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Das Heideprinzeßchen

Eugenie Marlitt: Das Heideprinzeßchen - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
titleDas Heideprinzeßchen
authorE. Marlitt
publisherErnst Keil's Nachfolger
year1893
created19990720
senderinge.bayreuther@bibliothek.uni-regensburg.de
firstpub1872
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21.

In einem der ungeheuren Glashäuser, von denen auch die Prinzessin heute abend gesprochen, brannte Licht – zwei große Kugellampen glühten purpurn in die Nacht hinein. Während wir den Hauptweg entlang schritten, hörte ich hastige Tritte vom Glashaus herkommen – es flatterte hell durch das nächste Rosengebüsch, und plötzlich stand Charlotte vor uns.

»Ich habe Sie kommen hören,« sagte sie mit gedämpfter Stimme und fliegendem Atem. »Bitte, überlassen Sie mir das Prinzeßchen noch für eine halbe Stunde, Herr von Sassen – es ist eine so köstliche Nacht – ich bringe Ihnen die Kleine unversehrt nach der Karolinenlust.«

Mein Vater sagte mir gute Nacht und versprach, Ilse von meinem Verbleiben zu unterrichten. Er ging, während Charlotte den Arm um meine Schultern legte und mich fest an sich drückte.

»Es hilft Ihnen nichts, Kindchen, Sie müssen ein wenig Blitzableiter sein,« sagte sie halblaut und hastig zu mir. »Dort drüben,« sie zeigte nach dem Glashause, »sind zwei harte Köpfe aneinander geraten ... Onkel Erich bringt so wunderselten den Abend mit uns zu, daß der gute Eckhof sich allmählich daran gewöhnt hat, die erste Geige an unserem Theetisch zu spielen. Heute nun präsidiert der Onkel selbst zu unser aller Erstaunen; aber kaum sind wir vor den ersten fallenden Regentropfen aus der Laube in das Glashaus geflüchtet, als auch Eckhof in unbegreiflicher Albernheit und Taktlosigkeit anfängt, dem Onkel bittere Vorwürfe über Helldorfs Anwesenheit beim heutigen Diner zu machen – er hat in ein furchtbares Wespennest gestochen!«

Sie verstummte und blieb horchend einen Augenblick stehen; Eckhofs starke Stimme dröhnte herüber.

»Schaden kann es dem Alten freilich nicht, wenn seinen Muckerumtrieben im Geschäft und Haus ein wenig gesteuert wird,« sagte sie, man hörte ihr den Aerger an; »er ist zu sicher geworden und treibt es arg, das ist ganz richtig! Nur vor Onkel Erichs Forum durfte die Sache nicht kommen – er mordet den alten Mann mit seinen unerbittlichen Augen, mit seiner Kälte und Gelassenheit, die jedes Wort zu einem schneidenden Messer machen.« Etwas beschleunigt schritt sie weiter. »Gott mag wissen, was den eigentlichen Anstoß zu diesem plötzlichen Aufeinanderplatzen gegeben hat! Jahrelang ist Onkel Erich wie mit verbundenen Augen neben dem Muckergeist im Hause hingegangen – Eckhof hat sich gehütet, ihm gegenüber je in sein unausstehliches biblisches Pathos zu verfallen; in diesem Augenblick aber, in seiner grimmigen Aufregung strömt ihm unwillkürlich die Salbung von den Lippen – es ist kaum zum Anhören! Mich widert es an, aus einem Männermunde solch unmündiges Gewäsch zu hören; anderseits bin ich doch dem Alten Dank schuldig; er hält zu Dagobert und mir, und das verpflichtet mich, das Strafgericht möglichst schnell abzukürzen ... Kommen Sie, Ihr Erscheinen wird der Szene sofort ein Ende machen!«

Je mehr ich mich dem Glashause näherte – es war nicht das von Darling verwüstete – desto traumhafter wurde mir zu Sinne; ich hörte kaum noch, was Charlotte flüsterte, und ließ mich mechanisch von ihr weiterschieben ... Das Warmhaus lag weit abseits vom Hauptweg – ich hatte bisher nur die ungeheuren Glaswände herüberfunkeln sehen und war nie in seine Nähe gekommen. Damals lagen mir selbstverständlich Geographie und Botanik weltenfern – ich verstand nicht, daß die fremdartigen Gebilde dort ein zwischen Glas eingefangenes Stück Tropenwelt inmitten deutscher Vegetation seien, und hatte für beide nur die Bezeichnung: Wunder und Wirklichkeit ...

Da standen aber auch weder Kübel noch Blumentöpfe, wie im vorderen Treibhause. Unmittelbar aus dem Boden stiegen Palmen so hoch und kräftig hinauf, als wollten sie den schützenden Glashimmel sprengen. Ueber braunes Feldgestein herab sprangen Wasser – sie zerstäubten an den Zacken in sprühende Funken und machten die riesigen, in die feinsten Federchen zerschnittenen Wedel prächtiger Farnkräuter unaufhörlich erzittern. Kakteen krochen über das Gestein und streckten ihre abenteuerlichen Formen plump unbehilflich von sich; aber aus ihrem grünen Fleisch tropften spannenlange Purpurglocken und selbst im fernsten Dämmerdunkel der wunderlich gezackten und verschränkten Pflanzenarme leuchtete es gelb und weiß auf, wie hingestreute, matte Lichtreflexe.

Ich sah zu Charlotte empor und meinte, sie müsse in demselben Rausch befangen sein und weiter wandeln, wie das aufgeregte, unerfahrene Menschenkind an ihrem Arm – ich bedachte nicht, daß das alles ja auch zu der »Krambude« gehörte, die sie und Dagobert so gründlich haßten und verachteten ... Sie hatte ihr funkelndes Auge unverwandt auf einen Punkt gerichtet, das Gesicht des Herrn Claudius. Er stand im vollen Lampenlicht neben einer Palme – genau so schlank und hoch aufgerichtet, wie ihr feingepanzerter Stamm ... Es war nicht wahr – er hatte in diesem Moment keine tödliche Kälte in den »unerbittlichen Augen«. Sein Gesicht war belebt und gerötet vor innerer Erregung, wenn auch die über der Brust ineinandergeschlungenen Arme ihm den Anschein von Ruhe und Unbeweglichkeit gaben.

Seltsam genug erschien der eilig hereingeschobene Theetisch inmitten der fremdartigen Umgebung. Dagobert saß daran – er war noch in Uniform; all das Blitzen und Leuchten auf Brust und Schultern harmonierte ganz anders mit der farbenglänzenden Pracht der tropischen Blüten, als die ungeschmückte Gestalt des Onkels ... Mit dem Rücken nach Herrn Claudius gewendet, und in sichtlicher Verlegenheit einen Theelöffel auf dem Zeigefinger balancierend, sah er aus, als ob er sich vor einem über ihn hinrollenden Gewitter unwillkürlich niederducke. Er schien sich mit keinem Wort an den unliebsamen Erörterungen zu beteiligen, so wenig wie Fräulein Fliedner, die so fieberhaft schnell strickte, als wenn es gelte, eine Kinderbewahranstalt mit neuen Strümpfen schleunigst zu versorgen.

»Damit richten Sie bei mir nichts aus, Herr Eckhof,« sagte Herr Claudius zu dem Buchhalter, der sich, beide Hände auf eine Stuhllehne gestützt, in ziemlich weiter Entfernung von seinem zürnenden Chef hielt, trotz alledem aber doch den Kopf herausfordernd in den Nacken warf – er hatte ja eben gesprochen, gesprochen mit seiner tönenden Stimme, in dem breit markierenden Tone, der schlagen mußte. – »Gotteslästerung, Unglaube, Gottesleugner – diese Lieblingsschlagwörter Ihrer Partei darf man allerdings in ihrer Wirkung nicht unterschätzen,« fuhr Herr Claudius fort. »Mit ihnen hauptsächlich vollziehen Sie die unglaubliche Thatsache im neunzehnten Jahrhundert, daß sich ein großer Teil der aufgeklärten Menschheit einer Schar engherziger Fanatiker äußerlich unterwirft – viele, selbst Leute von Geist, scheuen immer noch einen gewissen Einfluß dieses, wenn auch sehr abgenutzten Anathemas auf die großen Massen und schweigen lieber, gegen ihre bessere Ueberzeugung – und das gibt dem Thronsessel Ihrer Partei noch für eine Spanne Zeit thönerne Füße.«

Der Stuhl unter den Händen des Buchhalters schütterte und schwankte, Herr Claudius ließ sich jedoch durch das Geräusch nicht beirren.

»Ich bin ein Verehrer des Christentums – verstehen Sie mich recht – nicht der Kirche,« fuhr er fort. »Ich habe auf Grund meiner eigenen Ueberzeugung deshalb auch an der Verfügung meiner Vorgänger festgehalten, nach welcher ein frommer Sinn unter den Arbeitern der Firma gepflegt werden soll – nie aber werde ich dulden, daß mein Haus zu einem Brutnest religiöser Verirrungen gemacht wird ... Ein Handlungshaus, das die Fäden seiner Beziehungen über die Meere hinüberwirft und sie im türkischen, im chinesischen, in jedwedem Boden wurzeln läßt, und die finstere Orthodoxie, die Unfehlbarkeit im Glauben, die sich in ihr fest zugekittetes Schneckenhaus verkriecht – eine widersinnigere Verschmelzung gibt es nicht! ... Müssen unsere jungen Handlungsreisenden, die Sie so beflissen sind, orthodox zu erziehen, nicht entsetzlich heucheln, wenn sie mit denen, die sie als von Gott verworfene Andersgläubige verachten, in freundlichen Geschäftsverkehr treten sollen? ... Ich kann es mir selbst nicht verzeihen, daß der finstere Geist unbemerkt so lange neben mir herwandeln durfte, daß meine Leute leiden mußten –«

»Ich habe niemand gezwungen!« fuhr der Buchhalter auf.

»Allerdings nicht mit der Knute in der Hand, Herr Eckhof – wohl aber mittels Ihrer Stellung zu den Leuten ... Ich weiß, daß zum Beispiel unser jüngster Kommis, ein mittelloser Mensch, der von seinem Gehalt eine verwitwete Mutter zu unterstützen hat, weit über seine Kräfte zu Ihrer Missionskasse beisteuert, von deren Existenz ich bisher keine Ahnung hatte. Unsere sämtlichen Arbeiter und Arbeiterinnen lassen sich geduldig allwöchentlich einen Beitrag zu der genannten Kasse von Ihnen abziehen, weil sie – nicht anders dürfen, weil sie der Meinung sind, daß Sie alles bei mir vermögen und ihnen schaden könnten ... Bedenken Sie denn nicht, daß diese Leute ihren Glauben ohnehin teuer genug bezahlen müssen? Tritt nicht die Geistlichkeit in jedem ihrer wichtigeren Lebensmomente mit der offenen Hand an sie heran? Ihre Taufe, die Schließung der Ehe, die Feier ihrer Versöhnung mit Gott, selbst den letzten Schritt, den sie aus der Welt thun, das alles versteuern sie der Kirche mit ihrer Hände Erwerb – und deshalb fort mit der Missionskasse aus meinem Hause! Fort mit den Traktätchen, die ich gestern massenhaft in den Tischkästen der Arbeitsstuben gefunden habe, und die mit ihrem blödsinnigen Kinderlallen unsere würdige Sprache verderben und lediglich an eine mittelalterlich rohe Anschauungsweise appellieren!«

Diese ganze zerschmetternde Verurteilung wurde in nichts weniger als leidenschaftlichem Ton gesprochen – kaum daß eine erhöhte Röte in die Wangen des Sprechenden trat und er hier und da einmal ruhig zurückweisend die Hand gegen seinen Buchhalter ausstreckte.

Charlotte war wie festgewurzelt stehengeblieben – sie schien vergessen zu haben, daß sie mich geholt, um der Sache sofort ein Ende zu machen. »Er spricht gut,« murmelte sie. »Ich hätte ihm das nicht zugetraut – er ist sonst so indolent und kargt mit jedem Worte ... Wahrhaftig, Eckhof ist einfältig genug, den Handschuh abermals aufzunehmen und sich eine neue Schlappe zu holen!« stieß sie zornig heraus und heftete ihre flammenden Augen so durchbohrend auf den Buchhalter, als wolle sie die Glaswand sprengen. Er hatte seinen bisherigen Platz verlassen und war Herrn Claudius um einige Schritte näher getreten.

»Verachten Sie immerhin das blödsinnige Kinderlallen, Herr Claudius,« sagte er – die volltönende Stimme konnte Messerschärfe annehmen – »mich und tausend andere echt christliche Gemüter erquickt und stärkt es ... Der Herr will ja, daß wir in Einfalt wandeln sollen, in kindlicher Einfalt, und deshalb finden wir doch wohl eher Gnade vor seinen Augen, als wenn wir die Werke der ›unsterblichen‹ Herren Schiller und Goethe lesen, die die würdige Sprache natürlich nicht verderben ... Wenn Sie meine redlichen Bestrebungen zur Ehre meines Herrn und Gottes in Ihrem Hause nicht dulden wollen, so muß ich mich selbstverständlich in Demut fügen ... Ich habe nur gemeint, es könne dem Hause in der Mauerstraße nicht schaden, wenn recht, recht viel in ihm gebetet würde – es ist so manches geschehen, was zu Gott im Himmel schreit und gesühnt sein will –«

»Sie machen mir diesen indirekten Vorwurf in Zeit von wenig Tagen bereits zum zweitenmal,« unterbrach ihn Herr Claudius ruhig. »Ich respektiere Ihre Jahre und Ihre Verdienste um das Geschäft und will deshalb eine Handlungsweise nicht näher bezeichnen, die es nicht verschmäht, alte Wunden aufzureißen und sie im Kampf um die entschwindende Macht als Verbündete heraufzubeschwören – ich überlasse es Ihrem eigenen Urteil, ob das edel ist ... Was ich in meiner Jugendthorheit und Leidenschaft verübt, nehme ich allein auf meine Schultern – ich habe leider eine neue Schuld dazu gelegt, sofern ich Sie in dem Bedürfnis, Ihnen einigermaßen den Sohn zu ersetzen, allzu unumschränkt in Haus und Geschäft und mit mir selbst habe schalten und walten lassen ... Es wäre ein schreiendes Unrecht, wollte ich alle Menschen, die von mir abhängig sind, auch nur einen Tag länger mein Vergehen mitbüßen lassen – ich will ihre Gebete nicht, die doch nur erpreßte, völlig wirkungslose sind!«

»Was hat er gethan?« flüsterte ich Charlotte zu.

»Er hat den einzigen Sohn Eckhofs erschossen.«

Ich riß mich entsetzt von ihr los und unterdrückte mit Mühe einen Aufschrei.

»Gott, seien Sie doch nicht gar zu kindisch!« fuhr Charlotte mich ungeduldig an und zog mich mit einer einzigen kräftigen Bewegung wieder in ihr Bereich. »Es war ein ehrliches Duell, in welchem Eckhofs Sohn fiel, und sicher der interessanteste Moment in Onkel Erichs ganzer spießbürgerlicher Existenz ... Aber gehen wir hinein! Die Verhandlungen haben den Siedepunkt erreicht.«

Ohne weiteres schritt sie mit mir die Glasfront entlang und schob mich über die Schwelle der Seitenthür. Ich trat auf feinen Kies; Schlangenwege wandten sich durch dunkelndes Gebüsch, zwischen Felsgruppen hin und durchschnitten hier und da den zartesten Samtrasen. Je mehr sich das Gitter der Zweige und Blätter verdünnte, das uns von dem Lampenschein und der Szene trennte, desto bänglicher wurde mir zu Mute ... So stand ich doch noch ganz und gar nicht zu den Bewohnern des Vorderhauses, daß ich zur späten Nachtzeit mitten in Erörterungen hineinplatzte, die nicht für fremde Ohren geeignet waren ... Wie, wenn der Herr des Hauses darüber ergrimmte? ... Ich wußte nicht, wie es kam, aber ich konnte auf einmal nicht mehr so obenhin denken: »Ei, es ist ja nur Herr Claudius!« – Ich zitterte vor ihm.

Charlotte hatte ihren Arm um mich gelegt, und als ich im ersten Impuls, schleunigst das Weite zu suchen, zurückwich, da wurde meine Taille unbarmherzig zusammengepreßt – es ging im Sturmschritt vorwärts, und plötzlich standen wir, wie vom Himmel gefallen, vor der erstaunten Gesellschaft.

»Ich habe das Prinzeßchen im Garten aufgelesen,« sagte Charlotte rasch und schnitt dem Buchhalter einen Redesatz von den Lippen. »Liebste Fliedner, sehen Sie sich das Kind an, ob es nicht ganz anders aussieht? Es hat Hofthee getrunken und ist im Hofwagen heimgefahren, ganz à la Aschenbrödel – zeigen Sie her, Kind, ob nicht eines Ihrer Atlasstiefelchen auf der Schloßtreppe sitzen geblieben ist!«

Bei aller Beklommenheit lachte ich doch und setzte mich auf den Stuhl, den mir Dagobert brachte ... Charlotte hatte recht gehabt: verstummt, abgeschnitten war der Streit, als habe er nie stattgefunden, und als ich die Augen hob, sah ich den Buchhalter in dem Dunkel verschwinden, durch das wir eben gekommen waren ... Herr Claudius stand noch neben der Palme – scheu forschend streifte ihn mein Blick – hatte er nicht ein Mal auf der Stirne? Er hatte ja einen Menschen getötet! – Ich sah nur die ernsten, blauen Augen auf mich niederleuchten und zog erschrocken den Kopf zwischen die Schultern.

Fräulein Fliedner atmete auf; sie war sichtlich froh über mein Kommen und drückte mir zärtlich die Hand.

»Erzählen, Kindchen!« drängte sie mich, während sie mir den Hut abnahm und die zerdrückten Aermelpuffen zurechtzupfte. »Wie war's bei Hofe?«

Ich schmiegte mich tief in den Korbsessel – einer der riesigen Farnkrautwedel, im Lampenlicht smaragdgrün schimmernd, schwanke nahe über meiner Stirne, und andere kamen seitwärts herüber und berührten kühl und schmeichelnd meine nackten Schultern. Ich saß da wie unter einem schützenden Baldachin und fühlte mich geborgen. Zudem zog sich Herr Claudius zurück; aber er verließ das Glashaus nicht – man hörte ihn leise und unablässig hinter den Felsen- und Pflanzengruppen auf und ab gehen. Mein Mut wuchs wieder, und ich erzählte, anfangs stockend, dann mich selbst darüber amüsierend, von meinem glorreichen Debüt – wie mir die so wohl vorbereitete Verbeugung in den Gliedern stecken geblieben sei; von dem Vortrag des Kinderliedchens und meinem Stück Lebensgeschichte, das ich der Prinzessin treuherzig mitgeteilt hatte.

Charlotte unterbrach mit alle Augenblicke mit einem schallenden Gelächter; auch Fräulein Fliedner kicherte in sich hinein und klopfte mir schmeichelnd die Wangen; nur Dagobert lachte nicht mit; er sah mich genau mit demselben staunenden Schrecken an, wie die grauen Hoffräuleinaugen, und als ich schließlich, weil mir zu heiß wurde, den Foulard auf den Tisch warf und dabei sagte, daß er der Prinzessin gehöre, da nahm er das Tuch in unverkennbarer Ehrfurcht auf und hing es mit vorsichtigen Händen über seine Stuhllehne, und das ärgerte und verdroß mich über die Maßen.

»Halt!« rief Charlotte auf einmal und streckte die Hand gegen mich aus, als ich in meinen Mitteilungen fortfahren wollte. »Nun sagen Sie selbst, Fräulein Fliedner, ob das Prinzeßchen, trotz seiner dunkelblauen Augen, nicht weit eher eine jener interessanten Töchter Israels sein könnte, wie sie die Bibel schildert, als der Sproß eines alten, echt deutschen Adelsgeschlechts! ... So wie der wildlockige Kopf da unter dem Farnkraut auftaucht – bitte, Prinzeßchen, lassen Sie Ihre Hand noch einen Augenblick beschattend über der Stirne schweben – erinnert er mich lebhaft an Paul Delaroches junge Jüdin, wie sie im Uferschilf den ausgesetzten kleinen Moses verstohlen bewacht.«

»Meine Großmutter war ja auch eine Jüdin,« sagte ich unbefangen.

Die regelmäßigen Schritte im Hintergrund des Glashauses stockten plötzlich, und auch am Theetisch blieb es einen Augenblick totenstill. Ich saß so, daß ich durch die Glasscheiben einen Teil des Gartens übersehen konnte. Der Mond war heraufgekommen; aber er stand noch hinter einem Wolkengebirge, dessen zackige Ausläufer er silbern besäumte. Ueber dem weiten Plan webte ein falbes, unbestimmtes Licht, das die Linien der Gegenstände gespenstisch verzerrte – das weiße Lilienfeld, wenn auch tief im Hintergrunde und zum Teil unter den Flußuferbäumen liegend, schien den spärlichen Mondenglanz in sich allein aufzufangen – es leuchtete hell zu mir herüber, und ich mußte wieder, gleich vorhin unter kalten Schauern und Herzweh, an meine arme Großmutter denken, wie sie unter den Eichen hingestreckt lag ... Es wurde alles wieder wach in mir, was ich in jenen grauenhaften Nachtstunden erfahren und gelitten. Die wenigen, stets furchterregenden Berührungspunkte zwischen der geistesgestörten Frau und mir, lange Jahre hindurch, dann das plötzliche Hervorbrechen der großmütterlichen Liebe in der Sterbestunde, meine Angst bei der Wahrnehmung, daß der Tod wirklich an das eben gewonnene Herz herantrete, das alles stieg überwältigend vor mir auf, und so, wie es kam, sprach ich's aus. Ich berührte auch den furchtbaren Auftritt zwischen meiner Großmutter und dem alten Pfarrer – wie sie den geistlichen Beistand zurückgewiesen habe und als Jüdin gestorben sei, und wie mild versöhnlich der Pfarrer dabei gewesen. – Da plötzlich, während alle in tiefer Stille zuhörten, kreischte der Kies unter heftigen, starken Schritten, und der Buchhalter, den ich längst daheim in der Karolinenlust wähnte, stand vor mir.

»Der Mann war ein Schwachkopf!« schalt er mit förmlich donnernder Stimme. »Er durfte nicht von dem Bett weichen, bis er die widerspenstige Seele wieder in seiner Hand hatte. Er mußte sie zwingen, umzukehren – der Priester hat Mittel genug, die Abtrünnigen aufzurütteln, wenn sie frechen Mutes der Hölle zutaumeln wollen –«

Ich sprang auf. Der Gedanke, daß eine Stimme, wie diese, rücksichtslos in den Todeskampf eines Menschen hineinstürmen und die Qualen der ringenden Seele verlängern dürfe, regte mich furchtbar auf.

»O, das hätte er nicht wagen dürfen! Wir hätten es nicht geduldet, Ilse und ich – ganz gewiß nicht ... Ich leide es auch jetzt nicht, daß Sie nur noch ein Wort über meine arme Großmutter sagen!« rief ich.

Fräulein Fliedner hatte sich rasch erhoben – sie legte beschwichtigend beide Arme um mich und sah nach der Felsengruppe hinüber; dort klangen die Schritte wieder – sie näherten sich rasch dem Theetisch.

»Haben Sie das alles auch der Prinzessin erzählt, Fräulein von Sassen?« fragte Dagobert schnell – er schob mit dieser Frage weiteren Erörterungen einen Riegel vor und bewirkte, daß die Schritte augenblicklich verstummten.

Ich schüttelte schweigend den Kopf.

»Nun dann – wenn ich Ihnen raten darf – schweigen Sie auch künftig darüber.«

»Aber aus welchem Grunde denn?« fragte Fräulein Fliedner.

»Das können Sie sich doch denken, liebste Fliedner,« versetzte er achselzuckend, fast unwillig. »Es ist bekannt genug, daß der Herzog den Juden nicht hold ist, weil ihn sein ehemaliger Hofagent, Hirschfeld, fabelhaft beschwindelt hat und schließlich durchgebrannt ist. Weiter – und das ist die Hauptsache – gilt der Name von Sassen am Hofe als ein seit Jahrhunderten völlig unbefleckter. Für Seine Hoheit gibt allerdings die Gelehrsamkeit des Herrn von Sassen den Ausschlag – anders dagegen ist's mit der Umgebung – ihr imponiert sicher nur das hohe Alter und die Reinheit des Stammbaumes; solch eine kleine Ausplauderei seitens der jungen Dame könnte mithin der brillanten Aufnahme des Herrn Doktors, wie auch ihrer eigenen, einen empfindlichen Stoß versetzen, und das wird sie sicher nicht wollen.«

Ich schwieg, weil mir die ganze Rede nicht klar war; ich begriff durchaus nicht, wie es meinem Vater schaden könne, daß seine Mutter eine Jüdin gewesen war, denn mir fehlte ja der Begriff von jener sogenannten Weltordnung beinahe vollständig. Es war aber auch gar nicht der geeignete Moment, darüber nachzudenken – noch zitterte ich in der Nachwirkung des Schreckens, den mir das plötzliche Hervortreten des gefürchteten alten Mannes verursacht hatte. Und er stand ja noch mit verschränkten Armen mir gegenüber, und seine Augen glühten unter den weißen Brauen hervor, als wollten sie mich verbrennen. Ich empfand zum erstenmal in meinem Leben, daß ich gehaßt wurde – eine Erfahrung, die eine junge Seele so schwer begreift; – die Luft, die ich mit meinem Feind zugleich atmete, drohte mich zu ersticken; der Aufenthalt im Glashause wurde mir unerträglich.

»Ich will heimgehen – Ilse wartet,« sagte ich – mit einer energischen Bewegung befreite ich mich aus Fräulein Fliedners Armen und griff nach meinem Hute, während meine Augen mit fieberndem Verlangen in den kühlen, weiten Garten hinausstrebten.

»Na, dann kommen Sie,« meinte Charlotte aufstehend. »Ei, der Tausend, ich sehe an Ihrem Blick, daß wir Sie nicht halten dürfen! – Sie wären imstande und zerschlügen uns die Scheiben, wie der wilde Darling –«

»Darling hat heute abend seinen Herrn abgeworfen und mit den Hufen zerschlagen,« sagte ich.

Dagobert fuhr empor. »Wie, Arthur Tressel? Den famosen Reiter? Unmöglich!« rief er.

»Ah bah, ein schöner Reiter das! Der Mensch hätte auch weiser gethan, daheim auf seinem Kontorstuhl sitzen zu bleiben,« warf Charlotte mit scheinbarem Phlegma hin; aber unter ihren verächtlich zugekniffenen Lidern hervor flammte ein Blick voll Aerger – er glitt verstohlen durch den Hintergrund des Glashauses. »Hat er sich wehe gethan, der arme Junge?«

»Herr von Wismar sagte zu der Prinzessin, das sei robustes Blut und eine ganz andere Knochenmasse – das sei nicht leicht umzubringen.«

Vom Felsen herüber klang ein leises Auflachen – ich glaube, der plötzliche unterirdische Stoß eines Erdbebens hätte keine größere Wirkung auf die Geschwister üben können, als meine achtlos gegebenen Antwort und jenes schnell verklingende, kaum hörbare Auflachen. Was hatte ich armes, erschrockenes Geschöpf denn verbrochen, daß Dagoberts Augen mich so zornig ansprühten? ... Es sah aus, als wollte Charlotte im ersten jähen Aufbrausen einen Zornruf hinter die Felsengruppe schleudern, aber sie überwand sich und schwieg, während sie den Kopf stolz zurückwarf.

»Kommen Sie, Kleine – geben Sie Fräulein Fliedner ein Patschhändchen und sagen ihr gute Nacht – es wird Zeit, daß man Sie zu Bett bringt!« sagte sie zu mir.

In jedem anderen Moment würde diese Aufforderung meine siebenzehnjährige Würde tief gekränkt haben – diesmal jedoch verzieh ich Charlotte sofort; denn der Mund, der sich zum Humor zwang, erschien völlig farblos – das stolze Mädchen war tief verletzt worden, das sah ich wohl, wenn ich auch nicht begriff, durch was.

Sie durchschritt anscheinend ruhig und schweigsam an meiner Seite das Glashaus und den vorderen Teil des Gartens; kaum aber hatten wir die Brücke hinter uns, als sie stehen blieb und unter einem tiefen, schweren Aufatmen beide Hände auf die Brust preßte.

»Haben Sie gehört, wie er lachte?« fragte sie mit ausbrechendem Grimm.

»Es war Herr Claudius?«

»Ja, Kind! ... Wenn Sie erst länger mit uns zusammengelebt haben, dann werden Sie wissen, daß dieser große, überlegene Geist nie laut lacht, es sei denn über die Schwächen der Menschheit, wie vor wenig Augenblicken – Kleine! Mit dem Auskramen dessen, was Sie bei Hofe hören und erleben, müssen Sie in Anwesenheit des Onkels künftig vorsichtiger sein!«

Ich war empört. Man hatte mich gezwungen, zu erzählen, und ich war in der That, für meine wenig geschulte, offene Natur, sehr vorsichtig gewesen; nicht ein Wort von dem, was man bei Hofe über Dagobert gesprochen, war über meine Lippen gekommen.

»Warum zanken Sie denn?« fragte ich trotzig. »Soll ich nicht einmal sagen, daß man den gestürzten Reiter am Hofe für stark und kräftig hält?«

»O sancta simplicitas!« rief Charlotte spöttisch auflachen. »Arthur Tressel ist zart und zierlich – ein Bürschchen von Marzipan ... Die Bezeichnung des geistvollen Herrn von Wismar gilt dem gesamten biderben Bürgerstand. Ein Kavalier hätte seine feinen, ganz besonders konstruierten Rippen bei dem Sturz jedenfalls zerbrochen und seine edle Seele in den Himmel zurückgehaucht; das robuste Bürgerblut aber hat viel zu viel von der groben, derben Erde in sich, es bleibt an ihr kleben und thut sich nicht so leicht weh.«

Sie lachte abermals auf, ging hastigen Schrittes weiter und trat mit mir heraus auf das Parterre der Karolinenlust.

Der Mond stand jetzt vollständig entschleiert über dem Schlößchen. Auf der verschwiegenen, dem Waldesdunkel abgerungenen Oase wirkte das hereinfallende weiße Licht ebenso berauschend auf meine Nerven, wie der starke Blumenduft im Vordergarten. Es ließ die steinerne Diana drüben unter der Blutbuchengruppe so lebendig erschreckend hervortreten, daß man meinte, der lauernde Pfeil auf dem gespannten Bogen müsse plötzlich die Lüfte durchschwirren – es floß um die Blumen- und Fruchtfestons der Mauern, über die starren Augen und festgeschlossenen Lippen der lasttragenden Karyatiden und schwamm auf dem Spiegel des Teiches, auf den ungeheuren Glasflächen der Fenster. Ich konnte jede einzelne Falte der verblichenen Seidendraperien hinter den Balkonglasthüren erkennen – jetzt lief der Mond mit silbernen Sohlen durch die geheimnisvollen Zimmer; – da schwankte die Ampel drunten an der Decke des grimmigen Fanatikers freilich nicht.

»Der da oben hätte mich und meinen Bruder verstanden,« sagte Charlotte und zeigte nach der Bel-Etage. »Er hat den Staub und Schmutz der Krämersippe mit starker Hand abgeworfen und ist keck hinaufgestiegen in die Sphäre, die ihm einzig und allein den Lebensatem geben konnte.« Sie sah unverwandt auf die glitzernden Scheiben und zuckte die Achseln. »Er ist freilich mit zerschmettertem Kopf herabgestürzt – aber was thut's? Er hat doch die hochmütige Kaste gezwungen, ihn anzuerkennen; er ist ihresgleichen geworden und hat seinen glänzenden Weg über den Boden gemacht, den sie mit rasender Eifersucht als den ihrigen reklamieren. Es ist schließlich völlig gleichbedeutend, ob dieser Weg durch zehn oder fünfzig Jahre hindurchgelaufen ist. Ich stürbe gern jung, wenn ich nur zwölf Monate Leben auf der Höhe damit erkaufen könnte! ... Ich habe es durchgekostet, was es heißt, seine halbe Jugend mit stolz ehrgeizigem Herzen und einem verpönten, plebejischen Namen unter nasenrümpfenden, adligen Pensionärinnen zu verbringen – ich will nicht immer unten stehen – ich will nicht!«

Sie fuhr mit der geballten Hand energisch durch die Luft und schritt unter fliegenden Atemzügen rasch auf und ab.

»Onkel Erich kennt die verborgene Glut in meinem Herzen – Dagobert denkt und fühlt und leidet genau so, wie ich« – sprach sie stehenbleibend weiter – »und mit dem ganzen Spießbürgerhochmut seines Standes sucht er sie zu ersticken ... Wir sollen die Stütze unserer Würde in uns selbst suchen, nicht in äußeren Zufälligkeiten, sagt der große Philosoph – lächerlich! Das stachelt mich erst recht auf; ich fühle mich an einen Marterpfahl gebunden, ich knirsche in den Zaum und verwünsche die Bosheit des Schicksals, die junge Adler in ein Krähennest getragen hat! ... Woher diese unbesiegbaren Empfindungen?« fragte sie, langsam weiterschreitend. »Sie sind da, solange ich atme, sie müssen in dem Blut begründet sein, was mich durchströmt ... Es ist kein Chimäre, das Wort von dem aristokratischen Bewußtsein – es mögen sich wohl Fäden fortspinnen von Geschlecht zu Geschlecht, die uns unbewußt mit vergangener Größe zusammen knüpfen, wenn sie auch äußerlich nicht mehr wahrnehmbar sind, wie bei uns Geschwistern zum Beispiel, über deren eigentlicher Abkunft tödliches Schweigen, undurchdringliches Dunkel liegen –«

Diese leidenschaftlich herausgestoßenen Klagen erloschen plötzlich mit den letzten Worten in einer Art von Stammeln – in der Mündung des einen Boskettweges, an der wir eben vorüberkamen, stand Herr Claudius und sah das aufgeregte Mädchen mit ruhigen, ernsten Augen an.

»Einmal soll dieses Dunkel gelüftet werden, Charlotte, ich verspreche es dir,« sagte er so gelassen, als sei der heftige Ausbruch an ihn direkt gerichtet gewesen und er antworte einfach darauf. »Aber dann erst sollst du die Wahrheit erfahren, wenn du sie ertragen kannst, wenn das Leben und ich« – er zeigte gebieterisch auf sich selbst – »dich vernünftiger gemacht haben werden ... Jetzt gehe vor in das Haus, Dörte mag dir ein Glas Zuckerwasser einrühren ... Und noch eines: Ich verbiete dir hiermit streng für die Zukunft derartige Mondscheinpromenaden in Fräulein von Sassens Gesellschaft; der Größenwahn ist ansteckend, du wirst mich verstehen.«

Seltsam, das Mädchen mit dem starken Geist fand nicht ein Wort der Erwiderung; die Ueberraschung mochte sie wohl für einen Augenblick gelähmt und widerstandslos gemacht haben. Den Kopf trotzig zurückwerfend, preßte sie meine Hand so heftig, daß ich hätte aufschreien mögen, schleuderte sie dann ungestüm von sich und rauschte in das Boskett hinein.

Ich war mit ihm allein – Angst und Beklommenheit überschlichen mein Herz; aber ich wollte ihm nicht zeigen, daß ich mich fürchte – nun gerade nicht! Der starke Goliath hatte einen Augenblick den Kopf verloren und sich in die Flucht schlagen lassen – da hielt sich der kleine David tapferer! ... Ich schritt, für meine flinken Füße viel zu langsam, nach der Karolinenlust, und er ging schweigend neben mir her ... Die Halle war stark beleuchtet; auch in dem Korridor, der hinter meinem Zimmer hinlief, brannten auf Herrn Claudius' Befehl allabendlich zwei Lampen. Vor diesem Korridor, auf dessen Stufen ich schon meinen Fuß setzte, blieb er stehen.

»Sie sind heute nachmittag im Groll von mir gegangen,« sagte er. »Geben Sie mir eine Hand, ich möchte doch lieber nicht so schlimme Erfahrungen machen, wie Heinz mit dem bösen Raben.«

Er streckte die Hand hin. Durch ein rubinrotes Glas in der Korridorthür warf das Lampenlicht einen rotflüssigen Schein über die weißen Finger, und von dem Brillantring zuckten grelle Blitze auf – ich schauderte.

»Sie ist voll Blut!« schrie ich entsetzt auf und stieß nach der Hand.

Er wich zurück und sah mich an – bis an mein Ende werde ich den vergehenden Blick nicht vergessen, der den meinen traf – noch nie hatte mich ein Menschenauge so angesehen, nie ... Er wandte sich und verließ, ohne daß auch nur ein Laut über seine Lippen gekommen wäre, das Haus.

Ich fuhr unwillkürlich mit der Hand nach dem Herzen, als hätte ich den Dolchstich zurückempfangen – wie das schmerzte! Es war Reue, tiefe Reue! ... Ich stürmte die Stufen hinab, ins Freie hinaus – ich wollte ihm die Hand geben, die er verlangt hatte, und ihn bitten, nicht böse zu sein. Aber der Kiesplatz war leer; ich hörte auch keine Schritte sich entfernen – Herr Claudius mußte den weichen Waldboden betreten haben.

Tief niedergeschlagen trat ich endlich bei Ilse ein. Ihre stets wachen und hellen Augen bemerkten sofort, daß Tropfen an meinen Wimpern hingen, und ich sagte ihr, daran sei nur das abscheuliche blutrote Glas der Korridorthüre schuld, für die es auch besser gewesen wäre, wenn Darling sie zertreten hätte, statt der Scheiben im Glashause.

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