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Das Heideprinzeßchen

Eugenie Marlitt: Das Heideprinzeßchen - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
titleDas Heideprinzeßchen
authorE. Marlitt
publisherErnst Keil's Nachfolger
year1893
created19990720
senderinge.bayreuther@bibliothek.uni-regensburg.de
firstpub1872
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16.

»Hast du aufgemacht?« fragte sie mich und deutete nach der offenen Thür hinter mir. »Darfst du denn das, du Kleine?«

Ich bejahte lachend.

»Aber höre, dein Garten ist nicht hübsch,« sagte sie, das Näschen verächtlich emporziehend – sie nickte nach dem grünen Düster hin, das sich hinter der Thür aufthat. »Hast ja nicht eine einzige Blume drin! ... Da guck mal unseren an – Herr Schäfer hat viele, viele – ach, wohl hunderttausend Blumen!«

»Ja, aber du darfst keine abreißen.«

»Nein, abreißen nicht,« versetzte sie niedergeschlagen und steckte den kleinen, spitzen Zeigefinger in den Mund.

»Aber ich weiß viele blaue Glockenblumen und niedliche weiße – die darfst du nehmen, und Erdbeeren kannst du pflücken, deinen ganzen großen Heuwagen voll!«

Sie zog sofort den Wagen hinter sich her, kam herüber zu mir und legte ihre Hand vertrauensvoll in die meine; wie ein Vögelchen so weich und warm schmiegte sie sich zwischen meine Finger. Ich war glücklich über meine neue Bekanntschaft; es fiel mir nicht ein, die eigenmächtig geöffnete Thür wieder zu schließen, sie blieb weit offen hinter uns, während wir in das Gebüsch eindrangen. Da gab es freilich Erdbeeren und Glockenblumen, als hätten sie droben die Baumkronen von sich abgeschüttelt. Die Kleine schlug die Hände zusammen und fing an zu rupfen und zu zupfen, wie wenn es gelte, den halben Waldboden des Herrn Claudius nach Hause zu schleppen.

»Ach Gott, diese Menge Erdbeeren!« seufzte sie glücklich auf und pflückte und mühte sich, daß ihr die hellen Schweißperlchen auf die Stirne traten. Dabei aber summte sie doch ein Liedchen vor sich hin.

»Ich kann auch singen, Gretchen,« sagte ich.

»So schöne Lieder wie ich? Das glaub' ich nicht – Onkel Max hat sie mich gelehrt – na, da sing doch einmal!«

Mein musikalisches Gehör mußte sich frühe entwickelt haben, denn all den kleinen Singsang, den ich kannte, hatte mir Fräulein Streit noch in der Hinterstube eingelernt. Ich liebte über alles die Taubertschen Kinderlieder und begann jetzt »Der Bauer hat ein Taubenhaus –« zu singen. Ich hatte mich auf eine Steinbank gesetzt und bei den ersten Tönen verließ Gretchen ihren Heuwagen, legte die Arme auf meine Knie und sah mir aufhorchend und atemlos in das Gesicht.

Es war seltsam – ich erschrak vor meiner eigenen Stimme. In der Heide war sie schwach verklungen, die Lüfte hatten sie nach allen Himmelsrichtungen hin versprengt und verweht; hier aber fingen die engzusammengezogenen grünen Kulissen der Waldbäume den Klang auf; er tönte so voll und glockenartig, so ganz anders beseelt aus, daß ich meinte, ich sei das gar nicht selber.

Es ist ein lustiges Liedchen, das von dem Bauer und seinen Tauben, die ihm davonfliegen. Gretchen lachte aus vollem Halse und schlug in die Hände vor Vergnügen nach dem ersten Vers. »Fängt er die Tauben wieder? Geht denn das Liedchen nicht weiter?« fragte sie.

Ich begann abermals; aber plötzlich erstarb mir der Ton auf den Lippen. Ich konnte von meinem Steinsitz aus ziemlich tief in das Gebüsch einen Weg verfolgen, der nach der Karolinenlust mündete. Wenn ein Windhauch hier und da Blätterschichten lüftete, sah ich die Fenster des Hauses aufblinken .... Auf diesem Wege her kam der alte Buchhalter – ich mußte an die weißgekrönte Hagelwolke denken, wenn sie der Sturm über die Heide hintrug, so finsterdräuend erschien das Gesicht unter dem unbedeckten, silberglänzenden Haar, und so beschleunigt und überraschend schritt die mächtige Gestalt auf mich zu.

Gretchen folgte der Richtung meiner Augen – ihr Gesicht färbte sich purpurrot; mit einem Freudenruf flog sie auf den alten Herrn zu und schlang ihre Arme um seine Kniee.

»Großpapa!« rief sie mit zurückgeworfenem Köpfchen zärtlich zu ihm hinauf.

Er stand wie zu Stein erstarrt und sah auf das Kind nieder; er hielt beide Arme vorgestreckt, wie jemand, der sich im arglosen Weiterschreiten plötzlich vor einer ungeahnten Tiefe sieht und entsetzt zurückweicht, und in dieser Stellung verharrte er regungslos; es war, als fürchte er, seine Hände könnten im Niedersinken eines der hellen Goldhaare auf dem Köpfchen berühren.

»Gelt, du bist mein Großpapa? ... Luise hat's gesagt –«

»Wer ist Luise?« fragte er mit tonloser Stimme – mir klang es, als wollte er mit dieser Frage näherliegende Erörterungen abwehren.

»Aber Großpapa – unsere Luise! – Sie hat meinen kleinen Bruder getragen, wie er noch im Wickel lag. Aber nun ist sie fort. Wir können kein Kindermädchen halten, sagt die Mama, es kommt viel, viel zu teuer ...«

Jetzt lief ein Zucken durch das versteinerte Gesicht, und die Hände sanken tiefer.

»Wie heißest du denn?« fragte er.

»Ach, das weißt du nicht einmal, Großpapa? ... Und Herrn Schäfer sein Karo weiß es, und unsere Miezekatze auch! ... Gretchen heiß' ich. Aber ich habe noch mehr Namen – wunderhübsche Namen – ich will sie dir alle einmal hersagen. Anna, Marie, Helene, Margarete Helldorf heiße ich!«

Sie faßte bei der feierlichen Aufzählung jedesmal einen ihren kleinen Finger. Es lag ein unbeschreiblicher Zauber in der Stimme und dem ganzen Wesen des unschuldigen Geschöpfchens, und der alte Mann vermochte sich ihm bei aller Anstrengung nicht zu entziehen – ich sah plötzlich seine beringte Hand auf dem blonden Scheitel liegen; er bog sich nieder – wollte er wirklich das holde Gesichtchen küssen? ... Vielleicht, wenn ihm Zeit verblieben wäre, das kleine Wesen in seine Arme zu nehmen und Herz an Herzen zu fühlen, daß es zu ihm gehöre durch das Blut, das diese jungen Pulse pochen machte – vielleicht wäre das ein Augenblick geworden, zu welchem die Engel im Himmel gelächelt hätten. Aber in das Gute und Versöhnende, das sich gestalten will, greift oft eine dunkle Hand herüber und stößt heimtückisch die Seelen selber, die sich in besserer Erkenntnis nähern sollten, störend in die feinen Webefäden.

Ich wußte nicht, warum ich so heftig erschrak, als ich das helle Frauengewand in der Richtung der Mauerthür durch das Gebüsch flattern sah. Es kam in fliegender Eile näher, und plötzlich stand die junge Frau aus dem Schweizerhäuschen nur wenige Schritte von der Gruppe entfernt – sie stieß einen Schrei aus und schlug die Hände vor das Gesicht.

Der alte Herr schreckte empor – nie werde ich den Ausdruck von eisigem Hohn vergessen, in welchem das tiefbewegte, schöne Männergesicht sofort wieder erstarrte.

»Ach, sieh da! Die Komödie ist vortrefflich gelungen! ... Man weiß ja seine Kinder recht gut zu verwenden und abzurichten!« Er stieß das Kind von sich, daß es taumelte.

Die Frau fuhr zu und fing es in ihren Armen auf. »Vater,« sagte sie und hob warnend den Zeigefinger, und ein fast aberwitziges Lächeln zog die Oberlippe von den Zähnen zurück, »mir hast du alles anthun dürfen, mich darfst du mit Füßen treten – ich leide es willig; aber mein Kind darfst du mir nicht mit deiner harten Hand berühren – das wagst du nicht wieder!«

Sie nahm die Kleine, von deren blaßgewordenen Lippen kein Laut mehr kam, auf ihren Arm.

»Ich weiß nicht, wer das Kind hierher gebracht hat« – fuhr sie fort.

»Ich!« sagte ich vortretend mit bebender Stimme. »Verzeihen Sie mir!«

Bei aller heftigen Aufregung wandte sie doch augenblicklich das Gesicht mit einem milden, wenn auch sofort wieder verfliegenden Ausdruck nach mir hin.

»Ich wollte die Kleine in das Haus holen,« sagte sie weiter zu dem alten Mann – mir kam es vor, als sei plötzlich jeder Muskel dieser durchsichtig zarten Gestalt stählern geworden; – »sie war fort, und die Mauerthür stand offen. In namenloser Angst bin ich hereingeflogen, um dem Augenblick vorzubeugen, wo dein Blick auf das Kind fallen könnte – ich bin zu spät gekommen ... Vater, ich habe mich nach furchtbaren Kämpfen endlich darein ergeben, von dir die herzlose, undankbare, die verlorene Tochter genannt zu werden; ich bin ohnmächtig deinen Angriffen gegenüber, zu denen die fromme Welt ›Ja‹ und ›Amen‹ sagt. Aber als Mutter darfst du mich nicht antasten! ... Ich sollte mein Kleinod, mein Heiligtum« – sie preßte das Kind in leidenschaftlicher Inbrunst an sich – »dieses süße, selige Kinderherz in Verfolgung selbstsüchtiger Zwecke zu einer Komödie abrichten? Das ist eine Schmähung, die ich nicht ertrage, die ich zurückweise und für die du mir dereinst bei Gott Rechenschaft schuldig bist!«

Sie wandte sich um und ging.

Ich meinte, er müsse der schwerbeleidigten Frau nachspringen und sie versöhnend in seine Arme schließen; allein er war offenbar einer jener schrankenlos eitlen Menschen, die es für unmöglich halten, je im Unrecht zu sein – kommt ihnen ja einmal das dunkle Gefühl, daß sie geirrt, dann reizt sie die Beschämung erst recht zu Trotz und Härte.

Er sandte der Davoneilenden einen tief erbitterten Blick nach und trat mir plötzlich mit zorngerötetem Gesicht so nahe, daß ich in das dornige Gesträuch hinter mir zurückweichen mußte.

»Sie da, wie können Sie sich denn unterfangen, auf fremden Grund und Boden eine festverschlossene Thür ohne alle Befugnis zu öffnen?« fuhr er mich an – aus diesen Tönen brach ein Groll hervor, der unverkennbar lange Zeit hindurch heimlich genährt worden war.

Ich stand da wie gelähmt vor Bestürzung, ich konnte weder Hand noch Fuß rühren ... O Gott, und nun bekam dieser Entsetzliche auch noch einen Helfershelfer! – Dicht neben mir stand plötzlich, wie aus der Erde gehoben, Herr Claudius; er mußte aus dem Dickicht getreten sein. Ich sah zu ihm empor; er hatte die schreckliche blaue Brille vor den Augen und sah dadurch noch viel blässer aus, als neulich im Kontor ... Der verzieh es mir sicher niemals, daß ich unerlaubterweise seine Gartenthür geöffnet und Fremde hereingebracht hatte ... Jetzt hielten diese zwei unerbittlich strengen und hartherzigen Krämer Gericht über mich, und ich konnte nicht entfliehen – ich stand ihnen wehrlos gegenüber ... Ob ich nicht doch einen Versuch machte, Ilse oder meinen Vater herbeizurufen?

»Herr Claudius,« sagte der Buchhalter, merkwürdigerweise sehr frappiert durch das unerwartete Hervortreten des Besitzers selbst, in herabgestimmten Ton, »Sie sehen mich in großer Aufregung. Ich kam auf meinem gewöhnlichen Sonntagsspaziergang hierher, da –«

»Ich habe den Vorfall in seinem ganzen Verlaufe hinter dem Gebüsch mit angesehen,« unterbrach ihn Herr Claudius ruhig.

»Desto besser – dann werden Sie mir auch zugeben, daß ich Grund genug hatte, ungehalten zu sein. Erstens einmal wird ohne unser Vorwissen eine weitentfernte Hinterthür, die wir nicht überwachen können, geöffnet –«

»Das ist allerdings unstatthaft, Herr Eckhof ... Aber Sie haben in Ihrem Eifer vergessen, daß Fräulein von Sassen die Tochter meines Gastes ist und nicht in solcher Art und Weise, wie Sie sich eben noch erlaubt, zur Rede gestellt werden darf.«

Ich sah erstaunt auf und suchte nach den Augen unter der Brille – es kam ganz anders, als ich erwartet hatte . Der Buchhalter aber trat so betroffen zurück, als höre er zum erstenmal in seinem Leben eine solche Antwort aus diesem Munde. Er zog die weißen Brauen grollend zusammen, und ein hämischer Zug entstellte den unteren Teil seines Gesichts.

»Fräulein von Sassen?« wiederholte er spöttisch. »Wo soll ich da den Adel respektieren? ... Doch nicht etwa in dieser lächerlich herausstaffierten Kindergestalt?«

»Es ist mir nicht eingefallen, den adligen Namen zu betonen,« versetzte Herr Claudius leicht errötend. »Ich habe einfach auf die Rücksicht hingewiesen, die Sie jedem Gast meines Hauses, ohne Unterschied, schuldig sind.«

»Nun, nun, Sie werden schon noch erleben, welchen Segen die Gastfreundschaft gerade in diesem Falle über Ihr ehrliches Dach bringen wird! ... Ich habe gewehrt und gebeten genug – es hat alles nichts genützt! Die heidnischen Bilder sind wieder ans Tageslicht gezerrt worden, und droben in der Karolinenlust sitzt einer, der keinen Gott kennt und die alten Götzen wieder aufrichtet. Und der das Zepter in der Hand hat, der junge Gottlose auf dem Fürstenthron, der seinem Volk in Zucht und Ehrbarkeit und Gottesfurcht vorangehen und sein Land zu einer Hütte voll des Lobens und Betens machen sollte, er hilft das neue Kalb aufrichten. ›Es ist ein Geschrei zu Sodom und Gomorrha, das ist groß, und ihre Sünden sind fast schwer‹ ... Der Herr ist langmütig, aber die Stunde wird kommen, da Feuer und Schwefel vom Himmel regnen!«

Herr Claudius ließ schweigend, aber in sichtlich tiefer Betroffenheit den fanatischen Eiferer gewähren. Der alte Mann sprach offenbar aus vollster Ueberzeugung; aber vielleicht hatte er dieselbe seinem Chef gegenüber noch nie so drastisch laut werden lassen, wie in diesem Augenblick der heftigsten Erregung.

»Der Herr hat mich gewürdigt, zu sehen und zu hören, wo die Ungläubigen mit Blindheit und Taubheit geschlagen sind,« fuhr er fort. Er hob den Arm und deutete wie ein Seher nach der Karolinenlust hinüber. »Das Haus dort ist in Sünden erbaut und zu allen Zeiten ein Pfuhl des Lasters geblieben; und die dort gefehlt haben gegen die Gebote des Herrn, können den Frieden nicht finden – sie wandeln umher und wehklagen und weissagen Unglück dem Hause, das die Sabbatschänder aufgenommen hat –«

Herr Claudius hob unterbrechend die Hand.

»Habe ich ihn nicht gehört, den markerschütternden Schrei in den Sälen, vor denen die Siegel liegen?« fuhr der Alte unbeirrt mit erhöhter Stimme fort. »Habe ich nicht gesehen, wie die Ampel in meiner Zimmerdecke geschwankt hat unter den Tritten des Unheimlichen, der ruhelos droben gewandert ist? ... Ich weiß es, sie sind aufgestanden aus ihren Gräbern; sie sind verdammt, um ihrer Sünden willen in die Welt zurückzukehren und die Blinden zu warnen ... Herr Claudius, an dem Tage, wo dieses junge Geschöpf« – er zeigte auf mich – »die Karolinenlust betreten hat, ist es lebendig geworden droben in den vermauerten und versiegelten Sälen!«

Großer Gott, der Mann hatte mich belauscht! Während ich unverantwortlich leichtsinnig in der streng gehüteten Verlassenschaft eines Toten herumgestöbert, hatten die scharfen blauen Augen drunten an der Ampel gehangen und an ihren Schwingungen jeden meiner Schritte gesehen; der alte Mann hatte den Schrei gehört, den ich vor meinem Spiegelbild ausgestoßen, und benutzte nun in seinem finstern Wahn den Vorfall, den Hausbesitzer gegen meinen Vater und mich zu hetzen.

Unwillkürlich suchte mein Blick das Gesicht des Herrn Claudius – es war mir zugewendet; allein die funkelnden blauen Gläser bedeckten so vollkommen seine Augen, daß es sich unmöglich bestimmen ließ, welchen Eindruck die Worte des Buchhalters auf ihn machten. Er war mir nur um einen Schritt näher getreten; vielleicht hatte der Schrecken mein Gesicht entfärbt, und er fürchtete eine nervöse Schwäche meinerseits; als er aber sah, daß mir die Füße nicht treulos wurden, wandte er sich wieder zu meinem finsteren Verfolger.

»Sie bestätigen schlagend, daß uns die Orthodoxie schließlich dem krassesten Aberglauben wieder zuführen muß!« sagte er – Entrüstung und Bedauern mischten sich in seiner sonst so gleichmütigen Stimme. »Ich kann Ihnen nicht sagen, wie leid es mir thut, Sie diesem entsetzlichen Mystizismus verfallen zu sehen, Herr Eckhof! Man hat mich bereits darauf aufmerksam gemacht, aber ich habe es nicht glauben wollen ... Das Recht, Ihre Ansichten zu meistern, steht mir selbstverständlich nicht im entferntesten zu – ich habe Sie nur zu bitten, dieselben im Geschäft sowohl, als auch meinen Anordnungen im Hause gegenüber vollständig aus dem Spiel zu lassen.«

»Werde nicht verfehlen, Herr Claudius,« entgegnete der Buchhalter – in seiner auffallend betonten Unterwürfigkeit lag viel versteckte Malice. »Aber Sie werden mir erlauben, an dieser Stelle auch eine Bitte auszusprechen ... Ich bewohne nun die Karolinenlust seit langen Jahren, und es hat mir stets als Vorzug gegolten, daß ich hier den heiligen Sonntag streng nach des Herrn Gebot in ehrfürchtiger Stille und ungestörter innerer Einkehr feiern durfte. Ich bitte Sie hiermit dringend, anzuordnen, daß die Sonntagsfeier künftighin nicht durch solch unstatthaftes Geschrei, solchen leichtfertigen Singsang, wie er vorhin den ganzen Garten alarmiert hat, unterbrochen werde –- ich glaube, soviel Rücksicht verdiene ich alter Mann schon.« –-

Wieder wandten sich die blauen Gläser nach mir hin; ich erwartete eine strenge Zurechtweisung und Verhaltungsmaßregeln für die Zukunft – aber nichts von alledem!

»Ich habe kein Geschrei gehört,« versetzte Herr Claudius sehr gelassen. »Aber eine Szene habe ich mit ansehen müssen, die mein Gefühl verletzt hat ... Dieses junge Mädchen« – er neigte den Kopf nach mir hin – »hat mit seinem unschuldigen Kinderliedchen nicht gegen das Gebot des Herrn gefehlt; aber, Herr Eckhof, Sie kamen eben aus der Kirche – Sie sind, wie Sie mir heute deutlich beweisen, einer jener unfehlbaren Christen, die jede ihrer Handlungen auf ein Gesetz Gottes zurückzuführen wissen – wie war es Ihnen möglich, den Tag des Herrn durch Härte und Unversöhnlichkeit Ihrem Kinde gegenüber zu beflecken?«

Ein böser Blick zuckte unter den weißen Brauen hervor nach dem Sprecher.

»Ich habe keine Kinder mehr, Herr Claudius, das wissen Sie doch am allerbesten,« sagte er, das »Sie« so scharf zuspitzend, als solle es tiefe Wunden schlagen.

Er verbeugte sich und ging mit raschen Schritten den Weg zurück, den er gekommen war. Ich hatte deutlich gefühlt, daß Herr Claudius mittels des einen so charakteristisch betonten Wörtchens verletzt und geschlagen werden sollte, und sah ihn an – der Dolch saß.

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