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Das Haus der Grimaldi

Richard Voß: Das Haus der Grimaldi - Kapitel 9
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typefiction
authorRichard Voß
titleDas Haus der Grimaldi
publisherJ. Engelhorns Nachf. in Stuttgart
year1923
firstpub1917
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9

Yvonne d'Yvray war Gräfin von Roquebrune geworden und hatte es ertragen, daß der Liebling weder die Pracht ihrer Ausstattung bestaunt, noch den Glanz der Vermählung gesehen, mit dem regierenden Fürsten von Monaco als Trauzeugen. Im Geist war Scholastika bei dem großen Ereignis so ganz zugegen gewesen, daß sie die Feier in Paris, die Abreise des jungen Paares, seine Ankunft im Hause der Grimaldi miterlebt hatte. Aus ihrem Traumzustand erwachend, fand sie sich wieder in dem trübseligen Seehof, schaute sie das öde Winterland, fühlte sie den Druck der Einsamkeit, die wie eine eisige Hand in ihr junges, heißblütiges Leben griff.

Überraschend bald kam von der Neuvermählten ein Schreiben: sie sollte an die Riviera kommen, sollte mit dem jungen Paar den Winterfrühling an der Côte d'Azur genießen; sollte in dem Hause der Grimaldi glücklich sein mit den Glücklichen.

Scholastika erschrak. Die Einladung nach Paris zur Vermählung hatte sie ohne Kampf abgelehnt. Aber das stolze Schloß auf hohem Fels über dem Meere des Südens, von einem Garten Eden umgeben, in dem die beiden jungen schönen Menschen wie auf einer Insel der Seligen lebten und sie mit ihnen – Es war ein Gedanke, von dem sie sich nicht losreißen konnte. Immerhin widerstand sie auch dieser Lockung.

Nun kam von Yvonne ein Brief, dem der junge Ehemann einige bittende Worte beigefügt hatte. Nur ein Mann von höchster Kultur konnte einer Dame so schreiben: so fein und zart! Solche Zartheit war überhaupt nur in Frankreich möglich.

Auf diesen Brief gab Scholastika keine Antwort ... Da schrieb Yvonne an die gute Gräfin, die »verehrte Mutter« des Lieblings anflehend, ihrer Tochter die Reise an die Riviera nicht nur zu gestatten, sondern sie dazu zu veranlassen.

»Ihre Tochter erwarten offene Arme und offene Herzen. Die liebe Scholastika will es nicht zugeben, aber durch ihre Briefe weht ein Hauch von Schwermut. Es ist nur ein Hauch; aber immerhin – Die Sonne dieses Landes der Wonne, meine zärtliche Liebe und unser hochzeitliches Glück sollen ihr ins Herz leuchten. Wir bitten Sie, helfen Sie uns, unser Glück voll zu machen, und senden Sie uns die Freundin, die es mit uns teilen soll. Die gütige Hand, die mir als Antwort gewiß ein großmütiges ›Ja‹ schreibt, küßt voll ehrerbietiger Dankbarkeit Yvonne Gräfin von Roquebrune.«

Als auf rosafarbenem, silberumrandetem Billettpapier, mit der Krone über den silbernen Initialen, dieses Schreiben auf dem Seehof eintraf, war zufällig der Hausarzt anwesend. Der vortreffliche Mann hatte geholfen, Scholastika auf die Welt zu bringen; hatte dem schönen Mädchen eine väterliche Neigung bewahrt, war der Familie nicht nur Arzt, sondern auch Freund. Er hatte das »Komteßchen« beobachtet, hatte jenen Hauch von Schwermut gleichfalls bemerkt, besaß dafür Verständnis und war auch sonst nicht ohne Sorge. Die gute Gräfin gab dem bewährten Manne das Billett der Dame aus Monaco zu lesen, indem sie mit ihrem liebenswürdigsten Lächeln darüber ihre Meinung abgab: »Scholastika an die Riviera! Welche Idee! Niemand von unsrer Familie hat bisher solche weite und unbequeme Reise gemacht. Auch soll dieses Monaco ein entsetzlicher Ort sein, für ein junges Mädchen aus guter Familie ganz unmöglich. Das werde ich der Gräfin antworten. Und dann: Neuvermählte während ihres Honigmonds einen Gast! Freilich diese Franzosen –«

Der Arzt sagte: »Antworten Sie das nicht.«

»Nicht?«

»Es wäre für Scholastika gut, die Einladung anzunehmen.«

»Aber Hofrat!«

»Das Kind gefällt mir nicht. Als Arzt möchte ich ihr Sonne verschreiben, als Freund Zerstreuung gönnen.«

»Zerstreuung? Scholastika und Zerstreuung? Wie kommen Sie darauf?«

»Längst wollte ich mit Ihnen darüber sprechen, Frau Gräfin.«

»Über Scholastika?«

»Sie fühlt sich hier fremd und einsam.«

»Sie ist hier zu Hause.«

»Immerhin. Sie hätten für den Winter eben doch nach München übersiedeln sollen.«

»Wir gehen nächsten Winter nach München, für uns unbequem genug. Aber um Scholastikas willen – Fremd und einsam? Dabei kam sie soeben erst nach Hause.«

»Aus Brüssel geradewegs auf den Seehof, als einzigen Jugendgenossen ihren Vetter, der sich fernhält.«

»Leider. Es bekümmert uns genug. Wir verstehen es gar nicht. Wir hoffen so sehr – Es ist unser höchster Wunsch. Und auch er. Er liebt sie ja doch seit ihrer Kindheit. Und jetzt? Sie ist freilich gar nicht nett zu ihm und er viel zu stolz, um es sich anmerken zu lassen. Wir sind darüber sehr traurig. Was sollen wir tun?«

»Scholastika reisen lassen.«

»Um sich zu zerstreuen, wie Sie sagten?«

»Vielleicht auch aus einem andern Grund.«

»Sie tun so geheimnisvoll.«

»Vielleicht, daß sie dort manches erkennen lernt.«

»Aber Hofrat! Was sollte sie dort erkennen?«

»Gewisse Gegensätze. Die Komtesse ist ein viel zu ernsthafter Mensch, um die Dinge nicht nach ihrem wahren Wert zu schätzen, sobald sie sich zur Einsicht durchrang. Ein Durchringen wird es sie freilich kosten. Vielleicht sogar ein recht schmerzliches. Aber das tut nichts, sie kann es ertragen. Auch muß sie mit ihrer Sehnsucht fertig werden. Das kann sie dort unten am allerbesten, und das gerade, weil es ein solcher entsetzlicher Ort ist, wie Gräfin es nannten. Im übrigen liebt sie ihre Freundin leidenschaftlich, ist dort also gut aufgehoben. Darum wiederhole ich: Lassen Sie die Komtesse reisen.«

»Ich verstehe Sie ganz und gar nicht ... Sie bleiben doch zu Mittag? Es gibt Ihr Leibgericht: gekochten Indian mit holländischer Soße, Knödeln und Blumenkohl ... Scholastika an die Riviera! Aber wenn wir es ihr auch erlaubten, könnten wir sie unmöglich allein reisen lassen. Das müssen Sie einsehen?«

»Das sehe ich ein. Aber –«

»Sie wollen doch nicht etwa sagen, ich soll sie begleiten? Verlangen Sie das nicht von mir.«

»Gewiß nicht.«

»Also!«

»Ihre Kammerfrau kann mit ihr gehen.«

»Die Zenz mit Scholastika an die Riviera! Jetzt seien Sie nicht ungemütlich und bleiben Sie zum Essen. Dann hat Scholastika gleich eine Zerstreuung ... Nun wohl, ich werde die Sache mit meinem Mann besprechen.«

Das tat die Gräfin. Beide Guten begriffen nicht, was der Hofrat eigentlich meinte und was ihre Tochter dort unten erkennen sollte. So sehr sie sich auch die Köpfe zerbrachen, begriffen sie es nicht. Nun aber war Kopfzerbrechen nicht ihre Gewohnheit; also unterließen sie dieses Unternehmen sehr bald als völlig hoffnungslos. Die Erziehung war genau so geleitet worden, wie es das richtige war: zuerst das Kloster, dann das vornehme Fräuleininstitut, dem der Winter in München zu folgen hatte mit der Vorstellung bei Hofe, den Besuchen, den Einladungen und Bällen. Dann würde es Zerstreuung in Hülle und Fülle geben und wenn dann die Freier kamen – und sie würden sich sogleich einstellen – welche Last, welche Verantwortlichkeit für sie, die Bequemen! Es wäre daher so angenehm gewesen, wenn sich die Sache mit dem Vetter bald gemacht hätte. Dann wäre ein Münchner Winter überhaupt nicht notwendig und dadurch den Eltern alle Mühseligkeiten erspart worden. Aber das Töchterlein benahm sich seltsam fremd und kühl, sollte an Schwermut leiden, an – Sehnsucht!

Es war eben eine andre Zeit mit einer andern Jugend. Zu dieser so ganz andern Jugend sollte auch ihre Tochter gehören. »Moderne Jugend.« Was hatten nur die Leute mit dem Wort? Sie sprachen so sonderbar von einer modernen Literatur, einer modernen Kunst; von modernen Anschauungen, modernem Leben überhaupt. Auf dem Seehof wußte man von dem allem nichts, lehnte jedes Wissen als beunruhigend und unbequem ab. Was hatte die moderne Zeit und die moderne Jugend mit der Einladung der Gräfin von Roquebrune zu tun? Aber ihr alter Hausarzt riet ihnen, Scholastika unter dem sicheren Geleit der alten Zenz reisen zu lassen. Also in Gottesnamen!

Scholastika wurde gerufen. Nicht ohne Feierlichkeit erhielt sie die Mitteilung: sie dürfe die Einladung ihrer Freundin, der Gräfin von Roquebrune, annehmen, begleitet und behütet von der Zenz. Schon in einer Woche sollte sie reisen. Aber ihre Toilette? Die gute Gräfin meinte tröstend: das Kleid aus weißem Crepe de Chine sei noch so gut wie neu und als Abendtoilette noch immer hochmodern. Scholastika könne es mit weißem oder rosa Atlasband tragen, mit frischen Blumen im Haar und an der Brust. Die Sommerkleider aus hellen leichten Stoffen seien gleichfalls tadellos und dort unten sollte ja wohl das ganze Jahr über Sommer sein. Sei ein neuer Hut notwendig, was die Gräfin nicht glaube, so könne dieses Prunkstück in Nizza beschafft werden. Nur nicht in Monte Carlo. Überhaupt dieses Monte Carlo! Natürlich bleibe es ausgeschlossen, daß ein Fräulein von Stande dieses fürchterliche Monte Carlo besuche; denn dort befände sich die Spielhölle. Es sollten daselbst Dinge geschehen, sollte dort Damen geben – Der Fürst von Monaco mußte doch durch und durch ein unmoralischer Mensch sein, weil er in seinem Staat die Lasterhöhle noch immer duldete. Zum Glück befand er sich in Paris, und die Gräfin von Roquebrune als Neuvermählte und als Scholastikas geliebte Freundin gab die beste Gewähr für – Wofür wohl? Eben für die moralische Sicherheit eines Fräuleins von Stande.

Scholastika dankte ihren Eltern und – wollte nicht reisen. Sie wollte nicht! Gutmütig wurde ihr geraten, es sich einige Tage zu überlegen. Zufällig waren gerade die nächsten Tage von trostloser Nebelstimmung. Die Sehnsucht nach Sonne, Leben und Lebensfreude packte die junge Seele der Einsamen unwiderstehlich, und schließlich bat sie, der Freundin ihre Ankunft melden zu dürfen.

Nun ging es an die Vorbereitungen. Ein Paß mußte beschafft und die Toiletten mußten schließlich doch gemustert werden. Die Auswahl erwies sich als nicht sehr groß. Aber das Staatskleid aus weißem Krepp war wirklich wunderhübsch und stand dem schönen Mädchen ausgezeichnet. Dazu eine rote Rose vorgesteckt, die Perlkette der Gräfin-Mutter um den Hals, und die hohe schlanke Gestalt mußte den verwöhntesten Kenner jugendlicher Frauenschönheit entzücken.

Die Zenz als Reisebegleiterin der jungen Gräfin! Die Zenz nach Frankreich!

Unter den Schloßleuten gab es einen förmlichen Aufruhr. Was sollte aus der Zenz in dem wildfremden Lande werden? Der Schorschl begann wieder mit seinen alten Geschichten von anno dazumal aus Frankreich. Und jetzt die Zenz bei den Franzosen! Die würde etwas erleben! Der Schorschl suchte aus seinem Gedächtnis seine Sprachkenntnisse zusammen und erteilte der Zenz in aller Eile französischen Unterricht. Sie sollte den Franzmännern nur sagen: ihr Freund, der Schorschl vom Seehof, wäre bei Sedan dabei gewesen. Das würde ihr gleich Respekt verschaffen. Im übrigen würde sie mit »Bongschur« und »Merzih« auskommen.

Erst an einem der letzten Tage der Woche erfuhr Hanns Wolfram das große Ereignis.

»Weißt du schon? Scholastika reist?«

»Sie reist?«

Er fühlte etwas an seinem Herzen, etwas wie ein Zucken, wie einen Schmerz. Aber es lag nicht in seiner Art, einem Schmerz nachzugeben. Also sagte er in aller Ruhe: »Sie kam ja soeben erst nach Hause. Und eine Reise mitten im Winter?«

»Sie geht an die Riviera.«

»An die Riviera?«

»Zu ihrer Freundin, der Gräfin von Roquebrune.«

»Ach jaso! Zu ihrer Freundin, der jungen Gräfin von Roquebrune.«

»Auch der Hofrat riet dazu. Sie fühle sich hier einsam, werde hier noch ganz schwermütig.«

»Einsam im Elternhause? Schwermütig in der Heimat?«

»So sagten auch wir. Aber der Hofrat –«

»Genug, sie reist.«

»Zuerst wollte sie nicht; aber jetzt freut sie sich, jetzt ist sie glücklich.«

»Ich freue mich, daß sie glücklich ist.«

»Das liebe Kind! Willst du sie nicht aufsuchen und ihr sagen –«

»Was?«

»Daß wir alle uns freuen, sie glücklich zu sehen.«

Ausweichend wurde der guten Gräfin entgegnet: »Scholastika weiß, daß ich mich freue, wenn es ihr gut geht ... Ich habe es heute übrigens eilig. Es gibt wieder Wilderer. Tolle Bursche sind's!«

»Übermorgen reist sie schon.«

»Schon übermorgen? Vielleicht komme ich auf die Bahn.«

Er ritt davon. Der Braune hatte einen bösen Tag; sein Herr mußte sein wildes wehes Herz zur Ruhe jagen.

Auf die Bahn kam er nicht. Wozu auch?

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