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Das Heideprinzeßchen

Eugenie Marlitt: Das Heideprinzeßchen - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
titleDas Heideprinzeßchen
authorE. Marlitt
publisherErnst Keil's Nachfolger
year1893
created19990720
senderinge.bayreuther@bibliothek.uni-regensburg.de
firstpub1872
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10.

»Zürnt mir Heideprinzeßchen noch?« fragte er mit unterdrückter Stimme.

Ich schüttelte den Kopf – seltsam, daß ein paar halbgeflüsterte Worte Einen bis ins tiefste Herz hinein erschauern machen konnten ...

Da lag sie plötzlich vor uns, die Karolinenlust! ... Es würde mich nicht im Entferntesten befremdet haben, wenn dort aus einem der hohen Fenster Frau Holle genickt und mich aufgefordert hätte, ihr Federbett aufzuschütteln und ihre Säle zu fegen. ... Ein Zauber hielt mich bereits gefangen, und das Haus vor uns war durchaus nicht geeignet, ihn zu lösen und mich zu ernüchtern. ... Was wußte ich damals von Renaissance- und Barockstil! Das Feenhafte des Anblickes wurde mir nicht verkümmert durch die Kenntnis strenger Kunstregeln. Ich sah nur schöngeschwungene Linien, weich und biegsam, als seien sie aus Wachs und nicht aus Stein, in die Lüfte steigen. Ich sah Säulen, Pilaster und Gesimse reizend verknüpft durch verschwenderisch hingestreute Frucht- und Blumenschnüre, und zwischen ihnen die funkelnden, breiten Spiegelscheiben der Fenster – ein Rokokoschlößchen, so verschnörkelt und üppig geschmückt, wie es nur je der Zopfstil des vorigen Jahrhunderts ersonnen. Sein Spiegelbild dämmerte noch einmal auf in dem silberklaren Gewässer, das, umfangen von einem durchbrochenen Steingeländer, zu seinen Füßen lag. Der Teich und fächerartig hingebreitete, mit weißen Steinbildern und steifen Taxuspyramiden geschmückte Rasenflächen füllten das ziemlich enge Parterre, das ein breiter Weg ringartig flankierte; aber über seinen Kies breitete sich bereits wieder tiefer Baumschatten. – Wie eine Perle in grüne Wogen versunken, lag das Schlößchen heimlich geborgen inmitten der Waldbäume, die im Hintergrund hoch bergauf stiegen. Noch im Gebüsch huschte uns ein Silberfasan fast über die Füße, und vor dem Portal, im kühlen Schatten des Hauses, schritt ein Pfau und entfaltete sein edelsteinflimmerndes Gefieder, während ein aschgrauer Kranich auf einem Bein unbeweglich neben dem Teiche stand und träumerisch den nackten, roten Hinterkopf nach vorn sinken ließ – er kam gravitätisch auf uns zu, fing an zu tanzen und machte die lächerlichsten Verbeugungen, als sei er der Zeremonienmeister des Schlosses – Wunder über Wunder für meine unverwöhnten Augen!

In einer offenen Halle des Erdgeschosses hatten die Träger unser Gepäck niedergelegt; sie wurden ausbezahlt, dann stiegen wir eine Treppe hinauf. Wir schritten in der Bel-Etage an hohen Thüren vorüber, die seltsamer Weise mit handgroßen, verstaubten Gerichtssiegeln beklebt waren – breite, weiße Papierstreifen legten sich über den Schluß der Thorflügel, wie ein Schweigen gebietender Finger auf ein Paar Lippen ...

Erst im zweiten Stock machten wir Halt. Der junge Herr öffnete eine Thür, und wir traten ein, während er sich mit einer freundlichen Verbeugung zurückzog und die Thür hinter uns geräuschlos wieder schloß.

Mich überfiel plötzlich eine tödliche Angst. Ich hatte daheim ganz richtig herausgefühlt, daß mein Vater mich nicht wolle, daß ich für ihn eine Last sei, die er am liebsten für immer in der Heide wissen möchte; und die Verwunderung über meine Existenz, die mir hier überall entgegentrat, bestätigte mir, daß er sein Kind nie auch nur mit einer Silbe erwähnt habe ... Und nun stand ich doch in seinem Zimmer, zudringlich über die Maßen, und sah mit erschreckten Augen in die Welt, in welcher er lebte und wirkte ... Wie fremd und unfaßlich erschien mir alles, was ich sah! Die Wände des weiten Saales, in welchen wir eingetreten, waren von unten bis hinauf zur Decke mit Büchern bedeckt, »mit so vielen Büchern, wie Erikastengel auf der Heide standen« – meinte ich. Es blieb nur Raum für vier, mit grünen Wollgardinen behangene Fenster und zwei Thüren. Die Thür linker Hand war weit zurückgeschlagen – ein zweiter Saal that sich auf, ein Saal mit Oberlicht. Durch eine weite und tiefe Kuppel inmitten des Plafond strömten die Sonnengluten blendend herein auf hingestreckte, weiße Menschenglieder, auf eine drohend emporgereckte, keulenschwingende Menschengestalt, aber auch über liebliche Frauenbilder in faltenreichen, weich niedersinkenden Gewändern.

In einer der Fensternischen des Büchersaales stand ein Schreibtisch; vor demselben saß ein Herr und schrieb. Er hatte unser Eintreten nicht bemerkt, denn während wir noch einen Augenblick regungslos an der Schwelle verharrten, hörten wir das unausgesetzte Kritzeln seiner Feder – es verursachte mir Nervenfrösteln ... Ich weiß nicht, war es die Seltsamkeit und Neuheit der Umgebung, oder dasselbe Gefühl, das mich packte – die Furcht vor meinem Vater – genug, Ilse, die stets schlagfertige, rückhaltslos thatkräftige Ilse zögerte einen Moment; dann aber nahm sie entschlossen meine Hand und führte mich nach dem Fenster.

»Schönen guten Tag, Herr Doktor, da wären wir!« sagte sie – mir war, als schlüge diese sonore, aber doch ein wenig bebende Stimme mit einem wahren Donnerton erweckend an die stillen Wände.

Mein Vater fuhr aus den rings aufgehäuften Papierstößen empor und starrte uns an; dann schnellte er wie elektrisiert in die Höhe.

»Ilse!« rief er in unverkennbarem Schrecken.

»Ja, die Ilse, Herr Doktor!« sagte sie ruhig. »Und das ist Leonore, Ihr einziges Kind, das seinen Vater seit vierzehn Jahren nicht gesehen hat ... Das ist lange her, Herr Doktor, und wär's kein Wunder, wenn Sie aneinander vorübergingen, ohne sich zu kennen.«

Er schwieg und strich sich wiederholt über die Stirn, als koste es ihm die größte Mühe, sich zu sammeln und unser Hiersein zu begreifen. Mit weicher Hand schob er mir den Hut zurück und sah mir in die Augen, und ich sagte mir, innerlich ein wenig zurückschreckend, daß es wohl selten ein so mageres eingesunkenes Gesicht geben könne, als das meines Vaters; aber er hatte die schönen Augen meiner Großmutter.

»Also du bist Leonore?« sagte er sehr sanft und küßte mich auf die Stirne. »Klein ist sie, Ilse, ich glaube, sie ist kleiner, als meine Frau war« – er seufzte auf. »Wie alt ist das Kind?«

»Siebzehn Jahre, Herr Doktor; ich habe es Ihnen ja schon zwei Mal geschrieben.«

»Ach so!« sagte er und strich sich wieder über die Stirn; dann schlang er seine Finger ineinander und ließ sie in den Gelenken knacken – er war das Bild eines Menschen, den man plötzlich aus einem tiefen Traume gerissen und in die grelle Wirklichkeit gestellt hat.

»Du bist müde, mein Kind, verzeihe, daß ich dich so lange stehen ließ!« sagte er in ausgesucht höflichem Tone zu mir, nachdem er einmal rasch auf- und abgegangen war. Inmitten des Saales stand ein schwerfälliger, mit Büchern und Papieren bedeckter Tisch; mein Vater schob uns zwei der Lehnstühle hin, die den Tisch umkreisten.

»Vorsicht, liebe Ilse, ich bitte Sie inständigst!« rief er angstvoll, als sie im Niedersetzen arglos ihren Strickkorb auf ein aufgeschlagenes Papierheft stellte. Seine mageren Hände zitterten beim behutsamen Aufnehmen des Körbchens, und ein zärtliches Mutterauge kann die Züge des erkrankten Lieblings nicht ängstlicher prüfen, als mein Vater das scheinbar uralte Papier, nachdem er es von der ungewohnten Berührung befreit hatte.

Ich sah Ilse an; sie verzog keine Miene; jedenfalls kannte sie diese Eigentümlichkeit meines Vaters schon.

»Komm, ruhe ein wenig aus!« sagte er, als er bemerkte, daß ich zögerte, mich zu setzen. »Dann wollen wir in das Hotel gehen –«

»Ins Hotel, Herr Doktor?« fragte Ilse gelassen. »Was soll denn das Kind im Gasthaus? ... Das würde Ihnen einen schönen Thaler Geld kosten zwei Jahre lang –«

Mein Vater taumelte förmlich zurück. »Zwei Jahre? Was reden Sie da, Ilse?«

»Ich rede nur, was ich Ihnen zehn Jahre lang in jedem Briefe geschrieben habe – wir sind da mit Sack und Pack! ... Ich leide es ein für allemal nicht mehr, daß das Kind in der Heide verwildert! Sehen Sie sich Leonoren an! Sie kann kaum lesen; und schreiben – daß Gott erbarm – Sie sollten nur ‚mal die Krakelfüße sehen! ... Auf die Bäume kann sie klettern und in die Nester gucken, aber eine ordentliche Naht nähen, oder eine Ferse in einen Strumpf stricken, das kann sie nicht – hab's ihr mit dem besten Willen nicht beibringen können, und vor einem fremden Menschengesicht läuft sie wie vor einer Mördergrube und bringt's nicht fertig, auch nur ›guten Tag‹ zu sagen ... Und das ist dem Herrn von Sassen sein einzig Kind! ... Ihre Frau müßte sich in der Erde umdrehen, wenn sie das wüßte!«

Es fiel meinem Vater nicht ein, auf dieses schmeichelhafte Signalement hin meine kleine Persönlichkeit zu mustern.

»Mein Gott, das mag ja alles vollkommen wahr und richtig sein!« rief er und fuhr sich mit beiden Händen verzweiflungsvoll in die Haare. »Aber ich bitte Sie, Ilse, was soll denn ich mit dem Kinde anfangen?«

Bis dahin hatte ich den Wortwechsel regungslos und schweigend mit angehört; aber nun erhob ich mich.

»Ach, wie schrecklich ist dies alles!« rief ich, und meine Stimme zitterte vor Angst und Schmerz. »Vater, sei ruhig; ich will dir ganz gewiß nicht wieder unter die Augen kommen! Ich gehe auf der Stelle wieder, und wenn es sein muß, laufe ich zu Fuß in die Heide zurück. Dort ist ja Heinz, der freut sich ganz gewiß, wenn ich wiederkomme ... Und ich will nun auch fleißig werden, Vater; darauf kannst du dich verlassen – ich will nähen und stricken ... Du sollst sehen, ich werde dir nie, nie wieder zur Last fallen! ...«

»Sei still, Kind,« sagte Ilse, indem sie sich mit überströmenden Augen rasch erhob.

Aber schon hielten mich zwei Arme umschlungen – ich ruhte am Herzen meines Vaters. Er nahm mir den Hut ab, warf ihn auf den Fußboden und drückte sanft meinen Kopf an seine Brust.

»Nein, nein, mein Kind, mein armes, kleines Lorchen, so war das nicht gemeint!« tröstete er mich bewegt. Seltsam – es war, als hätten ihn erst meine Worte zu sich selbst und zur vollen Erkenntnis der ganzen Lage gebracht. »Nun gerade sollst du bei mir bleiben ... Ilse, hat das Kind nicht ganz die Stimme meiner Frau? Klingt sie nicht genau so erquickend silberhell? ... Bei mir bleiben soll sie, in die Heide darf sie nicht wieder zurück, das steht fest! ... Aber, liebe Ilse, wie fängt man die Sache an? ... Hier ist ja nicht einmal mein Heim; ich bin selbst Gast in diesem Hause auf unbestimmte Zeit ... Ja, wie fängt man das an?«

»Dafür lassen Sie mich sorgen, Herr Doktor,« versetzte Ilse resolut – sie war wieder vollkommen in ihrem Fahrwasser. »Ich kann getrost eine Woche vom Dierkhof fortbleiben, wenn mir auch der Heinz unterdessen ein paar Dummheiten macht ... Ich will schon alles einrichten ... Und das Kind kommt auch nicht mir leeren Händen.«

Sie zog ein Papier aus ihrem Strickkorb und reichte es meinem Vater hin; es war das Testament meiner Großmutter.

Ich hob den Kopf von seiner Brust und brachte ihm die letzten Grüße der Heimgegangenen.

»Sie ist nicht im Wahnsinn gestorben, meine arme Mutter?« fragte er.

»Nein,« sagte Ilse. »Sie war so bei Verstande wie in ihren gesündesten Tagen und hat ihr Haus erst noch bestellt, ehe sie aus der Welt gegangen ist ... Lesen Sie das nur. Das Gericht war zwar nicht dabei, aber sie hat gemeint, Sie würden ihren letzten Willen auch so respektieren –«

»Das versteht sich von selbst.«

Er schlug das Papier auseinander und überflog die ersten Zeilen. »Das freut mich für Sie, liebe Ilse,« sagte er. »Der Dierkhof gehört Ihnen von Rechtswegen.«

»Meinen Sie wirklich, Herr Doktor? ... Je nun, wenn ich an Ihrer Stelle wäre, ich dächte nur: ›Aha, da hat die Ilse nur bei der alten Frau ausgehalten, um sich den hübschen Hof zu erschleichen‹ –«

»Das fällt mir nicht ein –«

»Aber mir ... Ich nehme den Dierkhof nicht; der gehört mit Ihrer Erlaubnis der Kleinen. Sie muß eine Zuflucht haben, ein eigen Stückchen Erdboden, das ihr bleibt, wenn's ihr in der Welt nicht gefällt ... Wenn ich auf dem Dierkhof bleiben kann und Sie leiden's, daß ich ihn in Ordnung halten darf bis an mein Ende, so ist das vollauf genug. Ich hätte das Papier ja auf der Stelle zerrissen, als meine arme Frau die Augen zugethan hatte; aber ich durfte ja nicht, weil noch mehr daraufstand.«

Mein Vater las weiter. »Wie, es war doch noch Vermögen da?« rief er auf das Höchste überrascht. »Sie haben mir stets geschrieben, meine Mutter lebe einzig und allein von ihrer Pension und dem geringen Ertrag des Dierkhofes.«

»Ist auch die reine Wahrheit gewesen, Herr Doktor ... Im Anfang sind noch ein paarmal Extragelder eingelaufen, aber ich verstehe ja von dergleichen Sachen so viel wie nichts, und als die gnädige Frau aufgehört hat, ihre Briefe selbst zu schreiben, da ist auch nicht ein Groschen mehr eingegangen. Der Doktor hat mir's erst auseinandergesetzt, daß man die kleinen bedruckten Papiere abschneiden und hingeben muß, und dafür bekommt man den Zins.«

»Haben Sie die Papiere mitgebracht?«

»Ja,« sagte sie auf einmal sehr verlegen und zögernd. »Aber, Herr Doktor, das will ich Ihnen gleich sagen,« setzte sie sofort resolut hinzu, »die dürfen nicht so auf die Art ausgegeben werden« – sie winkte bedeutungsvoll mit dem Kopf nach dem anstoßenden Saal – »wie die großen Geldpakete, die Ihnen die gnädige Frau immer von Hannover aus geschickt hat.«

Die tiefeingefallenen Wangen meines Vaters röteten sich, und sein Blick hatte etwas so Unsicheres, als sei er auf einem Unrecht ertappt worden.

»Nein, nein!« versicherte er lebhaft. »Machen Sie sich keine Sorge – das Geld gehört Leonore.«

»Und Sie werden es ganz sicher aufheben? Und pünktlich jedes Vierteljahr –«

»Nein, Ilse, nur das nicht!« unterbrach er sie ganz entsetzt. »Mit Geldsachen kann ich mich unmöglich befassen! Mein Beruf nimmt mich so ausschließlich in Anspruch –«

»Ach, darum grämen Sie sich nicht, da wird sich auch schon Rat finden, Herr Doktor!« beschwichtigte sie ihn – es entging mir nicht, daß sie wie befreit aufatmete. »Aber wie ist's denn nun? In Ihrer großen Stube da können wir doch wohl nicht bleiben? ... Ich sehe keine Kommode, keinen Schrank –«

»Ich werde Sie gleich hinunterführen in meine Wohnung – nur einen Augenblick Geduld, einen kleinen Augenblick! Ich will nur mein Manuskript einschließen.«

Er ging an seinen Tisch und kramte mit gedankenvoll gesenktem Kopf in den Papieren. Dabei strich er sich wiederholt über die Stirn, dann über den sehr dünnen, bereits ergrauten Kinnbart und ließ sich schließlich langsam in den Lehnstuhl niedersinken. Plötzlich ergriff er die Feder und fing an zu kritzeln.

Ilse war einstweilen in den Nebensaal eingetreten, und ich ging ihr nach ... Wie sich unsere zwei Gestalten inmitten des Antikenkabinetts ausgenommen haben mögen, kann ich mir jetzt recht gut denken, und mit welchen Augen ich die Kunstschätze, für die ich selbstverständlich keinen Namen wußte, damals angesehen, weiß ich auch noch. Sie standen und lagen noch durcheinander und harrten der ordnenden Hand, das sah man. Aus Kisten, zwischen Heu und Stroh hervor, leuchtete Marmor; pompejanische Bronzen lagen auf den Tischen und antike Terrakotten – halbzerbrochene Thonornamente mit Farbenspuren, die ich keines Blickes würdigte – auf dem Fußboden. Es war überhaupt des Zerbrochenen und Zerbröckelnden viel – über eine geschlossene Kiste hingestreckt lag sogar eine weibliche Gestalt ohne Hände und Füße – was wußte ich von einem Torso!

»Sollte man denn meinen, daß es menschenmöglich ist!« murmelte Ilse indigniert, fast grimmig. »In solchem zerbrochenen Kram steckt beinahe das halbe Jakobsohnsche Vermögen.«

Das war auch mir unbegreiflich; aber ich blieb doch plötzlich gefesselt stehen, und unbewußt dämmerte die Ahnung von den Wundern und der überwältigenden Macht der Kunst in mir auf. An einen Baumstumpf zurückgelehnt lag ein Knabe; den linken Arm gehoben um einen abgebrochenen Schößling des Stammes schlingend, zeigten seine Glieder das weiche, ungezwungene Sichgehenlassen im beginnenden süßen Schlaf. Ich sah einen Augenblick unbeweglich in das schöne Gesicht; von den leichtgeöffneten Lippen säuselte der Atem, die halb zugesunkenen Lider bebten im Kampfe mit dem Schlummer, und in das frei schwebende magere, aber muskulöse linke Händchen trat schwer das Blut und ließ die feinen Adern anschwellen unter der gelblichen Haut – darin pulsierte Leben, unheimliche Bewegung – ich fuhr zurück.

»Wirst dich doch nicht fürchten, Kind!« sagte Ilse. »Schauerlich genug ist's freilich! ... Aber nun sieh nur einer deinen Vater an! Ich glaube gar, er hat rein vergessen, daß wir da sind.«

In diesem Augenblick wurde drüben an die Thür geklopft; mein Vater hörte es nicht, er schrieb weiter. Auf ein abermaliges Klopfen rief Ilse kräftig »Herein!« Genau so wie bei unserem Kommen fuhr er empor und starrte fassungslos auf den Lakai in reicher Livree, der eingetreten war und sich dem Schreibtisch respektvoll näherte.

»Seine Hoheit der Herzog lassen herzlich grüßen und Herrn von Sassen auf heute Nachmittag fünf Uhr zu einer Besprechung in das gelbe Zimmer bitten,« sagte er mit einem tiefen Bückling.

»Ah so, so! – Stehe jederzeit zu Befehl!« entgegnete mein Vater, indem er sich mit beiden Händen durch die Haare fuhr.

Der Diener glitt lautlos wieder hinaus.

»Wir sind auch noch da, Herr Doktor!« rief Ilse von der Schwelle aus, als er Miene machte, sich wieder zu setzen.

Ich mußte innerlich auflache; aber ich hatte auch das Gefühl, als löse sich ein Druck von meiner Brust – ich fing an, meinen Vater zu verstehen. Er hatte seine Mutter und mich nicht vergessen aus Herzenskälte und Härte – er lebte nur in einer anderen Welt. Seiner Liebe war ich sicher, wenn nicht die Ferne zwischen uns trat, wenn ich bei ihm blieb ... Jetzt galt es vor Allem, die ängstliche Scheu zu überwinden und nicht mehr vor der eigenen Stimme zurückzubeben.

»Vater,« sagte ich so beherzt wie nur je mein Vorbild Ilse, und deutete auf das schlafende Kind, während er, in fast lächerlicher Verlegenheit die Hände reibend, unsicheren Schrittes auf uns zukam, »gelt, du lachst mich nicht aus? Ich meine, das Kind da müßte aufwachen, oder sein Händchen von dem Ast nehmen; das Blut steht ja drin.«

»Ich dich auslachen, mein kleines Lorchen, weil du sofort meine Perle, mein Kleinod herausgefunden hast?« rief er sichtlich erfreut. Er streichelte den gelblichen Marmor noch zärtlicher als vorhin meine Wange. »Ja, sieh dir's nur recht an, Kind! Es ist eine herrliche That, es nähert sich der Meisterschaft Gottes selbst! ... Es existiert nur einmal in der Welt, nur hier, hier! ... Welch ein Fund! ... Gott mag wissen, wie der Krämer dazu gekommen ist! ... In diesem Hause stecken unermeßliche Schätze, und wo habe ich sie gefunden, wo gerade dieses unschätzbare Stück erst vorgestern ans Tageslicht gezogen? Drunten im Souterrain, aus dunklen Ecken und Verschlägen, wo sie mindestens vierzig Jahre in Kisten verpackt und vergessen gestanden haben – ein nie zu entschuldigender Raub an der Wissenschaft! ... O, diese Krämerseelen!«

Das alles klang freilich nicht, als spräche er zu mir, dem Kind der Heide, das einen blöden Blick in das Reich der Kunst und Wissenschaft warf; allein seine Redeweise war mir doch viel verständlicher als die des Fremdwörter-Professors am Hügel, und der unerwartete Fund im »Krämerhause« erhielt plötzlich denselben Reiz für mich, wie die Geheimnisse des Hünenbettes.

Ilse sah mich von der Seite an, als wollte sie sagen: »So, jetzt fängt die auch noch an«; aber sie verschluckte jede Nebenbemerkung und schritt wie immer schnurstracks auf ihr Ziel los. Sie zeigte auf ihre dickbestaubten Schuhe.

»Das Leder brennt mir an den Füßen,« sagte sie, »und wenn ich ein Glas frisches Wasser hätte, da wär' ich froh, Herr Doktor.«

Er lächelte, verschloß seinen Schreibtisch und führte uns hinab in das Erdgeschoß. Wir sahen vorübergehend durch eine offene Thür in ein Zimmer; da stand ein hübsches Stubenmädchen in weißer Latzschürze und wischte die Möbel ab.

»Fräulein Fliedner hat zwei Zimmer aufschließen lassen für das gnädige Fräulein von Sassen,« sagte sie ehrerbietig zu meinem Vater – ich lachte ihr ins Gesicht, das gnädige Fräulein von Sassen war erst gegen [ Anm.: In der 1. Aufl. richtig: gestern] morgen noch beim Abschiednehmen barfuß durch die Heide gelaufen. – »Der Herr ist zwar nach Dorotheenthal gefahren,« fuhr sie fort, »und Fräulein Fliedner weiß nicht, wie er es einzurichten wünscht, wenn er zurückkommt; aber sie erlaubt sich vorläufig wenigstens für das Allernötigste zu sorgen. Ich habe auch noch zwei Bestecke auflegen müssen und gleich zwei Portionen Essen mehr aus dem Hotel mitgebracht.«

Mein Vater dankte ihr und öffnete uns sein sehr elegantes Wohnzimmer.

Soll ich erzählen, wie sich nun sofort das Wunder des erwachenden weiblichen Instinktes an dem wilden und verwilderten Kinde vollzog? Jenes Wunder, das urplötzlich tausend zarte Fühlfäden aus der Mädchenseele springen läßt, sobald zärtliche Pflichten an sie herantreten! ... Meine oft so »greulich ungeschickt« gescholtenen Hände schälten Kartoffeln und legten sie, wenn auch noch scheu und zaghaft, bei Tische auf den Teller des Vaters; ich sprang auf und zog die Jalousie vor das Fenster, als ein Sonnenstrahl um die Ecke kam und belästigend über seine Stirne glitt, und als er nach einer Stunde wieder in seine geliebte Bibliothek ging, da rief ich ihm nach, er möge nicht vergessen, daß er um fünf Uhr zum Herzog gehen müsse, und fragte an, ob ich vielleicht hinaufkommen und ihn erinnern dürfe.

Er wandte sich strahlenden Auges in der Thür um.

»Ich danke Ihnen, Ilse,« rief er herüber. »Sie haben mir mit meinem Kinde die glückliche Zeit wiedergebracht, wo ich meine kleine Frau um mich hatte! ... Lorchen, punkt fünf Uhr kommst du hinauf! Ich bin manchmal ein klein wenig zerstreut, und es ist fatalerweise schon öfter vorgekommen, daß ich die Einladung rein vergessen habe.«

Er ging hinaus.

»Die Sache macht sich,« sagte Ilse sehr zufrieden und streifte die Aermel ihrer Jacke über die Ellbogen.

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