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Das Heideprinzeßchen

Eugenie Marlitt: Das Heideprinzeßchen - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
titleDas Heideprinzeßchen
authorE. Marlitt
publisherErnst Keil's Nachfolger
year1893
created19990720
senderinge.bayreuther@bibliothek.uni-regensburg.de
firstpub1872
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32.

»Ist er denn zu sprechen?« fragte ich beklommen.

»Ei freilich, für alle ... Gehen Sie nur hinauf in den ersten Salon, wo Lothars Bild hängt – es sind heute schon viele droben gewesen – der Salon ist vorläufig Geschäftszimmer.«

Ich stieg hinauf. Vor der Thür aber verharrte ich einen Augenblick und preßte die Hände auf das Herz – ich meinte, ich müsse an dem stürmischen Klopfen ersticken. Dann trat ich leisen Schrittes ein. Das Zimmer war nicht dunkel verhangen, wie ich geglaubt hatte. Die Fenster waren mit grünen Stoffen umhüllt, die einen sanften, wohlthuenden Schein verbreiteten. Herr Claudius saß mit dem Rücken nach mir zu in einem Fauteuil und hatte den Kopf an die Lehne zurückgelegt – ein grüner Schirm bedeckte seine Augen ... Er schien nicht zu bemerken, daß jemand eingetreten war, oder meinte vielleicht, es sei Fräulein Fliedner, denn er veränderte seine Stellung nicht im geringsten.

Ach, nun war ja mein tiefster, heißester Wunsch erfüllt – ich sah ihn wieder!

Sprechen konnte ich nicht – ich fürchtete mich unsäglich vor dem ersten Laut meiner Stimme in dem stillen Zimmer. Fast unhörbar trat ich näher und ergriff zaghaft seine linke Hand, die über die Armlehne des Stuhles herabhing ... Noch verharrte der blonde Kopf in seiner vollkommen ruhigen Lage, aber blitzschnell kam auch die Rechte herüber, und ich fühlte mich plötzlich gefangen.

»Ach, ich weiß, wem die kleine, braune Hand gehört, die da so furchtsam zwischen meinen Fingern aufzuckt, wie ein ängstlich schlagendes Vogelherz,« rief er, ohne sich zu bewegen. »Habe ich doch gehört, wie es die Treppe heraufgehüpft kam, und aus den verschiedenen Tempi der Schritte klang es deutlich: ›Gehst du hinein, oder nicht? Soll das Mitleid mit dem armen Gefangenen siegen oder der alte Trotz, der wartet, bis er seinen Kerker verläßt und zu mir kommt?‹ –«

»O Herr Claudius,« unterbrach ich ihn, »trotzig bin ich nicht gewesen!«

Jetzt wandte er mir rasch das Gesicht zu, ohne meine Hand loszulassen.

»Nein, nein, Sie waren es auch nicht, Lenore,« sagte er in verschleierten Tönen, »ich weiß es ... Meine Umgebung ahnt nicht, weshalb ich gerade in der Dämmerstunde so unduldsam gegen jegliches Geräusch war und die allertiefste Stille gebieterisch forderte. Um diese Stunde hörte ich mit Geisterohren, oder auch nur mit dem sehnsüchtigen Herzen – denn ich wußte genau, wann die leichten Mädchenfüße die Karolinenlust verließen, ich verfolgte jeden Schritt durch die Gärten und die Treppe herauf und wartete mit Inbrunst auf das halbgeflüsterte: ›Wie geht es ihm? Hat er viele Schmerzen?‹ – Das klang nichts weniger als trotzig ... Und dann sah ich, wie die wilden Locken mir der wohlbekannten Bewegung von der Stirn zurückgeschüttelt wurden, und die großen, lieben, bösen Augen weit aufgeschlagen an Fräulein Fliedners berichtenden Lippen hingen.«

Ich vergaß alles, was zwischen und lag, und gab mich der Macht des Augenblicks widerstandslos hin.

»Ach, sie verstand mich nicht so gut,« sagte ich rasch und unbedenklich. »Ich habe sehnlich gewünscht, sie möchte mich einmal, nur ein einziges Mal zu Ihnen führen. Ich wäre ruhiger geworden, hätte ich in Ihre armen Augen sehen dürfen, und Sie hätten mir gesagt: ›Ich sehe Sie!‹ ... Bitte, nur einmal heben Sie den Schirm!«

Er sprang auf, nahm den Schirm ab und warf ihn auf den Tisch. Seine schlanke Figur stand so hoch, elastisch und ungebeugt vor mir, wie immer.

»Nun denn, ich sehe Sie!« versetzte er lächelnd. »Ich sehe, wie die kleine Lenore in den fünf langen Wochen nicht um eine Linie gewachsen ist und mir noch immer mit dem lockigen Scheitel genau bis an das Herz reicht. Ich sehe eben, daß der Kopf noch immer so trotzig und empört zurückgeworfen wird, wie ehedem – freilich, was könne Sie dazu, daß die Natur auch einmal ein wunderkleines Feenkind unter ihren Erschaffenen sehen wollte! Ich sehe ferner, daß das braune Gesichtchen blaß geworden ist, blaß von Schrecken, Kummer und Nachtwachen ... Arme Lenore, wir haben viel gut zu machen – Ihr Vater und ich!«

Er ergriff meine Hand und wollte mich sanft an sich ziehen; das brachte mich plötzlich zur Besinnung und überflutete mein Herz mit der ganzen Qual des bösen Bewußtseins.

Ich riß mich los. »Nein,« rief ich, »seine Sie nicht gut gegen mich – ich habe es nicht um Sie verdient! ... Wenn Sie wüßten, was für ein abscheuliches Geschöpf ich bin, wie hinterlistig, falsch und grausam ich sein kann, Sie stießen mich aus Ihrem Hause –«

»Lenore –«

Ich floh vor ihm nach der Thür. »Nennen Sie mich nicht Lenore ... Ich will tausendmal lieber hören, daß Sie mich wild, trotzig und ungebärdig schelten, daß Sie mich als unweiblich streng verurteilen – nur sagen Sie nicht so weich und gut meinen Namen! Ich habe Ihnen unsäglich wehe gethan, Ihnen Böses zugefügt, wo ich immer konnte. Ich habe Ihre Ehre angegriffen und mit Ihren Gegnern Gemeinschaft gemacht – Sie werden mir nie verzeihen, nie! Ich weiß das so genau, daß ich nicht einmal zu bitten wage!«

Tastend erfaßte ich das Thürschloß. Er stand sofort neben mir.

»Meinen Sie wirklich, ich ließe Sie in diesem Zustand der heftigsten Aufregung von mir gehen? Mit diesen bleichen, bebenden Lippen, die mir Angst machen?« sagte er und schob sanft meine Hand vom Schloß nieder. »Bemühen Sie sich, ruhiger zu werden, und hören Sie mich an ... Sie kamen als völlig unberührte und ungeschulte Natur hierher und sahen mit den unschuldigsten Kinderaugen in die Welt. Ich klage mich schwer an, daß ich damals nicht sofort mein Haus von den bösen Elementen säuberte, obwohl ich in der ersten Stunde wußte, daß ein Wendepunkt in meinem Leben eintrete und alles anders werden müsse ... Es ist wahr, Ihr so deutlich ausgesprochener Widerwille gegen mich ließ mich resignieren; ich war zu stolz, um immer wieder zu vergessen, und beschränkte mich auf die warnende Stimme – ich zögerte zu lange, das zu thun, was unbarmherzig aussah und doch das Richtige war – für Sie und Charlotte zusammen war kein Raum in meinem Hause – sie mußte weichen! ... Was nun auch geschehen sein mag, was Sie mir auch gethan haben mögen in blöder Verkennung der Verhältnisse, es bedarf nicht einmal des verzeihenden Wortes – ich trage so viel Schuld wie Sie ... Sie können mir überhaupt nur in einem Sinn wirklichen Schmerz zufügen, das ist, wenn Sie sich – wie schon so oft geschehen – kalt und abweisend von mir wenden – nein, nein, das kann ich nicht sehen!« unterbrach er sich selbst tief erregt, als ich in ein heftiges Weinen ausbrach. – »Wenn Sie denn durchaus weinen müssen, dann darf es fortan nur hier geschehen.« Er zog mich an sich heran und legte meinen Kopf an seine Brust. »So – und nun beichten Sie getrost – ich hefte meine Augen dort auf den Vorhang und höre mit halbabgewendetem Ohr.«

»Ich darf ja nicht sprechen,« sagte ich leise. »Wie froh wäre ich, wenn ich Ihnen alles sagen dürfte! Aber die Zeit muß ja einmal kommen, und dann ... Eines aber sollen Sie jetzt schon wissen, denn das habe ich allein verübt – ich habe Sie bei Hofe verlästert, ich habe gesagt, Sie seien ein eiskalter Zahlenmensch, ein Besserwisser –«

Ich bemerkte, wie er in sich hineinlachte. »Ach, solch eine bitterböse Zunge ist die kleine Lenore?« sagte er.

Aengstlich hob ich den Kopf und schob den Arm zurück, der mich umfaßt hielt. »Denken Sie ja nicht, daß alles, was ich Ihnen angethan, auf kindisches Geschwätz hinausläuft!« rief ich.

»Das denke ich ja auch gar nicht,« beschwichtigte er, während noch immer ein köstliches Lächeln um seine Lippen huschte. »Ich will alle die schlimmen Entdeckungen an mich herankommen lassen und geduldig abwarten – dann werde ich Ihr Richter sein; beruhigt Sie das?«

Ich bejahte.

»Dann aber müssen Sie sich auch bedingungslos dem Spruch unterwerfen, den ich fälle.«

Tief aufatmend sagte ich: »Das will ich gern.«

Und nun trocknete ich meine Thränen und begann von meiner Tante zu sprechen.

»Ich habe schon durch Fräulein Fliedner von dem seltsamen Gast gehört, der sich unter die Flügel der unbesonnenen kleinen Heidelerche geflüchtet hat,« fiel er mir nach einer Weile in das Wort. »Ist sie die Frau, der Sie das Geld geschickt haben?«

»Ja.«

»Hm – das ist mir nicht lieb. Ich vertraue Frau Ilse unbedingt, und sie war sehr schlimm auf diese Tante zu sprechen. Wie kommt die Dame auf die seltsame Idee, gerade mich sehen zu wollen – was will sie von mir?«

»Ihren Rat. O bitte, Herr Claudius, seien Sie gütig! Mein Vater hat sie verstoßen –«

»Und trotzdem will sie mit ihm an einem und demselben Orte leben und sich der steten Gefahr aussetzen, ihm zu begegnen, der sie verleugnet? ... das gefällt mir nicht! ... Aber ich muß sie wohl oder übel empfangen, da ich durchaus nicht mehr gestatte, daß Heideprinzeßchen Beziehungen hat, um die ich nicht genau weiß, und welche nicht vor meinem prüfenden Auge bestehen können ... Frau – wie heißt sie?«

»Christine Paccini.«

»Also Frau Christine Paccini mag heute abend den Thee im Vorderhause trinken ... Gehen Sie jetzt sie holen! ... Nun, verdient meine Bereitwilligkeit nicht einmal einen Händedruck?«

Ich kehrte zu ihm zurück und legte meine Hand willig in die seine. Dann flog ich zur Thüre hinaus.

Ich glaube, selbst über die Heide, wo ich doch noch so unbeschwert von Leid und Kummer war, wie die Vogelseele in der Luft, bin ich nie so beschwingt dahin geflogen, wie in diesem Moment über die Kieswege der Gärten ... Ich wußte ja nun, daß ich mich nicht mehr verirren konnte in der weiten Welt, weil er seine Hand über mich hielt, wohin ich auch gehen wollte. Kein Schrecknis durfte mir mehr nahe kommen, denn ich flüchtete an seine Brust und war geborgen. Wie war ich scheu zurückgebebt, als er mich umfing, und welche selige Ruhe war dann über mich gekommen – so war es gewesen, wenn ich mich als Kind bis zum entsetzten Aufschreien gefürchtet, und Ilses Arme sich geöffnet hatten, um mich beschwichtigend an das Herz zu nehmen.

Als ich wieder bei Tante Christine eintrat, war sie gerade beschäftigt, auf einer kleinen Maschine Schokolade zu kochen. Blanche lief auf dem großen, runden Tisch herum, beleckte die geriebene Schokolade und fraß vom Kuchenteller ... Himmel, wie flogen Blanche, Schokolade und Kuchen unter den schönen Händen meiner Tante durcheinander, als ich ihr sagte, daß Herr Claudius sie bitten lasse, den Thee im Vorderhause zu trinken! Jetzt sah ich erst, wie sie auf diesen Moment gehofft und geharrt haben mußte. Mit einem halb triumphierenden, halb zerstreuten Lächeln zog sie unschlüssig Kasten und Fächer der Möbel nacheinander auf – ich erhielt einen Einblick in das entsetzliche Chaos von verblichenen Blumen, Bändern und Flitterstickereien.

»Herzchen, ich muß selbstverständlich erst Toilette machen, und da kann ich dich nicht brauchen – das Zimmer ist so eng – kannst ja einstweilen droben bei den Helldorfs bleiben,« sagte sie hastig. »Aber einen Gefallen mußt du mir thun; gehe zu Schäfer – ich mag mit dem ungeschliffenen Menschen nicht mehr reden – er hat prachtvolle gelbe Rosen am Stocke – lasse sie abschneiden und gib ihm dafür, soviel er verlangt, und wenn es zwei Thaler wären – du bekommst es wieder, vielleicht morgen schon ... So gehe doch!« rief sie heftig und schob mich nach der Thüre, als ich sie erstaunt fragend ansah. »Ich bin nun einmal gewohnt, Blumen in der Hand zu haben, wenn ich als Gast eintrete.«

Schäfer schenkte mir die Rosen, und ich trug sie ihr hinüber. Dann ging ich zu meinem Vater und holte mir die Erlaubnis, den Thee im Vorderhause trinken zu dürfen.

Eine Stunde später schritt ich mit Tante Christine durch die Gärten. Bei meiner Zurückkunft hatte ich bereits sie in Mantel und Kapuze, mit dem Schleier vor dem Gesicht, gefunden. Es dämmerte schon stark, und ein feiner Regen begann niederzustäuben, als wir den Weg nach der Brücke einschlugen.

»Wohin gehen denn die Damen?« fragte eine Stimme hinter uns. Es war Charlotte, die jetzt erst vom Berge zurückkehrte.

»Ich will meine Tante im Vorderhause vorstellen,« versetzte ich.

Die junge Dame sagte kein Wort, und Tante Christine schwieg auch, und so gingen wir still nebeneinander her – mir war auf einmal entsetzlich beklommen zu Mute ... Da schritten sie vor mir über die Brücke hin, die beiden Frauen – seltsam, es sah fast gespenstisch aus, so groß war die Aehnlichkeit zwischen den beiden Gestalten – beide hatten die gleiche stolze, weltverachtende Wendung des Kopfes, dieselbe breite Wölbung der Schultern, denselben Gang, und ich glaube, in der Größe wich keine der andern auch nur um eine Linie – sie waren zum Verwechseln ähnlich, und doch stießen sie sich innerlich ab. Charlotte wenigstens verhielt sich unnahbar.

»Bitte legen Sie in meinem Zimmer ab,« sagte sie droben im Korridor kalt zu mir.

Wir traten in das Zimmer, das bereits behaglich erwärmt und beleuchtet war. Fräulein Fliedner arrangierte den Theetisch und begrüßte uns sehr zurückhaltend.

»Wo ist Herr Claudius?« fragte mich meine Tante leise – das erste Wort, das von ihren Lippen fiel, seit wir das Schweizerhäuschen verlassen.

Ich zeigte schweigend nach der Salonthüre.

»Ach Gott, ein Flügel!« rief sie glückselig und stürzte auf das Instrument zu, dessen Deckel aufgeschlagen war. »Wie schmerzlich lange habe ich diesen Anblick entbehren müssen! O, erlauben Sie mir nur für einen Augenblick, daß ich meine Hände auf die Tasten lege! Bitte, bitte –ich werde glücklich sein wie ein Kind, wenn ich, und seien es auch nur zwei Akkorde, greifen darf!«

Im Nu flogen Mantel und Kapuze auf den nächsten Stuhl, und zu meinem unsäglichen Erstaunen stand Tante Christine in vollständiger Konzerttoilette da. Ein schwerer, milchweißer Atlas fiel in langer Schleppe auf den Teppich, und aus dem Spitzengekräusel des tiefausgeschnittenen Kleides hob sich eine Büste, so blendend, so marmorartig in Fleisch und Linien, wie das Antikenkabinett mit seinen griechischen Göttergestalten kaum aufzuweisen hatte. Wie wogten die langen Locken über Busen und Nacken herab, und wie träumerisch lagen die hingestreuten, taufrischen, bleichen Rosen in dem tiefen Blauschwarz der Haarmasse!

»Na, das ist doch stark!« sagte Charlotte trocken und ungeniert. Meine Tante aber sank auf den Klaviersessel, das Instrument erbrauste unter ihren Händen und gleich darauf schlug es mit nicht klangvoller, aber mächtiger Stimme und dämonischem Ausdruck gegen die Wände: »Già la luna in mezzo al mare« –

Da wurde die Salonthüre aufgestoßen, und Herr Claudius stand bleich wie ein Geist auf der Schwelle – hinter ihm erschien Dagoberts erstauntes Gesicht.

»Diana!« rief Herr Claudius im Ton eines unbeschreiblichen Entsetzens.

Tante Christine flog auf ihn zu und sank in die Kniee. »Verzeihung, Claudius, Verzeihung!« flehte sie und berührte mit der Stirn fast den Teppich. »Dagobert, Charlotte, ihr, meine so lang und so schmerzlich entbehrten Kinder, helft mir ihn bitten, daß er mich wieder aufnimmt in alter Liebe!«

Charlotte stieß einen Schrei der Entrüstung aus. »Komödie!« stammelte sie. »Wer bezahlt Sie für diese köstlich gespielte Rolle, Madame?« fragte sie schneidend. Dann fuhr sie auf mich hinein und schüttelte mich grimmig am Arme. »Lenore, Sie haben uns verraten!« schrie sie gellend auf.

Herr Claudius stand sofort zwischen uns und stieß sie zurück. »Führen Sie Fräulein von Sassen hinaus!« gebot er Fräulein Fliedner – wie tonlos und bebend klang seine Stimme, wie bemühte er sich, Herr der furchtbarsten inneren Aufregung zu werden!

Fräulein Fliedner legte den Arm um mich und führte mich in den Salon, wo Lothars Bild hing – hinter uns wurde die Thüre zugeschlagen ... Die alte Dame zitterte wie Espenlaub am ganzen Körper, und eine Art Nervenfrost machte ihr die Zähne zusammenschlagen.

»Sie haben uns da einen schlimmen Gast ins Haus gebracht, Lenore,« hauchte sie und horchte angstvoll hinüber, von wo Tante Christinens Stimme in wohllautenden Tönen fast ununterbrochen scholl. »Sie konnten freilich nicht wissen, daß sie es ist, jene Falsche, Treulose, jene Diana, um die er so schwer gelitten hat ... Gott mag verhüten, daß sie wieder Gewalt über ihn gewinnt! Sie ist noch immer von hinreißender Schönheit!«

Ich preßte meinen Kopf zwischen die Hände – mußte nicht die ganze Welt über mir zusammenstürzen?

»Wie sie das schlau eingefädelt hat!« fuhr Fräulein Fliedner tief erbittert fort. »Wie sie alle Beteiligten überrumpelt mit der ersten, wie ein Blitz hereinfahrenden Ueberraschung! ... Auf einmal erinnert sie sich zärtlich ihrer ›schmerzlich entbehrten Kinder‹, die sie so schändlich verlassen hat –«

»Ist sie wirklich Dagoberts und Charlottens Mutter?« stieß ich heraus.

»Kind, zweifeln Sie noch an allem, was Sie gehört und gesehen haben?«

»Ich habe geglaubt, sie seien seine« – ich deutete nach Lothars Bild – »und der Prinzessin Kinder,« stöhnte ich.

Sie fuhr zurück und starrte mich an. »Ach, jetzt fange ich an, klar zu sehen!« rief sie. »Das ist der Schlüssel zu Charlottens unbegreiflichem Wesen und Gebaren! Sie denkt ebenso wie Sie? Sie meint, sie sei in der Karolinenlust geboren? Ist’s nicht so? ... Nun, ich werde ja erfahren, wer das streng gehütete Geheimnis gelüftet und in so hirnverbrannter Weise ausgelegt hat. Einstweilen sage ich Ihnen, daß allerdings zwei Kinder in der Karolinenlust das Licht der Welt erblickt haben – das eine starb nach wenigen Stunden, das andere halbjährig an Zahnkrämpfen – zudem waren es zwei Knaben. Dagobert und Charlotte sind sie Kinder des Kapitän Mericourt, mit welchem Ihre Tante in Paris verheiratet war, und der in Marokko gefallen ist ... Armes Kind, Ihr guter Engel hat Sie verlassen, als Sie dieses Weib unter Ihren Schutz nahmen – sie bringt Unglück über uns, über uns alle!«

Ich vergrub mein Gesicht in den Händen.

»Als Erich Zutritt zu ihrem Hause fand, war sie bereits Witwe und Primadonna an der Pariser großen Oper,« fuhr die alte Dame fort. »Sie ist mindestens sieben Jahre älter als er; aber bei Frauen ihres Schlags kommt das nicht in Betracht. Ihre Kinder hat sie fremden Händen übergeben; sie sind bei einer Madame Godin erzogen worden – Erich hat sie lieb gehabt, als seien sie die seinen, und obgleich durch die Mutter tödlich beleidigt und verwundet, ist er doch so großmütig gewesen, sich der Kleinen anzunehmen, als die ehr- und pflichtvergessene Frau sie ohne alle Subsistenzmittel in der Pension zurückgelassen hat ... Madame Godin ist bald darauf gestorben, und mir, der er allein die Herkunft der Kinder anvertraut, hat er das strengste Stillschweigen auferlegt – er wollte den Geschwistern den demütigenden Schmerz, eine entartete Mutter zu haben, zeitlebens ersparen – sie danken ihm schlecht genug dafür!«

Sie rang leise die Hände ineinander und ging auf und ab. »Nur das nicht –« murmelte sie. »Die Stimme da drüben bestrickt mit einer wahrhaft dämonischen Gewalt – ich höre es! Wie das schmeichelt und klagt und weich fleht – sie wirft ihm neue Schlingen über –«

»Onkel, Onkel – ich leide furchtbar! ... Oh, ich elendes, ich undankbares Geschöpf!« schrie Charlotte drüben markerschütternd auf.

Ich stürzte zur Thür hinaus, die Treppe hinunter, durch die Gärten ... Ich war verstoßen aus dem Paradiese durch eigene Schuld, durch eigene Schuld ... Trotz Ilses energischer Abwehr und Warnung, gegen den entschiedenen Willen meines Vaters hatte ich heimlich und versteckt den Verkehr mit dieser verfemten Tante unterhalten. Ich hatte ihr durch meine Briefe den Aufenthalt ihrer Kinder verraten und auf diese Weise dem Manne, den ich mit allen Kräften meiner Seele liebte, den bösen Dämon seiner Jugend wieder zugeführt, dem er aufs neue verfiel, und der ihm voraussichtlich das Leben vergiftete! ...

In der Halle, wo das helle Lampenlicht auf mich fiel, hielt ich in meinem rasenden Laufe inne – nein, in diesem Zustande durfte ich nicht vor meinen Vater treten – Haar und Gesicht und Kleider troffen von Nässe von dem Märzregen, der draußen warm und lautlos niedersank; jeder Nerv bebte an mir, und die Wangen brannten im Fieber. Ich ging in meine Schlafstube, kleidete mich um und trank ein Glas kaltes Wasser. Ruhig, vollkommen ruhig mußte ich sein, wenn ich erlangen wollte, was ich für meine einzige Rettung hielt.

Mein Vater saß in seiner Stube, im bequemen Lehnstuhl, und las und schrieb abwechselnd, und neben ihm stand die dampfende Theetasse. Er sah so munter und wohlgemut aus, wie ich ihn selten vor seiner Krankheit gesehen hatte, und das liebe, alte, zerstreute Lächeln war auch wieder da. Im Wohnzimmer strich Frau Silber, die Wärterin, Butterbrötchen für ihn, regulierte nach dem Thermometer die Zimmerwärme, und winkte mir freundlich, nicht zu hastig einzutreten – sie war die verkörperte Fürsorge selbst, in besseren Händen konnte ich meinen Vater nicht wissen.

Ich setzte mich neben ihn auf ein Fußbänkchen, doch so, daß mein Gesicht völlig im Dunkeln blieb. Er erzählte mir freudig, der Leibarzt sei bei ihm gewesen und habe ihm die Mitteilung gemacht, daß er morgen zum erstenmal ausfahren dürfe, der Herzog werde ihn selbst im Wagen abholen – dann strich er mir schmeichelnd über den Scheitel und meinte, er freue sich, daß der Thee im Claudiushause nicht gar so lange gedauert habe und ich wieder bei ihm sei.

»Wie wird das aber werden, Vater, wenn ich auf vier Wochen in die Heide gehe?« fragte ich und bog mich noch tiefer in den Schatten zurück.

»Ich werde mich hineinfinden müssen, Lorchen,« sagte er. »Du mußt für eine Zeit in deine eigentliche Heimatluft zurück, um dich zu stärken – beide Aerzte haben es mir zur Pflicht gemacht. Sobald es warm wird –«

»Es ist warm draußen, köstlich mild,« unterbrach ich ihn rasch. »Denke dir, mich jagt es förmlich in die Heide – mir ist, als würde ich krank und könne den bösen Feind nur durch den frischen Heidewind abwehren ... Vater, wenn du mir einmal die Erlaubnis gibst, warum denn nicht heute abend noch?«

Er sah mich erstaunt an.

»Das kommt dir tollköpfig vor, nicht wahr?« sagte ich mit dem schwachen Versuch zu lächeln. »Aber es ist vernünftiger, als du denkst. Die weichste Luft weht draußen; ich fahre mit dem Nachtzug, bin morgen abend auf meinem lieben, lieben Dierkhof, trinke vier Wochen lang Milch und atme Heideluft, und bin gesund wieder da, wenn es hier – schön wird, wenn die Bäume blühen, und dann – ist alles, alles gut – gelt, Vater? ... Ich kann ja auch vollkommen ruhig gehen – Frau Silber bleibt bei dir, besser könntest du gar nicht aufgehoben sein – bitte, Vater, gib mir die Erlaubnis!«

»Was meinen Sie denn dazu, Frau Silber?« rief er unschlüssig hinüber.

»I, lassen Sie Fräulein Lorchen nur gehen, Herr Doktor!« sagte die gute Alte, breitspurig in die Thür tretend. »Der Mensch soll nicht gegen seine Natur sein, und wenn dem Fräulein zu Mute ist, als würde sie krank und könnte nur in der Heide gesund werden, da sagen Sie um Gottes willen nichts dagegen ... In einer Stunde geht der Nachtzug, packen Sie ein, Fräulein, ich helfe Ihnen und bringe Sie auf den Bahnhof.«

Auf flüchtenden Füßen verließ ich die Karolinenlust. Es war stockfinster, und meine Begleiterin konnte nicht sehen, wie mir die Thränen über das Gesicht strömten, wie ich hinüberwinkte nach dem Glashause, in welchem ich einen köstlichen Augenblick voll Glück erlebt hatte. Ich wollte nicht hinaufsehen an den Fenstern des Vorderhauses, als wir durch den Hof gingen – ach, was vermochte mein Wille gegen den Trennungsschmerz, der in mir tobte? Meine Augen hingen verzehrend an der Lichtflut in Charlottens Zimmer – man hatte vergessen, die Vorhänge zuzuziehen. Noch waren alle versammelt, man sah es an den lebhaft über die Zimmerdecke hinlaufenden wechselnden Schatten. Er verzieh ihr, der Treulosen, um deren willen er einst nachts wie gehetzt die Gärten durchmessen hatte – er versöhnte sich mit ihr – es war ja heute ein Tag der Versöhnung – während »die unbesonnene kleine Heidelerche«, von seinem Herzen weggescheucht, davonflog, hinaus in die lichtlose Nacht.

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