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Das Haus der Grimaldi

Richard Voß: Das Haus der Grimaldi - Kapitel 27
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typefiction
authorRichard Voß
titleDas Haus der Grimaldi
publisherJ. Engelhorns Nachf. in Stuttgart
year1923
firstpub1917
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27

Und Scholastika?

War denn in dieser jungen Frauenseele so lange harter Winter gewesen, daß erst jetzt, in Sommers Mitten, der Frühling anbrach?

Auch während des Frühlings an der Azurküste war es für sie Winter gewesen und erst jetzt schmolz es in ihrem Innern, löste sich die Eisesrinde ihres erstarrten Empfindens. Erst jetzt begann es in ihrer Seele zu sprossen und zu blühen, als durch die deutschen Lande die Donner des Kriegsrufs dröhnten, die deutschen Lieder von der Meeresküste bis zu den Alpen gleich Orgelklängen brausten; als Mütter und Frauen, Bräute und heimliche Liebchen die ausziehenden Helden mit den Blumen der Heimat schmückten. Endlich erwachte auch diese Seele aus langem bangem Traum.

Die gute Gräfin erzählte beständig von anno 1870 und wie sie als Kind gleichfalls in heißen Sommertagen die ausrückenden Vaterlandshelden gesehen, die jauchzenden Vaterlandslieder gehört und im elterlichen Hause geholfen hatte, Scharpie zu zupfen. Tagelang, wochenlang Scharpie! Aus altem weichem Linnen! Scharpie! Jetzt sollte keine Scharpie mehr gezupft werden. Selbst darin war es eine neue Zeit geworden. Aber stricken konnten die deutschen Frauen. Ein wahres Wollgebirge konnten sie verstricken zu Socken und Leibbinden und zu sonst allerlei.

Scholastika ging im Dorf von Haus zu Haus, sprach zu den Daheimgebliebenen mit leuchtenden Augen und heißem Herzen. Nirgends brauchte sie aufzurichten und zu trösten. Es war ein heiliger Krieg; denn es war ein gerechter Krieg! Das wußte das deutsche Volk und glaubte daran wie an das Evangelium selbst.

Sie besuchte auch das Nachbardorf, über dem auf der Waldwiese das Haus des Vetters sich erhob, mittelalterlich düster, und dennoch – auch hier ging sie von Haus zu Haus und in jedem Hause hörte sie: »Ja, unser Herr Baron! Das ist ein Mann! Einen solchen gibt es nicht mehr! Nicht nur unser guter Herr ist er, sondern auch unser bester Freund. Wir tragen zu ihm unsern Kummer und unsre Sorgen wie zu unserm geistlichen Herrn, und wie dieser, so steht er uns bei. Daß es Krieg gibt, hat unser Herr Baron voraus gewußt. Als er mit dem vielen Geld aus Frankreich zurückkam, hat er es uns gleich gesagt. Aber wir glaubten ihm nicht. Das viele Geld hat er der Gemeinde geschenkt, für die Witwen und Waisen, wenn der große Krieg käme. Es wird bei uns jedoch keine Witwen und Waisen geben; denn unsre Männer und Buben werden es den Franzosen und Engländern, den Russen und Serben und wer sonst noch unser Feind ist, schon zeigen. Denn raufen können unsre Männer und Buben –«

Scholastika hörte zu mit einem Glanz in den Augen, daß die guten Leute sie anstarrten und nachher zueinander sagten: »Daß das Fräulein Komtesse so schön ist, haben wir nicht gewußt. Gar wunderschön ist sie! Wenn die unsre Frau Baronin würde; ja, dann –«

Scholastika ging von Haus zu Haus, als müßte sie in jedes von ihrer Liebe hineintragen. Sie sah hinauf zu dem Gemäuer, das geweiht war, weil ein guter Mensch darin lebte. Es lag eingebettet in dem Grün der Matten, umdunkelt von den Wäldern, und war so feierlich-friedlich, als gäbe es auf Erden keinen Krieg. Auch kein Unglück, keinen Jammer, keinen Tod, sondern nur etwas, das vom Himmel war. Also Eintracht, Liebe und Glück. Ihr Blick grüßte die Felder, die unter dem sorgenden Auge des Herrn bestellt worden waren und deren Frucht nun von Frauen und Kindern eingebracht wurde. Es war indes keine Arbeit, sondern ein Fest. Lerchenjubel in den Lüften, Menschengesang auf Erden, beides dem Herrn dargebracht.

Und die gute Gräfin erzählte, wie sie anno 1870 mit ihren Eltern jeden Tag zur nächsten Eisenbahnstation gefahren sei, einen mächtigen Korb mit Butterbroten und Bier, mit Zigarren und Obst im Jagdwagen. Sie erinnerte sich der Vorgänge genau. Zug auf Zug fuhr ein, jeder Zug überfüllt mit Ausrückenden, jeder Mann bekränzt wie zur Hochzeit. Mit ihren Kinderhänden hatte sie den singenden und jauchzenden Scharen ihre Gaben ausgeteilt.

So war es damals gewesen ... Und gleich in der ersten Woche Sieg auf Sieg!

Jetzt fuhr die Tochter der guten Gräfin jeden Tag hinaus zur Bahn mit mächtigen Körben. Zug auf Zug brauste heran mit singenden und jauchzenden Scharen, wie zur Hochzeit geschmückt. Sie empfingen aus den Händen des schönen Mädchens die Gaben der Liebe ...

Eines Abends erklärte der Graf: »Morgen fahre ich nach München. Ich halte es in der Einsamkeit nicht aus. Ich will mitten darunter sein; will selbst hören, ob man mich wirklich nicht brauchen kann! Man muß mich brauchen können! Auch schrieb mir heute Hanns Wolfram, er rücke in etlichen Tagen aus, direkt an die Front in die Vogesen, und ich will den prächtigen Jungen noch einmal sehen.«

Da sagte Scholastika: »Ich fahre mit dir.«

Also fuhren Vater und Tochter nach München. Sie stiegen dieses Mal nicht im Hotel Marienbad in der Barerstraße ab, wie sonst wohl, wenn die gute Gräfin in der Hauptstadt Besorgungen machte oder der Graf im Klub die alten Freunde wiedersehen wollte. Dieses Mal bezogen Vater und Tochter das palaisähnliche Haus der Grafen Puch-Puchstein in der Brienner Straße, nahe der Türkenkaserne. Kaum angekommen, sagte Scholastika: »Du suchst ihn doch gleich auf?«

»Am Abend bringe ich ihn her. Wenn es irgend geht, soll er bei uns wohnen.«

»Ich begleite dich.«

»Hast du solche Eile, deinen Vetter wiederzusehen? Ganz plötzlich solche Eile?«

»Ich habe ihm etwas zu sagen, das Eile hat.«

»Also komm.«

Soldaten – Soldaten – Soldaten! Ganz München eine einzige Soldatenstadt! Und ganz München flammende Begeisterung, gläubige Zuversicht, unerschütterlicher Siegeswille. So war es hier und so war es in jeder Stadt des großen Deutschen Reichs.

»Lieb Vaterland, darfst ruhig sein!«

In der Kaserne herrschte kriegsmäßiges Treiben und nur mit Mühe konnte der Graf seinen Neffen erfragen. Endlich kam dieser und führte die Verwandten auf sein Zimmer.

Was war aus dem Manne geworden? Nicht doch! Der Mann war derselbe geblieben, der er immer gewesen. Aber der Freiherr Hanns Wolfram von Wagging war plötzlich ein schöner Mann geworden, mit einem Ausdruck in Miene und Blick –

Der Graf sagte nach der Begrüßung: »Ich kam, um dich zu bitten, wenn du es irgend ermöglichen kannst, die letzten Tage bei uns zu wohnen. Scholastika wünschte, dich gleich zu sehen, sie hätte dir etwas zu sagen.«

»In Gegenwart meines Vaters.«

Auch jetzt war sie sehr bleich; aber ihre Augen hatten das nämliche verklärende Leuchten wie die Augen des Geliebten. In ihres Vaters Gegenwart sagte sie: »Lieber Vater, und du, Vetter Wolf – als ich in Monaco war, ging ich nicht zur Beichte, weil der rechte Priester fehlte, dem ich mein Herz hätte ausschütten und meine Schuld hätte bekennen können ... Ich bitte, unterbrecht mich nicht! Ich sagte, meine Schuld. Denn in dem Lande der Sonne und Schönheit wurden meine Sinne verwirrt, berauscht, betäubt. Es trat an mich eine Versuchung heran, von der ich heute nicht begreife, daß es eine Versuchung hatte sein können. Sie wühlte mein ganzes Inneres auf, zeigte mir wie in einer Vision Bilder des Glanzes und Glücks, entzückte und berückte mich. Ich kämpfte dagegen, wehrte mich wider den Mann, der als Versucher an mich herantrat, der mich mir selbst untreu machen wollte. Untreu machen wollte er mich auch gegen dich, Vetter Wolf.«

Der Graf wollte seine Tochter voller Entsetzen unterbrechen; doch sein Neffe hob beschwichtigend, abwehrend die Hand. Keinen Blick wandte der junge Mann von dem Mädchen, das sein Bekenntnis ablegte. Zugleich fühlte er seine Liebe so machtvoll, daß es ihm die Brust zu sprengen drohte. Es war des Glücks fast zu viel: sein Vaterland und – seine Braut!

Scholastika sprach weiter, immer noch sehr bleich; aber immer mit dem stillen Leuchten im Blick.

»Da kamst du, Vetter Wolf, und da erkannte ich denn. Es war nicht schwer zu erkennen, nur war es schwer zu verschmerzen. Ich meine, zu verschmerzen, was ich dir angetan hatte. Wußte ich doch, wie teuer ich dir war und daß du mich schon als Kind liebhattest. Um dir das in meines Vaters Gegenwart zu sagen, kam ich her. Und jetzt, lieber Vetter Wolf, ziehst du hinaus, um dem Vaterland dein Leben zu geben. Meine Gedanken begleiten dich und jeder meiner Gedanken ist für dich ein Gebet. Möge es vor dir herziehen wie ein Engel mit feurigem Schwert. Kehrst du dann zurück, ein Krieger, der ein Sieger ward; dann –«

Jetzt war es der liebe Vetter Wolf, der seines Bäschens feierliche Rede unterbrach. Er trat vor seinen Oheim und sagte: »Du hast das Bekenntnis deiner Tochter gehört. Jetzt höre auch das meine. Ich liebe deine Tochter, liebe sie so innig, wie ein Mann meiner Art das Mädchen seiner Wahl nur lieben kann. Sie gehört mir. Und da ich nicht lasse, was mir gehört, so bitte ich dich um deinen väterlichen Segen. Aber nicht als meine Braut will ich deine Tochter zurücklassen, sondern als mein Weib. Gestatte daher deinen Kindern die Kriegstrauung. Sie bitten dich. Es bittet dich auch deine Tochter. Sieh sie an! Sie wird es nicht sagen; aber –«

Aber sie sagte: »Vater, ich bitte dich!«

Kriegstrauung, Hochzeit!

Die gute Gräfin, der die große Kunde telegraphisch wurde, war viel zu erschüttert, um kommen zu können. Doch die Zenz reiste nach München; denn die Zenz mußte dabei sein; der Bräutigam und sie wußten, weshalb. Schade, daß nicht einer der Trauzeugen der Graf von Roquebrune sein konnte. Aber der Herr Graf befanden sich in Frankreich und der Herr Graf würden gewiß gleichfalls ausziehen wider die deutschen Barbaren, die er haßte, wie von allen Völkern der Erde nur ein Franzose hassen kann.

Sie wurden vermählt. Ganz München schien mit den beiden zu feiern und alle die Bekränzten schienen Zeugen ihres Glücks zu sein.

Gesang durch ganz München! Die Kriegslieder schallten von den Lippen der Ausziehenden sowohl wie von denen der Zurückbleibenden. Kein Halleluja und kein Hosianna konnte heiliger tönen.

Als die Leute von Wagging hörten, sie bekämen eine Frau Baronin und es wäre das Fräulein Komtesse vom Seehof, baten sie ihren Herrn Vorgesetzten, der Trauung beiwohnen zu dürfen. Die Bitte wurde gewährt.

Das war nun freilich keine Hochzeit, wie sie die Leute von Wagging in der Heimat gefeiert hatten, wenn ihr Herr Baron dort Hochzeit gehalten hätte. Eine recht stille Hochzeit war's; aber feierlich, als wäre der Herrgott selbst anwesend. Das Gesicht der schönen Braut war verklärt, als fiele darauf ein Strahl von der Gegenwart der Gottheit. Und wie sah der Bräutigam aus! Als wäre er schon jetzt ein Sieger.

Spät abends wurde den Neuvermählten vor dem Hause der Grafen Puch-Puchstein von der Kapelle der »Leiber« ein Ständchen gebracht, der Hochzeitsmarsch aus Lohengrin! Darauf erhob sich ein Jauchzen, als wäre die Residenzstadt München das kleine Alpendorf Wagging. Denn das ging doch nicht an, daß ihr Herr Baron Hochzeit hielt, ohne als Gutenachtgruß die Jauchzer der Wagginger »Buam« zu hören.

Auch in Wagging selbst jubelte und jauchzte, wer zurückgeblieben war. Es drang empor zu den ewigen Gipfeln über dem alten Hause des edeln Geschlechts, dessen jüngster Sohn seinem Hause heute die Hausfrau gab.

Wenige Tage nach der Hochzeit erfolgte der Ausmarsch. Der Neuvermählte begab sich aus der Brienner Straße in seine Kaserne, vor deren Tor die junge Gattin stand, zusammen mit vielen andern Frauen, darunter sich manche Kriegsgetraute befand.

Der Ausziehenden harrten Mütter und Frauen, Bräute und heimliche Liebchen. Und der Väter harrten die Kinder...

Sie kamen, die »Leiber!« Unter klingendem Spiel zogen sie aus.

Dort war er, der Geliebte, der Gatte! An seiner Seite schritt Scholastika mit dem Regiment zur Bahn. Mit dem Regiment zum Hauptbahnhof schritten die andern Jungvermählten; schritten die Mütter und Frauen, die heimlichen Liebchen und Kinder.

Auf den Straßen eine dichtgedrängte Menge. Winken, Grüßen, Tücherschwenken, Rufe, Begeisterung, Taumel, Rausch. Dazu ein leuchtender Sommertag, dazu feiertägliches Glockengeläut.

Kein Lebewohl, kein Abschied. »Aufs Wiederschauen!«

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