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Das Heideprinzeßchen

Eugenie Marlitt: Das Heideprinzeßchen - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
titleDas Heideprinzeßchen
authorE. Marlitt
publisherErnst Keil's Nachfolger
year1893
created19990720
senderinge.bayreuther@bibliothek.uni-regensburg.de
firstpub1872
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28.

Unser Uebereinkommen bezüglich meiner schriftlichen Leistungen für die Firma war auch in Kraft getreten. Ich erhielt die Arbeit durch Fräulein Fliedner und lieferte sie in ihre Hände wieder zurück und war sehr erstaunt, daß man mit Schreiben so unmenschlich viel Geld verdienen könne; denn die Sorgen traten nie mehr an mich heran, und doch blieb mir immer noch ein kleiner Schatz zur Verfügung.

Welche Veränderung! Ich fühlte mich unrettbar umstrickt und festgebunden an eine andere Seele, und doch beneidete ich den Vogel nicht mehr, der frei über die heimische Heide streifen durfte – ich hätte aufjubeln und es allen Winden erzählen mögen, daß ich gefangen sei, und meine Stirn mochte ich in der That an den Bäumen wund stoßen, nur um noch einmal wonnig zu fühlen, wie die andere Seele um mich leide. Um des einen willen vergaß ich mich und die ganze Welt und auch die Thatsache, daß ich zwei Sünden auf dem Gewissen hatte – die der Lüge und der verschwiegenen Mitwisserschaft eines ihn so tief berührenden Geheimnisses. Wie fiel ich dann aus all meinen Himmeln, wenn Charlottens Stimme mein Ohr traf, oder ihre gewaltige Erscheinung in meinen Gesichtskreis trat! Zwar, sie hüllte sich jetzt in eine stolze Zurückhaltung. Am Tag nach jenem stürmischen Abend war sie in mein Zimmer gekommen. – »Ich will Sie nicht mit meinen Fingerspitzen, ja nicht einmal mit dem Hauch meines Mundes berühren!« hatte sie mir von der Schwelle aus bitter zugerufen! – »Ich will nur Frieden mit Ihnen machen, Prinzeßchen! – Verzeihen Sie mir, was ich Ihnen angethan!« – Ich war auf sie zugesprungen und hatte gerührt ihre Hand ergriffen.

»Haben Sie gesehen, wie ich unseren Tyrannen gestern auf die Zinne führte? ... Er ist verloren! ... Ich gehe mit geschlossenem Munde und unterdrücktem Herzschlag im Krämerhause herum – jeden Bissen, den ich esse, vergällt mir der Ingrimm, die innere Empörung; aber ich halte aus – ich muß unseren kostbaren Schatz im Schreibtisch hüten, ich darf nicht gehen, ehe Dagobert kommt! ... O, wie will ich aufjubeln, wenn ich endlich die Thüre der Krambude für immer hinter mir zuschlagen und meinen Fuß auf den Boden des Elternhauses setzen werde!«

Bei diesem leidenschaftlichen Ausbruch hatte ich scheu ihre Hand sinken lassen und war zurückgetreten. Seit jenem Augenblick trafen wir uns selten allein; nur wenn ich im Hofwagen von der Prinzessin zurückkehrte, da kam sie in den Hof und begleitete mich durch den Garten, und ich mußte ihr erzählen und berichten ... Kurz nach dem Besuch im Claudiushause war die fürstliche Frau an einem Nervenleiden schwer erkrankt und hatte K. behufs einer schleunigen Kur verlassen müssen. Während ihrer Abwesenheit war ich selbstverständlich nicht an den Hof gekommen; nun aber mußte ich allwöchentlich zweimal erscheinen – das waren die einzigen Momente, wo Herr Claudius mit kaltfinsterem Gesicht umherging.

So unter Glück und herzbeklemmender Angst, unter innerem Kampf und doch auch wieder seligem Ausruhen war Woche um Woche verstrichen, und nun kamen die letzten Tage des Januar, und mit ihnen Dagobert ... Ein tödlicher Schrecken durchfuhr mich, als es hieß, der Herr Lieutenant sei mit Sack und Pack angekommen – so nahe, stieg der gefürchtete Moment tiefdunkel und riesengroß vor mir auf, ich mochte die Augen schließen, um ihn nicht zu sehen; und doch sagte ich mir, daß ein rasch befreiender, schmerzhafter Schnitt dem Schweben zwischen Fürchten und Hoffen vorzuziehen sei. Mochte doch die Entscheidung fallen, wie sie wollte, ich war dann meiner unseligen Mitwisserschaft ledig, ich durfte sprechen und meinen Leichtsinn reuig bekennen. Das waren schwere Tage für mich; denn auch noch eine andere Last bedrückte meine Seele – mein Vater erschien mir plötzlich unheimlich verändert. Sein ganzes Thun und Wesen erinnerte mich an die Zeit, wo es sich um den Ankauf der Münzen gehandelt hatte ; er aß nicht, und des Nachts hörte ich ihn ruhelos umherwandern. Eine befremdliche Flut von Briefen aus allen Richtungen her überschwemmte ihn, und mit jedem neuen, den er hastig erbrach, erhöhte sich die Fieberglut auf seinem eingefallenen Gesicht. Er schrieb anhaltend, aber nicht an dem Manuskript, das den Fund in der Karolinenlust behandelte – es lag unberührt auf dem Schreibtisch ... Angestrengt lauschte ich auf das Gemurmel seiner Selbstgespräche, unter denen er oft das Zimmer durchmaß; aber ich konnte kein Wort verstehen, und zu fragen wagte ich nicht, um ihn nicht ungeduldig zu machen.

Nie werde ich die Stunden vergessen, in denen seine gewaltsam beherrschte innere Unruhe endlich zum Durchbruch kam! Es war an einem jener trüben, dunklen Winternachmittage, die sich wie Blei über die Erde und die Menschenseelen legen. Mein Vater hatte sich nach Tische in sein Zimmer zurückgezogen und die eben eingelaufenen Zeitungen mitgenommen. Schon nach wenigen Minuten hörte ich ihn drinnen aufspringen; er schlug die Thüre krachend zu und rannte hinauf in die Bibliothek. Angstvoll ging ich ihm nach.

»Vater!« rief ich bittend und umschlang ihn, als er, ohne mich zu bemerken, an mir vorüberstrich.

Ich mußte wohl sehr erschrocken aussehen; denn er fuhr mit beiden Händen durch die Haare und bemühte sich sichtlich, ruhig zu erscheinen.

»Es ist nichts, Lorchen,« sagte er gepreßt. »Gehe nur wieder hinunter, mein Kind ... Die Leute lügen! Sie gönnen deinem Vater den Ruhm nicht – sie wissen, daß sie ihm den Todesstoß versetzen, wenn sie ihm seine Autorität antasten ... Und nun kommen sie zu Haufen, und jeder hat einen Stein in der Hand ... Ja, steinigt ihn, steinigt ihn! Er hat schon allzulange geleuchtet!«

Er schwieg plötzlich und sah über meinen Kopf hinweg nach der Thüre. Eine Dame war geräuschlos eingetreten, eine hohe Erscheinung in schwarzem Samtmantel und breitem Hermelinkragen. Sie schlug einen weißen Schleier zurück – Himmel, welche Schönheit! Ich mußte an Schneewittchen denken – Augen, schwarz wie Ebenholz, die Stirn weiß, und auf den Wangen lag eine sanfte Rosenglut.

Mein Vater starrte sie befremdet an, während sie mit schwebenden Schritten auf uns zukam. Ein feines Lächeln flog um ihren Mund, und schelmisch blinzelnd streifte ihr Seitenblick meinen Vater – das sah reizend, fast kindlich ungezwungen aus; und doch meinte ich, hinter den harmlosen Gebärden müsse ein ängstliches Herz klopfen, die kirschroten Lippen zuckten in nervöser Aufregung.

»Er kennt mich nicht,« sagte sie in wohllautenden Tönen, als mein Vater konsequent schwieg. »Ich werde ihn wohl an die Zeit erinnern müssen, wo wir im Garten zu Hannover gespielt haben, wo die ältere Schwester willig als Pferdchen umhergaloppierte und Willibalds Peitsche zu fühlen bekam – weißt du noch?«

Mein Vater wich zurück, als kämen aus dem Samtmantel der wunderschönen Frau die Krallen eines Ungeheuers. Mit einem eisigen Blick maß er sie von Kopf bis zu den Füßen – nie hätte ich gedacht, daß dieser stets so unsicher umherhastende Mann ein so festes Gepräge abweisender Härte und Kälte anzunehmen vermöchte.

»Ich kann mir unmöglich denken, daß Christine Wolf, die allerdings einst im Hause meines Vaters, des Herrn von Sassen gelebt hat, in der That meine Schwelle betritt,« sagte er streng

»Willibald –«

»Ich muß sehr bitten,« unterbrach er sie und hob abwehrend die Hand, »wir haben nichts miteinander gemein! ... Wäre es nur die Verirrte, die aus unbesiegbarer Neigung zur Kunst heimlich das mütterliche Haus verlassen hat – ich nähme sie sofort auf – mit der Diebin aber will ich nichts zu schaffen haben.«

»O mein Gott!« Sie schlug die Hände zusammen und sah schmerzhaft gen Himmel – ich begriff nicht, wie er diesem Madonnenblick widerstehen konnte, wenn mich auch das Wort »Diebin« wie ein elektrischer Schlag berührt hatte. – »Willibald, sei barmherzig! Richte nicht so streng diese eine Jugendsünde!« flehte sie. »Konnte ich denn die heißersehnte Laufbahn mit leeren Händen beginnen? Die Mutter bewilligte mir keinen Pfennig, das weißt du, und es war doch so wenig, so geringfügig, was ich von der reichen Frau verlangte –«

»Nur zwölftausend Thaler, die du aus ihrem festverschlossenen Sekretär mitnahmst –«

»Hatte ich nicht doch ein Recht darauf, Willibald? ... Sage selbst.«

»Auch auf die Brillanten unseres damaligen Gastes, der Baronin Hanke, welche mit dir spurlos verschwanden, und die meine Mutter mit den größten Opfern ersetzen mußte, nur um unser Haus vor der öffentlichen Schande zu bewahren?«

»Lüge, Lüge!« schrie sie auf.

»Gehe hinaus, Lorchen – das ist nichts für dich!« sagte mein Vater zu mir und führte mich nach der Thüre.

»Nein, gehe nicht, mein süßes Kind! Sei barmherzig und hilf mir ihn überzeugen, daß ich schuldlos bin! ... Ja, du bist Lenore! ... O ihr süßen, wonnigen Augen!« Sie zog mich in ihre Arme und küßte mich auf die Lider – der weiche Samtmantel fiel über mich her; ein köstlicher Veilchenduft entströmte ihrem Busen und berauschte mich förmlich.

Mit harter Hand riß mich mein Vater von ihr los. »Bethöre mir mein unschuldiges Kind nicht!« rief er heftig und führte mich hinaus.

Ich ging die Treppe hinab und kauerte mich auf der untersten Stufe wie betäubt nieder ... Das war also meine Tante Christine, »der Schandfleck der Familie«, wie sie Ilse, »der Stern«, wie sie sich selbst genannt hatte! ... Ein Stern war sie, diese hinreißend schöne Frau! ... Alles, was ich an weiblicher Lieblichkeit bis jetzt gesehen, es erblaßte neben dem Farbenreiz, dem Jugendhauch auf dem Gesicht meiner Tante! ... Wie schwer und wuchtig lagen die schwarzen Locken auf dem weißen Hermelin! Wie glänzte diese ungefurchte Stirn, von der feine Adern in zartem Blau sich über die Schläfen herabringelten! Ach, und die köstlich schmeichelnde Stimme, sie war wieder da, die Kur hatte geholfen! ... Die schlanken Hände, die mich so weich und lind angefaßt und an den Busen der bezaubernden Frau gezogen hatten – sie sollten gestohlen haben! ... Nein, nein, die Entrüstung meiner Tante widerlegte diese Beschuldigung vollständig – sah ich doch Thränen in ihren Augen blitzen!

Mit klopfendem Herzen horchte ich auf den Wortwechsel droben in der Bibliothek – ich konnte kein Wort erhaschen, und er dauerte auch nicht lange an. Die Thüre wurde geöffnet – »Gott mag dir vergeben!« hörte ich meine Tante sagen, dann rauschte ihre Schleppe die Treppe herab ... Ihre Schritte wurden immer matter und langsamer – plötzlich legte sie die Hand über die Augen und lehnte sich an die Wand. Ich sprang die Stufen hinauf und faßte ihre Rechte.

»Tante Christine!« rief ich tief ergriffen.

Sie ließ die Hand langsam von den Augen sinken und sah mich mit einem traurigen Lächeln an.

»Mein kleiner Engel, mein Augentrost, gelt, du glaubst nicht, daß ich eine Verbrecherin bin?« sagte sie, mir sanft das Kinn streichelnd. »Die bösen, bösen Menschen, wie hetzen sie mich mit ihren Verleumdungen durch das Leben! ... Was alles habe ich schon erdulden müssen! Und in welcher entsetzlichen Lage bin ich nun, wo dein strenger Vater mich unerbittlich verstößt! Kind, ich habe kein Dach über mir, keinen Pfühl, auf den ich nachts mein Haupt legen kann! Mit dem letzten Groschen in der Tasche habe ich K. mühsam erreicht – ich wollte ja dich sehen, dich, meine kleine Lenore! ... Gott im Himmel, nur für einige Tage ein Obdach, dann werde ich mir ja weiterhelfen!«

Das war eine peinliche Lage für mich ... Ich hätte ihr sofort mein eigenes Bett eingeräumt und auf dem Stroh geschlafen – so sehr umstrickte mich der Zauber dieser Frau; aber gegen den Willen meines Vaters durfte ich sie doch nicht im Hause behalten. Ich dachte an Fräulein Fliedner – sie war so gut und bereitwillig zu helfen, vielleicht wußte sie Rat ... Ach, alle meinen schönen Vorsätze, nach welchen ich stets zuerst überlegen und dann handeln wollte, wo waren sie hin? ...

Ohne ein Wort zu sagen, führte ich meine Tante die Treppe hinab und hinaus über den Kiesplatz – sie folgte mir lenksam wie ein Kind. Wir wollten eben in das Boskett einbiegen, da traten uns die Geschwister entgegen – Charlotte in weißglänzender Atlaskapuze und den violetten kostbaren Samtpelz um die Schultern geschlagen – sie wollten offenbar promenieren.

Ich hatte »den Herrn Lieutenant« noch nicht gesehen, denn ich war ihm konsequent ausgewichen, so oft er auch tagsüber die Karolinenlust aufsuchte. Nun erschrak ich vor ihm bis in das innerste Herz und fuhr zurück. Aber auch er schien überrascht – seine braunen Augen, vor denen ich mich seit jenem Auftritt im Saal der Bel-Etage stets entsetzte, hingen mit einem seltsamen Aufblitzen an meinem Gesicht. Ich that, als sähe ich die Hand nicht, die er mir lächelnd hinreichte, und stellte Charlotte meiner Tante vor. Mit Befremden sah ich, daß eine heftige Bewegung blitzschnell durch die schönen Züge der unglücklichen Frau lief – sie wollte sprechen, und doch kam kein Laut über ihre Lippen.

Charlotte neigte flüchtig und vornehm den Kopf, während ein ziemlich hochmütig musternder Blick die vor ihr stehende Erscheinung streifte.

»Fräulein Fliedner wird Ihnen schwerlich raten können,« sagte sie kalt zu mir, als ich ihr mein Vorhaben mit einigen Worten andeutete. »Und helfen noch viel weniger – wir haben sehr wenig Platz im Vorderhause ... Wenn ich Ihnen raten soll, so gehen Sie zu Ihren Freunden Helldorf – die haben doch gewiß ein Stübchen, wo Sie Ihre Frau Tante unterbringen können.«

Ich wandte mich empört ab, und meine Tante ließ hastig ihren Schleier über das Gesicht fallen.

In dem Augenblick ging der Gärtner Schäfer grüßend an uns vorüber. Das Schweizerhäuschen war sein Eigentum, und ich wußte, daß er die sogenannte Putzstube seiner verstorbenen Frau öfter an Fremde vermietete. Ich lief ihm nach und fragte ihn – er war sofort bereit, meine Tante aufzunehmen, und bat sie, gleich mitzukommen, es sei alles »in schönster Ordnung«.

Ohne noch einen Blick auf die Geschwister zu werfen, ging sie neben dem alten Manne her, der in seiner gutmütig sanften Weise zu ihr sprach und sie nach der Thür führte, zu welcher ich den Schlüssel hatte ... War es doch, als triebe sie eine gewaltige innere Aufregung vorwärts – Schäfer vermochte kaum Schritt mit ihr zu halten, und ich blieb, trotz aller Bemühungen, eine ziemliche Strecke hinter ihnen zurück.

»Um Gottes willen, schaffen Sie sich diese hereingeschneite Tante vom Halse!« raunte mir Charlotte zu. »Mit der legen Sie keine Ehre ein – die Schminke sitzt ihr ja fingerdick auf dem Gesicht! ... Und dieser imitierte Theaterhermelin! Fi donc! ... Kind, Sie haben ja eine merkwürdige Verwandtschaft – eine Großmutter, die eine geborene Jüdin ist, und nun gar diese über und über gefirnißte Komödientante! ... Apropos, kommen Sie nicht zu spät heute Abend – Onkel Erich läßt es sich, wider Erwarten, ein tüchtiges Stück Geld kosten – das Glashaus wird brillant beleuchtet – mag es ihm gut bekommen!«

Sie lachte auf und ergriff den Arm Dagoberts, der meiner Tante forschend nachsah.

»Ich weiß nicht – ich muß der Frau schon einmal begegnet sein,« sagte er und legte die Hand nachsinnend an die Stirn. »Gott mag wissen wo –«

»Nun, das ist doch sehr leicht zu sagen – du wirst sie auf der Bühne gesehen haben,« meinte Charlotte und trieb ihn ungeduldig weiter.

Tief erbittert sah ich ihnen nach ... Arme Tante! Ja, sie war eine unglückliche, von den Menschen verfolgte Frau – nun sollte gar auch das einzige, was sie noch besaß, ihre Schönheit, eine – gemalte sein.

Ich fand das Erkerstübchen, in das uns Schäfer führte, überaus hübsch und gemütlich. In wenigen Minuten hatte der alte Mann Feuer im Ofen gemacht und auf die Fenstersimse vollblühende Rosen- und Resedastöcke gestellt.

»Eng und niedrig,« sagte meine Tante und hob den Arm, als wolle sie an die schneeweiße Zimmerdecke greifen. »Ich bin das nicht gewohnt, aber ich werde schon aushalten -mit gutem Willen kann man alles, gelt, mein Engelchen!«

Sie warf Hut und Mantel ab und stand im königsblauen Samtkleide vor mir. An den Nähten und Ellenbogen war das Prachtgewand freilich verblichen und abgeschabt, aber es umschloß einen tannenschlanken Wuchs; die kleine Schleppe vervollständigte den wahrhaft fürstlichen Anstand der ganzen Erscheinung, und aus dem tiefen, herzförmigen Ausschnitt leuchtete Schneewittchens blendende Brust ... Und welch ein Haar! Ueber der Stirn kräuselten sich die blauschwarzen Locken, sie fielen lang und voll über Rücken und Brust hinab, und doch umschlangen noch die reichsten Flechten den feinen Kopf – wie er diese märchenhafte Pracht ertrug, begriff ich nicht, noch weniger aber, daß er sich dabei so rasch und anmutig bewegte.

Diese unverhohlene Bewunderung las sie jedenfalls auf meinem Gesicht.

»Nun, kleine Lenore, gefällt dir deine Tante?« fragte sie schelmisch lächelnd.

»Ach, du bist zu schön!« rief ich enthusiastisch. »Und so jung, so jung – wie ist das nur möglich? Du bist doch drei Jahre älter als mein Vater!«

»Närrisches Ding, das schreit man nicht so in alle vier Winde hinaus!« rief sie gezwungen lachend und legte ihre zarte Hand auf meinen Mund.

Ihre Augen fuhren suchend im Zimmer umher und blieben auf dem kleinen Spiegel an der Fensterwand hängen.

»Ach, das geht aber nicht, nein – das geht wirklich nicht!« fuhr sie ganz erschrocken auf. »In dieser Scherbe sieht man ja kaum die Nasenspitze! ... Wie soll ich denn die Toilette machen? Ich bin doch keine Bauernfrau, Kind – ich bin gewohnt, fürstlich zu leben! ... Man fügt sich ja gern einmal, aber – das kann ich nicht ! ... Gelt, du verschaffst mir ein anderes anständiges Glas, damit ich wenigstens annähernd meine gewohnte Ordnung habe? ... Da drüben in dem Schlosse, wo du augenblicklich wohnst, gibt es gewiß irgendeinen überflüssigen Trümeau ... Kindchen – im Vertrauen – jede Aufmerksamkeit, die du mir in diesem vorübergehenden Moment des Gedrücktseins erzeigst, sie wird dir später von einer anderen Seite tausendmal gedankt werden ... Lasse getrost herüberschaffen, was ich zur Bequemlichkeit nötig habe – ich werde es verantworten.«

»Wie kann ich denn das, Tante?« antwortete ich ganz verdutzt. »Die Möbel in unseren Zimmern gehören ja Herrn Claudius!«

Sie lächelte.

»Ich möchte nicht einen Stuhl anders stellen, als ich ihn gefunden habe,« fuhr ich ernstlich protestierend fort. »Aus der Karolinenlust kann ich dir mit dem besten Willen nichts verschaffen; aber vielleicht gibt dir Frau Helldorf, was du brauchst – wir wollen hinaufgehen.«

Es schlug mich sehr nieder, als auch die kleine Frau meine schöne, prächtig geschmückte Protégée mit einem sichtlich befremdeten Blicke empfing. Es half nichts, daß ihr meine Tante mit unwiderstehlich süßer Stimme tausend Schönheiten sagte und die beiden im Zimmer spielenden Kinder goldgelockte Engel nannte. Das feine Gesicht meiner Freundin verlor nichts von seiner kühlen, mißtrauischen Zurückhaltung, und als ich schließlich mit der Bitte um den Spiegel zögernd herausrückte, da wurde sie steif wie eine Statue, nahm den ziemlich großen Spiegel – ihren einzigen – von der Wand, übergab ihn der schönen Frau und sagte mit unverkennbarem Spott: »Ich kann mich auch so behelfen.«

»Seien Sie vorsichtig, Lenore, ich bitte Sie dringend! Ich werde auch wachen,« flüsterte sie mir auf dem Vorsaale zu, während das blaue Samtkleid im Treppenhause verschwand.

Sehr kleinlaut legte ich drunten meine kleine Börse auf den Tisch. Ich erhielt dafür einen Kuß und die Versicherung, daß mir in jedenfalls sehr kurzer Zeit »alle meine kleinen Opfer« tausendfache Zinsen eintragen würden. Dann aber machte sich meine Tante emsig daran, den Spiegel so günstig wie möglich zu placieren, und ich kehrte mit doppelt schwerem Herzen in die Karolinenlust zurück.

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