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Das Heideprinzeßchen

Eugenie Marlitt: Das Heideprinzeßchen - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
titleDas Heideprinzeßchen
authorE. Marlitt
publisherErnst Keil's Nachfolger
year1893
created19990720
senderinge.bayreuther@bibliothek.uni-regensburg.de
firstpub1872
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14.

Herr Claudius war uns nachgekommen. Er horchte einen Augenblick befremdet, dann eilte er uns voran in den Garten.

Mir schlug das Herz vor Angst und Mitleid bei dem, was ich durch die offene Thür sah ... Ein scheugewordenes Pferd raste durch den Blumengarten. Wie ein Blitz fuhr das schlanke, rehähnliche Tier, dessen spiegelnden Rücken- und Weichenflächen die Sonne alle Nüancen der reinsten Goldfarbe entlockte, über den weiten, farbenbunten Plan und spottete mähneschüttelnd und in wilder Freiheitsfreude aufwiehernd aller der Hände und Füße, die es verfolgten. Mit einer wahren Wollust zerstampften die Hufe ein weites Levkojenfeld, dann flogen sie schmetternd in die Scheiben des großen Glashauses. Hoch aufbäumend und zurückschaudernd vor dem Geklirr, stand der Goldfuchs einen Moment wie in Erz gegossen auf den Hinterhufen, aber auch nur einen Augenblick – pfeilschnell wandte er sich und stürmte weiter gegen ein Spalier, das, betropft von tausend prächtigen Purpurrosen, sofort zusammenbrach.

Alle Gartenarbeiter, die im Hause beschäftigten Leute, und selbst die zwei Herren aus dem Kontor, die jedenfalls den Lärm drinnen gehört, rannten im Verein mit Dagobert und einem betreßten Jockey auf und ab, und jetzt flog auch Charlotte, die bis dahin mit flammenden Augen neben mir gestanden, in den Garten hinein.

Wie aus der Erde gewachsen stand plötzlich die hohe, kräftige Gestalt im hellen wehenden Kleide inmitten des Weges, auf welchem das Tier in blinder Raserei herantoste – es fuhr schnaubend vor der befremdlichen Erscheinung zurück; aber mit einer einzigen gewandten und raschen Bewegung hatten die zwei schlanken, kraftvollen Damenhände den Zügel erfaßt und hielten ihn eisern fest, und das kühne Mädchen ließ sich um einige Schritte weit fortschleifen, bis sich von allen Seiten die rettenden Hände herüberstreckten und das ungebärdige Tier festhielten.

»Charlotte, du bist ein Prachtmädel!« rief Dagobert, noch atemlos, aber stolz und jubelnd, und küßte seine Schwester ohne Weiteres auf die Stirn. Neben ihr stand der junge Mann aus dem Kontor – bleich wie ein Gespenst, mit versagenden Blicken – er war der Erste, der ihr zu Hilfe gekommen ... Ich sah Charlottens Auge sein Gesicht streifen – sie wurde dunkelrot; aber auch sofort wandte sie sich leichthin mit einer so gleichgültigen Bewegung ab, als schwebte ihr ein geringschätziges »Ah bah!« auf den Lippen.

Alle bewunderten einstimmig ihre Kraft und Kühnheit, ich selbst hätte ihr die kraftvollen Hände küssen mögen – nur Herr Claudius hatte kein Wort für sie.

»Wer hat beide Flügel der Gartenthür aufgemacht?« fragte er streng und trat mitten unter die Leute, die sofort ehrerbietig auseinanderstoben.

»Ich wollte die Blumen auf den Tischen bei Bankier Tressel erneuern und hatte zwei Leute mit der großen Trage bei mir, und da mußten beide Flügel der Thür aufgemacht werden,« sagte der Gärtner mit der sanften Stimme, der uns gestern morgen im Garten den Weg gezeigt hatte. »Vor den großen Oleanderbäumen auf der Trage mag wohl auch das Pferd gescheut haben.«

Herr Claudius schwieg. Er sagte weder ein tadelndes Wort zu Dagobert, der das fremde Pferd in den Geschäftshof gebracht, noch schalt er den Jockey dafür, daß er dasselbe nicht besser gehütet. Auch über die Zerstörung im Garten fiel nicht eine Bemerkung von seinen Lippen. Er betrachtete den schweißtriefenden Goldfuchs aufmerksam. Es war ein schönes Tier, aber in der Art und Weise, wie es den Kopf gesenkt hielt und ihn dann unversehens zurückwarf, lag etwas Tückisches.

Unterdes hatte sich Dagobert auf den Rücken des Pferdes geschwungen, und plötzlich flogen Roß und Reiter wieder in den weiten Hof zurück ... Das war nun freilich ein herrlicher Anblick. Nach kurzer, leidenschaftlicher Gegenwehr fügte sich das Tier seinem Herrn und Meister und gehorchte scheinbar dessen leisestem Winke.

Wie verschwanden alle die Männer, die umherstanden, selbst der auffallend schöne, junge Helldorf nicht ausgenommen, vor dem Tankred dort mit dem kastanienbraunen Gelock! ... Nur an dem jähen Aufschießen einer hellen Purpurröte über die Wangen des Reiters hin sah man, daß das Pferd insgeheim Widerstand leiste, die elastische Gestalt des ersteren ließ keine erhöhte Kraftanstrengung merken.

»Onkel,« rief er herüber, »verzeihe Darling seine Unart um seiner herrlichen Eigenschaften willen! ... Ist er nicht prächtig? Sieh ihn dir an! Mit seinem zierlich elastischen Bau, dem kleinen Köpfchen auf dem schlanken Halse, fein wie eine graziöse Dame, hat er Mut und Feuer wie ein Held ... Onkel, sein Besitz macht mich zu glücklich!«

»Das tut mir sehr leid, Dagobert; denn ich kaufe ihn nicht ... Der Herr Graf mag ihn selbst reiten!« sagte Herr Claudius bedauerlich, aber sehr fest, und ging, den angerichteten Schaden zu besehen.

Mit einem Satz sprang Dagobert von dem Tier herab und reichte dem maliziös lächelnden Jockey den Zügel hin. »Ich lasse den Grafen grüßen und werde weiter mit ihm sprechen,« sagte er mit fliegendem Atem.

Der Mensch ritt fort, und die Umstehenden zerstreuten sich schleunigst, um auf ihre Posten zurückzukehren.

Charlotte hing sich an den Arm ihres Bruders und sah ihm zärtlich in das heißgerötete Gesicht. Sie zog ihn über die Schwelle in den Garten, wo auch bereits Fräulein Fliedner und Ilse eingetreten waren und rasch nach dem zertrümmerten Gewächshaus zuschritten. Mich hatte man total vergessen. Ich ging hinter den Geschwistern her, die den Weg nach der Brücke einschlugen.

»Nicht wahr, da stand ich nun wieder einmal da wie ein gemaßregelter Schulbube?« stieß Dagobert zwischen den Zähnen hervor – seine Stimme klang halberstickt, als schnürten ihm Groll und Grimm die Kehle zu. – »Mich empört nichts mehr, als diese scheinheilige Ruhe bei allem! ... Er kauft das Tier aus zweierlei Gründen nicht – einmal, weil es ihn durch seine Unart um ein paar Bouquetgroschen und einige Samentüten gebracht hat, und dann will sein Spießbürgerhochmut mit dem aristokratischen Verkäufer nichts zu thun haben; lieber läßt er sich von dem ersten besten Juden betrügen ... Aber davon verlautet beileibe kein Wort! Er schweigt, thut, als bemerke er den Schaden gar nicht, und rächt sich einfach durch unmotiviertes Zurückweisen ... Und dieses plötzliche Herauskehren kavalierer Manieren und Kenntnisse! Lächerlich! Er, der nie auf einem anderen Rücken als dem seines einbeinigen Kontorstuhles gesessen hat, er gibt sich plötzlich das Ansehen eines Sachverständigen, mustert mit Kennermiene ein Pferd –«

»Du, damit sei nicht so vorschnell!« unterbrach ihn Charlotte. »Ich habe im Gegenteil den Onkel sehr im Verdacht, daß er einst, vorzüglich in Paris, das kavaliere Leben und Treiben mitgemacht hat, nicht aus Passion – Passionen hat er nicht, die eine für die Arbeit ausgenommen – aber vielleicht um der Mode willen, was weiß ich!« Sie zuckte die Achseln und sah zurück nach dem Rosenspalier, das eben unter Herrn Claudius' Anleitung wieder aufgerichtet wurde.

»Gegen diesen eisernen Schild der Kälte und Berechnung vermögen wir beide nichts!« fuhr sie hinüberdeutend fort. »Da heißt es die Zähne zusammenbeißen, die Hand auf das heiße, unruhige Herz zu pressen und abwarten, bis ein erlösender Stern über uns aufgeht.«

Sie hatte mich beim Umdrehen bemerkt und reichte mir unbefangen die Hand hin, um mich zu führen. Dagobert dagegen fuhr vor meiner kleinen Person erschrocken zurück; es war ihm sichtlich fatal, einen Zeugen hinter sich gehabt zu haben ... Hätte er nur gewußt, wie es in diesem Augenblick in mir aussah! Meine Finger umklammerten die Banknoten in der Tasche – ich hätte sie am liebsten dem Manne da drüben an der Rosenhecke hingeworfen, wie in der Heide seine Thaler; diesem Eisblock, der bei äußerer milder Freundlichkeit und scheinbarer Güte die zwei jungen, herrlichen Wesen tyrannisierte und sie seine Macht fühlen ließ ... Hatten sie denn gar Niemand weiter auf der Welt, als diesen alten, hartherzigen Onkel? ... Ich war ihre enthusiastische Verbündete, ohne daß sie es ahnten.

Dagobert trennte sich an der Brücke von uns; er ging in die Stadt. Wie gut und edel mußte er sein! Bei allem innern Groll ging er doch erst noch hinüber zu dem Onkel und verabschiedete sich von ihm, als sei nichts vorgefallen.

Charlotte schritt langsam neben mir her und sagte, sie wolle sich ein Buch in der Bibliothek holen.

»Kommen Sie her, Kleine,« sagte sie, ihren Arm um meine Schultern legend; – sie zog mich im Weiterschreiten eng an sich heran, so daß ich die starken, heftig pochenden Schläge ihres Herzens fühlen konnte. »Ich mag Sie gern. Sie haben Charakter und ein mutiges Herz in Ihrem Liliputkörperchen ... Es gehört schon Mut dazu, in Onkel Erichs Augen zu sehen und etwas von ihm zu verlangen.«

»Haben Sie denn keinen Vater oder wenigstens eine Großmutter?« fragte ich, mich an sie anschmiegend, und sah schüchtern empor in ihr schönes Gesicht, das noch das Gepräge der Aufregung trug. Mir fiel in diesem Augenblick ein, daß ich selbst bei meiner geisteskranken Großmutter ein glückliches Kind hatte sein dürfen.

Sie sah lächelnd auf mich nieder. »Nein, Prinzeßchen, auch keine Großmutter, die mir neuntausend Thaler hinterlassen könnte – o Gott, wie wollte ich da den Staub von meinen Füßen schütteln! ... Wir sind sehr früh Waisen geworden. Mein Vater ist Anno 44 am Isly in Marokko gefallen – er war französischer Offizier. Als er Frankreich verlassen hat, lag ich noch in den Windeln – ich weiß nicht einmal, wie er ausgesehen –«

»Vielleicht wie Herr Claudius – er war doch wohl sein Bruder?«

Sie blieb stehen, zog ihren Arm zurück und schlug auflachend die Hände zusammen.

»O, Kind Gottes, Sie sind doch köstlich naiv! ... Ein Claudius in französischen Diensten! ... Ein Sohn aus dem urrespektablen, urdeutschen Hause der Samentüten! ... Na, das würde seinen ehrwürdigen, steifen Zopf schön geschüttelt haben! ... Nein, nein, in uns ist nicht ein Atom dieses biderben deutschen Krämerelements! Dagobert und ich, wir sind Franzosen durch und durch, Franzosen mit Leib und Seele! ... Gott sei Dank, wir haben auch nicht einen Tropfen dieses Fischblutes in unseren Adern! ... Adoptivkinder sind wir – Onkel Erich hat uns angenommen, Gott mag wissen, weshalb – aus mitleidig gerührtem Herzen ganz gewiß nicht! ... Das klingt vielleicht abscheulich gerade aus meinem Munde; aber ich kann es nun einmal nicht glauben!«

Sie umschlang mich wieder und ging langsamen Schrittes weiter.

»Diese Aufnahme in sein Haus wäre an und für sich ja ganz edel und lobenswert, und ich würde gewiß nicht die Letzte sein, die ihm dafür dankte,« fuhr sie fort; »wenn sich nur nicht gerade auch hier wieder der krasseste Despotismus so sichtbar zeigte. Er hat uns seinen Namen oktroyiert – während wir Mericourt heißen, müssen wir uns Claudius nennen, Claudius schreiben ... Claudius, was für ein schrecklicher, bockbeinig steifer, spießbürgerlicher Name! ... Wenn er den das deutsche Ohr bestechenden Namen Mericourt einigermaßen aufwiegen wollte, dann müßte er wenigstens das ›von‹ vor sich haben ... Wir haben durchaus keine Ursache, für diesen unfreiwilligen Umtausch dankbar zu sein! Er hängt uns die Krämerfirma an die Stirn und ist ganz besonders hinderlich bei Dagoberts Karriere als Soldat.«

»Er ist ein Soldat?« rief ich erstaunt. Fräulein Streit hatte oft genug ausführlich beschreibend von dem zweifarbigen Tuch mit den blanken Knöpfen erzählt, das einst auch im Hause meines Vaters Zutritt gehabt hatte.

»Nun, wundert Sie das so sehr? ... Ach so, Sie haben ihn ja noch nicht im Lieutenantsrock gesehen! Aber ich sollte meinen, man erkenne auch im Zivil sofort den Offizier in ihm. Er liegt in Z. in Garnison und ist auf mehrmonatlichen Urlaub hier ... Ich bin stolz auf Dagobert. Wir harmonieren zusammen und ergänzen uns gegenseitig, wie selten ein paar Geschwister. Wir lieben uns vielleicht um deswillen noch mehr, weil wir lange, lange getrennt gewesen sind. Ich habe von meinem dritten Lebensjahre an bis vor zwei Jahren im Institut gesteckt und er zuerst in einer Professorenfamilie und dann im Kadettenhause.«

Wir traten heraus auf das Parterre vor der Karolinenlust.

»Komm, Hans, komm!« rief Charlotte. Der Kranich, der eben wieder am Teiche Posten stand, rannte auf sie zu wie ein feuriger Anbeter; von verschiedenen Seiten stürzten Pfauen und Perlhühner herbei, und hier und da blinkte auch ein Fasanengefieder auf, aber es schlüpfte sofort wieder in das Gebüsch zurück – meine Anwesenheit verscheuchte die scheuen Tiere.

»Nun sehen Sie nur diese unverdiente Liebe von allen Seiten!« lachte Charlotte. »Die ist wirklich mühelos erworben; ich füttere die Tiere nie und schmeichle ihnen nicht, und doch verfolgen sie mich auf Tritt und Schritt, sobald sie meine Stimme hören. Ist das nicht seltsam?«

Ich fand es ganz und gar nicht seltsam. Lief ich doch selber schon wie ein von ihr verwöhntes, aber darum auch enthusiastisch treues Hündchen neben ihr her. Ich war noch viel zu unerfahren und urteilslos, um die Macht ihrer Persönlichkeit auf einzelne Eigenschaften zurückführen zu können. Jedenfalls waren es hauptsächlich die unglaubliche Sicherheit und Kraft in ihrer Gesamterscheinung und in jedem ihrer mit fester, klangvoller Stimme gesprochenen Worte, was mir imponierte und mich so bestrickte, daß ich sie selbst und alles, was sie sagte, bereits wie ein geoffenbartes Evangelium hinnahm – daß sie auch irren und Unrecht haben könne, wäre mir nicht eingefallen.

»Wo sind denn die Leute hingereist, die da drin wohnen?« fragte ich und zeigte auf die versiegelten Thüren, als wir in der Karolinenlust die Bel-Etage durchschritten.

Charlotte sah mich groß und zweifelhaft an, als sei es nicht ganz richtig bei mir; dann lachte sie laut auf. »Versiegelt man denn bei Ihnen zu Lande die Thüren, wenn man verreist? Hat etwa auch Frau Ilse den Dierkhof versiegelt? ... Ha, ha, ha! Wo die Leute hingereist sind? ... In den Himmel, Kleine!«

Ich erschrak heftig. »Sie sind gestorben?«

»Nicht sie, sondern er! ... Ein lediger, junger Herr hat die Bel-Etage bewohnt, Lothar, Onkel Erichs älterer und einziger Bruder – ein prachtvoller Offizier. Sie werden sein sehr schön gemaltes Oelbild kennen lernen, es hängt im Vorderhause, im Salon –«

»Und er ist tot?«

»Tot, Kindchen, wirklich, unwiderruflich tot ... Er ist am Schlagfluß gestorben, wie die offizielle Todesanzeige besagt – ganz insgeheim aber hat er sich eine Kugel durch den Kopf gejagt. Die Welt bringt seinen Tod mit einer Prinzessin des herzoglichen Hauses in Verbindung –«

»Heißt diese Prinzessin Sidonie!« fuhr es mir heraus.

»Ei, der kleine Wildling aus der Heide hat auch genealogische Kenntnisse? ... ›Hieß‹ müssen Sie übrigens sagen, denn Prinzessin Sidonie ist auch längst gestorben – einige Tage vor dem Tode des schönen Offiziers ... Das ist eine längst verschollene Welt, über die Niemand etwas Bestimmtes weiß, ich aber am allerwenigsten. Ich weiß eben nur, daß die Siegel da kleben und nach der letzten Verfügung des ehemaligen Bewohners dran bleiben sollen, bis – na, bis an das Ende aller Tage – will's Gott! ... Hineingucken möchte ich schon einmal – so ganz verstohlen. Aber da ist ja alles verrammelt und verbarrikadiert für die Ewigkeit, und Onkel Erich wacht wie ein Argus über den Siegeln.«

Himmel, wenn der unerbittliche Mann mit dem durchdringenden Blick je erfahren sollte, daß die Fremde bereits hinter den Siegeln umhergehuscht war! Ein Zittern durchlief meine Glieder, und ich preßte die Lippen fest aufeinander – daß mir um Gotteswillen nur nie das unselige Geheimnis entschlüpfte! ... Kaum in die Welt eingetreten, hatte ich schon etwas vor ihr zu verbergen, ich, deren Gedanken und Plaudereien bis dahin so zwanglos, so frank und frei hinausgeflattert waren, wie meine wilden Locken im Heidewind.

Unterdes war auch Ilse, hinter uns her, die Treppe heraufgekommen und schalt mich, daß ich »ihr durchgebrannt sei, derweil sie sich das Unheil im Gewächshause angesehen«.

»Das ist ja eine schöne Geschichte, die das greuliche Tier angerichtet hat!« sagte sie ganz entrüstet. »Zwei von den großen teuren Glasscheiben sind total zerschlagen, und einen großen Baum hat es mit dem einen Tritt auch umgeworfen – die schönen roten Blumen liegen wie hingeschneit an der Erde herum ... Und da ist der Mann mäuschenstill und sagt kein Wort – das hätte mir passieren sollen!«

»Onkel Erich hat Kamelien genug,« sagte Charlotte leichthin und spöttisch, »die paar abgeknickten Blüten zählen nicht ... Uebrigens glauben Sie ja nicht, daß auch nur eine einzige unbezahlt bleibt; die werden auf Draht gesteckt und kommen in die Bouquets, die auf heute Abend zu einem Bürgerball massenhaft bestellt sind. Bei uns kommt nichts um – darauf können Sie sich verlassen.«

Sie öffnete die Thür des Bibliothekszimmers; ich aber drängte mich neben ihr hinein und lief nach der Fensterecke, wo mein Vater arbeitete. Nein, sie durfte es nicht sehen, wie er so lächerlich auffuhr von seiner Schreiberei und so hilf- und verständnislos in die Welt hineinsah! Sie durfte nicht lachen, ich litt es nicht!

»Vater, wir sind wieder da,« sagte ich und legte einen Arm um seinen Hals; so konnte er nicht emporfahren, und er that es auch gar nicht, er schlug nur die Augen auf und sah lächelnd in mein vorgeneigtes Gesicht. Ich war überglücklich – er kannte bereits meine Stimme, und ich hatte Macht über ihn.

»So, kleiner Schalk, so überrumpelst du mich?« scherzte er und klopfte meine Wange. »Wenn du aber ganz so werden willst wie deine liebe Mama, dann darfst du nur ganz, ganz leise die Hand auf meine Stirn legen, oder eine Blume auf mein Manuskript fallen lassen, und mußt husch wieder draußen sein, ehe ich mich nur besinnen kann, wer es gewesen.«

Mir gab es jedesmal einen schmerzenden Stich durchs Herz, wenn er meine Mutter, die er über alles geliebt haben mußte, in der Weise erwähnte – für ihn hatte sie tausend zartsinnige Aufmerksamkeiten gehabt, aber ihr einsames Kind hatte nicht für sie existiert.

Jetzt sah mein Vater auch Charlotten. Er sprang auf und verbeugte sich.

»Ich habe Ihnen Ihr Töchterchen wiedergebracht,« sagte sie. »Herr Doktor, Sie müssen schon erlauben, daß auch die ›Unwissenschaftlichen‹ im Vorderhause ein wenig herummeißeln und bilden dürfen an der kleinen wilden Hummel aus der Heide.«

Er dankte ihr herzlich für ihr Anerbieten und gab ihr unumschränkte Vollmacht. Dabei rieb er sich plötzlich besinnend die Stirne. »Da fällt mir eben ein – ach ja, ich bin manchmal ein wenig vergessen – ich habe ja gestern auch auf einige Augenblicke die Prinzessin Margarete gesprochen; ich erwähnte beiläufig deine Ankunft, mein Kind, und sie sprach lebhaft den Wunsch aus, dich nächste Woche zu sehen. Sie hat deine Mama gekannt, als sie noch Hofdame am Hofe zu L. war.« –

»Sie Glückliche!« rief Charlotte. »Einen altadligen Namen, einen hochberühmten Vater und eine Mutter, die Hofdame gewesen ist – wahrhaftig, die Götter haben ihr Füllhorn über Sie ausgeschüttet! Und das erscheint Ihnen wohl gar nicht einmal wünschenswert?«

»Nein – ich fürchte mich vor der Prinzessin,« versetzte ich scheu und ängstlich und drückte mich neben Ilse.

»Fürchte dich nicht, Lorchen; du wirst sie sofort liebgewinnen,« tröstete mich mein Vater; Charlotte aber zog die prächtigen, schöngeschwungenen Brauen zusammen.

»Heideblümchen, seien Sie nicht kindisch!« schalt sie. »Die Prinzessin ist sehr liebenswürdig. Sie ist die Schwester der Prinzessin Sidonie, von der wir eben noch gesprochen haben, und die Tante des jungen Herzogs. Sie macht die Honneurs an seinem Hofe, denn er ist noch nicht verheiratet, und soll ganz besonders lieb und gut gegen die kleinen, schüchternen, und – nehmen Sie mir's nicht übel – ein wenig albernen jungen Mädchen sein, die sich vor der ersten Vorstellung bei Hofe fürchten ... Also beruhigen Sie sich, Kleine!«

Sie drehte mich an den Schultern hin und her.

»Wollen Sie der Prinzessin Ihr Töchterlein so vorstellen?« fragte sie meinen Vater und zeigte mit einem wahren Koboldlächeln ihre perlmutterweißen Zähne.

Er sah sie unsicher und verständnislos an.

»Nun, ich meine in diesem vorsündflutlichen Kostüm?«

»Hören Sie mal, Fräulein,« fiel Ilse scharf ein, »in dem Kleide da hat meine arme Frau um den gnädigen Herrn getrauert. Dazumal war sie auch noch stolz und vornehm, und das Kleid ist ihr gut genug gewesen, und da wird es ja wohl der Frau Prinzessin auch nicht schaden, wenn sie die Kleine drin ansieht.«

Charlotte lachte ihr ins Gesicht. »Vor wieviel Jahren war das, gute Frau Ilse?«

Jetzt ging auch meinem Vater ein Licht auf. Er strich sich mit der Hand über die Stirn. »Hm, darum handelt sich's? ... Ja, ja, Sie haben recht, Fräulein Claudius, so ist Lorchen nicht ganz präsentabel. Ich erinnere mich –- meine verstorbene Frau hatte einen exquisiten Geschmack und ist ja auch später noch viel mit mir zu Hofe gegangen. Liebe Ilse, drunten im Erdgeschoß, unter meinen Effekten, müssen noch zwei Koffer voll Toilettengegenstände sein – nach dem schmerzlichen Ereignis hat sie die damalige Wirtschafterin gepackt –«

»Daß Gott erbarm, das sind jetzt über die vierzehn Jahre her!« rief Ilse, die Hände zusammenschlagend. »Und das alles ist nicht einmal aufgemacht und gelüftet worden!«

Er schüttelte den Kopf.

»Ach, Sie arme Kreatur!« jubelte Charlotte förmlich auf und schlang den Arm um mich. »Da muß ich retten, sonst hat die Residenz ein Gaudium, wie noch nie! ... Ich werde für alles sorgen, Herr Doktor!«

»So – und wer bezahlt's denn?« fragte Ilse trocken.

Mein Vater machte ein sehr verdutztes Gesicht und sah seltsam ängstlich drein – er schlang die Finger ineinander und ließ sie in den Gelenken krachen.

Charlotte bemerkte das sehr wohl. »Ich spreche sofort mit dem Onkel,« sagte sie.

»Der kann der Kleinen auch kein anderes Geld geben, als ihr selber gehört,« fiel Ilse beharrlich ein, »und da haben wir ja gleich die Bescherung; da fliegt das bißchen Vermögen für Lappen und Firlefanz in alle vier Winde, ehe wir es uns versehen.«

»Nun meinetwegen, behalten Sie Ihr Geld in der Tasche!« rief Charlotte ärgerlich. »Ich gebe ihr meine neueste Toilette, die der Schneider erst gestern gebracht hat ... In dem Aufzug lasse ich die Kleine nicht an den Hof – dazu habe ich sie schon viel zu lieb.«

Ich neigte den Kopf seitwärts und küßte verstohlen die volle, weiße Hand, die meine Schulter umschloß. Ilse sah diese Bewegung; sie schüttelte den Kopf, und ein niegesehener, wehmütig bitterer Zug stahl sich in ihr Gesicht. Ich glaube, sie bereute heute schon zum zweiten Mal tief, mich in das Haus der »vernünftigen Leute« gebracht zu haben.

Noch hatte sie übrigens keinen Grund zur Besorgnis; noch mischte sich in das Dankgefühl, mit welchem ich Charlottens Hand küßte, nicht eine Spur von befriedigter Eitelkeit. Ich dachte nicht im Entferntesten daran, daß ich ohne die dicke Mullkrause, von der mich Charlotte kühn befreite, schöner aussehen könne – mein braunes Gesicht wurde wohl auch über einem so zarten Spitzenkragen, wie die junge Dame ihn trug, nicht um einen Schein weißer, und die kleinen Ohren, die sich bei dem leisesten inneren Angstgefühl stets so heiß röteten, fuhren sicher ebenso lächerlich daraus empor wie aus den weißen Mullwogen. Aber auch das erwog ich nicht einmal in diesem Augenblick – ich dankte einzig und allein für die Liebe, die mir entgegengebracht wurde.

Charlotte verabschiedete sich von meinem Vater, ohne das gewünschte Buch mitzunehmen; meine Vorstellung bei Hofe schien hinter der festen weißen Stirne einen wahren Wirbel von Gedanken erregt zu haben. Sie versicherte mir drunten in der Halle nochmals, meine »völlig unmotivierte Scheu und Aengstlichkeit« zu besiegen, und eilte in das Vorderhaus zurück.

»Du ziehst die geborgten Sachen natürlich nicht an,« sagte Ilse zu mir, während Charlotte jenseits des Teiches im Boskett verschwand. »Deine selige Großmutter müßte sich ja in der Erde umdrehen ... O Herr Jesus, nun muß ich auch gar noch selbst Herrn Claudius bitten, daß er das Geld für den Firlefanz 'rausgibt! ... Sie werden eine schöne Putzdocke aus dir machen in dem Hause da vorn!«

Als wir in das Wohnzimmer traten, wo das Stubenmädchen eben den Tisch deckte, kam uns auch der alte, freundliche Gärtner entgegen und sagte mir, daß er im Auftrage des Herrn Claudius in meinem Zimmer einen Blumentisch aufgestellt habe.

Mit Mühe suchte ich ein paar steife Worte des Dankes zusammen – ich wollte ja die Blumen des Herrn Claudius gar nicht haben; mochte er sie doch lieber verkaufen, der engherzige Zahlenonkel! ... Ich ging auch durchaus nicht hinein, um sie anzusehen. Aber Nachmittags, in einer der heißesten und drangvollsten Stunden meines ganzen bisherigen Lebens, saß ich doch neben ihnen; denn sie beschatteten halb und halb meinen Schreibtisch. ... Meinen Schreibtisch! Welche Ironie lag darin, mir einen Tisch hinzustellen, auf welchem ausschließlich geschrieben werden sollte! ... Und nun saß ich doch dran und schwitzte vor Seelenangst und Mühe; denn ich sollte und mußte einen Brief schreiben – den ersten in meinem Leben. Ilse war unerbittlich gewesen. »Siehe du nun auch, wie du mit der eingerührten Geschichte fertig wirst; nicht einen Finger rühre ich darum!« hatte sie mitleidslos und entschieden erklärt und mich mit meiner Riesenaufgabe allein gelassen.

»Liebe Tante! Ich habe Deinen Brief gelesen. Es thut mir in der Seele weh, daß Du Deine schöne Stimme verloren hast, und da meine liebe Großmutter gestorben ist, so schicke ich Dir das Geld,« besagten die durcheinanderquirlenden, schwarzen Buchstaben auf dem weißen Papier, das vor mir lag. Der Anfang war glücklich gefunden, und ich schlug die Augen auf nach weiterer Eingebung von außen.

Ein köstlicher Duft strömte mir zu; ja, da stand der Blumentisch; prachtvolle, blaßgelbe Theerosen hingen schwer herüber, und – o Himmel – um alle diese hochstrebenden blütenbeschneiten Rosen-, Azaleen- und Kamelienbäume legte sich drunten ringsum ein Kranz von blühenden Heidebüschen! Das hatte der alte Gärtner doch zu sinnig ausgedacht! ... Ich warf die Feder hin und griff mit beiden Händen in die Blütenrispen ... Da stieg es auf, das bienenumsummte Dach mit der Heidegarnitur unter jeder Ziegelreihe, und von den Eichenwipfeln schrieen die Elstern in den stillen Baumhof hinab. Die alte Föhre trug die ganze Last der glühenden Nachmittagssonne auf ihren struppigen Zweigen, und in dem rot- und lilafarbenen Heideteppich blinkten die gelben Ginsterblüten wie eingestickte Goldsternchen ... Blaue Schmetterlinge! Ich lief ihnen nach bis unter die Birke, in das dicke Erlen- und Weidengebüsch hinein, und, husch, fuhren meine nackten, heißen Füße in den köstlich kühlen, dunklen Heidefluß! ... Ich schrak empor und zog die Hände zurück und tunkte aufs neue tief und zornig die Feder in das tückische Schwarz, das die Menschen zu meiner Qual erfunden hatten.

Aber nun weiter! »Ich wohne mit meinem Vater bei Herrn Claudius in K., wenn Du mir vielleicht schreiben und mir sagen willst, ob Du das Geld richtig durch die Post bekommen hast.« – Punktum! Das war ganz gut so, aber ob sie es lesen konnte? Ilse sagte immer, man könne keinen Sinn in meiner Schreiberei finden, weil die Buchstaben »gar so falsch nebeneinander stünden«. – Ach, da fing draußen der Kranich an zu tanzen, und eine Schar Perlhühner flüchtete scheu hinter die steinerne Teicheinfassung – Dagobert trat drüben aus dem Boskett; er hieb im raschen Weiterschreiten mit seinem schlanken Stöckchen durch die Luft und schritt stracks auf die Karolinenlust zu ... Ich duckte mich ganz erschrocken nieder, denn er sah unverwandt nach dem Fenster, an welchem ich saß. Nein, nein, er kam nicht herein – es wäre doch zu einfältig gewesen, wenn ich meinem ersten, blitzschnellen und angstvollen Gedanken gehorcht und die Thür verriegelt hätte! ... er ging hinauf in das Bibliothekzimmer; ich hörte noch seinen verhallenden Tritt droben auf der letzten Stufe der Steintreppe ... Gott, was alles geschah doch in der Welt, und wie viel gab es zu sehen und zu erleben, und doch gab es Menschen, die den ganzen Tag schrieben und sich über das starre, leblose Papier bückten, wie zum Beispiel Herr Claudius über seinen großen Folianten im Vorderhause! ...

Nun noch die Unterschrift: »Deine Nichte Leonore von Sassen,« und schließlich die Adresse, die ich mühsam, Buchstaben um Buchstaben, von dem zerknitterten Brieffragment meiner Tante kopierte ... Gott sei Dank! Das war der erste, aber auch gewiß der letzte Brief, den ich geschrieben – ich wollte es nie wieder thun! Da lag die Feder wieder auf dem altfränkischen Tintenfaß, wo ich sie vorgefunden – ich gönnte ihr von Herzen die ewige Ruhe einer Dahingeschiedenen.

Ilse mußte, wohl oder übel, die fünf Siegel auf das Kouvert drücken; dann trug sie den Brief zornig, mit spitzen Fingern, als brenne er, aber doch eigenhändig auf die Post ... fremden Händen mochte sie um alle Welt das viele Geld nicht anvertrauen.

Dieses mein armseliges Schriftstück und seine Folgen lassen mich stets an einen kleinen unschuldigen Vogel denken, der unbewußt das Samenkorn eines schlimmen, überwuchernden Unkrautes in ein künstlich angelegtes Blumenbeet trägt.

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