Ueber das Dach her kam die Hauskatze; sie sprang geräuschlos in das Gras des Baumhofes und schlich mit grünfunkelnden Augen unter den Ebereschenbaum, auf welchem ein kleiner Vogel sorglos zwitscherte. Ich bog eben um die Ecke und scheuchte sie fort. Und droben im Reisernest auf dem Dache wurde unter eifrigem Geklapper Toilette gemacht, dann rauschte das Storchenpaar hoch über meinem Haupte hin zum Frühstück nach dem Sumpfe – alles wie sonst! Nur vor dem Hause schreckte mich Fremdes und Ungewohntes zurück – ein Pferd wieherte in die frische Morgenluft hinaus, und an der niedrigen Umzäunung des Hofes stand mit rückwärts verschränkten Armen der Doktor und schaute über die mit Tau und Sonnengold förmlich überschüttete Heide hin.

Die kleine verstaubte Chaise, die ihn gebracht hatte, stand angeschirrt vor dem Hausthor, und drin auf dem Fleet sah ich Ilse stehen, fest und stramm wie immer. Sie hatte den Eßtisch sauber gedeckt, Tassen und Butterbrot auf der weißen Serviette geordnet und kochte Kaffee für den Arzt.

Ich trat aufgeregt zu ihr.

»Ilse, wie kannst du das nur? Wie ist dir das möglich in einem solchen Augenblick?« rief ich zornig vorwurfsvoll.

»Sollen andere dursten und hungern, weil ich Schmerz habe?« fragte sie scharf und strafend. »Hast heute nacht deine Großmutter sterben sehen und hast doch nicht von ihr gelernt, daß man in den schlimmsten Stunden den Kopf oben behalten soll!«

Tief beschämt legte ich meine Arme um ihren Hals; denn das Gesicht, das sich mir erst jetzt voll zugewendet, schien wie erstarrt im Jammer, und das urgesunde Rot war bis auf den letzten Schein weggelöscht von den Wangen. Und doch rührten sich die Hände nach wie vor, und nicht die kleinste Pflicht durfte versäumt werden.

Der Doktor kam herein und der Knecht, der ihn gefahren, auch; ich ging ihnen aus dem Wege und trat wieder vor das Haus.

Die Enten des Dierkhofes, sämtliche Schnäbel nach der Heide hinaus gerichtet, standen am geschlossenen Gatterthore der Einfriedigung; sie warteten sehnsüchtig auf den Augenblick, wo es geöffnet wurde und sie hinausrennen und sich kopfüber in den Fluß stürzen durften. Nur eine balgte sich noch mit einem weißen, zerflatternden Klumpen im Hofe herum – da war ja der Brief, den meine Großmutter heute nacht vom Fleet aus fortgeschleudert und welchen Ilse nachher so emsig gesucht hatte! Er war bis vor das offene Hausthor geflogen. Ich öffnete den Enten das Gatter und nahm den befreiten Papierknäuel auf; er sah übel zugerichtet aus; das schmutzige Wagenrad war über ihn hingegangen, und der Entenschnabel hatte ihn halb zerfleischt.

Auf das Bänkchen unter dem Ebereschenbaum flüchtend, machte ich mich daran, das Papier auf dem Knie zu glätten und die auseinanderfallenden Stücke zusammenzufügen. Es fehlte viel, zudem war die Handschrift eine sehr flüchtige; unter großer Mühe entzifferte ich folgende Stellen:

»Ich habe Dich nie belästigt, weil ich es Dir gegenüber für Ehrensache hielt, den eigenmächtig eingeschlagenen Weg auch selbständig zu gehen ... ›Die Verlorene‹ hat alles gethan, damit kein Schatten ihrer Laufbahn auf Dich zurückfalle – nie ist mein eigentlicher Familienname gegen andere über meine Lippen gekommen, nie habe ich durch irgendwelche Erkundigungen nach Dir und meiner ehemaligen Heimat den Verdacht erregt, als sei ich mit den Sassens verwandt – es hätte sie wahrlich nicht geschändet; denn – denke, wie du willst – ich sage es dennoch mit Stolz, man hat mich einstimmig das Wunder, den glänzendsten Stern unserer Zeit genannt.« ... Hier war ein Stück Papier abgerissen, es fehlte – aber auf der anderen Seite des Bogens las ich weiter: »Nun ist ein schweres Unglück über mich hereingebrochen – wohin soll ich gehen, wenn nicht zu Dir? ... Ich habe meine Stimme verloren, meine kostbare Stimme! Die Aerzte sagen, eine Badekur in Deutschland könne sie mir zurückgeben. Aber ich stehe da mit leeren Händen; durch die gewissenlose Verwaltung anderer ist mein Vermögen bis auf den letzten Groschen verloren gegangen ... Auf den Knieen liege ich vor Dir, die Du im Wohlleben schwimmst, die Du nie erfahren hast, was Not, grimme Not ist – ich könnte Dir viel erzählen von schlaflosen, qualvollen Nächten ... Vergiß nur einmal, nur auf eine Stunde, daß ich unfolgsam war, und gib mir die Mittel, mich zu retten! Was sind einige hundert Thaler für Dich, die« – über das Folgende lief die breite schwarze Spur des Wagenrades, die ohnehin blassen Schriftzüge waren total zerkratzt und verwischt. Auf einem herabhängenden Fetzen des zweiten Blattes stand noch ziemlich lesbar die Adresse der Schreiberin, und auf einem anderen die zwei Worte, die genügt hatten, meine Großmutter in schäumende Wut zu versetzen, die Unterschrift »Deine Christine«.

Wer war Christine? Dieses Wunder, der glänzendste Stern unserer Zeit? ...

Die Stelle »Auf den Knieen liege ich vor Dir!« machte auf mein einfaches, unverbildetes Gemüt einen ungeheuer dramatischen Eindruck. Ich sah sofort das schlankste Ritterfräulein aus einem meiner Bilderbücher in die Kniee sinken und die weißen Hände flehend erheben ... Und die Stimme hatte sie verloren, ihre kostbare Stimme! ... Meine Hände fuhren unwillkürlich nach dem Halse – wie mußte das entsetzlich sein, wenn man mit voller Brust aushob, um die Töne hinausklingen zu lassen, und die Kehle versagte und blieb stumm!

Weder Fräulein Streit noch Ilse hatten je auch nur mit einer Silbe jener »Verlorenen« gedacht, und doch mußte sie meiner Großmutter sehr nahe gestanden haben, denn sie war ihr letzter Gedanke gewesen. Jetzt erst erschütterte mich das feierliche »Christine, ich verzeihe!« in tiefinnerster Seele; unwillkürlich mußte ich an den verlorenen Sohn denken, der im tiefsten, stillsten Herzenswinkel des Vaters doch das geliebte Kind geblieben war.

Ich steckte die Briefreste in meine Tasche und ging hinein auf den Fleet. Eben rollte die Chaise aus dem Gatterthor und bog, bedenklich schwankend, in den nach links führenden schauderhaften Heideweg ein, und von der entgegengesetzten Seite her kam Heinz auf den Dierkhof zugetrabt. In diesem Augenblick erst fiel es mir auf, daß er ja stundenlang verschwunden gewesen war. Ich trat neben Ilse, die den Doktor bis an das Hausthor begleitet hatte und auf der Schwelle stehen geblieben war ... Es wollte mir scheinen, als käme Freund Heinz sehr unsicher daher; er machte sich erst noch in völlig unnützer Weise mit dem Gatter zu schaffen, ehe er es unternahm, auf uns zuzuschreiten – das wurde ihm offenbar blutsauer. Beim Anblick unserer verweinten Gesichter blieb er verwirrt stehen.

»Nu, was hat er denn gemeint?« fragte er verlegen stockend, indem er mit dem Daumen über die Schulter zurück nach dem wegfahrenden Doktor zeigte.

»Mein Gott, Heinz, du weißt es nicht?« rief ich, aber Ilse unterbrach mich mit barscher Stimme.

»Wo warst du?« fragte sie kurz und bündig den Bruder.

»Bei mir zu Hause,« antwortete er trotzig.

Heinz trotzig! Ich traute meinen Augen und Ohren nicht; aber da stand er trotz alledem, der ewig Nachgebende, und schöpfte offenbar Mut aus seinem eigenen widersetzlichen Ton, denn nun verstieg er sich auch noch zu der unglaublichen Kühnheit, Ilses feindlich scharfen Blick zu parieren.

»So – was war denn nachts um Eins so nötig bei dir zu Hause? – Hast wohl deinen Vogel füttern müssen!« sagte sie schneidend.

Er sah ängstlich und unsicher auf. »O je – nachts um Eins den Vogel füttern – wie werd' ich denn so dumm sein! Zwischen meine vier Wände hab' ich mich gesetzt,« platzte er heraus, »die hat mein Vater mit seinen ehrlichen Händen gebaut, und ein frommer Spruch steht über der Thür ... Wie werd' ich denn auf dem Dierkhof bleiben, wenn eine Judenseele geradewegs in die Hölle fährt! ... Ilse, wenn das mein Vater wüßte, daß du bei einer Judenfrau gedient hast!«

»Heinz, wenn das mein Vater wüßte, daß du bei einem Christen gedient hast, wo du halb verhungert und erfroren bist, und der dir alle Tage mit Ohrfeigen und Stockprügeln gedroht hat!« parodierte sie ihn zornig. »Das ist mir ja eine ganz neue Weisheit, die du da auskramst, und die hast du von da drüben!« Sie zeigte nach der Richtung eines großen Dorfes hinter dem Walde, wo Heinz in früheren Jahren als Knecht gedient hatte.

»Ja, hast Recht, von dort her hab' ich's!« versetzte er trotzig wie vorher und nickte verstockt mit steifem Nacken. »Die Juden sind verflucht bis in alle Ewigkeit, weil sie den Heiland gekreuzigt haben. Mein Herr hat's gesagt, und das war ein Reicher und ein Hofbesitzer, und der Pfarrer hat's von der Kanzel gepredigt, und der muß es noch besser wissen – dafür war er der Pfarrer!«

Ilse sah dem Sprecher scharf ins Auge. »Jetzt paß auf!« setzte sie kurz und resolut hinzu und trat ihm mit aufgehobenem Zeigefinger so nahe, daß er ängstlich zurückwich. »Es ist ein für allemal nicht wahr, daß der Heiland von unserm Herrgott bis in alle Ewigkeit gerächt sein will! Wenn er das zuließe, nachher wär's aber auch aus und vorbei mit meinem Glauben, denn er hat uns geboten: ›Segnet, die euch fluchen‹, und thät's selber nicht! ... Wenn ich Christi Leidensgeschichte lese, dann hab' ich freilich allemal einen Heidenzorn auf die Juden, aber, wohlgemerkt, Bruder Heinz, nur auf die Juden, die dazumal gelebt haben ... Wie werd' ich denn so ein Unmensch sein und meinen Zorn an Leuten auslassen, die bis auf den heutigen Tag als unschuldige Kinder auf die Welt kommen und von ihren Eltern in der alten Lehre auferzogen werden! ... He, Musje Heinz, wie gefiele dir denn das, wenn irgendein Mensch mir etwas zuleide thäte, und ich wollte seine Kinder dafür schlagen?«

»Das ist lauter Studiertes!« sagte Heinz kleinlaut, »das hast du alles von der alten Frau gelernt –«

»Das hab' ich nicht gelernt wie die Bibelsprüche in der Schule; das hat mir mein Gewissen und,« sie deutete auf ihre Stirn, »der gesunde Menschenverstand gesagt ... Gesprochen hab' ich freilich im Anfang viel mit meiner armen Frau, und es hat ein Wort das andere gegeben, und ich hab' sie manchmal beruhigt, wenn ›die Leute im schwarzen Rock‹ Unheil angerichtet hatten ... Die Juden haben den Heiland einmal gekreuzigt; aber solche, wie der Herr Pfarrer dort drüben,« sie zeigte abermals nach dem Dorfe hinter dem Walde, »die kreuzigen ihn alle Tage – Feuer und Schwert und Verfluchen und böse Worte, die machen das Reich Christi gar nicht fein, und ist es den Leuten nicht zu verdenken, wenn sie nicht hinein wollen! ... Da hast du meine Meinung, und nun sage ich noch zu dir selber: Pfui, schäme dich in dein Herz hinein, du undankbarer Mensch! Hast lange Jahre das Brot auf dem Dierkhof gegessen – und ich meine, es ist dir recht gut bekommen, das Judenbrot- und nun lässest du die alte Frau in ihrer Sterbestunde allein – geh heim und lies das Kapitel vom barmherzigen Samariter!«

Sie wandte sich um und ging in das Haus hinein.

Recht hatte sie, vollkommen Recht! Bei jedem Worte wurde es mir so leicht, als hätte ich selber gesprochen und meiner Erbitterung Luft gemacht. Ich war tief empört, und doch dauerte mich der arme Sünder, wie er ganz zerknirscht, mit niedergeschlagenen Augen an der Schwelle stehen blieb und sich nicht in das Haus hineintraute ... Wie war es nur möglich? Dieser Mensch mit der kinderweichen Seele, der kein Tier leiden sehen konnte, er zeigte plötzlich eine dunkle Stelle in seinem Gemüt, eine unbegreifliche Härte und Erbarmungslosigkeit, und glaubte sich dazu auch noch völlig berechtigt, ja förmlich autorisiert gerade – als Christ!

»Heinz, du hast einen sehr schlechten Streich gemacht!« schalt ich in hartem Ton.

»Ach, Prinzeßchen, wem soll man's denn nur recht machen?« seufzte er auf, und Thränen funkelten in seinen Augen. »Todsünde gegen den lieben Gott soll's sein, wenn man dem Pfarrer nicht gehorcht, und nun meint Ilse, ich sei ein schlechter Kerl, weil ich ihm folge.«

»Ilse trifft immer das Richtige – das hättest du doch wahrhaftig wissen sollen,« sagte ich. Die Strenge, die ich mir vorhin erlaubt, gelang mir nicht mehr. So unreif ich auch noch im Denken war, das sah ich doch ein, die Grausamkeit wurzelte auch nicht mit einem Fäserchen in seiner Seele selbst, sie war ihm systematisch eingeimpft worden – abscheulich!

Meine Augen schweiften unwillkürlich über den Himmel – mir graute nicht mehr vor dem vielen Licht, das nun gekommen war; es floß wie milder Balsam in mein gepreßtes Herz, und ich begriff zum ersten Mal, nachdem ich heute Nacht dem Tod in die düsteren Augen gesehen, die Wunderverkündigung des Auferstehens.

Ich nahm Heinzens Rechte zwischen meine Hände. »Hier im Hofe kannst du doch nicht stehen bleiben,« sagte ich. »Komme nur mit herein – Ilse wird schon wieder gut werden; und meine liebe, arme Großmutter – die hat dir längst verziehen; sie ist im Himmel!«

»Weiß es Gott, wie leid mir die alte Frau thut!« murmelte er und ließ sich wie ein Kind auf den Fleet führen.

Draußen im Baumhof stand Ilse; sie hatte den Eimer unter den Brunnen gestellt und hob eben den Schwengel; beim ersten Aufkreischen desselben ließ sie ihn mit kreideweißem Gesicht wieder sinken.

»O, Herr Jesus, ich kann das nicht mehr hören!« stöhnte sie auf.

Sie kam herein, sank auf einen Stuhl nieder und verhüllte die Augen mit ihrer Schürze. Aber das dauerte keine zwei Minuten.

»Was für ein albern Ding bin ich doch!« sagte sie unwirsch, richtete sich straff empor und strich die Schürze über den Knieen glatt. »Möchte wohl gar die Frau wieder da am Brunnen stehen sehen, wo sie immer ihren Kopf gekühlt hat, und sollte doch Gott danken, daß sie drin still liegt und erlöst ist von dem vielen Jammer.«

»Ilse, war Christine an dem vielen Jammer schuld?« fragte ich schüchtern.

Sie sah mich scharf an. »Ach so,« sagte sie nach kurzem Besinnen, »Du hast's ja heute nacht mit angehört – nun, da magst du's wissen, sie hat so viel Jammer über deine Großmutter gebracht, wie es eben nur eine ungeratene Tochter kann.«

»Ach, meine Vater hat eine Schwester?« rief ich überrascht.

»Eine Stiefschwester, Kind ... Deine Großmutter war zuerst an einen Juden verheiratet, der ist jung verstorben – die Christine hat dazumal noch in den Windeln gelegen. Nach zwei Jahren hat die Großmutter sich und das Kind taufen lassen und ist Frau Rätin von Sassen geworden – nun weißt du alles –«

»Nein, Ilse, noch nicht alles – was hat die Christine verbrochen?«

»Sie ist heimlich entwischt und unter die Komödianten gegangen –«

»Ist das so schlimm?«

»Das Durchbrennen freilich – das solltest du doch selber wissen – was aber die Komödianten betrifft, da kenne ich keinen Einzigen und kann nicht sagen, ob sie schlimm oder recht sind. – Bist du nun fertig?«

»Ilse, sei nicht böse,« sagte ich zögernd, »aber eines möchte ich dir noch sagen – diese Christine ist doch sehr unglücklich, sie hat ihre Stimme verloren.« –

»So – du hast den Brief gefunden und ihn gelesen, Leonore?« fragte sie in ihrem eisigsten Tone.

Ich nickte stumm mit dem Kopfe.

»Und du schämst dich nicht?« schalt sie. »Mir machst du Vorwürfe, weil ich in den schweren Stunden meine Pflicht und Schuldigkeit thue, und in dem gleichen Moment guckst du in fremde Briefe, die dich auf der Gotteswelt nichts angehen! – Das ist so gut wie Diebstahl – weißt du das? ... Uebrigens glaube ich kein Wort von dem ganzen geschriebenen Zeug; und damit gib dich zufrieden!«

»Nein, das kann ich nicht! ... Sie dauert mich! Wirst du ihr wirklich nichts schicken? ... Ach, Ilse, ich bitte dich –«

»Nicht einen Pfennig! ... Die hat mehr als ihr Erbteil vornweg genommen in der Nacht, wo sie heimlich aus dem Hause gegangen ist – das hat auch in dem armen Kopf da drinnen gewühlt –«

»Meine Großmutter hat ihr verziehen, Ilse –«

»Ich müßte das erst lernen! Das kann wohl eine Mutter, noch dazu, wenn sie schon fast nicht mehr auf der Erde ist; aber unsereinem, der das Elend jahrelang mit angesehen und redlich mitgetragen hat, dem wird's schon saurer ... Gelt, nimmst alles für bare Münze, was in dem Briefe steht? ... Ja, ja, auf den Knieen kömmt sie gerutscht, aber nicht etwa, weil sie Verzeihung will – Gott bewahre! – ohne die hat sie lange Jahre draußen gelebt, und ist es recht gut gegangen – Geld will sie! ... Das liebe Geld! Darum ist's freilich der Mühe wert, auf die Kniee zu fallen!«

Wie tief mußte ihr dies alles gehen, daß sie so heftig und bitter und so anhaltend sprach, die schweigsame Ilse.

»Kannst bei der Gelegenheit auch erfahren, weshalb deine Großmutter das Geldgeklapper nicht hören konnte,« fuhr sie, tief Atem schöpfend, fort. »Es kann dir nicht schaden, wenn du erfährst, wieviel Unglück oft an solchen leidigen Thalern hängt, wie du sie gestern zum erstenmal in deinem Leben gesehen hast ... Deine Großmutter ist die reichste Frau in Hannover gewesen – ihr erster Mann hat ihr volle Kisten und Kasten hinterlassen ... Nachher bei der zweiten Heirat – sie mochte den Mann eben zu gut leiden – da hat sie die größten Opfer gebracht, ihren Glauben hat sie hingegeben; den durfte sie ja nicht mitbringen – mit dem jüdischen Geld nimmt man's nicht so genau. Es hat auch gar nicht lange gedauert, da ist's ihr klar geworden, daß es dem Zweiten nicht im geringsten um ihre Liebe zu thun gewesen ist – ihre Kapitalien aber sind mit der Zeit nur so nach allen vier Winden verflogen – der hat's verstanden!«

»Das war mein Großvater, Ilse?«

Das prächtige Karminrot erschien plötzlich in seiner ganzen früheren Glut auf Ilses Backenknochen.

»Siehst du, da lässest du einem keine Ruhe und fragst das Blaue vom Himmel herunter, und nachher kommen solche Dinge zum Vorschein!« schalt sie ärgerlich und stand auf. »Aber das sage ich dir, mit der Christine kömmst du mir nicht wieder – die ist tot für mich, das merke dir, Kind ... Brauchst auch gar nicht mehr an die Verlogene zu denken – das sind Dinge, die nicht in deinen jungen Kopf passen!«

Sie schob Heinz, der sich demütig und schweigend auf einen Stuhl gesetzt hatte, eine Tasse hin und schenkte ihm Kaffee ein; aber einen Blick erhielt er noch nicht. Dann ging sie wieder hinaus an den Brunnen. Ich sah, wie sie die Zähne zusammenbiß, als sie den Schwengel hob, aber das mußte ja sein! Der Wasserstrom schoß unermüdlich nieder, bis der Eimer gefüllt war.

Nein, und wenn Ilse auch immer das Richtige traf, darin konnte ich ihr doch nicht folgen. Denken mußte ich an die unglückliche Sängerin! Sie war ja meine Tante! Meine Tante! Das klang süß und wohlthuend, aber doch viel zu gesetzt für das reizende Gebild, das mir vorschwebte ... Und doch – sie war älter als mein Vater, älter als zweiundvierzig Jahre – hu, wie entsetzlich alt! ... Aber das half doch alles nichts, meine Phantasie blieb geschäftig, die interessante Gestalt auszuschmücken – sie war ja eine Sängerin ...

Ich flüchtete mit meinem übervollen Herzen hinüber auf den einsamen Hügel und starrte mit schmerzenden Augen in den schönen blauen Himmel ... Ob sie mich wohl sah, meine liebe Großmutter, wie ich traurig dasaß? Sie war ganz gewiß nicht böse, daß ich an Christine dachte – sie hatte ihr ja verziehen! ...

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