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Das Heideprinzeßchen

Eugenie Marlitt: Das Heideprinzeßchen - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
titleDas Heideprinzeßchen
authorE. Marlitt
publisherErnst Keil's Nachfolger
year1893
created19990720
senderinge.bayreuther@bibliothek.uni-regensburg.de
firstpub1872
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11.

»Das Bett ist unnütz,« sagte Ilse, indem sie mit kraftvollen Armen unser in Sackleinen genähtes riesiges Frachtstück über die Schwelle zog. »Betten haben wir selber, und was für welche!« Sie räumte die feinen Polster aus der Bettstelle, wobei sie mit verächtlicher Miene die leichten Dunen auf ihren Händen wog. »Aber ist das nicht ein Ungeschick!« rief sie plötzlich und übersah mit in die Seite gestemmten Armen das kleine Zimmer. »So wie das Bett steht, liegst du zur Hälfte unter dem zugigen Fenster, und da an der schönen, geschützten Wand steht der einfältige Schrank. He, faß ein wenig an, Kind – der muß fort!«

Wir schoben den Schrank auf die Seite. Ilse schlug die Hände über dem Kopfe zusammen. »Daß Gott erbarm, Seide an den Fenstern, und hinter den Schränken fingerdicke Spinnweben und ein Staub, daß man nicht durchsehen kann – das ist mir die rechte Wirtschaft!«

Ich mußte an die Kisten denken, die vierzig Jahre vergessen drunten im Dunkel gestanden hatten; so lange war wohl auch das nach allen Seiten hin flüchtende Spinnengeschlecht hinter dem Schranke nicht gestört worden. Außer den altersschwarzen Staubzotteln und den langbeinigen Ungeheuern kam aber auch noch eine kleine, kaum wahrnehmbare Tapetenthür zum Vorschein. Ilse öffnete sie ohne Weiteres; in einem sehr engen Raum lief eine kaum zwei Fuß breite, steile Treppe in das obere Stockwerk empor.

»Hat also doch seine Gründe, daß der Schrank dasteht,« sagte Ilse, indem sie die Thür wieder schloß. »Er muß wieder an seinen Ort!«

Sie ging hinaus, um irgendwo Besen und Kehrichtschaufel zu suchen.

Leise öffnete ich die kleine Thür wieder ... Wer wohnte da oben? Vielleicht die schöne Charlotte? ... Es war durchaus nicht mein Wille, neugierig zu sein, oder wohl gar zu lauschen, ei behüte – das konnte ja Ilse »für den Tod nicht leiden«. Aber ehe ich mich dessen selbst versah, standen meine eigenmächtigen Füße auf der untersten Stufe; ich reckte den Kopf nach Kräften aufwärts, trat auf die äußersten Zehenspitzen und sah und horchte gespannt in das Dunkel hinein, das den engen Raum füllte. Kein Laut drang von oben her ... Ach, wie es mir in den Füßen zuckte, weiter zu schlüpfen! Ilse würde sich schön gewundert haben – ich war wirklich wißbegierig wie eine Elster ... Dunkel war's freilich um mich her, und vor Gespenstern fürchtete ich mich auch; aber hinter mir drang ja das tröstliche Tageslicht herein, und in der unumstößlichen Gewißheit, daß Charlotte über mir wohne, stieg ich Stufe um Stufe hinauf – in die Nähe der kraftvollen, lustigen jungen Dame traute sich gewiß kein Gespenst ... Plötzlich tauchte rechts, in gleicher Höhe mit meinen Augen, ein matter Lichtstreifen auf, eine Spalte zwischen der Schwelle und einer Thür, die der drunten entdeckten korrespondierte ... Vielleicht saß Charlotte drinnen am Fenster, und ich konnte unbemerkt einen Blick auf das schöne Gesicht, auf den prachtvoll verschlungenen Haarknoten am Hinterkopf werfen. Lautlos, wie ich meinte, öffnete ich die Thür – o weh, es entstand ein abscheulicher Spektakel, ein starkes Knistern und Rieseln, und die Unglücksthür knarrte, als sei sie seit Jahrzehnten nicht eingeölt worden! Meine Hand fuhr vom Drücker nieder und im jähen Zusammenfahren wäre ich um ein Haar in die Treppe hineingefallen. Die Thür fiel langsam in das Zimmer zurück – es war Niemand drin – ein schwarzseidener Frauenmantel hatte zum Teil über der Thürfuge gehangen und das Rauschen verursacht.

Mir war, als flösse das Morgenrot, das erste, blasse, dem ich oft in der Heide entgegengejubelt, über die Wände – sie waren mit rosenroten Gazefalten überzogen. Rosenbouquets lagen verstreut, wohin das Auge sah, auf dem weichen, graugrundigen Fußteppich, den kleinen, lehnenlosen, gestickten Stühlen und auf den niedergelassenen Rouleaus – da waren es freilich nur noch Rosengespenster, die Sonne hatte sie völlig ausgesogen. In der Nähe des einen Fensters stand ein Ankleidetisch voll Silbergerät, außer ihm und den Stühlen waren keine Möbel da ...

Ich trat behutsam ein ... Puh, da war auch seit lange nicht gefegt worden! »Schöne Wirtschaft das!« würde Ilse wieder gesagt haben ... Fühlte sich Charlotte wirklich wohl in der dicken, staubigen Luft? ... Ein Flügel der Thür zu meiner Linken war zurückgeschlagen, und mein Blick fiel auf zwei nebeneinander stehende Betten unter einem dunkelvioletten Baldachin. Neben dem einen Bett stand auf einfachem Gestell eine Korbwanne voll kleiner Polster, über die ein grüner Schleier hingeworfen lag ... Seltsam, wer mochte hier wohnen? ... Stille, tiefe, geisterhafte Stille herrschte in dem verdunkelten Zimmer; hier hingen nicht nur die Rouleaus, sondern auch die zugezogenen Gardinen vor den Fenstern, und alles sah so unbenutzt aus ... Ah, nun wußte ich's! Die Familie, die hier wohnte, war verreist! ... Einen Augenblick schlug mir doch mein im Ganzen noch sehr ungeschultes Gewissen – meine kleine, naseweise Person gehörte nicht hierher ... Ach was! Ich nahm ja den Leuten nicht eine Stecknadel von ihren Herrlichkeiten, ich rührte sie mit keiner Fingerspitze an, und zum Ueberfluß – damit ja kein Wollhärchen in den Teppich niedergeknickt werde – schlüpfte ich aus meinen nägelbeschlagenen Schuhen und ging in Strümpfen.

Es war wonnig, in dieses wildfremde Hauswesen voll niegesehener Pracht verstohlen zu gucken! ... Ich war richtig bei Frau Holle, in ihrem Schlößchen voll Samt und Seide und Gold und Silber. Staub genug gab es auszufegen, und Betten zum Aufschütteln waren auch da ... Ich ging mutterseelenallein durch ihre Zimmer und Säle – mutterseelenallein! Wenn eine der riesigen Spinnweben in den Ecken zu Boden gefallen wäre, ich hätte es hören können. Das wäre etwas für Heinz gewesen – hei, der wäre gelaufen! Aber ich fürchtete mich nicht, nicht im geringsten! Und wenn sie nun wirklich im nächsten Zimmer saß, die Frau Holle in hoher Dormeuse mit langen Zähnen und wackelndem Kopfe – keck wäre ich auf sie zugeschritten und hätte ihr meinen Knicks gemacht, dazu brauchte es doch wahrhaftig keinen übermäßigen Mut – nein, dazu nicht, aber – ich schrie plötzlich auf, daß es gellend von den Wänden zurückkam, und schlug die Hände vor das Gesicht, ich hatte die Thür aufgestoßen. Ich war nicht allein, aber auch Frau Holle saß nicht drin – ein kleines schwarzes Wesen trat mir aus der gegenüberliegenden Thür entgegen.

Wie vor vier Wochen auf dem Hügel, neben dem vermeintlichen Phönizier, stand ich da, förmlich zur Salzsäule erstarrt; allein diesmal war es hauptsächlich die Scham, die mir Hände und Füße fesselte; die Räume waren nicht unbewohnt. Wie sollte ich mich entschuldigen der Fremden gegenüber, die jetzt sicher ungesäumt auf mich zukam? Ich erwartete sie unter heftigem Herzklopfen; ich meinte, jetzt müsse sie mir die Hände vom Gesicht nehmen und mich zur Rede stellen; allein es blieb totenstill, keine Sohle huschte über die Dielen, und die Thür drüben wurde auch nicht wieder zugemacht – mit einem entschlossenen Ruck machte ich der verzweifelten Situation ein Ende, ich sah auf. Die Schwarze stand noch immer drüben auf der Schwelle und ließ ein Paar brauner Hände langsam vom Gesicht niedersinken, dann warf sie ein wildes, dunkles Haargewoge in den Nacken zurück – ei, das that ich ja eben auch! ... Jetzt lachte ich, lachte aus vollem Halse ... war ich wirklich das Scheusälchen da drüben? Das mußte ich mir näher ansehen!

Das Zimmer hatte lauter Spiegelwände; bis hinauf zur Decke lief das Glas – das mochte sich schön wundern über die seltsame Erscheinung, die es von allen Seiten zurückwarf! ... Also das war das Heideprinzeßchen, das man heute den jungen Damen als scheue Eidechse mit einem Prinzessinnenkrönchen auf der Stirne vorgestellt hatte! ... O Ilse, schrecklich waren die gerühmten Heidschnuckenstrümpfe, in denen meine Füße steckten! Und drunten im Koffer hatten die fleißigen, vorsorglichen Hände ein ganzes Regiment dieser Unverwüstlichen aufgestapelt, die ich alle »gesund« verbrauchen und zerreißen sollte – welch eine dauerhafte Gesundheit, welch langes Leben gehörte dazu! ... Und mein Vater hatte wirklich dieses kleine Monstrum an sein Herz gezogen und wollte es bei sich behalten als »das gnädige Fräulein von Sassen?« ... Er hatte nicht gesehen, wie lächerlich die kleinen, heißgeröteten Ohren aus der dicken, weißen Mullkrause fuhren, um gleich darauf wieder unrettbar zu versinken? ... Es war ihm nicht aufgefallen, wie sinnreich Ilse eines der eingewobenen Riesenbouquets im schwarzen Kleide, die an der majestätischen Gestalt meiner Großmutter jedenfalls sehr imposant ausgesehen, gerade über meine schmale Brust wie ein Wappenschild hinzubreiten gewußt hatte? Ich schüttelte meine Locken und lachte wie närrisch, und trat in den Saal, der sich vor mir aufthat.

Er durchmaß die ganze Tiefe des Hauses und hatte an der Süd- und Nordfront je drei ungeheure, dicht nebeneinander gestellte Glasthüren, die ins Freie führten. Sie waren mit blauer Seide drapiert; die Farbe hatte sich nur an der nördlichen Seite erhalten, nach Süden hin war sie zu einem schmutzigen Grauweiß erblichen ... Hier strömte es wie frischer Lebensatem von allen Wänden. Kleine, schwebende, pausbäckige Kinder hielten Medaillons in den Händen und lachten mich schelmisch an, und vom Plafond schütteten herrliche Frauengestalten einen ganzen Blumenregen nieder. Goldene Ornamente ragten in die Malereien hinein und umrahmten sie in vielgestaltigen Schnörkeln und Arabesken. Die Möbel waren von glänzendem Weiß, mit vergoldeten Rändern umsäumt, und über die Polster hin breitete sich blaue Seide.

Es war ein Prunksaal, aber er wurde offenbar benutzt wie ein gemütliches Familienzimmer. In trauliche Gruppen zwanglos zusammengeschoben füllten die Möbel alle vier Ecken, und in der mittleren Thür der Nordfront stand ein großer Schreibtisch. Er war bedeckt mit Porzellanfiguren und allerhand zierlichen Dingen, deren Gebrauch ich nicht kannte ... Ich sah auch ein silbernes Schreibzeug stehen, ein kunstvolles Blättergeflecht, auf welchem Tintenfaß und Streubüchse als Rosenkelche lagen – auf eines der breiten Blätter war ein Wappen mit darüber prangender Krone graviert ... Und vor dem Schreibzeug lagen wappengeschmückte Briefbogen. Eine zarte, flüchtige Frauenhand hatte offenbar die Feder probiert; unzähligemal quer und gerade stand da: Sidonie, Prinzessin von K. – und dazwischen hin liefen die Namen Claudius und Lothar.

Ich fuhr zurück. Wie, sollten das wohl gar fürstliche Gemächer sein! ... Eine Prinzessin saß an diesem Tisch und schrieb mit dem zierlichen goldenen Federhalter, der so nachlässig hingeworfen neben dem Briefbogen lag? ... Ihre feinen Füße glitten über den glänzend polierten Fußboden, den jetzt meine groben Wollstrümpfe rieben, und aus den Glasthüren sah ein zartes, vornehmes Frauengesicht! ... Eine ängstliche Scheu überkam mich – ich griff nicht mehr auf den Drücker der nächsten Thür, mit zaghaftem Finger bewegte ich den Schieber am Schlüsselloch und ließ einen scheuen Blick durch dasselbe huschen – draußen lief die schöngeschwungene Treppe empor, die ich heute in des jungen Herrn und Ilses Begleitung hinaufgestiegen war ... Ah – ich stand hinter einer der Thüren, welche die großen Siegel auf ihrer Fläche trugen! So sicher also hatte die Prinzessin bis zu ihrer Rückkehr die Wohnräume vor jedem Eindringlinge zu schützen gesucht – sie hatte sogar Siegel davor legen lassen. Und auch das hatte nicht genügt; ich stand ja drin und ließ meine neugierigen Augen über alles hinschweifen, was doch kein fremder Blick berühren sollte. »Das ist so gut wie Diebstahl,« hatte Ilse gesagt, als sie entdeckte, daß ich einen fremden Brief gelesen ... War mein Verweilen hier nicht ganz genau so, als läse ich unbefugt ein fremdes Geheimnis, als hätte ich die Siegel draußen auf der Thür erbrochen? Ich versuchte, gegen mich selbst eine strenge Miene anzunehmen; aber ich konnte nicht halb so gut schelten wie Ilse, und tief gingen mir die Gewissensbisse gar nicht – ich fand es im Gegenteil erst recht schauerlich süß, daß die Siegel auf den Thüren klebten, und daß kein lebendes Wesen, vielleicht eine naseweise Fliege ausgenommen, die durch irgendein Schlüsselloch schlüpfte, hier umherhuschen konnte, nur ich, ich allein!

Und nun mußte ich auch einmal probieren, wie es wohl der schönen Prinzessin zu Mute sei, wenn sie durch die Glasthüren hinaussähe. Ich schob eine der Draperien ein wenig zurück – wie ein kleines, trautes, in die Lüfte hineinragendes Kabinett ohne Dach und Decke schloß sich draußen der Balkon an die Thüren an – ich hatte ja noch nie einen Balkon gesehen – wie mußte es wonnig sein, hoch über der Erde so schnurstracks aus den heißen Zimmern ins Freie treten zu können!

Drunten breitete sich der Teich hin; der dunkelblaue Nachmittagshimmel füllte eintönig den unbeweglichen Wasserspiegel, in dessen Mitte groteske Sandsteinfiguren wie auf einer blauen Samtdecke ruhten. Der duftig grüne Rasenfächer, die schlanken Steinbilder im vollen Goldglanz der Sonne, die hellen Kiesstreifen, die Rasen und Teich scharf trennten, und tief in die Boskette hineinschnitten, das alles war sehr hübsch – wären nur nicht die dicken, grünen Vorhänge gewesen, die es so erstickend eng umschlossen, diese Baummassen, über die der Blick nicht hinauskonnte, die den Atem beklemmten und dort drüben auf dem Berge wo möglich in den Himmel zu klettern suchten ... Wurde der schönen Prinzessin nicht bange, daß eines Tages alle diese Wipfel näher rücken und rauschen und sie und das Schlößchen wie grüne Meereswogen verschlingen könnten? ... Da war sie doch viel heimischer, meine liebe, weite, glatte Heide mit dem harten, kräftigen Luftstrom, der über sie hinstreichen konnte, so viel er mochte!

Vielleicht sah man draußen auf dem Balkon durch irgend eine Baumlücke in das Land hinaus! Ich war leichtsinnig und keck genug, den Schlüssel umzudrehen und die Thür um Spannenbreite zu öffnen; die schwüle Sommerluft drang herein und trug köstliche Düfte aus dem Blumengarten herüber – den Kopf konnte man wohl auch einen Augenblick hinausstecken – Himmel, da trat Ilse mit raschen, kräftigen Schritten aus dem gegenüberliegenden Gebüsch und schulterte einen langen Stielbesen! Ich schlug die Thür zu, rannte wie besessen durch die Zimmer, fuhr in meine Schuhe und schlüpfte die Treppe hinab. Ich hatte eben die Tapetenthür geschlossen und mich möglichst harmlos auf einen Stuhl geworfen, als Ilse eintrat.

»Hab' doch gar bis nach vorn in den Hof laufen müssen um den Besen da!« sagte sie. »Das Haus hier ist ja rein wie verzaubert – verschlossene Thüren, wo man hinguckt, und nirgends eine Menschenseele! ... Und meine liebe Not hab' ich auch gehabt – wollte mir doch das Stubenmädchen den Besen nicht geben, aus lauter Ehrfurcht ... das hat mich aber in Harnisch gebracht! ... Der infame Kirchenhut – ich möchte ihn am liebsten gar nicht wieder aufsetzen!«

Sie kehrte sorgsam jedes Staubwölkchen von der Thür, drehte den Schlüssel zweimal um und schob den Schrank an seine alte Stelle. Dann trennte sie das Sackleinen auf und türmte die ungeheuren Federbetten in der reichverzierten Bettstelle übereinander ... Ei, wie unverschämt der rot und weiß gewürfelte Ueberzug neben dem gelben Seidendamast sich blähte, und wie schüchtern und winzig das verächtlich hingeworfene feine Leinenzeug zusammensank neben meinem Betttuch, an welchem ich in ziemlicher Entfernung die Fäden zählen konnte!

Aber Ilse übersah mit geschmeichelter Miene das Werk ihrer Hände – es war derb und haltbar, dagegen ließ sich nichts einwenden.

»Morgen früh gehen wir in das Vorderhaus,« sagte sie zu mir, indem sie eine frische, weiße Halskrause aus dem Koffer nahm und auf den Toilettentisch legte. »Nach dem, was dein Vater heute sagte, scheinen es sehr vernünftige Leute zu sein.«

Ich besann mich vergeblich auf diesen Ausspruch: mein Vater hatte nur indigniert von den vernachlässigten Kisten gesprochen und die »vernünftigen Leute« Krämerseelen genannt.

»Vielleicht kann ich mit dem Herrn selbst über dich sprechen,« warf sie hin.

»Um Gotteswillen nicht, Ilse!« schrie ich auf. »Ich laufe auf der Stelle auf und davon, und du siehst mich nie, nie wieder!«

Sie sah mich groß an. »'s ist wohl nicht richtig?« fragte sie und legte den Zeigefinger bezeichnend an die Stirne.

»Denke, was du willst, aber ich leide es nicht, daß du auch nur ein Wort mit dem jungen Herrn über mich sprichst –«

»Ei, wer denkt denn an den jungen Laffen? An das gedrechselte Mannsbild, das mit Reifen spielt? ... Das hätte mir gefehlt! –«

Ich fühlte, wie mein Gesicht aufglühte – Entrüstung, Schmerz und Scham durchfuhren mein Inneres, wie schneidende Messer ... Nein, Ilse war doch auch manchmal zu rücksichtslos hart und grob!

»Ich meine den Herrn, der uns gestern im Hofe nachrief!« fuhr sie unbeirrt fort.

»Ach, der,« sagte ich; »mit dem sprich meinetwegen, soviel du willst – der ist alt, uralt!«

»So – das sind wirklich die Leute, die vor vier Wochen in der Heide waren?«

Ich nickte mit dem Kopfe.

»Und der Alte hat dir die Unglücksthaler gegeben?«

»Ja, Ilse!«

Ich trat an das Fenster und sah hinaus. Ich war im Begriff, mich sehr lächerlich zu machen – die Thränen traten mir in die Augen. Ilse wußte freilich, daß ich auch weinte, wenn sie Heinz zu nahe trat; aber das war doch ganz etwas anderes, den hatte ich lieb von Kindesbeinen an – was aber kümmerte mich der wildfremde junge Mann? Was in aller Welt ging es mich an, wenn ihn Ilse einen Laffen, ein gedrechseltes Mannsbild nannte? ... Es war die reine Lächerlichkeit – und die Verunglimpfung erzürnte mich trotzdem noch viel mehr und noch ganz anders, als wenn Ilse meinen guten, alten Heinz rauh den Text las.

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