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Das Haus im Moor

Nanny Lambrecht: Das Haus im Moor - Kapitel 6
Quellenangabe
authorNanny Lambrecht
titleDas Haus im Moor
publisherVerlag von Fredebeul & Roenen
printrunZweite Auflage
year1912
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170718
projectid66fe153e
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Fünftes Kapitel.

An dem Stationshaus sammeln sich ein paar Bauern an. Die Hände in den Taschen, die kurze Wallonenpfeife im Mundwinkel, einige andere die Schippe über der Schulter auf dem Weg zum Felde; mitten unter ihnen Alexand, der den neuen Pflug bei der Handhabe faßt, ihn nach allen Seiten dreht, die bequemen Streichbretter rühmt, den Grindel hervorhebt und immer weiter redet – immer weiter redet, bis der Meister Mattonet die Schippe von der linken Schulter auf die rechte legt, ausspuckt und überlegen meint:

» Por mi! mein alter Pflug gefällt mir noch besser – und dabei spar' ich noch meine Pfennige, hähä!«

Der Haufe löst sich; nach allen Richtungen gehen sie auseinander.

Alexand bleibt mit seinem Pfluge und dem Knechte allein.

»Pack' an!« sagt er dem, und sie tragen den Pflug zur Karre hinüber. Den Weg herauf kommt Speckschwarte im Sonntagsrock, auf dem Stecken über der Schulter trägt er ein rotes Bündel.

»Bist schon auf der Heimreis'?« ruft Alexand ihn an.

»Ich hab' die Mam' gesehen und weiß, daß sie gesund ist. Nun hab' ich wieder für 'n Jahr genug. Was hat's denn gegeben? Dahinten lachen sie in alle Windrichtungen hinein. Hör'! Hast denen gar Deinen neuen Pflug expliziert?« Und nun lacht der auch. Alexand steht seelenruhig dabei.

»Meinst, das ärgert mich? Nicht die Bohne! Ich mach's! Um die andern scher' ich mich nicht. Ich bin kein Kulturträger.«

»St! Was 'n Wort! Sag' das nicht im Dorf.«

»Ein Oberst soll hier herum sich die Sohlen ablaufen. Der soll so 'was sein.« Speckschwarte deutet nach dem Stationshaus.

»Die da wollen auch so 'was sein. Hai ja, Du hast's ja erlebt, was man ihnen darauf antwortet.«

Alexand läßt gedankenvoll den Kopf hängen.

»Ob die gewußt haben, wie groß so 'n Unglück werden kann? Die wollten bloß schikanieren, meinst nicht auch?«

»Meinetwegen – man kann's ja schon meinen. Es sind ja auch nur 'n paar Widerhaken im Dorf, zum Beispiel Dein Alter; den andern ist alles gleich!«

Alexand muckt auf.

»Dem willst das in die Schuhe schieben, hin, Speckschwarte?«

»Du! Willst Du mir an den Kragen? Dein Vater hat mich saugrob angeranzt an dem Abend, Du weißt, als ich ihm sagen sollte, Du kämst mit'm Zug. Später hab' ich mir so meine Gedanken darüber gemacht. Gewußt hat's Dein Alter gewiß, das war 'n ganzes Komplott, denk' ich, und beim Krebsenmattes hatten sie's ausgeheckt. Abin, ich will nichts gesagt haben – schon Deinetwegen nicht. So 'n Bièsse, wie Du bist! Hättest in Berlin bleiben und kapitulieren sollen. Der Boden hier herum wird Dir noch heiß genug werden.«

»Du sprichst wie einer, der kein Bauer und kein Wallone ist. In Berlin fielen die Häuser auf mich. Ich hab' den Jammer nach Haus gehabt, daß ich meinte, ich könnt' das Gewehr nicht mehr auf der Schulter fühlen, ohne auf mich selber zu schießen. Red', was Du willst, ich kann nicht von hier fort. Das Venn muß ich haben und die Berge drüben am Rheinhardstein muß ich sehen. Die Fremden können zu uns 'rüber kommen, das paßt mir schon, aber ich in die Fremd'? Ich tu's nicht mehr!«

Der Speckschwarte sieht ihn von oben bis herunter mitleidig an.

»Armer, kleiner Teufel! Hast nicht schon einmal gedacht, daß sich in drei Jahren viel ändern kann? – Auf alle Fälle, mich wirst Du immer in Rothe Erde finden. Wenn sie zuviel um Dich herumtratschen, dann schlag' 'n Schnippchen, und laß Dich nicht unterkriegen. Adjüs, Alexand, da ist mein Zug.«

Ein Lokomotivpfiff von den Feldern her, eine Dampfwolke und ein schmales, engbrüstiges Bähnchen dahinter! Alexand geht dem Speckschwarte ein paar schnelle Schritte nach. Da ist der schon in der Station und der Zug läuft ein. Jetzt holt Alexand weit aus und langt auf dem Bahnsteig an, als die Türe, die man für den einzigen Passagier aufmacht, wieder zuklappt. An das Wagenfenster tippt er und fragt:

»Hör', Speckschwarte, was könnt' man denn tratschen? Die Giètbauern gehen den geraden Weg –«

»Ja, Du gehst 'n –«. Der Wind schneidet das Wort vom Munde.

Das Bähnchen pustet weiter, und Speckschwarte winkt mit seinem Hut zurück. Mißlaunig geht der junge Wallone zum Hof. Unsichtbare Netze scheinen in der Luft umherzuflirren. Ihm ist, als müsse er sich wehren, um nicht eingeengt zu werden. Die Freude an der Heimkehr leidet darunter. Er möchte einen finden, der sich nicht verändert hat und dem er nicht die Menge Verdachtsgründe in den Augen sieht. Er spannt die Arme aus, als müsse er sich wehren gegen das Drückende. Was war es denn?

» Luk, der Alexand!« ruft ihn jemand von der Bahnböschung her an.

Zwei Vennfrauen sind's, die dort ihre Kühe grasen lassen.

»Wie gefällt's Dir daheim? Und der Meister Gièt spricht immer noch nicht, qwai

Die eine kommt auf die Fahrstraße zu, die andere treibt das Vieh von dem Geleise.

»Hier und da ein Wort, mehr nicht,« sagt der junge Bauer und schiebt die Mütze in den Nacken, »der Doktor war heut' wieder da.«

»Es macht sich grad' schlecht, daß Ihr die Daditte nicht mehr auf'm Hof habt, net donc (nicht wahr)? Die Gètrou,« Achselzucken, »die ist doch noch 'n junge Gans, und die alte Anntschenne? Die hat ihre Zeit hinter sich. Die wächst wie 'n Kuhschwanz nach unten, über's Jahr stößt sie mit der Nas' auf'n Boden. Die kann doch keine Vieheimer mehr schleppen. Wie gesagt, schad' ist's wegen der Daditte.«

»Macht Euch keine Sorgen, Tatine; die Gètrou springt mit Händ' und Füß' in die Arbeit, und für die Pfleg' ist sie schon gar nicht mehr zu entbehren; und was die Hauptsach' ist, ich habe sie noch keinmal schimpfen gehört. Nix für ungut, wenn die Daditte auch Eure Cusenne (Cousine) ist.«

» Sicola! Dann ist die Krebsenmattestochter derzeit recht zahm geworden. Die Daditte konnt's nicht mehr bei ihr aushalten. Die wollt' nicht mehr bleiben, weißt, Alexand; so etwas länger mit ansehen müssen – nonna ciette (nichts da)! Die Daditte hielt 'was auf ihre Reputation und ging.«

Sie verschränkt die Arme und spreizt die Beine und kneift die Lippen ein und nickt stoßweise mit dem glatten Kopf, kurz, sie trifft alle Anstalten, den strammen Hofbauer da vor ihr auf die richtige Fährte zu bringen, aber der sieht über sie hinweg in die weiße Luft hinein und sagt:

»Wenn die Daditte Dir auch ihre Erbschaft versprochen hat, nimm Dich in Acht, Du weißt, wie's auf gut wallonisch heißt: Wer sich auf die Schuhe eines Verstorbenen verläßt, riskiert sehr, mit bloßen Füßen zu gehen.«

Vom Bahndamm her rasselt eine Stimme wie ein mehrfaches Donnerwetter. Die Vennfrauen laufen erschrocken die Böschung hinunter, wo ein Kuhkopf ins Bahnterrain hinüberreckt und ein Maul voll Gras abrupft.

Der Mann mit der roten Mütze gerät außer sich, nimmt sein Notizbuch und notiert und wettert. Die Vennfrauen kreischen ihn in drei Sprachen an und weigern sich, ihre Namen zu nennen.

»Heda Sie! Die Namen?« ruft er zu Alexand hinüber.

»Warum denn? Wegen dem Maulvoll Gras?«

»Wegen der Disziplin, verstanden.«

»Das kennen die Leute hier herum nicht, Herr Vorsteher.«

»Dann wollen wir es sie lehren. Bringen Sie Ihrem Vater 'mal Raison bei, die andern, die sich hinter ihn verstecken, geben sich dann schon. Der ist ja der Dorfkönig.«

»Herr Bahnvorsteher, ich laß nix gegen meinen Vater sagen.«

»Na, hören Sie! Sie haben's eben nicht mitgemacht. Erst petitionieren sie, um den Bahnhof nach Sourbrodt zu bekommen. Aber dann lief Ihr Vater wie ein Stier gegen die neue Bahn an. Da kriegten die andern auch Mut. Und keiner will's jetzt getan haben. Na, diese letzte Schikane hat dem Faß den Boden eingeschlagen, nun wird jedem auf die Finger gesehen – jedem.«

Er dreht dem Hofbauer kurz den Rücken und geht. Einige Steinwurf weit sieht man die Vennfrauen ihre Kühe in rasender Eile davon treiben. Denen winkt er drohend nach und geht auf's Stationsbureau zurück und gähnt und raucht und sieht nach der Uhr, wie lang in den Nachmittag hinein er schlafen kann bis zum nächsten Zug.

Alexand reckt die Schultern. Lasten fallen auf ihn. Er sieht sie nicht, aber er fühlt sie. Im Hofe kommt er am Stubenfenster vorüber und blickt hinein. Anntschenne sitzt neben dem Bette. Der Kranke liegt wie in ruhigem Schlafe, den Eisbeutel auf dem Kopfe, die derben Hände auf der Bettdecke. Auch durch das Küchenfenster schaut Alexand ein. Die ist leer und blitzblank gescheuert, sogar der Tisch ist kreideweiß, und mitten drauf liegt ein Bündel trockener Wäsche.

Er geht um die Hofecke und hinters Haus, um dort das Wasser aus der Weidwiese abzugraben. Da sieht er Gètrou an dem Zaun Wäsche abhängen und sagt zu ihr hinüber:

»Hör', Gètrou, Du mußt die Bleichwiese anderswohin verlegen. Hier fällt Dir der Bahndampf drauf.«

»Willst Du denn 'was von der Wäsche verstehen, hai

»Nur um 'n Tüpfelchen weniger wie Du. Bei den Soldaten lernt man auch so was.«

»Dann kannst mir nächstens dabei helfen. Man hat jetzt genug Bettwäsch' wegen der Krankheit.«

»Wie geht's 'm?«

»Siehst mir's denn nicht an? Ich möcht' vor Freud' lachen. Er war richtig bei Verstand, hat mir die Hand genommen und nach Dir gefragt. Wo läufst denn herum?«

Er springt über den Zaun und zu ihr hin.

»Und das sagst mir erst jetzt, Du da? Du willst wohl die Freud' für Dich ganz allein haben, qwai

Ihr Blick lauert zu ihm hinauf.

»So'n Frag'! Die ist dumm, weißt Du, Alexand.«

In ihrer Stimme zittert ein jäher Schreck nach, aber er ist ehrlich-harmlos, und sie beruhigt sich. Jetzt neckt er sie.

»Ich muß 'mal mit dem Krebsenmattes reden. Ich fürcht', der hat'n Konkurrenz. Gelt, Gètrou« er faßt sie an der Schulter und beugt sie zu sich her, »den Giètbauer hast gern wie Deinen leibhaftigen Vater?«

»Wie anders denn?«

Sie schüttelt ihn ab und rennt einem davonflatternden Kopfkissen nach. Es liegt etwas Hastendes, Wildes in der Art, aber die gefällt ihm. Und doch springt etwas in ihn, das ihn quält. Was war's?

» Sicola!« ruft er ihr nach, »bist Du denn nicht mehr zum Anrühren? Ein Wallonenmädel ist doch nicht zimperlich.«

»Zimperlich bin ich auch nicht, aber wenn mir's Bettzeug fortfliegt, kann ich doch nicht bei Dir stehen bleiben.«

»Also hast's Bettzeug lieber als mich?«

»Ich hab' noch gar nicht nachgedacht, wie ich Dich hab'.«

»Dann wär's Zeit, denn jetzt leben wir nebeneinander, und da muß man gut mitsammen auskommen.«

»Für soweit hab' ich Dich gern genug.«

»Und weiter nicht? Früher warst nicht so kratzelborstig.«

»Ja, da hast mich in die Backe kneifen dürfen. Da war ich noch 'n dumme Gans, und jetzt hört's auf.«

»Es wär' aber schöner, wenn's jetzt erst anfing.«

Da springt sie auf ihn zu und funkelt ihn in aufsprühendem Zorn an:

»Ja, gelt, das wär' Dir recht. Mit der Krebsenmattestochter kann jeder sein Amüsement haben. Aber merk' Dir's, die ist nicht für so einen,« der Hals geht ihr zu vor innerem Grimm, »so einen, wie Du einer bist!«

Sie ist an ihm vorüber, ehe er aus seinem Erstaunen herauskommt. Eine Weile steht er und denkt: Was bin ich für einer? Und dann quält ihn wieder das Unbestimmte. Eine grenzenlose Unzufriedenheit quillt in ihm herauf. Er kann nicht mehr heimisch werden. Was war denn anders in ihm, um ihn geworden? Im Hof ging das ewig Alte seinen Weg, nur Gètrou war hinzugekommen. Die Gedanken reißen ihn hin und her, aber über allem heraus hört er immer wieder: Wie Du einer bist!

Der ehrliche Zorn steigt ihm ins Gesicht. Sie muß ihm Rede und Antwort stehen. Was für einer war er? – Und das sagt ihm die Krebsenmattestochter auf seinem Hof? Jetzt geht er hinein und schüttelt sie am Arm und will Antwort haben.

Er steigt schon die Treppe zur Hintertür hinauf, da reißt ihn ein jäher Entschluß herum. Nein, das tut er nicht. Die Krebsenmattestochter will ihren eigenen Weg gehen; mag sie laufen.

Er gräbt in der Wiese wie ein Tagelöhner, dem man die Arbeitsstunden zählt. Je wuchtiger die Hackenschläge sausen, desto mehr befreit's ihn. Das Lehmwasser spritzt über ihm zusammen, auch auf die Wäsche, die in den Heckendornen festsitzt. Das wird sie ärgern, außer Rand und Band bringen, und das wollte er. Eine prickelnde Lust kommt in ihn, sie zu ärgern, mehr noch – sie zu quälen. Er wird ganz ruhig bei dem Gedanken; er wird sie also mit Vorbedacht quälen und seine Freude daran haben. Für die nächsten Tage ist das seine Lebensaufgabe, und er vergißt alles andere. Er glaubt sogar, das könne ihn schon glücklicher machen als all' seine Pläne und Neuerungsversuche, die er aus der Welt draußen heimbrachte.

Die Sonne sticht ihm in den Nacken. Da knotet er sein Taschentuch um und stützt sich auf die Hacke. Von der Bahn her kommt ein Fremder, dem die Dorfjugend mit offenem Munde nachstarrt. Heller Anzug mit schwarzen Streifen, flatterndes Hutband und das Plaid über der Schulter. Er sieht wie ein Engländer aus, spricht französisch, hat aber ein großes O vor seinem Namen – also Irländer! In der Eifel wußte man nicht, ob die Irländer noch wild oder schon gezähmt seien, daher liefen ihm die Kleinen aus dem Wege und die Großen lachten hinter ihm her. Als dieser Fremde den jungen Wallonen, dessen rotes Halstuch wie ein Signalfähnchen in der weißen Sonnenluft flattert, in der Wiese erblickt, stapft er quer über das Feld zu ihm hinüber, lehnt sich gegen den Zaun und sagt:

»Sie sehen aus, als ob Sie der einzige im Dorf wären, der keine Angst hat, von mir aufgefressen zu werden. Darf ich um Auskunft bitten, wie ich von hier aus nach Engelsdorf komme?«

Alexand legt seine zwei Finger grüßend an den Mützenrand.

»Engelsdorf?« wiederholt er und sieht ihn groß an, »da hätten Sie in Malmedy oder Weismes aussteigen müssen. Sie sind hier in Sourbrodt.«

»Wo ich jetzt bin, kann mir nicht viel helfen; ich möchte wissen, wie ich weiterkomme.«

»Wenn Sie Bescheid in der Gegend wüßten, würde ich Ihnen raten, zu Fuß; 's ist schön da herum.«

»Das weiß ich, und ich möchte mich dort ankaufen. Engelsdorf liegt einsam und still hinter den wallonischen Bergen. Ich will weltfern leben, aber kein Einsiedler sein, und darum gefällt's mir da.«

»'s hat auch schon andern da gefallen,« lächelt Alexand, als habe man ihm eine persönliche Schmeichelei gesagt.

»Hm, so; Sie deuten auf eine Sage hin. Ein geheimnisvoller Landsmann von mir soll einmal dort gewohnt haben, oder vielmehr eine Landsmännin, die in Herrenkleidern ging – nett erdacht.«

»Das ist nicht erdacht. In Engelsdorf ist noch das Grab vor nicht langem gewesen. Sie hieß Meriora Gillibrand und lebte als Herr de Hawarden unter den Bauern zwanzig Jahre lang. Man nannte den menschenscheuen Ansiedler aber nur den Engländer von Engelsdorf. Wir wallonische Bauern kümmern uns wenig um den eigentlichen Namen, ein anderer tut's auch schon.«

»Wenn ich mich also unter Euch ankaufe, werde ich wohl auch einen Spitznamen bekommen?«

»Ich denke wohl.«

»Und wie denn, heh?«

»Warten Sie's ab, Herr.«

»Der verrückte Irländer, oder so etwas Ähnliches, heh?«

»Ja, so 'was Ähnliches.«

»Ihr seid Schelme, aber ich glaube, wir werden gut miteinander auskommen – Miß Gillibrand,« wiederholt er nachsinnend, »hat man nichts Näheres von ihr gewußt?«

»Nach ihrem Tode nur ihren Namen und ihr Geschlecht. Sie hat sich selbst ihre Grabschrift gesetzt.«

»Und sonst nichts – gar nichts?«

Alexand kaut nachdenkend an seinem Schnurrbart.

»Mein Vater könnte vielleicht noch 'was wissen, aber der ist krank. Und nun fällt mir noch 'was ein. Sie muß 'n furchtbares Geheimnis mit sich herumgeschleppt haben. Sie soll im Mondschein in den Wäldern und am Amelfluß 'rummarschiert sein. So 'was tun die Bauern nicht, Herr.«

»Andere vernünftige Leute auch nicht, es müßte denn einer sein, der verliebt ist, oder Gedichte macht. Aber die Geschichte des Herrn de Hawarden interessiert mich. Wenn sein Haus noch steht, werde ich es für mich ankaufen. Steht's also noch?«

»'s war ein Bauernhaus wie alle andern hier herum, dicht bei Engelsdorf in Pont lag's; fragen Sie nur da einmal.«

Der Irländer richtet sich auf und wickelt sein Plaid um beide Schultern.

»Kann man hierorts außer Wasser noch etwas Anderes zu trinken bekommen, ich meine, habt Ihr ein Wirtshaus hier?«

»Ja, zwischen Kirche und Pfarrhaus.«

»O! – Ach! Gemeinhin nimmt man an, daß unser Herrgott zwischen zwei Schächern hing, aber hier scheint der Schächer die Mitte zu halten.«

Er bückt sich, reißt eine Wiesenblume aus und steckt sie ins Knopfloch.

»Ich werde auf die Suche nach diesem Schächer gehen.« Nach drei Schritten dreht er sich wieder um. Glauben Sie, daß ich in die Irre laufe, wenn ich den Weg nach Engelsdorf zu Fuß mache?«

»Wenn Sie die Gegend nicht kennen, gewiß. Verrennen Sie sich gar in 'n Wolfsbusch oder ins Venn, dann kann man Sie wahrscheinlich nicht mehr zu den Geretteten ins eiserne Buch schreiben.«

»Ach! Hm. Sie quittieren ein Menschenleben mit einem »dankend erhalten«, und dann streuen Sie Sand drauf und klopfen ihn mit dem Fingernagel ab und – hacken weiter. O! Sie Wallone! Ich werde mich also nicht bei Ihnen ankaufen.«

Er geht wieder drei Schritte weiter und wieder drei zurück, genau drei! Seine Bewegungen sind so akkurat abgemessen wie die schwarzen Karreaulinien in seinem Anzug.

»Auf ein Wort noch,« ruft er, »welchen Weg schlage ich zum Wirtshaus ein?«

Alexand stößt die Hacke in den Wiesenboden und kommt zu ihm her.

»Das kann ich Ihnen besser von der Straße aus explizieren. Durch's Haus ist's näher; kommen Sie nur.«

Sie steigen die Treppe hinauf durch die Hintertür und in die Küche. Da steht Gètrou auf der Herdbank und hängt das geräucherte Fleisch aus dem Rauchfang los. Das Gesicht, das sie den Eintretenden zuwendet, ist hochrot vor Hitze und starr vor Verwunderung. Nein, so etwas! Der helle karierte Mann neben dem starksehnigen Alexand, dem der rote Halstuchzipfel über die Schulter hing! Mit einem Male fühlt sie die Last des ganzen Gièthofes auf ihrem Rücken und sieht sich von einer enormen Verantwortlichkeit gedrängt. Hurtig springt sie ab, dem Alexand hinterrücks an den Hals und reißt das Tuch blitzschnell aus dem losen Knoten – – und dann unter ihre Schürze und ebenso in ihre Tasche. So und nicht anders hätte jede Mutter gehandelt oder die junge Giètbäuerin oder auch nur die Gètrou Krebsenmattes, die zu allerlei kuriosen Einfällen kam.

»Ja! Nun sieht er besser aus,« konstatiert der Irländer und fixiert das Mädchengesicht wie ein Bildwerk in irgend einem Raritäten-Kaufladen. »Sie sind jedenfalls seine Schwester, Sie ähneln ihm sehr.«

Erst zieht sie die Stirne empor, daß eine Reihe von Faltenlinien in ihr Haar hineinläuft, dann lacht sie ihm in herzlich gut gemeinter Unbefangenheit ins Gesicht.

»Alexand,« sagt sie und stößt ihn an, »da red' mal, mir steht's Mundwerk still. Ist der mal aber ein Bièsse

Dem großen Alexand läuft wie einem Schulknaben die Röte hinter den Ohren herauf. Er denkt: Wenn der Herr das Wallonische versteht, dann wäre es mir lieb, wenn sich jetzt der Erdboden vor mir auftät – und so weiter. Aber der Irländer versteht's nicht und lauscht in harmlosem Entzücken.

»Sprechen Sie weiter, Fräulein, es klingt sehr konfus, sehr unverständlich, aber von Ihren Lippen sehr süß. Fahren Sie fort, meine Schöne.«

»Warum soll ich denn reden, wenn der mich doch nicht versteht?« fragt sie nach Alexand hin, und nun dringt dem die Röte bis in die Stirne.

»Sie ist nicht meine Schwester,« sagt er eilfertig, als müsse er ein großes Mißverständnis aufklären.

»O – nicht? Dann Ihre Braut, he?«

»Nein, Herr!« Das klingt hart, Gètrous Gesicht ist noch härter.

»Nein!« sagt auch sie vom Herde her und dreht ihnen den Rücken.

»Dann vielleicht nur die Magd,« denkt der Irländer, aber er sagt es nicht. Die beiden Menschen verblüffen ihn. Der Magd kann er schon dreister kommen und zupft sie an dem Haarringel, der sich vor dem Einflechten unter das Nackenhaar verkrochen hat.

»Wissen Sie auch, daß Sie ein verdammt hübsches Wallonenmädel sind? Das haben Sie doch wohl auch schon gefunden, Herr Alexand, wie?«

Der fühlt die Brust gepreßt wie unter einem Schraubstock. Die offenbare Bewunderung des Fremden ärgert ihn. Sein Gesicht wird unfreundlich. Da hört er Gètrou sagen: »Wenn Du 'n jetzt nicht 'rausführst, sag' ich ihm 'was Ordentliches, verlaß Dich drauf!«

Da ist Alexand schon an der Türe.

»Kommen Sie, Herr, ich geh' mit Ihnen.«

Mit großen Schritten stapft er hinaus, die Hände tiefer in den Taschen, die Schultern hoch, den Kopf gesenkt wie zum Stoße ausholend – es war ein Giètkopf! Und hinter sich hört er das Schäkern des Irländers und dazwischen des Mädchens helle, lachende Stimme. Der Ärger nagt in ihm. Er wollte sie quälen, jetzt quält sie ihn. Dummkopf! Weiß sie denn, daß sie ihn quält? Weiß er es denn? Nein, wahrhaftig, er weiß überhaupt nicht mehr, was in ihn gekommen ist. – Bei dem Krebsenmattes sitzt er noch lange, nachdem der Fremde weggegangen ist. Als er sein Glas austrinkt und geht, ist seine Laune noch schlechter. Der Krebsenmattes war heute redselig wie ein altes Weib und sprach immer wieder von dem guten Auskommen zwischen dem Meister Gièt und Gètrou. Er, der Sohn, kam dabei nicht mehr in Betracht. War er ein Überflüssiger? Mitten im raschen Gehen steht er still. Ihr Wort blitzt in ihn hinein: »Wie Du einer bist!«

Wußte er es nun? Der Überzählige!

Er denkt's nur, aber er glaubt's nicht. Hat sie ihn überflüssig gemacht bei seinem Vater oder umgekehrt? Je tiefer er sich hineingrübelt, desto mehr quält ihn das Umgekehrte.

Aber er denkt harmlos und unbefangen. Es war ja nicht anders möglich. Sie hatte sich für den Krebsenmattes einen andern Vater eingetauscht. Aber fragen will er sie: »Bin ich der Überflüssige?«

Und dann sieht er etwas, das seine Gedanken zusammenwirft unter einem jähen Erschrecken. Aus dem Schatten der Hainbuchenhecke am Gièthof löst sich eine Männergestalt in schwarzem Lüsterrock und weißem Seidenhut. In der ganzen Gemarkung kannte man diesen Hut, und auch Alexand wußte Bescheid. Das war der Doktorhut, der auf dem schmalen, angegrauten Kopfe saß. Wenn der Doktor wiederkam, mußte etwas vorgefallen sein, etwas Unvorhergesehenes. – Er rennt in den Hof hinein und fast die alte Anntschenne, die mit dem Hütjungen vor der Tür Kartoffel schält, über den Haufen. Die lächelt den Atemlosen an, reckt nach dem Stubenfenster hinein und sagt: »Da kommt er!« Anntschenne hätte wahrscheinlich auch gelächelt, wenn der Bauer am Sterben gewesen wäre. Das beruhigt ihn also weiter nicht, und er geht fast zagend ins Haus, aber hinter sich hört er die sanfte Alte heiter:

»Du wirst mal Dein Wunder sehen!«

In der Stube drinnen eine tiefe, heisere Stimme. Ist das der Bauer? Nun steht er unter der Tür und weiß nicht, ob das, was er da vor sich sieht, so ist und nicht anders, ob er das Vergangene geträumt oder nur schlimmer gesehen hat. Mit weit offenen, wirren Augen schaut der Giètbauer um sich; wie einer, der lange und tief geschlafen und sich nun erzählen läßt, was er alles im Traum laut gesprochen hat. Gètrou redet mit fieberhafter Hast und stützt den Kopf des Kranken mit ihrem Arm, den sie um das Kissen legt. Sie hat Anntschennes Ruf nicht gehört, hört auch des Sohnes Eintritt nicht und sagt:

»Jetzt denkt an nichts Anderes und werdet nur erst wieder gesund. Der Doktor sagt, 's wär' keine Gehirnerschütterung. Jede Nacht hab' ich mir die Augen aus 'm Kopf geheult. Wenn Ihr gestorben wärt –«

Sie hält inne, denn mit ausgestrecktem Arm und allen Zeichen der Erregung weist der Kranke nach der Tür.

»Schau doch mal nach, Gètrou. Wenn der nicht wie 'n Holzknecht an der Tür ständ', würd' ich sagen: Das ist der Alexand.«

Da kommt der junge Wallone auf den Fußspitzen über den weißgescheuerten Fußboden, stößt an einen Stuhl an und rückt den Tisch und ist vor starrer Verwunderung so ungeschickt und zaghaft und gar nicht froh. Jetzt hält er des Bauern fieberhaft tastende Hand und drückt sie. In diesen Händedruck will er alles hineinlegen, er denkt, der Vater fühlt's, er wird's wissen, was ich meine und wie ich es meine, und fester drückt er und schüttelt die Hand. Die Giètbauern sind keine Gemütsmenschen.

»Da seid Ihr ja wieder auf'm Damm, Vater,« sagt er trocken und nickt, aber die Erregung zittert ihm bis in die Schnurrbartspitzen hinein. »Ja, Vater!« und nun weiß er nichts mehr, sieht hilflos zu Gètrou hin und wartet.

Der Bauer hält den Kopf steif, läßt die Unterlippe hängen und starrt ihn unter den buschigen Brauen hervor unsicher an. Es sind wechselnde Blicke von Licht und Dunkel, ein aufflackerndes Erkennen, ein Hindämmern in die Traumwelt zurück; die Trunkenheit des Schlafes rüttelt ihn zusammen, ein jähes Aufwachen, blitzähnlich, tödlich erschrocken! Sekundenlang flackert das helle, klare Licht des Verstandes auf, dann sagt er: »Alexand!« zitternd und weich und froh wie ein scheues Kind. Seine Hand tastet an des Sohnes Arm hinauf, immer höher bis an die Schulter. Die tätschelt er.

»Alexand!« und lächelt. Der große Sohn beugt sich, da tastet die Hand weiter an ihm hinauf bis in das Gesicht. Das tätschelt er auch.

»Alexand!« und lächelt – und dann plumpst sein Arm auf die Bettdecke zurück – das Licht erlöscht, jäh, schreckhaft. Langsam dreht er sich Gètrou zu.

»Was will der?« und lacht blöde, zum Erbarmen blöde! Die trockenen Lippen leckt er schmatzend, seine Gedanken verwirren sich. An dem Sohn sieht er vorbei und kennt ihn nicht mehr und lacht einfältig, und dann fallen ihm die Augen zu, das Kinn stößt schwer auf die Brust, er schläft.

Behutsam läßt ihn das Mädchen in die Kissen zurücksinken. Er regt sich nicht und schläft weiter. Der Schweiß bricht ihm aus allen Poren, da streicht sie ihm das Haar zurück. Eckig stehen ihm die Stirnwände heraus. Fast ängstlich gleitet sie mit der Hand darüber. Das sind die Sturmblöcke, mit denen er sein Leben lang anrannte. Sollten die ihm jetzt zum Geschick werden?

Ein trockenes Räuspern sagt ihr, daß der junge Hofbauer noch an derselben Stelle steht und wartet. Worauf wartet er?

Sie sieht zu ihm auf und weiß nun, daß er die Tränen hinunterhustet, die er nicht weinen kann.

»Hör', Alexand, er war nur wirr,« sagt sie und stößt ihn mit dem Finger an. Ein Ruck geht durch seinen Körper. Er schnellt die Schultern in die Höhe, steckt beide Hände in den Lendengurt und geht bis zum Fenster.

»Was hat der Doktor gesagt?« fragt er von dort her.

's wär' keine Gehirnerschütterung und nichts weiter. Ich hab' gehört, daß der Doktor im Dorf wär' und ließ 'n rufen. Also das hat er gesagt, und er muß's doch wissen.«

Eine leise Ungeduld sprüht heraus. Sie will keiner andern Ansicht Gehör schenken. Sein Schweigen jagt ihr die Unruhe ein.

»Oder meinst Du's anders?«

»Ja, ich mein's anders.«

Er dreht ihr noch den Rücken und regt sich nicht.

»Du bist aber doch kein Doktor.«

»Glaubst denn, ich müßt's nicht besser wissen wie der Doktor? Der fühlt nur den Puls, ich hab' aber 'was ganz anderes gesehen.«

»Was hast denn gesehen?«

Nun dreht er sich um.

»Daß es da,« er zeigt an die Stirne, »nicht mehr richtig mit'm ist.«

»Geh', bist Du dumm! Er hat's Fieber.«

»Er hat seinen Verstand nicht mehr – basta!« Er dreht ihr wieder den Rücken und starrt hinaus auf den Hof. Da knackt hinter ihm die Diele, sie kommt auf den Fußspitzen zu ihm.

»Gelt, das ist nicht wahr?«

»Und warum nicht?«

»Weil ich,« sie kniet auf der Bank, ihr Atem sprüht ihm über die Schulter herüber, »weil ich dann verrückt würde!«

Es wird ihm heiß, und er rückt von ihr weg.

»Du – wirst verrückt, ich werd's nicht, das ist 'n Unterschied! Ich bin sein Sohn, Du nur 'n Fremde, das ist wieder 'n Unterschied; aber ich glaub', Du meinst's umgekehrt oder,« er faßt ihre beiden Hände und drückt ihr fest die Knöchel ein, »meint er's auch so?«

Ihre Blicke bohren sich ineinander. Der seinige ist drohend, der ihrige wild.

Mit leisem Zähneknirschen sagt sie es heraus.

»Ja, er meint's auch so.«

Da wirft er sie in heller Empörung von sich.

»Jetzt weiß ich, was für einer ich bin –: Der Überflüssige!«

Er läßt sich schwer auf die Bank niederfallen; sie knarrt in den Leisten. Die Arme stützt er auf die Knie und starrt auf den Boden. Gètrou drückt sich gegen die Wand und läßt die Arme herunterhängen.

»Das hätt'st nur gleich im Anfang sagen sollen,« spricht er in verzweiflungsvoller Ruhe vor sich hin, »gleich am Abend als das Unglück kam.«

»Und warum gleich?«

Ihre Zunge ist so trocken, daß sie am Gaumen klebt.

»Ich hätt's anders machen können – anders, jedenfalls besser.«

»Du wärst fortgegangen, ich weiß es.«

»Fortgegangen?« Er setzt sich kerzengerade. »Wohin wär' ich gegangen? Ich reiß' mich hier nicht los, nicht aus'm Wallonischen 'raus. Du hast Dich hier unentbehrlich gemacht. Du brauchst den Meister Gièt, und er braucht Dich. Den Alexand braucht keins von Euch. Dafür brauch' ich nicht fortzulaufen: Ihr seid ja beide auf meinem Hof! Aber wissen hätt' ich's müssen, dann verschwendet man seine Worte nicht und dann,« er steht auf, »tut's einem nachher nicht leid.«

Er geht hinaus. Sie bleibt an der Wand und läßt die Arme baumeln. – Ihr seid ja beide auf meinem Hof! Da hätte sie grell herauslachen mögen. – Nachher tut's einem nicht leid! Da drängt's ihr wie wildes Weinen heraus. Und dann schlägt sie beide Hände vors Gesicht, daß der Kopf an die Wand zurückschnellt und lacht und weint und beißt sich die Finger wund.

Vom Bette her ein Rascheln in den Kissen; zwei große verwunderte Augen in völliger Klarheit.

»Gètrou!«

»Ich komm nicht mehr, Meister Gièt!« Sie stößt ein lautes Aufschluchzen heraus.

»Was wird denn mit mir?« klagt er, »ich bin todkrank. Weißt Du's noch nicht?«

»Laßt Euren Sohn rufen – Ihr habt einen! Wenn Ihr's vergeßt, ist's Euer Schaden«, und nun läuft sie rücksichtslos auf das Bett zu, wirft sich über die Kissen und sagt es in herzzerbrechendem Weinen: »Ihr seid ja auf seinem Hof, Meister Gièt, das hättet Ihr wissen sollen und mich nicht so ins Unglück 'reinbringen. Ich bleib' nicht mehr auf'm Hof. Er wird mich doch einmal fortjagen; ich bleib' nicht mehr im Dorf, sie weisen mit Fingern auf mich. Oui don! Meister Gièt ich lauf' in die Welt 'naus, in den Tümpel lauf' ich!«

Sie beißt in das Kissen hinein und erstickt ihren Schrei. Er wälzt den Kopf hin und her, der Schweiß läuft an den Schläfen herunter in sein zerwühltes Haar.

»Nicht in den Tümpel,« stöhnt er, »da – liegt schon einer drin. Scht! – Gètrou, scht!« Er will sich aufrichten, da greift er nach der Seite und brüllt auf vor Schmerz. Sie drückt seinen Kopf zurück, sie ist ruhiger und sieht ihn aus rotgeweinten Augen mitleidig an. – Er fährt sich über die Stirne und stammelt:

»Gètrou da, – da fühl' ich's, das stimmt nicht – und nun kommt's wieder. – Gètrou!« er tastet nach ihrer Hand. »Du darfst nicht fort! Du darfst mich nicht allein lassen – ich bin todkrank! Da – da fühl' ich's im Kopf, sag's dem Doktor! Und ich bin der Herr auf'm Hof, aber sag's dem Doktor! Mein Wort hast Du, das halt' ich. Geh nicht fort, Gètrou – gehst nicht?«

»Nein, Meister Gièt, ich geh' nicht?«

»Bäuerin sollst sein, mein Versprechen hast Du – ich hab Deins – gelt, Gètrou, ich hab Deins!«

»Ja, Meister, Ihr habt meins!«

Er hebt den Arm und zeigt nach der gegenüberliegenden Wand. Dort hängt das Kruzifix.

»Schwör's!«

Er rüttelt sie zusammen.

»Ich schwör's!«

Ihr entsetzter Blick fliegt zu dem Kruzifix hinüber. Sie hat geschworen, der Herrgott hat es gehört, und nun muß sie es halten, mag kommen, was will.

Er hat die Augen wieder geschlossen, nervös zucken seine Lider. Sie wagt kaum zu atmen. Seine Lippen bewegen sich. Da horcht sie.

»Mein Wort hast Du, und ich hab' Deins, nun bleiben wir beisammen. – Wenn ich wieder zurechtgeflickt bin, wirst Du Giètbäuerin,« und dann ein Lispeln, »nicht in 'n Tümpel!« und dann nichts mehr. Der friedliche Ausdruck tiefen Schlafs tritt in sein Gesicht.

Gètrou streicht das Haar zurück und geht hinaus.

Anntschenne lehrt den Hütbuben die lateinische Messe und wie er sich beim Messedienen zu verhalten habe.

» Et cum spiritu tuo!« spricht er ihr nach und läßt die Kartoffeln in den Eimer niederplantschen. Da steht Gètrou unter der Türe und fragt:

»Anntschenne, ich möcht's noch einmal wissen: was hat Dir der Doktor gesagt?«

Die schüttet die Kartoffelschalen aus der Schürze in den Korb und schwatzt vergnügt.

»Gelt, lieb' Mädchen, man kann's nicht oft genug hören. Gesagt hat er ohne Umschweife: Der Bauer hat keine Gehirnerschütterung, aber seinen Rippenbruch hat er, sogar 'n doppelten.«

Und weiter nichts – daß er auch wieder ganz heil und gesund würde?«

»Ganz heil und gesund grad' nicht, aber 'n Krüppel auch nicht.

»Und mit'm Kopf? Was sagt er?«

»Der könnt' schon 'n bißchen schwach bleiben, verstehst, lieb' Seelchen. Ich war mein Leben lang schwachsinnig, sagten die Leut', und ich konnt' doch weise Frau werden. In zehn oder zwanzig Jahren wär' der Bauer sowieso schwachsinnig; über kurz oder lang werden wir's alle. Das ist nix von Belang, rein gar nix. Pfleg' 'n nur wieder gesund, den armen, kleinen Meister.«

Gètrou tritt ohne ein Wort in die Küche zurück.

»Die hat sich's Gesicht krebsrot geheult,« sagt der Hütbube, der flach auf dem Boden sitzt und schält, »und vorhin hab' ich den Alexand drin losfahren gehört.«

»Da hast Dich gewiß verhört, mein Söhnchen – und nun weiter im Text.«

» Et cum spiritu tuo,« wiederholt der Bube.

» Orate fratres«, lispelt Anntschenne und hält beim Schälen inne.

Und dann tritt einer in die Hofeinfahrt, der sagt:

» Pax vobis!« Das ist der Hirt. Er hat die Schafschere unter'm Arm, das verwaschene und mehrfach geflickte Wams aufgeknöpft und die ausgebrannte kurze Pfeife im Mundwinkel. Anntschenne, Ihr seid 'n Segen fürs ganze Dorf, und wenn Ihr dem Lausbub auch noch 's Messedienen beibringt, dann wird Euch unser Pfarrer von der Kanzel runter für das gute Werk danken. Der Bub' hat 'n vernagelten Kopf, und wenn's nicht grad' Ferkel sind, bringt er auch beim Hüten nix fertig. Die Giètschafe sind derweil bis auf die Knochen abgehungert, das sieht man fünfzig Schritt weit, wenn man nicht grad' scheel ist. Ich traue Euch zu, daß Ihr nicht scheel seid, Anntschenne.«

Seine listigen Augen verschwinden unter dem Hautgefältel. Er lauert und lächelt, und nun weiß man, daß er die richtige Fährte hat, aber er ist ein Leisetreter und scheut auch Umwege nicht. Der Hütbub glotzt ihn vorwurfsvoll an, Anntschenne sagt nichts und schält weiter. Da lenkt er ein.

»Ich wollt' heut' die Schafe scheren, habt Ihr sie eingetrieben?«

Anntschenne weist mit dem Schälmesser in die Küche zurück.

»Besprecht das mit der Gètrou, die weiß alles, Michi.«

Er lauert auf und sondiert.

»Vielleicht mehr als Ihr, qwai, Anntschenne? Es ist ein Elend, wie's jetzt auf'm Gièthof zugeht,« wispert er und bückt sich zu ihr.

Sie nickt und schält.

»Uch, Herr Jemmersch, ja, 's ist 'n Elend, wenn der Mann niederliegt, aber wie Ihr sagt, 'n Glück ist's, daß die Gètrou mehr weiß wie ich, sonst kämen wir hier nicht aus der Arbeit. Die kann's, Michi, die springt mit zwei Füßen mitten 'rin, junges Blut, Michi, qwai

»Ja, junges Blut und alte Narrheit,« knurrt er, geht bis zur Küchentür und bleibt stehen, »hört, Anntschenne, der Wollstaub ist schädlich für die Lungen, wegen meiner Gesundheit trink' ich da immer 'n Pékèt oder zwei.«

»Michi, lieber, guter Mann, tut das nicht. Der Pékèt hat Euch schon 's Fleisch von den Knochen gefressen. Ihr dörrt aus, lieber, guter Mann. Laßt Euch 'n Glas Milch geben, Ihr sollt mal sehen, wie das Euch klar hält, und dann kann ich auch ruhig sein wegen den armen unschuldigen Hämmeln, die ritzt und schneidet Ihr nicht blutrünstig, und das kann vorkommen, wenn man Pékèt trinkt, lieber Michi.«

Der ist schon längst unter der Türe fort in der Küche.

»Er hat 'n Gesicht gemacht, als wollt' er Euch fressen,« berichtet der Hütbub.

»Weiter im Text,« sagt Anntschenne, » Suscipiat Dominus sacrificium ...«

Von der offenen Hintertür her der helle Fütterungsruf nach den Hühnern. Gètrou steht auf der Türschwelle, und um sie mit Flattern, Görlen und Gackern die entzückte Hühnerschar; weiter hinüber dem Bahndamm zu klopft Alexand die Zaunlatten zusammen. Michi klinkt erst leise die Stubentür auf und wirft einen neugierigen Blick hinein. Schon will er wieder zurückschleichen, da sieht er die halboffenen Augen des Bauern.

»Gu'n Tag, Meister Gièt, wie geht's?« Der starrt ihn an und sagt nichts. »Gu'n Tag, steht Ihr bald auf? Der Alexand ist zurück? hai, 'n strammer Kerl!« Das Hinstarren des Bauern macht ihn beklommen. »Der Hahn guckt wieder ins Regenloch, und aus'm Venn hört man jede Nacht das Moorhuhn. Dann ändert sichs Wetter.«

Des Bauern Augen vergrößern sich.

»Du! Du! Hast Du's auch am Tümpel gehört?« flüstert er wirr.

» Abin, überall. Ihr werdet's ja auch schreien hören, da Ihr jetzt Nacht für Nacht hier stilliegen müßt.«

»Ja, ich hör's, die Gètrou hört's auch, aber die sagt's nicht.«

»Was sagt die nicht?«

Da rinnt die Nebelhaut von des Bauern Auge, sein Blick ist klar:

»Bist Du der Michi?«

» Aie, aie, der Michi.«

»Dann mach' Dich 'naus! Mach' den Laden am Heustock zu. Was brauchst denn alles zu sehen!« Seine Gedanken verwirren sich wieder. »Mach' den Laden zu!« schreit er. Da langt ein Arm über Michis Schulter und schließt die Tür.

»Hier hat'n Spion nix zu suchen,« sagt Gètrou, die hinter Michi steht und nach der Haustür weist. Über Michis Gesicht reißt und zerrt ein Zwiespalt von Empfindungen. Er weiß nicht, ob er ihr ins Gesicht lachen oder schlagen soll. Schließlich tut er keines von beiden und fuchtelt ihr spielend mit der Schere vor dem Gesicht.

»Die Nas' abschneiden müßt' ich Dir, mit Rumpf und Stumpf abschneiden! So mit 'm besten Freund von Deinem Vater zu verfahren! No, nix für ungut,« er geht ihr nach bis zur Haustür, »ich halt' mit keinem Menschen Feindschaft, auch mit Dir nicht, Gètrou, die Hand druff und, wie gesagt, nix für ungut.«

Sie sieht über die magere, zitterige Hand mit den stumpfen, unsauberen Fingern hinweg und ruft ihre Hühner.

» Abin, auch gut. Unrecht leiden ist besser als Unrecht tun,« und nun platzt er frech heraus, »'s ist üblich, daß der Hirt bei der Schafschur drei Schnäpse kriegt. Andere Leute wissen das, auf'm Gièthof muß man's erst betteln, seit die Bettelmam'zelle auf'm Hof ist. Die hat 'n Bettelsack an den Nagel gehängt und läßt sich jetzt anbetteln. So geht's immer; wenn der Dreck zum Mist wird, will er gefahren sein.«

Auch darauf antwortet das Mädchen nicht und ruft nur noch heller und freundlicher in das Hühner- und Hahnengeschrei. Wütend stapft er zu Alexand hinüber. Der steht im hellen Sonnenschein und schwitzt. Als Michis Schatten in seine Arbeit fällt, sieht er auf und von ihm weg zu Gètrou hin. Da empört sich wieder etwas in ihm, und es schmerzt doch, und er möchte zu ihr gehen und sagen:

»Du hast in mir etwas zerschlagen. Wenn ich Dich hassen könnte, wär's mir wohl, aber ich kann's nicht.«

Michi spricht mit ihm, da sieht er noch immer hinüber und meint in ihrem Blicke eine Angst flimmern zu sehen, die geheim ist, aber in die zuckenden Augenlider hineinvibriert.

» Bin, scher' nur die Schafe,« sagt der Michi und stützt sich auf den Zaun.

»Es ist doch nix, daß Ihr sie nicht mehr mit auf die Weide schickt. Die magern Euch ab wie 'n Trappist in der Fast.«

»Warum nimmst sie nicht mehr mit?«

»Hör', Alexand, mach' Dir 'n Vers drauf: Die Gètrou will nicht!«

» Bin, dann nicht!« Er sieht, wie sie ein Huhn von dem Butterfaß heruntergejagt und wie nun das ganze Hühnervolk aufflattert.

»Und die hat jetzt den Hof in der Tasche!« Michi schluckt an seinem Ärger.

»Einer muß doch befehlen auf'm Hof, wenn's der Herr nicht mehr kann, tut's der Knecht. Der Giètherr aber ist krank.«

»Und jetzt ist sie immer noch der Herr.«

»Jetzt ist's der Giètsohn, das geht doch immer so.«

» Abin, dann wirst jetzt wissen, wie's nicht geht. Dir werden die zwei Augen aufgehen wie Pflugräder so groß. Das Geschwätz –«.

»Mit 'm Geschwätz laß mich in Frieden.«

Die Hühner fliegen görlend die Leiter hinauf, die gegen das steile Dach des Stalles anlehnt.

»Du bist 'n rechtschaffener Kerl, Alexand, und 's ist grad' die rechte Zeit, daß Du heimkommen bist, – die höchste Zeit sozusagen. n' alter, kranker Mann weißt Du – no, da geht's wie's kann, weißt, damals war er auch krank, zwei oder drei Tag' lang. Das weißt wohl noch nicht. Der Krebsenmattes sagt, er war ganz fiebrisch gewesen, und in einer Nacht lief er wie 'n böser Geist im Haus 'rum – sogar zu Gètrou in die Kammer. Mag die 'n Schreckschuß gekriegt haben – so mir nichts dir nichts plötzlich den Meister Gièt in der Kammer! Qwai, davon weißt nichts? Das ganze Dorf war in Aufruhr, und böse Zungen gibt's überall, auch in Sourbrodt, und die Taline nimmt kein Blatt mehr vor'n Mund, seit die Daditte nicht mehr auf'm Gièthof bleiben wollt'. – Sicola! Was machst denn da?«

»Rück 'n Schritt weg; Du stehst höher, und ich kann nicht sehen, wie's da hinten zugeht.«

Mit einer Armbewegung fegt er den Schwätzer zur Seite. Drüben flattern die Hühner wirr und irr aufs Dach.

»Hast denn nicht 'n Fitzelchen gehört, was ich Dir sag'?« eifert Michi. »Die Dorfleut' meinen, man könnt jetzt seine Reputation auf'm Gièthof verlieren. Das meine ich auch. Und wenn Du's jetzt grad' so machst wie Dein Vater und Dich von der Krebsenmattestochter unterkriegen läßt, muß sich der Pfarrer 'mal 'reinlegen. Das verlangen die Dorfleut' und ich auch, ich am meisten, ich hab' ja auch 's meiste gesehen – Sicola! Was machst denn jetzt schon wieder!«

Der Giètsohn greift den schmächtigen Michi an der Schulter, daß er meint, die Knochen müßten ihm knacken; aber Alexand späht scharf aus nach dem Stalldach, auf dessen steile Spitze ein Huhn flüchtet und dort im Stroh mit dem Fuß festhängt, flattert und schreit. Gètrou klettert die Leiter hinauf.

»Herrgott! Will die auf's Dach? – Gètrou!«

Er schleudert den Hirten wider den Zaun und läuft über die Wiese dem Stall zu. Gètrou sieht ihn kommen und hastet die Sprossen hinauf, daß die Leiter schwankt. Mit einem Sprung setzt er über das Jaucheloch und rüttelt an der Leiter.

»'runter, Gètrou, das ist nichts für die Frauleut'!«

»Für den Hofbauer auch nichts, dann für mich schon eher.«

»Du kannst nicht auf das Dach 'nauf, 's ist zu steil. Weiß denn gar nicht, was Dir passieren kann?«

»Man bricht die Knochen und weiter nix!«

Jetzt nimmt er gleich drei Sprossen und holt sie droben ein. Sie steht schon auf dem Dach und hält sich an den Dachhaken fest. Er faßt sie um die Hüften und will sie heruntertragen, zieht und zerrt und bekommt ihre Hände nicht los.

»O Du! Du!« sprüht sie ihn an, »willst Du mir die Arme ausreißen?«

»Ich möcht' Dir schon ganz was anders antun,« sagt er ihr zornrot.

Da löst sie die Hände und wirft beide Arme um seinen Hals.

»Schmeiß mich 'runter, Alexand! 's ist das Beste, was Du tun kannst für Dich und mich. Ich sag's Dir im Guten, Alexand, und meinen Verstand hab' ich beisammen: schmeiß mich 'runter! Ich hab's in meinem Leben nie ernster gemeint wie jetzt. – O, Alexand, was drückst mich so? Ich – kann – nicht mehr – atmen!«

Sie liegt wie leblos in seinen Armen, ihr Blick hängt an seinem glühenden; ihr Herz klopft in rasenden Schlägen gegen seine Brust. Da sagt er ihr heiser:

»Dir kann ich nichts antun, und wenn sie mir das Schlimmste von Dir zutragen! Gètrou, wenn ich Dir's Herz aufreißen könnt' und hineinsehen! Du bist niederträchtig, Du lügst! Du kommst vom Krebsenmattes! Aber,« er reißt sie wild an sich, »ich kann Dir nichts antun!« So trägt er sie zur Leiter. Sie nestelt sich los, drängt ihn zurück, fleht – hastet – sie ist wirr, mit glühendem Kopf wie im Fieber.

»Ich kann allein 'runter – geh!« Sie rast die Leiter hinab ins Haus, in die Stube, ans Bett. Da sitzt sie und stiert das Kruzifix an. Hat sie es geschworen? Hat der Herrgott es gehört? Nur ein paar Minuten später, dann – dann hätte sie es nicht geschworen, nicht in dem gewollten Sinne! Um ein paar Herzschläge lang kam das Glück – das große, unfaßbare Glück, zu spät! Nicht das Glück, das ihr damals in der Scheune kam. Da schrie sie die Freude heraus. Das Glück von heute brennt in ihr wie ein stürmisches Sehnen, das läuft ihr warm und wohlig durch den Körper und jagt alles Schlechte und alle Selbstsucht und alle Schadenfreude aus ihr heraus und will nur die vier Wände, wo sie beisammen wohnen können – sie mit ihm!

Und jetzt kann sie Giètbäuerin werden durch ihn.

Und jetzt ist sie gebunden durch diesen da, der ein Krüppel wird, vielleicht ein Idiot! So hat sie's gewollt!

Sie krallt die Hände ins Haar, rutscht vom Stuhl ab und kauert vor dem Kruzifix.

»Lieber Gott von Holz!« sagt sie mit klappernden Zähnen, »wie hart ist Dein Gesicht!« Sie fällt zurück. Der Kopf schlägt gegen die Bettstelle. »Hätt' er mich doch 'runter geschmissen! Aber er konnt's ja nicht! Er – kann – mir nichts – antun!« Sie nimmt jedes Wort wie eine Süßigkeit in sich auf. Mit den Lippen formt sie's immer wieder und schließt die Augen und sieht wie verklärt aus und träumt und lächelt, und die Tränen rollen ihr über die Wangen und tropfen ihr in den Schoß, und immer heißer quellen sie unter den geschlossenen Lidern heraus, und sie meint, so müsse sie weiter weinen bis in den Tod hinein. – Zu dem Hofe herein stapft Frè Thoumas und zieht an einem Strick hinter sich her einen Ochsen.

» Hoûte, Ihr zwei! Ist der Alexand auf'm Hof, Anntschenne?«

»Hinter'm Haus, Frè Thoumas, geht nur zu ihm, der Alexand hat gern mit dem guten Frè Thoumas zu tun. Der wird 'n Freud' haben!«

»Ob der grad' Freud' hat –« Frè Thoumas reibt sich verlegen mit der rauhschwieligen Hand im Nacken, »ich komm' von Malmdey.«

»Vom Viehmarkt, gelt, Frè Thoumas? Der Alexand hört immer gern 'was von Vieh, geht nur zu ihm.«

» Hoûte, Anntschenne, Du kannst einem 's Fett von der Supp' schwätzen, aber 's Richtige triffst doch nicht – hepp! Kaddèt« (Name für die Ochsen).

Er zieht an dem Strick mit beiden Händen, krümmt den Rücken und zieht, aber der Ochse stemmt die Füße ein, streckt den Kopf vor, ließ sich eher den Hals ausrecken, aber weiter geht er nicht. Und weil ein braver Bauer sich nach dem Willen des lieben Viehs richtet und Frè Thoumas ein braver Bauer ist, ruft er den Hütbuben an, er möge ihm den Alexand herschicken. Dann streichelt er den charakterfesten Kaddèt zwischen den Hörnern, klopft ihm auf das kauende Maul und dreht sich nach Alexand um, der über den Hof kommt.

»Habt Ihr den in Malmedy gekauft?« fragt der junge Hofbauer, greift dem Ochsen in die schlampernde Halshaut und reißt ihm das Maul auf, um sein Gebiß zu prüfen.

» Sicola! Kennst Du denn meinen Kaddèt nicht mehr? Ich hab' 'n nicht verkaufen können. Du weißt, wie die Viehmärkt' in Malmedy sind. Es war keine Nachfrag', ja, und –« er drückt sich die Mütze in den Kopf, »zuguterletzt war's mir auch nicht mehr drum zu tun; 's wird da 'n Geschwätz gemacht – 'n Geschwätz!«

»Schwätzt man auch in Malmedy? Was geht's uns an!«

»Ich mein' doch – grad' über uns Sourbrodter schwätzt man. Es red' sich 'was da 'rum wegen dem Bahnunglück. Wir sollen schuld d'ran sein; es ist mir in die Knochen geschlagen, kannst mir's glauben, Alexand.«

»Ich kenn' Euch für vernünftig, Frè Thoumas, aber jetzt seid Ihr's nicht. Wenn Euch dran gelegen ist, holt sie vors Gericht, da müssen sie's beweisen.«

»Werd' ich bleiben lassen, die wollen's uns grad' beweisen.«

»Aber können's nicht.«

»Weiß nicht.«

»Sapristi! Frè Thoumas, habt Ihr denn die Geleise aufgerissen?«

»Ich nicht! Ich schlag' Dir die Backe blau.«

»Dann irgend ein anderer – Ihr kennt ihn!«

»Aber beweisen kann ich's doch nicht.«

»Mir könnt Ihr's schon sagen.«

»Ich sag's ja aber gar nicht, hörst denn nicht, Du? 's Geschwätz geht so in Malmedy. Die Untersuchung wär' eingeleitet. Zu dem alten Speckschwarte ist schon einer kommen und hat ihn kreuz und quer ausgefragt. Heut' oder morgen wird einer von uns ausgeholt, das kannst glauben, und auf Deinen Hof kann alle Stund' einer 'reingeschneit kommen; das wollt' ich Dir sagen, dai m' fis«. (Da, mein Sohn). Frè Thoumas hat auch für seine Ochsen dieselbe Redewendung, daher brüllt der brave Kaddèt verständnisvoll auf und stößt mit dem triefenden Maul an des Bauern Arm. Von der andern Seite fährt ihn Alexand an.

» Eh bin! Alles habt Ihr mir noch nicht gesagt.«

»Frag' Deinen Alten, Alexand.«

»Der – kann mir nichts sagen. Er hat's Fieber.« Er reckt sich in die Schultern und sieht den Bauer fest an. »Ihr meint also, er hätt's getan.«

» Bin, hör', Alexand, wenn Du noch einmal sagst, was ich meine, hau' ich Dir eins 'runter. Ich werd' mich hüten, jetzt noch 'was zu meinen, eins, zwei, drei holen sie einen vor's Gericht. Einmal bei dem Krebsenmattes haben wir unser Mundwerk laufen lassen, jetzt weiß 's Gericht jedes Wort. Wir Bauern schwätzen uns 'rein und wissen's noch nicht 'mal. Abin, Dein Alter hat drei Runden gesoffen, wir haben den Giètkopf gewärmt, und so ist er fortgegangen. Dann ging ich heim, und unser Frau hat mir die Höll' heiß gemacht. Ich wär' 'n Hund im Rock, hat sie gesagt, und kein Gewissen hätten wir im Leib, wir allemal nicht, wir Süffer, und wenn jetzt 'n Unglück kam – mi binamé (mein Guter), und da kam's! Wer's gewesen ist von uns – wir waren Stücker acht –,« Achselzucken. »Bestimmt weiß ich nur, daß ich es nicht war.«

Alexand schüttelt den Kopf und legt sich gegen den Wanst des Ochsen.

»Ich weiß nicht, was Ihr wollt, Frè Thoumas, warum hätte der Vater denn hernach sein Leben drangesetzt, um den Zug zum Stillstehen zu bringen? Ich denk' mir, die Sache ist so: Der Vater hat die Stämme auf den Schienen liegen sehen, und weil ich in der Bahn war, hat er's Haltzeichen gegeben. Wär' ich nicht drin gewesen – bin, vielleicht hätt' er's nicht getan.«

Frè Thoumas' Gesicht verrät in diesem Augenblick nicht mehr Intelligenz wie sein braver Kaddèt. Die Beweisführung ist wunderbar aufgebaut, aber er hätte sie mit einem Worte zusammenrütteln können. Das Wort sagt er nicht – des guten Einvernehmens halber. Wenn es drauf ankam, mochte der alte Speckschwarte reden, er nicht.

» Abeye (spute Dich), Kaddèt!« sagt er, wirft den Strick über die Schulter und zieht an dem Ochsenhorn, »ja, Alexand, so wird's gewesen sein, sag' das denen, die von Malmedy kommen.«

»Ich hab' mir's überlegt, Frè Thoumas, denen von Malmedy spar' ich den Gang und geh' selbst hin.«

Da läßt Frè Thoumas den Strick lose und starrt den jungen Hofbauer an. Der streicht dem Ochsen die Heufäden vom Halse und wiederholt es.

»Ja, Frè Thoumas, ich geh' heut' noch zum Bürgermeister und frag' 'mal an, wie die Sachen stehen.«

» Sicola, so 'was kannst in Berlin tun, aber hier herum! No 's geht doch keiner selbst in die Falle. Schlaf' drüber, und dann tust's gewiß nicht.«

»Ich geh', Frè Thoumas, der Zug fährt jetzt ab, und dann bin ich für heut' abend wieder zurück.«

Frè Thoumas spitzt die Lippen und stößt einen verwunderten Pfiff aus.

»So schnell geht das?«

»Per Dampf, ja 'n ganze Stund' spar' ich am Hinweg.«

Frè Thoumas pfeift wieder.

»Das könnt' man Sonntags 'mal tun,« und dann lacht er verlegen über den Luxus, den er sich gönnen will.

» A torate (bis gleich), Alexand, und viel Pläsier.«

Und weiter zieht er, steifbeinig wie sein Ochse.

Alexand geht schnell dem Hause zu. Gètrou kehrt die zerstreuten Kartoffelschalen nach der Hecke hinüber und dreht dem Vorübergehenden den Rücken. Der geht aber nicht vorbei, bleibt stehen und sagt:

»Ich muß jetzt gleich nach Malmedy. Wenn ich fürs Abendmus nicht zurück bin, wartet nicht auf mich. Laßt mir nur die Tür auf, daß ich 'rein kann.«

So stand auch einmal der Giètbauer vor ihr und redete ähnlich. Ein geheimer Schrecken fährt in sie hinein. Sie dreht sich langsam um und legt den Kopf gegen den Besenstiel. Ihr Gesicht ist verändert wie nach einer Krankheit. Um die Augen schatten dunkle Linien. Alexand kennt sie nicht wieder, auch ihre Stimme nicht.

»Was willst Du in Malmedy? Ich bleib' nicht gern für die Nacht allein mit'm kranken Mann. Es könnt' 'was passieren.«

»Halt den J'han Marnette für die Nacht da. Um sieben Uhr kommt der aus'm Venn.«

Da sprenkelt ein leichtes Rot ihr Gesicht.

»Mit dem Marnette komm' ich nicht übereins, das weißt Du.«

» Bin, ich bin vor Nacht zurück. Ich hab' mit dem Bürgermeister 'was.«

»Wegen der Bahn? Der Frè Thoumas hat Dir 'was zugetragen.«

»So ist's, wegen der Bahn. Hast auch gehört, was es ist?«

»Sie sollen im Wirtshaus im Suff geredet haben, und jetzt sitzen sie in der Falle.«

»Nur einer sitzt drin,« er weist nach dem Stubenfenster, »nun muß ich 'rausfinden, ob einer, der seinen Verstand nicht mehr hat, strafbar ist.«

»Das hast Du dem Frè Thoumas gesagt?« Ihre Augen starren ihn geisterhaft an.

»Das hab' ich ihm nicht gesagt, aber 'was anders! Du hättest 's nicht besser sagen können,« ein schneller, prüfender Blick fliegt zu ihr hin, »der Vater, sagt' ich, hat die Stämme auf den Schienen gesehen und gab das Haltzeichen, weil sein Sohn, der Hoferbe, im Zug saß – so sagt' ich.«

Langsam läßt sie den Atem ausfließen.

»So und nicht anders mußtest Du sagen.«

Jetzt tritt er dicht zu ihr.

»Ja, das mußte ich sagen, aber – ich glaub's nicht!«

Sie will ihm etwas zuflüstern oder nachrufen, da ist er schon im Haus. –

Von den Feldern aus dem Wiesendunst heraus ein greller Lokomotivpfiff – Dampf, Qualm und Holpern!

Gètrou steht noch immer unbeweglich, krampft die Hände um den Besenstiel und denkt, es könnt' jetzt fast schon zu viel werden für sie. Da kommt Alexand wieder die Treppe herunter, geht schnell in die Stube hinein und bleibt dort einige Atemzug lang. Was mag er da gedacht haben? Man kann in wenigen Sekunden viel zusammendenken. Das weiß sie.

Aus der Küche heraus kommt er und knüpft sich die Halsbinde. Die dunkle Joppe strafft ihm um den breiten Rücken.

A r'veye (auf Wiedersehen), Gètrou,« sagt er leise und streckt ihr die Hand hin.

Die übersieht sie und bürstet ihm den weißen Kalkflecken vom Ärmel.

»Du gibst mir die Hand nicht?« Die Zornröte schießt ihm ins Gesicht.

»Wenn Dir dran liegt – da!«

»Es liegt mir nix dran!«

Er ist an ihr vorüber und zum Hof hinaus. Der Zug rasselt vor das Stationshaus. Eine Tür klappt. Fertig! Fernes Rollen – eine Dampfsäule, die über den Feldern zusammenbricht, und nichts mehr! Totenstille im Dorf, im Venn und – auch bei ihr im Herzen drinnen. Sie hat sich ausgeweint. Ein dumpfer Schmerz brennt ihr über den Augen. In den Knien liegt ihr etwas Müdes, Schweres, auf den Schultern eine Last zum Niedersinken! Die hat sie sich schwerer gemacht, als sie tragen kann, aber getragen muß sie werden! Vor dem Kruzifix hat sie es geschworen. Jetzt bangt sie und zittert, wenn sie das Kreuz sieht. Sie hat das Heilandsgesicht immer in mildem Dulden gesehen, jetzt scheint's ihr zu drohen, in herben Linien zu erstarren, von ihr das Geschworene zu fordern. Sie fürchtet das Gottesgesicht, das Gebet, ihre Gedanken, ihr Herz. Sie weiß, wenn sie die strengen Gottesaugen nicht mehr sieht, wenn sie den Schwur nicht mehr hört, dann ist kein Halten mehr in ihr.

Und ihr Bangen und Wähnen fliegt dem Zuge zu.

Auf Malmedys Bergen flackern und qualmen die Kartoffelfeuer. Die Alten und Jungen hocken im Feuerkreis, streichen Butter, Salz und Pfeffer auf die mehlig aufplatzenden Kartoffeln, lassen die Schnapsflasche in der Runde kreisen und singen und lärmen die Jauchzer und wallonischen Sänge. Küßnée nennen sie's, ländlich-bäuerisch ist's, aber der wallonische Bauer fühlt sich in Malmedy »in der Stadt«. Da wohnen die Reichen in Patrizierhäusern, und eine feine Luft weht, fast Parfümluft. Alexand konnte durch die Berliner Straßen nicht zaghafter gehen als an Malmedys feierlich-adretten Häuserreihen vorüber.

Ganz vorn am Stadteingange die Felszacke fast auf den Häusergiebeln, und ihr langer Rücken eng und häuslich und liebevoll um die Stadt herum, mit Büschen und Bäumen voll gespickt! Auf dem weiten Marktplatz der vielstrahlige Brunnen, ein nichtssagender Obelisk darauf. Das könnte ein Denkmal sein, wenn auf seiner stumpfen Abflachung eine Frauenbüste thronte und darunter »Marie, Anne Libert, berühmte Botanistin«. Sie war eine Wallonin, und in der Welt draußen nennt man sie eine Zierde der Wissenschaft. Das wissen die Wallonen nicht, und der Brunnenstein bleibt wie er ist – nichtssagend aber gut gemeint.

Alexand geht über den Marktplatz und nach der Lindenallee, da steht das alte Bürgermeisteramt. Ein weiter Hausflur, ausgetretene Steine und kahle Wände.

»Gu'n Tag; ist der Bürgermeister da? Ich möcht' 'n Rat.«

Der städtische Ausrufer geht zum städtischen Sekretär.

»Ist der Bürgermeister dort? Der da möcht' 'n Rat.«

Der Stadtsekretär macht die anliegende Tür auf und sagt hinein:

»Da ist einer, der möcht' 'n Rat.«

»Lassen Sie ihn hereinkommen,« sagt der Bürgermeister zum Stadtsekretär.

»'Reinkommen,« sagt der Stadtsekretär zum Ausrufer.

»Rinn!« sagt der Stadtausrufer zu dem Hofbauer, und der stapft stramm zu der Tür hinüber, als ging's »die Waden 'raus« über den Exerzierplatz.

»Gu'n Tag, Herr Bürgermeister.«

»Was ist's denn, Junge?« Der greise Kopf liegt über den Aktenstößen, das Gesicht taucht in die Blätter hinein, und halblaut liest er die Zeilen nach. Nun weiß Alexand nicht, wie er die Sache »anpacken« soll und schweigt. Der vielbeschäftigte greise Mann sieht flüchtig auf, und da er schon öfters mit derartigen Verlegenheitspausen zu rechnen hatte, gibt er ihm Zeit zur Fassung und liest halblaut weiter.

»Ich komme aus Sourbrodt,« sagte Alexand, um nur endlich den Mund aufzumachen und legt die Hand mit der Mütze auf den Rücken. Der Herr nickt und liest.

»Nur so weiter!«

»Ich bin der Sohn vom Meister Gièt.«

»Du bist der Sohn vom Meister Gièt – weiter!«

»Ich komme wegen dem Bahnunglück.«

»So?« Der weiße Kopf schnellt auf. Zwei ruhige Augen fixieren ihn, »hast Du es vielleicht getan, Junge?«

»Ich war ja selber in dem Zug und kam von Berlin 'runter. Mein Vater hat den Zug zum Stillstehen gebracht, sonst wäre das Unglück passiert.«

»So? Und nun willst Du veranlassen, daß Deinem Vater eine Belohnung zugeht? Du meinst es gut –«

Da reckt Alexand die Schultern.

»Wir Giètbauern brauchen keine Staatsgelder. Mein Vater tat's, weil ich, sein Sohn, im Zug war. Um das andere kümmert er sich nicht. Jetzt ist er auf den Tod krank, und sein Verstand hat gelitten. Da kann er nichts mehr aussagen, wenn Sie jetzt mit der Untersuchung 'rauskommen. Das wollt' ich Ihnen sagen.«

»Hm,« der alte Herr reibt sich das Kinn, »hm«, und dann sagt er eine Weile nichts mehr, aber er sieht den jungen Wallonen an und sagt wieder: »Hm! Das letzte Mal, als wir da waren, hatte er auch eine Krankheit. Damals kam ein Eisenbahnarbeiter nicht mehr lebend aus dem Venn zurück. Der hatte Deinem Vater Rache geschworen. Aber – hm! – da war ein junges Mädchen im Hause, das machte eine ganz verblüffende Aussage, und die Sache wurde niedergeschlagen.«

»Herr Bürgermeister, diese Aussage müßt' ich wissen.«

Er steht jetzt dicht vor dem Aktentisch. Der alte Herr streckt den Arm aus.

»Pst! Bleib' da stehen, wo Du warst. Die Aussage steht in den Akten und geht Dich absolut nichts an. – Was willst Du jetzt noch?«

Seine Stirne, die breite Giètstirne, zeigt die tiefe Falte.

»Ich gebe hier zu Protokoll, daß mein Vater auf den Tod krank und nicht mehr bei klarem Verstand ist. Das kann Ihnen der Doktor bestätigen. Auf den Gièthof darf keiner vom Gericht. Ich wollt' Ihnen den Weg sparen. Mein Vater kann keine Aussage mehr machen.«

»Wenn das sich so verhält und der Arzt es bestätigt, dann ist er überhaupt straffrei: und wenn die Gründe auch gegen ihn sprächen, wir könnten nicht mehr eingreifen. Jetzt geh' nach Hause, Junge, das war ja wohl der Rat, den Du haben wolltest.«

Mit hängenden Schultern geht er bis zur Türe, da besinnt er sich: »Adjüs, Herr Bürgermeister,« und dann rennt er hinaus, als müsse er sich flüchten vor den Blicken der Städter, er, der die Schmach seines Vaters trug. Und sie wußte darum! Wenn er doch aus diesem Mädchen die Wahrheit herausholen könnte!

Die Luft wird ihm zu enge. Es schweben unsichtbare Netze darin, die sich um seine Schulter legen und seine Arme fesseln, die ihn einspinnen, immer fester, bis er nicht mehr atmen, nicht mehr denken kann. Was glaubt er denn von alledem? Teufel! Was ein guter Sohn glauben muß, aber das eine nicht – das eine glaubt er nicht, will er nicht glauben, daß sein Vater der Täter ist; er ist nur der Mitwisser in dem Komplott – für seine Ehrenhaftigkeit schon zu viel! Ein Giètbauer muß die graden Wege gehen!

In dem Stationsgebäude tritt er in den Wartesaal und trinkt am Büfett stehenden Fußes sein Bier. Hinter ihm kommt ein anderer herein, der die Anwesenden in helle Verwunderung setzt. Das ist einer, den die neue Bahn dem weltfernen Wallonenstädtchen zugeführt hat – schon ein Fremder!

Sie sind alle stolz auf ihn. Er ist zwar etwas buntscheckig und grell herausgeputzt, aber das erhöht den Reiz. Der Wallone liebt die bunten Farben. So sind sie denn von ausgesuchter Höflichkeit und um seine Bequemlichkeit besorgt. Sie trinken ihm zu und möchten ihn über dieses oder jenes befragen. Der aber ist um seine Person beschäftigt und bemerkt die kleinen Aufmerksamkeiten nicht. Seinen Plaid legt er säuberlich auf den Stuhlsitz, setzt sich darauf, bläst den Staub vom Tisch, ehe er sich aufstützt, und – putzt seine Nägel. Da läßt man ihn und witzelt und stößt an die Gläser und erhitzt sich in lauter Rede und singt das Lied von der Maiennacht, das träumerische Lied, das sie immer singen müssen, wo zwei oder drei beisammen sind; und die frohlaunigen Männerstimmen fügen sich zum Vierklang zusammen, ein Choral der Liebe ist's vor leeren Biergläsern und vor einem, dem sie das Herz entzwei singen:

»Welch' schöne Nacht, die Maiennacht,
Wenn uns das Glück der Liebe lacht!«

Da trinkt der Alexand sein Glas aus und geht hinaus. Auch der Fremde steht auf, und an der Türe treffen sie zusammen.

»Sie da, Sourbrodter, Sie können wahrscheinlich das Singen auch nicht vertragen; ich sehe, wir stimmen in vielem überein – Sie kennen mich doch noch?«

»Ja, jetzt kenne ich Sie; der Irländer, nicht wahr?«

»Sie scheinen sehr Ihre eigenen Gedanken zu haben, ich habe auch die meinigen, aber ich weiß doch, was um mich vorgeht, sehr wohl weiß ich das. Sie wissen das nicht. Sie stehen am Büfett, trinken und sehen nichts. Ich trinke nichts und sehe alles. Ich habe etwas Wunderbares gesehen,« er klopft ihm auf die Schulter; da er bedeutend kleiner ist als Alexand, muß er an ihm hinaufrecken. »Was meinen Sie nun, was ich gesehen habe? – Gold habe ich gesehen!« Er schnellt um drei Schritte zurück, um den Eindruck seiner Worte zu prüfen.

»Gold,« wiederholt Alexand mit großem Unverständnis, »wenn Sie reich sind, ist das keine Seltenheit.«

»Sie, Sourbrodter, ich bin nicht reicher als ich sein muß, um in einem Bauernhaus am Ende der Welt zu wohnen, aber Ihr Eifler seid reich, ganz unsinnig reich, und habt keine mondscheinblasse Ahnung davon. Das Gold fließt bei Euch in Kanälen, und Ihr sitzt daneben und denkt: Das ist Wasser! Was könnte bei uns anders fließen als Wasser! Was sollten wir anderes trinken als Wasser! Wir brauchen nur Wasser, und wenn wir tot sind, brauchen wir auch das nicht mehr. – Ja, reißen Sie die Augen auf. Bei Ihnen bin ich jetzt schon der verrückte Irländer; ist's nicht so?«

Der sagt statt der Antwort:

»Ich fahr' mit dem nächsten Zug zurück.«

»Der nächste Zug geht in zwei Stunden aufwärts an, das müssen Sie doch wissen; aber Sie wissen nichts, ich muß Ihnen noch vieles sagen, ehe Sie zu einem einigermaßen brauchbaren Wissen kommen. Sie haben Zeit, und wir gehen jetzt nach Faymonville.«

Er nimmt ihn unter den Arm und drängt ihn zum Ausgang. Da bleibt Alexand stehen und geht nicht weiter.

»Ein ander Mal, vielleicht am Sonntag,« redet er gütigend dem Irländer zu wie einem Kinde oder einem Kindischen oder schon einem Verrückten. Der lacht belustigt.

»Nein, nicht am Sonntag, heute, heute, heute! Ich will Ihnen aber zur Beruhigung sagen, daß meine fünf Sinne in guter Ordnung sind. Kommen Sie mit nach Faymonville, da zeige ich Ihnen das Unglaubliche, ich lege es Ihnen in die Hand, dann können Sie es prüfen und abschätzen,« und nun flüstert er ihm zu, »ich habe Goldkörner im Sand gefunden! Die arme Eifel birgt Gold! Was sagen Sie dazu? Und nun wissen Sie auch, warum ich hierher kam und wie ein Einsiedler leben will.«

Alexand faßt das Resumé seiner Gedanken zusammen und sagt:

»Wer hat Sie auf so'n dummen Gedanken gebracht?«

Unwillkürlich folgt er aber dem Irländer, der aus den Bahnhofsanlagen eine Treppe hinuntersteigt und in die Landstraße einbiegt. Ein Laubgewölbe über ihnen. Die langen Baumreihen greifen mit blätterdichten Armen ineinander, und zwischendurch sickert die Sonne und streut hie und da ein blinkendes Körnchen in die Schatten. Nebenan laufen die Geleise, zwei einsame Schienenarme mitten im Grasgrünen! Und Spaziergänger die Straße auf und ab! Die Promenade belebt sich. Die Rangiermaschine rennt hin und her in den Geleisen. Das Bähnchen wird kommen, vielleicht sitzt wieder ein Fremder darin, der die Wallonenherrlichkeit anstaunen kommt. Sie sind stolz auf ihr Bähnchen – es gibt überhaupt im Wallonenlande nichts, worauf sie nicht stolz sind. Wer's lobt, ist ein Guter, wer's tadelt, ist ein Schlechter; aber man lobt es gern, weil sie eben nicht sind wie alle andern. Auch der Irländer weiß nur Lob. Das Gold hat es ihm angetan.

»Was ich Ihnen jetzt sage,« beginnt er, »bleibt zwischen uns. Reden Sie nicht darüber, sonst zweifelt man auch an Ihrem Verstande. Wir schlagen den nächsten Weg nach Faymonville ein und sind in anderthalb Stunden dort. Wenn Sie gesehen und sich überzeugt haben, warten Sie in Weismes das Bähnchen ab und sind noch immer zur rechten Zeit in Ihrem Moordorf. Einverstanden?«

»Das paßt mir schon.«

Alexand schüttelt die Sorgen ab. Die Neugierde drängt ihn. Was mag dieser sonderbare Mann ihm offenbaren? Seine abenteuerlichen Ideen packen ihn. Sie rufen Verwandtes in ihm wach. Er kam von Berlin mit Reformideen und einem neuen Pflug, und dieser da redet von der armen Eifel, die reich an Gold ist; und ein anderer sprach seine soziale Wissenschaft ins Moor hinein. Es dämmert ihm der Gedanke auf, daß diese Dreie zusammenwirken müßten, um das eine Ziel, das schließlich ein gemeinsames war, zu erreichen. Und darum hört er auf des Irländers Worte wie auf eine Offenbarung.

»Sie, Sourbrodter,« nun nimmt der ihn wieder unter den Arm. »Sie müssen mir helfen, die Goldacker zu suchen und auszunutzen. Das Geld haben Sie, den Verstand habe ich, ich meine den Geschäftsverstand. Sie können noch von mir lernen, obwohl Sie intelligent sind und nicht gegen den Fortschritt angehen wie Ihr Vater. Sie sehen, ich habe mich erkundigt. Und jetzt bin ich Ihnen nähere Aufklärung schuldig. Hören Sie zu! Ich habe in den Büchern so genau geforscht wie im Sande von Faymonville, und da las ich die Geschichte der Eifeler Eisenindustrie von ihren ersten Anfängen bis zu ihrem Verfalle. Sie wohnen in einem gesegneten Lande; jetzt ist's ein trauriges Land, das dem öffentlichen Erbarmen anheimgegeben ist. Die Römer haben die großen Eisenablagerungen im Eifelgebirge entdeckt, ich entdecke das Gold; ziehen Sie einmal die Parallele – schmeichelhaft für mich, nicht wahr? Die französische Herrschaft kam über Ihr Land. So viele unter Euch hängen noch in dem Glanze des großen Napoleon fest. In Malmedy steht der in den Patrizierhäusern auf dem Kaminsims. Ihre zehn Gebote beginnen damit: » Napoléon l'a dit! (Napoleon hat's gesagt.) Ihr habt recht, wir verehren ihn alle, aber wir sind praktischer. Wir stellen uns in die Mittagssonne und nicht in den vergangenen Glanz. Wir treiben keinen Luxus mit großen Toten, sondern mit großen Werken. Mit Ihrem Napoleon haben Sie Ursache für beide. Weder vor- noch nachher hat die Eifeler Eisenindustrie so außerordentliche Erfolge zu verzeichnen gehabt als in der Periode der damaligen kriegerischen Ereignisse. Nach einigen Jahrzehnten flaut das ab, und heute – nichts! Die Konkurrenz hat Euch Rückständige mundtot gemacht. Und nun will ich Ihnen noch etwas sagen: Ich habe das Gold nicht entdeckt. Ei, wo werde ich auf solchen Einfall kommen! Ich bin gleichsam der Nachentdecker. Die Phönizier sollen in der Eifel schon nach Erzen gesucht haben. Oberhalb des Dorfes Recht stieß ich auf einen verfallenen Zinnschacht. Da überlegte ich und war sehr befriedigt, und dann stürzte ich in ein tiefes Loch und brach beinahe den Hals. Die Leute sagen, das sei die Goldkuhle. Da war ich glücklich. Ich stöberte die Umgegend auf wie ein Maulwurf den Garten. Auf einer solchen Forschungstour griff ich Sie auf, Sie Sourbrodter. Sie haben mir vieles erzählt, was mich interessierte, und der brave Wirt – sein Mundwerk ist gut, aber sein Bier ist schlecht – hat mir noch mehr erzählt. Ich drang bis Faymonville vor, da wohnen ja nach Euren Begriffen die Türken. Nun, diese Türken sind intelligente Leute. Sie führten mich zu den verfallenen Bergwerken oder dorthin, wo solche gewesen sein sollten, und – nun, ich experimentierte auf meine Rechnung und Gefahr, die Türken sagten, es sei ein Spleen oder dergleichen, aber daß es kein Spleen ist – hier haben Sie den Beweis.«

Er öffnet eine Pillenschachtel und zeigt dem jungen Wallonen einen Goldfund in der Größe eines Weizenkorns. Alexander steht davor wie vor einem Wunder. Er sieht von dem Goldkorn weg auf den Besitzer und dann in die weiße Ferne hinein, als müsse er die gewaltigen Gedanken, die darin schweben, und die er einmal in begeisterungsfroher Brust gehegt, zurückrufen.

Der Irländer äugelt ihn von der Seite an.

»Wenn Ihr Vorhaben dahin geht, mich zu morden, um mich zu berauben, dann schlagen Sie eben nur eine Biene tot, um den Honig zu haben. Kommen Sie nur, ich führe Sie zu meiner provisorischen Goldwäscherei.«

Sie gehen in einen Heckenweg hinein, Höhen auf und ab. Drüben das Dorf hinter grünen Hecken, still, verschlafen, von der Herbstsonne übersprenkelt! Sie nehmen den Weg quer in die Felder hinein. Der Wiesengrund verfilzt zum Moorboden. Darunter knirscht der Sand. Der Boden dacht ab in eine Kuhle. Ein Baum mit morschen Ästen rankt hinein. Der Irländer hält sich an einen Ast und springt hinunter, desgleichen Alexand. Da unten ist es noch stiller als in der Dorfheide, man könnte meinen, in einem Grabe zu stehen. Mit einem eleganten Wurf hat der Irländer sein Plaid ausgebreitet und setzt sich darauf.

»Sehen Sie, hier experimentiere ich.«

Suchend schaut Alexand sich um.

»Ich sehe nichts, wie machen Sie das?«

»Sie fragen mehr, als ich Ihnen beantworten kann. Wenn ich Ihnen erkläre, wie und wo ich es mache, dann bin ich vor Ihnen nicht sicher, daß sie es in gleicher Weise versuchen. Ich habe Ihnen lediglich zu sagen, was ich brauche.«

»Und Sie halten mich so dumm, daß ich daraufhin mein Geld riskiere?«

»Ich halte Sie durchaus nicht für dumm, sonst hätte ich Ihnen überhaupt nichts von meinem Plan gesprochen. Ein Geschäftsgeheimnis muß man zu wahren wissen. Ich werde Ihnen ausführlich auseinandersetzen, wie ich das Unternehmen rentabel machen will, und Sie ziehen den vereinbarten Gewinnanteil davon. Wie sie sehen, bin ich bisher nur mit meinen zwei Händen tätig. Ich muß aber Arbeiter haben, die mir die Goldwäscherei anlegen helfen, das heißt, wir müssen vorerst nach der Goldader suchen, nachgraben. Die im losen Sande gefundenen Goldkörner sind bald erschöpft. Nur auf das Vorhandensein einer Goldader kann ich meine goldenen Pläne weiter ausbauen. Ist diese gefunden, dann erst wird geschachtet. Maschinen besorgen das mühsame Werk der Hände, ich suche die Konzession nach und bin der erste Unternehmer und Ausbeuter des Goldschachtes. Und damit sehen Sie, wie vollständig sicher ich meiner Sache bin und auf die Goldadern stoßen werde – der neuen Mutung habe ich schon die Namenstaufe gegeben, sie soll dem Andenken jener geheimnisvollen Toten gewidmet sein, die hier in der Weltabgeschiedenheit zeitlichen und ewigen Frieden gefunden hat: Miß Gillibrand! Ich werde sentimental, wenn ich an sie denke. Eine Erinnerung taucht in mir auf, die mit den Gillibrands ein tragisches Geschick verknüpft. Ich will sie Ihnen erzählen, wenn Sie demnächst zu mir kommen und ein kleines Kapital zum Ausbau des Schachtes mitbringen. Ich sag's Ihnen frei heraus, ohne das kann ich Sie mit Ihren Ideen nicht gebrauchen. Unter Männern soll Aufrichtigkeit sein; und nun dürfen Sie auch einmal ein Wort sagen.«

»An Ihrem Plane gefällt mir 'was nicht. Ich soll der Strohmann sein, den Sie leerdreschen. Aber ich hab' auch meine Begeisterung, meine Pläne und Ideen.« Er reckt die Arme hoch. »Sapristi! Irländer, Raum muß ich haben, zuerst für mich, nachher kommen die andern. Wenn Sie aber mit mir marschieren wollen und nicht vor mir, dann större ich nicht und renne mit Ihnen mitten ins Feuer, wenn's sein muß.«

Der Irländer rückt auf seinem Plaid ein Endchen weiter. Er wollte allerdings vor diesem dummen wallonischen Bauer marschieren, nun rief der ihn in Reih' und Glied zum Sturm – marsch! Das ist ein Draufgänger, der wird ihn überholen, wenn er nicht mit ihm läuft und sich an seinen Rockärmel hängt. Das Beste war also: mitlaufen, mitlaufen! Er springt auf und streckt ihm die Hand hin:

»Einverstanden; aber kommen Sie einmal zu mir nach Engelsdorf, da werden wir das Nähere besprechen.«

Alexand schlägt ein.

»Einverstanden! Zeigen Sie mir jetzt alle Winkel und Ecken Ihres Goldfeldes, meine Zeit ist bald da, um nach dem Zug zu gehen.«

Sie klettern die Kuhle hinauf und weiter über den Sand. Hier und da treffen Sie auf einen frischaufgeworfenen Erdhügel. Ein Reis steckt darin. Das sind die »Schachtzeichen« des Goldsuchers. Ein schmales Flußband läuft in die Wiesen hinein, das ist die Warchenne. Mit einem Sprung ist der Irländer hinüber, findet da und dort günstiges Terrain und schließt seine zukunftsseligen Reden allemal mit dem starkbetonten Nachsatz: »Falls wir eine Goldader entdecken!«

»Es ist Zeit, ich muß fort,« ist Alexands ungeduldige Antwort. Da sieht er drüben zwischen den Feldern eine Dampfwolke zu langen Streifen anschwellen und springt über den Fluß zurück.

» Diâle! Herr Irländer, da hinten läuft mein Zug.« Er denkt an das Krankenzimmer auf dem Gièthof und an Gètrous blasses Gesicht. »Jetzt muß ich auf'm nächsten Weg heim,« das Wort spricht er aus wie eine Lüge, ihm ist, als habe er kein Heim mehr.

»Laufen Sie!« drängt der Irländer. »Sie holen diesen schweratmigen Zug noch vor Bütgenbach ein.«

»Nein, das gibt's nicht. Wir Bauern scheuen nicht vor einer Fußtour; und laufen? Das gibt's auch nicht. Haben Sie schon einen Bauer laufen sehen? Wir geben jedem Ding seine Zeit. Ist's darum auch keine schnelle Arbeit, eine gründliche ist's sicher. Ich geh' jetzt den Fußpfad herauf, bis ich auf die Eupener Landstraße stoße. Vor Nacht kann ich dann noch immer zurück sein. Adjüs und Gott behüt'!«

Er übersteigt einen Schlagbaum und geht einem Ackerrain nach, der zu dem Pfad führt. Das Wiesenland senkt sich zu einem Taleinschnitt hinab, und allmählich taucht die reckenhafte Gestalt des jungen Giètbauern im grauen Wiesendunst unter. Der Irländer schlenkert im Flußwasser den Sand von den Stiefeln, stäubt seinen Plaid aus und macht sich befriedigt auf den Rückweg. Ein Giètbauer als Kapitalist, er als Goldsucher – kurz und gut, die arme Eifel konnte sich zu diesem Paare beglückwünschen.

Alexand nimmt derweil den kürzesten Weg durch die Felder, zwängt sich durch eine niedere Hecke und gelangt in ein Kartoffelstück. Zwischen den Kartoffelstauden steht einer mit aufgekrempelten Hemdärmeln und sticht mit der dreizinkigen Gabel die Knollen aus; hinter ihm drein ein Bauernweib zum Raffen, ebenso in Hemdärmeln und mit ärmellosem Leibchen.

»Gu'n Tag, Türke, und die andere!« grüßt Alexand hinüber und will zu den Äckern abzweigen.

» Luk vola, der Alexand!« Der Kartoffelstecher reibt sich den steifen Rücken und nickt dem Hofbauer zu. »Wie geht's denn bei Euch drüben in Sourbrodt? Du führst doch auch den Zuchtstier zur Ausstellung. Ihr habt einen, der, meiner Seel', die Medaille kriegt. Brauchst keine Arbeitsleut' mehr? Ich kann 'rüber kommen. Für die Giètbauern laß ich alles steh'n und liegen, aie

» Sicola! Das wär' Dir schon recht, mich hier allein abrackern zu lassen!« kreischt das Bauernweibchen gebückt heraus. »Man weiß aber, warum die Türken so gern zum Gièthof gehen!«

»Alexand, hör' nicht drauf, was ne alte Mame zusammenredet,« lacht der andere. »Du grad' so wie unsereins siehst lieber 'was Junges als 'n Alte. – Mam, seid nicht bös, ich denk' noch nicht an die Heirat. – Aber, Alexand, 'n Reibeisen ist die, Sapristi! Die hat uns Mähern einen Schabernack auf 'n andern gespielt. Du kommst doch zur Weismeser Kirmes mit ihr 'rüber, bin

»Das laß bleiben, Alexand,« mischt sich die Mame ein und schüttelt die Knollen von den Stauden. »Wenn die Gètrou was Gescheites ist, bleibt sie jetzt daheim und hält sich fein still. Es könnt' schon sein, daß kein Türke mehr mit ihr tanzt, meiner mal sicher nicht!« Ein Mutterblick voll flammender Drohung fliegt zu dem Kartoffelstecher hin. Da stapft der Giètsohn in das Kartoffelkraut hinein und dicht an die beiden heran.

»Die Gètrou hat jetzt ganz 'was anderes zu tun. Die sitzt bei uns am Krankenbett und wacht sich die Augen hohl.

Das sagt er und geht weiter. Es kommt ein unbändiger Widerspruch in ihn. Die versteckten Andeutungen verdichten sich zu immer schwereren Verdachtsgründen, aber er wehrt sich gegen alle Erkenntnis. Es wogt und wankt in ihm wie eine stürmische See. Wo die andern anklagen, spricht er frei; und je lauter sie schmähen, desto schuldloser sieht er sie. Er weiß, das ist kein überlegtes Denken mehr, das ist Wahn. Er will sie rein und unantastbar wissen. Wenn er ohne Überzeugung glauben kann, genügt's ihm schon, und daran klammert er sich mit einer Hartnäckigkeit, deren Grund er sich nicht zugestehen will. Aber sie muß schuldlos sein. Die Giètehre verträgt keinen Schatten.

Die Abendwolken verdecken das letzte Endchen Himmelsblau. Es wird völlig dunkel. Die Nachtluft weht feucht herüber. Im Gehölz raschelt das Herbstlaub. Ein einziger Stern hängt in den Wolken wie ein Kerzenlicht in einem großen finsteren Gewölbe. Die Landstraße vor ihm läuft in vielen Windungen in die Abendschatten hinein. Unter der Brückenwölbung rauscht der Warchefluß. Da sieht Alexand schon die ersten Häuser von Sourbrodt. Hier und dort ein trübrotes Licht hinter hohen Hecken, ein Hofhund, der anschlägt, und weiter keinen Laut als der Schall seiner Schritte. Menschen wohnen dort wie der Atem so leise! Die leben für ihre Äcker und ihr ewiges Heil. Dorffriede, Grabesfriede! Er denkt im Weitergehen, ob sie ihn zurückerwartet, ob sie noch wacht. Er denkt auch daran, daß sie krank werden und vom Hof fortbleiben könnte. Sie sah zum Erbarmen aus. Wenn sie die weißen Lippen zusammenkniff und ihn abwies, so wie heute, war sie häßlich. Er sagte sich das immer wieder, und das beruhigt ihn. Wenn sie häßlich war, wurde sein Herz stiller. Seine Brust weitet sich, es wird ihm leichter; es war eng und drückend – die Krebsenmattestochter zu lieben! Das wußte er jetzt, aber er liebt sie nicht, nein!

Einzelne Höfe rücken an die Landstraße – lautlos, still und kein Licht mehr! Es muß spät sein. Zwischen der Baumreihe ein weißer Meilenstein, da liegt der Gièthof. Aus dem Stubenfenster fällt eine Lichtsträhne in den Hof; mitten im Schein das Fuchsienstöckchen! Des Heimkehrenden Schritt schallt über den Hof. Ein flüchtiger Blick hinein in die Stube – leer! Nur im Bett der Schlafende, daneben der Stuhl mit den Medizinflaschen! Leise drückt Alexand die Haustüre auf. Auf den Steinplatten schafft sein Fuß. Der Herd wirft seine rote Glut in den dunklen Raum und – über ein Gesicht; das ist bleich und abgequält, und herbe Linien führen um den Mund. Hübsch ist es nicht, häßlich auch nicht, aber die Gètrou, die hier matt und hilflos auf der Herdbank liegt und schläft, ringt ihm ein warmes Erbarmen ab. Ihre Hände hat sie frierend in die Kleiderärmel gesteckt, ihre Arme drückt sie gegen die Brust. Er steht mitten in der Küche und rührt sich nicht. Weiß er denn, was er tun soll? Er sieht sich um und überlegt, dann zieht er die Joppe aus und deckt sie sacht über ihre Füße; auch legt er einige Torfstücke auf und geht in die Stube hinein. Neben dem Bett sitzt er nieder und hört auf die unregelmäßigen Atemzüge des Schlafenden. In der Küche tickt die Uhr und die Glut knistert. Draußen sitzt ein Nachtvogel in der Hecke und kreischt seine monotonen Schreie heraus.

Auf der Herdbank ein Knacken, ein tiefer Atemzug, ein leises Räuspern, dann wieder Stille. Alexand horcht auf. Er glaubt Schritte zu hören, leise, gedämpfte, geisterhafte. Da steht sie schon auf der Schwelle, die Joppe über'm Arm, noch schlaftrunken.

»Bist Du endlich zurück?« fragt sie herein, »ich habe gewartet, bis mir die Augen zufielen. Deine Jacke hast selbst nötig. Wo Du da bist, kann ich heimgehen.« Sie sagt das alles überstürzend heraus, scheu, eilig. Die Jacke legt sie ihm aufs Knie, »zieh sie an, Alexand, 's ist kalt.« Sie schüttelt die Medizinflasche, »um zwölf gibst ihm einen Teelöffel.«

Da er noch immer nichts spricht, glättet sie die Kissen und steckt die Decke am Bettrand ein. Ihr Rock streift seinen Arm, und eine wohlige Empfindung läuft durch seinen Körper. Er rückt weg, sie ist häßlich, er will sie nicht lieben. Die Haare ringeln ihr zerwühlt um den Kopf, mit leicht zitternder Hand streicht sie darüber. Er mustert sie kritisch. Da dreht sie sich um, sieht ihn an und muß gewaltsam die Röte zurückdrängen.

»Gu'n Nacht, Alexand,« sagt sie hastig und geht schnell aus der Stube. In der Küche zieht sie die Schuhe an, und dann hört er sie auf dem Hofe, auf der Landstraße und immer ferner. Da scheint ihm das Haus so leer, zum Fürchten einsam. Er zieht die Joppe an und stellt sich vor, daß ihre Körperwärme noch darin sei. Ein niegekanntes Glücksempfinden rinnt in ihn hinein. Ein unbändiges Sehnen packt ihn; ob nach ihr, das weiß er nicht. Liebe will er, Liebe verlangt er. Die stürmische See wogt und schwankt wieder in ihm. Sie schlägt über seinem Denken und Vernünfteln zusammen. Ihr nach möchte er in die Nacht hinein, im Zorne über sie her wie damals auf dem Dach – wild, unsinnig, mit dem Vorwurf: Warum lieb' ich Dich, Krebsenmattestochter?

Er klammert sich an die Stuhllehne und zwingt das Verlangen nieder und starrt auf die Kissen: da hat sie geordnet, und dann drückt er sein Gesicht in die Jacke und preßt die Lippen darauf und träumt sich in eine selige Trunkenheit.

Auf der dunklen Dorfstraße geht Gètrou langsam und müde und schwer. Ihr liegt es wie eine Krankheit in den Gliedern. Wenn es länger so dauert, bricht sie zusammen, und dann sind zwei Kranke im Gièthof. Vielleicht stirbt sie noch vor dem Bauer, und das ist besser als mit ihm leben! Der Gedanke reißt an ihren Nervensträngen. Jetzt, wo die Offenbarung der Liebe ihr gekommen ist, schreckt sie vor dem alternden Manne zurück ...

Ein Frösteln schüttelt sie. Der Widerwillen quillt in ihr herauf. Sie hockt an dem Chausseegraben nieder und möchte in der Nacht und in der Dunkelheit sitzen bleiben, bis sie eine andere Unterkunft weiß als das Krebsenhaus und eine andere als den Gièthof.

Geradeaus vor ihr häufen sich die Schatten zu undurchdringlichem Dunkel. Dort liegt das Moor. Da hinüber fließt jetzt ihr Heimatgefühl. Sie fürchtet die Sumpfluft nicht mehr. Sie will irgendwo daheim sein und wär's auch zwischen den Sümpfen!

Auf der Fahrstraße knirscht der Sand, und ein Schritt schurft näher; aus dem Nachtschatten löst sich eine hagere Mannesgestalt, eine dünne Stimme ruft das Mädchen an. Das stiert ins Venn hinein und regt sich nicht. Da stößt der Mann ihm mit dem Fuße gegen den Rücken und zischelt ihm einen Fluch zu.

»Hepp, altes Huhn Kosenamen, in dieser Anwendung höhnend gebraucht., hepp! So weit ist's kommen? Auf der Landstraß' find' ich mein armes Kind!« Wieder fährt der Holzschuh ihr gegen den Rücken. Nun steht sie auf und geht vor dem Krebsenmattes her ins Dorf hinein. Er folgt ihr sprungweise. Es ist ihm undenkbar, daß sie schweigt und wie eine Leiche vor ihm herwandelt. Den Kopf schnellt er aus den Schultern heraus und wispert ihr den Alkoholdunst in den Nacken.

»Jetzt heißt's im Dorf: der Junge und der Alte ist hinter der Krebsenmattestochter her! Ein Skandal ist's, und der Pfarrer muß sich 'reinmischen. Hast Dir schon 'mal überlegt, daß der alte Gièt 'n Verpflichtung gegen Dich hat, hai

Sie geht und schweigt, und sie sind schon am Kapellchen.

»Er hat Dir Deine Ehr' genommen. Du hast 'n in der Hand, wenn Du nur willst. Sag' ihm, nun müßt' er den Wald am Eierhäuschen hergeben – für Deine Ehre! Hörst Du?«

Sie geht und schweigt noch, und sie sind schon am Thoumashof.

»Sag's ihm, – den Wald! Er muß es! Den Wald am Eierhäuschen, dann sind wir gemachte Leut', wir im Krebsenhaus!«

Und weiter geht sie und schweigt. Zu beiden Seiten tauchen die Höfe auf.

»Hör'! Ich schlag' Dich kaput, wenn Du den Wald nicht kriegst. Du! Du!« Da dreht sie sich um.

»Ja, Vater, schlag mich tot!«

Er reißt sie am Jackenärmel.

» Aie! So verrückt wärst schon. Erst den Wald, nachher kannst zum Sankt Jakob nach Galizien gehen! Glaubst denn, ich hätte Dich dafür aufgezogen und mein sauer verdientes Geld an Dich gelegt, daß Du jetzt von den Giètbauern auf die Straße gesetzt wirst! Dumm wirst Du doch nicht sein, Du vom Krebsenmattes! Und wenn Du die Kourage nicht hast, ich hab' sie! Morgen bürst' ich 'n Sonntagsrock und komm' auf den Gièthof. Ich red' mit den Manschettenherrn. Ich red' deutlich. Ich sag': Ihr habt mein armes Kind um seine Reputation gebracht! – Sicola, was fängst denn an?«

Er weicht von ihr zurück, ihr Gesicht ist zum Fürchten. Jetzt geht sie hinter ihm, er vor ihr mit einem Gefühl des Grauens, und ruft's ihr in heiserm Flüstern ins Gesicht:

»Und sagen werd' ich ihm: der Hirt hat's gesehen! Den fragt nur und gebt ihm drei Schnäpse, dann schweigt der. Aber ich bin der Vater, ich will den Wald als Schweigegeld, den Wald am Eierhäuschen! – So, jetzt weißt Du's.«

»Wann kommt Ihr auf den Hof, Vater?«

»Morgen schon, wenn's pressiert.«

»Um welche Zeit? Ich möcht' doch da sein.«

Er sieht sie unsicher an.

»Ich komme mittags.«

»Um zwölf?«

»Um zwölf – meinetwegen! Was fragst denn so genau, altes Huhn?«

»Weil ich morgen mittag zwölf Uhr den Zuchtstier 'rauslasse!«

Sie scharrt auf dem Absatz herum und ist fort, verschwunden in der Dunkelheit. Ihre Schritte hallen in die Nacht hinein. Denen setzt er nach und würgt seinen Grimm herunter.

» Du qwai? Mir willst Du den Zuchtstier auf'n Buckel hetzen! Deinem leibhaftigen Vater! Sicola, was 'n grundverdorbene Tochter! Was 'n Ausbund von Schlechtigkeit! Aber ich komme! Ich komme! Ich komme!!«

Die Schritte verhallen um die Pfarrecke. Durch die Haustüre wirbelt sie dann durch die Küche und an der Schmalseite durch eine niedere Türe hinein in die muffige Stalluft. Da riecht's nach Heu und Jauche und Viehdunst, aber die Stallwärme tut ihr wohl. Auf den Kaninchenstall legt sie sich und starrt mit wachen, leeren Augen in das Dunkel. Unter ihr in dem Kasten rascheln die Kaninchen und rücken enger zusammen. Im Hause drinnen lärmt der Krebsenmattes. Die Verzweiflung nagt an ihrem Gehirn.

Der Blick Alexands bohrt sich in sie hinein. Der hat sie jetzt auch abgeschüttelt, die Krebsenmattestochter! Sie wußte es ja, warum tat's denn so weh?

Die Kaninchen schlüpfen ins Stroh. Von der Ecke her ein zaghaftes Blöcken, ein Piepsen der Hühner auf der Stange! Und durch das Stallfensterchen rinnt das nächtliche Dunkel.

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