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Das Heideprinzeßchen

Eugenie Marlitt: Das Heideprinzeßchen - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
titleDas Heideprinzeßchen
authorE. Marlitt
publisherErnst Keil's Nachfolger
year1893
created19990720
senderinge.bayreuther@bibliothek.uni-regensburg.de
firstpub1872
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22.

Der Leibarzt des Herzogs besuchte meinen Vater sehr oft. Vom Hofe kam täglich zweimal ein Lakai, um sich nach dem Befinden des Kranken zu erkundigen und Erfrischungen zu bringen, und Ilse hatte »alle Hände voll zu thun«, um die besorgten Nachfragen aus allen Teilen der Residenz zu beantworten. Auch im Vorderhause zeigte man große Teilnahme. Fräulein Fliedner kam jeden Morgen selbst, um nachzusehen, und stellte alle dienstbaren Geister des Hauses zu unserer Verfügung ... Charlotte war auch einmal abends auf eine halbe Stunde bei mir, um »die Kleine« in ihrer Trübseligkeit ein wenig zu trösten. Mir schien es aber, als bedürfe sie der Erheiterung von außen her weit mehr als ich. Es lag etwas wie ein finsteres Brüten über den starken, dunklen Brauen, und die stolznachlässige Sicherheit in ihren Gebärden hatte einer nervösen Beweglichkeit Platz gemacht. Das Zusammentreffen mit ihrem Onkel am Boskett erwähnte sie mit keinem Wort; dagegen erzählte sie mir, daß es augenblicklich gewitterhaft schwül im Vorderhause sei. Herr Claudius führte seinen Entschluß, Haus und Geschäft von dem eingeschlichenen Muckertum zu säubern, mit äußerster Konsequenz durch. Er habe die bereits eingezahlten Missionsbeiträge der Arbeiter großmütig in den Händen des Buchhalters belassen, die gleiche Summe aus eigenen Mitteln aber als Fond in eine von ihm neugestiftete Kasse niedergelegt, welche den Zweck habe, die Realschulbildung für die Arbeitersöhne zu ermöglichen und die Ausstattungskosten für die Töchter der Aermeren zu erleichtern. Die Traktätchen seien korbweise fortgeschafft worden, und dem jungen Kommis, der aus Liebedienerei weit über seine Kräfte der Missionskasse beigesteuert und sich mit großem Erfolg der Augenverdrehung beflissen habe, sei eine eklatante Rüge und die Androhung zu teil geworden, daß ein Rückfall in die widerwärtige Heuchelei seine sofortige Entlassung zur Folge haben werde; der Buchhalter gehe natürlich mit einem in Grimm erstarrten Gesicht herum – das wußte ich bereits; durch den Spalt einer Jalousie hatte ich ihn mehrmals in Begleitung der Geschwister den Teich umschreiten sehen. Das Band zwischen diesen drei Menschen schien durch die neuen Ereignisse ein noch engeres geworden zu sein – dafür sprachen die gemeinsamen Spaziergänge im Walde.

So oft Charlotte Herrn Claudius erwähnte, fühlte ich zwar noch einen leisen Stich durch mein Inneres gehen; allein die Qual der Reue und des Selbstvorwurfs hatte bedeutend nachgelassen, seit ich mir entrüstet sagte, daß die Krankheit meines Vaters ihren Grund in der Aufregung wegen des vereitelten Münzenankaufs habe – die ausgezeichnete, haarscharfe Logik meines siebzehnjährigen Mädchenkopfes erkannte schließlich dem hartherzigen Verweigerer der Mittel die ganze Schuld zu, und – da waren wir quitt!

Nun aber waren die schlimmen Tage vorüber. Die Fenster des Krankenzimmers standen weit offen, Luft und Sonne zogen wieder ein, und Ilse fegte und stäubte ab, als sei die ganze Streubüchse der Wüste drin ausgeschüttet worden. Ich hatte meinen Vater zum erstenmal wieder in die Bibliothek begleitet, ihm droben den Nachmittagskaffee auf der Maschine gekocht, die grünen Wollvorhänge halb zugezogen, wie er's liebte, und um seine Füße eine wattierte Decke geschlagen. Ich wußte ihn versorgt und still glücklich in der Wiederaufnahme seiner Arbeiten, und flog nun wie ein Pfeil hinaus in den Garten. Jetzt wußte ich den köstlichen Waldboden, das labende Düster unter den tausendfach verschlungenen Aesten bereits besser zu schätzen. Die Sonne hing als greller Glutball über dem Garten – es sah aus, als wolle sie gierig das ganze blaue Wasser des Teiches austrinken – matt und träge lag dieses in seinem Steinring.

Ich schlug den Weg ein, den ich seit Sonntag nicht wieder betreten hatte, und drang in das Dickicht – richtig, da stand Gretchens Korbwagen noch mit den halb zerschmolzenen, halb verdorrten Erdbeeren – niemand hatte ihn zurückverlangt – möglich, daß der alte Gärtner Schäfer ihn gesucht und nicht gefunden hatte ... Wie dauerte mich das arme Kind, das jedenfalls nach seinem verlorenen Spielzeug jammerte! Die Eltern waren ja arm, so arm, daß die Mutter das Blut der Arbeit an den Händen hatte – sie konnten der Kleinen den Verlust vielleicht nicht ersetzen.

Obgleich mir Herr Claudius neulich, wenn auch ohne ein Wort der Zurechtweisung, so doch sehr ausdrucksvoll für alle Zeit den Ausgang verlegt, indem er vor meinen Augen den Schlüssel abgezogen und in die Tasche gesteckt hatte, lief ich doch nach der Gartenthür – siehe da, ein neues Schloß blinkte mir entgegen, ein festes, starkes Schloß ohne Schlüssel; auch die Bänder und Riegel waren neu – tausend noch einmal, man mußte gehörigen Respekt vor der gewaltthätigen Mädchenhand haben, daß man die Thür dergestalt in Eisen gelegt hatte!

Ich kletterte auf die Ulme; das war heute ein ziemlich saures Stück Arbeit. Ich hatte die sogenannten Spitzen an den Füßen und war damit in die Heideschuhe geschlüpft – um eine ganze Welt waren sie mir zu weit und machten alle Augenblicke Anstalt, mich treulos zu verlassen und hinunter ins Dickicht zu fliegen.

Endlich saß ich glücklich droben im Wipfel der Ulme. Auf dem Balkon des Schweizerhäuschens, von dem wilden Wein kühl beschattet, stand ein Kinderwagen – Hermännchen lag drin auf weißem Kissen, sehr faul und jedenfalls sehr satt. Neben ihm stand Gretchen und biß herzhaft in ein großes Butterbrot, dazwischen hinein mit dem Brüderlein plaudernd; drin im Zimmer aber sah ich die Mama, wie sie bügelte und alle Augenblicke mit erhitztem Gesicht in die Thür trat, um nach den Kinderchen zu sehen.

Wer hätte gedacht, daß durch das liebliche, sanfte Frauenantlitz dort solch ein Sturm gehen könne, wie ich ihn am Sonntagmorgen gesehen! In diesem Moment war davon auch nicht die geringste Spur mehr in den lächelnden Zügen zu finden, so wenig wie Gretchen über ihren verlorenen Wagen jammerte. Aber das Kind sollte ihn wieder haben, und zwar sofort; ich wollte ihn mit frischgepflückten Erdbeeren und Waldblumen füllen und den alten Gärtner Schäfer bitten, ihn nach Hause zu tragen. Ich verließ den Wipfel und glitt von Ast zu Ast hinab – da kamen Menschen von der Karolinenlust her; sie mußten mir schon sehr nahe sein – erschrocken fuhr ich zusammen vor der Stimme des Buchhalters, die zu mir heraufscholl, als stehe er bereits unten zu Füßen der Ulme. Den höchsten Wipfel erreichte ich nicht mehr, ohne daß das Geräusch des erschwerten Kletterns hinabgedrungen wäre. Still hoffend, daß das Ungewitter rasch vorüberziehen werde, schlang ich meine Arme um den Baumstamm, denn ich saß auf einem sehr dünnen schwanken Ast, und lauschte mit klopfendem Herzen hinab.

Was ich zuerst durch das Blättergewebe sah, war Charlottens purpurfarbene Samtschleife, die sie meist über der Stirn trug – wo Charlotte, da war auch Dagobert; die Geschwister flüchteten wieder einmal aus dem gewitterschwülen Vorderhause in den Wald; sie waren unglücklich und bedurften des Trostes; aber es berührte mich trotzdem peinlich, daß sie in ihrer Bedrängnis zu dem unheimlichen alten Manne hielten.

Die Wandelnden bogen in den Weg ein, der sehr nahe an meinem Versteck hinlief. Eckhof dämpfte seine Stimme auffallend; seine breit betonende Redeweise ließ mich jedoch jedes seiner Worte klar und deutlich verstehen. Er hielt den Hut in der Hand; sein blütenweißer Scheitel leuchtete hell auf, sonst aber erschien der schöne alte Kopf gleichsam verdunkelt. – Der grimmige, verbissene Ausdruck zeichnete zahllose Falten und Fältchen in das sonst blanke, man möchte sagen, auch von innen heraus eitel gepflegte Gesicht.

»Schweigen Sie um Gottes willen mit Ihren Tröstungen!« rief er stehenbleibend nichts weniger als höflich. »Die Folgen sind unberechenbar! Das können Sie beide nicht beurteilen, die Sie nicht wissen, welch einen ungeheuren Schritt vorwärts wir dadurch gethan hatten, daß das Haus Claudius mit seinen vielen Seelen in unsere Reihen eingetreten war – das hat imponiert und der Kirche manchen Schwachen und Schwankenden wieder zugeführt ... Und nun wird der mühsame Aufbau mit einem solchen Eklat, einer solchen Rücksichtslosigkeit niedergerissen ... Welche unselige Verblendung, den Götzen der Neuzeit, die unselige sogenannte Bildung an die Stelle zu setzen, da der Herr bereits wieder geherrscht hat in seiner alten Macht und Strenge!«

»Der Onkel schlägt sich selbst ins Gesicht mit seiner Marotte,« sagte Dagobert kalt. »Die Mächtigen und Besitzenden haben keinen besseren Verbündeten, als die Kirche gegen den Schwall derer, die frech an dem Bestehenden rütteln ... Hätte ich Macht und Geld in den Händen, dann wäre Ihre Partei um einen eifrigen Förderer reicher – ich begreife meine Zeit und gehöre zu denen, die dem tollen Kreisel, den sie Fortschritt nennen, ein Bein stellen.«

»In Bezug auf die Kirche denkt Fräulein Charlotte anders,« sagte Eckhof, und sein glühendes Auge heftete sich durchdringend und streng auf das junge Mädchen.

»Ja, darin gehen unsere Ansichten auseinander,« versetzte sie aufrichtig. »Hätte ich Geld in den Händen, dann würde es mir vor allem das Mittel sein, das beschämende, erniedrigende Dunkel zu lüften, das die Vergangenheit unserer Familie deckt – ich will die Brosamen nicht länger essen, die mir zugeworfen werden, weil ich deutlich weiß und fühle, daß es meiner unwürdig ist, daß ich mich ihrer vielleicht später einmal schämen muß! ... Ich werde von nun an zusammenraffen und sparen –«

»Fräulein Charlotte sparen?« warf Eckhof sarkastisch ungläubig ein.

»Ich sage Ihnen,« fuhr sie heftig auf, »ich werde in Sack und Asche gehen, um nur die Mittel zu einer Forschungsreise nach Paris zu erzwingen –«

»Wie, wenn Sie nun nicht so weit zu gehen hätten, um das Dunkel zu lüften ...?«

Jedes dieser Worte fiel schwer wie tönendes Erz in mein Ohr, auf meine Nerven. Der Mann, der sie langsam und gewichtig ausgesprochen, stand plötzlich da, als habe er sich mit einem einzigen entscheidenden Schlag von einem schweren inneren Zerwürfnis losgerungen. »Kommen Sie,« sagte er kurz und gebieterisch zu der jungen Dame, die ihm sprachlos und mechanisch folgte. Er setzte sich auf die Bank, auf der ich am Sonntag gesessen und gesungen hatte, und die meinem Versteck schräg gegenüberstand.

O weh, in welche entsetzliche Lage war ich geraten! In Todesangst hielt ich halb schwebend den Ulmenstamm umschlungen – ich fürchtete, durch meine Schwere den dünnen Ast unter mir abzuknicken; dazu machten sich die unseligen Schuhe das Vergnügen, an meinen baumelnden Füßen allmählich, aber mit unerschütterlicher Konsequenz hinabzurutschen, und ich hatte keine Gewalt über sie – Gott im Himmel, wenn solch ein kleines Ungetüm hinabpolterte, welches Gaudium für Dagobert, und welche prächtige Gelegenheit für meinen Feind, mir eine donnernde Strafpredigt zu halten!

»Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen,« sagte der Buchhalter zu den Geschwistern, die sich neben ihn gesetzt hatten. »Aber hören Sie vorerst eine unumwundene Erklärung ... Das, was ich Ihnen mitteilen werde, erfahren Sie nicht auf Grund meiner Anhänglichkeit für Sie – es wäre eine Lüge, wollte ich das sagen ... Ich spreche auch nicht aus Rachsucht – ›Ich will vergelten, spricht der Herr!‹ ... Sie sehen in diesem Augenblick nicht den Menschen Eckhof in mir, sondern den Streiter des Herrn, dem keine Wahl bleibt, wenn er zwischen die irdischen Interessen der Menschen – und sei es der eigenen Familie, des eigenen Fleisches und Blutes – und das Heil der Kirche gestellt wird!«

Und dieser blinde Fanatismus war es in der That, der Eckhof beseelte – es war ihm fürchterliche Ernst mit dem , was er sagte. Man mußte dieses düstere Glimmen in den Augen sehen, die sich einen Moment hoben, um über dem Laubdach den Himmel zu suchen.

»Sie haben mir wiederholt versichert, daß Sie im Besitz von Vermögen und einem klingenden Namen sofort einer der Unsrigen sein würden« – sagte er zu Dagobert.

»Ich wiederhole das hiermit feierlich – ich könnte ja beides unter keinen besseren Schutz stellen – Tausende sollten mir nicht zu viel sein –«

Eckhof neigte das Haupt. »Der Herr wird sie als Sühne ansehen für so viel verborgenen Sünden und endlich seine strafende Hand nehmen von den armen Seelen, die noch ruhelos wandern müssen,« sagte er pathetisch. »Es war aller Laster Anfang, daß der Kaufmannssohn den Standpunkt verachtete, auf den ihn der Herr durch die Geburt gestellt hatte, und nach dem Degen griff .... Er war schön von Gestalt und verstand sich auf die feinen Künste, die der Menschen Herzen verlocken, und da gab ihm der Herzog den Adel und ließ ihn nicht mehr von seiner Seite ... Es wurde damals ein lockeres Leben geführt, da droben, von wo Zucht und Ehrbarkeit und Gottesfurcht als eine Leuchte über die Länder ausgehen sollten. Der Herzog war lustig und die Frau Herzogin, seine Gemahlin, auch, und seine jungen Schwestern, die Prinzessinnen Sidonie und Margarete, waren zu vergleichen der Tochter des Herodes. Sie hatten viel Willen, denn der Herzog liebte sie zärtlich – sie konnten alles von ihm erbitten, nur nicht die Einwilligung zu einer Mißheirat, denn er war stolz auf sein fürstliches Blut ... Die schönen Schwestern verreisten und kamen zurück, wie es ihnen gefiel – Prinzessin Margarete war mehr am Hofe zu L., als daheim; ihre ältere Schwester aber hatte eine große Vorliebe für die Schweiz und für Paris ... Sie verreiste oft auf zwei, drei Monate und noch länger – natürlich im strengsten Inkognito und unter dem Schutz ihrer alten, sehr respektablen Hofdame und eines ebenso bejahrten Kavaliers – die guten Leute sind längst tot.«

Er schwieg einen Augenblick und strich sich mit der Hand über das Kinn, und ich saß in stiller Verzweiflung auf meinem Ast; meine Fußsohlen krampften sich zusammen, um die Schuhe festzuhalten, und das Blut trat mir heftig klopfend in die Schläfe, denn ich wagte nicht einmal tief Atem zu schöpfen. Und dieser Mann erzählte so breit wie möglich – es war kein Ende abzusehen.

»Seltsam aber war's,« fuhr er endlich fort, »daß stets, so oft die Prinzessin Sidonie nach der Schweiz abreiste, eine schöne junge Dame in der Karolinenlust erschien. Sie hatte genau so schwarze Locken, genau den schlanken Wuchs wie die Prinzessin, und sah ihr überhaupt zum Verwechseln ähnlich ... In solchen Zeiten war dann die Brücke nach dem Vordergarten womöglich noch fester verschlossen als sonst, und am Flußufer hin, auf seiten der Karolinenlust, lief ein festes Staket, das natürlicherweise nach Lothars Tode sofort hat fallen müssen ... Nur eine Seele des Vorderhauses genoß die Gnade, die Brücke ungehindert passieren zu dürfen, Fräulein Fliedner. Sie hatte sogar einen eigenen Schlüssel dazu, den sie meist zur Abendzeit, selbst in der späten Nacht benutzte ... Wenn Sie mich fragen, woher ich das alles weiß, so kann ich Ihnen weiter nichts sagen, als: meine selige Frau hat mir's erzählt. Sie war zwar nie und nimmer an dieser dunklen Geschichte beteiligt – zu ihrer Ehre sei es gesagt – aber Frauenohren und Augen sind fein und scharf, und wenn die weibliche Wißbegierde einmal angeregt ist, dann fragt sie nicht viel nach nassen Füßen, die der Fluß macht, und findet wohl auch eine Stelle zum Durchschlüpfen –«

»Schau, schau, die gute Frau hat auch gelauscht!« dachte ich zu meiner größten Befriedigung und vergaß sogar für einen Augenblick meine gefährliche Situation.

»Das ist ein Leben gewesen wie in einem Turteltaubennest. Eine herrliche Frauenstimme hat die schönsten Lieder gesungen, und im Mondenschein, in später, stiller Nacht hat man droben auf der Waldwiese die Epauletten des Herrn Offiziers blitzen sehen, und die schlanke, weiße Frau hat an seinem Arm gehangen ... Einmal abends aber ist Fräulein Fliedner hastig, ohne alle Vorsicht über die Brücke gelaufen – in der Karolinenlust sind die Lichter hinter den Fenstern hin und her gehuscht – und um Mitternacht hat man Kindergeschrei gehört.«

Charlotte fuhr in die Höhe, mit geöffneten Lippen, als ränge sie nach Atem – ihre funkelnden Augen ruhten verzehrend auf dem Gesicht des Sprechenden.

»Mehrere Jahre hintereinander hat man die Anwesenheit der Dame in der Karolinenlust von Zeit zu Zeit beobachtet – die Szene, die ich zuletzt erzählt, hat sich später noch einmal wiederholt« – sagte Eckhof weiter – »dann starb die lustige, leichtlebige Prinzessin Sidonie plötzlich im Bade am Schlagfluß, und der schöne Lothar jagte sich drei Tage darauf in Wien, wo er sich gerade mit dem Herzog befand, eine Kugel durch den Kopf ... Herr Claudius kam einige Tage nach dem schrecklichen Vorfall hierher; er hatte auf seinen Reisen Wien besucht und Lothar dort getroffen. Die beiden Brüder, die sich so selten gesehen hatten, waren sich während dieses Zusammenseins sehr nahe getreten – ich habe das aus Erichs eigenem Munde ... Als ich zum erstenmal eingehend mit ihm sprechen durfte, konnte ich nicht umhin, die Vorgänge in der Karolinenlust zu berühren. Er sah mich stolz und finster an und sagte, auf die Brieftasche Lothars zeigend: ›Darin sind die Dokumente; mein Bruder hat mit seiner Frau in rechtmäßiger Ehe gelebt!‹ ... Tags darauf ließ er auf Wunsch des Verstorbenen die Herren vom Gericht kommen. Ich stand mit ihnen draußen im Korridor, während er noch einmal hineinging in die Räume, die sein Bruder bewohnt hatte. Ich sah, wie er die Brieftasche in einen Schreibtisch des großen Saales niederlegte und einschloß – dann machte er die Runde durch alle Zimmer, in die wir nicht eintreten durften, schloß die Thüren und rüttelte an den Fenstern, und drei Minuten später lagen die Gerichtssiegel auf den Thüren ... Die beiden Kinder, die in der Karolinenlust geboren wurden, sind –«

»Still, still – kein Wort weiter! Sprechen Sie es nicht aus!« schrie Charlotte emporspringend auf. »Wissen Sie denn nicht, daß ich wahnsinnig werde, daß ich sterben muß, wenn ich diese Wundergeschichte – und sei es auch nur für eine Stunde – glaubte und mir dann sagen lassen müßte: ›Es ist nicht wahr – es ist eitel Hirngespinst einer längst verstorbenen Frau!‹«

Sie preßte beide Hände an die Schläfen und rannte auf und ab.

»Ruhig Blut und den Kopf oben behalten!« ermahnte Eckhof, indem er aufstand und den Arm des jungen Mädchens ergriff. »Ich frage nur das eine: wenn nicht Lothars und der Prinzessin Kinder, wer sind Sie dann?«

O Himmel, Charlotte die Tochter einer Prinzessin! Um ein Haar wäre ich von meinem Sitz herabgefallen ... Nun war ja alles gut, alles! ... Wie untrüglich hatte das fürstliche Blut in ihren Adern gesprochen! ... Ich hätte laut aufjubeln mögen, wäre nur nicht die entsetzliche Tortur an meinen Füßen gewesen, und hätte ich nicht gerade jetzt den letzten Rest meiner Muskelkraft aufbieten müssen, um mich atemlos still zu verhalten – wie wäre es mir ergangen, wenn der grimmige Alte mich nun, nach seinen Geständnissen, auf meinem unfreiwilligen Lauscherposten entdeckt hätte!

»Wie sollte Herr Claudius dazu kommen, die Kinder wildfremder Leute, einer fremden Nationalität, erziehen zu lassen und sie sogar zu adoptieren?« fuhr er fort. »Sehen Sie, das Erbteil seines Bruders, Ihren rechtmäßigen Besitz will er Ihnen nicht entziehen – dazu ist er zu gerecht – ja er geht noch weiter, er sichert Ihnen auch sein Vermögen, indem er nicht heiratet. Pekuniär glänzend versorgen wird er Sie – wenn auch erst nach seinem Tode, bis dahin lenkt er Sie am Gängelband – aber Ihren wahren Namen wird er Ihnen vorenthalten für immer, weil er nicht will, daß das aufgepfropfte adlige Reis fortleben soll – ich kenne ihn genau – er hat den unbeugsamen stolzen Bürgerkopf der Claudius! Doch jetzt beruhigen Sie sich endlich einmal,« schloß Eckhof ungeduldig, »und suchen Sie Ihre frühesten Erinnerungen zusammen.«

»Ich weiß nichts – nichts!« stammelte Charlotte und legte die Hand auf die Stirne – die starke Mädchenseele brach zusammen unter der Wucht des Glücks.

»Charlotte, nimm dich zusammen!« rief Dagobert nun auch – er war anscheinend viel ruhiger als seine Schwester, aber es kam mir plötzlich vor, als sei er noch gewachsen, so stolz hatte er sich aufgerichtet, auf seinem dunkelgeröteten Gesicht lag ein Ausdruck, der mich einschüchterte. »Sie mag allerdings nur sehr wenige, unklare Erinnerungen haben, denn sie war ja sehr klein, als unsere Lebenslage sich änderte – weiß ich doch auch nicht viel mehr,« sagte er zu dem Buchhalter. »Wir haben unsere erste Kindheit nicht in Paris selbst, sondern auf einer kleinen Besitzung in der Nähe der Stadt, bei Madame Godin, verlebt – das wissen Sie bereits ... Ich erinnere mich wohl, daß mein Papa mich auf seinen Knien hat reiten lassen, aber, und wenn man mich tötete, ich könnte nicht sagen, wie er ausgesehen hat. Ich weiß nur, daß seine Erscheinung blitzend, funkelnd war – es ist uns ja gesagt worden, er sei Offizier gewesen ... Die Mama habe ich sehr selten gesehen – am deutlichsten haftet ein Nachmittag in meiner Erinnerung. Mama kam mit Onkel Erich und noch einem Herrn herausgefahren; es wurde Kaffee im Gartensalon getrunken, und Onkel Erich jagte mich über den Rasen, warf mich hoch in die Luft und trug Charlotte stundenlang auf dem Arm ... Er war ganz anders als jetzt; er hatte ein frisches, schöngerötetes Gesicht und sehr rasche muntere Bewegungen – älter als zwanzig Jahre kann er wohl damals nicht gewesen sein?«

»Er war einundzwanzig Jahre alt,« bestätigte der Buchhalter mit einem verfinstertem Gesicht, »als er Paris für immer verließ.«

»Die Mama setzte sich an den Flügel,« fuhr Dagobert fort, »und alle riefen bittend: ›Die Tarantella, die Tarantella!‹ Und da sang sie, daß die Wände zitterten, und alles war wie toll, und ich mit. Madame Godin mußte mir nachher das Lied mit ihrem schwachen, alten Stimmchen oft vorsingen, wenn sie mich artig und folgsam haben wollte, und nie werde ich das ›Già la luna è in mezzo al mare, mamma mia si salterà!‹ vergessen! ... Auf das Gesicht der Mama kann ich mich mit dem besten Willen nicht mehr besinnen – für mich spielte, den Gesang ausgenommen, Onkel Erich an jenem Nachmittage die Hauptrolle. Sie könnten mir alle möglichen Frauenporträts zeigen, ich fände meine Mutter nicht heraus ... Ich weiß nur noch, daß sie sehr groß und schlank war, und daß lange, schwarze Locken über ihre Brust herabfielen – vielleicht hätte ich auch das vergessen, wäre ich nicht gerade dieser Locken wegen von Mama gescholten worden, ich hatte sie bei meiner ungestümen Liebkosung sehr derangiert ... Nach diesem Besuch kam Onkel Erich sehr oft allein; er verwöhnte und verzog uns – ganz das Gegenteil von heute – dann blieb er lange weg, bis er eines Tages kam und mich von Charlotte und Madame Godin trennte ... Das ist alles, was ich Ihnen sagen kann.«

»Es genügt vollkommen,« sagte Eckhof. »Herr Claudius mag schon früher in das Geheimnis eingeweiht gewesen sein und seine Frau Schwägerin zu Neffen und Nichte begleitet haben ... Die Prinzessin ging ja fast immer nach Paris, wenn der Herzog mit seinem Adjutanten verreiste.«

Er schob seinen Arm unter den des jungen Offiziers. »Jetzt heißt es vorsichtig forschen und handeln, wenn wir unser gemeinsames Ziel erreichen wollen,« sagte er, langsam mit Dagobert in den Wald hineinwandelnd. »Von der Fliedner, die allein um alles weiß, erfahren Sie natürlicherweise niemals ein Sterbenswort – eher ließe sie wohl Holz auf sich spalten! ... Nicht wahr, wie unschuldig und harmlos sie thun kann, die – alte Katze? ... Die Hofdame, der Reisemarschall und der Leibarzt, der damals auch in der Karolinenlust aus und ein ging, alle sind sie tot –«

»Und Madame Godin auch – seit langen Jahren,« setzte Dagobert tonlos hinzu.

»Nur Mut, die brauchen wir nicht! Wir werden schon Mittel und Wege finden,« sagte Eckhof resolut – der Mann war während seiner Mitteilung völlig aus seinem biblischen Redeton gefallen. – »Aber wie gesagt, alle Hast muß streng vermieden werden, und sollten Jahre darüber hingehen.«

Sie schritten weiter – Charlotte folgte ihnen nicht. Als sie sich allein sah, warf sie plötzlich die Arme hoch in die Luft und stieß mit zitternder Brust ein eigentümliches Lachen aus. Ich wußte nicht, waren es die unartikulierten Laute einer ausbrechenden, unbeschreiblichen Glückseligkeit oder – des Wahnsinns. Genau so hatte ich meine Großmutter am Brunnen stehen sehen ... Erschrocken bog ich mich hinab – patsch, lag einer meiner Schuhe drunten im Dickicht – das kleine, benagelte Ungeheuer rasselte mit einer Vehemenz durch die Büsche, als sei es von einer Pistole abgeschossen. Charlotte stieß einen halberstickten Schrei aus.

»Still, um Gottes willen!« flüsterte ich, vom Stamm niedergleitend, und lief auf sie zu.

»Unglückskind, Sie haben gehorcht?« stießen ihre Lippen unter meiner Hand hervor – sie schüttelte diese Hand mit einer zornigen Gebärde von sich und maß mich mit entrüsteten Blicken.

»Gehorcht!« wiederholte ich tief beleidigt. »Kann ich's denn ändern, wenn ich auf dem Baume sitze, und Sie gehen drunten spazieren? ... Kann ich denn schreien: ›Kommen Sie ja nicht hier vorüber, wenn Sie sich ein Geheimnis zu sagen haben, denn ich sitze da und will mich um keinen Preis vor dem alten Manne sehen lassen, der mich stets so zornig anschnaubt?‹ ... Und warum soll ich denn durchaus ein Unglückskind sein? Glücklich bin ich, so glücklich und vergnügt, daß ich's nicht aussprechen kann, Fräulein Charlotte! ... Nun ist ja alles gut! Nun dürfen Sie stolz sein! Denken Sie doch nur, die Prinzessin Margarete ist ja Ihre Tante!«

»Gott im Himmel, wollen Sie mich denn zu Tode martern?« schrie sie auf und schüttelte mich so gewaltig an der Schulter, daß ich wie eine Flaumfeder hin und her flog. Dann ließ sie mich plötzlich los und ging wie vorhin mit starken Schritten auf und ab.

»Glauben Sie nichts – ich glaube auch kein Wort!« sagte sie nach einer langen Weile scheinbar ruhiger, wenn auch ihre Brust wogte und der Atem flog. »Der Alte dort ist kindisch geworden – sein Muckergehirn hat vor Zeiten schwer geträumt, und nun meint er, eine längst verstorbene Frau habe ihm das Märchen erzählt ... Einen leisen Anflug von Wahrscheinlichkeit erhält die Sache nur durch unsere Adoption von seiten des Onkels – niemand hat bisher begriffen, weshalb er sich unser angenommen hat, und ich füge in meinem Herzen stets nachdrücklich hinzu: ›Aus Barmherzigkeit ganz gewiß nicht!‹ ... Mich könnte nur eine Wanderung durch die Bel-Etage der Karolinenlust überzeugen, inwieweit die Erzählung des Alten auf Thatsachen beruht. Es ist mir unmöglich, zu denken, daß die stolze Prinzessin – einen stark ausgeprägten Fürstenstolz hat unser ganzes herzogliches Haus – heimlich vermählt in der Karolinenlust gelebt haben soll ... Ich will darauf schwören, wenn man heute die Siegel von den Thüren lösen dürfte, man fände nichts, nichts, als eine elegante Junggesellenwirtschaft, das Heim eines alleinlebenden jungen Herrn!« –

»Schwören Sie nicht, Fräulein Charlotte!« unterbrach ich sie flüsternd – mir war zu Mute, als sei ich berauscht, als wirbele mir das Gehirn durcheinander. – »In den Zimmern hängt ein seidener Frauenmantel, und auf dem Schreibtisch liegen Briefbogen, und ›Sidonie, Prinzessin von K.‹ steht drauf – das muß sie selbst geschrieben haben, so fein schreibt mein Vater nicht und Herr Claudius auch nicht – ich glaube, so schreibt nur eine Frau.«

Sie starrte mich an. »Sie sind drin gewesen? ... Hinter den Siegeln?«

»Ja, ich bin drin gewesen,« versetzte ich rasch, wenn auch mit niedergeschlagenen Augen. »Ich weiß einen Weg, und ich will Sie hinaufführen in die Zimmer, aber erst – wenn Ilse fort ist.«

In dem Augenblick, als ich den Namen Ilse aussprach, überkam mich ein unaussprechliches Angstgefühl. Mir war, als stünde sie neben mir mit warnend gehobenem Zeigefinger, und als hätte ich Böses gethan, das nie, nie wieder auszulöschen sei ... Es tröstete und beruhigte mich auch durchaus nicht, daß Charlotte mich plötzlich mit ausbrechendem Jubel leidenschaftlich in ihre Arme schloß und an ihr Herz drückte – hatte ich nicht meine gute alte Ilse für sie hingegeben? ...

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