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Das Haus der Grimaldi

Richard Voß: Das Haus der Grimaldi - Kapitel 26
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typefiction
authorRichard Voß
titleDas Haus der Grimaldi
publisherJ. Engelhorns Nachf. in Stuttgart
year1923
firstpub1917
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26

Sommer!

Des Landmanns Arbeit in den oberbayrischen Bergen ward gesegnet. Der Acker, für den er wie ein geliebtes Kind gesorgt hatte, lohnte ihm seine Treue; die Saaten, frommen Gemütes ausgestreut, reiften der Ernte zu. So wälzte sich denn die goldene Woge über alle Höhen, füllte alle Tiefen und spendete dem Volk sein tägliches Brot.

Da geschah es, daß in einer Provinz des bundesgenössischen Kaiserreichs ein teuflisches Verbrechen begangen wurde. Österreichs Thronfolger und seine Gemahlin, die Herzogin von Hohenberg, erlagen einem Attentat, von Schandbuben ersonnen, von gedingten Meuchelmördern ausgeführt. Nicht nur in Deutschland erregte die Greueltat Abscheu, sie mußte das auch in andern Staaten erregen: in dem gewaltigen Rußland, dem stolzen England, dem ritterlichen Frankreich; in dem freien Amerika und in Italien, dem Verbündeten Österreich-Ungarns, freilich zugleich dem Vaterlande der Königsmörder und politischer Banditen. Die ganze zivilisierte Welt würde auffahren in Entsetzen und Empörung. Aber, ob Verrat und Verbrechen, blutige Greuel und gräßlicher Mord in der Welt wüteten, Mutter Erde gab ihren Söhnen den Reichtum ihres Schoßes als Lohn ihrer Arbeit. Mochten Verrat und Verbrechen, Greuel und Mord geschehen, die Saaten reiften darum doch und wurden von dem Landmann als Himmelssegen in die Scheuern geführt.

Plötzlich durchgellte das Hochamt der Erde ein Aufschrei: »Krieg! Krieg Deutschlands und Österreich-Ungarns wider Serbien und Rußland, wider Frankreich und England, wider Japan und eine ganze Welt von Feinden, von denen sich einige noch im Verborgenen hielten, so recht im Hinterhalt, um im gegebenen Augenblick sich gleichfalls auf die Angegriffenen zu stürzen, womöglich erst, wenn das Edelwild von der Meute beutegieriger Wölfe zu Tode gehetzt worden war und von der menschlichen Hyäne der Schlachtfelder der Leichenraub begangen werden konnte ...

Keine Lawinen gingen mehr von den Gipfeln zur Tiefe nieder. Dennoch rollte durch das ganze Deutsche Reich vom Meeresstrand bis zu den Felsenwällen der Alpen ein Donnerhall, des deutschen Volkes Gesang: »Deutschland, Deutschland über alles!«

Fahnen heraus!

Schwarzweißrot, Schwarz und Weiß, Blauend Weiß!

Hoch Kaiser, König und Reich! Die Herzen auf! Aus dem Herzen die Vaterlandsliebe hervorbrechend gleich einem glühenden Strom. Männer und Jünglinge griffen zu den Waffen. Ein deutscher Traum erfüllte sich: das ganze Volk in Waffen!

Nicht zum Angriff ein Volk in Waffen! Beim allwissenden, und allgerechten Gott – nicht zum Angriff, sondern zur Verteidigung von Weib und Kind, von Haus und Herd, von dem in reicher Ährenpracht blühenden Feld. Nein, nicht zum Angriff, sondern zur Verteidigung von Heimat und Vaterland.

Brause, Sturm deutscher Vaterlandsliebe!

Segne, weihe, heilige die Scharen, die herandrängen, die hinausziehen, um Weib und Kind, Haus und Herd, Heimat und Vaterland zu schützen!

Niemals war dem Deutschen die Heimat heiliger erschienen als in den ersten Augusttagen des Jahres 1914.

In dem Buch der Ewigkeit werde die Zahl verzeichnet mit dem Blut deutscher Helden.

Zugleich mit dem Glanz deutschen Ruhms. Bereits in den ersten Augusttagen kam für den Freiherrn der Befehl der Einberufung. Das war eine stolze Stunde! Zugleich mit dem Herrn mußte die gesamte dienstpflichtige Jugend von Schloß und Dorf einrücken. Auch die Landwehr. Fortan waren sie nicht mehr ihres jungen Gebieters treue Dienstleute, sondern ihres Herrn getreue Gefährten.

Von seinen Verwandten im Seehof nahm Hanns Wolfram Abschied. Der Graf empfing ihn als ein Verjüngter. Der alte Herr wollte das Menschenmögliche versuchen, um gleichfalls die Ehre zu haben, auf seine Weise dem Vaterlande zu dienen. Kein Mann mit gesunden Gliedmaßen durfte zurückbleiben. Es hatte in Deutschland Zeiten gegeben, wo Kinder und Greise kämpften: anno 1813 wider den Bonaparte und vorher unter Friedrich dem Großen. Auch damals stand das kleine Preußen wider eine Welt von Feinden.

Friedrich der Große –

Was der eine Name nannte! Eine Welt von Königsgröße ward ausgesprochen mit dem einen Namen ...

Von Scholastika nahm der Ausrückende Abschied. Auch jetzt war sie still und bleich. Aber in dem Blick, mit dem sie dem Scheidenden in die Augen sah, lag ein Glanz, der ihr ganzes Wesen durchstrahlte. Er wollte ihr die Mitteilung machen, daß der Fürst von Monaco, der bedeutende Gelehrte und edle Mensch, der Freund des Deutschen Kaisers und Patron der Spielbank – daß dieser Mann einer der ersten der Verräterhorde war, die plötzlich erstand, gleichsam über Nacht. Aber er brachte es nicht über die Lippen.

Auch von anderm, was außer dem stolzen Glück, ein Deutscher zu sein, ihm das Herz erfüllte, schwieg der Scheidende, obgleich ihr Blick die Frage an ihn zu richten schien: »Wirst du nicht sprechen? Auch nicht in dieser Abschiedsstunde? Sprechen nur das eine Wort? Es soll ja nicht ein Wort der Liebe sein, sondern nur ein Wort der Verzeihung. Fühlst du denn nicht? Ich warte darauf. Hanns Wolfram, Freund meiner Kindheit, ich warte darauf.«

Er blieb jedoch stumm. Auch der Geliebten sagte er nur, was in diesen Tagen jeder seiner Bauern den Seinen sagte: »Aufs Wiederschauen!«

Er wollte zusammen mit den Kameraden zur Station marschieren. Ihre heimatlichen Lieder singend, ihre wilden Juchzer ausstoßend, durchzogen sie das Dorf. Mütter und Frauen, Bräute und heimliche Liebchen hatten die Scheidenden über und über mit Blumen geschmückt, mit Nelken, mit blutroten! Die Daheimbleibenden weinten nicht. Nicht eine machte dem Scheidenden den Abschied schwer. Auch dann nicht, wenn es der einzige Sohn war. Und wie die Mutter, so die Frau mit dem Säugling an der Brust oder mit dem noch Ungeborenen unter dem Herzen ...

In der Dorfkirche war Hochamt. Wer drinnen keinen Platz mehr fand, blieb draußen vor der offenen Tür, zwischen den Gräbern der Eltern und Ahnen. Sommersonne ergoß ihren Glanz durch das ehrwürdige Heiligtum.

Hanns Wolfram wollte bei diesem letzten Gottesdienst in der Heimat nicht in dem freiherrlichen Chorstuhl seines Geschlechts einsam sitzen, sondern inmitten seiner Gemeinde zum Herrn der Heerscharen beten.

Als der geistliche Herr den Segen erteilt hatte und der letzte Orgelton verklungen war, als die Dorfleute das Gotteshaus verließen, welches ein Freiherr von Wagging vor vielen Jahrhunderten erbaut hatte, als jetzt auch Hanns Wolfram heraustrat – wer stand plötzlich vor ihm? Keine andre als die Zenz! Und die Zenz hatte für den Leutnant-Freiherrn einen prachtvollen »Buschen« leuchtendroter Nelken. Nun aber sind im Alpenlande rote Nelken die Blumen, die ein Mädchen seinem Schatz an den Hut steckt. Für Hanns Wolfram kamen die Blumen heimlicher Liebe vor aller Leute Augen als Abschiedsgruß von seiner Base. Freilich war es nur die Hand der Botin, die ihm die Blüten auf den Hut und vor die Brust steckte.

Sie rückten aus. Es begleitete sie der geistliche Herr und es begleiteten sie die Weiber, die Greise und Kinder. Die zukünftigen Helden sangen Heimatlieder, der Sommerhimmel der Heimat blaute über ihnen, die Berge der Heimat leuchteten mit ihren ewigen Gipfeln auf sie herab, die Wälder der Heimat rauschten ihnen Abschiedsgrüße zu, die Lerchen jubilierten und stiegen himmelan über den Feldern, auf denen die Ernte bereits begonnen hatte. Die Scheidenden aber meinten, noch niemals hätten die Lerchen so triumphierend gesungen. Es war wie Siegesgesang.

In dieser Stunde geschah es, daß Hanns Wolfram, der in seinem ganzen Leben kein noch so bescheidenes Verslein zusammengebracht, der selbst für die Geliebte keinen Reim hätte schmieden können – beim Abschied von der Heimat, auf dem Marsch mit den Kameraden, geschah es, daß seine Gedanken wider seinen Willen zu Strophen wurden, die Strophen zum Liede sich formten.

So sang er denn mit seiner jungen hellen Stimme in die wunderschöne Welt hinaus über die Vaterlandserde hinweg:

Nun wollen wir Deutsche den Acker pflügen,
Daß alle Schädlinge elend erliegen;
Und dient auch den Deutschen das Schwert als Pflug –
Wir pflügen den Acker, das ist uns genug!

Nun wollen wir Deutsche das Feld bestellen.
Daß daran die Heere des Feindes zerschellen;
Und sind auch die Saaten deutsches Blut,
So sind sie doch Deutschlands heiligstes Gut!

Schon schießen die Ähren zu mächtigen Dolden.
Und reift auch die Ernte nicht leuchtend und golden,
War nie sie solch köstliches Eigentum:
Die deutsche Ehre, der deutsche Ruhm!

Und ist auch der Schnitter Allmeister Tod –
Gleich einem König ihn Purpur umloht.
Auch er ward von Gottes Gnaden gesandt.
Drum Heil dir, mein Deutschland, mein Vaterland!

Hört, wie die Leichen jubeln und singen.
Hört ihren Sang zum Himmel aufdringen.
Sie künden dem Herrgott: »Aus ist der Krieg!«
Sie künden dem Volke: »Frieden und Sieg!«

Gesegnet sei, Land; sei, Scholle, geweiht.
Es entsprießt dir die neue, die herrliche Zeit!
Und bringt sie auch Nöte und ist sie auch hart –
In himmlischen Gluten geschmiedet sie ward!

Und fragt ihr, was für ein Feuer das sei?
So ruft unsre toten Helden herbei.
Sie haben Deutschlands Größe geschweißt
In Lohe – Vaterlandsliebe sie heißt.

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