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Das Heideprinzeßchen

Eugenie Marlitt: Das Heideprinzeßchen - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
titleDas Heideprinzeßchen
authorE. Marlitt
publisherErnst Keil's Nachfolger
year1893
created19990720
senderinge.bayreuther@bibliothek.uni-regensburg.de
firstpub1872
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24.

Ein heißer Brodem schlug von draußen herein in die Hausflur – es war, als habe sich der Blumenatem der Gärten zu einer trägen, unbeweglichen Masse verdichtet. Noch war kein Schlag gefallen, kein erlösender Regentropfen netzte die lechzende Erde; aber auf den Steinplatten des Hofes kräuselten sich kleine Späne und verstreute Papierschnitzel in verhängnisvollem Reigen, und die Pappeln drüben am Fluß sträubten ihre glatten Wipfel – der Sturm holte tief aus, um von neuem hervorzustürzen.

Die Prinzessin bestieg eiligst ihren aus der Seitenstraße hereinrollenden Wagen, und mein Vater, der zum Herzog beordert war, begleitete sie. Herrn Claudius reichte sie noch einmal die Hand heraus, Charlotte und Dagobert dagegen wurde ein freundlich vornehmes Kopfnicken zuteil, für welches sie sich dankend tief zur Erde neigten. Meine kleine Person wurde in der Hast und Eile übersehen, – und es war ganz gut so, ich wandte allen den Rücken, schritt über den Hof und öffnete die Gartenthür. Ich hatte Mühe, mich auf den Füßen zu halten – der Sturm brach los und raste über den weiten Plan. Grimmig fiel er mich an und riß mir die Thür aus der Hand; alle meine Kraft aufbietend, erfing ich sie wieder und warf sie hinter mir krachend in das Schloß – sie durfte ja nie offen bleiben nach den streng gehandhabten Hausregeln.

Nun vorwärts! Ich taumelte, nach Atem ringend, einige Schritte weiter und hatte das Gefühl, als sei ich plötzlich mitten in wogende Wasser geschleudert ... Wie es lebendig fließend über die Erde hinlief, das bunte Meer der Blumen! Wie es zerwühlt zusammensank und auf Momente das fahle Grün der Stengel und Unterblätter zeigte, um dann wieder aufzuschwellen in farbenfunkelnder Pracht! Und wie sie toll und wild wurden, die schlanken, vornehmen italienischen Pappeln, wie sie sich bogen und wanden im rasenden Tanz mit dem Sturm und tosend einstimmten in sein Gebrüll!

Ich hatte plötzlich keinen Boden mehr unter den Füßen – zunächst flog ich mitten in das Heliotropenbeet, dann prallte ich gegen die Hofmauer zurück. Mit hochgehobenen Armen an die unebenen Steine mich anklammernd, drückte ich meinen Kopf gegen sie und ließ nun ausatmend die Wucht des Unwetters über mich ergehen. Scheu sah ich unter den Haarmassen hervor, die mir um das Gesicht flogen; denn die Thür nicht weit von mir fuhr prasselnd auf, und Herr Claudius trat heraus – er wandte suchend den Kopf nach allen Richtungen – da sah er mich.

»Ah, hierher hat Sie der Sturm verschlagen?« rief er. Sofort stand er schützend vor mir – nicht eines meiner Haare hob sich mehr im Winde.

»Wahrhaftig, wie ein unglückliches Schwälbchen, das der Sturm aus dem Neste gestoßen hat!« lachte Dagobert, der ihm folgte und sich wankend am Thürpfosten festhielt.

Ich ließ rasch meine Arme von der Wand niedersinken und wandte das Gesicht weg – das war das Lachen, das mich in der Heide unter das Dach des Dierkhofes gejagt hatte.

»Kommen Sie in das Vorderhaus zurück; Sie erreichen die Karolinenlust nicht mehr,« sagte Herr Claudius sanft zu mir.

Ich schüttelte den Kopf.

»Nun, dann will ich mit Ihnen gehen – unbeschützt können Sie sich unmöglich auf Ihren kleinen Füßen erhalten.«

»Mit meinem Mantel vor dem Sturm – beschütz' ich dich!« klang es durch meine aufgeregte Mädchenseele – nein, ich wollte nicht! Mochten sie doch beide gehen; den dort mit der Falschheit hinter der Stirne verabscheute ich, und vor dem, der so geduldig und sanft zu mir sprach, fühlte ich tiefe Scham und Furcht.

»Ich brauche keinen Mantel, der mich beschützt – ich will mich allein durchkämpfen,« sagte ich gepreßt und sah zu ihm auf – aber durch funkelnde, zitternde Thränen, die sich bei aller Anstrengung nicht niederschlucken ließen. Meine Zähne schlugen wie im Frost zusammen.

Herr Claudius sah mich an, während Dagobert abermals auflachte; eine unerklärliche Bewegung ging durch seine Züge. »Sie sind krank,« sagte er, sich zu mir herabbückend, leiser. »Ich darf Sie nun erst recht nicht allein lassen. Seien Sie gut und gehen Sie mit mir.«

Diese nicht zu erschöpfende Geduld und Nachsicht mit dem kleinen unwürdigen Geschöpfe, das er verachten mußte, und das bei alledem sich auch noch trotzig verhielt, brachen meinen Widerstand; zudem mäßigte sich das Toben in den Lüften für einen Moment, ich konnte mich recht gut allein auf den Füßen halten und verließ meinen Platz.

Noch stand Dagobert an der Thür. Jedenfalls hatten die wenigen Worte, die Herr Claudius leise zu mir gesprochen, und meine plötzliche Bereitwilligkeit, mitzugehen, sein Mißtrauen geweckt – er legte bedeutsam den Finger auf den Mund und hob in finsterer Drohung schüttelnd die Rechte. Dann trat er in den Hof zurück und schlug die Thür zu ... Unnötige Mahnung! Ueber meine Lippen kam kein Wort – erst gelogen und dann verraten – Herr Claudius hätte mich selbst verabscheuen müssen, und wenn ihm auch meine Mitteilungen unberechenbar nützten ... Aber ich mußte zugleich tief niedergeschlagen an Heinzens schauerliche Erzählungen von verkauften Seelen denken – ich war auch so eine arme Seele, die ängstlich hin und her flatterte und doch nicht weiter konnte.

Das vordere Glashaus erreichten wir im Sturmschritt; nicht einmal war ich genötigt, mich unter den unmittelbaren Schutz meines Begleiters zu flüchten – mit hochaufgeblähten Kleidern, aber immer mit den Fußspitzen auf dem Boden flog ich neben ihm her ... Da fuhr schauerlich lang anhaltend, und als suche es unruhig einen Ausweg, ein glänzend rosenfarbenes Licht über die rauschende Pappelwand hin, beinahe zugleich krachte ein betäubender Schlag durch die Lüfte, und klatschend und trommelnd flogen die ersten Regentropfen gegen die Glaswände des Hauses ... Wir traten schleunigst in die Thür, mitten unter die hochstrebenden, fremdartigen Pflanzengebilde hinein, die, für den tobenden Kampf unerreichbar, still und unbewegt dreinsahen. Ich blickte seitwärts an meinem schweigenden Begleiter empor – so isoliert stand auch er inmitten des Menschentumultes – geschah das wirklich, weil er düstere Geheimnisse in der Brust verschließen mußte? ...

Er hatte meinen Blick aufgefangen und sah mir prüfend in das Gesicht. »Die rasche Bewegung hat Ihre Lippen wieder gefärbt – ist Ihnen besser?« fragte er.

»Ich bin nicht krank,« erwiderte ich seitwärts blickend.

»Aber tief erregt und in den Nerven erschüttert,« ergänzte er. »Kein Wunder, es ist das Klimafieber – die junge Seele tritt nie ungestraft aus der stillen, versuchungslosen Einsamkeit in die laute Welt.«

Ich verstand ihn recht gut – wie mild beurteilte er mein Vergehen! Gestern noch hätte ich denken müssen: »Weil er selbst die Welt belügt« – jetzt konnte ich das nicht mehr.

»Ich möchte Ihnen so gern diesen Uebergang erleichtern,« fuhr er fort. »Vorhin, droben im Salon, habe ich mir selbst sagen müssen, daß ich das nur kann, wenn ich Sie schleunigst fortbringe aus meinem Hause; aber ich bin ja nicht unfehlbar in meinem Urteil, ich kann auch schwer irren bezüglich der Hände, in die ich Ihr Wohl und Wehe lege –«

»Ich gehe auch nicht,« unterbrach ich ihn. »Glauben Sie denn, ich hätte auch nur eine Stunde nach der Abschiedsqual hier ausgehalten? Zu Fuße wäre ich Ilse nachgelaufen, bis in die Heide, wenn ich nicht – bei meinem Vater bleiben müßte ... Aber ich weiß recht gut, daß das Kind zum Vater gehört; und er braucht mich – so kindisch und unwissend ich auch bin, er hat sich doch schon an mich gewöhnt.«

Er sah mich überrascht an. »Sie haben mehr Kraft des Willens, als ich glaubte – es gehört schon viel dazu, ein in freier Ungebundenheit entwickeltes Naturell unter die Pflicht zu zwingen ... Gut denn, auch ich finde den Gedanken unausführbar; er kam mir ja auch nur in einem bösen Augenblick voll niederschlagender Eindrücke, in dem Augenblick, als ich Sie straucheln sah ...«

Bei diesen Worten wandte er seine Augen weg und brachte eine fest gegen die Scheiben gedrückte prächtige exotische Blütenglocke so vorsichtig in eine andere Lage, als fülle diese Beschäftigung seine ganze Seele aus. Er schien nicht sehen zu wollen, wie ich die Hände vor das Gesicht schlug, um die Glut der Beschämung zu verbergen.

»Sie haben kein Vertrauen zu mir, das heißt, es ist systematisch in Ihnen zerstört worden; denn Ihr Gemüt hat sicher auch nicht das geringste Mißtrauen gegen Welt und Menschen mit hierhergebracht,« sagte er mit tiefem Ernst weiter. »Ich habe es schwer Ihnen gegenüber – die sehr undankbare Rolle des getreuen Eckart ist mir zugefallen, der die Menschen unermüdlich vor der schönen Sünde warnt und dafür schwerlich – geliebt wird ... Aber das soll mich nicht abhalten, mit dieser Stunde mein Amt anzutreten. Vielleicht wenn sich Ihr Ausblick in das Weltgetriebe erweitert hat, vielleicht dann werden Sie einsehen, daß meine Hand eine treumeinende, so eine Art Elternhand gewesen ist, die sich schützend um die Tischecken legt, damit sich das Kind die Stirne nicht wund stoße – und diese Erkenntnis soll mir genügen ... Zählen Sie doch nicht gar zu emsig die Sandkörner da zu Ihren Füßen!« unterbrach er sich plötzlich selbst. »Wollen Sie nicht einmal aufsehen? Ich möchte wissen, was Sie denken.«

»Ich denke, Sie werden mir den Verkehr mit Charlotte verbieten,« versetzte ich rasch und hob den Kopf.

»Nicht ganz – unter meinen Augen oder in Fräulein Fliedners Gegenwart sollen Sie mit ihr verkehren, so oft Sie wollen. Aber ich bitte Sie ernstlich, das Alleinsein mit ihr zu vermeiden. Sie hat, wie ich Ihnen schon gesagt habe, den Kopf voll ungesunder Anschauungen, und ich darf es nicht leiden, daß Sie durch derartige Hirngespinste angesteckt werden ... Wie rasch gerade die unbefangene reine Menschenseele einem solchen Einflusse verfällt, das habe ich heute mit ansehen müssen ... Geben Sie mir das Versprechen, daß Sie mir folgen wollen!« Er vergaß sich und streckte mir die Hand hin.

»Ich kann das nicht!« stieß ich heraus, während er erbleichend und in jähem Schrecken die Hand zurückzog. »Mir wird heiß und angst hier in der schwülen, eingeschlossenen Blumenluft« – und wirklich schlug mir das Herz zum Zerspringen. »Sehen Sie, der Regen läßt nach – ich habe ja Baumschutz bis zur Karolinenlust – erlauben Sie, daß ich hinausgehe!«

Mit diesen Worten stand ich schon draußen und stürmte am Flusse hin; das Unwetter raste stärker als je; im Nu war ich von Wasserströmen überschüttet. Ich hielt schützend die Hand über die Augen, sonst wäre ich blindlings gegen die Bäume oder in den Fluß gerannt, und lief, bis ich atemlos die Halle der Karolinenlust erreichte ... Gott sei Dank, daß ich diese gelassene Stimme nicht mehr hörte, die mich trotz alledem berührte, als klopfe ein warmes, bewegtes Herz hindurch!

Ich warf meine durchnäßte Musselinhülle ab, schlüpfte in mein verhöhntes schwarzes Kleid und stieß die Läden auf. Ich war mutterseelenallein in dem weiten Hause; nur draußen schrie und krakelte das Geflügel durcheinander, das vor dem rasch hereinbrechenden Gewitter in die Halle retiriert war ... In einer Fensternische kauernd, löste ich mit scheuen Fingern die Perlen von meinem Halse. Entsetzlich lebendig tauchten die halbgebrochenen Augen meiner Großmutter vor mir auf, und ich hörte ihre schwachröchelnde Stimme wieder sagen: »Ilse, lege die Schnur um den kleinen braunen Hals dort,« und dann zu mir: »Sie gehört zu deinem Gesicht, mein Kind, du hast die Augen deiner Mutter, aber die Jakobsohnschen Züge« – der Name, den ich angeblich heute nicht gewußt hatte, er war mir sogar in das Gesicht geschrieben – ein verlogeneres, treuloseres Geschöpf als mich gab es wohl nicht in der ganzen Welt! ... Auf welchem Wege war ich? Wie oft schon in den wenigen Wochen hatte ich mich hinreißen lassen, unrecht und kopflos zu handeln! Aber nun wollte ich gut werden – voll Inbrunst drückte ich die Perlen an meine Lippen – wollte nie wieder blind in den Tag hinein handeln, ohne zu fragen: »Wem thust du wehe damit?«

Draußen tobten Sturm und Regen ungeschwächt weiter – es schien, als kämpften zwei Gewitter zugleich in den Lüften ... Da sah ich auf einmal zu meinem Schrecken Gestalten drüben aus dem Boskett treten und auf das Haus zulaufen – es waren die beiden Geschwister.

»Da, Kind, so muß man sich durchkämpfen, wenn man die Spur seines Glückes sucht!« sagte Charlotte atemlos im Eintreten. Sie schleuderte einen in Stücke zerbrochenen Schirm in eine der Zimmerecken und auf das Sofa ihren wassertriefenden Shawl; darauf fuhr sie sich mit dem Taschentuch abtrocknend über Gesicht und Scheitel.

»Endlich!« rief sie. »Wie haben wir auf der Folter gestanden, solange Onkel Erich im Garten war und wir nicht vorüberkonnten! ... Jetzt sitzt er in seiner Schreibstube und Eckhof auf, dem wir, auf Ihren Wunsch hin, nicht gesagt haben, daß Sie unsere Vertraute sind – Ihr Papa ist im Schloß, glücklicher konnte sich's nicht fügen – wir sind Herren des Terrains. Vorwärts denn!«

»Jetzt?« rief ich, mich schüttelnd. »Es muß zum Fürchten schrecklich droben sein!«

Dagobert brach in ein lautes Gelächter aus; Charlotte aber wurde dunkelrot im Gesicht und stampfte zornig mit dem Fuße auf.

»Gott im Himmel, seien Sie doch nicht solch ein Hasenfuß!« schalt sie in ausbrechender Heftigkeit. »Ich sterbe vor Ungeduld, und Sie kommen mir mit solchen Faseleien! .... Bilden Sie sich denn wirklich ein, ich ginge noch einmal fügsam und geduldig zu Bette, nachdem ich auf den Weggang Ihrer fatalen, nicht fortzubringenden Ilse gehofft und geharrt habe, wie die Juden auf den Erlöser? Ja, ich ließe auch nur den Abend herankommen, ohne daß ich mich von den furchtbaren Zweifeln befreit hätte, die der Onkel heute mit seiner Erklärung in meine Seele geschleudert hat? – An meinem eigenen Herzschlag müßte ich ersticken! ... Dazu geht Dagobert übermorgen in seine Garnison zurück – er muß sich erst noch überzeugen. Nicht eine Minute Frist geben wir Ihnen. Halten Sie Ihr Versprechen! Vorwärts, vorwärts, Kind!«

Sie ergriff mich an den Schultern und schüttelte mich. Bis dahin hatte ich dieses urkräftige energische Mädchen scheu geliebt und bewundert, jetzt fürchtete ich mich vor ihm, und die Art und Weise, wie sie von Ilse sprach, empörte mich; aber ich war still, ich hatte ja selbst den Kopf in diese Schlinge gesteckt und konnte nicht mehr zurück. Schweigend öffnete ich die Thür meines Schlafzimmers und zeigte nach dem Schranke.

»Wegrücken?« fragte Charlotte, mich sofort verstehend.

Ich bejahte, und in demselben Augenblick schon hatten die Geschwister das Möbel erfaßt und seitwärts geschoben – die Tapetenthür wurde sichtbar ... Charlotte schloß auf und trat auf die Treppe. Einen Moment blieb sie stehen und preßte tieferbleichend beide Hände auf das Herz, als müsse sie in der That an den heißen Blutströmen ersticken, die es pochen machten – dann flog sie hinauf, Dagobert und ich folgten.

Ich hatte recht gehabt – es war schauerlich hier oben. Gerade um diese Ecke tobte der Sturm, als wolle er sie wegstoßen und die hier eingeschlossenen Erinnerungen und Ueberbleibsel geheimnisvoller Begebenheit in alle Lüfte verstreuen. Hinter den schattenhaften Rosenumrissen der Rouleaus klirrten die Scheiben und schossen unermüdlich die brausenden und verdunkelnden Wasserströme nieder; selbst der verklärende Schein der rosenfarbenen Gazedraperien wurde von dem hereinbrechenden Dunkel aufgesogen.

Die Thür öffnen, eintreten und den über die Fuge hängenden Frauenmantel ergreifen, war für Charlotte eins, sie nahm ihn vom Nagel und breitete ihn aus.

»Es ist ein Domino, den ebensogut ein Herr wie eine Dame getragen haben kann,« sagte sie tonlos und ließ das Kleidungsstück auf den Teppich fallen ... Achselzuckend trat sie an den Ankleidetisch und überflog in ängstlicher Musterung das Silbergerät. »Pomade und Poudre de Riz, und hier verschiedene Flakons mit Schönheitswassern!« warf sie hin, den dicken Staub wegblasend. »Wie es auf der Toilette eines schönen, jungen, von der Damenwelt angebeteten Offiziers aussieht, wissen wir, gelt, Dagobert? Der schöne Lothar war eitel trotz einer Dame – wenn Sie keine besseren Beweise bringen, Kind, dann steht es schlimm!« sagte sie über die Schulter zurück in anscheinender Ruhe zu mir; aber ich sah etwas in ihren Augen glimmen, was mich doch wieder mit einer Art von Mitleid erfüllte – es war Todesangst und die tiefste Entmutigung.

Da stieß sie plötzlich einen zitternden Schrei aus, einen jubelnden Aufschrei, der mir durch Mark und Bein ging. Sie breitete die Arme aus, stürmte durch die offene Thür des Nebenzimmers und warf sich über die Korbwanne, die neben dem einen Bett unter dem violetten Baldachin stand.

»Unsere Wiege, Dagobert, unsere Wiege – o mein Gott, mein Gott!« stammelte sie, während ihr Bruder an eines der Fenster sprang und die dunklen Vorhänge zurückschlug. Fahl und ungewiß fiel das Tageslicht auf die kleinen vergilbten Polster, in die Charlotte ihr Gesicht vergraben hatte.

»Es ist wahr, alles wahr, bis aufs Jota!« murmelte sie, sich erhebend. »Ich segne die Frau im Grabe, die gelauscht hat! ... Dagobert, hier hat unsere fürstliche Mutter unseren ersten Schrei gehört! Unsere fürstliche Mutter, die stolze Tochter der Herzöge von K., wie das berauschend klingt, und wie sie in den Staub sinken werden, die Aristokratentöchter, die über das Adoptivkind des Kaufmanns die Nase rümpften! ... Gott im Himmel, mich erdrückt das Glück!« unterbrach sie sich aufschreiend und preßte die Stirne zwischen die Hände. »Er hat recht gehabt, unser grausamer Feind, der im Krämerhause, als er mir neulich sagte, ich müsse die Wahrheit erst ertragen lernen! – Ich bin geblendet!«

»Meinetwegen denn,« sagte Dagobert trocken und ärgerlich, indem er den Vorhang wieder über das Fenster fallen ließ. »Tobe dich aus! ... Aber dann möchte ich doch ein wenig an deine Vernunft appellieren, diese Ueberschwenglichkeit ist mir geradezu unverständlich ... Für mich bedurfte es solcher Beweise nicht mehr, Eckhofs Mitteilung hat mir vollkommen genügt, und auch sie war nur der Sonnenstrahl, der das näher beleuchtete, was wir bereits in unserer Brust, in unserem Blute besaßen.«

Charlotte breitete zärtlich den grünen Schleier wieder über das kleine Bett.

»Danke Gott für diese Seelenruhe!« sagte sie gefaßter. »Mein skeptischer Kopf hat mir schwer zu schaffen gemacht während der letzten Tage ... Oh, Sie liebe Unschuld,« lachte sie mich spöttisch an, »Sie faseln mir von Schriftproben einer Damenhand und von Frauenmänteln, die sich als sehr zweifelhafter Gattung erweisen, und dieses Zimmer mit seinen Details entgeht Ihrem blöden Auge! ... Sind Sie denn wirklich so entsetzlich – harmlos? ... Mit einem einzigen Wort konnten Sie mir die Marter der letzten Zeit ersparen!«

Ich hörte kaum auf diese bitter höhnende Stimme. Beklommen mußte ich an Eckhofs pathetisch hingeschleuderte Worte von dem Lebendigwerden in den versiegelten Sälen denken. In diesem Augenblick wurde alles aufgerüttelt und unter dem deckenden Staube hervorgezogen, was an dem Geheimnis zweier längst erloschener Menschenleben teilgenommen hatte ... Wie ängstlich war dieses Geheimnis gehütet worden! Selbst die Schwester der Prinzessin war ahnungslos daneben hingegangen – wer wußte denn, ob die Zwei nicht heiß gewünscht hatten, auch über den Tod hinaus den Schleier festzuhalten? ... Nun lagen sie im Grabe, das schöne Prinzessinnengesicht und der Mann mit dem blutigen Mal auf der Stirne, und konnten fremden Augen und Händen nicht wehren – oder durften sie zurückkehren und warnen, wie der finstere Fanatiker gemeint hatte? Schauerlich lebendig war es ja geworden, da, wo ich nur den lautlosen Sonnenstrahl hatte spielen und weben sehen. Ja, draußen schmetterte freilich der Gewittersturm gegen die Mauern; aber hier zog es in leisem Stöhnen verhauchend droben an der Decke hin. Langsam blähten sich die losen Gardinen auf und rieselten wie weitgebauschte Frauenkleider über die Dielen, hier und da einen bleichen Lichtfleck hindurchlassend, der unruhig die violetten Bettvorhänge betupfte und gespenstig durch die grauen Schatten der tiefen Ecken fuhr – gespenstig wie die arme Seele, die zwischen Himmel und Erde wandeln muß ... Und im Saale fing sich der Sturm brüllend im Kamin; er stäubte die letzten Aschenreste vom Rost auf den Parkettboden herein und versuchte die klirrenden und ächzenden Glasthüren aufzustoßen, um mit seinen regentriefenden Händen den heiteren Götterspuk von Plafond und Wänden für immer wegzulöschen.

Es war vermessen, inmitten dieses Aufruhrs den sorgfältig gehüteten Nachlaß toter Menschen verstohlenerweise aufzuwühlen – ich dachte es zitternd und mit angstvoll klopfendem Herzen; aber ich schwieg – was vermochte meine schwache Stimme gegen die Leidenschaft und – jetzt fand ich das rechte Wort für Charlottens rasendes Gebaren – gegen diese Gier nach hoher Lebensstellung und Auszeichnung?

Die beiden standen vor dem Schreibtisch, den ich neulich so streng respektiert, daß ich kaum den Atem darüber hatte hinstreifen lassen – jetzt waren mit Gedankenschnelle alle darauf befindlichen Gegenstände durcheinander geworfen.

»Hier Mamas Wappen auf Petschaft, Schreibzeug und Briefbogen!« sagte Charlotte – noch zitterte ihre Stimme; aber in ihrer Haltung war die stolze Ruhe und Sicherheit zurückgekehrt. »Und da verschiedene alte Briefhülsen.« – Sie zog die Kouverts unter einem Briefbeschwerer hervor. – »An Ihro Hoheit die Prinzessin Sidonie von K., Luzern,« las sie. »Da sieh, Dagobert, diese Briefe sind sämtlich in der Schweiz gewesen, sie tragen alle Postzeichen. Jedenfalls war eine Vertraute an Mamas Stelle stets auf der Reise, hatte die Briefe in Empfang genommen und in die geheimnisvolle Karolinenlust geschickt.«

Dagobert antwortete nicht. Er rüttelte an dem Schloß des Tisches – der Schlüssel fehlte; nach Eckhofs Aussage aber enthielt ja dieser Kasten, der förmlich festgemauert in seinen Fugen saß, Lothars Brieftasche mit den Dokumenten. Achselzuckend, mit finsterer Stirne wandte sich Dagobert ab, trat, den Vorhang zurückschiebend, in eine der Glasthüren und sah hinaus in das Wetter, während Charlotte die Kouverts achtlos auf den Tisch warf und an das entgegengesetzte Ende des Saales schritt. Da stand ein Flügel – ich hatte ihn neulich bei meiner eiligen Flucht nicht bemerkt. Charlotte schloß ihn sofort auf und griff ohne weiteres in die Tasten, die vielleicht nie wieder hatten berührt werden sollen – sie wenigstens wehrten sich, sie hatten ja Stimmen; in entsetzlicher Dissonanz, von dem Klirren gesprungener Saiten begleitet, schrillten die Töne so nervenerschütternd gegen die Wände, daß selbst die starke Charlotte zurückfuhr und entsetzt den Deckel zuschlug. Sie war erschrocken; aber von jener herzbeklemmenden Scheu, jenem Gefühl ängstlicher Pietät, mit denen ich allen diesen leblosen Gegenständen eine Art von empfindlicher Seele andichtete, schien nicht eine Spur in ihr zu leben. Sie griff nach den Notenheften, die auf dem Flügel lagen, und wühlte zwischen ihnen, bis sie abermals aufschrie und plötzlich mit halb unterdrückter, aber dennoch jubelnder Stimme »Già la luna in mezzo al mare« in den Saal hinein sang.

»Dagobert, da ist's, was Mama in Madame Godins Salon gesungen hat, da ist's – hier, hier!« unterbrach sie sich und schwenkte das Notenheft in der Luft. Ich hörte nicht, daß ihr Bruder antwortete, und wandte mich um. Er stand mit dem Rücken gegen uns und bückte sich über den Schreibtisch. Mit einigen raschen Schritten stand ich an seiner Seite.

»Das dürfen Sie nicht!« sagte ich – ich erschrak vor meiner eigenen Stimme, so tonlos und bebend klang sie; trotzdem sah ich ihm mutig in das Gesicht.

»Ei, was darf ich denn nicht?« fragte er spöttisch, ließ aber doch die Hand sinken, in der er irgendein Instrument hielt.

»Das Schloß erbrechen,« versetzte ich fester. »Ich bin schuld, daß Sie hier sind hinter den Siegeln, ich habe Sie dazu verleitet; es ist ein großes Unrecht, ich sehe das sehr wohl ein ... Mehr aber darf nun auch nicht geschehen, ich leide es nicht!« brauste ich auf, als ich sah, daß er trotzdem die Hand wieder hob.

»Wirklich?« lachte er. Das war seltsam – seine Augen irrten über mich hin und entzündeten sich in einem Feuer, wie ich sie nie gesehen hatte. »Wie wollen Sie denn das anfangen, Sie zerbrechliches, quecksilbernes Geschöpfchen?« fragte er spottend und steckte rasch das Instrument in das Schloß – ich hörte es darinnen knistern und knacken. Angstvoll, aber auch zornig ergriff ich mit beiden Händen seinen Arm und suchte ihn zurückzuziehen – da fühlte ich in demselben Augenblicke meine Taille umschlungen und heftig gepreßt, und Dagobert flüsterte mir in das Ohr: »Kleine wilde Katze, berühren Sie mich nicht, und sehen Sie mich nicht so an – es ist gefährlich für Sie! Ihre berauschenden Augen haben mir's schon in der ersten Stunde angethan! Gerade Ihre wilde Bosheit reizt mich, und wenn Sie wieder nach mir schlagen, wie heute auf der Treppe, dann ist's erst recht um Sie geschehen – reizende, geschmeidige Eidechse!«

Ich schrie auf, und er ließ mich los.

»Was treibst du denn für Possen, Dagobert?« schalt Charlotte herbeieilend. »Das Kind läßt du mir in Ruhe – ich bitte mir's aus! Das ist nichts für eure Lieutenantslaunen ... Lenore steht unter meinem Schutz und damit basta! ... Uebrigens hat sie recht, die kleine Unschuld! Was wir hier verschlossen finden, dürfen wir nicht gewaltsam öffnen ... Was nützen uns auch die Papiere, wenn wir dabei sagen müßten, daß wir sie nach Spitzbubenart unter den Gerichtssiegeln hervorgeholt haben? ... Sie liegen einstweilen gut aufgehoben, bis sie eines Tages mit Eklat an das Licht treten werden. Selbst für Onkel Erich sind sie unerreichbar geworden durch die Siegel, die er auf die Thüren hat klecksen lassen. Und wir brauchen nicht mehr hineinzusehen – so gewiß ich atme, so gewiß weiß ich nun, daß wir hier geboren sind, daß wir in dem Hause unserer Eltern, auf unserem eigenen, ererbten Grund und Boden stehen!« sagte sie feierlich. »Hörst du? Der Sturm sagt Amen dazu!«

Ja, das war ein Stoß, der den Boden unter unseren Füßen zittern machte, der die Glasthür, die ich neulich im Schrecken nur zugeworfen und nicht abgeschlossen hatte, schmetternd aufstieß und im Nu den Schreibtisch mit Wasserfluten überschüttete.

»Ha, ha, er sagt Amen dazu und will uns zeigen, wie wir's machen müssen!« lachte Dagobert und schloß die Thür wieder. »Er faßt diesen inhaltsvollen Schreibtisch nicht mit Handschuhen an, wie du siehst – da heißt es ›Gewalt wider Gewalt!‹ ... Wenn es nach deinem und Eckhofs Sinn gehen soll, dann muß ich bei Onkel Erich um jeden Groschen betteln und Vorwürfe über meine Schulden hören, bis ich graue Haare habe, und du wirst in der verhaßten Abhängigkeit eine alte Jungfer!«

»Die werde ich so wie so,« sagte sie, während eine leichte Blässe ihr Gesicht überlief. »Ich würde mich nie anders als standesgemäß verheiraten – diese Hofgecken sind mir aber in den Tod zuwider ... Ich will auch nicht lieben, ich will nicht! ... Ich habe ein ganz anderes Ziel – Aebtissin in einem Damenstift will ich werden – da kommt manche unter mein Zepter, die mich getreten hat – sie mögen sich hüten! ... Uebrigens begreife ich dich nicht, Dagobert,« sagte sie nach einem tiefen Atemholen weiter. »Wir haben doch längst ausgemacht, daß die Sache erst im Januar, wenn du hierher versetzt bist, zum Austrag kommen darf, daß wir unterdes schweigen und so viel wie möglich Material sammeln wollen. Es wird mir schwer genug werden, allein hier auszuharren – kostet es mich doch jetzt schon die größte Ueberwindung, dem Onkel in die Augen zu sehen und nicht sagen zu dürfen: ›Betrüger, der du bist!‹ – mit der Fliedner verkehren zu müssen, die das friedfertigste und harmloseste Gesicht macht und uns systematisch bestehlen hilft – die boshafte Katze! Und ich habe sie wirklich gern gehabt! ... Es geht fast über meine Kräfte, aber es hilft nichts, es muß sein! Eckhof hat recht, wenn er uns unausgesetzte die möglichste Ruhe und Vorsicht predigt.«

Sie wischte mit ihrem Taschentuch die Nässe vom Tisch und drückte den aufgerüttelten Kasten wieder fest in seine Fugen.

Was sie nun trieben und erforschten, ich beteiligte mich nicht mehr daran. Ich hatte mich zwischen Glasthür und den Schreibtisch geflüchtet und stand da Schildwache ... Ich meinte, das Zittern des Bodens unter mir daure fort, aber es war in meinen Füßen. Nie in meinem ganzen Leben war mir so entsetzlich zu Mute gewesen, als in dem Augenblick, wo es sich urplötzlich wie lebendige Klammern um mich gelegt hatte. Wäre ich in einen dunklen Abgrund gestoßen worden, ich hätte mich nicht mehr fürchten können, als vor diesem heißen Flüstern einer halberstickten Stimme, das ich zum Teil gar nicht verstand, und das mir doch das Blut in Wangen und Schläfe trieb ... Am liebsten hätte ich alles hinter mir gelassen und wäre gelaufen, soweit mich meine Füße tragen konnten; allein die Furcht, daß der Schreibtisch schließlich doch noch erbrochen werden könne, hielt mich fest.

Stundenlang mußte ich auf meinem Posten ausharren. Mehrere Zimmer, die hinter den von mir entdeckten lagen, und deren letzteres auch in den Saal mündete, wurden durchsucht .... Mittlerweile ließ das Sturmgeheul draußen nach; das Trommeln auf den Steinplatten des Balkons verwandelte sich in ein sanfteres Plätschern, und durch die blassen Seidenvorhänge der Glasthüren brach ein hellerer Schein, der die Schelmengesichter an den Wänden lustig wieder aufleben ließ.

»Das ist unser Wappen, Kleine, sehen Sie sich's an,« sagte Charlotte, endlich wieder heraustretend, zu mir. Sie hielt mir einen Siegelring mit einem geschnittenen Stein hin. »Papa hat zwar nie Ringe getragen, wie heute Ihre Hoheit versicherte, trotz alledem existiert dieser und ist augenscheinlich oft als Petschaft benutzt worden – er lag auf Papas Schreibzeug; ich nehme ihn mit, als das einzige, was ich mir vorläufig aneigne.« Sie ließ den Ring in ihre Tasche gleiten.

Ich war erlöst. Wir gingen hinab, und der Schrank wurde wieder an seine Stelle gerückt.

Als die wohlberechtigten Erben des Freiherrn Lothar von Claudius, als die Seitensprossen des herzoglichen Hauses waren die Geschwister wieder aus dem dunklen Treppenschacht hervorgegangen, den Charlotte noch unter den Qualen banger Zweifel betreten hatte. Sonnenklar lag die Lösung des Rätsels da – auch für mich – wie war es Herrn Claudius möglich gewesen, mit reiner Stirne und so fester Stimme die Wahrheit zu verleugnen? ... Und trotzdem, mochte die Sache liegen, wie sie wollte – er hatte doch nicht gelogen! ...

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