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Das Haus im Moor

Nanny Lambrecht: Das Haus im Moor - Kapitel 4
Quellenangabe
authorNanny Lambrecht
titleDas Haus im Moor
publisherVerlag von Fredebeul & Roenen
printrunZweite Auflage
year1912
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170718
projectid66fe153e
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Drittes Kapitel.

Von der Dorfkirche her ein Getön von zwei ungleich gestimmten Glocken. Die Hunde von den Gehöften belfern hinein, aber der Sonnenschein lacht ihnen ins Gesicht und lacht auch auf die Männer, die vor der Kirchtüre stehen und schwatzen, und auf die Mädchen, die zwischen ihnen mit gesenkten Köpfen durchgehen, das Kopftuch in die Stirne ziehen und mit steifem Knixen mit ihren breiten Türtigröcken in die Kirchenstühle hineindrängen.

Aus dem Pfarrgarten tritt der Pfarrer in langer, tiefschwarzer Soutane. Da rücken die Bauern mit eingeduckten Köpfen ihre breitkrämpigen Hüte und stecken die Pfeife in die innere Brusttasche.

Aus der Kirche heraus kommt's wie eine Wolke von Weihrauch, Andacht und Gebetseufzern. Der Mesner stößt wieder die Altarschelle. Da tinkt sie leise, und das Silbertönchen fliegt wie ein unsichtbares lichtes Engelchen in die weiße Luft und streift die alten Obstbäume des Pfarrgartens. Darin plustern die Finken sich in der Sonnenwärme, und einer trillert dem Silberklängchen nach ... und dann schluckt ein letzter summender Glockenschlag das Finkenlied ein: Tumm–mm!

Sonntag im Dorfe!

Der Krebsenmattes lehnt mit dem Rücken wider der Treppe, die in der Vorhalle zur Empore hinaufführt. An den kahlen getünchten Wänden steht die Totenbahre und sonstiges Gerät, das in der Sakristei keinen Platz hat. Von dieser Stelle aus kann der Krebsenmattes seine Haustüre im Auge behalten und sieht auch durch die offenen innern Kirchentüren auf den Altar. So bringt's der Krebsenmattes fertig, zwei Herren zu dienen. Hinter ihm auf der ersten Treppenstufe steht J'han Marnette und summt die lateinischen Meßgesänge mit. Ein weiß und rot gestreiftes Seidentuch hat er lose um den Hals geschlungen, die Jacke ist bis oben hinauf zugeknöpft. Er erstickt fast an der Hitze und dem Menschendunst, aber der J'han Marnette weiß, was sich für einen Kirchengänger ziemt und hütet sich, auch nur einen Knopf zu lösen. So singt er und schwitzt und pustet und ist froh, als endlich der Pfarrer zum letzten Segen mit dem Weihbüschel durch die Menge geht. Ein paar Tropfen sprengen zu ihm her. Da schlägt der Krebsenmattes vor ihm ein großes Kreuz, steckt das Buch ein und eilt hinaus wie einer, der in Geschäften ist. Ihm nach setzt Marnette, reißt mit einem Ruck die ganze Knopfreihe auf, tritt in das Krebsenmatteshaus und räkelt sich auf die Wirtshausbank.

» Luk! Da bist Du ja auch schon,« sagt der Krebsenmattes, zieht den Kittel über den Kopf aus und geht in Hemdsärmeln, »trinkst Bier heut'? Ich hab's frisch von Malmedy herüber, aber es kostet jetzt einen deutschen Groschen, nicht mehr zehn Zentimes. Zwei Pfennige ist's aufgeschlagen; weil wir ja jetzt auch deutsche Gäste bekommen, ich denk, da muß man auch deutsch rechnen. Das ist ganz in der Ordnung.«

Er stellt ihm ein Glas mit flachem, schaumlosem Bier hin und setzt sich auf das Fensterbrett. J'han Marnette glotzt eine Weile in das Glas und stößt den Mattes an das Knie.

»Hör'! Ich hab' Dich 'was zu fragen, eh' die andern reinkommen. Hast Du ein Mittel gegen Moorgeister, hai? Aber heut' noch müßt' ich's haben. Ich geh' nicht mehr ins Venn ohne ein Gegenmittel,« er bückt sich zu dem Dorfwirt herüber, »'s ist nicht mehr geheuer da.«

Der Krebsenmattes rutscht ein Endchen weiter, legt sich ans Fensterkreuz und verschränkt die Arme.

» Tin! Was ist Dir denn passiert, J'han? Geheuer ist's niemals im Venn gewesen, das erzählen die älteren Leut' hier herum.« Da wird Marnette hitzig.

» Abin, aber gesehen, jaa, Mattes, gesehen hat bis jetzt keiner ein Moorgespenst. Schrecklich ist das, ich bin ganz krank davon. Hör'! Wenn's anfängt dunkel zu werden, ist man auf drei Schritt nicht mehr sicher in den Torfgruben und am Tümpel. Überall kriegt's herum, und ein Gesicht hat's so kreideweiß wie die Wand und mit Torfstücken wirft's nach unsereinem, und es schreit – wahrhaftiger Gott! Es schreit! das ist schrecklich! Ich hab' keine Nachtruh' mehr, mir schmeckt kein Essen mehr, und wenn ich etwas im Magen hab', ist mir übel genug, um meine Großmutter zu schlagen.«

Der Wallone hat eine zarte Umschreibung für die gewaltsame Rückgabe einer genossenen Mahlzeit und sagt, er müsse seine Großmutter schlagen.

»Hm,« macht der Krebsenmattes und zieht die Lippen ein. J'han Marnette rückt näher und sagt halblaut:

»Die Vennfrauen lassen sich's nicht mehr ausreden, die alte Anntschenne habe das Venn verhext. Sie wollen nicht mehr mit ihr zusammenarbeiten. Was meinst dazu, hai

» Bièsse! Laß die Alte in Frieden. Deine Vennfrauen haben allemal Mäuler, daß man ein Brot hineinpeitschen könnte. Ich will Dir schon ein Mittel geben, das hält Dir die Moorgeister und die alte Anntschenne und noch ein paar andere Gespenster vom Halse; aber du mußt daran glauben –«

»Im Namen Gottes – ich glaub' dran!«

»Und wirst alles tun, was ich Dir auftrage – genau alles!«

»Daß ich niemalen unsern Herrgott sehe, wenn ich nicht alles tue!«

Nun rutscht der Krebsenmattes herunter, läuft zum Mauerschränkchen, nimmt ein ziemlich umfangreiches Buch in Schweinsleder gebunden heraus und setzt sich damit wieder aufs Fensterbrett.

»Das hab' ich von meinem seligen Vater,« er wiegt es auf seinen gespreizten fünf Fingern, »da steht alles drin, was einen vor Zauber bewahren kann. Aber Dein Fall ist ganz was Besonderes. Das kommt nicht alle Tage vor. Du mußt Geduld haben, J'han.«

»Werd' ich schon, schaff' mir nur wieder Ruhe.« Sein Glas bleibt unberührt, seine kleinen graugrünen Augen lauern nach dem Buche, das der Krebsenmattes hoch emporhält. Der bückt sich über den Geisterseher und sagt, er müsse seinen Hut abnehmen. Das Grauen läuft Marnette wie eine Ameisenschar herauf. Bedächtig fährt die Hand des Krebsenmattes über seinen geschorenen Kopf und ruht dann breit und flach mitten auf seiner Schädeldecke. Ein kalter Schauer nach dem andern rinnt dem Aufseher über den Rücken. Er will die Jacke wieder zuknöpfen, da ruft ihn der Krebsenmattes an:

»St! Stillgeblieben!« Unruhig beginnen dessen Finger in den Haarstoppeln des Marnettekopfes zu suchen, erst langsam, dann schneller. Mit Daumen und Zeigefinger greift er einen Haarbüschel heraus, zieht und probiert erst sachte daran, als müsse er die Haarwurzeln lockern und dann – Marnette brüllt auf – ein Ruck, der ihm die Kopfhaut fast abschält; er stößt dem Krebsenmattes die Faust wider die Brust.

»Was fängst mit mir an, Du! Du!«

Der Krebsenmattes gibt ihm den Schlag zurück in den Nacken.

»Halt's Maul, Dummkopf! Die paar Haar brauch' ich zu meinem Mittel. Man findet sie selten so schön ausgewachsen wie bei Dir. Darauf kannst stolz sein. Jetzt reib' weiter Deinen Kopf nicht mehr, trink Dein Bier aus, das verkühlt. Die Haare verbrennst Du heute nacht zwischen elf und zwölf, schaust aber zu, daß Du die Asche all sammelst, und dann trinkst Du sie morgen früh in Deinem Kaffee. Es darf aber niemand mit Dir reden, und keine Antwort darfst geben, sonst hat's keine Wirkung, hast zugehört?«

»Ja, Mattes, ja.«

»Zweitens.«

»Noch etwas?«

» Bièsse! Glaubst Du denn, daß man so mir nichts dir nichts mit Moorgeistern fertig wird? Wenn's so leicht wär, kämst nicht zu mir.«

»Ja, Mattes, – zweitens?«

»Die erste Vollmondnacht wartest Du ab. Das ist die nächste Woche. Da suchst Du Dir hier herum einen grau und weißgesprenkelten Hofhund und machst Dich auf die Suche nach Schlangenwurz. Die mußt Du haben. Selber ausreißen darfst Du sie nicht, sonst verliert sie die Kraft. Den Hundeschwanz bindest Du also dran, und dann lockst Du das Vieh mit'm Stück Speck zu Dir. Wenn Du so die Schlangenwurz 'rauskriegst und hörst einen leisen Schrei dabei, dann bist Du gerettet. Wenn Du Deine Ohren auftust, wirst den Schrei schon hören. Wenn's nicht schreit, ist's die richtige nicht, und dann kannst Dich nur weiter auf die Suche machen. Die Wurz nähst Du Dir in ein Säckchen und trägst es in der Westentasch' nach. So bist Du gegen allen bösen Zauber gefeit und kommst bei Nacht und Tag ungeniert durch's Venn. Wenn Du dann noch'n Moorgeist siehst, kannst Du herkommen und mich totschlagen.«

J'han Marnette holt zu tiefem Atemzug aus.

»Und bist Du Deiner Sach' sicher, Mattes?«

»Frag' nicht so dumm. Das Pülverchen wird Dir auch schon gut tun. Appetit bekommst danach wie'n Drescher; – aber teuer ist das alles.«

»Wenn's nur hilft, auf's Geld seh ich dann nicht.«

» Abin va. Dann leg' gleich zwei Mark auf 'n Tisch, der Groschen zu zwölf Pfennig gerechnet. Wir müssen uns nun doch einmal an's Deutsche gewöhnen.«

Ein Scharren von der Kirchentür her unterbricht ihn. Die Bauern drängen heraus mit Schwatzen und Räuspern. Dazwischen faucht die Orgel, und im Krebsenmatteshaus klirren die Gläser. Die Stube füllt sich, der Stimmenlärm tönt in den taufrischen Morgen hinein.

J'han Marnette leert sein Glas und geht. Hinter ihm her dringt ein neckischer Zuruf.

»J'han! War's Bier sauer, oder schmeckt's nur so, weil Dir die Gètrou durchgegangen ist? Sei froh, daß Du sie los bist, die paßt nicht zu den Vennfrauen.«

Er dreht sich auf der Schwelle um und glotzt in den lachenden Kreis – ein Terrakottagesicht mit tiefgemeißelten Linien!

»Die Gètrou!« stößt er mit hölzerner Stimme heraus. »Die hat alleweil den nächsten Weg zum Gièthof gewußt. Aber im Torfstich ist's jetzt angenehmer, das kann man daran sehen: der Meister Gièt kommt nicht mehr so oft!«

Nun fährt doch ein Lächeln über sein Gesicht, ein böses, hartes, das in seine Mundwinkel gefroren scheint. Aus der Stube heraus dröhnt ein Gelächter, breit, bäuerisch, so wie man eben einen schlechten Witz am Biertisch belacht. Wer allen heraus hört man die dünne, scharfe Stimme des Krebsenmattes:

» Eh bin, das muß man zugeben, der Meister Gièt weiß unserem Mädchen den Honig um den Mund zu schmieren. Was hat er denn bloß an der alten, murrköpfigen Daditte? Am gescheitesten wär's, die ging; wer weiß, vielleicht kommt's einmal soweit.«

J'han Marnette stapft derweil quer über die Landstraße in den Wiesengrund. An den Gräsern hängen noch die Tautropfen. Der Sonnenschein flimmert und zaubert alle Farben hinein. Mit den rindledernen, eingefetteten Schuhen streift er durch's Gras, daß die Feuchtigkeit des Taumorgens an seinen Hosenrändern einsickert. Zwischen den langen Reihen der Heuhaufen schlendert er weiter bis zum Talgrund. Kreuz und quer über seinen Weg hopsen die Heuhupfer; mit langen Beinen häkelt sich ein Frosch aus dem Wiesenrain heraus und watscht über Marnettes tranglänzenden Schuh; und stolzbeinig auf einem Heuhaufen eine Krähe, und fern – ganz fern aus den Dörfern herüber ein Geläute!

Aus dem Hohlweg, der ins Venn führt, klettert ein Mann herauf, zwängt sich durch die Hecke und sieht von der Höhe aus ins Wiesental. Den breiten Filz deckt er ab, beschattet damit die Augen und pfeift auf seinen Fingern nach dem einsamen Sonntagswanderer hinüber. Marnette dreht sich um und äugt unter der vorgehaltenen Hand zur Anhöhe hinauf.

»Gu'n Tag, Meister Gièt!« ruft er und durchquert mit langen Schritten die Felder. Auch der Giètbauer steigt herunter, setzt über den breiten Wiesenrain und trifft mit seinem Aufseher an einem verkrüppelten Eichbaum zusammen. Der Stamm ist an einer Seite zerfressen und ausgehöhlt. Dort hinein setzt sich der Bauer. Marnette wirft sich der Länge nach in den Baumschatten und steckt einen Grashalm in den Mund.

»Was meinst, J'han. Wir könnten jetzt mit dem Torfstechen aussetzen. Bis in den Hochsommer hinein ist genug aufgeworfen. Das kann zum Trocknen aufliegen. Ich brauch' auch mehr Leut' für die Ernte, also Du weißt's«.

»Ist mir schon recht. Morgen schick ich die Frauen zurück und komme auf'n Hof. Ja, Meister, es ist mir schon recht.«

Das hält der Bauer für selbstverständlich, und da er nichts mehr zu sagen hat, schweigen sie beide eine Weile. Der Bauer stützt sich auf die Knie, reibt die dicken Daumen aneinander und sieht schläfrig in die Mittagssonne. Marnette kaut an seinem Grashalm, speit ihn aus und langt nach einem frischen.

»Ja, Meister Gièt, was ich sagen wollte – es ist mir wirklich sehr recht,« schnappt er plötzlich auf, »im Venn wär' ich auch nicht mehr geblieben.«

Der Bauer sieht ihn mit halboffenen Augen an.

»Hast das Sumpffieber?«

»Nicht die Spur davon, aber« – er sitzt jetzt kerzengerade vor dem Bauer – »im Venn geht einer um – irgend einer, ich denk', es ist ein Moorgeist.«

Da nickt der Bauer.

»Es stimmt, J'han, Du hast's Sumpffieber.«

»Was ich gesehen hab', Meister Gièt – gesehen, wißt Ihr, das muß doch wahr sein. Ein Gesicht wie'n Mehlsack so weiß, und überall, wo nur ein Erdloch ist, fährt's hinein. Wenn die Nacht kommt, fängt der Spuk an; fragt nur die Frauen. Die alte Anntschenne meint, es könnt' eine Moorleiche sein, die keine Ruh' findet, bis sie anständig begraben wird.«

»Wenn's nur eine arme Seel' ist, hättest sie anrufen sollen, ob irgendwas sie erlösen könnt'.«

» Bais ja, das sagt' mir auch die Anntschenne. Wer wenn's wirklich eine arme Seele war', dann ist's eine von der schlimmsten Sort'. Die sprang mir einmal zwischen Tag und Dunkel auf'n Rücken, riß mir's Gesicht herum, als wollte sie mir den Halswirbel abdrehen, glotzte mich an und gab mir einen Stoß, daß ich vornüber fiel. Und geflucht hat sie, wie'n Russe, und ganz wen anders hat sie erwartet, aber ich kriegte die Kratzen weg und lag in einer Grube. Als ich so nach einer guten Stunde mich wieder 'rausmachte, war nichts mehr zu sehen. Und jetzt, guter Gott! wartet die noch immer auf den »Richtigen«. Ich bin ganz elendig, und dem Sankt Anton hab' ich ein Brot für die Armen versprochen, wenn sie endlich den Richtigen dazwischenkriegt und man wieder seinen Frieden hat.«

Der Giètbauer steht auf und reckt sich.

»J'han, ich sag' Dir was, das ist 'n guter Rat. Wenn Du gescheit bist, hältst den Mund mit Deiner Geschicht'. Die arme Seel' ist 'n Spitzbubenkerl, der uns den Torf wegstiehlt, und Du merkst es nicht mal. Wenn ich Zeit hab', geh' ich Dir den Moorgeist erlösen, und Du kannst derweil bei mir in'n Backofen kriechen, arwey (Auf Wiedersehen).«

Er geht mit großen Schritten hinüber der Landstraße zu. Marnette speit wieder seinen Grashalm aus und reißt einen neuen ab. Dann glotzt er vor sich hin auf die Fußspuren, die der breite Bauernfuß in den Grasboden eingetreten hat, sieht, wie allmählich der Rasen wieder herausschwillt und ein paar grüngoldene Käfer darüber herlaufen. Und dann legt er die Arme auf den Rücken und schläft in den Mittag hinein.

Der Giètbauer kommt auf den Hof zurück, setzt sich auf die Wagendeichsel und kreuzt die Arme. Leise pfeift er vor sich hin, und das ist immer ein Zeichen, daß ihm etwas im Kopf hängt oder aufs Gemüt drückt. Vom Küchenfester her ruft die Daditte zum Essen. Da nickt er, hört's nicht oder versteht's nicht und pfeift weiter. Die Frauen sitzen am Tisch und warten. Der Knecht sitzt allein auf der langen Bank, die Mäher sind für den Sonntag daheim. Versehentlich tunkt der Knecht schon seinen Löffel in die dampfende Suppe, »Usch, da wär's mir beinah' passiert,« und leckt ihn ab. Allmählich knittert der Dampf über der Schüssel zusammen, und die Suppe zieht eine leichte Haut. Da schurft Daditte auf und schimpft von der Schwelle aus. Der Bauer pfeift nicht mehr, springt von der Deichsel ab und stampft herein. Als Tischgebet macht er nur das Kreuzzeichen und sagt:

»Der Marnette will einen im Venn gesehen haben. Da muß ich mir mal den Torfstich daraufhin ansehen, ob mir nichts weggestohlen wird. Wenn ich also dieser Tage einmal nicht zur Nacht zurückkomme, brauchst nicht zu schimpfen, Daditte, dann bin ich im Venn, und basta damit!«

Er legt sich gegen die Stuhllehne zurück und wartet auf die Kartoffelschüssel. Gètrou legt die Gabeln auf und sagt zu ihm hinüber:

»Ihr seid der Erste, Meister Gièt, der spät im Venn bleiben will und nicht denkt: 's könnt mir 'was zustoßen! Mir scheint, das ist grad' nicht sehr gescheit von Euch.«

»Hat Dir nichts zu scheinen,« brummt Daditte mit kauendem Munde. »Der Bauer macht's soundso, und keiner red' ihm drein, ist's nicht so, Meister?«

Der wartet, bis die Schüssel auf den Tisch plumpst.

»Warum nicht? Wenn die Gètrou mal 'n Meinung hat – .« Da verstummt er schon. Die erstaunten Blicke von Knecht und Daditte jagen ihm die Worte in den Mund zurück, aber dann packt ihn der Starrsinn, und er sagt's mit einem kräftigen Faustschlag heraus: »Warum soll sie's zurückhalten? Wenn's ihr Pläsier macht, kann sie reden.«

»Es macht mir kein Pläsier!« ruft diese mit zornrotem Gesicht, »ich hab' Euch gewarnt, mehr wollt' ich nicht. Vielleicht gibt's aber Leute, denen wenig dran liegt, ob Ihr nicht mehr aus'm Venn zurückkommt.«

Sie stößt die Gabel zurück, steht auf und geht hinaus.

»Art läßt nicht von Art«, sagt Daditte hinter ihr her, und der Bauer denkt dasselbe; aber er wird nachdenklich. So hat schon einmal eine mit denselben funkelnden Augen zu ihm gesprochen. Das war lange her, er hatte es fast vergessen. Sie wurde die Krebsenmattesfrau und er – der reiche Giètbauer. Das war ganz in der Ordnung. Und nun tat's ihm wohl, daß eine Krebsenmattestochter um ihn sorgte! Im Alter denkt man anders, weicher, wehmütiger. Sapristi! und trotzdem geht er ins Venn – heute noch! Was soll ihm denn in den Weg kommen, ihm, mit seinen derben Fäusten!

Spät am Abend sieht Gètrou ihn in den Weg zum Torfstich einlenken. Sie spürt ein Bangen und weiß nicht, was ihr ist. Sie möchte dem Bauer nachgehen, aber, weiß Gott, er wär' imstande, sie heimzutreiben wie den Hund, der ihm nachläuft, und den er mit Steinwürfen davonjagt.

Der Sonntagabend deckt mit Dämmerschleiern die Dorfhütten. Der Mond schwimmt in der Frühlingsnacht.

Im Torfstich liegt der Bauer auf der Lauer und sieht die langen Schatten aus dem Venn aufsteigen und hört das Moorhuhn durchs Heidekraut streifen, und dann fern im Nebel einen kläglichen Ruf. Hinter den Gerüsten hockt er und spürt die feuchten Luftwellen über sich hinweggehen und fröstelt. Sein Warten schien nutzlos, es zeigte sich nichts Verdächtiges. Er denkt, so könne er sich seine Pfeife anbrennen und nach Hause gehen. Aus der Westentasche holt er ein Stück Zunder, legt's unter den Feuerstein und schlägt Funken. Ein kurzer Schein zuckt um ihn, ein Funke spritzt ins Gerüst. Mit dem Daumen stopft er das glühende Zunderstück in den Pfeifenkopf und raucht schmatzend die Pfeife an. Um ihn quirlt der Dampf. Der blanke Mondschein fällt durch leichte Nebelschleier. Da – taucht in dem weißen Nebelgeriesel ein Gesicht auf – ein fahles Gesicht, das langsam, unhörbar näher schwebt und in dem bleichen Mondschein leichenfarben aussieht.

»Höja!« ruft es ihn in den höchsten Kehllauten an, »da bist Du endlich, Bauer! Bleib stehen, ich komme!«

Dem geht der Atem beklommen. Noch einen langen Zug nimmt er aus der Pfeife und steckt sie ein.

» Hai! Wer bist Du!« ruft er und legt die hohle Hand an den Mund. Da saust ein Torfstück heran und neben ihm nieder. Das hat sein Ziel verfehlt, er würde sonst betäubt am Boden liegen. Die Wut packt ihn – er stürmt blindlings auf das Gesicht zu – tappt ins Leere – fühlt ein Schwanken und fällt. Drunten platscht er in den Schlamm nieder. Das humussaure Wasser spritzt ihm in Gesicht und Mund. Er pustet und hebt sich heraus; bis zum Knie steht er in einer Mulde, den Kopf über dem Rande und lauert. Er sieht nichts, aber aus dem Nebel hört er's stumpf heraus:

»Höja! Bauer, hat Dich eins, zwei, drei Teufele geholt?« Und dann in dem schwimmenden Dunstkreis vor ihm wieder das fahle, drohende Gesicht, und um dasselbe ein blankes Aufblitzen! Er schaut näher zu. Ein Messer durchschneidet die Nebelluft, von einer Hand geschwungen, die nicht mehr geisterhaft, die menschlich boshaft und verwegen droht.

Er duckt in die Mulde unter, er muß Zeit gewinnen zum Überlegen, zum Handeln. Hier lauert einer, der ihm feindlich gesinnt ist, und es fällt ihm bleischwer auf seinen Bauernmut, daß er nur mit zwei starken Fäusten ins Venn gegangen ist und gegen die Waffe des Andern, des Unbekannten, nichts ausrichten kann. Wer ist dieser? Ein Wallone nicht; der wäre auch nur mit seinen Fäusten gekommen, der drohte nicht einmal mit der Waffe in der Hand. Des Wallonen schärfste Waffe ist sein Mundwerk, wenn er sich ausgeredet hat, ist sein Zorn verflogen. Somit war dieser kein Einheimischer. Wer war's?

Er kommt nicht zum Nachdenken. Vom Muldenrand bröckelt Torf herunter. Es mußte jemand unhörbar gekommen sein. Sowie der Gedanke in ihm aufblitzt, klettert er an der andern Seite hinauf und in Schneckenwindungen über das bürstenrauhe Moos bis zur nächsten Mulde – geräuschlos dort hinein – und bis zur Augenhöhe steht er drinnen, späht, – späht. – – – – Und dort von der anderen Mulde her das drohende Gesicht im Nebel, die funkelnden Augen im Nebel! Die Mordwaffe im Nebel! Wuchtig greift der Bauer ein Torfstück heraus und wirft nach dem Gesicht. Da verschwindet es, und die weißen Dämpfe wallen über ihm und nahe, ganz nahe schwillt eine Stimme aus dem stinkenden Dunst heraus:

»Sag ein Gebet, Bauer, es ist Dein letztes, ich komme!«

Das Moos knirscht, der Rasen pulst auf und nieder wie eine Menschenbrust unter starkem Herzschlag. Schnell hastet der Bauer aus dem Grubenschlamm heraus und die steile Wand hinauf.

Hinter ihm schlumpft etwas im Morast – aber da taucht er schon wieder in der nächsten Mulde unter. – – Zwei Gesichter wieder über dem Rand hier und dort, verbittert, haßerfüllt. Eine Natter züngelt zwischen ihnen – drei Augenpaare voll Rachlust, Bosheit und Tücke! Nun schreit der Bauer auf:

» Hai là! Italiener!« Aber der Schall hallt dumpf gegen die Nebelwand, die ihn klanglos zurückwirft. »Italiener! Du wirst hier faulen!«

»Ich werd' Dich hier morden, Klotz, Du grobes!«

»Erst mich haben!«

»Ich hab' Dich, Bauer!«

»Im Namen Gottes!«

»Höja!«

»In des Teufels Namen!«

»Höja!« Sie springen von Mulde zu Mulde. Hier ein Kopf, dort einer! Im Nebel ein irrendes Gesicht! Ein schaukelnder Schatten im Mondschein – husch! Gespensterhaft! Wirre Stimmen da! dort! überall! Gelächter und Drohen! Durch den Nebel rieselt das Grauen – und das Moorhuhn jammert – und in den Binsen am Tümpel rispeln und kichern die Moorgeister – und über den Köpfen der Männer ein Flügelrauschen, Guttern und Gurksen – – Nachtvögel durchsteuern die Moornacht! Die Nebelklumpen stoßen zu dicken Quallen aufeinander. Milchweiß tropft und rieselt es in der Nachtluft – mittendrin eines Mannes einsam ragender Schatten. Und da huscht ein anderer zu ihm heran – sprunghaft tückisch – vier Arme greifen ineinander – – –

»Höja!« Lautlos verschwinden beide unter dem Rand. Drunten ein Bröckeln und Knistern in den Ginsterbüschen – im Wasser ein klatschender Fall, ein Aufschnappen eines ungeheuren Rachens, der seine Beute hinunterklunkst!

Und da keucht einer wieder herauf und tastet den Weg weiter – der Bauer ist's, dem der Atem stoßweise herauspfeift. Den Fuß schiebt er vor und tastet über den Boden. Wo der schwappt oder schwammig wird, prallt er zurück und rutscht auf Händen und Füßen weiter – hastend weiter – auf und nieder, und dann schurft er in den mit faulendem Wasser angefüllten Wegrain und dann den Feldweg hinauf. Dort rafft er sich auf und fort und rasend weiter und atemlos! Die schweren Bauerntritte klatschen auf den verfilzten Boden nieder; hinter ihm her schallt es stumpf und hölzern, und er hört's hinter sich Tapp! Tapp! Und neben sich Tapp! Tapp! Und ganz aus der Ferne Tapp! Tapp! Schattenhaft taucht's an seiner Seite auf – geisterhaft leise in seinen Fußspuren. Den heißen Atem faucht's ihm in den Nacken und flackert gespensterhaft um ihn. Wenn er eilt, schreitet es rascher; wenn er steht, schlüpft es hinter ihn.

Der Schreck klappert ihm in die Zähne hinein. Er fürchtet sich umzublicken, sich zur Seite zu drehen, er fürchtet sich und friert. Huh, es könnte ein Mördergesicht sein, in das er schaut. Es wird ihn packen und würgen. Es wird ihn mit den Augen stechen, ins Herz stechen! Es wird ihm den Atem ins Gesicht speien und ihn blenden – und sein Hauch riecht nach faulendem Wasser, nach Tümpeldunst, Giftblasen spritzen ihm ins Gesicht, und die Luft ist eng und atemraubend – die Sumpfluft! Der Kopf wird ihm kirschrot und fällt schwer gegen die Brust. So stiert er von unten herauf nach dem leisen Dauerläufer hinter ihm. Er sieht dessen Schatten in seinen Weg fallen – lang, länger und riesenhaft! Und er wächst noch immer! Und er legt sich weit in die Wiesen hinein und jagt ihm nach wie der Tod so schnell und leise. Was hat der mit ihm vor? Der Schweiß tropft ihm an der Stirn herunter und rinnt ihm in langen Linien in die Bartstoppeln hinein, und schwer keucht er und geht und läuft und geht – – und in lustigen Sprüngen der Leisetreter hinter ihm her – wie der Tod so schnell – wie der Tod so lautlos! Wie die Geister aus dem Moore so neckisch und grauenhaft und tückisch!

Weit hinter ihm liegen jetzt die Nebel. Vor ihm ein weißer, grader Strich im Mondschein – die Landstraße! Da stöhnt er und jauchzt und ächzt und betet und rast dahin – keuchend dahin! Der hinter ihm faßt ihn beim flatternden Kittel, der tritt ihm die Fersen ein, der wirft ihm die Torfstücke in den Nacken und schrillt sein Gelächter heraus. Höja! Höja! Höja! Zurück ins Moor! In den Tümpel zurück! Dort liegt einer, ein Rachsüchtiger, ein Mörder, tief im Grund!

Ein Fehltritt bringt den Meister ins Stolpern – ein Fall plump und ungelenk! Quer über die Landstraße liegt er mit ausgespreizten Armen, – und neben ihm breit und lang und länger und riesenhaft länger der Leisetreter, der Dauerläufer, der rachsüchtige Moorgeist, der aus dem Tümpel stieg – – sein eigener Schatten, vor dem er geängstigt floh!

Er stiert ihn wirr und blöde an. Er streckt die Hand aus und tastet nach ihm, und dann rafft er sich auf mit steifen Gliedern und Fieberhitze im Kopfe und blickt zurück in das Venn hinein.

Weit hinter ihm liegt's am Rand des Himmels, weit und weltfern und wie ein Grab so still und schaurig. – Und im Tümpel liegt einer, der kein Moorgeist war!

Er streicht sich über Stirn und Augen. Ein Mensch lag dort, ein Rachsüchtiger zwar, ein Mörder vielleicht, aber ein Mensch!

War der hineinge–fallen?

Jetzt lag er da – schlief er da – – und morgen wachte er auf!

Morgen – gewiß morgen!

Er schwankt die Landstraße hinunter. Im Dorfe kein Licht und Nacht überall. Es sieht ihn keiner, es durfte ihn keiner sehen.

Und morgen wacht der auf – der im Tümpel!

In sein Gehöft schleicht er wie ein Fremder. Der Hund springt aus der Hütte und schnüffelt ihn an.

» Blanc' pi'. Weißfuß, Hundename. St!« flüstert er und gibt ihm eins auf die Schnauze. Ein unbestimmtes Gefühl drängt ihn, ungesehen in seinen Hof zu kommen. Leise drückt er gegen die Haustüre. Da liegt der Querriegel vor. Nun zieht er die Schuhe aus und geht um die Hofecke, fest an der Wand entlang im Schatten des Giebels – er scheut seinen eigenen Schatten.

Von oben herunter hört er ein Flüstern, steil über seinem Kopfe – dringend, angstvoll. Er starrt hinauf wie ein Verbrecher, der Verrat fürchtet. Ein Kopf biegt aus dem niederen Kammerfenster, ein Arm winkt ihm.

»Meister Gièt!«

»Ja, Gètrou, ja!«

»Wollt Ihr herein?«

»Welcher Racker hat den Riegel vorgelegt? Die Tür ist zu.«

»Ich!«

»Du! Hol' Dich der –!«

»Vor den Augen der Daditte hab' ich 'n vorgelegt. Die wird also sagen können, daß ihr zur Nacht nicht hereingekommen seid, daß Ihr schon vorher heimgekommen seid, versteht Ihr's?«

Er fühlt ein Schlottern in den Knien. Warum tat sie das, warum? Aber er fragt nicht, die Zähne klappern ihm.

»Wie komme ich jetzt 'rein? Ich hab' eine Hetz hinter mir, die mir wie eine Krankheit in den Knochen liegt.«

Da langt sie mit beiden Armen hinunter.

»Durch die Haustür 'rein dürft Ihr nicht. Dann müßt Ihr an der Daditte ihrer Kammer vorbei. Steigt an der Egge herauf, die gegen der Wand steht, und dann packt mich an den Armen, ich halt' Euch.«

Der Hund schlägt halblaut an.

»Kusch, Blanc' pi'

An der Giebelwand hinauf klimmt ein Schatten und verschwindet in dem Fenster. Nun schlägt der Hund laut an und heult. Der Bauer beugt zum Fenster hinaus.

»Kusch, Blanc' pi'! Hepp!«

In diesem Augenblick geht leise der Holzladen am Heustall auf, nur um eine Ritze weit.

Am Kammerfenster schnappt der Verschluß ein. Der Mondschein fließt durch die Scheiben und auf des Bauern verstörtes Gesicht.

»Am Tümpel schläft einer, Gètrou. Ob er morgen aufwachen wird?« fragt er wirr. Sie drängt ihn hinaus.

»Geht schlafen, Meister Gièt. Nehmt die Schuhe unter'n Arm, und dann schnell in Eure Stube. Rückt auch den Schemel nicht, Keiner darf Euch hören.«

»Es war 'n Hatz, Gètrou; wie'n Moorgeist sah er aus, aber 's war keiner.«

»Geht! Legt Euch, und morgen bleibt Ihr im Bett. Ihr seid krank; man sieht's Euch an.«

Hinter ihm schließt sich die Stubentür, und geräuschlos kehrt das Mädchen in seine Kammer zurück. Taghell starrt der Mond herein. Sie tritt ans Fenster und sieht etwas, das ihr das Blut fast erstarren läßt. Am Heustall knarrt kaum hörbar der Holzladen und wird sachte geschlossen.

Da schläft Michi, der Hirt.

Sie tut einen Schritt in die Stube zurück und taumelt fast gegen die Bettstatt. Das Blut stößt ihr zum Herzen, in die Augen hinein. Sie sieht in eine rote Wolke und meint, nun müsse sie lautlos zu Boden sinken.

Was war weiter dabei? Der Hirt hatte wieder eine Neuigkeit durchs Dorf zu tragen. Der Krebsenmattestochter konnte das am Renommee weiter nicht schaden, und – vielleicht war man nicht einmal verwundert. Sie wird also das Dorfgeschwätz auf sich nehmen müssen. Und weswegen?

Das weiß sie selbst nicht. Das stand in des Bauern kreideweißem Gesicht, das hatte sie selbst so gewollt. Warum wartete sie auf ihn? Warum? Warum? Sie hält sich den Kopf mit beiden Händen und möchte aufstampfen vor Zorn und Ärger. Warum tat sie so etwas? Weil er der Giètbauer war – weil er ihr's Leben gerettet hat – weil er gut zu ihr war – weil der Alexand, der Alexand in Berlin, sie einmal in die Backe gekniffen hat – – Nein! Das und dies und jenes ist's nicht. Sie weiß kein Warum, sie mußte es tun und – es reut sie nicht; aber zornig ist sie, bitterböse auf sich selber.

Wie der wirr war – der Bauer! Wie ein Kranker – wie ein – Verbrecher!

Sie stützt beide Arme auf das Fensterbrett und starrt in den Mond hinauf. Im Venn war etwas geschehen, etwas Furchtbares, das stand fest. Sie hat es kommen sehen, darum wartete sie auf ihn bis in die Nacht hinein. Sie hat gemeint, auf einen Toten zu warten. Nun kam der Lebende. Wo war der Tote. Im Venn lag da irgendwer totstarr. Das stand in der Luft, die roch nach Moorrauch. Das war Leichengeruch. Ein eisiger Schauer rinnt ihr den Rücken herunter. Wenn sie jetzt den Mund auftut und erzählt, was sie weiß, – nun, dann kamen wahrscheinlich die Gendarmen auf den Gièthof, und der Alexand konnte wieder nach Berlin zurückkehren, denn im Dorfe zeigte man mit Fingern auf ihn, und einen reichen Gièthof gab's nicht mehr. Wohin dann mit ihr? Was wurde aus ihren Plänen? Die Daditte hatte ein Sümmchen erspart und ging nach Robertville zurück. Die würde also nur die Schulter zucken und sagen: »Man muß die Suppe nicht heißer kochen, als man sie essen kann.« Damit war's für sie abgetan. Die schätzte eine frischmelkige Kuh höher als einen Menschen. Das war leichter und bequemer. Wenn man aber jemand sein Leben zu verdanken hat – – sie hört im Denken auf.

Es schreckt sie etwas. Vom Hühnerstall her ein verträumter Schrei, ein Plustern und Flackern gegen das Türchen, ein Hahnenruf, ängstlich, schreckhaft – und dann ein Hilfegeschrei der gesamten Hühnerfamilie. Gackern, Flattern, Kreischen, Krähen und ein langgezogener Klageruf. Gètrou fährt vom Fenster zurück zur Kammer hinaus. Der Marder ist im Hühnerstall! Ein Alarmruf für den ganzen Hof! In Dadittes Kammer stürzt sie und reißt sie aus dem Bett. Die wirft den Rock über, fährt in die Holzschuhe und läßt sich von dem Mädchen zur Haustüre herunterdrängen.

»Stoßt den Riegel zurück, schnell!« ruft Gètrou und zündet die Stallaterne an. Hinter Daditte her läuft sie, und dann reißen sie das Hühnertürchen auf. Der helle Schein fällt hinein, über und unter der Stange flattern die aufgescheuchten Hühner. Einige stoßen mit lautem Geschrei an den Frauen vorbei in die Nacht hinein. Und ganz hinten im Ställchen zwei mit durchbissener Kehle – regungslos. In wütender Kampfstimmung rennt noch der Hahn im Stalle herum, hackt gegen die blendende Laternenscheibe an und schlägt mit den Flügeln.

Guter Gott,« jammert Daditte, »'s ist ein Loch im Hühnerstall. Das muß der Knecht morgen ausschmieren. Wenn doch nur unser Meister daheim wär'!«

»Was fällt Euch ein, Daditte? Längst ist er daheim!« schreit Gètrou sie an, »den hab' ich nach der Abendsupp' nicht mehr gesehen. Da stieg er wahrscheinlich schon in seine Schlafstub'; ich hört' ihn drin, kannst nachschauen.«

» Tin! Du mußt's ja wissen. Du weißt jetzt besser Bescheid auf dem Hof als unsereins. – Hepp! Fang' die Hühner ein und sperr' sie für die Nacht in die Küch'.«

Nun bricht erst recht der Lärm los. Das Hühnervolk, einer Gefahr glücklich entronnen, sieht sich auf andere, nachdrücklichere Art angegriffen und erhebt ein herzzerreißendes Hilfe- und Mordiogegacker. Ein Huhn görlt es dem andern zu, vom Reiserhaufen herunter, vom Dach herab, hinter dem Pflugrad her, aus der Hecke heraus. Rette sich wer kann! ist das Feldgeschrei. Der Hahn ist einer besseren Einsicht zugängig und läßt sich in die Küche eintreiben, die liebe Familie in wahnsinniger Flucht ihm nach. Das war eine aufregende ereignisreiche Nacht in der Hühnergeschichte, und eng rücken sie auf der Herdbank zusammen. Eine Lücke bleibt zwischen ihnen. Da stecken sie die Köpfe hinein; zwei fehlen. Göck! Göck! Göck! Nur zweie, es hätten auch drei sein können. Der Sieg ist unser! Göck! Göck!

Am Heustall knarrt wieder leise die Türe. Ein Hirt hütet die Schafe und nicht die Hühner. Was gehen ihn die Hühner an! Und Michi schläft weiter.

Ein gelb-fahler Morgendunst hängt schon über'm Gehöft, als dort wieder Ruhe ist. Von Faymonville her rücken die Mäher an, lassen ihre Sensen blinken und legen die hohle Hand an den Mund.

»Horilahoi!« tönt ihr Weckruf in die Morgenstille.

Daditte eilt auf Strümpfen in die Küche und rasselt mit dem Kochgeschirr. Der Morgen ist frisch. Die Mäher streifen ihre Kittel über und suchen sich das Notwendige für die Mahd im Venn zusammen. Von der Küche her dunstet der Kaffee. Die Tassen klappern. Den Mähern schrumpft der leere Magen vor Gier. Sie scharren über die Steinplatten dem Tische zu. Ein Haufen dicker Brotschnitte mitten darauf, daneben die bauchige Kanne. Mit dem Taschenmesser stechen sie die weiße, rahmige Butter aus der Schüssel und legen sie in glatten Scheiben auf's Brot. Dann schneiden sie die Brotstücke würfelförmig heraus und führen sie auf der Messerspitze zum Munde, schnell und hastig. Ein Wallone hat nicht das Behagen am Essen, das die Mahlzeit zum Genuß macht. Er ißt, weil es ihn erhält, nährt; nicht aus Freude am Essen. Das tut nach ihrer Ansicht nur der Deutsche.

Daditte richtet einen schweren Proviantkorb für einige Tage her, die Mäher schieben den Rechenstiel durch die Korbhenkel und brechen auf zum Venn. Einer fragt nach dem Giètbauer.

»Der scheint krank droben zu sein,« sagt Gètrou und stellt für Daditte und Michi die Tasse auf, »wenn er aufsteht, wird er auch schon ins Venn nachkommen.«

» Abin, dann Adjüs!« Die schweren Männertritte verhallen auf dem Hofe; man hört ihre Stimmen immer ferner im tauigen Morgen. Am Küchentisch sitzt der Hirt, bläst den Dampf von seiner Tasse und blinzelt zu den Frauen hin.

»Was ich sagen wollte, Ihr Mädchen! Wenn's mit unserm Meister Gièt nicht besser geht, müßt Ihr wohl den Krebsenmattes herrufen. Der versteht sich drauf, der gibt ihm 'n Tränkchen – 'n Tränkchen sag' ich Euch, na, das soll ihm schon wieder auf die Beine helfen, auf die gesunden Giètbeine, allen Respekt davor, oh sia (o jawohl)!« und als ihm keine Erwiderung wird:

»Der Krebsenmattes steckt sozusagen all die Doktors aus der Umgegend in die Tasche. Der ist nicht ohne!« Er tippt an die Stirne, »ich könnt' 'n rufen.«

»Halt's Maul, alter Schwätzer!« schnarrt Daditte und wirft ihm ein doppeltes Butterbrot vor die Tasse. »Dich zum Krebsenmattes schicken, heißt den Stiel nach der Axt werfen. Süffer seid Ihr alle zwei, Du und der gescheite Mattes! Mir hat er 'n Mittel gegen den Rotlauf gegeben. Das hat mir fast das ganze Schienbein zerfressen, ich zeig'n an.«

Da stößt der Hirt den Zeigefinger auf den Tisch und spricht's überzeugend heraus:

»Den Zitter habt Ihr, nicht den Rotlauf.« Daditte reißt die Augen auf. »Sozusagen,« fügt er hinzu, »Ihr habt den Krebsenmattes nicht verstanden – oder – na, da haben wir's ja – den Spruch habt Ihr vergessen!«

»Gibt's denn 'n Spruch dabei?«

»Sozusagen die Hauptsach'! Ohne Spruch heilt's nicht!«

Nun wirft Daditte den Kartoffelstampfer auf die Kannenbank und rückt neben den Hirten.

»Sag', Michi,« sie stößt ihn gegen den Ellbogen, »kennst Du den Spruch?«

»Ja, ich kenn' 'n.«

»Dann sag'n, nachher kannst weiteressen.«

»Ums Essen ist mir's nicht, aber'n Tropfen, Daditte – ich hab's heut' im Magen.«

»Den kriegst Du, alter Süffer, 'raus mit Deinem Spruch.«

»Man muß dran glauben wie an Himmel und Höll'!«

»Wenn er mir den Rotlauf heilt, glaub' ich dran.«

»Den Zitter!«

»Zitter oder Rotlauf, wenn's nur geheilt wird!«

»Aber'n Unterschied ist's doch – sozusagen.«

»Gleich schmeiß ich Dich 'raus!«

Nun schiebt der Hirt seine Tasse zurück, tippt mit dem Finger in den Kaffeesatz und zeichnet einen Kreis auf den Tisch. Diesem fährt er verschiedene Male mit dem Finger nach und murmelt dabei:

»Zitter,
Du Dritter,
So rund und rot
Wie der Mond,
Sollst in neun Tagen sein tot.«

»Nichts weiter? Das kann ich jetzt schon. In der Schule hab' ich immer gut gelernt. Merci auch.«

»Mit'm Merci kuriere ich meinen Magen nicht.«

»Keinen Funken Mitleid hat so'n Süffer im Leib. Dem ist's mehr um seinen Tropfen zu tun, als um meinen Zitter.«

»Jedem sein Teil, das ihm zukommt, und dem Teufel nichts!«

Er langt über den Tisch und klopft Gètrou mit der Pfeifenspitze auf die Hand.

»Du da, altes Huhn (Kosename)!« Sie fährt aus ihren Gedanken auf und faßt nach ihrer Tasse. »Ich wollt bloß fragen, ob Du keinen Hunger hast?«

Sie wirft ihm einen wütenden Blick zu.

»Ich frag' ja auch nicht, ob Ihr keinen Durst habt.« Sie stößt den Schemel zurück, trinkt im Stehen ihre Tasse aus und macht sich am Herd zu schaffen. Der Hirt sinnt nach, wie er auf billige Art zu einem zweiten »Tropfen« kommen kann und legt gemächlich die Arme auf den Tisch. Da platscht ihm Daditte die flache Hand auf den Rücken.

»Willst tagsüber hier sitzen bleiben und saufen? Raus! Treib' Deine Schaf' aus!«

Diensteifrig springt er auf, als könne ein arbeitsamer Mann wie er sich so etwas nicht zweimal sagen lassen.

»Gott behüt', adjüs, Ihr Mädchen.« Und hinaus ist er.

»Mit dem Bauer hat's sein richtiges nicht,« sagt Daditte und stapft die Treppe hinauf. Sie klopft mit der knochigen Faust an die Tür.

» Hai là! Steht Ihr denn heut' nicht auf? Es ist schon fünf Uhr und die Mäher sind ins Venn. Ich muß jetzt in den Stall zum Füttern. Soll ich Euch den Kaffee parat stellen, hai? – Sapristi! Macht doch den Mund auf. Reden könnt Ihr doch noch.«

Die Bettstatt knackt unter der Last des Bauernkörpers. Er wälzt sich unruhig aus dem Bette und schreit heiser heraus:

»Laß mich in Frieden. Hab' nicht mehr Hunger als das Wasser Durst. Mach', daß Du wieder 'runter kommst. Das Vieh brüllt sich den Hals wund. Wenn ich nicht da bin, denkt keines ans Vieh. Mich kannst in Ruh' lassen.«

»Mir schon recht; aber aufstehen könnt Ihr jetzt, man kommt mit der Arbeit nicht voran,« und knodernd schurft sie die Treppe hinunter, füllt die Eimer und geht in den Stall. Gètrou hakt den großen Kessel wieder ein, füllt ihn mit Wasser, bläst mit dem Rohr die Glut an und legt Torf dazu.

Hinter ihr knarrt die Türe. Sie dreht sich um und sieht den Giètbauer. Vornübergebeugt steht er auf der Schwelle. Die Schultern hängen ihm schlaff, er hat die Kraft nicht, sich aufrecht zu halten. Das sonst an den breiten Schläfen geglättete Haar hängt ihm in zwei Strähnen an den Schläfen herunter. Sein Gesicht ist abgehetzt, von kaltem Schweiß überlaufen. Dem Mädchen schießt bei seinem Anblick der Schreck in die Knie; es muß sich niedersetzen. Da drückt er die Türe zu, legt sich mit dem Rücken dagegen und stößt die gespreizten Hände aus.

»Gètrou – hör'! Hör'! Ist keiner da?« Er sieht scheu in alle Ecken und dann, ehe sie antworten kann, »Du hast mich nachts reingelassen, gelt? Ich wollt' bloß mal fragen, ich weiß nicht, ob's seine Richtigkeit hat. Man kann so was auch träumen.«

»Ja, Meister Gièt, ich hab' Euch 'reingelassen.«

»Kam ich aus'm Venn, sag, Gètrou?«

»Ja, Meister Gièt, Ihr kamt aus'm Venn.«

Da torkelt er zu ihr hin.

»Was sagen sie im Dorf – hat einer mich gesehen?«

»Ja, einer – der Michi. Der hat Euch in meiner Kammer gesehen, weiter nichts.«

»Weiter nichts. Ein Glück, gelt, Gètrou?«

»Ja, ein Glück.«

»Gètrou!« Sein Mund liegt fast an ihrem Ohr, »haben sie noch keinen aus'm Venn gebracht?« Aber dann schlägt er sich die Hand an die Stirne. »Drüber bin ich, ganz drüber. Ja, gelt, Gètrou, heut' Nacht war's erst. Es kann noch keiner geredet haben. Wie das kommen ist, Gètrou – o, wie das kommen ist! An mir vorbei flog er und 'runter in den Tümpel. An den Arm packt er mich, da stieß ich ihn von mir und ich wußt', daß drunten der Tümpel lag. Was schert's mich? Mir war mein Leben lieb, ich lief ganz wahnsinnig, und da vermeint' ich ihn hinter mir her zu hören. Auf den Rücken sprang er mir, ich meint' ihn zu sehen. Der Leibhaftige war's, Daditte!« Sein Blick verwirrt sich, er drückt ihren Arm. »Daditte! Geh' zum Pfarrer, der muß das Venn einsegnen, ein Toter liegt darin. Daditte, bet' für seine arme Seele!«

Die Knie knicken ihm ein; er droht zusammenzubrechen. Mit beiden Händen greift ihm das Mädchen unter die Schulter und stützt ihn. Seht Ihr's nicht, Meister Gièt, die Gètrou bin ich – nicht die Daditte. Der Daditte dürft Ihr kein Wort sagen,« sie schüttelt ihn, »hört Ihr, nichts dürft Ihr davon sagen!«

Sein Gesicht reißt sich aus den weinerlichen Falten. Er starrt sie verständnislos an. Und dann kommt ihm wieder das Bewußtsein, und mit einem Ruck versucht er, sich aufzurichten.

» Luk! Du bist's, Gètrou, ich wollte Dir bloß sagen, daß keiner es zu wissen braucht – es soll Dein Schaden nicht sein. Es ist mir ganz elend. Jetzt geh' ich wieder 'rauf; laßt mich droben liegen, und heut' abend kannst Du nachsehen, ob ich noch am Leben bin.«

Sie hält ihn am Ärmel fest.

»Geht nicht 'rauf, legt Euch in die gute Stub'; so seid Ihr uns besser zur Hand, und dann hört Ihr auch, wies zugeht im Hof.«

»Wie's zugeht im Hof,« spricht er ihr wohlgefällig nach. Das leuchtet ihm ein. Er läßt sich willenlos fortführen. Als sie dann wieder zur Küche will, ruft er sie zurück. Es ist der alte, herrische Ton. Gètrou bleibt auf der Türschwelle stehen. Da winkt er ihr.

»Wie gesagt, Gètrou, es soll Dein Schaden nicht sein.« Er schleudert die Holzschuhe unters Bett, nachher kannst mal zu den Eisenbahnern gehen und nachschauen, ob einer – der mit der zerquetschten Hand – dabei ist. Hörst Du, Gètrou, und jetzt mach' Dich 'naus an Deine Arbeit.«

Da sie keine Antwort gibt und geht, ruft er ihr nach:

»Hast mich verstanden, Du!«

»Legt Euch in den Sessel und schlaft, Meister Gièt!« sagt sie aus der Küche heraus, »und Euren Mund braucht Ihr grad' nicht so aufzureißen, ich bin keiner von Euren Ochsen.«

Da schweigt er und wirft sich in den Lehnstuhl. Sie sprach jetzt anders mit ihm, die Krebsenmattestochter; sie trugen mitsammen an einem Geheimnis, das nähert. Er drückt sich in das Lederpolster hinein. Es ist ihm nicht recht. Die Krebsenmattestochter soll an ihrer Stelle bleiben. Die darf an seinem Tische essen. Die kann er von heut' auf morgen fortschicken. Ihre Mutter ließ sich das einmal sagen und ging; aber die – die! Die Gètrou ging nicht – jetzt nicht mehr!

Jetzt nicht mehr! Es saust ihm in die Ohren.

Ein Schütteln und Frösteln packt seinen Körper. Der Lehnstuhl erschüttert unter einem Fieberfrost, der den Mann zusammenrüttelt.

In der Küche sagt Gètrou zu der eintretenden Daditte:

»Unser Meister liegt in der guten Stub'. Es ist ihm lieber, wenn man ihn in Frieden läßt.

» Sicola! Soll ihn schon lassen; hab' meine Arbeit.«

Gètrou trägt das Butterfaß in den Hof und stellt es an die Wand, wo die ersten schwachen Sonnenstrahlen hinaufklettern.

Die Dorfstraße herauf wimmelt und blökt die Schafherde. Alte und junge Stimmen schreien um die Wette; mit tiefem Kollern bläht ein Hammel hinein, und ein Hund in heiserem Gebell, und dann ein Wirrwarr von ängstlichem Blöken, Schreien, Pratschen und Kollern. In weiten Sprüngen umkreist sie der Hund. Hintennach trollt der Hirt und stößt seine langgedehnten Pfiffe aus. Von den Höfen her treibt man ihm die Hämmel zu, bleibt eine Weile bei dem Michi stehen und fragt, wie's Wetter wird und ob er glaubt, daß drüben von Belgien her, aus dem Regenloch, neue Gewitterwolken kämen.

Gètrou schaut schärfer zu und meint, heute spräch' der Michi nicht vom Wetter.

Sie klettert auf die Karre hinauf und kann so über die Hecke hinwegsehen. Der Hirt und die Bäuerin bemerken sie und gehen voneinander. Langsam trollt Michi wieder hinter den Schafen her, lacht im Dusel vor sich hin und pfeift – pfeift! Es klingt gellend in den stillen Morgen hinein. Als er an Gètrou vorüberkommt, bleibt er stehen, stößt den langen Hütstock in den Boden ein und stemmt den Arm in die Seite.

»Sapristi! Stehst da droben wie 'n Hahn auf'm Mist. Hast Du mir 'was vorzukrähen, hai

Sie stützt das Knie auf die Karrenwand und sagt zu ihm herunter:

»Sieh 'mal einer an, wie Du wieder recht hast! Und extra, um Dir's vorzukrähen, bin ich auf die Karre gestiegen. Paß' jetzt auf, zweimal kräh' ich's nicht. Von morgen an brauchst Du unsere Schafe nicht mehr auszutreiben. Wir haben unsern Hütbuben, und dem sein Mundwerk ist nicht grad' so frech wie Deins. Adjüs.«

Sie steigt auf die Deichsel, springt ab und, noch ehe er es begreift, an ihm vorbei ins Dorf hinunter. Dann stottert er ihr seine Wut nach.

»Da–daa–das wollen wir doch erst sehen!« und weiter geht er. » Sicola, die sollt' was zu befehlen haben? Die! Die!« Er sucht nach dem Wort, das niederträchtig genug für sie ist, macht eine drohende Handbewegung hinter ihr her und kneift die Lippen ein.

Gètrou geht mit stürmischem Herzklopfen ihren Weg. Sie hat gedroht und das muß sie halten, sonst lacht man im Dorfe ihr ins Gesicht. Die Krebsenmattestochter, die auf dem Gièthofe befehlen wollte! Närrisches Ding! Die Wuttränen drängen ihr herauf. Warum hat sie es denn gesagt? Es fiel ihr auf die Zunge, und da war kein Halten mehr, es mußte herausgesprochen werden. Jetzt war keiner, der ihr heraushalf. Das übermütige Wort sprang ihr heraus wie ein Stein, der einem andern an den Kopf fliegen sollte, einem, der ihre Ehre zerschnitt, der an dem Ruf der Krebsenmattestochter noch etwas anzuflicken hatte. Der Stein mußte treffen, der durfte nicht mehr auf sie zurückfallen – eher ging sie noch einmal in den Tod. Das erste Mal hat der Bauer sie gerettet; das zweite Mal mußte er es auch. Sie wird ihn wieder wie damals um die Hüften packen und schütteln, den Quadratmenschen ins Wanken bringen. Erst wenn man ihn schüttelte, begriff er und hatte Mitleid und half.

Aber nun bleibt sie plötzlich stehen. Ein Ruck geht durch ihre Gedanken. Es fährt ihr wie ein Freudenschreck in die Glieder. Mitten auf der Landstraße steht sie und grübelt in sich hinein. Sie fürchtet, wenn sie weitergeht, entwischt's ihr, und es ist doch ein prachtvoller Gedanke, so groß, so schön, daß sie beinahe davor erschrickt, daß sie wieder ganz zaghaft wird. Zum Giètbauer will sie gehen und sagen:

»Soundso hab' ich's dem Michi gegeben. Unsere Schafe kriegt er nicht mehr, Meister Gièt, das müßt Ihr für mich tun. – Ich – tu – ja – auch etwas für Euch!!«

So und nicht anders! Zum Betteln brauchte sie nicht mehr zu kommen, sie durfte fordern! Und nun kann sie sich nicht mehr helfen, sie muß die tolle Freude herausschreien. Zum Meister Gièt darf sie gehen und fordern! Alles andere versinkt hinter ihr. Sie denkt nur an das eine, das sie fast närrisch vor Jubel und Schadenfreude und Stolz macht.

So kommt sie ins Dorf und an dem Pfarrhaus vorüber in das Krebsenhaus. Die Tür ist zu, aber nicht verriegelt. Kein wallonischer Bauer denkt daran, zur Nacht sich einzuschließen. Die Wallonie war zu jener Zeit noch das von Bergen ummauerte Besitztum, das von einer einzigen großen, in den Dörfern zerstreut wohnenden Familie bewohnt wird. Böswillige und Diebe vermutet man in einer Familie nicht, und von auswärts verirrte sich selten einer hierhin. Die Fremde lag nach seinen ungeklärten geographischen Begriffen weit draußen in der Welt, und das Erdbällchen Wallonie schwamm wie eine einsame Schneeflocke im blauen Äther.

In der Wirtschaftsküche steht das Geschirr in heilloser Unordnung. Auf dem Tisch kleben die leeren Schnaps- und Biergläser fest. Pfeifenasche auf dem Boden, umgestürzte Schemel – und im Herde die vom Abend her mit nasser Asche gedeckte Glut, aus der es muffig herausqualmt. Sie rückt die Gläser zusammen und säubert den Tisch, stochert auch die Glut mit dem Ofenhaken an und setzt den Kessel auf. Dann hockt sie auf der Herdmauer nieder, verschränkt die Arme und wartet.

In der Kammer hört sie Scharren und Stuhlrücken. Mit struppigem Haar und auf Strümpfen kommt der Krebsenmattes heraus. Das bunte Hemd ist aufgeknöpft, und der knochige Hals mit dem stark hervortretenden Kopf reckt heraus. Mattes ist mürrisch und mißlaunig, wie ein Mensch, der nicht ausgeschlafen hat; reibt sich mit beiden Händen durchs Gesicht und reißt gähnend den Mund auf.

»Was ein Glück! Tin, da bist Du?« Er reckt, schüttelt sich und gähnt wieder. »Hab' ich doch gemeint, Du hättest längst den Weg hierher vergessen. Oder – bist Du fortgejagt, hai

Mit einem Male ist er vollständig wach, reißt die Augen auf und stellt sich mit gespreizten Beinen vor sie hin. »Rausgeschmissen hat er Dich, und jetzt kommst Du her, um Dich von mir füttern zu lassen, qwai (was)?« Er bückt sich dicht vor ihr Gesicht. »Hat er Dir Geld gegeben oder nur so mir nichts dir nichts 'rausgeworfen? Willst Du den Mund auftun! Du – Du schlechtes Mensch, Du, Du! Geld bringst Du heim oder bleibst draußen – meinetwegen auf'm Mist. Ich wohne hier zwischen der Kirch' und dem Pfarrhaus in guter Reputation, und ich dulde in meinem Haus keine –« Da fährt sie auf und preßt ihm die Hand auf den Mund.

»Sag' das nicht!« In halber Verzweiflung kreischt sie es heraus. »Sag' das nicht; guter Gott! Wenn Du's tust« – ihre Augen suchen wild durch die Küche – »dann geschieht etwas, dann fang' ich Dir hier was an, und dann kannst mich auf den Mist werfen. Es ist mir am End' egal!«

Sie lehnt gegen den Herd und sieht ihn von unten herauf mit düsteren, bohrenden Blicken an und sagt's mit tiefer, erregter Stimme heraus: »Jetzt nimmt's mich nicht mehr wunder, daß ich soviel Schlechtes in mir hab'. Ich muß es manchmal mit zwei Händen packen und zurückdrängen. Die Krebsenmattestochter hat verdorbenes Blut in den Adern, das weiß ich jetzt. Die paar guten Tropfen sind von der Mutter, und«, sie steht mit abwehrend ausgestreckten Armen vor ihm, »die sollst mir nicht abzapfen!«

Er stößt die Hände in die Taschen und setzt sich auf den Tisch.

» Abin,wenn's nichts auf'm Gièthof gegeben hat, kann's mir recht sein. Ehrlich währt am längsten. Bleib' an dem Hof hängen wie 'n Katz' am Käfig – einmal wirst den Vogel doch einfangen.«

Sie dreht ihm den Rücken und tritt ans Fenster.

»Hör'! Gib mir 'was für den Bauer; er hat's Fieber.«

»Oho! – Gestern war er noch gesund.« Er blinzelt sie mißtrauisch an.

»Zum Krankwerden braucht's kein Jahr.«

»Was hat er?«

»So 'was Fiebrisches; gib ihm Tee.«

»So? Was Fiebrisches? Der wird sich noch kaput ärgern. Es kommt keiner ins Dorf, mit dem er nicht anbandelt.«

»Mit wem hat er angebandelt?« Sie hält den Atem an.

»Tu' nicht so, Mazette (Nichtsnutzige, Vorlaute). Der Oberst kam auch zu mir 'rein, hat 'n Glas Bier getrunken, anständig bezahlt und hat sich auch unsere Kirche angesehen. Das ist 'n frommer Mann, und der hätt' uns das ganze Venn abgekauft, wenn der Gièt ihn nicht mit seinem Dickkopf angerannt hätt'. Man erzählt, einer aus Magdeburg, ein Kanonenfabrikant, wollte ihm das Geld geben. Teufel! Warum verkauft man's ihm nicht, wenn's ihm Pläsier macht, unser Venn zu haben. Wir tun nichts damit. Und das deutsche Geld zählt an einem Groschen genau um zwei Pfennige mehr.«

»Mach' mir jetzt 'was zurecht.«

»Bezahlt's denn der Bauer?«

»Aus meinem Lohn bezahl' ich's, wenn's Dir darauf ankommt.«

»Aus Deinem – hai, fehlt Dir ein Holz im Bündel? Der Bauer ist reich zum Platzen. Wenn Du den schröpfst, schad's ihm nicht.« Er stößt ihr mit der gespreizten Hand an die Schulter. »Hör', wenn Du hier und da im Hof 'was aufraffen kannst, bring's 'rüber. So macht's auch die Daditte. Die hat jetzt schon 'n Sparsümmchen für ihr Alter. Wir haben's nicht. Wir sind arm wie Kirchenmäus', und dumm muß man nicht sein. Wer nicht vom Fressen satt wird, wird's auch nicht vom Lecken.«

Sie schnellt herum, hebt sich auf den Fußspitzen zu ihm hinauf und sprüht ihm ins Gesicht:

»Erst schlecht sein und dann stehlen! Dazu willst mich bringen. Wenn's nur Geld abwirft, hernach kann ich schlecht sein und in Grund und Boden hinein verderben. Aber dazu bringst mich nicht. Und hätt' ich nur drei Tropfen ehrliches Blut, die laß ich nicht verderben – Dir und den andern zum Trotz nicht! Die möchten mit Fingern auf mich weisen, so wie sie's auf Dich tun. Die Krebsenmattesart! Guter Gott! Geh', Vater, zieh' aus nach Brasilien; vielleicht find'st da das Geld auf der Straß' und wirst reich. Dann kannst Du wiederkommen. Reiche Leute dürfen großmäulig sein, und wenn sie mit den Talern rasseln, fragt man nicht weiter, ob sie auch schlecht sind. Und nun magst Du Deinen Tee behalten. Die alte Antschenne tut's schon für ein Vergelt's Gott.«

Sie geht und er läuft hinter ihr her, schimpft, zetert, bis der Küster aus der Kirche herauskommt und sagt, der Herr Pfarrer könne ihn am Altare hören. Da kehrt Mattes in sein Haus zurück, schlägt die Türe zu und spektakelt in seinen vier Wänden weiter. Inzwischen kocht das Kaffeewasser, und das beruhigt ihn. Er setzt sich auf die Herdmauer und schlürft seine Tasse aus. –

Auf dem Gièthof hört Gètrou von Daditte, daß der Bauer noch nicht herausgekommen sei und wahrscheinlich schlafe. Sie horcht an der Tür auf. seine rasselnden Atemzüge. Die Unruhe läßt sie zu keiner Arbeit kommen. Ehe der Hirt heimtreibt, muß sie mit dem Bauer geredet haben. Dieser eine triumphierende Gedanke wird in ihr zur fixen Idee, der sie blind folgt. Daditte kocht der Ärger fast zum Halse hinaus. Sie sieht das wirre Wesen des Mädchens und deutet es nach ihrer Art. Was sie hinter ihr her murrt, versteht Gètrou nicht, aber es stachelt ihren Groll, ihren Stolz und all das Schlechte in ihr, das von der Krebsenmattestochter kommt.

Gegen Mittag muß der Hütbub' zum Torfstich, um das Essen dahin zu bringen. Gètrou trägt ihm den Korb bis zum Bahndamm und setzt ihn hier ab. Auf einen Steinhaufen stellt sie sich und sieht zu den Bahnarbeitern hinüber, wie mancher aus dem Dorfe tat, der des Weges vorüberkam und neugierig stehen blieb. Neckische Zurufe fliegen zu ihr herüber. Einer wirft mit einem Steinchen nach ihr und kräht laut auf. Der Hütbub' steht dabei und lacht. Gètrou verzieht das Gesicht nicht, springt vom Steinhaufen herunter und drängt den Buben weiter.

»Der alten Anntschenne sagst Du, sie soll' heut' abend, wenn sie aus'm Venn heimgeht, auf den Hof 'reinkommen. Der Bauer wär' krank. Und jetzt stehst nicht mehr hier und gaffst. Die Leut' müssen ihren Mittag haben.«

Der Bub spukt in die Hände und reibt sie gegen einander.

»Donner! So'n Futterkorb ist schwer. Na, glücklicherweise, heut' ist der letzte Mittag. Im Torfstich stellen sie die Arbeit ein, und der Marnette kommt auf den Hof. Der ißt wie zehn Drescher. Da kann ich 'mal wieder bis in die Nacht 'rin Kartoffeln schälen helfen. No, der hat die langen Seiten, da geht was drin, adjüs, Gètrou.«

Die läuft den kürzesten Weg über die Wiesen zurück zum Hofe. Alles in ihr ist in Aufruhr. Zu der knodernden Daditte, die mit ihrem Mundwerk im Grunde genommen nicht viel ausrichtete, kam der J'han Marnette mit seinem tückischen, groben Wesen und der verschlagene Hirt, der sich weich wie Schafswolle gab und darunter voller Dornen und Disteln und Brenn- und Ätzstoffe war. Wenn sie heute Abend mit diesen dreien am Tische saß und der Michi mit feinen blinzelnden Trinkeraugen zu ihr hersah, dann schlug ihr die Galle zurück, wenn sie den dreien nicht ins Gesicht lachen durfte. Nein, eher ging sie auf und davon. Guter Gott! Vielleicht wär's das Beste. Aber die Fremde! Die war weit – weit! In Belgien drüben war die Fremde nicht. Da sprach die wallonische Zunge noch. Dahin würden sie ihr die Schande nachtragen, die Schande, eine Krebsenmattestochter zu sein. Eine andere Schande kannte sie augenblicklich nicht; das war die eine, große, bohrende, unversöhnliche!

Hinter dem Hof trifft sie Daditte bei den Bienenstöcken. Sie stellt den Imlein Wasser in Näpfchen hin und führt bitter Klage darüber, daß sie nun auch dem Bauer noch seine Arbeit schaffen müsse.

»Wie geht's ihm jetzt?« fragt Gètrou und setzt über das Jaucheloch hinweg.

»Wie's ihm geht? Hin, ich denk' gut. Er bleibt in der Stube im Sessel sitzen. Rauskommen soll er, dann wird's ihm heiß. Wie kann 'n Bauer sich mitten in der Ernte in 'n Sessel setzen. Weiß Gott, ich kenn' 'n nicht wieder. Jetzt sitzt er drin und klappert mit den Zähnen vor Kält'. Hier draußen ist's heiß genug, soll 'rauskommen. Ich hab' 'n in Decken eingewickelt, und er klappert noch. Guter Gott! Den könnt' man auf 'n glühenden Herd setzen, und er wird nicht warm.«

»Das ist's Fieber, wir müssen den Doktor holen.«

»Den Doktor? Jetzt hast Du's Fieber, denk' ich. Wenn man nicht grad' am Sterben ist, holt man keinen Doktor. Die alte Anntschenne war früher unsere weise Frau (Hebamme), die weiß Mittelchen genug für derlei Krankheiten, und wenn der's im Kopf schon nicht mehr richtig ist, dann haben wir noch den Krebsenmattes. Der hat Pferdemittel, die einem 's Herz umdrehen, aber sie helfen, das ist die Hauptsache. Sag's also der Anntschenne, die hat die Flaschen parat von früher her. Die war eine weise Frau, die 'n Kniff weg hatte. Jetzt ist sie alt und verkind.«

Gètrou ist längst schon um die Hofecke. Daditte redet mit Umständlichkeit weiter. Sie hat sich die langen Jahre daran gewöhnt, auch ohne Zuhörer fertig zu werden.

In der Küche schon hört Gètrou das schwere Keuchen des Bauern. Als er sie sieht, wird's ihm leichter. Das Gequältsein weicht aus seinem Gesichte. Es ist verzerrt und erschreckend rot, die Decke zieht er bis über die Schulter hinauf und stöhnt.

»Guter Gott! Es ist mir nicht gut – es ist mir wahrhaftig nicht gut, Gètrou!«

Sie nimmt ihm die Decke weg, denn der Schweiß läuft an ihm herunter. Dann drückt sie ihm die Hand gegen die Stirn, und er sagt, das tue ihm gut.

»Ja, seht, Meister Gièt, kalte Umschläge müßt Ihr haben. Die nehmen Euch die Hitze.« Sie läuft in die Küche, da schurft er ihr wirr und elend nach.

»Gètrou!« ruft er leise und heiser, »hast Du ihn gesehen – den aus'm Venn? Gètrou, das ist die Hitz' in mir. Mit Wasser kannst Du mir nicht helfen.«

Sie drängt ihn in den Sessel und legt ihm den nassen Umschlag auf, zieht ihm auch die Decken übers Knie und drückt seine derbqualligen Bauernhände, die jetzt wie Kinderhände zittern, auf die Sessellehnen.

Sein Blick hängt in hilfloser Frage an dem Mädchengesicht. Das sieht er jetzt dicht über dem seinen, und ihr Atem schlägt ihm in die fieberglänzenden Augen, daß sein Blick flackernd und unstät wird.

»Einmal müßt Ihr's ja wissen, Meister Gièt. Der – ist nicht mehr aus'm Venn zurück.

»Weißt Du's bestimmt? Meiner Seel', das mußt Du bestimmt wissen.«

»Ich hab' ihn nicht am Bahndamm gesehen. Die Arbeiter sind jetzt wieder hinunter nach Bütgenbach zu. Die werdet Ihr nicht mehr vor Augen haben.«

»Aber den daa – den andern – den im Venn, Gètrou!«

Er tastet krampfhaft an ihrem Arm hinauf nach der Schulter. Die packt er und reißt das Mädchen zu sich herab. »Ich werd' ihn mein Lebtag vor Augen haben. Gètrou, nun kann ich nicht mehr in die Kirch'! Unser Herrgott will keinen, der gemordet hat. Unser Herrgott darf's wissen – keiner sonst, hörst Du, Gètrou, keiner sonst! Die Gendarmen dürfen nicht auf den Gièthof. Die Schand' darf nicht über ihn kommen und nicht über den Alexand. Hörst mich denn auch, Gètrou?«

Sie hat die Augen geschlossen, ihre Erregung zittert bis in die Wimpern hinein, die Augen rollen ihr darunter; sie öffnet sie bei seiner hastigen Frage, reißt sie geisterhaft weit auf, sieht ihn an, bannend, durchbohrend. Sie fleht, sie fordert.

»Meister Gièt! Die Krebsenmattestochter hat mit Euch ein Geheimnis, ist Euch das nicht leid, gelt, das pickt Euch?« Er wirft sich herum, daß der Sessel knackt. Da liegt ihre Hand beruhigend auf seinem Kopf. »Meint Ihr denn, ich wollt' Euch jetzt in Grund und Boden hinein verschwätzen? Ihr habt's genug, mehr wär' zu viel. Ich habe auch Mitleid mit Euch, Meister Gièt, und ich habe noch vieles, was die andern Euch nicht geben, trotzdem ich die Krebsenmattestochter bin. Ich kann schweigen, Meister Gièt!«

Der Ton, mit dem sie dies sagt, läßt ihn aufhorchen.

»Was willst dafür – für Dein Schweigen?«

»Ja, Meister, viel nicht. Ich verlange das für Euch so gut wie für mich. Der Michi hat ein ungewaschenes Maul, wißt Ihr das?«

»Der Hirt? Den kann ich mit'm Fingernagel zerdrücken.«

»Es wär' aber doch besser, wenn er grad' jetzt nicht im Hof herumzuschnüffeln hätt'. Sagt ihm die Hütwoch' ab; der Hütbub kann die Schafe mit den Ferkeln zusammennehmen.«

»Laß mich mit dem Michi in Frieden,« stöhnt er und reißt das nasse Tuch ab, »es ist durchwärmt, wie von der Sonne angetrocknet.«

Da geht Gètrou zur Küche und holt den zweiten Umschlag. Durch die offene Hintertüre sieht sie in den Feldweg hinunter. Dort laufen die Dörfler zusammen, und weiter zum Torfstich hinunter hört man rufende Männerstimmen und dazwischen Frauen- und Kindergeschrei und das Belfern von Hunden. In zwei Schritten ist das Mädchen auf der Schwelle. Da sieht sie die alte Anntschenne herankeuchen und rast die Treppe herunter ihr entgegen.

Die Anntschenne ist ein buckliges Mütterchen, dem der Rücken nach der Vennarbeit gewachsen ist, rund und gekrümmt. Ihr verrunzeltes Gesicht steht fast in gleicher Linie mit dem Kinn. Ein steifgefälteter Rock bauscht sich ihr um die verbogenen Hüften und längt sich vorn um eine Handspanne tiefer als hinten. Die verknöcherten Hände drückt sie gefaltet auf die eingefallene Brust und reckt das gutmütige alte Gesicht zu dem Mädchen hinauf.

»Uch, Herr Jemmersch, mein lieb' Seelchen! Das hätt' ich auf meine alten Tage nicht mehr zu erleben gemeint. Mit dem Kopf lag er in'm Tümpel 'rin, mit dem Fuß hing er im Ginster fest – direkt tot! und, uch, Herr Jemmersch! ich denk' mir, er hat nicht Zeit gehabt, einen Gedanken nach oben hinaufzuschicken. Wer dann hab' ich wieder gedacht, die Italiener sind fromm; die haben unsern lieben heiligen Vater in Rom und das Gnadenbild in Loretto und so viele fromme Orte überall; da kann einer nicht verloren gehen, sag', meinst Du nicht auch?«

Die arme Alte bebt am ganzen Körper und wackelt mit dem eisgrauen Kopfe, als müßte sie ihn nur so von dem gebeugten Nacken herunterschütteln. Gètrou bückt sich tief zu dem Altmütterchen hinunter, um ihr aus dem welken Gesicht die Bestätigung der Schreckensnachricht zu lesen.

»Anntschenne, Ihr seid dabei gewesen? Erzählt jetzt alles von vorne an. Ihr kamt also heut' morgen ins Venn und habt nichts gesehen.«

»Mein lieb' Seelchen!« sie krampft die magere Hand um die junge, warme Gètrous, »wie soll man denn zum Tümpel hinlaufen und gleich sehen, ob da einer tot liegt! Um den Tümpel gehen wir immer weit herum, seit der Marnette sagt, da spukt's. Jetzt sagt der Marnette, das sei der Spuk gewesen, dasselbe Gesicht. Der sei im Venn herumgeschnüffelt, weiß Gott, was er wollte. Stehlen meint der Marnette. Guter Gott! was soll er da stehlen, und das ist doch Unrecht, schwer' Unrecht, gelt Gètrou? Und dann meint der Marnette noch, er hätt' die Leut' erschrecken gewollt, vielleicht auch einen umbringen. Die Italiener seien ein verwegenes Volk. Guter Gott! Glaubst Du das, lieb' Mädchen?«

»Wer hat ihn denn gefunden, Anntschenne?«

»Die Tatine natürlich; die muß an den Tümpel 'rüber und sich die Händ' und die Holzschuh waschen, um es beim Essen appetitlicher zu haben. Die ist nu mal so auf die Reinlichkeit. Uch, Herr Jemmersch; und da sieht sie 'n toten Mann liegen und kreischt auf und läuft wie besessen weiter, und dann kam der Marnette. Der sagt sogleich: er ist tot, abgestürzt ist er, man sieht noch die Tritte, und hat das Bewußtsein verloren, dann ist er ersoffen. Weiter weiß ich nichts. Ich hab' mich aus'm Torf 'rausgemacht und will 'rüber zum Herrn Pastor. Der muß das zu allererst wissen, der wird heut' abend noch zum Rosenkranz zusammenläuten, ja gewiß, das tut er. – Uch äja, da ist auch die Daditte. Der muß ich das noch erzählen. Die muß heut' abend den Rosenkranz führen. Die hat so 'n schöne Stimme zum Beten. 'n Taubstummen kann sie hören.«

Unter allen Zeichen höchster Erregung humpelt sie hinüber. Gètrou aber ist schon die Treppe hinauf und ins Haus. Das nasse Tuch liegt irgendwo in der Küche, sie sieht's nicht, rennt vorüber und in die Stube. Die ist leer. Mit unterdrücktem Schrei dreht sie sich auf der Schwelle um und hinaus. Mitten im Hof liegt der Bauer in den Knien zusammengebrochen, unfähig, sich wieder zu erheben. Sie fliegt zu ihm – ein ängstlicher Blick in die Runde – niemand!

»Gètrou!« stößt er heiser heraus, »wo bist denn? Da geh' ich, und was meinst? Hier fall' ich zusammen – wie 'n Haufen Zunder zusammen! Ich hab' Beine wie 'n Wickelkind, sie halten mich nicht mehr. Ja, Gètrou, was ist denn aus dem Meister Gièt geworden?«

Sie hat ihn schon unter den Armen gepackt.

»Guter Gott! Steht auf, Meister, steht auf um der Liebe Gottes willen! Wenn sie Euch im Dorfe sehen, seid Ihr verloren – so, 'rauf!«

Sie zerrt an ihm, daß sie glaubt, es müsse etwas in ihr reißen. Der schwere Mann hängt über ihrer Schulter. So schleppt sie ihn hinein. Im Sessel kauert er in sich zusammen und stiert scheu nach ihr.

»Gètrou, Du weißt etwas. Haben sie ihn?«

»Ja, Meister Gièt, sie haben ihn!«

Das sagt sie so hell und bestimmt, daß er's nicht glaubt.

»Meister Gièt, so ist's, sie haben ihn, die Anntschenne geht's im Dorf erzählen – im Tümpel kopfüber ist er hineingefallen, Meister Gièt, sein Fuß hing im Ginster, abgestürzt, Meister Gièt,« sie rüttelt an ihm, »warum seht Ihr wie ein Verbrecher aus? Seid Ihr's denn?«

Er fährt wirr auf.

»Weiß ich's, was ich bin? Nicht angerührt hab' ich ihn, nicht mit dem kleinen Finger auch nur gestoßen, nur abgeschüttelt. Aber sein Mörder bin ich doch,« er winkt sie näher heran, »als er hinter mir war mit dem Messer, da sucht' ich nach dem Tümpel in meiner Todesangst, und als ich ihn von Sprung zu Sprung gefunden, da war's 'n wahnsinnige Freud'. Ich stelle mich hoch am Rande auf und pfeife ihm, und er rennt auf mich zu – ich weiche aus – an mir vorüber, und dann, Gètrou, war alles still – – nur das Wasser im Tümpel, das gurkste, das hatte auch seine Freude; nun lag er in der Falle. Ich hab' ihn hineingelockt. Ich bin in Gedanken sein Mörder geworden, weil er mich morden wollte. Aber wer glaubt's mir denn? Und gelt, Gètrou, Du willst doch auch nicht, daß auf den Gièthof die Gendarmen kommen?« Er faßt sie an beiden Schultern und zieht sie zu sich herunter. »Gètrou jetzt verlange, was Du willst, alles sollst haben. Wirf heut' abend den Michi 'raus, stell' den Hütbub' an! Und wenn Du 'n Kleid zum Sonntag willst –«

»Nichts – gar nichts will ich!« Zwei leuchtende Augen sehen ihn an. »Der Michi schert sich, und das ist genug. Das sag' ich ihm, gelt Meister, das sag' ich ihm, nicht die Daditte?«

Aus dem Gesicht ist mit einem Male das Häßliche heraus, das es trotz seiner Jugend und Frische entstellte, der verbissene Groll, das Gedrücktsein, der versteckte Haß. Eine Macht war ihr gegeben über diejenigen, die sie verachten wollten. Auf dem reichen Gièthof kam ein Wort zur Geltung, und das sprach die Krebsenmattestochter!

Sie redet dem kranken Bauer zu wie einem verschüchterten Kinde und überredet ihn, wieder zu Bett zu gehen. Seine Kraft verläßt ihn, und er folgt ihr. Sie kommt sich mit einem Male so viel älter vor, beinahe so alt wie jener Mann neben ihr, mit dem sie ein schreckliches Geheimnis teilt.

Sie bleibt um ihn und pflegt ihn, und er wird ruhiger. Es rinnt ein warmer Trost in ihn hinein, wenn sie um ihn sorgt und die lauten Stimmen fernhält. Er dankt ihr und sie ihm; so haben sie beide etwas zu geben und etwas hinzunehmen, und sie kommen gut aus.

Als sie alle um den gedeckten Tisch sitzen und Marnette rauh und stoßweise von der Aufregung im Dorfe erzählt, auch Michi hie und da sein bekräftigendes Wort einlegt, kommt Gètrou hinein und setzt sich an ihren Platz neben Daditte. Die Schüssel mit den ungeschälten Bratkartoffeln dampft auf dem Tisch. Jeder greift hinein, zerdrückt die Kartoffel in der Hand, streicht Butter darauf und tunkt sie in Salz und Pfeffer ein. Es kam auch dazu, daß Gètrou gleichzeitig mit Michi eintauchte, da blinzelt er sie an und schnalzt mit der Zunge.

»Morgen treib' ich auf die Flur nach Robertville zu. Da wächst das Gras wie im Urwald. Die Giètschafe sind Feinschmecker. Die haben so 'was eins, zwei, drei heraus.«

»Die Giètschafe,« sagt Gètrou langsam, »bleiben morgen zu Haus und übermorgen und alle Tage. Einmal gesagt, bleibt gesagt. Ihr scheint vergeßlich zu sein, Michi.«

»Bist Du gar zum Spaßen aufgelegt?« fragt er unsicher. Der bestimmte Ton macht ihn stutzig.

»Ich hab's mit Euch mein Lebtag nicht spaßig gemeint, und daß der Meister Gièt nicht spaßt, das wißt Ihr.«

»Oho, der Meister Gièt, seit wann tut der, was die Krebsenmattestochter will?«

»Fragt ihn doch selbst, seit wann.«

J'han Marnette nimmt die Pfeife, die er eben angeraucht, aus dem Munde und starrt sie an. Michi springt auf und will zur Stube hinüber. In seiner Hast und Wut stößt er gegen den Tisch, Schemel und Holzbank an. Daditte muß dem schwankenden Wassereimer auf der Kannenbank beispringen, sonst wär' der auch heruntergeflogen. Vor der Stubentür aber steht schon Gètrou mit eingestemmten Armen.

»Setzt Euch nur wieder, Michi, heut' abend kommt Ihr nicht zu dem Meister 'rein. Der hat seine Ruh' nötiger als Euer Geschwätz. Morgen dürft Ihr in aller Herrgottsfrüh hinein. Dann hat auch der Bauer seine Kraft wieder, um Euch 'rauszuschmeißen, wenn Ihr frech seid.«

Da kommt in den willenlosen Mann, der in den Gehöften als Überzähliger in dem Torfwinkel sitzt und um Schnäpse bettelt, eine sinnlose Wut, die Wut der Dummen und Zertretenen, die Idiotenwut. Er reißt das Blasrohr vom Ofenhaken und schlägt auf sie ein und zischt und spritzt ihr seine Giftworte zu:

»Meinst Du! Du Krebsenmattestochter, ich wüßt' nicht, wo Du Deine Macht auf dem Hofe her hast. Pfui Deibel! Auf ehrliche Art nicht! Mit Fingern soll man im Dorf auf Dich zeigen, dafür sorgt der Michi, den sollst kennen lernen, der brockt Dir's ein, der Michi. Ja! Ja! – Ja!!«

Das Blasrohr saust drohend über ihren Kopf; da gibt sie das Wehren auf, läßt die Arme sinken, und fühlt, wie das Entsetzen in sie hinein rinnt. Nur einen Moment – dann schreit sie auf, das Blut rinnt ihr am Hals herunter. Der Schlag mit dem Blasrohr betäubt sie fast. Durch die Hintertür verschwindet Michi in dem Abend draußen. J'han Marnette sitzt am Tisch und rührt sich nicht. Daditte schiebt ihr ein Wasserbecken hin.

»Ein andermal fängst nix mit den Mannsleut' an,« brummt sie und räumt den Tisch ab.

Gètrou tupft ohne einen Laut die wunde Stelle und starrt in das blutdurchlaufene Wasser. Rot wird es und dunkel, und immer tiefer färbt es sich, und immer mehr von ihrem Blute sickert hinein, und ihr Herz zieht sich zusammen, als gäb' es tropfenweise sein Leben ab. Nachher schüttet man's aus in den Entenpfuhl hinter'm Hause, und das ist ihr Herzblut! Sie beißt die Zähne aufeinander, um das Wort nicht herauszuschreien, das sie befreit, das sie rechtfertigt! Aber da drinnen liegt ein kranker Mann, der in Ehren grau geworden ist, der ihr einmal das Leben rettete und ihr gut war. Ob dem das Gericht auf sein Wort hin glaubte? Der Gièthof muß reich und angesehen und ehrenhaft bleiben schon um ihretwegen. Was könnte ihr der ehrliche Name im Krebsenmatteshaus nutzen? – Und fest, fest preßt sie die Lippen aufeinander. Kein Wörtchen darf heraus. Diese Überzeugung bleibt ihr unerschütterlich, sie sagt und fragt sich weiter nicht warum. Sie weiß keinen andern Ausweg, und ihre Gedanken sind wirr. Im Kopf klingt's ihr leer und hohl, nur ab und zu tröpfelt noch Blut aus der Wunde. Sie drückt das rotblumige Taschentuch dagegen und lehnt sich an die Kannenbank.

Daditte geht an ihr vorüber und trägt dem Bauer die Suppe. Laut und räsonierend spricht sie auf ihn ein. Ihre hölzerne Stimme fällt dem Mädchen schmerzhaft an die Schläfen. Es steigt in seine Kammer hinauf, setzt sich aufs Bett – und so sitzt es noch am Morgen. Wenn der Schlaf ihr die Augen zuwarf, legte es sich über die Decken und schrak wieder auf und saß da. Am Morgen ging es dann hinunter, sah den Bauer im Sessel am Fenster, setzte sich neben ihn und sagte:

»Meine Ehr' ist kaput!« Weiter weiß es nichts und schweigt.

Er hastet schwerfällig aus dem Lederpolster heraus und platscht mit der flachen Hand auf die Lehne.

»Was hat's mit dem Michi gegeben? Tonnerre! Warum muß ich hier sitzen und morsch werden?«

Da sieht sie an ihm vorbei.

»Der Michi hat Euch durch mein Fenster einsteigen sehen. Der erzählt's jetzt im Dorf herum, und – ich sag' nichts dawider.«

»Du sagst nichts dawider, Gètrou?«

Er reckt in seiner robusten Breite zu ihr hinüber und starrt sie an, hilflos, flehend, aber voll Eigennutz. Es war ja nur die Krebsenmattestochter.

»Du sagst nichts dawider, Gètrou? Meine Ehr' ist mein Hof, der Gièthof!«

Seine rauhe Stimme bebt, er bringt kein weiteres Wort mehr heraus. Nun steht sie auf und dicht vor ihn und dicht über ihn gebeugt. Ihre Augen flackern.

»Und das ist auch meine Ehr'! Seid ruhig, Meister Gièt, ich tue den Mund nicht auf, und wenn sie mit Steinen nach mir werfen.«

»Gètrou, das tust Du nicht umsonst.«

»Meister Gièt, das könnt' Ihr mir nicht bezahlen, auch nicht mit'm Sonntagskleid. Laßt mich nur auf'm Hof bleiben. Dann hat eine Krebsenmattestochter für ihr Leben lang genug. Wer die Peitsche im Dorf hat, klappert damit. Ich will ihnen um die Ohren klappern, daß sie vor der Krebsenmattestochter ins Mausloch kriechen – aber Ihr müßt mir die Peitsche lassen, Meister, das ist die Bezahlung.«

»Wenn Du ihnen damit die Mäuler stopfst, dann klappere nur, ich hab's mein Leben lang getan; wer's nicht tut, dem reißen sie die Peitsche aus der Hand und schlagen ihm den Stiel auf'm Rücken entzwei.«

Sie nickt befriedigt und will gehen, da ruft er sie zurück.

»Gètrou, man soll das Kind nicht gegen den Vater aufbringen, aber daß Du nichts vom Krebsenmattes hast, freut mich. Deiner Mutter bist wie aus'm Gesicht geschnitzelt. Darum kannst schon auf meinem Hof bleiben. Ich seh' das Gesicht gern, aus der Bauernart ist's nicht, aber Wallonenblut ist's; das ist heiß, aber treu.«

Er möchte noch weiter reden, da besinnt er sich, dreht sich auf die andere Seite und zieht die Decken herauf.

Schweigend geht das Mädchen in die Küche und gießt den Tee der alten Anntschenne auf.

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