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Das Heideprinzeßchen

Eugenie Marlitt: Das Heideprinzeßchen - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
titleDas Heideprinzeßchen
authorE. Marlitt
publisherErnst Keil's Nachfolger
year1893
created19990720
senderinge.bayreuther@bibliothek.uni-regensburg.de
firstpub1872
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18.

Nun saßen wir mittags bei Tische. Ich konnte nur wenig essen; mir war beklommen und ängstlich zumute – ich fürchtete mich entsetzlich vor der Prinzessin, die ich mir nicht anders als im goldbrokatenen Kleide, mit der steinfunkelnden Krone auf dem Kopfe denken konnte. Zudem befremdete mich das Wesen meines Vaters. Er rührte keinen Bissen an; unermüdlich drehte er Brotkügelchen zwischen den Fingern, wobei er in das Leere starrte. Er rang offenbar mit sich selbst, etwas auszusprechen; sein Blick streifte dann und wann forschend Ilses Gesicht, die, arglos, mit gutem Appetit aß und dabei wiederholt versicherte, daß es doch in der ganzen Welt nicht so mehlreiche Kartoffeln gebe wie auf dem Dierkhof, weil da sandiger Boden sei.

»Liebe Ilse, ich möchte Sie um etwas bitten,« hob plötzlich mein Vater an – das klang so kurz und gepreßt, als kämen die Worte nur infolge eines gewaltsamen inneren Ruckes über seine Lippen.

Sie sah von ihrem Teller auf.

»Nicht wahr, Sie haben die Wertpapiere, den letzten Nachlaß meiner verstorbenen Mutter, mitgebracht?«

»Ja, Herr Doktor,« sagte sie aufhorchend und legte die Gabel hin.

Er griff in die Brusttasche und zog behutsam einen in Papier gewickelten Gegenstand hervor; seine Hände zitterten und die Augen leuchteten auf, als er die seidenweiche Hülle auseinanderschlug – eine prachtvolle, sehr große Denkmünze lag darin.

»Sehen Sie sich das an, Ilse – was sagen Sie dazu?«

»Was Schönes ist's,« meinte sie und wiegte mit beifälliger Miene den Kopf.

»Und denken Sie sich, das ist spottbillig zu haben. Für dreitausend Thaler kann ich einen Münzenschatz bekommen, der unter Brüdern mindestens zwölftausend Thaler wert ist.« – Sein sonst so sanftes, stilles Gesicht hatte etwas Verzücktes angenommen. – »Es ist der erste glückliche Zufall in meinem Leben; bis jetzt habe ich alles sehr schwer, oft mit unsagbaren Opfern erringen müssen – und gerade in diesem Augenblick steht mir kein größeres Kapital zur Verfügung ... Liebe Ilse, Sie würden mich zu lebenslänglichem Danke verpflichten, wenn Sie mir von dem Ihnen anvertrauten Gelde dreitausend Thaler in die Hände geben wollten. Leonore ist nicht im mindesten gefährdet, denn ich gebe Ihnen mein Wort, daß das Objekt wenigstens dreimal soviel in sich enthält, als der dafür gezahlte Preis beträgt.«

»Ja, ja, das mag schon sein; aber wie ist's denn, gilt denn das auch?« fragte sie und tippte mit dem Finger auf die Münze, was meinem Vater eine Art von Nervenzucken verursachte.

»Wie verstehen Sie das?« fragte er langsam.

»Je nun, ich meine so, daß es der Kaufmann nimmt, wenn man bezahlen will.«

Mein Vater prallte zurück, als habe sie ihn gestochen.

»Nein, Ilse,« sagte er nach einer Pause niedergeschlagen; »da machen Sie sich eine falsche Vorstellung. Ausgeben kann man diese Art von Geld nicht – man kann es nur wieder verkaufen.«

»So – da bleiben also die dreitausend Thaler im Kasten liegen und sind nur da zum Ansehen, nicht um ein Haar anders, als das zerbrochene Zeug droben in dem großen Saale auch? .... Davon aber kann sich das Kind nicht satt essen und keinen Schuh an die Füße kaufen ... Herr Doktor, ich habe Ihnen gleich gesagt, daß das Geld nicht angerührt wird! Wenn ich in Hannover so Päckchen um Päckchen mit den fünf Siegeln, die ich zuletzt nicht mehr ausstehen konnte, auf die Post trug und schließlich ein brummiges Gesicht machte, da sagte meine arme Frau allemal: ›Ilse, das verstehst du nicht! Mein Sohn ist ein berühmter Mann, und das gehört dazu.‹ – Und ich bin auch so stockdumm geblieben, Herr Doktor, und hab's in meinem Leben nicht begriffen, warum meine gnädige Frau so arm werden mußte, warum sie das schöne alte Silberzeug von den Jakobsohns und die Ringe und Armbänder und Ketten verkaufen mußte, weil Sie ein berühmter Mann sind – sehen Sie, und noch weniger will mir's in den Kopf, daß nun auch das Kind sein bißchen Ererbtes hergeben soll. Nehmen Sie mir's nicht übel, Herr Doktor, aber es ist mir immer gewesen, als fiele das unmenschlich viele Geld in ein großes, grundloses Loch, denn man sieht und hört nichts wieder davon, wenn es einmal geschluckt ist ... Es kann ja sein, daß es in Ihrem Geschäft steckt, und daß es später einmal, wenn es verkauft wird –«

Mein Vater fuhr in die Höhe – alles konnte er ertragen und hinnehmen, nur den Gedanken nicht, daß sich je eine fremde Hand an seine Sammlungen legen würde. Er streckte Ilse entrüstet und unterbrechend beide Hände entgegen. Sie verstummte für einen Augenblick, dann aber fuhr sie unerschrocken fort: »Ich habe übrigens auch gar keine Macht mehr über das Geld – es liegt im Vorderhause im Geldschrank – Sie wollten es ja nicht annehmen, Herr Doktor – und da hab' ich's Herrn Claudius gegeben. Der ist aber nicht der Mann, der mit sich spaßen läßt, der heute nimmt und morgen wieder herausgibt, wie andere gerade wollen.«

Mein Vater schlug, ohne noch ein Wort zu verlieren, das Papier wieder um das Goldstück und steckte es in die Tasche. Seine Verstimmung und wortlose Niedergeschlagenheit gingen mir tief zu Herzen – allein da war nichts zu machen. In Ilses ganzem Wesen lag die tiefste Genugthuung darüber, daß sie das Geld in Sicherheit gebracht hatte. Ich fürchtete mich vor den harten, hellen Augen und wagte auch nicht ein Wort der Fürsprache, als mein Vater wieder in die Bibliothek gegangen war.

In der vierten Nachmittagsstunde trat das hübsche Stubenmädchen, das bei Charlotte auch den Dienst der Jungfer versah, in mein Zimmer. Sie hatte eine kleine verdeckte Korbwanne im Arm, und als sie das verhüllende Tuch lüftete, da bauschten mir weiße mit kleinen schwarzen Blättern besäte Gazewogen entgegen.

»Fräulein Claudius schickt mich – ich soll Anprobe halten,« sagte sie und kramte den Korb aus. Währenddem versicherte sie Ilse, daß es heute »ein Tag zum Davonlaufen« im Vorderhause sei.

»Denken Sie sich,« sagte sie »wir haben Herrendiner. Alles ist auf den Beinen und läuft und rennt – da befiehlt auf einmal in aller Frühe Herr Claudius – werden Sie's wohl glauben? – daß die Schreibstube nach dem Hofe zu verlegt werden soll, und zwar sofort – unsere sämtlichen Männer wollten auf den Köpfen stehen! Ich bitte Sie, die Schreibstube, in der alle Claudius weit über hundert Jahre gearbeitet haben! Und keiner hat gewagt, auch nur einen Schrank anders zu stellen, und nun auf einmal werden alle die bröckligen, morschen Sachen behutsam aus der alten dunklen Stube in eine sonnenhelle getragen – die werden sich schön wundern! ... Und grüne Vorhänge hat der Tapezierer sofort aufstecken müssen, weil es gar zu hell ist und Herr Claudius mit seinen schwachen Augen das Licht nicht vertragen kann ... Darauf mache sich einer einen Vers – niemand im Hause kann's; aber der alte Erdmann geht ganz blaß herum und meint, das deute auf den Untergang der Welt.«

Ich hörte nur mit halbem Ohr hin – was kümmerte mich denn die Schreibstube des Herr Claudius? ... Meine Augen verschlangen die Wunderdinge, die sich unter den Händen der Sprecherin entfalteten. Auch Ilse verfolgte jeden Gegenstand mit prüfenden Blicken, und ihre Finger zogen und zupften zu meinem Schrecken an dem leichten Stoff des Kleides, inwieweit er wohl haltbar sei; als aber die Zofe schließlich ein Paar wunderkleiner, schwarzer Atlasstiefelchen mit spitzen Fingern vom Boden des Korbs aufnahm und mir lächelnd vor die Augen hielt, da verließ sie, ohne ein Wort zu sagen, das Zimmer.

Ich war doch schrecklich verhärtet – dieses Hinausgehen machte mir nicht den geringsten Kummer, im Gegenteil, ein Stein fiel mir vom Herzen, als Ilses härener Rockzipfel hinter der Thür verschwand. Rechts und links polterten die gediegenen Schöpfungen des Heideschusters auf die Dielen – Ilse hatte recht, in »den Spitzen« und dem Atlas war es genau so, als sei ich wieder barfuß, als flösse die Heideluft schmeichelnd um meine Füße. Dann tauchte mich die Jungfer in die Gazewolke und steckte hier und da eine schwarze Taftschleife auf – Duft, wohin ich sah! Er floß um die Arme und Schultern und von der Taille bis auf die Zehenspitzen nieder – und da drin sollte ich stecken? Ich? ... Ach, das war ja gar nicht zum Aushalten, das war wirklich zum Davonlaufen! ... »Halt, halt!« schrie die Zofe, »noch die Schleife auf die linke Achsel! So könne Sie sich doch vor niemand sehen lassen!«

Aber dafür hatte ich keine Ohren. Ich lief bereits durch die Halle, dann über die Brücke und durch den Blumengarten, und um mich her wogte und wallte es, als habe mich eine weiße Sommerwolke aufgenommen.

Heute graute mir nicht vor dem Vorderhause. Ich rannte die gewundene Steintreppe hinauf nach Charlottens Zimmer. In dem dunklen Korridor stand freilich der alte Erdmann, steif wie aus Holz geschnitzt, und hielt eine Serviette in der Hand – er riß die Augen weit auf vor Erstaunen, und es kam mir vor, als griffe er nach meinem Kleid, um mich zurückzuhalten, als ich an ihm vorüberflatterte – ei, was ging mich denn der alte Isegrimm an? Ich stürmte ohne weiteres in das Zimmer hinein.

Seine Fenster gingen nach Hof und Garten hinaus, und wenn auch durch dunkle Tapeten und schwere braune Damastgardinen abscheulich verdüstert, war es doch das freundlichste im ganzen Hause. Ein prachtvoller Flügel stand an der Wand mir gegenüber; Charlotte saß davor, und ihre Hände lagen auf den Tasten, als wollte sie eben beginnen zu spielen. Nicht weit von ihr saß Fräulein Fliedner im perlgrauen Seidenkleid und duftigen Blondenhäubchen – weiter sah ich nichts.

»Ach, Fräulein Charlotte,« rief ich, »sehen Sie mich doch nur an! ... Was sagen Sie denn nur?« – Ich faßte eine der abstehenden Aermelbauschen. – »Ist's nicht, als hätte ich Flügel, wirkliche Flügel? ... Ach, und die Schuhe – nein, die Schuhe müssen Sie sich ansehen!« – Ich hob leicht den Saum des Kleides und ließ den Atlas im Licht spiegeln. »Nun geht's nicht mehr ‚trab, trab', wie in meinen schrecklichen Nägelschuhen! ... Passen Sie auf, ob Sie auch nur einen Laut hören, wenn ich über die Dielen gehe.« – Mit festen Schritt, wie ein Soldat, marschierte ich auf sie zu. – »Nicht wahr, nun bin ich nicht mehr die lächerlich herausstaffierte Kindergestalt, wie Herr Eckhof sagt?«

»Nein, Heideprinzeßchen, nein!« rief sie. »Wer hätte denn gedacht, daß in der schwarzen Puppe solch ein Schmetterling stecke?« Sie lachte, lachte, daß sie sich die Seiten halten mußte, und auch Fräulein Fliedner hielt sich ihr Taschentuch vor den Mund und sah mit lächelnden Augen neben mir hin – ich meinte nach der Wand.

»Haben Sie sich denn schon im Spiegel gesehen?« fragte Charlotte.

»Ei bewahre – soviel Zeit blieb mir nicht; ist auch gar nicht nötig. Ich sehe ja das Kleid und die Schuhe so auch, da brauche ich doch nicht erst den Spiegel dazu!«

»Na, aber ansehen müssen Sie sich doch einmal,« kicherte sie und zeigte nach dem deckenhohen Spiegel, der den Raum zwischen den zwei Fenstern einnahm. Arglos lief ich hin und sah in das Glas – ich stieß einen Schrei aus und steckte den Kopf tief in die verschränkten Arme – o Gott, nicht mit dem leisesten Gedanken hatte ich an die Herrengesellschaft im Vorderhause gedacht, und nun stand ich mitten drin. Hinter mir, dem Spiegel genau gegenüber, führte eine Thür in die Gesellschaftsräume des Hauses – ich hatte sie bisher nur geschlossen gesehen – jetzt waren beide Flügel zurückgeschlagen, und auf der Schwelle stand Dagobert; seine braunen Augen begegneten lächelnd den meinen. Ein roter Kragen leuchtete unter seinem Kinn, und auf der Brust und an den Schultern blitzte Gold – er war in Uniform. Hinter ihm aber tauchten noch andere lachende Männergesichter auf, und in einem Eckdiwan, neben einem alten Herrn, saß Herr Claudius ... Das alles hatte ich mit einem einzigen Blick erfaßt.

Ich zitterte am ganzen Körper, und in meinen Augen traten Thränen der Scham und des Aergers. Da legten sich ein Paar weiche, kühle Hände auf meine Arme und zogen sie vom Gesicht. Herr Claudius war aufgesprungen und stand vor mir.

»Sie haben sich erschreckt, Fräulein von Sassen,« sagte er. »Es war ein übler Scherz von Charlotte, den sie Ihnen abzubitten hat.« Er führt mich zu einem Fauteuil und drückte mich sanft in die Polster.

»Ich meine, du könntest deinen Vortrag nun beginnen,« wandte er sich an Charlotte.

»Gleich, lieber Onkel!« Sie flog auf mich zu, sank auf die Knie und faßte meine Hand. »Geruhen Euer Durchlaucht, mir armen Sünderin zu verzeihen,« bat sie schelmisch. »Ich thue hiermit Abbitte; aber nur vor Ihnen, Heideprinzeßchen – von allen anderen beanspruche ich Dank dafür, daß ich eine Augenweide verlängert habe.«

Ich mußte lachen, obgleich mir noch die Thränen an den Wimpern hingen ... Wie sie es nur fertig brachte, so vor aller Augen auf die Knie zu fallen – das erschien mir ganz besonders bewunderungswürdig – ich wäre am liebsten in ein Mäuseloch gekrochen. Sie fuhr mir mit beiden Händen liebkosend durch die Locken, dann erhob sie sich und setzte sich wieder an den Flügel.

Sie spielte fertig, aber mit zu großem Kraftaufwand; das Instrument dröhnte unter ihren Händen, und es wäre mir lieber gewesen, wenn all das Rauschen und Tosen in der weiten Heide hätte verklingen können – hier kam es nervenerschütternd von den Wänden zurück. Aber ich war der Musik von Herzen dankbar; sie hatte die Aufmerksamkeit der Anwesenden von mir abgelenkt, und nachdem ich eine Zeitlang, tief im Fauteuil wie in einem schützenden Hafen gebettet, regungslos verharrt hatte, wagte ich auch einmal, die Augen aufzuschlagen.

Das erste, was ich sah, war der alte Buchhalter; er saß in der Fensternische, von dem Vorhang halb verdeckt – Charlotte hatte recht gehabt, »er war wütend«. – Gestern hatte seine Entrüstung einen ziemlich grandiosen Stil angenommen – wie eine Art Prophet war er anzusehen gewesen, und das beschwörende Pathos in seiner Stimme und Haltung hatte mich eingeschüchtert und mit Furcht erfüllt. In diesem Augenblick aber war er nur ein tiefgeärgerter Mann, der mit Mühe seinen Groll hinunterwürgte – die Linke, an der kostbare Steine funkelten, lag festgeballt auf dem Fenstersims; das mir halb zugewendete, klassisch edle Profil war entstellt durch grollend herabgesenkte Mundwinkel, und die ganze Gesellschaft schien seine Gnade verwirkt zu haben, denn er wandte ihr den Rücken ... Der Gegenstand seines Hasses, der junge Helldorf, lehnte an der Thür, durch die ich gekommen. Er war vielleicht der aufmerksamste und dankbarste Zuhörer, denn er stand unbeweglich, und seine Augen hingen wie festgezaubert an der Spielerin – er mochte anderer Meinung sein, als Herr Claudius, der bei jeder Steigerung, die unter den kraftvollen Händen erdröhnte, finster die Brauen zusammenzog und mißbilligend den Kopf schüttelte – also auch hier spielte er sich auf den Sachverständigen, der – Krämer!

Ich fühlte plötzlich eine leichte Erschütterung des Fauteuils und sah seitwärts. Dagobert stand neben mir; er hatte den Ellenbogen vertraulich auf die Lehne meines Stuhles gelegt. Bei meinem Anblick sah er mir tief in die erschrockenen Augen, bog sich ohne weiteres nieder, und gedeckt durch rauschende Akkorde, flüsterte er mir in das Ohr: »Sie gehen heute noch zu der Prinzessin?«

Ich neigte den Kopf.

»Dann denken Sie auch ein klein wenig an mich in dem Paradies, das Sie betreten werden – ich bitte darum!«

Es kam eine Art von Schwindel über mich. Diese flüsternden Laute, die weich und innig baten, übten eine unbeschreibliche Wirkung auf mein Inneres. Ich sollte ihm, der mir in der Heide so spöttisch und unnahbar gegenüber gestanden, eine Gunst gewähren, ihm, dem Tankred, der in seiner Schönheit und Offizierswürde wie ein König unter all den Krämern stand? – Das Blut stürmte mir nach den Schläfen, und ohne zu antworten senkte ich den Kopf tief auf die Brust – ich war stolz und glücklich, aber das brauchten ja die anderen nicht zu sehen.

Nach Beendigung des Musikstückes und den üblichen Danksagungen für den Genuß brachen die Gäste auf. Auch Helldorf griff nach seinem Hut. Herr Claudius gab ihm einen Wink, und ich hörte, wie er leise zu dem jungen Mann sagte: »Bleiben Sie noch, ich möchte Sie auch einmal singen hören, man spricht viel von Ihrem Bariton.«

Während des allgemeinen Aufbruchs schlüpfte ich in das anstoßende Zimmer; vielleicht konnte ich von dort aus eine Thür erreichen, durch die ich in den Korridor gelangte. Meine ganze Situation, das unvermutete Hereinplatzen in die Gesellschaft war doch zu lächerlich gewesen; ich fürchtete Charlottens Spott, wenn wir allein sein würden, und ging ihr für heute lieber ganz aus dem Wege.

An das Zimmer, durch das ich huschte, stieß ein großer Salon, in welchem gespeist worden war. Eine offene Thür führte nach dem Korridor, wo noch der alte Erdmann wie eine Schildwache auf und ab ging ... Welch ein Reichtum von Silbergeschirr bedeckte die Tafel inmitten des Zimmers und die Nebentische! Mein Blick streifte im Vorbeigehen darüber hin, dann aber blieb er auf der einen Seitenwand hängen, und ich konnte nicht weiter ...

Das war »der prachtvolle Offizier«, wie Charlotte ihn genannt hatte, der aus dem geschnitzten schweren Rahmen niedersah! – Ein schöner, stolzer Mann, mit einem Lächeln der Lebenslust und Siegesgewißheit auf den schwellenden Lippen! ... Und die weiße Hand, die sich so kräftig und doch mit so viel ungezwungener Grazie auf die Tischplatte stützte, sie hatte wirklich die Waffe gehoben und mit einem einzigen Druck diese strahlend heitere Stirne zerstört? ... Hatte er die grause That in der Karolinenlust verübt? War mein Fuß vielleicht über die Schwelle geschritten, wo der Mann mit dem zerschmetterten Kopf gelegen? ... Wie oft hatte mir Heinz gruselnd versichert, daß die Selbstmörder nachts »umgehen müßten und keinen Frieden fänden«! ... Und wenn es nun wirklich um Mitternacht durch die versiegelten Säle schlich und die schmale, dunkle Treppe herabkam und den Schrank neben meinem Bett lautlos auf die Seite rückte? – Fast hätte ich aufgeschrieen vor Entsetzen – ich wandte das Gesicht weg von dem Bild, das mich mit lebendig funkelnden Augen anstarrte – da trat Herr Claudius mit suchenden Blicken in das Zimmer. Alle Scheu und Vorsicht vergessend, deutete ich zurück auf die gefürchtete Gestalt.

»Ist das Unglück in der Karolinenlust geschehen?« fuhr es mir heraus.

Er wich mit rotüberströmten Gesicht zurück, und seine Augen schossen Blitze.

»Kind, an was rühren Sie da!« sagte er finster. »Ich werde diese unberufenen Zungen denn doch bitten müssen, sich ein wenig zu menagieren!« Er schwieg einen Augenblick und heftete sein Auge auf das Gesicht des Bruders. »Nein,« sagte er dann milder, »es ist nicht in der Karolinenlust geschehen – ängstigt Sie der Gedanke?«

»Ich – ich fürchte mich vor den Gespenstern und Heinz auch, und Ilse, die sagt's nur nicht!«

Ein ernstes Lächeln schwebte um seine Lippen. »Ich sehe bisweilen auch Gespenster, die ich fürchte, und in diesem Augenblick mehr als je,« sagte er – ich wußte nicht, ob er im Scherz oder Ernst sprach – »Sie gehen heute noch an den Hof?«

Ich mußte innerlich lachen, er stellte dieselbe Frage wie Dagobert.

»Ja,« versetzte ich, »und ich werde mich sputen müssen, um sechs Uhr sollen wir im Schlosse sein.«

Ich wollte rasch über die Schwelle schreiten, er hielt mich mit sanfter Hand zurück.

»Denken Sie an sich, damit Sie sich in der Hofluft nicht selbst verlieren!« warnte er mit einer eigentümlichen Betonung und hob den Zeigefinger. Es war seltsam; fast, und zwar zum erstenmal, wäre mir diese Stimme zu Herzen gegangen – ah, bah, das riet mir der Mann, der auch immer nur an sich dachte! Wie ganz anders hatte Dagobert gebeten! ...

Ich schüttelte den Kopf, lief hinaus und sprang die Treppe hinab ... Ein Glück aber war's, daß Ilse mein widerwilliges Kopfschütteln nicht sah – o, die Moralpredigt, die es da abermals gegeben!

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