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Das Haus der Grimaldi

Richard Voß: Das Haus der Grimaldi - Kapitel 7
Quellenangabe
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typefiction
authorRichard Voß
titleDas Haus der Grimaldi
publisherJ. Engelhorns Nachf. in Stuttgart
year1923
firstpub1917
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7

So kam es denn auch.

Bereits im Dezember erhielt Scholastika aus Paris die Verlobungsanzeige ihrer Freundin Yvonne d'Yvray mit dem Grafen Honoré Charles von Roquebrune. Schon im Februar sollte die Vermählung stattfinden.

Die Verlobte schrieb: »Du kommst doch? Du mußt kommen! Du mußt mein Glück mit eigenen Augen sehen. Mein Glück? Meine Seligkeit! Du mußt ihn kennen lernen: Ihn! Er wird Dich bewundern, in Deiner goldblonden Schönheit, mit Deiner alabasterweißen Haut, Deinen azurblauen, abgrundtiefen Strahlenaugen, Deiner Königinhaltung. Und Du, ach, und Du! Du wirst Dich sterblich in ihn verlieben. Ich schwöre Dir, nicht eifersüchtig zu sein, Dir das Glück zu gönnen, ihn unglücklich lieben zu dürfen. Denn auch das ist Glück! Und dieser Mann gehört mir! Fühlst Du, was das heißt? ... Und Du mußt kommen, um meine Ausstattung zu sehen. Sie wird die einer königlichen Prinzessin sein. Ich vergaß, wie viele junge Arbeiterinnen auf die Silbergaze meines Brautkleides Gewinde blühender Orangen sticken, Zweige blühender Orangen auf meinen Schleier, in den ich eingehüllt werden soll wie eine Himmelsbraut. Eine solche bin ich: gehe ich doch ein in den Himmel aller irdischen Seligkeit. Ich werde eine Gestalt sein wie aus einem Traumbild Maeterlincks. Maeterlinck – Ach, weißt Du noch? Erstklassige Künstler entwerfen die Zeichnungen meiner Kostüme: Morgengewänder, Mäntel, kleine und große Toiletten. Jeden Tag drängen sich zu Hause Modistinnen, Möbelhändler, Antiquare; ich weiß nicht, was alles. Wir werden hier ein kleines wonniges Gartenpalais beziehen, erbaut von irgendeinem der galanten Könige des goldenen Frankreichs für eine seiner Freundinnen. Ein Liebesnest also. Welche Erinnerungen! Meine Eltern und Verwandten sind stolz, meine Freundinnen beneiden mich: mache ich doch eine der größten Partien des Landes, und das mit noch nicht achtzehn Jahren! Ich muß also wirklich reizend sein. Wenigstens behauptet er, daß ich reizend sei. Bei meiner Vermählung werde ich Smaragden tragen, mit denen jener galante König seine Freundin hätte schmücken können. Sie sind sein Geschenk. Einer der Trauzeugen wird sein Oheim, der Fürst von Monaco sein, und die Gäste – Ich werde für Dich eine Liste der Gäste aufsetzen lassen. Du wirst staunen! ... Also, Du kommst? Du mußt kommen, schon um Deinetwillen: um Dich sterblich in ihn zu verlieben, um Dich von ihm berauschen zu lassen. Das ist das rechte Wort: er berauscht! Seine Grazie und seine Eleganz sind einzig. Du solltest ihn im Frack sehen: der moderne Paris. Da er aus dem Süden ist, so hat er eine Haut wie Goldbronze leuchtend. Dabei blaue Augen, wie – Du sie hast. Stelle Dir vor: azurblaue Augen und rabenschwarzes Haar zu dieser Haut! Und Lippen – Liebling, Deine Yvonne wird von diesen Lippen das Leben trinken ... Ich kann nicht mehr. Verzeih, wenn ich Dich über ihn zu vergessen scheine. Ich liebe Dich. Aber – Du verstehst. Von jetzt an gehöre ich ihm. Schrieb ich Dir, daß wir unsern Honigmond in Monaco verleben sollen? Im Schlosse seines Oheims, des Fürsten, im Hause der Grimaldi! Du erinnerst Dich doch? Wir werden einen ganzen Flügel des Schlosses bewohnen. Monte Carlo zu unsern Füßen. Himmlisch! Im Himmel ist schon jetzt Deine Yvonne!«

PS. Ich erzählte ihm von Dir. Ich mußte ihm Dich schildern in Deiner stolzen germanischen Schönheit, die so ganz anders ist als die meine. Du bist überhaupt so ganz anders als die Pariserinnen. Er fragte, ob Du blond seist? Von welchem Blond? Ich sagte ihm: Tizianisch blond. Er wollte mehr und mehr von Dir wissen: ob Du schon einmal verliebt warst? Wie abscheulich indiskret! Als er immer wieder von Dir sprach, tat ich entsetzlich eifersüchtig. Da lachte er. Du mußt ihn lachen hören. Solch Lachen muß ein junger Griechengott gehabt haben: Mars, als er in den Armen der Venus lag. Aber davon darfst Du nichts wissen, noch nicht! Ich drohte ihm, ich würde Dich aus Eifersucht wieder ausladen. Nun läßt er Dich bitten. Er läßt Dir sagen – Doch das verrate ich nicht. Es ist gar zu unartig gegen mich, also gar zu reizend für Dich. Ach, Liebling, er soll vor mir schon viele Frauen geliebt haben. Vielmehr viele Frauen haben ihn schon geliebt. Das ist natürlich etwas sehr andres. Aber auch das ist berauschend, von einem Mann geliebt zu werden, welcher – Du verstehst! Nein, Du verstehst nicht. Denn was weiß Deine schwanenweiße Unschuld davon? Du fragst, was ich davon wüßte? Eine Woche in Paris und – Es sind das die Geheimnisse von Paris, in die ich eingeweiht sein werde, sobald ich eine Frau bin. Ich ahne sie bereits. Es ist schrecklich, fürchterlich; ist betäubend, berauschend. Jetzt kann ich wahrhaftig nicht mehr ... Komm, Liebling, komm! Er wird Dich wundervoll finden, wird Dir zu Füßen liegen und es wird nicht eifersüchtig sein Deine glückselige kleine Yvonne.«

Scholastika las und las wieder. Darauf saß sie mit geschlossenen Augen. So blieb sie lange.

Wie in einem Kaleidoskop winzige bunte Splitter zu einem Strahlenbündel zusammenschießen und immer neue Gebilde zaubern, so geschah es ihr mit den Gestalten, die das Schreiben der glückselig Verlobten an ihrem inneren Auge vorüberziehen ließ. Sie sah die Freundin in ihrer bestrickenden Schönheit, ihrer fast überzarten Gestalt, mit ihrem reizenden Lächeln, ihrer beweglichen Anmut, ihrer siegreichen Heiterkeit.

Welche bezaubernde Braut würde sie sein in dem Gewande aus Silbergaze mit den gestickten Orangenblüten und dem feierlichen Schleier, der das liebliche Antlitz so nonnenhaft fromm umhüllte, als würde die Geschmückte einem Opfer geweiht.

Das ward sie auch: dem Opferdienst des liebenden Weibes für den geliebten Mann. Er war ein Mann, der die Frauen berauschte, der bereits von vielen Frauen geliebt worden war. Denn dieses Paris –

Doch davon wußte Scholastika nichts, trotz aller Romane, die in der vornehmen Brüsseler Bildungsanstalt unter den Zöglingen heimlich umliefen und heimlich gelesen wurden.

Zur Hochzeit sollte sie kommen. Sie sollte den Mann kennen lernen, in den sie sich sterblich verlieben würde.

Sie sich verlieben? In den Gatten der Freundin! Und diese würde nicht eifersüchtig sein –

Sein Gesicht hatte die Farbe alter Goldbronze. Dazu das schwarze Haar des Südländers. Seine Augen aber glichen den ihren. Er hatte nach der Farbe ihres Haares gefragt und wollte mehr und mehr von ihr wissen: ob sie schon einmal verliebt gewesen? Wie hätte sie das sollen? Etwa als Kind in Vetter Wolf?

Schön sollte sie sein? Niemals hatte sie darüber nachgedacht, daß sie schön sein könnte ...

Scholastika öffnete die Augen. Unter ihr lag die graue regungslose Nebelflut, vor ihr das blauumdunstete winterliche Hochgebirge. Und wie trübselig ihr Zimmer mit den dunkelgetäfelten Wänden und den altehrwürdigen Gerätschaften. Die Photographie der Freundin in silbernem Rahmen auf dem Schreibtisch war das einzig Leuchtende.

Sie betrachtete das Bild.

Reizend war sie! Schon vor ihrer Brautschaft ganz Lächeln und Glanz. Wie würde sie erst sein, wenn sie ihm gehörte.

Die alte Zenz trat ins Zimmer. Als die Wärterin der Gräfin Mutter war sie mit dieser auf den Seehof gekommen, war Wärterin des Töchterleins geworden und gegenwärtig zur Kammerfrau der jungen Dame vorgerückt. Die Zenz war alt und grau und sie war treu wie Gold. Sie sagte: »Komteßchen, der Vetter Freiherr ist unten. Ich soll dich rufen. Er bleibt zum Abendbrot. Das ist ein Herr, der Vetter Freiherr! Bei dem hat es eine Frau einmal gut! Solche liebe schöne Frau, wie du eine sein wirst. Jetzt weißt du's nur noch nicht. Aber der Tag wird kommen, an dem du es wissen wirst. An diesem Tag wirst du denken, daß deine alte Zenz recht gehabt hat, und dieser Tag soll ein gesegneter sein ... Jetzt komm nur. Du brauchst dich nicht erst schön zu machen. Für ihn bist du die Allerschönste. Die liebe Gottesmutter und die guten Heiligen mögen dich in ihren Schutz nehmen und dich behüten heute und alle Zeit... Weswegen ist mein Komteßchen heute so blaß?«

»Ich habe Kopfweh. Sage das unten. Sage, ich möchte oben bleiben.«

»Das werde ich gewiß nicht sagen. Ich weiß, warum du so blaß bist: du hast heute wieder einen Brief aus dem schlechten Frankreich bekommen. Als mir der Schorschl heute den Brief für dich gab, sagte er: ›Da ist schon wieder einer aus Frankreich!‹ Er kennt es von damals, als die Deutschen die Franzosen geschlagen haben. Und wie geschlagen! Er war in der Schlacht von Sedan und half den Kaiser Napoleon gefangen nehmen. Er kämpfte bei einem Dorf, welches ganz im Feuer stand, und sah mit eigenen Augen, wie die Franzosen verwundete Bayern in die Flammen warfen. Auch die Weiber taten mit bei dem Mordwerk. Da packte es den Schorschl, wie es den heiligen Georg gepackt hat, als er den Drachen schlug. Auch der Schorschl schlug tot, was er totschlagen konnte. Hernach ging er noch weiter ins Land Frankreich hinein, bis nach Paris. Aber die Franzosen, Männer und Weiber, haben, wo sie nur konnten, die Bayern hinterrücks erschossen. So sind die Franzosen, sagt der Schorschl. Und er sagt, nach Paris schreibt unsre Komtesse jeden Tag. Wir Bayern sind unsrer Komtesse nicht fein genug. Und so denken auf dem Seehof wir alten Leute alle, die schon deinen Großeltern gedient haben. Wir sind traurig über unser Komteßchen, weil es gar nicht mehr zu uns gehört. Einmal muß ich dir's sagen. Ich habe dich auf meinen Armen und an meinem Herzen getragen, bin also die Nächste dazu ... Jetzt bist du mir böse. Aber der Tag wird kommen, an dem du mir recht geben wirst. Und jetzt geh' ich und sage der gnädigen Frau Gräfin, du kämest gleich herunter. Denn du bist nicht nur unser schönes, sondern auch unser liebes gutes Komteßchen.«

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