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Das Haus im Moor

Nanny Lambrecht: Das Haus im Moor - Kapitel 7
Quellenangabe
authorNanny Lambrecht
titleDas Haus im Moor
publisherVerlag von Fredebeul & Roenen
printrunZweite Auflage
year1912
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170718
projectid66fe153e
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Sechstes Kapitel.

Über den Fußpfad durch die Felder kommt der Grünrock, der Förster Klein, und drückt die Hintertüre des Krebsenhauses auf.

»Holla, Wirtschaft!«

Aus der Stube heraus ein Murren.

» Aie, Aie! Auf fünf Schritte hört man's, daß Ihr es seid.«

»So, wer ist's denn?«

Da streckt der Krebsenmattes den Kopf durch die Türspalte.

» Luk! Das seid Ihr, Herr Förster. Die Stimme habt Ihr von dem Küster. Der kommt mir allemal nach der Frühmess' herein und wärmt sich sein Innerliches durch 'n Tropfen. Bei mir auf'm Herd hockt man warm; nur 'mal 'rein, Herr Förster. Ihr trinkt doch eins?«

»Ja, das möcht' ich. Es ist eklig kühl heut' in der Früh', und ich muß noch ins Venn.«

Er stellt seine Flinte in die Ecke.

»Man ist nun rein versessen aufs Ödland, – soll aufgeforstet werden. Früher standen dort Wälder, warum sollen jetzt keine mehr einzupflanzen sein? Na, kurz und gut' ich soll 'mal Rundschau halten und darüber berichten.«

»Auf Euere Gesundheit!« sagt Krebsenmattes und schiebt dem Gast ein Glas hin, trinkt auch selber eins und füllt es wieder.

»Prost!« sagt der Förster und stößt den Inhalt in zwei Schlucken herunter. »Der Kaiser Maximilian soll sogar in den Wäldern gejagt haben – ich meine in den Wäldern, die vor 100 Jahren hier gestanden haben.«

» Tin!« macht der Krebsenmattes und streicht sich die langen Hüften, »war's nicht der alte Fritz, der sich hierorts immer herumgetrieben hat? Schad', daß jetzt keine Kaisers mehr kommen; in Sourbrodt kriegten sie jetzt wenigstens 'was Ordentliches zu trinken.«

»Der alte Fritz war aber doch kein Kaiser!«

» Du qwai? Kein Kaiser? Bin, man sieht, daß Ihr hierorts keinen Bescheid wißt? Er liegt ja in Aachen begraben.«

»Nee, nee, Krebsenmattes, das ist er nicht, das ist ein anderer. Das ist Kaiser Karl. Ich war auf'm Gymnasium bis Quarta, ich weiß das.«

» Abin!« nickt Mattes und schüttelt den Krug, »er kann, meiner Seel', auch nebenbei Karl geheißen haben. Hierorts kriegt man die Namen ganz umsonst bei der Tauf', die Reichen wie die Armen; ich hab' vier,« er zählt an den Fingern, »Mattes, Marcel, Hyazinth, Nestor – abin, wer hat recht, Förster?«

Der hält ihm sein leeres Glas hin.

»Schenk' ein, Hyazinth Krebsenmattes. Geschichte verstehst Du ebensowenig wie Deine Kuh das Latein.«

Eine Türe knarrt. Gètrou kommt herein.

»Gu'n Tag, Förster.«

»Sackerblitz! Was ist denn mit Dir, Mädelchen? Die roten Backen hat Dir einer weggeküßt. Wenn Du zu uns auf die Kirmes gekommen wärst, hätten wir einen geschliffen, einen feinen. Die Wallonenburschen können keinen Walzer, denen steht die große Zehe nach dem Hupsassa, den sie Maclotte nennen. Ja, Krebsenmattes, Euer Mädel tanzt wie 'n Deibel.« Er springt auf, schafft einen Knix, »Wallonenfräulein! Darf ich bitten? Wir walzen auch schon einen auf den holperigen Küchensteinen.« Sie drückt seinen Arm nieder.

»Wartet bis nächstes Jahr zur Kirmes, Herr Förster, derzeit könnt' Ihr auch die Maclotte lernen, ich tanz' sie allemal noch lieber als Euern Drehwalzer.«

» Aie, aie, uns' Gètrou hält's mit den Wallonenburschen,« lacht der Krebsenmattes, »aber auf'm Gièthof ist einer, der 'n Berliner Walzer – fft! Daran dürfen Sie nicht tippen, Herr Förster.«

»Es käm' darauf an,« der stellt sich breit in die Haustüre, »Wallonenfräulein! Wollen Sie oder nicht?«

»Natürlich nicht!«

»Ohne Zoll passieren Sie nicht.«

»Durch die Tür nicht?«

»Nein, absolut nicht.«

» Abin, dann anderswo.«

Das Küchenfenster klirrt auf, und draußen ist sie.

»Da habt Ihr's,« kräht der Mattes lachend heraus, »mit zehn Gäulen ist sie nicht zu halten, wenn die auf'n Gièthof will; weiß der Kuckuck, wer ihr da den Kopf verdreht hat.«

»Na, Krebsenmattes, Ihr sollt's nicht wissen?«

»St! Aufs Geschwätz' geb' ich nix. Ich muß aber doch 'mal auf 'n Hof und Nachfrag' halten. Als Vater muß ich das doch, nicht wahr, Herr Förster?«

»Versteht sich,« der wirft seine Flinte über die Schulter. »Geht nur hin und macht wacker Radau, aber heut' nicht. In Montjoie ist landwirtschaftliche Ausstellung. Es sind auch Preise für Zuchtstiere ausgeschrieben, da werden die Giètbauern doch auch ihren hinbringen.«

Mattes lauert.

» Tin! Die führen heut' ihren Stier 'raus! Das ist mir grad' recht. Treff' ich den Jungen nicht, dann gewiß den Alten. Förster, ich marschiere hin!«

Der lacht belustigt und geht los.

»Nur los, Krebsenmattes!«

An der Pfarrecke steht er plötzlich und horcht. Ein Geschrei von der Dorfstraße her und Lärm auf den Höfen! Ein paar Bauern rennen und holen die Kinder herein.

»Der Stier ist los!« Die Türen klappen zu. An den Fenstern verstörte Gesichter, Hundegebell von allen Gehöften – und weit drunten nach dem Bahndamm zu ein wirrer Lärm!

»Der Stier ist los!«

Gètrou hört es auf halbem Wege; und einer kommt schon und will sie hereinziehen in den Hof. Den schüttelt sie ab und läuft die Landstraße hinauf mit stöhnendem Atem, mit einem Namen auf den Lippen, der ihr in diesem Augenblicke lieber ist als ihr Leben.

Vom Gièthof her hört sie einen Höllentumult. Im Stalle Brüllen und das Rasseln mit den Ketten; irr und wirr rennen im Hofe die Hämmel und stürmen gegen die Hecke an. Hundegebell, Stimmengewirr und dazwischen schwere, stampfende Tritte, ein Schnaufen und rasselndes Atmen, und dann ein kurzes, stoßendes Gebrüll, das einem bis ins Mark hineinspringt.

In die Hainbuchenhecke bricht es ungestüm; blutiger Schaum spritzt durch die Blätter – ein stierer, plumper Kopf zwischen den Dornen – glotzende, blutunterlaufene Augen, ein Winden und Aufbäumen des gewaltigen Körpers – platsch! durch die Hecke – platsch! über den Wegrain hinweg – platsch! auf die Landstraße, mit gesenktem Kopf gegen das hilflose Mädchen! Da saust aus dem Hofeingang heraus der Hund und mit wütendem Sprung an das triefende Maul des Tieres. Das wendet sich brüllend gegen den neuen Gegner und ihm nach in den Hof hinein.

»Rauf auf den Karren!« ruft einer im höchsten Schreckenston das Mädchen an. Das ist Alexand. Der flüchtet bei der plötzlichen Rückkehr des Stieres auf die Leiter, die gegen die Scheuer lehnt, und hält die Kette wurfbereit. Im Hofe überall Verwüstung. Der Knecht hockt mit der Mistgabel in der Ladenöffnung des Heustockes und hetzt unter Verwünschungen den Hund an. Am Küchenfenster das entsetzte Gesicht Anntschennes. Ihre Lippen bewegen sich, ihre alten Augen sind gen Himmel gerichtet. Und auf der Leiter einer, der nicht flucht und nicht betet und nur mit abwägendem Blicke die Entfernung mißt, die den Stier von der Leiter trennt. Der steht in der Mitte des Hofes mit bebenden Flanken, mit eingezogenem Schwanze. Ein Zittern rinnt ihm über die straffe Haut. Die ringelt sich auf dem Stiernacken zu dicken Falten zusammen. Langsam senkt sich der Kopf, die grellen Augen stieren von unten herauf; mit einem Ruck fliegt die Schwanzquaste auf den Rücken, die Vorderfüße stemmen sich ein, – Gètrou sieht es und weiß, im nächsten Moment rast er gegen die Leiter an und zermalmt sie und – – Jetzt überlegt sie nichts mehr, klettert über die Karrenwand und springt ab.

»Zurück!« ruft Alexand sie an, »zurück auf den Karren!« Da hat sie schon die Hacke und schleudert sie gegen den plumpen Wanst. Das Tier schrickt zusammen, bäumt auf und wirft den massigen Körper seitwärts dem erneuten Angriff zu. Gètrou ist schon hinter der Karre. Durch die Sparren der Wagenräder lauert sie auf das schnaufende Tier, und dann ein Blick hinüber nach Alexand, ein Blick, der die wahnsinnige Angst um ihn verrät.

»Rühr' Dich nicht!« donnert er herüber. Seine Augen sind fast gläsern. »Rühr' Dich nicht, wenn Dir Dein Leben lieb ist.«

Sie lacht ein verzweiflungsvolles Weinen heraus.

»Ist mir nicht lieb! Sorg' für Dich, Alexand!«

Ein Wurf gegen die Deichsel, daß die Karre schwankt – und noch einer! Die Deichsel splittert! Da ist der Stier schon um die Wagenecke und trampft und tost und schnauft und rasselt – – sie flüchtet zwischen den Rädern heraus und hinter die Egge. Da ist er schon und schlenkert wild den Kopf zwischen die Vorderfüße. Sie schleudert die Egge gegen ihn und läuft wirr und fassungslos über den Hof. Stimmen rufen sie. Das hört sie aus der Ferne, hohl und unverständlich. Ein dröhnender Fall – die Egge! Die fliegt in weitem Wurf zu Boden. Über die Trümmer hinweg trampft der Stier und wutschnaubend gegen Gètrou. Sie steht mitten im Hof und hält den Atem und ist vor Schrecken wie versteinert. Sie sieht den Schatten eines Mannes zu ihr herjagen – ihm zuvor rast der Stier – und dann sieht sie nichts mehr und schließt die Augen – und fühlt etwas Entsetzliches. Wie eine Feder wirbelt sie empor, sie meint, von einer starken Luftwelle bis an die Wolken getragen zu sein. Der Atem stockt ihr, das Herz ist wie ein leerer Raum – und keinen Schlag! – Ein Wirbel von Glut und Funken um sie – und fern – – fern einen Laut, der ist zum Sterben süß! – Jesus, welch' ein Schmerz! Sie verliert die Sinne.

Über die zwei Meter hohe Hecke fliegt sie in die Weidwiese.

Zitternd vor unbändiger Wildheit, schaumblasend und brüllend stemmt das Tier die Füße ein. Die Kette liegt über dem gesenkten Kopfe. Mit fast unmenschlicher Kraft zwingt Alexand es an den Baum und befestigt die Kette daran.

Jetzt erst nähern sich die Bauern, in ihrer Mitte der Förster Klein.

»Halten Sie ihn stramm!« ruft er dem jungen Wallonen zu, legt an, zielt – ein Schuß! Ein zweiter – und schwerfällig plumpst der Tierleib nieder. Der Stier ist zur Strecke gebracht. Ein Wall von Bauern, Frauen und Kindern schließt sich um das zuckende Tier. Alexand zwängt sich durch die Hecke und in die Wiese, die Frau des Frè Thoumas ihm nach und ihr die andern! Auf dem Gièthof ist's wie auf einem Jahrmarkt, Lärm, Gewühl und Geschrei!

Mit eingezogenen Knien, den Kopf zurückgeworfen, liegt das Mädchen im Gras – regungslos.

»Sie hat sich's Genick abgestürzt, bon diu (guter Gott)« schreien die Weiber. Da kniet Alexand schon neben ihr, sieht sie erst mit weit offenen Augen entgeistert an und nimmt behutsam das blasse, blutleere Gesicht zwischen seine Hände; dreht den Kopf sanft zur Seite, schiebt den Arm unter ihren Nacken und hebt sie sacht, ganz sacht, als könnte sie brechen, empor.

»Alexand, schick' nur gleich zum Doktor, die hat's für ihr Leben lang.«

In seine Knie läuft ein Zittern, daß er nicht mehr gehen kann.

»Meint Ihr,« fragt er, die Zähne aufeinanderbeißend, »meint Ihr, es könnt' nicht auch 'n Ohnmacht sein?«

» Bin, hört man's Herz denn noch?« fragen dreie gleichzeitig.

»Ja, man hört's noch,« stößt er fast rauh heraus. Er will sich selber beruhigen und keinen Widerspruch hören. Seine Arme schließen sich fester um sie; er will den Herzschlag fühlen, sie muß leben, sie muß atmen, sie muß es um seinetwillen! Die Todesangst um sie treibt ihm den Schweiß auf die Stirne.

»Komm' 'rauf, lieber Gamin,« ruft Anntschenne von ihrer Kammer aus, »ich hab's Bett parat gemacht. Wenn's Gottes Wille ist, kriegen wir sie mit Essig wieder zum Bewußtsein. – Nachbarsch! Seid so gut und bringt mir Essig 'rauf!«

»Ich besorg' das,« sagt Alexand und legt seine Last auf die Decken. Der Tumult ist ihm zuwider. »Anntschenne, tu alles – tu alles!« er schluckt seine Erregung hinunter, »nachher kannst verlangen von mir, was Du willst!«

Er stürzt die Treppe hinunter, da bestürmen ihn schon die Bauernfrauen und drängen ihn zur Stube.

»Der arme kranke Mann liegt allein dort!«

Alexand erstarrt fast an dem Anblick. Der Bauer hat sich aus dem Bett geschleppt und kauert im Lehnstuhl, die Augen klar und voll Verständnis in den Hof gerichtet, wo sie den toten Stier umstehen.

»Ihr hättet ihn nicht niederschießen sollen,« sagt er dumpf, »ich hab' ihn großgezogen, Euch kennt er nicht. Es ist ein Leid, daß ich hier wie 'n Krüppel sitzen muß.«

Die Schreckensszene, die er mit angesehen hat, scheint seinen Geist gelichtet zu haben. Nur gegen eine müde Schläfrigkeit muß er sich wehren.

»Das Tier soll Euch nicht leid tun, Vater,« sagt Alexand, »es ist doch 'n Menschenleben in Gefahr gekommen.«

» Aie, aie,« nickt er und tastet nach des Sohnes Hand, »Dich hatt' er beinah' gefaßt. Siehst Du, Gamin, da kam 'n Ruck in mich und ich meint, man hätt' mir von der Stirn plötzlich 'n Pelzmütze abgezogen, aber ganz klar ist's noch nicht! Alexand, lieber Sohn, wenn der Stier Dich gepackt hätt', das wär 'n Straf' vom Himmel für mich gewesen – ich hab' so 'n Straf' verdient.«

»Red' nix, Vater, kommt ins Bett,« drängt Alexand, »droben liegt die Gètrou; wenn die nur nichts davon hat! Ich muß 'rauf; Vater, kommt!«

Er faßt ihn unter den Armen und schleppt ihn dem Bett zu.

Auf dem Rand bleibt der Bauer sitzen und sagt leise:

»Die Gètrou! Weißt, Alexand, die hat 'was Besseres verdient als auch mit gebrochenen Knochen weiterzuleben. Wenn das nicht gekommen wär' – das mit meiner Krankheit, dann hätt' ich's ihr gelohnt – ich hätt' sie auf'm Hof frei schalten und walten lassen – was meinst, Gamin, zur Giètbäuerin hätt' man sie machen müssen –«

»Ja, Vater, das müßt' man – sag'! – so dagegen wärst Du also nicht?«

Eine Freudenwallung sprengt ihm fast das Herz.

»Warum denn auch? Es hat keiner 'was dreinzureden!«

Der alte Trotz flackert in dem Bauer auf. Der Atem pfeift ihm aus der Brust. Da legt der Sohn ihn fürsorglich und bequem in die Kissen zurück, und die derbe Bauernhand, die auf der Decke liegt, nimmt er und drückt sie und möcht's ihm in alle Ewigkeit danken.

In der Küche sammeln sich ein paar Bauern an, die mit dem Förster einen » gotte« zu trinken hoffen. Man holt den jungen Giètbauer her und schwatzt und gestikuliert und räkelt sich auf der Herdbank. Der aber sieht über sie hinweg nach der Treppe. Auf der untersten Stufe steht Anntschenne, verschrumpft, gutmütig und mit dem milden Ausdruck, der auf alle Lebenslagen paßt. Sie steht und wartet auf Alexand.

Der kommt nicht. Der findet den Mut nicht, der meint, so lange er's nicht weiß, wie es um sie steht, kann er noch Hoffnung haben. Da schurpft Anntschenne zu ihm her, nestelt sich an seinen Arm und zieht ihn fast gewaltsam zu sich herunter und aus dem schwatzenden Kreis heraus.

»Hör', lieber Gamin, sag' denen, sie sollten nicht so schreien, als wär' hier Kirmes. Nebenan liegt 'n Kranker, und droben liegt –«

»Eine Tote, ja Anntschenne, und nun sag' mir nicht, daß das auch Gottes Wille ist, sonst –« Sie drückt ihm die geballten Hände herunter und fleht ihn weinerlich an.

»Uch, Herr Jemmersch, lieber Gamin, keine Gotteslästerung! Sieh' 'mal an, grad' wo Du so aufrührerisch gegen den lieben Gott sein willst, ist er so gut gegen uns und hat uns vor Unglück gnädig bewahrt; und droben liegt eine, die könnt' vielleicht 'n bißchen schlafen auf den Schrecken – .«

Er nimmt drei Stufen auf einmal und ist die Treppe hinauf, ehe sie nachhumpeln kann. Vor der Kammertüre bleibt er stehen und drückt das Ohr an die Spalte und horcht. Wenn sie stöhnt, kann er sie hören, aber sie stöhnt nicht. Nur leise atmet sie, und ein Seufzen ebenso leise. Er kann sich nicht mehr zurückhalten und ruft ihren Namen.

»Gètrou!«

Da seufzt sie nicht mehr und scheint auch nicht mehr zu atmen und ist still, ganz still. Es drückt ihm die Brust ein vor Leid und Angst und Freud.

»Gètrou, darf ich 'rein?« fragte er leise. Hinter ihm her streckt sich ein Arm vor und stößt die Türe auf.

»Gewiß darfst 'rein!«

»Anntschenne, tu's nicht!« ruft Gètrou angstvoll vom Bettrand her. Da steht er schon vor ihr und läßt Anntschenne für sich reden und sagt kein Wort. Aber wie Gètrou zu ihm aufsieht, erbebt sie vor seinen Blicken, die eine warme Innigkeit ausströmen. Sie klammert sich an die Bettstelle, um nicht in die Kissen zurückzusinken. Das sieht er und legt den Arm um ihre Schulter.

So ganz heil bist Du doch nicht,« sagte er und muß sich räuspern, um die vibrierende Stimme klar zu bekommen.

»Ich bin ganz gesund und komm' gleich 'runter.«

Sie rückt die Schulter, um seinen Arm abzustreifen, da faßt er sie noch fester.

»Und nix hast gebrochen – keinen Knochen?«

»Gequetscht und zerschlagen bin ich schon genug, aber gebrochen ist nix – und in den Knieen hab' ich ein Zittern, ich kann gewiß nicht mehr gehen.«

Nun packt er sie unter den Armen und stellt sie auf die Füße.

»Das wollen wir gleich sehen. Tritt fest auf; luk, nun geht's schon!« Er hält sie, daß sie kaum atmen kann. »Wahrhaftig, ganz heil bist geblieben, Gètrou!«

Seine Freude kommt wie ein Rausch über sie; ein Schwächezittern schüttelt sie, in seinen Armen bricht sie zusammen und flüstert ihm zu:

»Müd' bin ich noch – ich könnt' schlafen.«

Auf den Armen trägt er sie ins Bett zurück.

»Hätt' nicht gedacht, daß Du so leicht wärst,« lächelt er sie an. Da schließt sie die Augen. Wenn sie ihn länger ansieht, vergißt sie alles und reißt ihn an sich. Aber – drunten – lag einer ...

»Gott sei Dank, sie schläft,« wispert Anntschenne und drängt ihn hinaus. In der Küche hört er, daß der Krebsenmattes dagewesen ist, um nach seiner Tochter zu sehen. Er wolle am Abend wiederkommen, es könnte spät werden, man wisse ja nicht, er habe eine flottgehende Wirtschaft und besonders an so einem Tage, wie heute – und so weiter!

Alexand geht in Haus und Hof wie ein Rastloser umher. Mit dem Knecht schafft er den Stier zum Abdecker, Marnette muß mit den Ochsen zum Torfstich, um Brand heimzufahren. Am Nachmittag kommt Daditte von Robertville herüber, um nach dem Giètbauer zu sehen.

»Er hat mir zwar nix viel zu Lieb' getan,« sagt sie zu Alexand, »aber jetzt ist er traurig dran und genug von unserm Herrgott gestraft.«

Sie drückt die Arme breit und protzig in die Hüften. Der steiffaltige Rock hängt darüber und ist durch eingelegte Rollen rundum plump und unförmig am Bord herausgewölbt.

»Wieso kommt Ihr denn auf 'n Gottesstraf'?« fragt Alexand so oben hin; er denkt sich nichts dabei. Zu Mißtrauen ist er heut' nicht geneigt. Da zieht Daditte die Schultern fast bis zu den Ohren hinauf.

»Ich will nix gesagt haben, aber mit der Krebsenmattestochter kam alles Unheil auf den Gièthof. Die hat ihren Weizen gut eingeerntet, hähä! Ihre Mutter hat's nur bis zur Magd bei den Giètbauern gebracht, die hat's höher im Kopf.«

»Daditte, tu mir den Gefallen und redet nicht so von der Gètrou. Ich möcht' Euch nicht gern die Türe weisen.«

»Mir – die Tür! Sicola! Pfeift daher der Wind? Das hat unserereins für seine Gutherzigkeit. Da – und da!« Sie rafft aus ihrem Korb ein paar Stücke Bauernfladen und legt sie auf die Herdbank, »für den Meister hab' ich die gebacken – adjüs.«

Er hat ihr den Rücken gedreht und geht zur Hintertür hinaus zum Stalle.

»Es wird Zeit sein,« sagt er sich, »daß ich dem Gered, ein End' mache, und sie mir als Bäuerin auf den Hof nehme.« Eine Falte gräbt sich in seine Nasenwurzel ein. Warum mußte diese Daditte in sein Glück kommen? – Er läßt dem Vieh das Futter ein, gibt auch dem Knecht auf seine vielen Fragen Bescheid und ruft Anntschenne an, die zum Melken kommt:

»Ist sie noch nicht 'runter?«

»Längst schon, sie wollt' herumhantieren, denk Dir; aber das leid' ich nicht. Das arme Seelchen! Der Schreck sitz ihr noch in den Knochen.«

Er hat es jetzt eilig mit dem Füttern, schlägt in seiner Ungeduld das Vieh zwischen die Hörner und ist dann zum Stalle hinaus. An dem Küchenfenster kommt er vorüber und sieht sie auf dem Herd kauern, die Füße auf der Bank. Er tippt an die Scheiben und nickt ihr zu. Ehe sie ihn recht bemerkt, ist er in der Küche und neben ihr. Ein Endchen rückt sie weiter. Da wird Platz für ihn auf der Herdmauer, und er setzt sich. Ihre Augen strahlen eine ungeheuchelte Freude. So froh hat er das verbitterte Gesicht noch nicht gesehen, und er schaut sie voll Verwunderung an.

»So bist noch hübscher, Gètrou,« sagt er ehrlich heraus.

»So, wenn ich lache, hai? Ich bin aber doch nicht recht froh.«

»Weil Dir noch der Schreck überall sitzt. Beinah' war eins von uns futsch.«

»Beinah' zwei.«

»Du hätt'st Dich retten können.«

»Wollt' ich nicht.«

»Dadrum kamst hergelaufen?«

»Ja, dadrum.«

Nun sitzen sie beide stumm. Ihr Herz klopft laut in ihr Atemholen hinein. Sie möchte weiterrücken, da kann sie nicht. Sie spürt leise seinen Arm um ihre Mitte, das Blut rinnt ihr in die Augen, sie ist wie geblendet. Ihre Hand stemmt sich gegen sein Knie, sie will ihn zurückdrängen, da faßt er auch diese Hand und fragt etwas. Sie hört's nicht. Die Ohren sausen ihr.

»Gètrou!« Sein Flüstern brennt ihr fast die Wange durch.

»Ja.«

»Gelt, Du weißt nicht, wie's aussieht in mir?«

»Ich – muß fort, Alexand.«

Sie biegt aus seinem Arm, da reißt er sie an sich in zorniger Liebe und schilt und küßt sie und schwatzt ganz unsinnig und zieht sie auf seine Knie herüber, in seine Arme, an seine Brust – und erst, als sie still und bleich und mit geschlossenen Augen regungslos bleibt, fragt er rauh:

»Jetzt sag' mir, was ich an Dir hab'? Du weißt jetzt, wie es um mich steht. Wenn Du lügst, Gètrou –« er läßt sie auf die Herdbank gleiten, »wenn Du lügst – aus Mitleid vielleicht, dann,« er greift sich an den Kopf, »o, Du kennst die Giètbauern nicht, wenn die fürs Mitleid reif sind! – Fürcht' Dich nicht, Gètrou, für all' meine geduldige Lieb' könnt'st mir doch 'n gutes Wort sagen.«

Er bückt sich über sie und wartet. Ihre Lippen zittern, unter den geschlossenen Augenlidern drängen die Tränen heraus. Er wartet und sie schweigt. Da schießt ihm das Blut in den Kopf, er schnellt auf, wendet sich und geht. – Ein dumpfer Fall hinter ihm. Sie schreit auf und liegt am Boden.

»Alexand!«

Er dreht sich an der Türe um.

»Zu Dir komm' ich nicht wieder!«

Da rafft sie sich auf, fliegt auf ihn zu, wirft die Arme um seinen Hals und reißt seinen Kopf zu sich herunter.

»Dich lieb' ich! Dich! Dich! Ihre Lippen brennen auf seinem Gesicht, auf seiner Wange, auf seinem Mund, und dann stößt sie ihn zurück, »jetzt weißt's, und nun hast mich todunglücklich gemacht!«

Ehe er sie halten kann, ist sie hinaus und auf der Fahrstraße. Sein Gesicht glüht, gegen die Brust stürmt es ihm an, als müsse sie zerspringen. Beide Arme reckt er bis zur Decke und stampft mit dem Fuße auf.

»Jetzt wird sie Giètbäuerin, und wenn der Teufel Trauzeuge sein muß!«

Es fällt ihm gar nicht ein, sie nach diesem und jenem zu fragen. Er muß sie doch immer lieben, er kann nicht von ihr lassen, und damit basta!

Der Hahn sah wieder ins Regenloch. Gegen Abend flutterte der Wind feucht vom Venn herüber und warf große, klatschende Tropfen gegen die Kirchenfenster. Das Betglöckchen zitterte mit wehen Klängen durch den Abend. Das Herzeleid in der Nachbarschaft sprach in den Glockenmund.

Gètrou liegt in der Kammer unter'm Strohdach. Im Stalle wäre es wärmer, aber da hantiert der Krebsenmattes herum, und den kann sie heute nicht sehen. Ihre Blicke hängen starr an den Dachsparren. Zwischen ihnen her zieht sich das Strohgeflecht. Ab und zu hebt sie den Arm auf und greift mit krampfenden Fingern hinein. Sie macht mechanische Bewegungen wie jemand, der nicht mehr Herr ist über sich selber.

Über das Dach trippelt ein Nachtvogel. Darauf horcht sie; es knistert im Stroh, und dann prasselt der Regen herunter – auch ein paar Tropfen auf ihr Bett.

An diese Kleinigkeiten denkt sie und fühlt das große Leid in sich und eine verzweiflungsvolle Ungewißheit. Sie weiß nicht, was morgen kommen wird, aber sie ahnt, es wird etwas Fürchterliches sein!

Drunten klappen die Türen. Ihr Vater spricht mit dem Michi. Dann hört sie beide vor dem Hause und dann weiter auf der Straße, und dann gar nicht mehr. Es ist wieder alles still wie zuvor. So still könnte es in einem Grabe sein. Wenn der Regenwind in die Turmluke fährt, tinkt leise, ganz leise wie ein gehauchter Ton das Glöckchen. Dann denkt sie an den lieben Herrgott, dem drüben das rote, gespenstige Lichtchen brennt; der wird auch ihr einmal helfen. Also will sie schlafen. Im Grabe schläft man auch. O, wenn nie wieder der Tag käm ...

» Hai! Gu'n Abend zusammen!« Der Krebsenmattes stolpert über die Schwelle des Gièthofes, hinter ihm drein der Hirt.

Am Tische sitzen die Giètleute bei der Abendsuppe. Der Knecht stochert mit dem Taschenmesser in den Zähnen, schnalzt und steht auf.

»Ich hätt' mit dem Krebsenmattes 'was zu sprechen!« sagt Alexand.

Da geht Anntschenne zu dem kranken Bauer in die Stube, und der Knecht steigt unters Dach in die Gesindekammer. Der Hirt bleibt. Der geduldete Überzählige quält sich eine gewisse Dreistigkeit an, aber die Furcht beengt ihn, daß Alexand ihn beim ersten Wort packt und hinauswirft.

»Du kommst mir grad' recht, Krebsenmattes.« Alexand setzt ihnen den Krug mit Pékèt vor und lehnt sich mit verschränkten Armen an die Herdmauer, »aber Du, Michi, könnt'st hinausgehen, bis wir miteinander fertig sind.«

Da fährt Krebsenmattes mit einer großen Armbewegung dazwischen.

»Was Du mit mir und ich mit Dir zu reden hab', läuft wahrscheinlich auf eins 'raus, und dazu gehört der Michi wie der Hahn aufs Kirchendach. Den hab' ich mir extra mit hergeholt, denn wenn ich jetzt mein' Sach' vorbringe, muß ich gleich 'n Zeugen haben, sonst könnt's mir passieren, daß Du mir die Knochen entzweibrichst.«

»Dann ist gewiß Dein' Sach' nicht mein' Sach', Mattes. Es ist 'was Lieb's und Freudiges, worüber ich reden möcht', obschon grad' Du – – grad' Du, Mattes, mir nicht recht bist.«

» Eh bin! Glaub's schon,« höhnt der, »das sieht man Deinem Gesichte schon auf fünf Schritte an, wie Du den Krebsenmattes am liebsten vor der Tür abfertigen möchst'. Nonna va (nichts da). Die Gètrou ist nun einmal bei Euch auf'm Hof, und ich bin der Vater, daran ist nix zu ändern; qwai

Alexand sieht ihn an und sagt nichts. Daß der ihr Vater ist, stachelt den Giètstolz auf.

»Und nun komm' ich,« fährt Mattes fort, »und will 'mal sehen, ob die Krebsenmattestochter nur zum Freien gut genug ist. Ich, als Vater – –«

»Hat Dich irgendwer hergeschickt, Mattes?«

» Nenni! Nenni! (Nein, nein.) Die Gètrou gibt mir kein Mundvoll Worte mehr, derzeit sie auf'm Gièthof ist. Die wollt' den Stier auf ihren eigenen Vater hetzen, wenn er auf den Hof käm'. Jetzt hat unser Herrgott sie gestraft. Des Vaters Segen baut den Kindern Häuser. Ich hab' ein ungeratenes Kind –«.

»Mattes!« Alexands Blick bohrt sich in das hagere Gesicht. Es kostet ihn Überwindung, diesem Manne zu offenbaren, was ihn innerlich beglückt. »Mattes!« sagt er wieder und hebt den Kopf.

» Eh bin, ich höre!«

»Du bist der Vater und hast alle Rechte über sie, aber ich will ihr Mann werden, und dann hast kein Recht mehr!«

Es ist heraus, es befreit ihn, es demütigt ihn nicht, nun ist er stolz und glücklich. Er spricht das Wort, er macht sie zur Giètbäuerin, und alle Rechte über sie sind ihm gegeben, auch das Recht, die Stimmen zum Schweigen zu bringen, die er nicht hören will.

» Oh adon!« (o dann!) Mit einem Schluck leert Mattes sein Glas. »Das hätt'st eher sagen sollen. Du willst 'n Bäuerin aus ihr machen, sapristi!« Ein triumphierendes Schmunzeln fältet seine dünnen Lippen. Und dann blitzt ein Gedanke in ihn hinein. »Na freilich. Da komm' ich ein ander Mal. So Angelegenheiten besprechen Verwandte am besten unter sich. Trink' aus, Michi, wir gehen – oder wenn's Dir drum zu tun ist, Tochtermann, kann der Michi schon voraufgehen – aie, aie, Michi, kannst schon gehen, ich komm' gleich nach. Michi, trink aus und geh'.«

Aber Michi trinkt nicht aus und geht nicht. Behaglich legt er die Arme auf den Tisch, rückt die Pfeife in den Mundwinkel und schaut den beiden Männern frech ins Gesicht.

»Ich mein', eh' der Alexand Dein Tochtermann wird, müßt' er 'mal mit'm Pfarrer reden –«

»Michi, halt's Maul!«

»Ob der die Gètrou mit'm Kranz heiraten läßt –«

»Du versoffener Hirt, willst Du schweigen!«

»Wenn ich den Mund auftu' und sag', was ich gesehen hab' – darf sie nicht mit'm Kranz heiraten! Tin

»Aber den Mund tust nicht auf, Du Süffer!« kreischt ihn der Krebsenmattes an und schlägt mit beiden Fäusten auf den Tisch.

»Wenn der Alexand 's wissen will, erzähl' ich's!«

»Der will's nicht wissen!«

Michis lauernder Blick fliegt zu dem jungen Hofbauer hinüber.

»Es könnt' doch schon sein!«

»Nix hast Du geseh'n, Du Hund im Rock!«

»Warum hast mich denn als Zeugen mitgenommen?«

»Lügner, Du! Du!«

»Laß mich los!«

»Hund!« Dem Michi fliegt die Faust ins Gesicht.

»Hund Du!« Dem Mattes fliegt die Faust ins Gesicht. Und beide wälzen sich am Boden. Die Schemel rollen über sie, die Bank poltert auf die Steine. Die Stubentür öffnet sich um eine kleine Spalte, und Anntschennes zaghaftes Gesicht blinzelt entsetzt darin.

Alexand regt sich nicht, sein Blick ist eisig geworden. Der Abscheu schwillt ihm bis zum Halse, und dann ein heißer Zorn, der ihm das Blut durch die Adern peitscht und zum Kopfe hindrängt, dem Giètkopf, der bis zu den Stirnecken hinauf glüht. Den Arm streckt er zwischen die Streitenden, faßt den Michi bei der Schulter und drückt ihn gegen die Wand. Dem rasselt der Atem heraus vor Wut.

»Michi,« sagt Alexand in einer Ruhe, die dem Hirten die Knie schlottern läßt, »jetzt sagst Du, was Du gesehen hast. Überleg' Dir's noch mal; denn wenn Du lügst – im Namen Gottes! – dann zerdrück' ich Deine Knochen in meiner Faust. Ich hab's geschworen, Michi, ich morde Dich! Jetzt überleg' Dir's.«

» Bon diu! Ich hab' Deinen Vater als Zeugen. Frag' den doch, wie er in die Mägdekammer kam – Allmächtiger! Was fängst mit mir an?«

Alexands Hand krampft sich um seinen Hals. Er schnappt nach Atem und gurgelt einen Hilfeschrei heraus.

»Das ist Dein Ende, Michi«, sagt Alexand in starrer Ruhe, und enger schließen sich seine Finger, »ich hab' Dir's gesagt. Jetzt ist's zu spät für Dich und für mich und für alle!«

Blaurot schwillt des Hirten Gesicht an. Mit allen Zeichen der Todesangst weist er nach der Stubentür.

»Mach' 'n kaput!« kreischt Krebsenmattes, »er lügt!«

» Er lügt nicht

Ein heiserer Ruf von der Stube her! Dort steht der Bauer mit geisterhaft entstelltem Gesicht und stützt sich auf Anntschenne, die unter der Last zusammenknickt.

Alexands Finger lösen sich; seine Arme hängen wie tote Hölzer an ihm herunter. Aus seinem Gesicht rinnt jeder Blutstropfen, aber keine Muskel bewegt sich. Es ist ihm, als halte ein innerer Kampf jegliche Empfindung in ihm auf, nicht einmal das Entsetzen schüttelt ihn. So könnte er schon ein Sterbender sein und nur noch eine Pflicht zu erfüllen haben, die ihm am Herzen liegt. Langsam geht er in die Stube, schiebt Anntschenne hinaus, schließt die Tür und hilft dem Bauer wieder ins Bett. Der streicht mit der flachen, breiten Hand über die Decken und sagt protzig und rauh, aber sein Blick flackert scheu nach dem Sohne hin:

»Kein Mensch hat dreinzureden. Ich mach' sie zur Giètbäuerin. Das hab' ich Dir sagen wollen; und dann hat sie ihre Reputation wieder; ja, das tu' ich.«

»Du – machst sie zur Giètbäuerin!« Und nun bricht der Sturm aus ihm heraus: »Ja, Vater, ja, das mußt Du! Ich verpflichte Dich dazu! Mach's gut an ihr!«

Er wendet sich schnell und geht. Behutsam schließt er die Tür, achtet sogar darauf, daß sie nicht zuklappt, aber zu dem Bett hinüber, wo der Bauer in fieberhafter Erregung vor sich her flüstert und zischelt, kann er nicht mehr zurücksehen, ein Knäuel steigt ihm bis zum Halse. Ob das der Widerwille ist? Langsam geht er durch die Küche und sieht Anntschenne nicht, die verschüchtert im Torfwinkel hockt, und dann langsam über den Hof und auf die Straße. Wohin denn? Seine Augen blicken hohl, eine müde Trostlosigkeit liegt in seiner Haltung. Wohin denn anders als zu ihr! Er muß sie doch fragen, sie aufrütteln. Wenn sie nein sagt, glaubt er es ihr. Barmherziger Gott! Er wird ihr auch die Lüge glauben. Es bricht ja alles in ihm zusammen, wenn es wahr ist. Es bleibt kein edler Gedanke mehr in ihm. Ein gellendes Hohnlachen übertönt alle seine Empfindungen. Und wenn er im quälenden Zweifel leben muß Jahr auf Jahr, dieser Zustand müßte erträglicher sein als das völlige Nichts in der Brust, das hohle Hämmern in einem blutleeren Herzen, das nichtssagende Dahinleben, in dem kein Zweck und keine Liebe und keine Hoffnung mehr ist.

Um die Pfarrecke kommt er und steht vor dem Krebsenhaus. Das ist fast unsichtbar in den Abendschatten, und kein Lichtschein aus den Fenstern! Er wartet – Stille! Man hört im Kirchturm ein Bröckeln im Gemäuer – Nacht! Was will er in der Nacht vor dem Krebsenhaus? Wenn einer im Dorf ihn hier sieht, geht auch der gute Ruf des letzten Giètbauern zu Schanden. Er tritt in das Dunkel der Kirchmauer und starrt zu den Fensterchen des Krebsenhauses hinüber. Es ist hart, wenn man von dem, was man liebt, wegrücken muß, um sich nicht zu beschmutzen.

Von der Pfarrecke herüber hallen Schritte. Weitausholend kommt der Krebsenmattes daher, stößt die Haustür auf – zu! Und dann hört man Lärm im Haus. Und eine Stimme hört Alexand, die ihm an jedem Nervenfaden zieht und geradezu körperlich mißhandelt. Er geht um die Hausecke, dort hinüber, wo das Strohdach an der Westseite fast bis zur Erde reicht. Ein Holzladen ist darunter, um von der Wiese aus das frischgemähte Gras in die Futterleiter einzulassen. Den Laden öffnet er; ein leiser Druck seiner Hand, ein noch leiseres Knarren, und nun sitzt er in der Öffnung, drückt den vordrängenden Kuhkopf weg und horcht. Über dem Stall knistern die Dielen, Schritte eilen darüber, und über die Treppe ein Poltern und eine trotzige Antwort.

»Glaubt was Ihr wollt, ich sag' nix.«

Die Stalltür fliegt auf, Gètrou flüchtet herein, stemmt die Mistgabel dagegen, tappt tiefer in den Stall und setzt sich auf den Kaninchenstall. Ein Luftzug streicht über sie hin, da fröstelt sie und zieht die Schultern hoch. Über den Kuhkopf hinweg glaubt sie die Umrisse einer Gestalt zu sehen.

»Ist da einer?« fragt sie halblaut.

»Ja, ich bin's.«

»Der – Alexand?«

»Du kannst Dir's denken, ich warte auf Dich.«

Ihre Stimme versagt.

»Das hättest nicht tun sollen. Ich hab' so schon genug auf meiner Ehr'.«

»Du hältst also noch auf Deine Ehr'?«

Aus dem Dunkel heraus ein zorniger, halblauter Schrei.

»Geh', Alexand, ich bin schon genug gepeinigt. Gleich ist's Maß zum Überlaufen, und dann«, das Stroh raschelt, neben dem Kuhkopf taucht ihr qualverzerrtes Gesicht auf, »dann schone ich keinen mehr.«

»Mich hast Du auch wohl nur schonen wollen?«

»Ja, Dich hab' ich schonen wollen, Dich und Euch alle, darum kam ich in mein Unglück.«

»Und heiraten hast mich gewollt mit so 'n schandbarer Lüge.«

»Ich hätt' Dich nicht geheiratet.«

Er schleudert den Kuhkopf zurück und greift nach ihr. Da weicht sie aus und sagt aus der Stallecke:

»Gelt, wenn Du mich jetzt schütteln könnst, Alexand! Sag' mir nur alles, wie schlecht und niederträchtig ich bin. Ich hab' etwas geschworen, und das muß ich halten. Aber Du – grad' Du sollst nicht glauben, daß ich schlecht bin. Alexand, ist Deine Lieb' groß genug, daß Du mir allein glaubst?«

»Ich glaub' Dir alles. Sag' dem Michi auf den Kopf zu, daß er gelogen, und ich glaub's Dir – Dir! Wenn ich denn verelenden soll, dann will' ich's mit Dir. Ich kann nirgendwo anders sein. Ihr habt mir beide 's Rückgrat gebrochen, und er ist mein Vater und Du –«, es schnürt ihn den Hals zu; jetzt preßt er's heraus, »ja, Gètrou, so lieb kann Dich keiner mehr haben! Sag' mir's – und meinetwegen kannst lügen. Ist's wahr, was der Michi sagt?«

Aus dem Dunkel hört er einen tiefen Seufzer und wieder nichts.

»Du schweigst! Binamé bon diu! Du schweigst, Gètrou! Jetzt ist alles aus, Gott behüt'!«

Ihre Hand tastet an seinem Arm hinauf bis zur Schulter. Dort will sie ihn halten.

»Rühr' mich nicht an!« sagt er und springt ab. Die Verzweiflung packt sie.

»Geh' nicht, Alexand! Jetzt sollst alles wissen! Jetzt kann ich nicht mehr – jetzt ist meine Lieb' zu Dir stärker als mein Schwur! Alexand!«

Der Laden klappt zu. Sie wirft sich mit ihrem Körper dagegen und hämmert mit den Fäusten dawider und meint, nun müsse sie den Verstand verlieren. Und draußen steht er gegen den Laden gelehnt und hört ihr wahnsinniges Flehen und – in ihm erstarrt alles: die heiße Liebe, der wilde Groll und der schäumende Lebensmut. Sein warmes, menschenfreundliches Empfinden friert zu Eis. Ein stahlharter Blick ins neue Leben hinein! so muß es ertragen sein, ohne Hoffnung, aber auch ohne Haß. Und in diesem Dasein die Überfülle seiner Kraft und Jugend! Ja, sie haben ihm beide das Rückgrat gebrochen. Jetzt führt er das Leben eines Krüppels – nicht nach außen hin, nach innen; das ist schlimmer.

Im Stalle drinnen keinen Laut mehr. Nun kann er gehen – und beide mögen sie ihr Leid tragen, sie das selbstgeschaffene oder – – – Ein fürchterlicher Gedanke springt in ihn hinein. Der könnte ihn an das Krankenbett daheim treiben und Empörung und Rechenschaft fordern. – – – – Ein Blöder wird ihm antworten. Das Gericht verlangt keine Rechenschaft mehr, wie konnte der Sohn es?

Hinter dem Krebsenhaus nimmt er den Pfad in die Felder und in die Nacht hinein. Es war eine lange Nacht – – – – –

Und am Morgen steht er in Engelsdorf vor dem Bauernhause des Irländers, ruft der Hausfrau, die am Fenster zwischen blühenden Blumenstöcken sitzt und Gemüse schneidet, zu, sie möge dem Herrn sagen, der Sourbrodter sei da. Er läßt sich auf die Bank nieder, die grün gestrichen und zierlicher als die Bauernbänke ist. Da sitzt er steif und starrt in den dunstigen Herbstmorgen hinein. Aus der Küche heraus dringt angenehmer Geruch von Kaffee und frischgebackenem Kuchen. Er zieht fast gierig den Duft ein, und dann erinnert er sich, daß er nirgends mehr zu Hause ist.

Zwischen den Blumen langt eine Hand durch und tippt ihm an den Rücken.

»Herr Sourbrodter, Sie sollen nur zu ihm heraufkommen,« und als er durch die Küche geht, »Sie könnten mir den Gang sparen und die Tasse Kaffee für ihn mitnehmen.«

»Ist er denn krank?« fragt Alexand, der fürchtet, die zierliche Tasse in seiner Hand zu zerbrechen.

»I wo! Gesund ist er wie Eure Bachforellen hier herum. Aber wenn sie so früh kommen, müssen Sie sich nicht wundern, wenn Sie die Leute noch im Bett finden.«

»So früh?« fragt Alexand im Hinaufsteigen und rechnet, daß für die Bauern der Tag schon vor vier Stunden begonnen hatte.

»Jetzt rechts herüber,« kommandiert die Irländerin vom Fuße der Treppe aus, »die dritte Türe! Klopfen Sie an, sonst erschrickt er!«

»Herein, Sourbrodter!« ruft schon jemand von drinnen heraus, und nun steht er inmitten der freundlichen Schlafstube, sieht Teppiche auf dem Boden, Kupferstiche an den Wänden und den Irländer rauchend, hinter einer englischen Zeitung fast versteckt, im Bett.

»Das ist nett,« lacht der, »aber Sie hätten noch eine Tasse mitbringen sollen; dann plaudert's sich besser. An dem Hirschgeweih dort hängt auch eine Pfeife für Sie – da Tabak, da Streichhölzer, und nun los, dampfen wir!«

Alexand stellt die Tasse nieder. Ihm ist ganz wirr. Er hat gemeint, sein Leid und das Fürchterliche, das erst eine Nacht alt geworden war, müsse der Welt einen Ruck geben, dem Tag einen Stempel aufdrücken, der ihn ächtet. Und hier trifft er auf Menschen, die dem Alltag in freundlicher Milde begegnen, die nichts von seinem Leid wissen, und die Welt, die ihm zertrümmert ist, so schön und lebenswert finden. Die Stunden rinnen weiter, um ihn pulst das Leben – weiß er denn nicht mehr, was ihm geschehen ist?

»Ich bin nicht zum Plaudern gekommen,« sagt er stumpf.

»Nicht? O dann haben Sie gewiß schon die flüssigen Gelder, und wir können vielleicht noch vor Winter einen Versuch machen. In diesem Falle soll meine Frau Ihnen ein Stück Kuchen zulegen – Daisy!«

»Rufen Sie nicht. Sie könnten Ihren Kuchen bereuen. Ich – habe mich mit meinem Vater entzweit; auf den Hof gehe ich nicht mehr zurück; ich muß mir ein anderes Unterkommen hier herum suchen. Aus der Wallonie 'raus kann ich nicht. Warum soll ich mir's denn noch schwerer machen, als es schon ist? Am liebsten möcht' ich ins Venn, da paß ich jetzt 'rein. Aber der Winter ist vor der Tür, und eine Torfhütte ist kein Haus. Wenn es Ihnen recht ist, nehmen wir die Sache gleich in Angriff. Ich muß 'was haben, das meine Kraft zerreibt.«

Er dehnt die sehnigen Arme, als müsse er die niedere Decke, die ihm so wenig Raum gibt, höher rücken. Der Irländer faltet seine Zeitung zusammen, langt nach seiner Tasse und schlürft einen langen Zug.

»Das haben Sie sehr gut erdacht. Sie sind mein Mann – auch wenn Sie ohne flüssige Gelder kommen. Meine Frau soll Ihnen ein Stück Kuchen heraufbringen. – Daisy!«

Alexand wirft ihm einen ärgerlichen Blick zu.

»Lassen Sie doch Ihre Frau, wo sie ist. Begreifen Sie denn nicht, daß mir mit'm Stück Kuchen nicht zu helfen ist?«

»Ja, ich sehe, Sie sind sehr düster. Nehmen Sie sich das nicht weiter zu Herzen. Sie sind bei uns gut aufgehoben.«

»Mittellos bin ich nicht, wie Sie wissen. Ich werde verlangen, was mir zukommt. Sie müssen zum Gièthof und die Sache ordnen.«

»Ich muß, so! Ja, Sie sind jetzt mein Kompagnon; ich muß und ich gehe, aber Sie werden mich doch erst meinen Kaffee austrinken lassen.«

»Vorderhand brauche ich wenig, für Ihr Unternehmen einen Barvorschuß, dafür lassen Sie mich meiner Wege gehen, und für alle Fälle eine Kammer in Ihrem Hause.«

»Alles vortrefflich, gehen Sie jetzt hinunter, und während ich mich ankleide, lassen Sie sich von meiner Frau die Geschichte der Miß Gillibrand erzählen. Das wird Sie interessieren und – vielleicht machen Sie es nicht so, wie dieser weibliche Herr de Hawarden.«

Langsam steigt Alexand die Treppe hinunter. Da hört er den Irländer schon droben an der Tür.

»Daisy! Sei so lieb und erzähle diesem Sourbrodter die Geschichte der Miß Gillibrand. Du hast eine phantasievolle Art, dergleichen auszuschmücken. In vier Stunden bin ich wieder zurück, und dann braucht sie erst zu Ende zu sein.«

»Herr Sourbrodter, bitte, nehmen Sie Platz,« sagt die würdige Dame und macht eine einladende Bewegung nach der Stube hin. Er steht schon unter der Haustüre.

»Lassen Sie nur,« wehrt er fast heftig und knöpft seine Jacke zu, »ich kann hier nicht ruhig sitzen und warten. Die Antwort komm' ich mir mal holen, irgendwann – ich weiß's nicht.«

Jetzt geht er nicht mehr, er stürmt hinaus. Er kann die Menschen nicht mehr ertragen, die das Alltägliche schwatzen, wo in ihm langsam seine Seele zermalmt wird. Ein Schmerz brennt in ihm, der sich an etwas Gewaltigem, Ungeheuerlichem zerreiben muß. Fort in die Einsamkeit! Dahin, wo die Natur nicht das lachende Antlitz zeigt wie in diesem Freudental, dahin, wo sie finster und herb und frostig und starr blickt! Dahin, wo das Grauen lauert, das er bannen will, das Gewalttätige, das er sucht, die Unendlichkeit des Moors, die ihm Raum gibt zum Atem. Da ist er zu Hause. Da wird er ruhiger. Vennluft!

Zwischen den Sümpfen suchen ihn die Menschen nicht.

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