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Das Haus der Grimaldi

Richard Voß: Das Haus der Grimaldi - Kapitel 8
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typefiction
authorRichard Voß
titleDas Haus der Grimaldi
publisherJ. Engelhorns Nachf. in Stuttgart
year1923
firstpub1917
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8

Scholastika berichtete ihren Eltern von der Verlobung der Freundin und deren Einladung zur Hochzeit kein Wort, wie sie auch von allem andern, was sie bewegte, schwieg. Wer hätte sie verstanden? Der Einladung nach Paris hätte sie auf keinen Fall Folge geleistet, selbst wenn ihr die Reise gestattet worden wäre. Yvonne lud sie ein, den Glanz der Feier mitzuerleben, und erlaubte ihr nebenbei herablassend, sich in den Grafen zu verlieben. So mischte sich denn in ihre Antwort auf das liebeselige Schreiben der Braut bei aller zärtlichen Teilnahme unwillkürlich ein herber Ton. Als sie der Zenz den Brief übergab, sagte sie: »Hier ist ein Brief nach Paris. Dem Schorschl lasse ich bedeuten: ich sei über meine Korrespondenz meine eigene Herrin. Es schickt sich für einen Diener nicht, über seine Herrschaft irgend welche Bemerkung zu machen. Ich könnte das deinem Freunde selbst sagen. Da du es jedoch warst, die mir seine törichten Reden überbrachte, so magst du ihm meinen Auftrag ausrichten. Er gilt auch dir.«

Die Zenz sah ihrer Herrin steif ins Gesicht, machte einen steifen Knicks, nannte sie fortan nie mehr Komteßchen, sondern nur noch Fräulein Komtesse, nach deren Befehlen sie fragte. So geschah es, daß die in der Heimat fremd Gewordene auch im Elternhaus sich immer fremder fühlte.

Die Briefe aus Paris kamen nach dem ersten überschwenglichen Schreiben schon jetzt viel seltener. Überschwenglich waren sie noch immer. Aber die Neueinrichtung des Liebesnestes in dem Palais der einstmaligen Freundin des galanten Königs, die Ausstattung und die Toiletten, die Künstler, Antiquare und Modistinnen, Brautkleid und Brautschleppe, Kranz und Schleier, der Fürst von Monaco, die übrigen erlauchten Gäste – Diese und viele andre hochwichtige Dinge nahmen in den flüchtigen Schreiben der Braut einen solchen großen Raum ein, daß selbst Er in die Ecke gedrängt wurde und erst zum Schluß hervortrat, dann freilich als Krone aller Mannheit. Jeder Brief enthielt ein Postskriptum mit der Beschwörung, ja zur Hochzeit zu kommen, und der Versicherung: Charles würde entzückt sein, den Liebling mit dem Goldhaar und den Augen, die den seinen glichen, in ihrer stolzen Schönheit an dem seligsten Tag seines Lebens zu sehen.

»Selbst an diesem Tag wird er Dich bewundern. Denn eine Gestalt wie die Deine, ein Gesicht wie das Deine, kennt er nicht. Wir Pariserinnen sind viel zu zierlich, viel zu – ich finde nicht das rechte Wort, – um unter uns eine ›Bavaria‹ zu haben, als welche germanische Allegorie Du im Institut unter uns eiteln Weltdämchen so herrlich hervorragtest. Ach, Liebling, welche Zeit, als wir Schwüre ewiger Freundschaft tauschten und in himmlischer Heimlichkeit › Les Fleurs du mal‹ lasen. Du besitzest doch noch das kleine hübsche Exemplar, welches ich Dir bei unsrer Trennung zum ewigen Andenken schenkte? Halte es heilig, wie ich Dir meinen Treuschwur halte. Aber – Du verstehst? Er! Immer nur Er!

»Kämst Du doch, um Dich in ihn zu verlieben und meine Ausstattung zu sehen!«

Die Nebelzeit war vorüber. Scholastika sah ihre Heimat als Märchenland. Die Kette der winterlichen Hochalpen strahlte unter einem wolkenlosen tiefblauen Himmel; und Rauhreif verwandelte Baum und Busch, jede Hecke und jeden Halm in eitel Silberglanz. Jeder verdorrte Stengel trug blühende Diamanten.

Der See war gefroren und schneefrei, seine Fläche, spiegelglatt, ein einziger Smaragd, darauf die Sonnenlichter ihr funkelndes Spiel trieben. Eine Wunderwelt entstieg den grauen Schwaden der Dünste, leuchtende Erdenschönheit dem Gewölk, gleich einer Göttin, die den Tag grüßt.

Jauchzende Winterwonne war's, wenn die Burschen mit den gefällten Baumriesen auf hochbeladenem Schlitten zu Tal fuhren auf der glatten, glanzvollen Bahn. Es war Gefahr dabei. Gerade die Gefahr galt als lockende Lust. An Abgründen entlang ging es sausend zur Tiefe nieder. Die Felsen glichen wundersamen Kristallmauern, die Wasserfälle, im Sturze erstarrt, bildeten grüne, blaue und violette Eiskaskaden. Im Sonnenfeuer war's, als stürzten sich Fälle von Saphiren und Brillanten herab.

»Juhu! Juhu!«

Wenn die Burschen im Morgengrauen des Sonntags aus Liebchens Kammer heimkehrten, klang ihr Juhschrei nicht jauchzender als jetzt auf ihrer Fahrt zu Tal, die ihre Todesfahrt werden konnte ...

Für Hanns Wolfram war es frohe Zeit. Um die Wildfütterung kümmerte er sich selbst. Jeden Tag besuchte er die verschiedenen Futterstellen seines weiten Reviers, entweder auf Schiern oder Steigeisen. Die junge, kraftvolle Gestalt war den Tieren so wohl vertraut, daß er den stärksten Hirsch locken konnte. Wie sehr dauerte den Weidmann Reh und Gams. Sie kamen nicht zu den Futterstellen und mußten bei dem hohen Schnee elend umkommen.

Den Holzknechten schaute er bei dem Zutalbringen der im Herbst gefällten Stämme nicht etwa müßig zu, sondern bei den gefahrvollsten Stellen legte er selbst mit Hand an. Prachtvoll war's zu sehen, wie die Alpensöhne, jeder Zoll Kraft, die Hörner der Schlitten packten und mit dem ganzen Körper gegen die Lasten sich stemmten. Wenn einer der Kühnen gestrauchelt oder ausgeglitten wäre, so wäre die Ladung über Leib und Leben zur Tiefe niedergesaust. Auch eine allzu kurze Biegung konnte den Juhschrei in einen Sterbeschrei wandeln ...

War des Freiherrn Tagewerk getan, so saß er und las die Bücher großer Geschichtschreiber und Dichter. Im Kamin brannten die Buchenscheite, mächtige Kloben, wie solche bereits den Ahnen zur Winterszeit behagliche Wärme gespendet. Gleich roten und blauen Wunderblumen züngelten die Flammen auf, oder die Holzstücke fielen verglühend in sich zusammen, Funken sprühend. Sie mochten vor die Seele des Einsamen allerlei Gebilde zaubern; denn unverwandt starrte er in das funkelnde Spiel. Vielleicht gedachte er einer Zeit, die ihm des Himmels schönste Tochter: Erfüllung, bringen sollte, mit ihr zugleich die Hausfrau. Dann sollten womöglich noch fleißigere Tage, sollte noch tüchtigeres Schaffen kommen. Doch dann keine einsamen Abende mehr, dann auch für ihn glückliche Zeit! Und wenn er dann wirken und werken durfte für Weib und Kind –

Das Herz schlug ihm heiß, die Brust wurde ihm weit. Er sprang auf, zog am Fenster den Vorhang auseinander, öffnete die mit Kristallblumen bedeckten Scheiben, schaute hinaus.

Da stiegen sie über dem Haus seiner Väter auf: die Alpen, ein langer Zug gekrönter Felsenhäupter, statt des Purpurmantels von Silberglanz umhüllt. Unter ihm erstreckte sich sein Eigentum, und vom Dorf grüßten erleuchtete Fenster zu ihm auf. Wie traulich und heimlich! Dort hinten aber, jene waldige Hügelkette – Herz, halte fest, Herz, bleibe stark! Der Tag wird kommen, an dem du nicht mehr zu beneiden brauchst: nicht mehr beneiden den Bauer und Taglöhner, der dort unten bei dem traulichen Lichtschein von der Arbeit ausruht, um ihn her Weib und Kind ...

Und Hanns Wolfram sprach zu sich selbst: »Heimat, Heimat, du bist das Heiligste, das sich dem offenbart, der reinen Herzens in dir lebt. Heimat, Heimat, lehre auch die Geliebte erkennen, was es heißt, ein Kind deutscher Erde zu sein. Lehre sie die Scholle lieben, die ihr Volk trägt und ernährt. Heimat, Heimat, du Köstlichstes, was dem Menschen gegeben ward –. Wer sich als Kind seiner Heimat fühlt, ist geweiht und gefeit; denn in der Liebe zur Heimat liegt ein Segen, wie ihn der Sohn von Mutterhänden empfängt.

»So grüße ich denn dich, du Geliebte, mit dem Heimatgruß: Behüt dich Gott! Er senke dir die Liebe zur Heimat ins Herz. Dann wirst du auch mich lieben.

»Erst dann!«

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