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Das Heideprinzeßchen

Eugenie Marlitt: Das Heideprinzeßchen - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
titleDas Heideprinzeßchen
authorE. Marlitt
publisherErnst Keil's Nachfolger
year1893
created19990720
senderinge.bayreuther@bibliothek.uni-regensburg.de
firstpub1872
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4.

Als ich mit Ilse eintrat, brannte schon die Lampe auf dem Tische, sie verlor sich in dem weiten, dunkel angerauchten Raum wie ein kleiner Funken. Durch das offene Hausthor fiel noch das fahle Dämmerlicht von draußen auf die vorderen Viehstände; sie waren leer, auf dem Dierkhofe wurde nur so viel Oekonomie betrieben, als zu unserem eigenen Lebensbedarf nötig. Nahe dem Fleet aber, mit der Stirne nach der Tenne zu, lag Mieke wiederkäuend und hielt mir die Hörner hin – zur Nachttoilette schien ihr die baumelnde Guirlande doch nicht wünschenswert.

Ilse warf einen Blick auf das »feierlich geputzte« Tier, dann wandte sie den Kopf weg und schlug mich leicht auf die Schulter – ich durfte ja beileibe nicht wissen, daß sie über meinen »ewigen Unsinn« gar auch noch lache.

Man hatte bereits ohne mich Abendtafel gehalten. An einem mächtigen Berg von Kartoffelschalen sah ich, wo Heinz gehaust hatte. Ilse schob, diesmal ohne Strafpredigt, die kalt gewordenen Kartoffeln von meinem Teller und legte mir dafür ein Paar heiße, weichgekochte Eier hin. Draußen im Baumhof hörte ich Heinz hantieren, und Ilse lief auch emsig auf und ab; sie hatte noch »alle Hände voll zu thun«. Das war nun freilich nicht der günstigste Moment; trotz alledem fuhr mir die Frage heraus, die mir bisher auf den Lippen geschwebt hatte:

»Ilse, wie heißt das Haus, wo mein Vater jetzt wohnt?«

Sie wollte gerade an mir vorüber in den Baumhof gehen.

»Willst du ihm schreiben?« fragte sie überrascht stehen bleibend.

Ich lachte laut auf. »Ich? Einen Brief schreiben? Ach, Ilse, wie lächerlich das klingt! ... Nein, nein, ich will nur wissen, wie die Leute heißen, bei denen mein Vater wohnt!«

»Muß es auf der Stelle sein?«

Ich wagte nicht »ja« zu sagen; aber vielleicht las Ilse die brennende Ungeduld auf meinem Gesicht. Sie ging schweigend in die Wohnstube und schob mir gleich darauf ein Kästchen hin.

»Da, suche dir die Adresse selber – ich hab' sie nicht im Kopfe. Aber verliere mir nichts und stöbere nicht zu viel herum!«

Sie ging hinaus. Wie sauber und pünktlich geordnet lag die spärliche schriftliche Verbindung zwischen dem Dierkhof und der Außenwelt in dem kleinen Viereck! ... Da war das dünne, verschwindend kleine Päckchen, das die Briefe meines Vaters umschloß; sie trugen samt und sonders Ilses Adresse, enthielten stets nur wenige höfliche Zeilen, einen Gruß an die Großmutter und an mich, und eine bestimmt verneinende Antwort auf Ilses hie und da wiederkehrende Bitten, mich, der Schule wegen, vom Dierkhof hinwegzunehmen. Was an Schriftstücken von draußen herkam, ging durch Ilses Hand und wurde von ihr unter Seufzen und großen Mühen mit steifen Schriftzügen und lakonischer Kürze erledigt. Ich kümmerte mich nie darum; denn so flink ich im Lesen war, und so heißhungrig ich immer wieder die mir von Fräulein Streit massenhaft hinterlassenen Kinderbücher auch jetzt noch verschlang, so blutsauer wurde mir das Schreiben, und so verhaßt war es mir.

Unter dem Päckchen mit meines Vaters Briefen lag auch ein Schreiben, von welchem ich wußte, daß es ganz vor Kurzem eingelaufen war. »An Frau Rätin von Sassen. Hannover« stand in schlanker, graziöser Schrift auf dem Kouvert; eine andere plumpe Hand hatte den Namen des dem Dierkhof zunächst gelegenen Dorfes hinzugefügt. Der Brief war an meine Großmutter – der einzige, der, so lange ich denken konnte, unter dieser Adresse in unser Haus gekommen war. Als Heinz ihn vor einigen Wochen mitbrachte und Ilse übergab, da glitten meine Augen flüchtig über die Aufschrift, und ich ging gleichgültig hinweg, ohne den Inhalt wissen zu wollen: die Welt außerhalb der Heide und was von ihr herüberkam, hatte für mich nicht die geringste Anziehungskraft. Heute war das plötzlich anders; das aufgebrochene Siegel reizte mich, einen Blick auf das Blatt drinnen zu werfen; allein ich wagte es doch nicht ohne Ilses Erlaubnis und legte den Brief einstweilen auf die Tischecke.

Die gewünschte Adresse meines Vaters war schnell gefunden. Als ich sein letztes Schreiben mit hastiger Hand auseinanderschlug, da stand dicht unter seinem Namen: »Firma Claudius Nr. 64 in K.« Ein jäher Stich durchfuhr mich, und ich fühlte, wie es mir flammendheiß über das Gesicht hinlief, als ich den Namen schwarz auf weiß vor mir sah, den der Professor heute wiederholt ausgesprochen hatte. Wie prächtig verstand ich auf einmal die flüchtigen, kraus durcheinander wimmelnden Schriftzüge meines Vaters zu lesen! Der Name sprang mir förmlich in die Augen ... Ich kannte den Inhalt des Briefes, Ilse hatte ihn mir mitgeteilt; und doch fing ich jetzt an, die Zeilen noch einmal zu studieren. Ach, da war wieder einmal die ganze Oede und Trockenheit, welche die Briefe meines Vaters kennzeichnete! Er fragte nicht: was macht mein Kind? Ist es gesund und denkt es an mich? ... In diesem Augenblick fühlte ich zum ersten Mal, wenn auch noch dunkel, daß mein Vater ein schweres Unrecht an mir begehe.

Die nichtssagenden Zeilen schlossen mit dem Satze: »Der Brief aus Neapel wird nicht beantwortet, und daß er meiner Mutter nie zu Gesicht kommen darf, versteht sich von selbst.« Damit war offenbar das Schreiben gemeint, das neben mir auf dem Tische lag; es trug das Postzeichen Neapel und war mir nun doppelt interessant.

Das dünne Blättchen in meiner Hand aber faltete ich mißmutig und enttäuscht zusammen – Nichts über den neuen Aufenthaltsort meines Vaters, kein Wort über seine Beziehungen zu Denen, die Claudius hießen – ich sprang auf und warf den Brief in den Kasten. Ei, was kümmerten mich die fremden Leute! Da sann und grübelte ich über Menschen und Verhältnisse, die mich nichts, aber auch ganz und gar nichts angingen, und draußen brach die Nacht herein, und Heinz polterte und rumorte immer noch im Hofe herum. Sonst, wenn er über Feierabend noch einmal zu hantieren anfing, da klopfte ich ihn auf die Finger, hing mich an seinen Arm und schleppte ihn herein auf den Fleet, auf den massiven ungepolsterten Holzstuhl, seinen unbestrittenen Platz. Dann reichte ich ihm einen brennenden Kienspan, und gleich darauf wirbelten die Rauchwolken um sein selig schmunzelndes Gesicht. Ilse brachte ihr Nähzeug, ich aber las mit unvermindertem Enthusiasmus immer wieder die Erzählungen vor, die ich halb auswendig wußte. War es kühl oder gar stürmisch regnerisch draußen, dann wurde das Feuer im Herd neu geschürt, und Ilse goß einen heißen Thee auf. Wonnig war es dann, auf dem geschützten Fleet, unter dem Dach zu sitzen, auf das der plätschernde Regen unermüdlich niedertrommelte; dazu der Glutschein vom Herde her und die trauliche Stille in dem weiten, von langen Streifen der Tabakswolken durchzogenen Raum der dämmernden Tenne. Dann und wann klirrte leise die Kette an Miekes Hals, hoch oben auf den Querstangen rührte sich schlaftrunken eines der Hühner, oder Spitz dehnte sich behaglich seufzend vor dem warmen Herde – alles, was ich liebte, geborgen inmitten der festen vier Wände!

Da war es still in meiner Seele; ich hatte keinen Wunsch, kein Verlangen! Mein junges Herz war nur voll von Zärtlichkeit für die Beiden, zwischen denen ich saß ... Nun drängten sich auf einmal fremde Gesichter von draußen herein, und ich errötete heiß vor mir selber, indem ich daran dachte, was heute unter ihrem plötzlichen Einflusse aus mir geworden war. Da half kein Leugnen – statt zu dem alten Freunde zu halten, den der vornehme junge Herr mit so verächtlichen Blicken gemessen, hatte ich mich feiger Weise seiner geschämt; ich war maßlos heftig geworden, hatte mit dem Fuße gestampft ihm gegenüber, der mir allezeit mit der grenzenlosesten Geduld und Nachsicht begegnete, und ihn einfältig dafür gescholten, daß er seinen einfachen Kopf anstrengte, um genau nach meinem Wunsch und Willen zu antworten ... Und warum that ich das? Weil mir auf einmal der glorreiche Einfall kam, mit meinem berühmten Vater prunken zu wollen, mit dem Vater, für den ich nicht existierte, während ich auf Heinzens Armen groß geworden war.

Ich mußte abbitten, reumütig abbitten, und zwar auf der Stelle, und der Entschluß wurde mir leicht gemacht, denn in demselben Augenblick ging die Thür nach dem Baumhof auf, und Heinz trat, gefolgt von Spitz, auf den Fleet.

Ich flog auf ihn zu und legte meine Hände auf seine breite Brust – höher kam ich nicht.

»Heinz, du bist furchtbar böse auf mich, gelt?«

»Ei beileibe, davon müßte ich doch auch ‚was wissen, Prinzeßchen!« brummte er neben der Pfeife heraus. Er stand verlegen und unbeholfen wie eine Mauer vor mir und rührte kein Glied.

»Du weißt es auch, Heinz,« sagte ich. »Geh', zanke mich tüchtig aus ... Ich bin bodenlos ungezogen gewesen! ... Gelt, das hättest du nie von mir gedacht? – mit dem Fuße zu stampfen –«

»Ach, das war ja nur ein Späßchen –«

»Ein Späßchen? Glaub' doch das nicht! Es war Ernst, nichtswürdiger Ernst! ... Sei du nur nicht so gut mit mir, Heinz – ich verdiene es nicht, und Strafe muß sein ... Kindisch bin ich und heftig und ein erbärmliches, undankbares Ding –«

»Ei ja – und was nicht noch alles!«

»Ein Hasenfuß, Heinz! ... Ja, siehst du, das war's eben, was mich so außer Rand und Band brachte. Da stand ich wie hingeschneit am Hügel, und alle die Köpfe wären doch ganz gewiß nach mir herumgefahren, wenn du gesagt hättest –«

»Hab' nichts gesagt! Hä, hä, hä! Nicht ein Wörtchen!« – Er stippte bedeutsam den Zeigefinger gegen die Stirn. – »Ja, so schlau ist man auch – die hätten lange fragen können!« – Mit einer schwerfälligen Bewegung griff er in die Brusttasche seines Rockes. »Aber das unmenschlich viele Geld, das da nur so auf dem Boden hinkollerte, das haben die Leute nicht wiedergenommen, durchaus nicht! ... Ich hab's auflesen müssen – und da ist's, Prinzeßchen!«

Er zählte die blanken Thaler in langer Reihe auf seine Rechte. Seine kleinen Augen glitzerten und funkelten und huschten liebäugelnd darüber hin.

Fünf Silberstücke – für jede Perle eins! So war es gemeint gewesen. Das »Hier, mein Kind!« des alten Herrn hatte so selbstverständlich geklungen, als seien die Dinger da von mir verlangt worden, und ich hatte die Perlen doch hinschenken wollen. Das verdroß mich jetzt erst über die Maßen.

»Ich will sie nicht, Heinz!« grollte ich und stieß nach seiner Hand.

Das Geld rollte abermals hinab ... Was war das für ein entsetzliches Geräusch, als die schweren Metallstücke klingend und klirrend auf das harte Steinpflaster niederschmetterten! ... Ich hatte es noch nie, und der Dierkhof wohl seit vielen Jahren nicht mehr gehört.

Unwillkürlich fuhr ich herum, und mein Blick zuckte scheu über das Fenster, das nach dem Fleet mündete. Hinter den halbblinden Scheiben hing ein dicker, farbenbunter Plüschteppich, den, so lange ich denken konnte, nie eine Hand von drinnen gehoben hatte – jetzt wurde er zurückgeschleudert, und die Augen meiner Großmutter funkelten heraus.

Das war ein Anblick, der dem Beherztesten Grauen einflößen konnte. Zitternd bückte ich mich, um das Geld zu sammeln; aber da flog auch schon die neben dem Fenster befindliche Thür auf – wie ein Windstoß brauste es heran – ich wurde an der Schulter gepackt und auf die Tenne hinabgestoßen.

»Nicht anrühren!« gellte es mir in die Ohren. Welch einen erschütternden Klang hatte doch die Stimme, die seit langen Jahren für mich verstummt war! Ich schlug entsetzt die Augen auf.

Da stand die gewaltige Frau und schüttelte grimmig die Faust nach Heinz hin. »Du« – zischte es drohend von ihren Lippen.

»Gut sein, gnädige Frau, gut sein!« stotterte er bittend. »Ich trage ja gleich, jetzt auf der Stelle, das ganze dumme Lumpenzeug 'nüber in den Fluß!« Er zitterte wie Espenlaub – ich sah zum ersten Male, daß diese unverwüstlich frische Gesichtsfarbe bis in die Lippen erbleichen konnte.

Sie wandte ihm mit einer heftigen Bewegung den Rücken. Die langen, grauen Flechten peitschten ihre Hüften, und ich erwartete unter stockenden Pulsen, daß sie sich wieder auf mich stürzen werde. Da stieß ihr Fuß an eines der Geldstücke; sie fuhr zurück, als habe sie auf eine Schlange getreten. – Nun kam ein Schauspiel, das ich nie, nie vergessen kann. Kichernd schleuderte sie das Geldstück mit der Fußspitze fort, daß es weithin flog und rasselnd auf die Steine niederschlug, dann ein zweites, ein drittes, und so schritt sie auf dem Fleet hin und her – ich mußte an das grausame Spiel der Katze mit der Maus denken ... Und wie grauenhaft wechselte das Mienenspiel auf dem rot überflammten Gesicht! Man sah, sie stieß das Geld voll Ingrimm und Abscheu von sich, und doch, sobald es wirbelnd niederfiel, lauschte sie vorgestreckten Halses mit unverkennbarer Lust, ja mit einer Art von Begierde, dem hellen Silberklang, bis die letzte leiseste Schwingung erloschen war.

Ich rührte mich nicht von der Stelle und wagte kaum zu atmen; Spitz, der sonst so rauflustige Spitz, schlich mit eingeklemmtem Schwanz vom Herde weg und drückte sich dicht neben Heinz, der regungslos, wie festgemauert auf seinem Platze verharrte, nur seine todesängstlichen Augen huschten einige Mal nach mir hinüber ... Ach! Ilse – wo blieb sie nur? ... Sie war die Einzige, die Macht über meine Großmutter hatte. Hörte sie denn den Lärm gar nicht, der so unheimlich und nervenerschütternd gegen die alten Balken des Dierkhofes schlug?

Das Klingen und Springen der Silberstücke dauerte fort. Die alte Frau schien nicht mehr zu wissen, daß zwei Menschen wie Bildsäulen in ihrer Nähe standen. Sie rannte immer leidenschaftlicher auf und ab und flüsterte und gestikulierte nach etwas Unsichtbarem hin ... Da auf einmal fuhr es wie ein Ruck durch ihre Glieder; sie kam eben am Eßtisch vorüber und blieb förmlich versteinert stehen, während die Augen minutenlang seitwärts auf die Tischdecke niederstierten – da lag der unglückselige Brief, der nach dem ausdrücklichen Befehl meines Vaters ihr nie zu Gesicht kommen sollte.

»An Frau Rätin von Sassen!« unterbrach sie endlich das tödliche Schweigen und strich sich tiefaufseufzend mit der Hand über die Stirn. »Frau Rätin von Sassen! Das war ich – ich!«

Ich kämpfte mit mir selber, ob ich hinzuspringen und ihr den Brief entreißen solle, auf den sie eben die Hand legte. Aber was war ich schwaches zerbrechliches Geschöpf unter den Händen dieser Frau! Sie hätte mich ohne Weiteres zurückgeschleudert und den Besitz des verhängnisvollen Papieres erst recht behauptet. Ich machte Heinz die beredtesten Zeichen – er sah mich völlig verständnislos an, und da geschah auch schon das Gefürchtete – meine Großmutter zog den Brief aus dem Kouvert.

»Laß mal sehen!« sagte sie, indem sie langsam das Blatt entfaltete.

Sie las nicht, ihr Blick fiel nur auf die Unterschrift – was mußte es wohl für ein Name sein, der eine solche Wirkung haben konnte? ... Mit einem Wutgeschrei zermalmte die alte Frau sofort den Brief zwischen den Fingern. »Deine Christine!« lachte sie gellend auf, schleuderte den gestaltlosen Papierklumpen weit in die Tenne hinein und lief mit einer wildabwehrenden Bewegung in ihr Zimmer zurück – gleich darauf kreischte drinnen der vorgeschobene Riegel.

Ilse, die eben mit einem Korb voll Torfstücken aus dem Hofe kam, blieb erstaunt auf der Schwelle stehen.

»War das nicht die Großmutter?« fragte sie halb erschrocken, halb ungläubig. Die Thür, die da eben krachend zuschlug, wurde ja nie benutzt – Schloß und Riegel mußten längst eingerostet sein.

Mir schlugen die Zähne wie im Fieber zusammen; aber ich fühlte mich doch gleichsam erlöst und erzählte ihr flüsternd und atemlos den Vorgang. Ich sah wohl, wie sie zusammenschrak und sich verfärbte; aber Ilse hätte nicht Ilse sein müssen – sie sagte kein Wort, stellte ihren Korb neben den Herd und fing an, die Torfstücken auszupacken und symmetrisch aufeinanderzulegen; nur als Heinz herantrat, hob sie den Kopf – sein heiliger Respekt vor den scharfen Augen war sehr begründet, sie hefteten sich vernichtend auf sein schreckerfülltes Gesicht.

»Bist ja ein Mordkerl, Heinz!« sagte sie. »Hab' jahrelang gesorgt, daß nicht einmal Groschengeld auf den Dierkhof gekommen ist, und jetzt macht solch ein Politikus das nette Kunststückchen und wirft mir eine ganze Handvoll Silberthaler auf die Steine! ... Ei je, die Vierzig auf dem Rücken und keine Ueberlegung!«

Mir traten die Thränen in die Augen. Trotz meiner wahrheitsgetreuen Schilderung und meiner Selbstanklage bekam Heinz die Schelte, und er ließ alles geduldig über sich ergehen, er widersprach mit keinem Wort. Ich schlug meine Arme um ihn und drückte das Gesicht in den Aermel seines alten Drellrockes.

»Ja, tröste ihn nur, deinen Heinz! – Das hält eben immer wie die Kletten zusammen!« sagte Ilse; aber schon war alle Schärfe aus Blick und Ton verschwunden.

Sie nahm die Lampe vom Tisch und schritt die Tenne hinab, um den Papierknäuel zu suchen, aber so viel sie auch umherleuchten mochte, er fand sich nicht.

Bis dahin hatte ich in dem Zimmer meiner Großmutter nur selten eine Lebensäußerung gehört, vielleicht nur nicht beachtet; ich mied ja auch instinktmäßig die nächste Umgebung desselben; jetzt drang das Murmeln einer leidenschaftlich erregten, rauhen Stimme, von Stöhnen und tiefem Aufseufzen unterbrochen, durch das teppichverhangene Fenster.

»Sie betet,« flüsterte Heinz mir zu.

Aber dieses Gebet wurde nicht knieend verrichtet. Sie ging mit so wuchtigen Schritten drinnen auf und ab, daß der Teppich hinter den Glasscheiben leise schwankte und der Boden hier draußen unter unseren Füßen nachschütterte.

»Gebt Licht herein!« schrie sie plötzlich angstvoll auf.

»Licht?« wiederholte Ilse. »Ich habe ja die Lampen hineingestellt.« Sie lief nach dem engen Gang, der, an der östlichen tiefen Seite der Wohnräume hinlaufend, nach dem Garten mündete, und in welchem sich die Hauptthür des Zimmers befand.

Nicht lange darauf kam sie scheinbar beruhigt zurück. Darauf aber rasselte fast in demselben Augenblick der Pumpbrunnen, und man hörte den Wasserstrom zischend in den Trog stürzen.

»Es ist ihr schwarz vor den Augen geworden,« antwortete Ilse kurz auf meine ängstlichen Fragen. »Das wird wieder einmal eine schöne Nacht werden!« murmelte sie sorgenvoll vor sich hin, während sie das Geschirr vom Eßtisch wegräumte und das Kästchen mit den Papieren in das Wohnzimmer zurücktrug.

Also hatte sie öfter schlimme Nächte mit meiner Großmutter zu überstehen! Das war eine unheimliche Neuigkeit für mich; mein gesunder, glücklicher Schlaf hatte mich nie ahnen lassen, daß nächtlicher Weile irgend etwas im Hause vorgehe. Nun erinnerte ich mich freilich, daß ich Ilse schon gar oft des Morgens niedergeschlagen und erschöpft gefunden hatte; aber da waren stets ihre Kopfschmerzen, an denen sie häufig litt, schuld gewesen.

Ich verschränkte die Arme auf dem Tisch und legte den Kopf darauf; mir war so bang und beklommen zu Mute, als müsse mit der Nacht draußen auch Schlimmes über den Dierkhof hereinbrechen. Fast mechanisch horchte ich auf Heinzens Schritte, der noch einmal die Runde um das Haus machte; er vermied wohlweislich den Baumhof, denn wenn auch der Schwengel des Pumpbrunnens augenblicklich ruhte, so hielt sich doch meine Großmutter jedenfalls noch dort auf. Da, wo die Umhegung des Baumhofes als scharfe Ecke in die Heide hineinschnitt, stand sie oft stundenlang und starrte in die unermeßliche Weite hinaus.

»Geh in dein Bett, Kind, du bist müde!« sagte Ilse und strich mir mit der Hand über den Scheitel.

Ich war bis dahin, kraft meiner glücklichen Unbefangenheit, das indolenteste, eigennützigste Geschöpf der Welt gewesen – das fühlte ich tief in diesem Augenblick.

»Nein, ich gehe nicht schlafen,« sagte ich und versuchte einen festen Ton anzuschlagen. »Ilse, ich bin heute siebzehn Jahre alt geworden, und nun groß und stark genug – ich lasse mich nicht mehr ins Bett schicken, während dir die Großmutter so schwer zu schaffen macht!«

Ich war aufgesprungen und stellte mich neben sie hin.

»So, das hätte mir gefehlt, daß du mir auch noch im Wege herumstündest!« entgegnete sie trocken; sie sah seitwärts auf mich nieder. »Hm, ja, nun weiß ich doch auch, wie ein großes und starkes Frauenzimmer aussieht! Es reicht mit dem Kopfe gerade über den Eßtisch und piept in die Welt hinein wie ein Küchlein, das eben aus dem Ei gekrochen ist –«

»Ilse, solch ein armseliges Ding bin ich doch nicht!« unterbrach ich sie empört, aber auch kleinlaut – sie übertrieb ja nie.

»Uebrigens weiß ich gar nicht, was du willst!« fuhr sie unbeirrt fort. »Lächerlich! die Großmutter steht ruhig draußen im Baumhof und wird in einer Stunde so fest schlafen, wie wir alle. Aber das will ich dir sagen, es regt sie stets auf, wenn sie das Licht zu lange auf dem Fleet brennen sieht.«

Sie nahm ohne weiteres die Lampe vom Tisch – und aus und vorbei war es mit meiner heroischen Anwandlung; den hätte ich sehen wollen, der auf Ilses letztes Wort, auf ihre energische Kopfwendung hin noch etwas zu erwidern versucht hätte.

Ich rief Heinz, der eben das Hausthor schloß, gute Nacht zu und folgte ihr pflichtschuldigst nach der Eckstube, in welcher wir beide schliefen.

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