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Das Heideprinzeßchen

Eugenie Marlitt: Das Heideprinzeßchen - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
titleDas Heideprinzeßchen
authorE. Marlitt
publisherErnst Keil's Nachfolger
year1893
created19990720
senderinge.bayreuther@bibliothek.uni-regensburg.de
firstpub1872
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26.

»Wollen Sie mir Unterricht geben?« fragte ich den Oberlehrer Helldorf, der vor einem ungeheuren Paket Schulheften korrigierend saß. »Ich will lernen, so viel lernen, wie nur in meinen Kopf hineinzubringen ist! Ich bin schon ein sehr altes Mädchen und kann nicht einmal ordentlich schreiben.« Er lächelte, und seine reizende kleine Frau auch, und wir machten einen festen Kontrakt, nach welchem ich wie ein Kind in der Familie im Schweizerhäuschen aus und ein gehen und täglich mindestens drei feste Unterrichtsstunden erhalten sollte. Diesen Vertrag teilte ich Fräulein Fliedner mit; sie erklärte sich damit vollkommen einverstanden und übernahm es auf meine Bitten, die Geldangelegenheiten dabei zu besorgen; so brauchte ich doch nicht in Herrn Claudius' Schreibzimmer zu gehen.

Ich lernte von da an unermüdlich. Freilich flog die Feder anfangs oft genug unter den Tisch, und ich rannte mit heißem Kopf und thränengefüllten Augen in den Wald hinein – aber ich kehrte auch aufseufzend wieder um, nahm dem kleinen, stählernen Tyrannen langsam vom Boden auf und malte weiter, bis das Nachmalen allmählich aufhörte, und die festen hübschen Züge, flink über das Papier hinlaufend, der Ausdruck lebendiger Gedanken wurden – da fiel es mir wie Schuppen von den Augen! ... Ich kam zur Freude meines Lehrers unglaublich schnell vorwärts, und nun dehnte sich der anfangs auf wenig Fächer beschränkte Unterricht auch auf die Musik aus. Hier kam mir meine natürliche Begabung sehr zustatten, und bald stand ich am Klavier neben dem jungen Helldorf und sang Duette mit ihm.

Dieser Verkehr im Schweizerhäuschen, den mein Vater billigte, und welchen Herr Claudius und Fräulein Fliedner offen protegierten, wurde von anderer Seite mit grimmigen und scheelen Augen angesehen. Eckhof war wütend, und Charlotte in einer mir unbegreiflichen Weise indigniert und hämisch. Ich erfuhr nun auch Näheres über den Konflikt zwischen dem alten Buchhalter und seiner Tochter. Helldorf hatte Theologie studiert und sich schon als Student mit Anna Eckhof verlobt. Der alte Mystiker war damit einverstanden gewesen, hatte aber die Bedingung gestellt, daß der junge Mann nach vollendeten Studien als Missionär – und zwar als ein auf sämtliche lutherische Bekenntnisschriften streng verpflichteter Missionär – mit seiner Frau nach Ostindien gehen solle. Die Klausel war dem Bräutigam allmählich drückend geworden, er verwahrte sich schließlich energisch dagegen und demaskierte sich als entschiedener Feind alles pietistischen Wesens und der frommen Phrase. Zudem erklärte der Arzt die Konstitution des jungen Mädchens für viel zu zart, als daß ihr das aufregende, an Entbehrungen reiche Leben einer Missionärsfrau zugemutet werden dürfe. Den Alten hatte das völlig unberührt gelassen – fanatisch genug hatte er gemeint, der Herr werde ihr schon die Kraft durch seine Gnade geben, und wenn nicht, dann gehe sie ja ein zu ihm als echte, rechte Streiterin der heiligen Kirche ... Er hatte sie verstoßen, als Helldorf fest bei seiner Weigerung geblieben war, und sie nicht von dem Manne ihres Herzens lassen wollte ...

Der Groll des alten Mannes über die plötzlich durchbrochene Scheidewand zwischen dem verfemten Nachbarhaus und dem bisher von ihm beherrschten Grund und Boden begriff ich deshalb vollkommen; was aber bewog Charlotte, meinen Umgang mit der Lehrerfamilie anzufeinden? ... Zornig sagte sie mir wiederholt ins Gesicht, sie begreife nicht, wie Herr Claudius in meine achtlosen Kinderhände den Schlüssel zu einer Thür legen könne, an welcher der öffentliche Fahrweg vorüberlaufe – eines schönen Tages werde ja wohl alles Bettelvolk den Garten überschwemmen. Sie behauptete, ich sei unleidlich hochmütig geworden, seit mir die Gelehrsamkeit mit dem Nürnberger Trichter beigebracht werde; von dem »reizend natürlichen Heideprinzeßchen« finde sie keine Spur mehr, und meine Locken ordne ich plötzlich mit einem Schick, der auf eine bedeutende Portion Koketterie schließen lasse. Noch grimmiger und verbissener aber wurde sie, als der Musikunterricht begann. Ich traf sie oft hinter der Gartenmauer, wenn ich nach dem Schluß der Stunde rasch eintrat; mit sprühenden Augen, aber dennoch mit fast verletzend nachlässiger Weise meinte sie stets, der kleine Vogel erfreue sich ja einer recht lauten Kehle – sie habe so im Vorübergehen einige Töne aufgefangen; als mich aber eines Sonntagnachmittags mein Mitsänger, der junge Helldorf, bis an die Gartenthür begleitete hatte, da fuhr sie drinnen aus dem Gebüsch auf mich zu und stieß ein unauslöschliches Gelächter aus, das sie dann und wann mit einem höhnischen: »Darf man gratulieren, Fräulein von Sassen?« unterbrach.

Ich ließ sie gewähren, weil ich in Wirklichkeit ihr Wesen nicht verstand. Im übrigen beherrschte sie sich hinsichtlich des schwebenden Geheimnisses weit mehr, als ich erwartet hatte. Nur in zwei Dingen trat der erhöhte Stolz schärfer zutage – in dem Umstand, daß sie zu Fräulein Fliedners Verdruß bei Tisch nie anders mehr als in starrer Seide erschien, und in ihrer Verachtung des bürgerlichen Elementes. Am meisten mußte das der junge Helldorf fühlen, den Herr Claudius immer mehr in sein Haus zog. Sie behandelte ihn mit einer Kälte und Schroffheit, die mich oft erbitterte, um so mehr, als sich allmählich ein schönes, rein geschwisterliches Verhältnis zwischen ihm und mir feststellte. Zu meiner Genugthuung bot er der verletzenden Behandlung stolz die Stirne – er ignorierte die hochmütige Dame völlig ... Ich konnte das sehr oft beobachten, weil auch ich an den kleinen Theezirkeln im Hause Claudius teilnahm, und zwar stets in Begleitung meines Vaters. Zwischen ihm und Herrn Claudius bestand ein ziemlich lebhafter Verkehr. Herr Claudius kam sehr viel, was er früher nicht gethan, in die Bibliothek, und mein Vater ging oft abends hinüber in das zur Sternwarte eingerichtete Zimmer. An den Theeabenden saßen sie stets zusammen – sie schienen sich sehr gut zu verstehen; nur berührten sie nie, so oft ich auch hinlauschen mochte, die Münzangelegenheit ... Meine Stellung zu Herrn Claudius aber wurde trotz dieses Verkehrs keine andere. Ich zog mich im Gegenteil strenger und ängstlicher als je von ihm zurück – das Geheimnis, um welches ich wußte, stand zwischen uns. Im Januar, mit Dagoberts Rückkehr, sollte ja die Angelegenheit zum Austrag kommen – war ich bis dahin freundlich oder auch nur scheinbar harmlos ihm gegenüber, wie falsch stand ich dann da, wenn ihm die Augen aufgingen! ... Und noch etwas scheuchte mich aus seiner Nähe. Oft, wenn ich im Gespräch mit anderen plötzlich aufsah, da überraschte ich seinen Blick, wie er in einer Art von schmerzlicher Versunkenheit an mir hing; ich wußte wohl warum – er sah immer wieder die Lüge, die meine junge Stirne befleckte. Das jagte mir das Blut in das Gesicht und stachelte aufs neue den häßlichen Trotz des Unrechts in mir auf ... Er nahm mein abweisendes Verhalten hin als etwas, das er nie anders erwartet habe. Mit keinem Worte betonte er die Vormundschaftsrechte, die ihm Ilse eingeräumt, obgleich ich wußte, daß er nach wie vor über meinem Thun und Treiben wachte und sich insgeheim sogar mit meinem selbstgewählten Lehrer in Verbindung gesetzt hatte – er hielt das Versprechen, das er Ilse gegeben, unverbrüchlich, so drückend und lästig es ihm auch mit der Zeit werden mochte. Mich überkam oft eine jähe Angst, wenn ich ihn mit seinem milden Ernst in so unantastbarer Haltung unter seinen Gästen sitzen und das in der Luft schwebende Geheimnis über seinem Haupte drohen sah – wie wird er wohl hervorgehen aus all den Enthüllungen?

So waren drei Monate vergangen. Mit Stolz sah ich auf die festen, schlanken Züge meiner Handschrift, denen ich nun auch Seele einzuhauchen wußte. Stand ich doch bereits in Briefwechsel, und zwar in einem geheimen, mit meiner Tante Christine. Sie hatte mir für die Uebersendung des Geldes in fast überschwenglicher Weise gedankt und mir angezeigt, daß sie sich nach Dresden in ärztliche Behandlung begeben und die sichere Hoffnung habe, ihre Stimme wieder zu bekommen. Ihren Versicherungen nach war ich ihre Retterin, ihr Schutzengel und das einzige Wesen, das noch Mitleid mit einer armen, schwergeprüften Frau habe – sie sprach wiederholt den heißen Wunsch aus, mich nur einmal in ihre Arme schließen zu dürfen. Diese Korrespondenz erschütterte mich dergestalt, daß ich eines Tages meinem Vater gegenüber schüchtern die unglückliche Tante erwähnte. Er fuhr empor und verbat sich das für alle Zeiten, wobei er entrüstet sagte, er begreife Ilse nicht, daß sie dieses dunkle Stück Familiengeschichte vor meinen Ohren habe laut werden lassen ... Ihre immer häufiger werdenden Briefe ängstigten mich darauf hin nicht wenig, allein ich konnte es doch nicht über das Herz bringen, sie zu ignorieren.

Aber auch noch andere Sorgen brachen in mein Leben herein. Ich, die ich bis vor wenigen Monaten nicht gewußt hatte, was Geld war, ich rechnete jetzt ängstlich mit jedem Groschen, denn – er fehlte häufig. Ich hatte freudig und nicht ohne Geschick unser kleines Hauswesen übernommen; ich richtete jeden Abend einen hübschen, kleinen Theetisch in der Bibliothek her, eine Annehmlichkeit, die mein Vater längst nicht mehr gekannt hatte; aber daß das schließlich auch bezahlt werden müsse, begriff ich nicht eher, als bis mir das Stubenmädchen einen langen Zettel voll Auslagen vorlegte.

»Geld?« schreckte mein Vater aus seinen Papieren auf, als ich ihm ahnungslos den Zettel brachte. »Mein Kind, ich begreife nicht – wofür denn?« Er fuhr suchend in die Westentasche und in die Seitentaschen des Rockes. – »Ich habe keines, Lorchen!« erklärte er achselzuckend mit einer hilflosen Angstgebärde. »Wie ist mir denn – habe ich nicht das Abonnement im Hotel erst vor kurzem bezahlt?«

»Ja, Vater! Aber das sind Auslagen für Abendbrot!« – stotterte ich betroffen.

»Ach so!« Er zerwühlte mit beiden Händen das Haar. »Ja, mein Kind, das ist mir etwas ganz Neues – ich habe das nie gebraucht ... Da, da« – sagte er und stieß nach einem aus grauem Papier hervorguckenden Stückchen Zucker, das auf seinem Schreibtisch lag – »das ist außerordentlich nahrhaft und gesund.«

Ach, wie erschrak ich, und wie gingen mir plötzlich die Augen weit auf!

Mein Vater hatte eine bedeutende Einnahme; aber er versagte sich das Nötigste um seiner Sammlungen willen. Daher dieses zum Entsetzen abgemagerte Gesicht, das bereits unter meiner und Ilses kurzer Pflege ein auffallend gesünderes Aussehen bekommen hatte. Wenn ich auch wollte, um seiner selbst willen durfte ich auf diese Zuckerdiät nicht eingehen. Aber mir fehlte aller Mut, ihm gegenüber aufzutreten, nicht einmal zu bitten wagte ich, wenn ich nun sehen mußte, daß er Hunderte von Thalern für vergilbte Handschriften oder eine alte Majolikavase hingab und nicht einen Pfennig in der Tasche behielt. Sein sanftes, liebreiches Wesen, seine fast kindliche Glückseligkeit, mit der er mir die acquirierten Schätze zeigte, und mein eigener hoher Respekt vor seinem Beruf und Wissen verschlossen mir den Mund.

Ich suchte den kleinen Geldbeutel hervor, den mir Ilse »für den Notfall« im Koffer zurückgelassen und den ich bis dahin mißachtet hatte. Sein Inhalt reichte für einige Zeit; aber nun, mit dem letzten Groschen kam die quälende Sorge. Ilse durfte ich nicht mit einer derartigen Bitte kommen, und Herrn Claudius auch nicht, ich mußte ihm ja stets mitteilen, in welcher Weise ich das meinem Vermögen entnommene Geld verwenden wollte. Jetzt, wo ich anfing, Menschen und Verhältnisse klarer zu beurteilen, jetzt erinnerte ich mich auch, daß er das Sammeln, sobald es zur Leidenschaft wurde, streng verwarf – ich verstand jenen Ausspruch, solch ein Sammler nehme die Mittel vom Altar, nunmehr vollkommen und durfte nicht erwarten, daß er auf mein Verlangen einging. Aber über das, was ich s elbst verdiente, hatte er kein Recht; ich brauchte ihm nicht einmal zu sagen, zu welchem Zweck ich den Erlös verwendete – wie ein Blitzstrahl kam mir der rettende Gedanke ...

Schon am zweiten Tage nach dem Unglück in Dorotheenthal hatte ich das junge Mädchen, dessen Mutter ertrunken war, am Fenster eines der Hinterzimmer sitzen sehen – das schöne, bleiche Gesicht tief vornüber gebückt, hatte sie so emsig gearbeitet, daß es mir unmöglich gewesen war, auch nur einen Blick von ihr zu erhaschen.

»Was thut sie denn?« hatte ich Fräulein Fliedner gefragt.

»Sie hat um Beschäftigung gebeten, weil sie meint, nur auf diese Weise Herr ihrer Schmerzen zu werden. Sie schreibt die Blumennamen auf die Samentüten – ihr Vater war Lehrer in Dorotheenthal – sie schreibt sehr schön.«

Das fiel mir wieder ein, als Emma, das Stubenmädchen, mir eines Tages abermals ein Papier voller Zahlen vorlegte – ich hatte nicht über einen Pfennig mehr zu verfügen und bat sie stockend um einige Tage Frist. Sichtlich erstaunt und betroffen verließ sie das Zimmer, und ich ging abends um die sechste Stunde mit klopfendem Herzen in das Vorderhaus ... Es war Theeabend bei Herrn Claudius – mein Vater war auch eingeladen, aber vorläufig verweilte er noch im Schloß, um die Prinzessin Margarete zu begrüßen, die heute nach fast dreimonatlicher Abwesenheit in die Residenz zurückkehrte.

In Fräulein Fliedners Zimmer legte ich Mantel und Kapuze ab.

»Kindchen,« sagte die alte Dame ein klein wenig verlegen und zog meinen Kopf an ihre Brust, »wenn es einmal in Ihrer Kasse nicht stimmen sollte – nicht wahr, dann kommen Sie zu mir?«

Ich erschrak – Emma hatte geplaudert; aber nun wollte ich erst recht nicht meine Verlegenheit eingestehen – ich schämte mich im Namen meines Vaters. Was half es mir auch, wenn sie mir Geld lieh? Es mußte doch zurückgezahlt werden ... Ich dankte ihr herzlich und ging ziemlich festen Schrittes nach dem Kontor – zum erstenmal, seit Ilse fort war.

Schon draußen hörte ich Herrn Claudius auf und ab gehen. Als ich die Thür öffnete, wandte er sich nach dem Geräusch um und blieb mit auf den Rücken gelegten Händen stehen. Nur über seinem Schreibtisch brannte eine mit grünem Schirm versehene Lampe, alle anderen Tische waren dunkel – die Herren hatten bereits die Schreibstube verlassen.

Ein Schauer durchfuhr mich – der hohe, schlanke Mann da hatte eben noch auffallend hastigen Schrittes das einsame, halbdunkle Zimmer durchmessen – mehr als je mußte ich der Zeit gedenken, wo ihn leidenschaftlicher Schmerz ruhelos durch die Gärten gehetzt hatte. Mein Erscheinen im Kontor schien ihn sehr zu befremden – wie unwillkürlich griff er nach dem Lampenschirm und hob ihn, so daß der volle Lichtschein auf meine schüchtern an der Thür verharrende kleine Person fiel. Mir war so peinlich zu Mute, als sei ich plötzlich an den Pranger gestellt; aber ich nahm alle Energie zusammen, schritt auf ihn zu und legte unter einer ziemlich mißglückten, leichten Verbeugung ein Papier vor ihm auf den Schreibtisch.

»Wollen Sie die Güte haben und die Handschrift prüfen?« sagte ich mit niedergeschlagenen Augen.

Er nahm das Papier auf.

»Hübsche, charaktervolle Züge – sie stehen fest und trotzig, ich möchte sagen, geharnischt da und entbehren dennoch nicht der Grazie,« sagte er – mit einem halben Lächeln wandte er mir das Gesicht zu. »Man sollte meinen, der Schreiber habe einen eisernen Handschuh angezogen, um eine zärtlich weiche, kleine Hand zu maskieren.«

»Also hübsch sind sie – ob aber auch brauchbar? – Ich wäre froh!« sagte ich gepreßt.

»Ach so, es geht Sie näher an, als ich dachte – Sie haben das selbst geschrieben?«

»Ja!«

»Und was verstehen Sie unter brauchbar? – Genügt es Ihnen nicht, daß Sie plötzlich so hübsch und – man sieht es der Schrift an – so flink und fließend zu schreiben vermögen?«

»O nein, noch lange nicht!« versetzte ich hastig. »Ich will so schreiben können, daß – daß man mir Arbeit anvertraut.« – Jetzt war es heraus, und ich wurde mutig. »Ich weiß, Sie lassen auch durch Frauenhände die Blumennamen auf die Samentüten schreiben – wollen Sie es einmal mit mir versuchen? ... Ich werde mir die größte Mühe geben und genau nach Vorschrift arbeiten.« – Ich sah zu ihm auf, senkte aber auch den Blick sofort wieder – seine blauen Augen hingen so feurig und doch wieder in einer Art von Mitleid schmelzend an meinem Gesicht – sie waren so glutvoll beredt, als gehörten sie gar nicht zu der übrigen ruhig würdevollen Erscheinung.

»Sie wollen für Geld arbeiten?« fragte er dennoch sehr gelassen, fast geschäftsmäßig. »Ist Ihnen denn nicht eingefallen, daß Sie das nicht brauchen? Sie haben ja Vermögen ... Sagen Sie mir, wieviel Sie wünschen, und zu welchem Zweck.« – Er legte die Hand auf die eiserne Kiste, die neben ihm stand.

»Nein, das will ich nicht!« rief ich heftig. »Lassen Sie das Geld nur liegen für spätere Zeiten. Meine liebe Großmutter sagte, es genüge, um die Not abzuwehren, und in Not bin ich noch nicht – Gott bewahre!«

Er ließ seine Hand von dem Kasten niedersinken – ich weiß nicht, weshalb mir bei seinem eigentümlichen Lächeln der Gedanke kam, er wisse auch bereits um Emmas Plauderei. Das schlug mich sehr nieder, es bestärkte mich auch zugleich in meinem Entschluß.

»Sie haben offenbar eine falsche Vorstellung von der Arbeit, der Sie sich unterziehen wollen,« versetzte er. »Ich weiß es, nach fünf Minuten werden die Wangen heiß werden, werden die Gedanken hinter der Stirne und die Füße unter dem Tisch gegen das verhaßte Schreiben rebellieren –«

»Das ist jetzt anders,« unterbrach ich ihn kleinlaut und beschämt – er citierte meine eigenen kindischen Worte, mit denen ich ihm ehemals meinen Abscheu gegen das Schreiben geschildert hatte. »Schwer genug ist mir's geworden, das ist wahr, ich leugne es gar nicht, aber ich habe mich überwunden.«

»Wirklich?« – Das fatale Lächeln flog wieder um seine Lippen. »Sie haben also die Heidegewohnheiten vollständig abgeworfen? Sie verabscheuen das Baumklettern und begreifen nicht mehr, wie Sie einst durch den Fluß laufen konnten?«

»O nein, so gebildet bin ich noch lange nicht!« fuhr es mir wider Willen heraus. »Ich kann mir überhaupt nicht denken, daß je eine Zeit käme, wo ich ohne Sehnsucht das Rauschen der Bäume und das lustige Wasserrieseln hören könnte – aber ich werde die Sehnsucht so beherrschen lernen, wie ich mit zusammengebissenen Zähnen diese Züge« – ich zeigte auf das Papier – »gegen meine Neigung erzwungen habe.«

Er wandte sich ab und sah an dem grünen Fenstervorhang empor, als wolle er die Webefäden zählen. Dann nahm er eine kleine Papierhülse und hielt sie mir hin. In schöngeschwungenen kräftigen Linien stand darauf: »Rosa Damascena«.

»Denken Sie sich, Sie müßten die Aufschrift vierhundertmal wiederholen,« sagte er nachdrücklich.

»Gut, Sie sollen sehen, daß ich's kann! ... Es ist ja ein Blumenname, und wenn ich das Wort ›Rose‹ tausendmal schreiben müßte, ich würde mir immer ihren köstlichen Duft dabei einbilden – ein Rosenkelch ist für mich ein Wunder, ich habe ihn immer für das Königsschlößchen der Käfer gehalten – das ist auch noch so eine von meinen ›Heidegewohnheiten‹ – wollen Sie mir nun die Arbeit anvertrauen?«

Er schwieg, und jetzt fiel es mir schwer auf das Herz, daß er alle diese Schwierigkeiten nur erhebe, um mir nicht direkt sagen zu müssen, daß er mein Geschreibsel nicht brauchen könne. Tief gedemütigt dachte ich an Luise, die Lehrerwaise – sie war ja noch im Hause, und ihre fleißigen, geschickten Hände wurden sehr gerühmt; sie machte die Sache jedenfalls ungleich besser, und es war vermessen von mir, mich ihr gleichzustellen. Ach, wie bitter bereute ich, in die Schreibstube gegangen zu sein! ... Nicht ohne eine heftige Aufwallung des alten Trotzes nahm ich meine Probeschrift und steckte sie in die Tasche.

»Ich fühle, daß ich unbescheiden gewesen bin und eine zu hohe Meinung von meinen Leistungen gehabt habe,« sagte ich mit fliegendem Atem. »Jetzt, wo ich diese schöne, graziöse Schrift sehe« – ich deutete nach der Papierhülse – »jetzt bin ich beschämt –«

Hastig schritt ich nach der Thür, aber da stand er auch schon neben mir.

»Gehen Sie nicht so von mir,« sagte er in seinen weichsten Tönen. »Ich handle thöricht! Sie geben mir den ersten Beweis eines schwach aufkeimenden Vertrauens, und ich widerspreche Ihnen. – Aber ich kann nicht zugeben, daß Sie sich einer Marter unterziehen, die Ihrer ganzen Natur zuwiderläuft – Sie haben mir selbst gesagt, daß Sie das rein Mechanische ›mit zusammengebissenen Zähnen‹ vollbringen ... Ich will ferner nicht, daß Ihre reine Hand, die bis jetzt das Geld mit seinem anklebenden Fluch kaum berührt, sich um den Groschen müht – das siebzehnjährige Menschenwunder, das noch nie Geld gesehen, glauben Sie, es wäre damals so flüchtig an mir vorübergegangen, wie vielleicht eine neue Gegend, eine fremdartige Nationaltracht oder dergleichen? ... Ich habe Ihnen gleich zu Anfang erklärt, daß das überwuchernde wildtrotzige Element in Ihrer Natur gezügelt werden müsse – das Ungebärdige entstellt in meinen Augen das Weib, und mögen es Tausende als wilde Grazie preisen – aber Ihre Individualität darf dabei nicht angetastet werden.«

»Nun, das Zügeln übernehme ich ja, indem ich arbeiten, fest und angestrengt arbeiten will,« versetzte ich hartnäckig. »Ich weiß es, andere suchen die Heilung auch in der Arbeit – Sie selbst sind ja thätig von früh bis spät und verlangen von Ihrer Umgebung streng das Gleiche.«

Er lächelte.

»Ich verlange von jedem mit Recht die angestrengte Thätigkeit in seinem Berufe ... Aber meinen Sie denn, ich sei ein so eingefleischter Arbeiter, daß ich urteilslos alles in eine und dieselbe Form knete? ... Einen, der mit grober Säge die überflüssigen Aeste vom Baume schneidet, lasse ich ruhig schalten und walten; allein ich kann sehr schelten, wenn er mir mit rohem Finger eine feine Blüte berührt und den keuschen Samt von den Blättern streift ... Ich möchte wohl das widerspenstige Zurückwerfen dieses kleinen Lockenkopfes gemildert sehen, aber nur durch die errungene geistige Ueberlegenheit, niemals unter dem lähmenden Joch der mechanischen Arbeit.«

Ich stand auf dem Punkt, die Aussicht auf den einzig möglichen Erwerb zu verlieren, weil ich es nicht über mich gewinnen konnte, den geschäftsmäßigen Ton wieder anzuschlagen, der ihn selbst treulos verlassen hatte. Alles, was er sagte, klang so verhalten und gedämpft, als fürchte er, jede lautere Hebung der Stimme könne eine innere Glut zum Brand schüren, ihn zur Heftigkeit fortreißen. – War denn ein Wort gefallen, das die Erinnerung an die treulose Frau geweckte hatte? ... Bewegt durch ein unerklärlich heftiges Weh- und Mitgefühl für den einst so schwer Gekränkten, griff ich zu dem einzigen Mittel, das mir blieb – zu der Bitte. Ich sprach und bat in warmen Tönen, vor denen ich selbst erschrak.

Ein Aufstrahlen flog wie Sonnenschein über sein Gesicht.

»Nun denn, Sie sollen haben, was Sie wünschen!« sagte er wie nach kurzem Ueberlegen mit vibrierender Stimme. »Ich begreife jetzt, weshalb selbst die strenge, rauhe Frau Ilse so wenig mit dem ›Heideprinzeßchen‹ auszurichten vermocht hat! ... Nein, nein, so rasch sind wir noch nicht fertig!« rief er, als ich nach einigen Dankesworten das Zimmer verlassen wollte. – »Es ist nicht mehr als billig, daß auch ich mir nun etwas erbitten darf, nicht wahr? .... Erschrecken Sie nicht, Sie sollen mir keine Hand geben« – wie bitter und beschämend klang diese Beschwichtigung für mich! – »Ich will Sie nur bitten, eine Frage aufrichtig zu beantworten.«

Ich kehrte zurück und sah zu ihm auf.

»Habe ich mich nicht getäuscht – war es wirklich Ihre Stimme, die mich anrief, als ich in der Unglücksnacht von Dorotheenthal zurückkehrte?«

Ich fühlte, wie mir ein brennendes Rot über das Gesicht lief; aber ohne Zögern versetzte ich: »Ja, ich bin es gewesen – ich hatte Angst« – ich verstummte, denn die Thür ging auf, und der alte Erdmann trat ein ... Mit dem Ausdrucke des tiefsten Verdrusses zeigte Herr Claudius auf ein Paket Briefe, die nach der Post getragen werden sollten. Der alte Mann hatte bereits ein Schreiben in der Hand, das er auf den Tisch legte, während er seine Umhängetasche mit den Geschäftsbriefen füllte.

»Von Fräulein Charlotte,« sagte er, als er bemerkte, daß der Blick seines Herrn mit sichtlichem Befremden an dem kleinen Siegel des mit gebrachten Schreibens haftete.

»Der Brief wird erst morgen früh abgehen, Erdmann,« sagte Herr Claudius kurz und nahm ihn an sich.

Währenddem hatte ich die Thür erreicht, und ehe er mich noch einmal anrufen konnte, stand ich mit heftig klopfenden Pulsen in der Hausflur. Ich atmete tief auf – der bärbeißige Alte war im glücklichen Moment eingetreten; um ein Haar hätte ich mich hinreißen lassen, Herrn Claudius zu bekennen, was ich an jenem Abend um ihn gelitten ... Was war das nur? Ich verlor allen Boden unter den Füßen; der alte Herr mit der blauen Brille – wie ein Phantom war diese anfängliche Vorstellung in alle Lüfte verflogen, und von allem, was mir beim Eintritt in die neue Welt einen tiefen Eindruck gemacht, kam nichts mehr auf neben der imponierenden Erscheinung des »Krämers«.

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