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Das Heideprinzeßchen

Eugenie Marlitt: Das Heideprinzeßchen - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
titleDas Heideprinzeßchen
authorE. Marlitt
publisherErnst Keil's Nachfolger
year1893
created19990720
senderinge.bayreuther@bibliothek.uni-regensburg.de
firstpub1872
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20.

Als wir quer den Hof durchschritten, scholl Helldorfs prachtvolle Stimme herab; er sang allein. Mein Vater hemmte überrascht für einen Moment seinen Sturmschritt. Bis dahin hatte ich mich nie weiter in dem Hofe zu orientieren gesucht, er war mir zu kahl und nüchtern. Jetzt aber, als wir uns direkt nach dem Ausgangsthor wandten, das den linken Seitenflügel durchbrach, glitten meine Augen über das vor mir liegende Erdgeschoß des Hintergebäudes. An vier Fenstern, die sich nebeneinander reihten, war je ein Flügel halb geöffnet; eine ganze Schar junger Mädchen saß drinnen; die Brustwehr war sehr niedrig und ließ ununterbrochen geschäftige flinke Hände sehen; an dem mir zunächtsliegenden Fenster hielt eben eine Arbeiterin einen halbvollendeten Myrtenkranz prüfend von sich, ehe sie den nächsten Zweig einband.

Das war also die Hinterstube, mit der mir Charlotte schon am zweiten Tage meines Aufenthaltes einen heillosen Schrecken eingejagt hatte. Sie erschien mir durchaus nicht finster und abschreckend; Licht und Luft hatte sie vollauf, und die Mädchen sahen sehr sauber und wohlgekleidet aus. Alle diese blonden und dunklen Köpfe lauschten dem Gesange, keine Lippe regte sich ... Da sah ich, wie plötzlich ein jähes Aufschrecken durch die ganze Gesellschaft zuckte, sämtliche Stirnen senkten sich tief auf die Arbeit, und das Mädchen mit dem Myrtenkranz schob leise und unmerklich mit dem Ellbogen den Fensterflügel zu, während sich ihr errötetes Gesicht nach der Tiefe des Zimmers drehte ... Eine Thür fiel drinnen heftig in das Schloß und gleich darauf hörte man den alten Buchhalter schelten.

»Welch ein Zugwind!« rief er – seine sonore Stimme scholl um so kräftiger hinaus in den Hof, als der Gesang droben für einen Augenblick schwieg – »ach so, man hat die Fenster geöffnet und horcht auf die Verlockung des Satans und legt dabei die Hände in den Schoß! ... Ihr thörichten Jungfrauen, bei euch wird es heißen: ›Wahrlich, ich sage euch, ich kenne euch nicht‹ ... ›Es ist besser hören das Schelten des Weisen, denn hören den Gesang des Narren.‹«

Während des letzten Bibelspruchs schlug er klirrend ein Fenster um das andere zu und rüttelte an ihnen, auf daß auch nicht der kleinste Spalt für die eindringenden Töne de Weltlust verblieb. Er sah uns vorübergehen; aber seine Augen glitten stolz und abweisend über uns hin – er grüßte nicht.

Mein Vater schüttelte ironisch lächelnd den Kopf.

»Das ist auch so ein diktatorisches Päpstlein,« sagte er zu dem Fremden, »einer jener Beschränkten, die sich zum Skandal breit machen dürfen mit ihrem leeren Kopf, weil die Reaktion den Gedanken verfemt ... Mit welch staunendem Hohne wohl die nächsten Jahrhunderte auf diese entstellenden und zärtlich gehätschelten Sonnenflecke unserer Zeit zurückblicken werden!«

Wie dauerten mich die armen jungen Geschöpfe in der Hinterstube! Ihnen waren auch die Flügel grausam verschnitten worden; in ihrer Seele hatten sie freilich keine Spur »des wilden Elementes« mehr; dafür waren sie aber auch Gefangene ohne allen Willen. Sie duckten mäuschenstill die Köpfe, und ließen es geschehen, daß man ihnen auch noch die frische Luft entzog, weil sie verbotene Klänge zu ihnen getragen hatte ... Und der unheimliche Morgensänger war es, der ihnen die Flügel stutzen und sie bewachen mußte ... Oh Herr Claudius, ich machte Ihnen ganz gewiß mehr Mühe! Ich konnte laufen wie ein Hase, und wenn ich hier nirgends ein rettendes Dach fand, unter das ich den Kopf stecken konnte, so ging es eines schönen Tages wieder dahin zurück, wo ich hergekommen ... Es mußte ja nicht gerade der Dierkhof sein, wo Ilse mich scheltend empfing – ich schlüpfte in die kleine Lehmhütte mit den flaschengrünen Fensterlein, da aß ich mit Heinz Buchweizengrütze und flog lachen mit meinen unbeschnittenen Flügeln über die Heide hin ...

Wir hatten das Haus in der Mauerstraße verlassen, und nun ging ich ja doch durch die häßliche, stauberfüllte Stadt, die ich nie wiedersehen wollte. Sie erschien mir nicht mehr so schrecklich, als da die sengende Mittagshitze über ihr brütete. Es hatte sich aber auch manches verändert – meine Augen begegneten nicht einem einzigen spöttischen Blicke. Frauen gingen an uns vorüber, die mir wohlwollend und so freundlich forschend unter den Hut sahen, als mache es ihnen Freude, zu wissen, was für ein Gesicht auf dem kleinen trippelnden Menschenkinde im nagelneuen Galakleide säße ... Was mir aber plötzlich einen ganz besonderen Halt, ja eine Art inneren Schwunges gab, infolgedessen ich meinen Kopf um einige Linien höher zu recken suchte, das war die Art und Weise, wie mein Vater gegrüßt wurde. Der eilig dahinrennende Mann mit der nachlässigen Haltung und dem wirrflatternden Haare war eine nichts weniger als imposante Erscheinung, und doch neigten sich Offiziere und elegant gekleidete Herren tief und respektvoll vor ihm, und vornehme Damen, die in prächtigen Equipagen vorüberrollten, grüßten ihn, lebhaft mit der Hand winkend, als sei er ihr bevorzugter Freund ... Dieser große Respekt galt einzig und allein dem berühmten Manne, der so ungeheuer viel Wissen in seinem Kopf hatte – alle beugten sich vor ihm, nur »der Krämer« in der Mauerstraße nicht – der wußte ja alles besser ...

Grollend dachte ich an die Szene vor dem Münzenschranke, und was mich am meisten ärgerte, das war der Eindruck, den ich selbst dabei empfangen ... Hatte der Mann doch wirklich dagestanden, als sei er mit einer überlegenen Macht ausgerüstet, als ruhe jedes seiner Worte auf so solidem Grunde wie sein altes Krämerhaus, und – abscheulich – selbst der glänzende Offizier bei all seiner Eleganz und Schönheit war doch neben dem Manne im simplen schwarzen Rocke für einen Augenblick völlig in den Schatten getreten ... Welch eine Entpuppung! Das war »der alte, stille Herr«, der mir am Hünengrab so völlig unwichtig vorgekommen war, den ich gar nicht beachtet hatte ...

Wir mußten lange wandern, ehe wir das herzogliche Schloß erreichten. Ein Lakai eilte voraus, um uns zu melden, und während der Münzenverkäufer in einem Vorzimmer wartend zurückblieb, führte mich mein Vater durch Zimmer und Säle. Er fuhr sich noch einmal mit den Fingern durch das Haar, dann schob er mich leise über die Schwelle der Thür, die der heraustretende Lakai weit zurückschlug.

Da war ja der große Moment gekommen, gegen den sich das ungeschulte Kind der Heide im wohlbegründeten Instinkt erfolglos gesträubt hatte – ich debütierte über die Maßen kläglich. Charlotte hatte mir gezeigt, wie ich mich verneigen müsse – du lieber Gott, da machte ja Spitz seine kleinen Künste besser, die ihm Heinz eingelernt hatte! Meine »quecksilbernen Sohlen« blieben bleischwer an dem Fleck hängen, wohin mich mein Vater geschoben. Ich sah unter tiefgesenkten Lidern hervor nur ein Stück spiegelnden Parketts zu meinen Füßen und hörte das leise Rieseln eines seidenen Gewandes und sagte mir unter aufquellenden und wieder verschluckten Thränen des Grimmes gegen mich selbst, daß ich plump und einfältig dastehe, wie ein grobzugehauenes Götzenbild ... Da schlugen die lieblichen Laute einer sanften, glockenreinen Frauenstimme an mein Ohr – die Prinzessin begrüßte meinen Vater – und fast zugleich berührte ein zarter Finger mein Kinn und hob mein gesenktes Gesicht empor. Nun sah ich auf, und keine steinfunkelnde Krone blendete meine scheuen Augen – ich sah wundervolle, dicke, braune Locken ein zartrosiges Gesicht umwogen, und ein Paar glänzende Augen, so blau wie meine Lieblinge, die Heideschmetterlinge, lächelten auf mich nieder. Ich wußte, daß die Prinzessin nicht mehr jung sein konnte, sie war ja die Tante des regierenden Herzogs und eine Jugendgenossin meiner Mutter, und deshalb meinte ich, die hohe, schlanke Dame mit dem samtenen Teint und den jugendlich weichen Linien des Profils sei gar nicht die Prinzessin Margarete. Mein Vater belehrte mich eines anderen.

»Hoheit überzeugen sich nun selbst, wie recht ich hatte, unumschränkte Nachsicht zu erbitten,« sagte er – ein verhaltenes Lachen klang in seiner Stimme mit; »mein schüchternes Gänseblümchen hängt ratlos den Kopf –«

»Das wollen wir bald ändern,« versetzte die Prinzessin lächelnd. »Ich verstehe mich auf den Verkehr mit solchen kleinen ängstlichen Mädchen ... Gehen Sie jetzt, lieber Doktor, der Herzog erwartet Sie. Auf Wiedersehen beim Thee!«

Mein Vater verließ das Zimmer, und ich stand nun, auf mich selbst angewiesen, inmitten der verfänglichen Atmosphäre des Hofes, auf seine heißen Boden. Jetzt sah ich auch, daß die Prinzessin nicht allein war. Um einige Schritte hinter ihr stand ein hübsches junges Mädchen – die Prinzessin nannte vorstellend unsere Namen, und so erfuhr ich, daß die Dame ein Hoffräulein sei und Konstanze von Wildenspring heiße. Ehe ich mich dessen versah, hatten mir die flinken Hände des Hoffräuleins Hut und Mantille abgenommen, und ich saß der Prinzessin gegenüber, während sich die junge Dame in der Nähe hinter einem Fenstervorhang niederließ und eine Stickerei aufnahm.

Wie prächtig verstand es die fürstliche Frau, die Seele »des kleinen ängstlichen Mädchens« aus dem Bann der Verzagtheit zu erlösen! Sie erzählte mir von dem öfteren Zusammensein mit meiner Mutter an dem engbefreundeten L.schen Hofe, was das für eine glückliche, lustige Zeit gewesen sei, wieviel Talent und Wissen meine Mutter besessen, und was für wunderhübsche Verse sie gemacht habe. Dabei zeigte sie mir ein in roten Maroquin gebundenes, dickes Buch – es enthielt Gedichte und ein Drama der Verstorbenen und war kurz vor ihrem Tode erschienen. Manchem anderen jungen Mädchen in meiner Lage würde es vielleicht als ein großes Glück gegolten haben, bei seinem ersten Auftreten am Hofe solch einen günstigen Hintergrund zu finden – ich empfand nichts dergleichen – mit einer Art von schmerzlicher Scheu sah ich auf das Buch; die Gebilde da drin waren ja schuld, daß meiner ersten Kindheit das Sonnenlicht der mütterlichen Liebe gefehlt hatte. Während die Dichterin in den lichten, luftigen Vorzimmern die Gestalten ihrer Phantasie liebevoll gehegt und gepflegt, hatte die Seele ihres Kindes zwischen vier dumpfen Wänden hungern und darben müssen.

Vielleicht kam der Prinzessin eine Ahnung von diesem Vorgang in meinem Innern. – Ich hatte ihr ja gesagt, daß ich mich mit dem besten Willen auf das Gesicht meiner Mutter nicht besinnen könne. Unbemerkt lenkte sie das Gespräch auf meinen eigenen Lebensgang – da vergaß ich den letzten Rest von Befangenheit. Ich erzählte und ließ Heinz und Ilse und Mieke und die lustig schreienden Elstern im Eichenwipfel wohlgemut durch das gefeite Prinzessinnenzimmer spazieren; auch die alte, einsame Föhre rasselte mit ihren Nadeln darein, und aus dem Torfsumpf stiegen die Wassergeister und schleppten die weißen Gewänder mit schwernassem Saum über die nachtstille Heide. Ich ließ auch den Schneesturm um das ächzende Dach des Dierkhofes brausen und saß neben Heinz auf der Ofenbank, während die bratenden Aepfel in der Röhre zischten und spritzten ...

Manchmal fuhr das hübsche Hoffräuleingesicht wie erschrocken unter der Gardine hervor und starrte mich mit spöttischem Erstaunen an; allein das beirrte mich nicht – die großen Augen der Prinzessin strahlten ja immer heller auf und ruhten voll Innigkeit auf mir, sie hörte genau so aufmerksam, ich möchte sagen, atemlos zu, wie Heinz und Ilse, wenn ich auf dem Fleet die Märchenwunder vorlas.

Und von den Eidechsen, den Bienen und Ameisen erzählte ich – sie waren ja meine Spielgefährten gewesen, und ich kannte ihren Haushalt, ihr ganzes Thun und Treiben so vollkommen, wie die Hausordnung auf dem Dierkhof. Ich gestand, daß ich alle Tiere, selbst die kleinsten und häßlichsten, lieb gehabt habe, weil ja Odem in ihnen gewesen und mit dem schwachen Geräusch ihrer Stimmen und Bewegungen ein Hauch von Leben durch die tiefe Heideeinsamkeit gegangen sei ... Ich weiß nicht mehr, wie es kam, aber plötzlich reihte sich auch das große Hünenbett meiner Schilderung an – ich saß auf seinem Rücken, zwischen den gelben Ginsterblüten und sang, die Arme um die Kniee gelegt, in die unermeßliche Weite hinaus.

Die Prinzessin griff auf einmal nach meinen Händen, zog mich zu sich hinüber und küßte mich auf die Stirne.

»Ich möchte wohl wissen, wie die einsame Mädchenstimme in der Heide geklungen hat,« sagte sie.

Wohl schauerte ich in mich zusammen vor Schreck und Scheu bei dem Gedanken, daß meine Stimme an diese vier Wände schlagen sollte; aber es war auch eine Art von Verzauberung über mich gekommen – hatte ich mich doch schon überwunden und einen Teil meines Kinderlebens ausgekramt. Ich nahm all meinen Mut zusammen und sang ein kleines Lied.

Einmal, mitten im Singen, fuhr ich zusammen – die grauen Hoffräuleinaugen glommen und schillerten so wunderlich unter dem Seidenbehang hervor; ich mußte unwillkürlich an die Hauskatze des Dierkhofs denken, wie sie den armen zwitschernden Vogel auf dem Ebereschenbaum grünfunkelnden Auges anstierte – ei, was lag mir denn an dem Mißfallen der kleinen Dame! Ich sang ja nicht für sie, deshalb sollte meine Stimme ganz gewiß nicht zittern – ich ließ sie voller anschwellen und sang mutig zu Ende.

Schon während meiner Mitteilungen hatten zwei Lakaien geräuschlos einen vollständig arrangierten Theetisch in das Zimmer getragen, und eben, als mein letzter Ton verhallt war, trat ein Herr in schwarzem Frack ein. Er verbeugte sich tief, dann schnellte er empor und schlug mit unleugbarer Grazie applaudierend in die lederbekleideten Hände.

»Wundervoll, Hoheit! Bei Gott, magnifique!« rief er mit Ekstase, indem er stürmisch, wenn auch mit völlig lautlosen Schritten auf die Prinzessin zukam. »Aber welche Grausamkeit gegen uns alle, Hoheit!« fügte er in vorwurfsvollem Tone hinzu und ließ die graziös geschwungenen Arme sinken – die ganze ältliche Erscheinung nahm die kindischen Mienen und Manieren eines schmollenden jungen Mädchens an – »seit Jahren bitten wir auf den Knieen um einen einzigen Ton aus dieser Nachtigallenkehle – vergebens! ... Wie ein Dieb, ein unglückseliger Verbannter muß man draußen auf der Schwelle stehen, wenn man einmal wieder den langentbehrten Genuß haben will ... Wie, eine kranke, eine ruinierte Stimme soll das sein? Dieser Schmelz, diese Glockenfülle – Hoheit!«

Er schlug die Augen gen Himmel und berührte Daumen und Zeigefinger küssend mit den Lippen ... Ich war ganz bestürzt. Diese Menschenspezies war mir so völlig neu, wie ein Bewohner von Otahaiti. Nur die ziemlich tiefe Stimme und zwei am Kinn sorgfältig gescheitelte Bartstreifen erregten mein Bedenken, sonst hätte ich darauf geschworen, es sei eine Hofdame im Frack.

»Mein bester Herr von Wismar,« sagte die Prinzessin mit unterdrücktem Lachen, »in früheren Zeiten habe ich mich allerdings zuweilen der Sünde schuldig gemacht, mit einer sehr schwachen und sehr mittelmäßigen Singstimme meine Umgebung zu langweilen – daran sollten Sie mich doch nicht erinnern, ich habe es ja zu sühnen gesucht, indem ich beizeiten aufgehört ... Uebrigens sehe ich mit großer Befriedigung, daß meine musikalischen Missethaten glücklich vergessen sind, denn unser edler Kammerherr läßt meinen tiefen Alt frischweg zum glockenhellen Sopran, den armen Hänfling zur Nachtigall avancieren – Sidonie hat schön gesungen – ich niemals.«

Der »edle Kammerherr« stand sehr verdutzt da. Das lange Gesicht war mir zu ergötzlich – ich kicherte in mich hinein, wie ich ja auch immer gethan hatte, wenn Heinz verblüfft vor einer ungeahnten Wendung stand.

Fräulein von Wildenspring hatte sich bei den letzten Worten der Prinzessin rasch erhoben. Sie warf einen bitterbösen Blick auf mein vergnügtes Gesicht und huschte hinter den Theetisch.

»Aber Hoheit, der Vergleich hinkt denn doch gar zu sehr!« schmollte sie herüber, während sie sich mit der silbernen Theekanne zu schaffen machte. »Mag auch Herr von Wismar hinsichtlich der Stimmlage irren, wundervoll gesungen haben Hoheit doch – die Gräfin Fernau wird noch Feuer und Flamme, wenn sie darauf zu reden kommt!«

»O weh, ist das Ihr einziger Gewährsmann, Konstanze?« lachte die Prinzessin. »Die gute Fernau ist seit fünfundzwanzig Jahren stocktaub!«

»Aber Papa und Mama schwärmen ja auch noch,« versetzte das Hoffräulein beharrlich, schlug aber doch die Augen nieder vor dem sarkastischen Gesichtsausdruck, mit dem sie von ihrer Gebieterin gemustert wurde.

»Bitte, wenden Sie Ihre Augen und Komplimente rechts, Herr von Wismar,« sagte die Prinzessin und winkte mit der Hand nach mir hin »- da sitzt die Nachtigall.«

Der Herr fuhr herum. Er hatte mich bis dahin nicht gesehen, weil eine Gruppe riesiger Blattpflanzen meine kleine Person fast ganz verdeckte. Die Prinzessin nannte meinen Namen – ich erhob mich bei dem tiefen Bückling des Hofherrn, lachte ihm ins Gesicht und machte einen Knix, so tief und gelungen, daß Charlotte das Herz im Leibe gelacht haben würde. Der Kobold des Mutwillens, der seit dem Tode meiner Großmutter in meiner Seele fest geschlafen hatte, regte sich wieder und gab mir die Leichtigkeit der Bewegungen zurück.

Herr von Wismar sagte mir flugs verschiedene Komplimente, in denen das simple Gänseblümchen meines Vaters zur Rosenknospe, zum Elfenwesen erhoben wurde, und schalt auf »den lieben Doktor«, daß er bisher dem Hofe meine beglückende Gegenwart entzogen und mich allzulange im Pensionat gelassen habe.

»In welchem Institut sind Sie denn erzogen, meine Gnädigste?« fragte er schließlich.

»In einem Heidedorfe, Herr von Wismar!« rief Fräulein von Wildenspring mit einem kinderunschuldigen Lächeln herüber.

Der Kammerherr stutzte; allein ein Blick auf das nach mir hinlächelnde Gesicht der Prinzessin gab ihm sein inneres Gleichgewicht zurück. »Ach, daher die köstliche Maifrische in dieser Stimme ... Die Landluft, ja, die Landluft! ... Hoheit, das wäre eine Acquisition für unsere Hofkonzerte! ... So keusch, so völlig unberührt –«

»Welche Idee, Herr von Wismar?« unterbrach ihn das Hoffräulein. »Fräulein von Sassen kann doch unmöglich mit unserer ausgezeichneten Primadonna vom Hoftheater rivalisieren wollen – da sollte sie mir leid thun!«

»Sehen Sie nach Ihrem Thee, Konstanze, ich fürchte, er wird bitter!« sagte die Prinzessin. »Uebrigens mögen Sie sich beruhigen, ich acceptiere den Vorschlag durchaus nicht; seltene Gäste behütet man wie seinen Augapfel, und den erquickenden Heideduft, der auf einmal aus dem fernen ›Heidedorfe‹ in unsere schwülen Kreise dringt, will ich für mich allein behalten.«

Fräulein von Wildenspring schwieg. Sie schwenkte ihre Theekanne und schüttete den ersten unbrauchbaren Aufguß so jäh und stürmisch in den silbernen Spülnapf, daß die braunen Tropfen auf das weiße Damasttuch sprühten.

»Und Sie wohnen nun mit dem Papa im Claudiusschen Hause?« fragte mich der Kammerherr hastig, indem er den stolz zurechtweisenden Blick auffing, mit dem die Prinzessin ihre ungeschickte Hofdame maß – Herr von Wismar schien eine Art Blitzableiter am Hofe zu sein.

»Wir wohnen in der Karolinenlust,« antwortete ich.

»Ah, in den Räumen des armen Lothar!« rief er in bedauerlichem Ton nach der Prinzessin hin.

»Ei bewahre,« korrigierte ich eifrig, »da drin doch nicht! Die sind ja versiegelt.«

Ich sah, wie ein helles Rot bis unter das lockige Stirnhaar der Prinzessin lief. Sie hatte mit beiden Händen die überhängende Blütendolde einer Hortensie erfaßt, die neben ihr im Blumentisch stand, und drückte tiefatmend den unteren Teil des Gesichts hinein.

»Noch immer versiegelt? Aus welchem Grunde?« fragte sie nach einer augenblicklichen Pause den Kammerherrn. »Ist nicht sein Bruder der einzige Erbe?«

Herr von Wismar zuckte die Achseln. Er versicherte, durchaus nicht Näheres zu wissen; das seien verschollene Dinge, und der Name Claudius werde ja erst hier und da am Hofe wieder genannt, seit Herr von Sassen den Antikenfund in dem alten Kaufmannshause gemacht habe.

»Die Siegel sollen an den Thüren bleiben bis in alle Ewigkeit,« sagte ich schüchtern – ich war meiner Lauschersünden sehr wohl eingedenk und schämte mich; aber trotz alledem wollte ich die Prinzessin nicht ohne Auskunft lassen. »Der Tote hat es so gewollt; Herr Claudius leidet deshalb nie, daß solch ein Siegel angerührt wird, er ist ja so streng, so furchtbar streng!«

»Ei, das klingt ja fast, als ob Sie sich vor ihm fürchteten, meine kleine Gnädige!« lachte der Kammerherr.

»Ich mich fürchten? O nein!« widersprach ich voll Aerger. »Ich fürchte mich gar nicht, nicht im geringsten mehr ... Aber ich kann ihn nicht leiden!« fuhr es mir heraus.

»Wie, bereits so entschiedene Antipathien in dem Gemüt, das in der Heide alles geliebt, was Odem hat?« rief lächelnd die Prinzessin. »Ach, gehen Sie doch, ich kann mir gar nicht denken, daß es Ihnen mit dieser Abneigung gar so ernst ist!« setzte sie hinzu. Sie wandte den Kopf halb zur Seite, und ein schelmischer Blick streifte mich.

Sie glaubte mir nicht – wie mich das verdroß! Der ganze Groll von vorhin überkam mich wieder.

»O, den Mann hat niemand lieb, niemand in der ganzen Welt, und das versteht sich von selbst!« rief ich lebhaft. »Er liebt ja auch nur zwei Dinge, die Arbeit – sagt Charlotte – und sein großes, dickes Zahlenbuch ... Blumen hat er, so unermeßlich viel Blumen, daß er sich und sein häßliches Haus in der Mauerstraße drin vergraben könnte, aber in dem Zimmer, wo er von früh bis spät steckt und arbeitet, duldet er nicht ein grünes Blättchen neben sich ... Mit der Uhr in der Hand schilt er seine Leute, wenn sie einen Augenblick zu spät in das abscheuliche Unkennest kommen, und nachts betrachtet er sich die Sterne am Himmel nur, weil er sie auch so zählen kann wie die Thaler auf seinem Tische. Er ist geizig und gibt nie einem Armen ein Almosen –«

»Halt, mein Kind,« unterbrach mich die Prinzessin, »das muß ich widerlegen! Die Armen unserer Stadt haben keinen besseren Freund, wenn er auch vielleicht in etwas bizarrer Weise gibt und wirkt, und konsequent seine Unterschrift auf Kollektenlisten und dergleichen verweigert.«

Ich schwieg einen Augenblick betroffen. »Aber er ist hartherzig und kalt wie ein Eiszapfen gegen – gegen Charlotte,« sagte ich dann rasch, »und alles will er besser wissen, als andere.«

»Ein hübsches Sündenregister!« lachte der Kammerherr. »Uebrigens hat der Mann vor kurzem gezeigt, daß er wirklich manchmal etwas besser versteht, als andere,« wandte er sich an die Prinzessin. »Unser schlauer Graf Zell ist endlich auch einmal zu unser aller Genugthuung gründlich düpiert worden; sein Darling, den er von seiner letzten Reise mitgebracht hat, ist ein Prachtstück an Schönheit und Eleganz, aber eine heimtückische Bestie. Manche behaupten, es sei ein Zirkuspferd, es hat so absonderliche Gewohnheiten. Zell mochte es gar zu gern wieder los ein; in unserem Kreise hat natürlich keiner angebissen, aber man war in Rücksicht auf Zell diskret, um andere nicht kopfscheu zu machen ... Der junge Leutnant Claudius war denn auch Feuer und Flamme, einige gute Freunde Zells hatten ihm die Acquisition sehr plausibel gemacht, der Herr Onkel aber hat Darling angesehen und – gedankt, sehr zum Besten des jungen Mannes; denn vor einer Stunde hat das Tier den Sohn des Bankiers Tressel, der es gekauft hat und ein ganz respektabler Reiter sein soll, abgeworfen und ihn obendrein mit seinen Hufen übel zugerichtet.«

»Das muß ich sagen, Herr von Wismar, diese sogenannte Diskretion in Ihrem Kreise verdrießt mich sehr, und Graf Zell mag sich in acht nehmen bei seinem nächsten Erscheinen am Hofe!« rief die Prinzessin, aus ihren großen glänzenden Augen schlug eine Flamme der Entrüstung. »Wird der Sturz schlimme Folgen haben?«

»Ich glaube kaum,« stotterte der Kammerherr. »Hoheit mögen sich aber beruhigen und bedenken, wer der Reiter war,« fügte er nach einem leichten Husten lächelnd hinzu; »das ist robustes Blut und eine ganz andere Knochenmasse, das ist nicht leicht umzubringen; mit ein paar Schrammen und blauen Flecken wird die Sache abgemacht sein.«

»Sie sprachen vorhin von einer Charlotte in Claudius' Hause,« sagte Herr von Wismar, der wohl fühlen mochte, daß er zu weit gegangen sei, dann zu mir. »Ist sie das imposante schöne junge Mädchen –«

»Nicht wahr, Charlotte ist schön?« unterbrach ich ihn glückselig – ich verzieh ihm sofort sein ganzes kindisches Thun und Wesen um dieser einen Bezeichnung willen.

»Für meinen Geschmack ein wenig zu kolossal, zu emanzipiert und herausfordernd, ich bin ihr einigemal im Frauenverein begegnet,« sagte die Prinzessin mehr nach dem Kammerherrn hin. Die Bedeutung des »emanzipiert« verstand ich nicht, ich hörte den Tadel mehr aus dem Ton der Dame, und der schmerzte und kränkte mich tief. »Ein seltsames Verhältnis in dem Hause!« fuhr sie fort. »Wie mag Claudius dazu gekommen sein, die Kinder eines Franzosen zu adoptieren?«

Herr von Wismar zog, abermals auskunftslos, die Schultern in die Höhe.

»Und dabei sind die Betreffenden nichts weniger als dankbar für diese Adoption,« rief Fräulein von Wildenspring herüber. »Diese Charlotte wehrte sich stets zornig gegen den Namen Claudius, auf ihren Schulheften stand Mericourt, und die Pensionärinnen waren boshaft genug, sie so oft als möglich mit jenem verhaßten Namen zu nennen, nur um ihre funkelnden Augen zu sehen.«

»Ah, Sie kennen das junge Mädchen näher, Konstanze?« fragte die Prinzessin.

»Soweit sich eben zusammengewürfelte Pensionärinnen verschiedenen Standes kennen, Hoheit,« entgegnete das Hoffräulein mit einem gleichgültigen Achselzucken, das mir das Blut wallen machte. »Wir waren zwei Jahre lang in ein und demselben Dresdener Institut ... Sie hat bei ihrer Hierherkunft diese notgedrungene Bekanntschaft zu erneuern gesucht und mir sofort einen Besuch gemacht –«

»Nun?« forschte die Prinzessin, als die junge Dame einen Augenblick zögerte.

»Papa wünschte den Umgang durchaus nicht für mich, ich bin deshalb einfach vorgefahren und habe eine Karte abgegeben –«

Sie verstummte plötzlich, wandte sich seitwärts und machte eine tiefe, sehr graziöse Verbeugung. Ein hübscher junger Herr mit einem sehr ernsten Gesicht trat in Begleitung meines Vaters und zweier anderer Herren durch die Seitenthür, es war der Herzog.

Die Prinzessin begrüßte ihn warm und herzlich wie eine Mutter; dann stellte sie mich ihm vor. Ich bedurfte keines besonderen Aufwandes von Mut mehr, um zu Serenissimus aufzusehen und seine freundlichen Fragen ruhig zu beantworten; ich war rasch sicherer geworden auf dem heiklen Boden, und »das Gänseblümchen« mochte wohl um vieles zuversichtlicher den Kopf heben, denn mein Vater sah mich ganz erstaunt an und fuhr mir plötzlich liebkosend mit der Hand über das Haar.

Er hatte wieder ein sehr echauffiertes Gesicht. Mit einem förmlichen Haß sah ich nach den Goldmünzen, von denen nun auch der Herzog einige vor seine Tante hinlegte. Er sagte ihr, daß ihm dieser Münzenschatz eine bedeutende Summe koste; nun sei aber auch das altberühmte herzoglich K.sche Medaillenkabinett eines der vollständigsten, denn es habe durch den heutigen Ankauf Exemplare erhalten, die für manchen Liebhaber so sagenhaft seien, wie der Nibelungenhort ...

Ich sah, wie fast unausgesetzt ein nervöses Zucken durch die Züge meines Vaters lief, er dauerte mich unbeschreiblich. Ich konnte mir recht gut denken, welche Qual es ihm verursachen müsse, zu sehen, wie die heißgewünschten Schätze unter allgemeiner Bewunderung von Hand zu Hand gingen, als das rechtmäßig erworbene Eigentum eines anderen ... Die Bitterkeit gegen den, der ihn in seiner »Krämerweisheit« zu dieser Entsagung verurteilt, machte abermals meine ganze Seele rebellisch und ließ mich alle Zurückhaltung vergessen.

»Sehen Sie,« sagte ich halblaut zu der Prinzessin, welche eben die prächtige Kaisermünze entzückt betrachtete, »das hat Herr Claudius auch besser wissen wollen; er behauptet, das Medaillon da sei unecht!«

Der Herzog fuhr herum, und sein durchbohrender Blick heftete sich zu meinem Schrecken halb überrascht, halb zürnend auf mein Gesicht.

Mein Vater lachte und strich mir mit der Hand wiederholt das Haar von der Stirne zurück. »Sieh da, mein kleiner Diplomat!« rief er. »Ein Glück, daß der Papa sattelfest ist, der schlaue Plaudermund da könnte ihm sonst schwer zu schaffen machen! Lächerlich!« sagte er achselzuckend zu Herrn von Wismar – der einzige, der sein Gesicht in bedenkliche Falten zu legen suchte, obgleich dieser geckenhafte Mensch sicher nicht das mindeste Verständnis für die Sache hatte – »der Mann versteht von Numismatik ungefähr so viel, wie ich von der Tulpenzucht ... Zu Ihrer Beruhigung will ich Ihnen aber sagen, daß der Verkäufer der Münzen heute noch, mit verschiedenen Empfehlungsbriefen von mir in der Tasche, K. verläßt: er geht an Höfe und Universitäten unter der Aegide meines Namens; genügt Ihnen diese Bürgschaft für die von mir befürwortete neueste Acquisition Seiner Hoheit?«

Herr von Wismar lächelte verlegen und versicherte, daß ihm ein Zweifel auch nicht mit dem leisesten Gedanken gekommen sei.

Ein wahrer Sturm gegen den Dilettantismus erhob sich nun unter den Anwesenden, und niemand war erboster als Fräulein von Wildenspring, die kaum noch mit der zuversichtlichsten Miene gelehrte Brocken in das Gespräch eingestreut hatte.

»Die Dilettanten sind und bleiben die Plage des Fachmannes,« sagte mein Vater. »Ueber Claudius den Aelteren habe ich mich zwar bisher durchaus nicht zu beklagen gehabt – er ist streng zurückhaltend, vermeidet meine Begegnung auf seinem eigenen Grund und Boden geflissentlich und läßt mich mit seinen Kunstschätzen schalten und walten, wie ich Lust habe – dagegen macht mir häufig mein sogenannter Famulus das Leben recht schwer.«

»Ah, der schmucke Lieutenant!« lachte einer der Herren.

»Er benippt die Wissenschaft, wie der Schmetterling einen Blumenkelch,« fuhr mein Vater mit einem bestätigenden Kopfnicken fort. »Appelliert man nur im entferntesten an sein Nachdenken, husch, ist er auf und davon! ... Für ihn ist die vom Hofe ausgehende Vorliebe für die Altertumskunde gleichbedeutend mit jenen rasch wechselnden Modethorheiten, die ihn heute einen kleinen goldenen Sattel, morgen einen Maikäfer als Berlocken tragen lassen ... Vor kurzer Zeit begleitete er seinen Onkel auf einer Geschäftsreise im Norden. Auf seine dringenden Bitten gab ich ihm eine Empfehlung an Professor Hart in Hannover, der denn auch so freundlich gewesen ist, die Herren nach einer Gruppe von Hünengräbern in der Heide zu begleiten und eines derselben öffnen zu lassen ... Gott, wie sahen die Fundstücke aus, die der Herr Lieutenant in meine Hände niederlegte! Verbogen und in Stücken zerbrochen, ›weil er sie in ein und dieselbe Kiste mit Mineralien zusammengesteckt habe, die ihm Professor Hart für einen Kollegen mitgegeben‹, entschuldigte er sich – das Herz hat sich mir umgewendet!«

Wie wenig ahnte mein Vater, daß sich in diesem Moment auch mir das Herz umwendete, daß ich einen unbeschreiblichen Groll empfand gegen die, unter denen ich saß! ... Man lachte und spöttelte, und niemand fiel es ein, den Abwesenden in Schutz zu nehmen. Herrn Claudius hatte die Prinzessin sofort verteidigt, als ich in meiner Beschuldigung zu weit gegangen war; selbst Herr von Wismar hatte zu seinen Gunsten gesprochen – nur für Charlotte und Dagobert fiel kein freundliches Wort – die armen Geschwister! ...

Die Prinzessin unterbrach das allgemeine Gespräch plötzlich mit der an meinen Vater gerichteten Frage, bis zu welchem Zeitpunkte die Aufstellung der Antiken in der Karolinenlust beendet sein werde; sie interessiere sich lebhaft für die ans Tageslicht gezogenen Kunstschätze und habe sich vorgenommen, den Herzog bei seinem ersten Besuche zu begleiten.

»Ich habe dabei auch noch einen stillen Nebengedanken,« sagte sie. »Ich möchte einmal gar zu gern das Claudiussche Etablissement ansehen – die Glashäuser mit ihren Palmen sind ja weit berühmt ... Direkt hinzugehen habe ich Anstand genommen – der Mann hat einen unerträglichen Bürgerstolz; da ist, wie ich fürchte, das Terrain sehr schwierig –«

»Und die entschieden pietistische Färbung, die das Etablissement seit einiger Zeit an der Stirn trägt, und die Eurer Hoheit so unsäglich zuwider ist?« fragte Fräulein von Wildenspring lauernd – man sah, das fürstliche Vorhaben, jenes Haus zu betreten, war ihr sehr fatal.

»Ebendeshalb soll die Besichtigung der Kunstschätze Hauptzweck sein – ich werde im Vorübergehen den Garten besehen und brauche dabei weder den Hochmut noch die pietistische Tendenz des Besitzers in den Kauf zu nehmen.«

Das Hoffräulein reichte ihrer Gebieterin schweigend eine Tasse Thee und nahm dann scheinbar unterwürfig ihre Stickerei wieder auf. Den übrigen Teil des Abends füllte eine lebhafte Debatte über die Kunst der Alten aus, und die Hofherren, die über den Dilettantismus so grausam den Stab gebrochen, sprachen so sicher und zuversichtlich, so enthusiastisch mit, als seien sie sämtlich solch berühmte Gelehrte wie mein Vater, und als sei das Studium der Archäologie dasjenige, was einzig und allein ihre Zeit und Seelenkräfte in Anspruch nehme. Ich hätte ihnen auch unbedingt geglaubt, wären nicht die sarkastischen Blicke gewesen, die der Herzog häufig mit meinem Vater wechselte.

Bei unserem Weggange ließ die Prinzessin einen Foulard kommen und legte ihn mir um den Hals. Es sei kühl geworden, sagte sie, und ihre liebe kleine Heidelerche dürfe nicht heiser werden. Meinem Vater versicherte sie, daß sie mich sehr oft bei sich sehen und unter ihren ganz besonderen Schutz nehmen werde; dann küßte sie mich auf die Stirne, und wir verließen das Schloß.

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